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Erfahrungsbericht von modschegibbchen

ich bin ein Tierheimmädchen - gestatten: Fräulein Petra Müller

Pro:

Wir hatten ungemeines Glück, sie gefunden zu haben.

Kontra:

... viele warten noch auf dieses Glück!

Empfehlung:

Ja

Hallo,

heute mal keine Produktbeschreibung, sondern ein Bericht über meinen Hund. Wenn man so will, dann stimmt die Bezeichnung „Erfahrungsbericht“ schon, denn der Bericht erzählt ja über die Erfahrungen, die wir mit dem Tier gemacht haben.

Unser Hund ist ein Weibchen, ein Hundemädchen und heißt – jetzt lacht bitte nicht – Petra. Aber sie heißt nicht einfach nur „Petra“, sie heißt vollständig und komplett „Fräulein Petra Müller“, Petra ist sozusagen ihr Rufname. Auf Petra hörte sie ja schon, auf "Fräulein Müller" später auch. Der Name kam dann nur, wenn sie wieder einmal machte, was sie wollte. Aber es ist eigentlich egal, wie wir sie rufen, ob nun „Petra“ oder „Fräulein Müller“ – wir haben die Lacher auf unserer Seite. Wie oft haben sich Menschen auf der Straße, im Park – ja selbst beim Tierarzt – fasst schief gelacht, als unser Hund von uns gerufen wurde. Seltsam, sehr seltsam. Noch besser ist, wenn nan sieht, wer sich alles angesprochen fühlt, wenn wir unsere Maus rufen. Köstlich!

Gut für „Fräulein Müller“ übernehme ich die Verantwortung, weil ich schon immer ein Tier haben wollte, dass so heißt. Fand ich klasse, meiner Kollegin ihre Schildkröte ist der „Herr Brösel“. das ist mindestens genauso köstlich; nur hat die nicht den Spass beim Gassi-Gehen. Aber für „Petra“ kann ich so rein gar nichts. Den Namen hat sie mitgebracht. Woher?

Dort wo alle kreativen Tiernamen wie Kurt, Gerd, Marianne oder Erna herkommen: aus dem Tierheim. Gut ich geb zu, als jemand neben mir im Wald sein „Mariejanche“ (ist hessisch und gemeint ist „Marianne“) gerufen hatte, bin ich auch bald umgefallen vor lachen. Zumal dann als ich´s „Mariejanche“ gesehen hatte. „Mariejanche“ war nämlich ein Stafford-Terrier, nackig und ohne Locken, aber mit O-Beinen. Guckt mindestens genauso treudoof wie Petra. Den Blick, sag ich euch, haben sie alle drauf!!!

Also, unser Fräulein Petra Müller kommt aus dem Tierheim. Aber wie kam sie zu uns?

Es war im Sommer 1997, ich hatte ziemlich viel Arbeit und bekam im Sommer keinen Urlaub, aber meine Tochter hatte Ferien. Ich wollte sie damals in ein Ferienlager schicken und sagte es ihr auch, damit sie mit aussuchen kann, wohin sie fährt. Beatrice hatte zwar Verständnis dafür, dass ich keinen Urlaub bekam, aber ins Ferienlager wollte sie nicht und sagte: „Mutsch, ich möchte viel lieber einen Hund aus dem Tierheim. Die haben im Radio gesagt, dass sie keinen Platz mehr haben, weil die Leute alle ohne Tiere in den Urlaub fahren. Kann ich nicht lieber einen Hund haben?“

Gut, die Meldung im Radio hatte ich während ich ins Büro fuhr auch gehört und hatte mir gedacht, wenn wir schon immer am Wochenende ins Grüne fahren, dann könnten wir ja eine Art Patenschaft abschließen und uns immer am Wochenende einen Hund holen, den wir dann mit ins Grüne nehmen. Ich erzählte Beatrice von dieser Idee und dass ich die viel besser fand, weil sie nach den Ferien wieder in die Schule musste und ich auch den ganzen Tag auf Arbeit war. Sie meinte, dass wäre auch ganz nett und ich versprach ihr, dass wir uns am Wochenende die Tiere im Tierheim mal angucken gehen würden.

Am Wochenende war es dann so weit. Wir wollten auf dem Weg zu IKEA mal eben nur mal „gucken“ gehen und fuhren also hin ins Tierheim. Ich hab mir ja vorher gedacht, dass es dort nicht so gemütlich ist wie im Mädchenpensionat, aber was ich dort sah, dass habe ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Schlagartig fiel mir auch wieder das erbärmliche Hundebellen ein, dass wir als Kinder immer im Freibad nebenan gehört hatten...
Bea und ich kamen also zum Tierheim, eine ältere Frau ließ uns rein und schickte uns zu den Zwingern hinterm Haus. Vielfaches Elend auf engsten Raum und jedes Häufchen Unglück rief „Nehmt mich mit“. Die Käfige mit den Hunden waren in einer Art Carré gebaut und da führte ein Weg drum herum. Den Aufruf im Radio hatten noch mehr Menschen gehört und es war ganz schön was los.
Ich bin ja eigentlich losmarschiert und hatte die Vorstellung einen Dackel auszusuchen. Bea fand zwar Dackel blöd, aber sie wollte mich wohl nicht in irgendeiner weise verärgern und sagte nichts weiter dazu. Unter dem Motto, wenn wir einen besonders niedlichen finden, dann ist der Mama auch egal, welche Rasse es ist. Hat ja später auch geklappt...
Wir also mit vielen anderen Menschen um die Käfige und wir mussten feststellen, die Hunde waren alle sehr groß – Schäferhundgröße aufwärts. Unser Hund sollte ja ein Dackel sein (spätestens seit Kommissar Rex, kennt man die Unterscheide zwischen Dackel und Schäferhundi), also auch nicht so riesig groß. Dann hatten wir uns einen ausgeguckt, marschierten ins Büro. Schock Nummer 2: Dort saß eine Drohne vor dem Herrn, die Leiterin des Tierheims, und bellte uns an, dass das nicht ginge, weil der Hund schon „vergeben“ sei. Gleichzeitig fragte sie uns, ob wir schon einmal einen Hund hätten. Nein, hatten wir bis dato nicht, nur 6 Goldhamster. Von da an waren wir für die Lady keine geeigneten zukünftigen Hundebesitzer und unsere Idee der Tierpatenschaft, die gefiel ihr ja so gar nicht... Als ich meiner Tochter ihre großen, dunklen und traurigen Augen sah, fragte ich nochmals tapfer nach einen kleineren bis mittelgroßen Hund (merkt ihr was? Ich war kompromissbereit). Die Drohne verneinte das und ich sagte tapfer, wieso sie den im Radio diesen Aufruf gestartet haben, wenn sie gar keine Tiere abgeben wollten, denn ich hatte den Eindruck, dass sie sich wirklich von keinem Tier trennen wollte. Damit war das Kriegsbeil ausgegraben und ich dachte über die Kriegsbemalung nach. Aber statt in den Kampf zu ziehen, in der Schlacht hätte es keine Gefangenen gegeben, so wie ich dann drauf war, sagte ich zu meiner Tochter, komm´ da fahren wir eben in ein anderes Tierheim, wenn die hier nichts für uns haben. Da meinte dann plötzlich die Frau, die uns eingelassen hatte, „Na ja, wir haben doch da oben noch die Petra, die immer keiner will.“. Die Ohren meiner Tochter gingen auf halb Acht und ich sagte, dann zeigen sie uns doch mal die Petra... Ich weiß bis heute nicht, weswegen niemand unser Herzchen gewollt hatte.

Wenn Blicke töten können, dann wäre nicht nur ich, sondern meine Tochter und die ältere Dame gleich mit umgefallen. Aber die Frau holte dann die Petra. Die Tür ging auf und herein kam sie dann: DIE PETRA!!! Meine Tochter und Petra sahen sich und einer hing dem anderen am Hals. Säuerlich meinte dann die Drohne vom Dienst, wir sollten doch mal mit der Petra eine viertel Stunde spazieren gehen, weil dann schloss das Tierheim, um zu sehen, wie wir Hamsterbesitzer denn nun mit der PETRA klar kämen. Sah ich da Hoffnung allerseits aufkeimen - beim Kind (dass es doch an diesem Tag noch was mit dem Hund wird) und bei der Dame des Hauses (weil die dachte, das schaffen die im Leben nicht). Man überließ uns leihweise eine Leine und wir liefen los.
Wir die Leine und den Hund geschnappt und dann ging es los.Wenn ich heute ehrlich bin, sind nicht wir mit Petra Gassi- gegangen, sondern Petra mit uns. Vor der Tierheimtür blühte „unser“ Hund auf. Er lief vorwitzig vor uns her, brachte ganz viel Abstand zwischen uns und sich – die Leine ließ das zu – und blieb dann stehen, guckte keck zurück, ob wir denn auch kommen, und wenn wir langsam näher kamen, lief Petra weiter. Immer wieder das gleiche Spiel: Petra vorneweg, wir treudoof hinterher. Aber wir kamen klar. Bea meinte, och die nehmen wir! Und ich noch halblaut, aber nur am Wochenende.
Die Rechnung hatte ich aber ohne Fräulein Müller gemacht: Als wir dann wieder Richtung Tierheim gingen war Petra schon gar nicht mehr keck und flott. Genau vor dem Tor des Tierheims ließ sich Petra auf den Boden fallen, legte sich hin und verwuchs augenblicklich mit dem Erdreich. Dazu präsentierte sie einen Blick wie „Da geh ich nicht wieder rein!“. Konnte man es ihr verübeln. Sie hat ihre Chance glasklar erkannt und war bereit, sie auch zu nutzen. Ich sagte dann zu meiner Tochter, die nehmen wir jetzt ganz mit. Jedes Wochenende dieses Schauspiel, das pack ich nicht. Kam hab ich es gesagt, blitzen mich ein freudestrahlendes Kind und ein cleverer Hund an. Letzterer wedelte freudig erregt mit dem Schwanz. Ich bin dann rein ins Tierheim und es war mir ein innerer Vorbeimarsch, der alten Zicke zu sagen, dass wir Petra sofort mitnehmen. Der blieb die Gusch fasst offen stehen. Eine Kaffeekanne für Hochkant hätte man bequem reinschieben können, ich schwör´s.
Bevor sie diskutieren konnte, sagte ich ihr, sie solle schnellstens alles fertig machen, damit wir endlich gehen konnten. Die Frau war mir zu tiefst zu wider. Residierte in diesem runtergekommenen Tierheim wie eine Patriarchin ohne Thron und bildete sich ein, sie müsse wie zu Cesar´s Zeiten den Daumen nur nach oben oder unten halten und ihr Wille wird Gesetz. Ihre Mitarbeiter glaubten das wahrscheinlich auch, denn die kuschten ja ganz gründlich vor ihr... War mir alles egal, wir hatten Petra!!!! Die gaben wir nicht mehr her!!!!
Gut, die Rache des „kleinen Mannes“, den Beschiss, hat sie dann noch exerziert, aber das war uns der Hund wert. Sie zockte für Petra, wie ich später erfuhr, die doppelte Summe ab – 400 DM - und meinte dann auch noch, dass Petra ein „Schnäppchen“ gewesen wäre. Großzügigkeit kennt keine Grenzen, die Tierheim-Leine war dann ein Geschenk des Hauses.
Petra musste dann doch noch einmal kurz mit rein, weil die Dame sie sich noch einmal ganz genau ansehen wollte. Das war allerdings ein Problem, denn wir hätten sie beinah nur mit Erdaushub noch einmal da rein gebracht. Sie hat sich gewehrt wie ein Löwe. Immerhin war sie schon zweimal im Tierheim, die hatte die Nase echt voll!

Wir habe es dann doch geschafft und haben Petra mit nach Hause genommen. Ihr erster Ausflug war dann aber erst einmal zu IKEA, dort durfte sie sich zwischen Billy, Holmsund & Co. ihren Hundekorb aussuchen und an der Hundetankstelle ihr erstes Wasser in Freiheit saufen.

Abschließend noch folgendes, Petra wurde uns als Foxterriermix verkauft und Vorfahren dieser Rasse standen sicherlich mal in der Ahnentafel daneben. Ansonsten ist Petra-Maus der liebste und - natürlich - schönste Hund der Welt. Damals war sie 3 bis 4, heute ist sie 10 bis 11. Darüber amüsieren sich die Leute komischerweise auch ständig. Aber ich sage immer, Ordnung muss sein. 10 oder 11 kann schließlich jeder werden, aber 10 bis 11 das hat was, oder?

Wie es weiter geht und was wir in den 8 Jahren alles mit ihr erlebt haben, wenn ihr wollt, verrate ich euch später immer mal wieder ein bisschen mehr.... WOLLT IHR MEHR VON FRÄULEIN MÜLLER WISSEN? Dann schreibt mir!

Das war´s für´s erste von unserm Fräulein Müller, Fräulein Petra Müller!!!


Wer Fotos von der Petra sehen will, der findet sie in meinen Berichten bei Ciao. Und wer wissen will, wie Petra ihren Auszug aus dem Tierheim erlebt hat, der kann sich den nächsten Bericht zu Gemüte führen.

Ich jedenfalls wünsche euch einen schönen Abend und hoffe, dass ihr viel Freude mit diesem Bericht hattet.

das
Modschegibbchen

P.S.: Die volle Sternchenzahl vergebe ich, weil ich finde, man sollte bevor man sich ein Tier anschafft, genau überlegen, ob man das auch will - für Jahre. Und wenn mna sich mal entschlossen hat, sollte man doch einen Blick in die vollen Tierheime werfen. Die Tiere, die dort warten, werden es ihr kleines Leben lang ihren neuen Frauchen oder Herrchen danken!!! Ich sage immer, Tiere freuen sich so ehrlich, und sie vertrauen uns, dass wir es gut mit ihnen meinen. Enttäuschen wir dieses Vertrauen niemals, die kleinen Wesen haben es sich verdient, dass wir sie lieben und für sie sorgen. Tschüss!

24 Bewertungen, 4 Kommentare

  • redwomen

    22.09.2005, 13:45 Uhr von redwomen
    Bewertung: sehr hilfreich

    wenn ich könnte wie ich wollte, würde ich alle Tiere aus solchen Heimen holen. -aber ich selbst habe mal mit so einem sog. Tierheim sehr, sehr schlechte Erfahrung gemacht. Wenn du Lust hast lies dazu auch meinen Bericht.- LG Maria

  • April

    07.06.2005, 17:55 Uhr von April
    Bewertung: sehr hilfreich

    Name ist einfach genial! LG April

  • biancac

    03.03.2005, 12:34 Uhr von biancac
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich kann dir nur zustimmen,das Tiere einen das immer danken,ich habe vor 6 Jahren 2 Katzen aus unserem Tierheim geholt. Unser Kater wurde wohl als einziger lebendes Junge neben seiner toten Mutter gefunden,und unsere Katze war wohl wie man mir sagte eine

  • kruemel02

    26.02.2005, 09:05 Uhr von kruemel02
    Bewertung: sehr hilfreich

    hier wieder ein sehr schöner Bericht. Ich kann dir voll zustimmen. Ich habe lange im Tierheim geholfen, meist das komplette WE, bis ich umzog. Die kleinen haben es echt verdient. LG Oli