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Erfahrungsbericht von sugips

Was weinst du mitleidvolles Herz... Tod

Pro:

ein ausgefülltes Leben

Kontra:

Sie ist nur mehr im Herzen bei mir

Empfehlung:

Nein

Es ist die falsche Kategorie, aber ich muß es mir vom Herzen schreiben und es gibt sonst auch nicht annähernd die richtige"

Was weinst du, mitleidvolles Herz
Schau von dem Grabe himmelwärts
Dort glänzet schon nach Schmerz und Noth
des bessren Lebens Morgenroth.

Diesen Vers - eine altjüdische Grabinschrift - habe ich der Todesanzeige meiner Mutter vorangestellt. Sie ist am 9. Oktober 2001, um 16.50 Uhr, plötzlich verstorben. Sie war im 75. Lebensjahr.

Der Hergang:
Am Samstag davor hat sie noch Zwetschkenkuchen gebacken, ihre Enkel eingeladen und war fröhlich und fast ausgelassen. Am Sonntag klagte sie mittags über Brustschmerzen und Atemnot. Die Rettung brachte sie ins Spital. Dort die erste Erleichterung: sie sei knapp aber doch einem Herzinfarkt entgangen. Die Rettung wäre schnell genug gewesen.

Am Montag "zur Sicherheit" eine Angiographie, ein Katheter ins Herz und die Gefäße, um genauer zu sehen, was eigentlich los ist oder gewesen sei. Die Nachricht: drei Herzkranzgefäße seien nahezu gänzlich verstopft, eine Bypass-Operation wäre notwendig. Am abend habe ich sie noch besucht, sie bekam Infusionen, war aber lebendig, lustig, interessierte sich für mich, meine Kinder und meinen Hund und das Leben aller ihrer Lieben. Ich nahm fast erleichtert Abschied. Am Dienstag morgen fanden wir ein Chirugie-bett in Wien, eine sofortige Operation war also möglich, der Transport wurde bestellt.

Um zwölf, nach einer Ultraschalluntersuchung, die Nachricht, sie sei derzeit nicht transportfähig. Mein Vater und meine Schwester waren bei ihr, konnten sich problemlos mit ihr unterhalten, Operation und genesung schien nur eine Frage der Zeit. Sogar das Rehabilitationszentrum war schon ausgesucht. Um 14 Uhr die Nachricht, es ginge ihr sehr schlecht, sie würde intubiert und künstlich beatmet und ernährt. Um 15 uhr benachrichtige mich mein Vater in Wien, sehr schlecht, komm doch bitte schnell.

ich raste nach Wiener Neustadt, dort lag sie im Spital: Inztensivstation. Entsetzte Schwester, entsetzter Vater, meine Mutter hatte gerade die Krankensalbung bekommen. Der erste Anblick: sechs Infusionen mit Medikamenten, künstlicher Tiefschlaf, beatmung, sechs Infusionen mit Vitaminen, Stärkungsstoffen und dergleichen. Blutdruck 39/27.

Wir hielten abwechselnd ihre kalten Hände, redeten ihr gut zu, nahmen im Stillen Abschied. Noch einmal stiegen der Blutdruck, Herzfrequenz und Blutdruck. Dann nahmen sie in minütlichen Abstand ab - 37/25, 35/23 ... die Lippen wurden bläulich, violett, 18/11, 16/9, das herz setzte aus, setzte ein, fünf gerade Linien, ein Arzt: sie war gestorben.

Eine Welt stürzte ein. war erst alles, wie in einem Film, wahrscheinlich ein natürlicher Schutzmechanismus, wurde uns schlagartig die Tatsache bewußt: ein heißgeliebter Mensch war nicht mehr. Natürlich im Herzen, in Gedanken, in Gefühlen, aber nicht mehr greifbar, nicht mehr ...

Nun müssen wir noch 14 Tage auf das Begräbnis warten, es lebe die Bürokratie und versuchen uns zu beschäftigen, ich als Schreibender u.a. durch diesen Bericht.

Meine Mutter:
1926 geboren, in eine sozialistisch, jüdische Familie, Großeltern Volljuden, Mutter bald konfessionslos, die Zeiten waren ja nicht gerade judenfreundlich und revolutionär schon gar nicht. meine Mutter wurde auch 1938 getauft. DAS Erbe konnte sie nie verleugnen. 1940 mußte sie, von der Schule nach hause kommend, sehen, daß ihre Großeltern in einen LKW geschleppt wurden: sie sollte sie nicht mehr wiedersehen. In Birkenwald verschollen hieß die offizielle Nachricht, vergast die reale, schreckliche. Es sollten noch viele kommen.

Sie war gelernte Friseurin, hatte kohlschwarzes haar, eine Taille mit zwei Händen zu umfassen, sie war eine wunderschöne Frau, lustig, lebenslustig, sie bewies, dass es nicht zu unrecht Mutterwitz heißt. Ihr legendärer Ausspruch. "Fernsehübertragung 1968. Fußball WM Endspiel Mexiko. Kommentator"Derzeit schauen 1 Milliarde Menschen zu.' Mutter kommt zur Tür herein, hört den letzten Satz und "Was ein so großes Stadium gibt es.'".

1950 hat sie meinen Vater geheiratet, sie kannten sich fast 54 Jahre und waren fast 52 verheiratet (im Jänner wäre es so weit gewesen). Ich liebte mit ihr zu Mittag zu kuscheln - Popschi an Popschi hieß das damals, ihre stets ein wenig kühlen Oberarme, an denen ich oft meine heiße Stirn kühlte; ich schätze ihren Rat, ihre menschliche Wärme.

Sie bleibt immer bei mir

18 Bewertungen, 2 Kommentare

  • Gabri

    22.05.2002, 01:05 Uhr von Gabri
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein recht informativer Bericht ! Weiter so .. Gabri

  • Alusru

    16.05.2002, 17:07 Uhr von Alusru
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein sehr schöner Bericht, und du hast sie wirklich geliebt das ist einfach wunderbar wie du über sie schreibst.Meine Mutter lebt noch sie ist 84 und hat auch viel mitgemacht, ähnlich wie deine.Sie sagt immer:Und jetzt erst recht, ganz lieben