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Erfahrungsbericht von Kikakeks

Workcamp Sachsenhausen: Unglückliche Zwischenfälle oder trauriger Alltag

Pro:

Kennenlernen vieler junger Leute aus ganz verschiedenen Ländern, Kennenlernen anderer Sitten und Bräuche

Kontra:

Ärger mit den Anwohner, Fremdenfeindliche Drohungen

Empfehlung:

Nein

Gedanken zum Workcamp 1998 in Sachsenhausen

»Hey Nigger, wir kriegen dich!« - Gegröle aus vorbeifahrenden Autos, genervte Blicke der Bewohner und sprunghaftes Vermehren von kahlköpfigen Jugendlichen am Badesee - davon ahnte ich noch nichts, als ich mich im April 1998 für das Workcamp Sachsenhausen bewarb. Riesig war meine Freude, als ich die Zusage in den Händen hielt.

Endlich war er da, der 08.08. 1998. Ich staunte nicht schlecht über die Vielzahl der Länder, die vertreten waren: 26 Teilnehmer aus 13 Ländern (Türkei, Lettland, Algerien, Österreich, Kamerun, Polen, Kongo, Afghanistan, Palästina, Weißrußland, Litauen, Norwegen und Deutschland). Langeweile gab es nie; dies verdanken wir vor allem unserer Betreuerin Sigrid Müller, die wir alle liebevoll »Big Mama« nannten. Toleranz, Offenheit, Teamgeist und Neugier waren für uns alle von großer Bedeutung, und so entwickelte sich ganz schnell eine nette zuverlässige Workcamp-Familie.

Der Grund für meine Teilnahme am Workcamp war nicht nur das Kennenlernen von neuen Freunden, sondern auch die Arbeit. Ich wollte in meinen Sommerferien nicht nur »auf der faulen Haut liegen«, nein, ich wollte viel lieber etwas anpacken; etwas schaffen. Ich denke, für alle Teilnehmer wurde das Camp eine Herausforderung: der Versuch des gegenseitigen Kennenlernens und die Auseinandersetzung mit unserer Arbeit.

Unsere Arbeitsstelle war die Villa Eicke, eine ehemalige Kommandantenvilla des SS-Führers Theodor Eicke nahe der Gedenkstätte Sachsenhausen. Diese Villa wird nun zu einer Begegnungsstätte hergerichtet. Unsere Arbeit war sehr vielfältig: So befreiten wir z.B. Mauern von Unkraut, luden Äste und Schutt auf Container und setzten Zäune instand. Diese Arbeiten ließen sich gemeinsam leicht bewältigen. Bei weitem schwieriger war das Ausbuddeln von Betonpfeilern, an denen teilweise noch Stacheldraht hing, weil diese oft mehr als einen halben Meter tief im Boden verankert waren. Aber die Kochkünste vieler TeilnehmerInnen brachte uns alle schnell wieder zu Kräften.

Dank der Nationalitätenvielfalt führten wir zu den einzelnen Ländern Themenabende durch. Es wurde landestypisch gekocht, gespielt und viel getanzt. Und so vergaßen wir (nur) für kurze Zeit das, was uns so ärgerlich und wütend machte: Von unserer Unterkunft bis zur Arbeitsstelle brauchten wir gut 20 Minuten mit dem Fahrrad; mitten durch die Stadt Oranienburg. So fuhren wir in einer langen Schlange und hielten uns (aus meiner Sicht) an alle Verkehrsregeln. Doch einigen Oranienburgern waren wir wohl dennoch ein Dorn im Auge und wir ernteten böse Blicke und wurden auch beschimpft, von Passanten und aus vorbeifahrenden Autos heraus. »Hey Nigger, wir kriegen dich!« war noch einer der harmlosen Sprüche, die wir zu hören bekamen. Doch was wir erst nur als unglücklichen Zwischenfall ansahen, wurde für uns schnell zur traurigen Alltäglichkeit. Fassungslosigkeit machte sich breit. An (fast) jeder Straßenecke bekamen wir diese rechte Ideologie zu spüren. Mal mit Bierdosen und Schäferhunden im Stadtpark, mal in Springerstiefeln und Bomberjacke (bei 30 Grad) am Germendorfer See. Ich frage mich noch oft, wie kann das möglich sein, an einem Ort so nahe an einem ehemaligen KZ? Haben diese Menschen nichts dazugelernt?

Neben einem Zeitzeugengespräch, einer Berlin-Stadtrundfahrt und zahlreichen interessanten Exkursionen standen auch Ministerbesuche an. Ob es am eigenen Interesse oder am Wahljahr 1998 lag, sei jetzt mal dahingestellt. Zuerst besuchte uns die brandenburgische Ministerin für Soziales, Regine Hildebrandt, und einige ihrer MitarbeiterInnen. Nach einer reichlich peinlichen Vorstellungszeremonie (»Wie heißen Sie? Wie lange sind Sie schon in Deutschland? Sprechen Sie überhaupt deutsch?«) wurden wir nach unseren Oranienburg-Eindrücken gefragt. Streß aufgrund der Verkehrssituation und »die etwas mürrische Eigenart der Brandenburger« sollten als Entschuldigung für die zahlreichen Beschimpfungen während unserer Radfahrten dienen. Frau Hildebrandt riet uns, nach einem Zwischenfall am Germendorfer See, wo sich innerhalb einer halben Stunde eine Skinhead-Truppe von fünf auf 30 Personen vermehrte, das gemeinsame Gespräch bzw. den gemeinsamen Sport zu suchen und mit ihnen einen Grillabend zu veranstalten. Unserer Meinung nach würde daraus wohl eher ein Nazi-Aufmarsch werden, aber damit stießen wir bei Frau Ministerin auf so gut wie kein Verständnis.

Bei unserem Gesprächskreis am Abend beschlossen wir, uns auf den nächsten Ministerbesuch besser vorzubereiten. Minister Ziel (Minister für Inneres) sagte seinen Besuch kurzerhand ab; ein Polizist war von einem rechtsextremen Jugendlichen zusammengeschlagen worden und mußte natürlich besucht werden. Aber was ist mit all den anderen Menschen, die tagtäglich Opfer rechter Gewalt werden?

Als Brandenburgs Justizminister Hans-Otto Bräutigam kam, waren wir vorbereitet. Es gab eine Workcamp-Pressestelle, die sich um den prominenten Besuch kümmerte. Alle anderen TeilnehmerInnen verrichteten weiterhin ihre Arbeiten. Alles, was wir zu sagen hatten, konnten Presse und Politik lesen: auf Transparenten und Flugblättern.

Unsere Arbeiten an der Villa Eicke verrichteten wir innerhalb weniger Tage, und so blieb uns noch eine Menge Zeit für unseren Workshop. Für alle TeilnehmerInnen stand schnell fest: Wir bauen einen »New man, free man«. Wir teilten uns in sieben kleine Gruppen auf und jede bekam die Aufgabe, einen bestimmten Körperteil herzustellen. Unsere Materialien waren sehr vielseitig: Aus Autoreifen formten wir den Körper, als Hals diente ein alter Lampenschirm und das rechte Knie bildete eine als Welt bemalte Lampe. Über das Ergebnis, eine über zwei Meter große Figur, die wir an der Villa aufstellten, waren (und sind) wir alle sehr glücklich. Ein weiterer Bestandteil unseres Workshops war das Theaterstück »Freiheit« und natürlich führten wir auch eine große Abschlußparty durch.

Zum Schluß kann ich nur sagen, daß diese zwei Wochen viel zu schnell vergangen sind. Sie haben mir eine Menge gegeben: neue Freunde, mit denen ich mich hin und wieder treffe, die Bestätigung, ein Zeichen für Frieden und Versöhnung gesetzt zu haben, und sie halfen mir, mich für die Bewerbung zu einem 18-monatigen Friedensdienst zu entscheiden.

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