Wolfgang Hohlbein Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
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Erfahrungsbericht von LeaofRafiki
Ich hab mich verliebt
Pro:
ein zauberhaftes Buch voller skuriler Gestalten
Kontra:
leider ist es irgendwann einmal zuende
Empfehlung:
Nein
in Bröckchen. \"Das Wesen, das an seinem Zeh geknabbert hatte, war nur so groß wie eine Katze, aber nicht annähernd so niedlich. Genauer gesagt, es war die häßlichste Kreatur, die Kim jemals zu Gesicht bekommen hatte: klein und rauh und von einer undefinierbaren Farbe, die irgendwo zwischen Schleimgrün und Matschbraun schwankte. Obwohl seinKörper dort, wo er nicht aus Stacheln und Widerhaken und rasiermesserscharfen Krallen bestand, über und über mit Schuppen bedeckt war, schimmerte er feucht und klebrig, und der Gestank, den das Wesen verbreitete, nahm einem schier den Atem. Seine übergroßen Triefaugen musterten Kim tückisch. Und aus dem offenstehenden Maul, in dem eine Reihe kleiner, aber nadelspitzer Zähne blinkte, tropfte der Speichel bis auf den Boden. Es musterte Kim von oben bis unten - mit einem Blick, als überlegte es, wo es zuerst hineinbeißen sollte.
(..)
\"Hunger!\" sagte das Tier.
Kim riß die Augen auf. \"Wie?\"
\"Hunger\",wiederholte das Mini-Monster. \"Du bist so groß - und ich hab einen großen Hunger.\"
Kim schluckte, starrte auf das stachelige Wesen zu seinen Füßen herab und dann auf seinen Zeigefinger. Die winzigen Zähne des Biestes hatten eine doppelte Reihe nadelspitzer, blutender Pünktchen in seiner Haut hinterlassen. Und die Wunden brannten, als hätte man Salz hineingerieben.
\"Nur ein Stück!\" bettelte das Tier. Es schniefte hörbar, sagte noch einmal mit weinerlicher Stimme: \"Hunger!\", während sich seine Augen tatsächlich mit Tränen füllten.
\"Mich kann man nicht essen\", erklärte Kim hastig und schob seinen blutenden Finger in den Mund. \"Ich schmecke scheußlich!\"
\"Du lügst\", behauptete das Nadelkissen-Tier.
\"Ach?\" fragte Kim lauernd. \"Wieso?\"
\"Du ißt dich doch selbst!\"
Kim blinzelte, nahm verblüfft den Finger aus dem Mund und mußte plötzlich lachen. Das Tier fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und kroch wieder ein Stückchen näher, wobei es Kims rechtes Hosenbein vom Knie bis zur Tasche voll sabberte.
\"He!\" protestierte Kim. \"Paß doch auf, was du da tust!\" Er versuchte das Wesen zur Seite zu schieben, zog die Hand aber im letzten Moment wieder zurück, als er es in seinen Augen gierig aufblitzen sah.
\"Jetzt hör mir mal zu\", begann er. \"Ich hab was dagegen, aufgegessen zu werden, kapiert?\"
\"Nicht ganz aufessen\", versicherte Klein-Ekel. \"Nur ein Stück. Ein ganz kleines.\" Seine Augen erinnerten plötzlich an die eines hilflosen Rehkitzes, das einen Menschen um ein Stück Zucker anbettelt. \"Nur einen Finger\", bettelte es, \"oder einen halben?\"
\"Nein!\" rief Kim, der sich zwischen Lachen und Zorn hin und her gerissen fühlte. \"Nicht einmal einen Viertel! Nicht einmal den Fingernagel, ist das klar?\"
(..)
\"Dann vielleicht einen Zeh?\" fragte das Tierchen hoffnungsvoll. Kim wollte wütend werden - aber wieder konnte er nicht anders: er platzte einfach heraus und begann schallend zu lachen, bis er keine Luft mehr bekam. Noch immer kichernd und glucksend ließ er sich vor dem Tierchen in die Hocke sinken und betrachtete es kopfschüttelnd, während er sich mit der linken Hand die Tränen aus den Augen wischte.
(..)
\"Wie soll ich dich nennen?\" Das kleine Stacheltier blickte ihn verstört an und Kim begriff. \"Okay, okay\", sagte er hastig. Ich denk mir einen [Namen] aus.\" Plötzlich grinste er über das ganze Gesicht. \"Du bist häßlich wie die Nacht, weißt du das eigentlich? Ich denke, ich werde dich Bröckchen nennen.\"
\"Bröckchen?\"
\"Das ist die Koseform von Kotzbrocken. Paßt irgendwie zu dir. Einverstanden?\" antwortete Kim kichernd.
Das Tier überlegte kurz, nickte dann und kroch eifrig mit kleinen trippelnden Schritten über Kims Füße hinweg, wobei es seineTurnschuhe bis zu den Knöcheln mit grünem Schleim vollschmierte.\" (S.391-396)
In dieser ersten Begegnung zwischen Kim und Bröckchen gibt es doch wahrlich eine liebreizende Gestalt ab, nicht war?
Kim ist also zum zweiten Mal in Märchenmond.
Freiwillig und aus eigenem Antrieb, nachdem er in einem Krankenhaus seiner Stadt ein zombiehaftes Kind aus Märchenmond gesehen hat und vermutet, daß Märchenmond in Gefahr ist. Auch wenn er vordergründig der Held und die Hauptperson ist, habe ich mich von Seite zu Seite lesend unsterblich in Bröckchen, die heimliche Hauptfigur des Romans, verliebt. Dieses kleine Wesen wird Kims treuester Freund, Begleiter und Retter. Es hat zwar einen unbändigen \"Hunger!\", ist frech, patzig, vorlaut, verfressen, \"schmatzt wie eine ganze Schweinefamilie\", und rülpst nach jedem Fresserchen so laut, daß man sich die Ohren zuhalten muß. Aber es ist so liebevoll gezeichnet, daß es mir erging wie Kim, der sich nach einigen Tagen zu fragen begann, \"wieso er anfangs solchen Ekel bei seinem Anblick verspürt hatte.\" Außerdem hat Bröckchen eine zweite Seite:
\"(..) Ein rot- und orange- und gelbgestreiftes wunderschönes Wesen trat hervor.
Kim riß verblüfft die Augen auf. Was da vor ihm stand, das war das schönste Tier, das er jemals zu Gesicht bekommen hatte. Es war nicht größer als Bröckchen, aber wo das Stacheltier aus nadelspitzen Stacheln und schleimigen Schuppen bestand, da trug dieses Wesen ein prächtiges Federkleid. Samtweiche Pfoten und ein langer, buschiger Schweif wie der einer Perserkatze waren unter den rauschenden Federn verborgen, die seinen Körper wie einen flaumigen Mantel umgaben, und ein paar großer, weicher Rehaugen blickten aus dem hübschen Gesichtchen zu Kim empor. In seiner wogenden Federstola sah es aus wie einer jener prachtvollen Rotfeuerfische, wie sie Kim einmal in einem Film gesehen hatte.
\"Wer ... bist du denn?\" murmelte Kim, während er sich mit einem Lächeln in die Hocke sinken ließ und dem prachtvollen Geschöpf die Hand hinstreckte.
Das Tierchen blickte ihn eine Sekunde lang fast spöttisch an - und biß ihm herzhaft in den Finger. \"Eigentlich habe ich ja keinen Hunger mehr\", sagte es, \"aber ein kleiner Nachschlag paßt immer.\" (S.402)
Im Laufe der über vierhundert Seiten wird Bröckchen also zur zweiten Hauptfigur des zweiten Bandes der Märchenmond-Trilogie. Gemeinsam entdecken sie die Eisenmänner, monströse rostfarbene Roboter, die den Menschen die Arbeit abnehmen um den Preis ihrer freien und bis dato gutmütigen Gesinnung. Sie treffen Brobing wieder, einen Bauern, dem Kim bei seinem ersten Märchenmond-Aufenthalt das Leben gerettet hatte und den goldenen Drachen Rangarig, sie treffen auf Jarrn, den fiesen Zwergenkönig, der nicht nur Kim sondern allen Bewohnern Märchenmonds das Leben schwer macht, auf Baum- und Flußmenschen, sie erleben zusammen den Tod Kelhims, des einäugigen Bären und unbemerkt kommt der Moment, da Kim sich nicht vorstellen kann, weiter ohne Bröckchen seine Abenteuer zu bestehen bzw. bestehen zu müssen. Sie werden Freunde.
Ähnlich wie auch Sheera, der schwarze Kater des Steppenprinzen Priwinns, den beide im Laufe ihrer weiteren Wanderung durch Märchenmond treffen, und Bröckchen sich im wahrsten Sinne des Wortes zusammenraufen:
\"Schon die ganze Zeit über hatte der Busch gezittert, als rissen unsichtbare Fäuste an seinen Wurzeln, und manchmal stoben schwarze Fellbüschel hinter ihm in die Höhe, es regnete abgebrochene Stacheln und etwas, das an schmierige rote Federn erinnerte.
Jetzt hörte der Lärm urplötzlich auf, und alle Blicke wandten sich besorgt dem dornigen Gestrüpp zu. Einige Sekunden vergingen, dann teilten sich die Äste, und zwei reichlich zerrupfte Gestalten traten hervor.
Bröckchen in seiner Nachtgestalt humpelte sichtbar. Zahlreiche seiner Stacheln waren geknickt, und der Rest war durcheinandergewirbelt, als wäre der Sturm hineingefahren. Eines seiner ohnehin quellenden Augen war dick angeschwollen und begann sich zuschließen.
Sheera sah nicht viel besser aus. Auch der Kater humpelte. Sein ehemals glänzendes schwarzes Fell war völlig zerzaust, und seine Schnauze sah aus, als hätte er versucht, einen Kaktus zu küssen.
\"Was ist denn das?!\" stöhnte Priwinn und deutete auf das häßliche Etwas, das da neben dem Kater dahergetorkelt kam. \"Bröckchen\", sagte Kim ganz harmlos. \"Ich gebe zu, sein Nachthemd gefällt mir auch nicht. Aber wie du siehst, war es ganz nützlich.\"
\"Ein ... Wertier?\" staunte Gorg. \"Es verwandelt sich. Warum hast du das nicht gesagt?\"
Bröckchen schwieg eine Weile genüßlich. \"Dann wäre mir eine prachtvolle Prügelei entgangen\", meinte es dann.
\"Und mir auch\", fügte Sheera hinzu, der sichtlich Mühe hatte, sich noch auf den Beinen zu halten. \"Aber warte nur bis zum nächsten Mal...\"
Und plötzlich begannen die beiden herzhaft und schallend zu lachen, während die anderen nur noch verblüfft dreinschauten. Dann fielen sich die zwei gegenseitig in die Arme - was aber Sheera nicht sehr gut bekam, denn er zog sich mit einem erschrockenen Quietschen wieder zurück und schielte auf den weiteren Stachel, der in seiner Schnauze steckte. Nur, daß es auf einen mehr nicht mehr ankam...
Bröckchen kicherte und gähnte herzhaft. Und jetzt eine Kleinigkeit zur Stärkung.\" Es sah sich suchend um. Schließlich blieb sein Blick auf Rangarigs zusammengerollter Gestalt hängen.
\"Nein\", sagte Kim streng, als Bröckchen sich mit der Zunge über die pickeligen Lippen fuhr und vor lauter Gier zu sabbern begann.
Bröckchen wirkte enttäuscht. Aber es sagte nichts, sondern trollte sich zusammen mit Sheera, bis die beiden, unentwegt kichernd, in der Dunkelheit verschwanden.\" (S.497-98)
Wie gesagt, Bröckchen ist ein Wertier. Bei Dunkelheit das Stachelekel, bei Tageslicht der Federbausch. Diese Verwandlung ist typisch für den ganzen Roman. Gorg, der gutmütige Riese
wird zunehmend böse, Priwinn, der Prinz der Steppenreiter zunehmend hart, kriegerisch, verbissen und rachsüchtig. Die Atmosphäre stimmt nicht mehr, der Zauber verliert sich. Eisenbänder zerschneiden als Straßen das Land, eiserne Pferde pflügen die Erde auf und fügen ihr tiefe Wunden zu, damit die Bauersleut ihren Ertrag vermehren können, höhlen das Herz des Großen Baumes aus, um daraus Möbel herzustellen für die Baummenschen, bs dieser zusammenbricht. Überall tauchen diese von den Zwergen geschmiedeten Eisenmänner auf, zerstören im Auftrag der Menschen deren eigene Umwelt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und überall verschwinden Kinder, trauern Eltern. Themistokles, mächtige Zauberer, liegt wie im Sterben, seine Macht und Zauberkraft schwindet. Überall Zwerge, giftig, gehässig, herrisch. Rangarig, der goldene, gütige Drache wird zum Untier - aber ist gibt auch andere, verblüffende Änderungen in Märchenmond: der Tatzelwurm, einst das gefürchtetste Ungeheuer Märchenmonds wird zum Helfer und Verbündeten. Das Böse wird Gut und das Gute Böse. Verdrehte zerstörte, zerstörerische Welt.
Einzig die Passagen mit Bröckchen reizen zum Lachen, sind von klarer Zweideutigkeit, es bleibt sich immer treu, ist ein liebenswertes Ekel mit gutem Kern, ansonsten herrscht Düsternis und Verwirrung, bedrohliche Stimmung.
Nach vielen gefährlichen Abenteuern in einem zerstörten Märchenmond, nach einem Flug über das Schattengebirge zu einer schmelzenden Burg Weltende, nach Gefangenschaft und Sklavenfron tief unter der Erde bei den Zwergen, aus der sie mit Hilfe Bröckchens freikommen, kommt es zum großen Showdown vor Gorowynn, der Hauptstadt Märchenmonds, zu einer Massenschlacht mit unzähligen zuvielen Toten und Verwundeten und plötzlicher, unerwarteter Wendung zum Guten durch eine Erkenntnis, einen ausgesprochenen Gedanke: Maschinen haben keine Träume.
Wer Märchenmond, den ersten Band kennt, wird gebannt lesen, lesen, lesen, sich nicht losreißen können von diesem Buch. Wird erschreckt Parallelen ziehen zu der Welt, in der wir leben und um des Profits wegen Raubbau treiben mit den Ressourcen der Natur. Wird sich wundern, daß die Sprache dieses Bandes packend die in Düsternis und Kälte verschwindende Welt Märchenmonds schildert, wird sich wundern, wie aus dem kleinen Jungen Kim des ersten Bandes ein teils patziger, teils nachdenklicher, sehr ernster Teenager geworden ist.
Zurück in der Realität außerhalb Märchenmonds erwacht Kim wieder in seinem Elternhaus, beobachtet den Einzug seiner neuen Nachbarn mit ihren beiden Söhnen und deren Hund.
\"Er blickte gebannt auf den kleinen Hund, der jetzt auf ihn loswatschelte. Er beschnüffelte interessiert Kims Turnschuhe und zupfte dann an Kims Hosenbein. Winselnd blickte er dabei zu Kim hoch, während sein Speichel die Hose bekleckerte, und in seinen Augen stand deutlich: Hunger!\"
© LeaofRafiki, 20.09.2001/ 03.06.2002
Wolfgang und Heike Hohlbein: Märchenmonds Kinder. Geschrieben 1990
Erhältlich als gebundene Ausgabe sowie als Taschenbuch.
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ACHTUNG FAKERSCHUTZ: Ich poste meine Berichte lieber selber und unter gleichem Nick bei regelmäßig bei Ciao, häufig bei Dooyoo seltener bei Ecomments und Griasdi, so gut wie gar nicht mehr bei Hitwin, ab und an doch wieder bei Yopi und neuerdings bei myopinion24 *grins*
(..)
\"Hunger!\" sagte das Tier.
Kim riß die Augen auf. \"Wie?\"
\"Hunger\",wiederholte das Mini-Monster. \"Du bist so groß - und ich hab einen großen Hunger.\"
Kim schluckte, starrte auf das stachelige Wesen zu seinen Füßen herab und dann auf seinen Zeigefinger. Die winzigen Zähne des Biestes hatten eine doppelte Reihe nadelspitzer, blutender Pünktchen in seiner Haut hinterlassen. Und die Wunden brannten, als hätte man Salz hineingerieben.
\"Nur ein Stück!\" bettelte das Tier. Es schniefte hörbar, sagte noch einmal mit weinerlicher Stimme: \"Hunger!\", während sich seine Augen tatsächlich mit Tränen füllten.
\"Mich kann man nicht essen\", erklärte Kim hastig und schob seinen blutenden Finger in den Mund. \"Ich schmecke scheußlich!\"
\"Du lügst\", behauptete das Nadelkissen-Tier.
\"Ach?\" fragte Kim lauernd. \"Wieso?\"
\"Du ißt dich doch selbst!\"
Kim blinzelte, nahm verblüfft den Finger aus dem Mund und mußte plötzlich lachen. Das Tier fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und kroch wieder ein Stückchen näher, wobei es Kims rechtes Hosenbein vom Knie bis zur Tasche voll sabberte.
\"He!\" protestierte Kim. \"Paß doch auf, was du da tust!\" Er versuchte das Wesen zur Seite zu schieben, zog die Hand aber im letzten Moment wieder zurück, als er es in seinen Augen gierig aufblitzen sah.
\"Jetzt hör mir mal zu\", begann er. \"Ich hab was dagegen, aufgegessen zu werden, kapiert?\"
\"Nicht ganz aufessen\", versicherte Klein-Ekel. \"Nur ein Stück. Ein ganz kleines.\" Seine Augen erinnerten plötzlich an die eines hilflosen Rehkitzes, das einen Menschen um ein Stück Zucker anbettelt. \"Nur einen Finger\", bettelte es, \"oder einen halben?\"
\"Nein!\" rief Kim, der sich zwischen Lachen und Zorn hin und her gerissen fühlte. \"Nicht einmal einen Viertel! Nicht einmal den Fingernagel, ist das klar?\"
(..)
\"Dann vielleicht einen Zeh?\" fragte das Tierchen hoffnungsvoll. Kim wollte wütend werden - aber wieder konnte er nicht anders: er platzte einfach heraus und begann schallend zu lachen, bis er keine Luft mehr bekam. Noch immer kichernd und glucksend ließ er sich vor dem Tierchen in die Hocke sinken und betrachtete es kopfschüttelnd, während er sich mit der linken Hand die Tränen aus den Augen wischte.
(..)
\"Wie soll ich dich nennen?\" Das kleine Stacheltier blickte ihn verstört an und Kim begriff. \"Okay, okay\", sagte er hastig. Ich denk mir einen [Namen] aus.\" Plötzlich grinste er über das ganze Gesicht. \"Du bist häßlich wie die Nacht, weißt du das eigentlich? Ich denke, ich werde dich Bröckchen nennen.\"
\"Bröckchen?\"
\"Das ist die Koseform von Kotzbrocken. Paßt irgendwie zu dir. Einverstanden?\" antwortete Kim kichernd.
Das Tier überlegte kurz, nickte dann und kroch eifrig mit kleinen trippelnden Schritten über Kims Füße hinweg, wobei es seineTurnschuhe bis zu den Knöcheln mit grünem Schleim vollschmierte.\" (S.391-396)
In dieser ersten Begegnung zwischen Kim und Bröckchen gibt es doch wahrlich eine liebreizende Gestalt ab, nicht war?
Kim ist also zum zweiten Mal in Märchenmond.
Freiwillig und aus eigenem Antrieb, nachdem er in einem Krankenhaus seiner Stadt ein zombiehaftes Kind aus Märchenmond gesehen hat und vermutet, daß Märchenmond in Gefahr ist. Auch wenn er vordergründig der Held und die Hauptperson ist, habe ich mich von Seite zu Seite lesend unsterblich in Bröckchen, die heimliche Hauptfigur des Romans, verliebt. Dieses kleine Wesen wird Kims treuester Freund, Begleiter und Retter. Es hat zwar einen unbändigen \"Hunger!\", ist frech, patzig, vorlaut, verfressen, \"schmatzt wie eine ganze Schweinefamilie\", und rülpst nach jedem Fresserchen so laut, daß man sich die Ohren zuhalten muß. Aber es ist so liebevoll gezeichnet, daß es mir erging wie Kim, der sich nach einigen Tagen zu fragen begann, \"wieso er anfangs solchen Ekel bei seinem Anblick verspürt hatte.\" Außerdem hat Bröckchen eine zweite Seite:
\"(..) Ein rot- und orange- und gelbgestreiftes wunderschönes Wesen trat hervor.
Kim riß verblüfft die Augen auf. Was da vor ihm stand, das war das schönste Tier, das er jemals zu Gesicht bekommen hatte. Es war nicht größer als Bröckchen, aber wo das Stacheltier aus nadelspitzen Stacheln und schleimigen Schuppen bestand, da trug dieses Wesen ein prächtiges Federkleid. Samtweiche Pfoten und ein langer, buschiger Schweif wie der einer Perserkatze waren unter den rauschenden Federn verborgen, die seinen Körper wie einen flaumigen Mantel umgaben, und ein paar großer, weicher Rehaugen blickten aus dem hübschen Gesichtchen zu Kim empor. In seiner wogenden Federstola sah es aus wie einer jener prachtvollen Rotfeuerfische, wie sie Kim einmal in einem Film gesehen hatte.
\"Wer ... bist du denn?\" murmelte Kim, während er sich mit einem Lächeln in die Hocke sinken ließ und dem prachtvollen Geschöpf die Hand hinstreckte.
Das Tierchen blickte ihn eine Sekunde lang fast spöttisch an - und biß ihm herzhaft in den Finger. \"Eigentlich habe ich ja keinen Hunger mehr\", sagte es, \"aber ein kleiner Nachschlag paßt immer.\" (S.402)
Im Laufe der über vierhundert Seiten wird Bröckchen also zur zweiten Hauptfigur des zweiten Bandes der Märchenmond-Trilogie. Gemeinsam entdecken sie die Eisenmänner, monströse rostfarbene Roboter, die den Menschen die Arbeit abnehmen um den Preis ihrer freien und bis dato gutmütigen Gesinnung. Sie treffen Brobing wieder, einen Bauern, dem Kim bei seinem ersten Märchenmond-Aufenthalt das Leben gerettet hatte und den goldenen Drachen Rangarig, sie treffen auf Jarrn, den fiesen Zwergenkönig, der nicht nur Kim sondern allen Bewohnern Märchenmonds das Leben schwer macht, auf Baum- und Flußmenschen, sie erleben zusammen den Tod Kelhims, des einäugigen Bären und unbemerkt kommt der Moment, da Kim sich nicht vorstellen kann, weiter ohne Bröckchen seine Abenteuer zu bestehen bzw. bestehen zu müssen. Sie werden Freunde.
Ähnlich wie auch Sheera, der schwarze Kater des Steppenprinzen Priwinns, den beide im Laufe ihrer weiteren Wanderung durch Märchenmond treffen, und Bröckchen sich im wahrsten Sinne des Wortes zusammenraufen:
\"Schon die ganze Zeit über hatte der Busch gezittert, als rissen unsichtbare Fäuste an seinen Wurzeln, und manchmal stoben schwarze Fellbüschel hinter ihm in die Höhe, es regnete abgebrochene Stacheln und etwas, das an schmierige rote Federn erinnerte.
Jetzt hörte der Lärm urplötzlich auf, und alle Blicke wandten sich besorgt dem dornigen Gestrüpp zu. Einige Sekunden vergingen, dann teilten sich die Äste, und zwei reichlich zerrupfte Gestalten traten hervor.
Bröckchen in seiner Nachtgestalt humpelte sichtbar. Zahlreiche seiner Stacheln waren geknickt, und der Rest war durcheinandergewirbelt, als wäre der Sturm hineingefahren. Eines seiner ohnehin quellenden Augen war dick angeschwollen und begann sich zuschließen.
Sheera sah nicht viel besser aus. Auch der Kater humpelte. Sein ehemals glänzendes schwarzes Fell war völlig zerzaust, und seine Schnauze sah aus, als hätte er versucht, einen Kaktus zu küssen.
\"Was ist denn das?!\" stöhnte Priwinn und deutete auf das häßliche Etwas, das da neben dem Kater dahergetorkelt kam. \"Bröckchen\", sagte Kim ganz harmlos. \"Ich gebe zu, sein Nachthemd gefällt mir auch nicht. Aber wie du siehst, war es ganz nützlich.\"
\"Ein ... Wertier?\" staunte Gorg. \"Es verwandelt sich. Warum hast du das nicht gesagt?\"
Bröckchen schwieg eine Weile genüßlich. \"Dann wäre mir eine prachtvolle Prügelei entgangen\", meinte es dann.
\"Und mir auch\", fügte Sheera hinzu, der sichtlich Mühe hatte, sich noch auf den Beinen zu halten. \"Aber warte nur bis zum nächsten Mal...\"
Und plötzlich begannen die beiden herzhaft und schallend zu lachen, während die anderen nur noch verblüfft dreinschauten. Dann fielen sich die zwei gegenseitig in die Arme - was aber Sheera nicht sehr gut bekam, denn er zog sich mit einem erschrockenen Quietschen wieder zurück und schielte auf den weiteren Stachel, der in seiner Schnauze steckte. Nur, daß es auf einen mehr nicht mehr ankam...
Bröckchen kicherte und gähnte herzhaft. Und jetzt eine Kleinigkeit zur Stärkung.\" Es sah sich suchend um. Schließlich blieb sein Blick auf Rangarigs zusammengerollter Gestalt hängen.
\"Nein\", sagte Kim streng, als Bröckchen sich mit der Zunge über die pickeligen Lippen fuhr und vor lauter Gier zu sabbern begann.
Bröckchen wirkte enttäuscht. Aber es sagte nichts, sondern trollte sich zusammen mit Sheera, bis die beiden, unentwegt kichernd, in der Dunkelheit verschwanden.\" (S.497-98)
Wie gesagt, Bröckchen ist ein Wertier. Bei Dunkelheit das Stachelekel, bei Tageslicht der Federbausch. Diese Verwandlung ist typisch für den ganzen Roman. Gorg, der gutmütige Riese
wird zunehmend böse, Priwinn, der Prinz der Steppenreiter zunehmend hart, kriegerisch, verbissen und rachsüchtig. Die Atmosphäre stimmt nicht mehr, der Zauber verliert sich. Eisenbänder zerschneiden als Straßen das Land, eiserne Pferde pflügen die Erde auf und fügen ihr tiefe Wunden zu, damit die Bauersleut ihren Ertrag vermehren können, höhlen das Herz des Großen Baumes aus, um daraus Möbel herzustellen für die Baummenschen, bs dieser zusammenbricht. Überall tauchen diese von den Zwergen geschmiedeten Eisenmänner auf, zerstören im Auftrag der Menschen deren eigene Umwelt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und überall verschwinden Kinder, trauern Eltern. Themistokles, mächtige Zauberer, liegt wie im Sterben, seine Macht und Zauberkraft schwindet. Überall Zwerge, giftig, gehässig, herrisch. Rangarig, der goldene, gütige Drache wird zum Untier - aber ist gibt auch andere, verblüffende Änderungen in Märchenmond: der Tatzelwurm, einst das gefürchtetste Ungeheuer Märchenmonds wird zum Helfer und Verbündeten. Das Böse wird Gut und das Gute Böse. Verdrehte zerstörte, zerstörerische Welt.
Einzig die Passagen mit Bröckchen reizen zum Lachen, sind von klarer Zweideutigkeit, es bleibt sich immer treu, ist ein liebenswertes Ekel mit gutem Kern, ansonsten herrscht Düsternis und Verwirrung, bedrohliche Stimmung.
Nach vielen gefährlichen Abenteuern in einem zerstörten Märchenmond, nach einem Flug über das Schattengebirge zu einer schmelzenden Burg Weltende, nach Gefangenschaft und Sklavenfron tief unter der Erde bei den Zwergen, aus der sie mit Hilfe Bröckchens freikommen, kommt es zum großen Showdown vor Gorowynn, der Hauptstadt Märchenmonds, zu einer Massenschlacht mit unzähligen zuvielen Toten und Verwundeten und plötzlicher, unerwarteter Wendung zum Guten durch eine Erkenntnis, einen ausgesprochenen Gedanke: Maschinen haben keine Träume.
Wer Märchenmond, den ersten Band kennt, wird gebannt lesen, lesen, lesen, sich nicht losreißen können von diesem Buch. Wird erschreckt Parallelen ziehen zu der Welt, in der wir leben und um des Profits wegen Raubbau treiben mit den Ressourcen der Natur. Wird sich wundern, daß die Sprache dieses Bandes packend die in Düsternis und Kälte verschwindende Welt Märchenmonds schildert, wird sich wundern, wie aus dem kleinen Jungen Kim des ersten Bandes ein teils patziger, teils nachdenklicher, sehr ernster Teenager geworden ist.
Zurück in der Realität außerhalb Märchenmonds erwacht Kim wieder in seinem Elternhaus, beobachtet den Einzug seiner neuen Nachbarn mit ihren beiden Söhnen und deren Hund.
\"Er blickte gebannt auf den kleinen Hund, der jetzt auf ihn loswatschelte. Er beschnüffelte interessiert Kims Turnschuhe und zupfte dann an Kims Hosenbein. Winselnd blickte er dabei zu Kim hoch, während sein Speichel die Hose bekleckerte, und in seinen Augen stand deutlich: Hunger!\"
© LeaofRafiki, 20.09.2001/ 03.06.2002
Wolfgang und Heike Hohlbein: Märchenmonds Kinder. Geschrieben 1990
Erhältlich als gebundene Ausgabe sowie als Taschenbuch.
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ACHTUNG FAKERSCHUTZ: Ich poste meine Berichte lieber selber und unter gleichem Nick bei regelmäßig bei Ciao, häufig bei Dooyoo seltener bei Ecomments und Griasdi, so gut wie gar nicht mehr bei Hitwin, ab und an doch wieder bei Yopi und neuerdings bei myopinion24 *grins*
20 Bewertungen, 1 Kommentar
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02.07.2002, 04:34 Uhr von Thalaia
Bewertung: sehr hilfreichIrgendwie hab ich jetzt wieder Lust bekommen, das Buch aus dem Regal zu nehmen und es zu lesen
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