Zeitarbeit Testbericht

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Erfahrungsbericht von Crazy666

Lass mich Dein Sklave sein!

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Vorurteile? ICH? Nie!
Zeitarbeitsfirmen sind nun mal gnadenlose Sklaventreiber, die ihre armen, ausgebeuteten Mitarbeiter zu Hungerlöhnen in anderen Unternehmen schuften lassen - und alle Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen sind unqualifziert, unmotivert und faul, sonst würden sie ja nicht zu Zeitarbeitsfirmen gehen, sondern sich was "Richtiges" suchen!

Da ich über lange Zeit als Mitarbeiterin der Montageabteilung eines Stahlbaukonzerns mit diversen "Sklaventreibern" und ihren Mitarbeitern zu tun hatte, würde ich o.g. Aussage nicht als "Vorurteil" sondern als "Erfahrungswert" bezeichnen - Vorurteile hab' ICH nämlich NIEMALS, nur um das nochmal klarzustellen!

Und so begab es sich dann eines schönen Tages, dass ich ratzfatz und quasi ungeplant und überraschend meinen Job verlor (ich sag's ja - wenn man nicht auf ALLES aufpasst!)
Ein Umstand, der mir anfangs nicht unbedingt schlaflose Nächte bereitete, weil - ich bin ja toll und qualifziert und motiviert und werd' genauso ratzfatz einen NEUEN Job finden - DACHTE ich.....

Dummerweise verknüpfte ich meine Jobsuche mit dem Vorhaben, Schlumpfhausen den Rücken zu kehren und zu meinem Hasen in die Region Neuwied/Koblenz zu ziehen, wenn schon, denn schon.....und dummerweise hat diese Region die höchste Arbeitslosenquote Westdeutschlands, was die Jobsuche doch erheblich erschwerte...kurz - auf meine Bewerbungen hagelte es Absagen, und da ich selber gekündigt hatte, hatte ich für die ersten 3 Monate auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld.....langsam machte sich dann doch Panik breit und ich sah mich schon halbverhungert in der Fussgängerzone um ein paar Euros betteln (man sagt mir nach, dass ich zum Dramatisieren neige...Blödsinn!)

4 Wochen und 40 Absagen riet mir dann eine Bekannte, es doch mal bei einer Zeitarbeitsfirma zu versuchen, zumindest übergangsweise....und meine anfängliche Empörung ("Pah! Sowas hab ICH doch nicht nötig, ich bin doch toll und motiviert und qualifziert....") wich einem zögerlichen "Naja...versuchen kann man's ja mal" - also parkte ich mein hohes Ross vor einer solchen Zeitarbeitsfirma, unterschrieb einen Arbeitsvertrag und unterjochte mich der Sklaverei (höhö!)

Was genau ist denn nun eigentlich "Zeitarbeit"?
Das Gesetz sagt dazu folgendes:
Leiharbeitnehmer im Sinne des 'Gesetzes zur Regelung der gewerbsmäßigen Arbeitnehmerüberlassung' (AÜG) vom 7.August 1972 - BGBI.IS. 1393 - ist ein Arbeitnehmer, der zu einem Verleiher in einem Arbeitsverhältnis steht und Dritten (Entleiher) gewerbsmäßig zur Arbeitsleistung überlassen wird.

Öhm...ja....von Sklaven und Peitschen ist da ja erstmal keine Rede, wie beruhigend....
Einfacher gesagt, bedeutet "Zeitarbeit":
Ich bin fest und unbefristet bei einem Zeitarbeitsunternehmen ("Verleihfirma") angestellt. Kundenunternehmen ("Entleihfirmen") können mich bei Personal-Engpässen sozusagen von diesen Verleihfirmen "mieten" und zahlen der Verleihfirma für die Dauer meines Einsatzes einen vereinbarten Stundensatz. MEIN Gehalt bekomme ich allerdings von der Verleihfirma, die auch das volle Arbeitgeberrisiko trägt, das bedeutet, dass mir meine Firma bei Urlaub oder Krankheit das Gehalt weiterzahlt. Die Entleihfirma zahlt nur die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden. Alle Bedingungen und rechtlichen Verhältnisse in dieser "Dreiecksbeziehung" sind im AÜG (Arbeitnehmerüberlassungsgesetz) geregelt.

Klingt schon irgendwie gruselig, nicht? "Verleihfirma"...."Entleihfirma"....und ich mittendrin quasi als "Mietobjekt".....aber nach mittlerweile 5 Monaten Zeitarbeit kann ich sagen, dass alles halb so wild und durchaus erträglich ist, wenn man erst mal von seinem hohen Ross runtergestiegen ist - Zeitarbeit ist nicht die Erfüllung meiner beruflichen Träume, aber auch kein totaler Alptraum - und eine gute Alternative zum Euro-Betteln in der Fussgängerzone!

Natürlich gibt's auch in der Zeitarbeits-Branche schwarze Schafe, deswegen sollte man sich vorher schon über das Zeitarbeitsunternehmen informieren, bevor man einen Vertrag unterschreibt. Das Gehalt ist prinzipiell nicht sehr hoch, allerdings gibt's Unternehmen, die ihren Mitarbeitern gerade mal 7 oder 8 ? pro Stunde zahlen, und DAS ist nun wirklich Sklaverei! Aber da gilt - wer DAS unterschreibt, ist selber schuld!

Apropos Gehalt - natürlich ist das Gehalt bei einer Zeitarbeitsfirma im Vergleich zu einer Festanstellung doch sehr niedrig, das ist ja bekannt. Gezahlt wird ein Stundenlohn, die Höhe kann beim Vorstellungsgespräch verhandelt werden. Zu diesem Stundenlohn kommt eine tägliche steuerfreie Verpflegungspauschale sowie eine Fahrtkostenerstattung.
Dieser vereinbarte Stundenlohn gilt bis 40 Stunden/Woche, bei Samstags- oder Mehrarbeit gibt es einen Aufschlag.
Die geleistete Arbeitszeit wird täglich vom Mitarbeiter in einem "Stundennachweis" festgehalten, dieser Nachweis wird einmal wöchentlich von der "Entleihfirma" unterschrieben und an die "Verleihfirma" geschickt.
In Krankheits- u. Urlaubszeiten oder wenn man gerade mal nicht "vermietet" ist, wird das Gehalt für 37 St./Woche gezahlt.

Ich weiß, über Geld spricht man nicht....aber da man sich unter "niedrigem Gehalt" nicht unbedingt was vorstellen kann, jetzt mal Butter bei die Fische: In meinem Fall schwankt die "Ausbeute" je nach der Dauer der Einsatztage zwischen netto 1050 € (das war ein Monat ohne Einsatz) und 1330 € im Monat. Höre ich da verhaltenes Gelächter? Hmpf....ich SAG ja, es ist nicht viel....auf der anderen Seite ist es besser als nix, und ich kann zumindest Miete und laufende Kosten bezahlen....und es kommen ja auch wieder bessere Zeiten, schliesslich bin ich toll und qualifiziert und motiviert und so...höhö....
Ich bin nicht sicher, ob ich das Gehalt unter Vor- oder unter Nachteile aufführen soll.....immerhin GIBT es ein Gehalt, dass ich schon ein Vorteil....die Höhe allerdings ein Nachteil....lassen wir den Punkt "Gehalt" also einfach mal als Fakt im Raum stehen.

Gut - nachdem wir diesen peinlichen Punkt abgehandelt haben, kommen wir mal zu den Vor- und Nachteilen von Zeitarbeit.

Vorteile:
Das Vorstellungs- u. Bewerbungsverfahren bei einem Zeitarbeitsunternehmen verläuft schnell und unkompliziert, in der Regel kann man direkt an dem Tag, an dem man sich vorstellt, eingestellt werden. Allerdings sollte man doch schon der Vertrag mit nach Hause nehmen und in Ruhe lesen und prüfen, bevor man sich der Zeitarbeit unterjocht - aber prinzipiell geht alles ziemlich fix. Es gibt einen festen, schriftlichen Arbeitsvertrag sowie volle soziale Absicherung; Renten-, Kranken-, Unfallversicherung etc.

Prinzipiell stehen auch die Chancen sehr gut, über die Zeitarbeit in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen zu werden, ich habe zum Beispiel von beiden Unternehmen, in denen ich eingesetzt war, ein Übernahmeangebot bekommen (beides aber nicht mein gerade die Erfüllung meiner beruflichen Träume, deswegen...the search goes on!) Gerade für Berufsanfänger und Wiedereinsteiger, die sonst nur schwer 'nen Fuss in die Tür bekommen, eine gute Möglichkeit, eine dauerhafte Anstellung zu finden - laut Statistik werden 30 - 40% aller Mitarbeiter nach ihrem Einsatz in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen.

Die meisten Zeitarbeitsfirmen bieten sehr gute Möglichkeiten zur Weiterbildung, z.B. Sprach- oder Computerkurse, deren Kosten übernommen werden - schliesslich ist den Zeitarbeitsfirmen ja auch daran gelegen, Ihren Kunden gut ausgebildetes Personal "anbieten" zu können.

Generell hat man durch die wechselnden Einsätze die Möglichkeit, viel Neues zu lernen und noch mehr Berufserfahrung zu sammeln.

Nachteile:
Wie bereits bejammert, ist das Gehalt viel niedriger als bei einer Festanstellung und variiert oft ziemlich stark, je nach Einsatzhäufigkeit und Arbeitsstunden. Um ein einigermassen passables Netto-Gehalt zu ergattern, muss man dann schon über 40 Stunden pro Woche ranklotzen-

Meistens holen sich Unternehmen immer dann Unterstützung durch "Leihpersonal", wenn durch Krankheit oder sonstige Ausfälle "Not am Mann" ist, d.h. man landet oft direkt in Hektik und Stress und niemand hat dann wirklich Zeit zur Einarbeitung. Außerdem bekommt man anfänglich oft irgendwelche ungeliebte Aufgaben wie z.B. Ablage oder Serienbriefe auf's Auge gedrückt, was stellenweise wirklich nervt. Es wird auch eines hohes Mass an Flexibilität und Belastbarkeit von einem erwartet, was am Anfang schwierig ist....aber man gewöhnt sich dran!

Mein erster Einsatz war in einer Lampenfabrik als Verkaufssachbearbeiter, zwei Mitarbeiter waren krank, einer in Urlaub und die Auftragslage war eh schon kaum zu bewältigen - ich sass also mit null Ahnung und Durchblick inmitten von miesgelaunten, gestressten Hektikern vor einer wild klingelnden Telefonzentrale und dem Ablageberg von zwei Wochen und war STINKSAUER....und absolut frustriert - wer BIN ich denn? Telefontussi? Ablage-Lehrling?
WAS für eine Pleite! "Gib's doch der Frau Mohr!" wurde zum geflügelten Wort, wenn es um irgendwelche nervigen Hilfsarbeiter-Tätigkeiten wie Telefonaktionen oder Kopier-Aufgaben ging...Junge, ich war GANZ schön angenervt - SO hatte ich mir das nun nicht vorgestellt!
Mein armer Hase musste sich nun allabendlich nach 8 Stunden Telefonzentrale und Ablage mein Geheule am Telefon anhören.

Wie man sieht - ein grosser Nachteil der Zeitarbeit ist die Tatsache, dass man sich seine Arbeit nun mal nicht aussuchen kann und auch oft während seines Einsatzes mit Aufgaben betraut wird, für die man überqualifiziert ist und auch die man - ehrlich gesagt - auch NULL Bock hat! Man muss sich halt ein bißchen "dickes Fell" zulegen, seinen Stolz runterschlucken und sich denken "Ist ja nur für den Übergang und bringt GELD!" - und dann geht's! Nach zwei Wochen hatte ich mich auch dran gewöhnt, meine gute Laune wiedergefunden...mittlerweile war auch die "Telefontussi" wieder gesund und ich wechselte von der Telefonzentrale zur Auftragssachbearbeitung und Kundenbetreung und es wurde noch richtig lustig in der Lampenfabrik (und der Logistik-Leiter war ja sooo süss!*rotwerd*)


Nach erfolgreich abgeschlossener Mission wechselte ich dann zur Mitarbeiterbetreuung innerhalb meiner Zeitarbeitsfirma und schulte neue Mitarbeiter in Excel, Word und PowerPoint - auch kein Traumjob, aber lustig....und mittlerweile mache ich die Rohstoffdisposition und Fertigungsplanung in dem Unternehmen, dass ich bereits in meinem "Waschmittelbericht" erwähnt habe und bin damit auch ganz glücklich und zufrieden. Obwohl's auch nicht mein Job-Olymp ist, macht die Arbeit Spass und ist interessant - und ich werde meinen Traumjob ganz bestimmt noch finden, denn ich bin ja toll! TSCHAKA!
(Raum Neuwied/Koblenz....Zuschriften an meine o.g. E-Mail-Adresse!*grins*)

Ist Zeitarbeit nun empfehlenswert? Hmm....als Übergangslösung auf jeden Fall, man sollte nur nicht ewarten, sofort seinen Traumjob präsentiert zu bekommen, sondern jeden Einsatz einfach nur als Möglichkeit sehen, Neues zu lernen und Erfahrungen zu sammeln....und wenn Gehalt und Tätigkeiten auch oft nicht so prickelnd sind - ausgepeitscht hat mich noch niemand, ehrlich!

Auf der anderen Seite hat so ne Tätigkeit auch durchaus ein paar Vorteile – ich bin’s zwar gewohnt, eigenverantwortlich und selbstständig zu arbeiten, auf der anderen Seite bedeutet Verantwortung auch jede Menge Stress – und diesen Stress hab ich jetzt nicht, das ist auch mal ganz erholsam. Wenn also irgendwas schiefgeht und alle panisch durcheinanderrennen und der Chef kommt, um dem Verantwortlichen den Kopf zu waschen.....dann grinse ich mir bloss eins und freu mich meines Daseins.

Was ich für mich bis jetzt durch die Zeitarbeit festgestellt habe - ich habe keine Probleme mehr damit, mich auf neue Arbeitssituationen einzustellen und bin tatsächlich ein bißchen flexibler in meiner Arbeitsweise geworden, und neuen Einsatzen sehe ich viel gelassener entgegen. Ein Punkt wird von meinen Zeitarbeits-Kollegen oft ein wenig bejammert, und zwar die Tatsache, dass man von den Kollegen in der "Entleihfirma" oft halt als Aushilfe angesehen wird und kein richtiger Kontakt aufgebaut wird - das hängt natürlich auch von der Einsatzdauer ab, die von 1 Tag bis zu einem Jahr betragen kann - aber eigentlich hatte ich damit noch nie Probleme, weder in meinen alten Jobs noch bei Zeitarbeits-Einsätzen.

Und wenn die Arbeit oder die Kollegen mal so richtig nerven, hilft einem das Wissen "Ist ja nur für den Übergang, bringt Kohle - und mein Traumjob wird schon noch kommen!"

33 Bewertungen, 12 Kommentare

  • Susique84

    27.06.2007, 06:33 Uhr von Susique84
    Bewertung: sehr hilfreich

    Interessant zu Lesen!

  • campimo

    29.04.2007, 13:15 Uhr von campimo
    Bewertung: sehr hilfreich

    .•:*¨ SH&LG ¨*:•.

  • brainstorm

    18.12.2002, 21:44 Uhr von brainstorm
    Bewertung: sehr hilfreich

    ...schon mal daran gedacht ein Buch zu schreiben. Dein Stil gefällt mir sehr gut (grins). Einen großen Nachteil scheint die Zeitarbeit doch zu haben, und zwar dass Du immer nur mit Netto abgefertigt wirst. Dass scheint sich in Der Einkommensste

  • bachelor

    20.05.2002, 15:41 Uhr von bachelor
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein ganz toller Bericht. Ich denke, in der entsprechenden Situation würde ich übergangsweise auch zu einer Zeitarbeitsfirma gehen. Irgendwo muss das Geld ja herkommen. :-) Viele Grüsse. Alex

  • dani___

    09.04.2002, 18:41 Uhr von dani___
    Bewertung: sehr hilfreich

    Gott sei dank bin ich noch Schülerin *aufschnauf* ciao die dani *;)

  • Carmilein

    02.04.2002, 14:27 Uhr von Carmilein
    Bewertung: sehr hilfreich

    Leider nichts für mich - ich muß zusehen, dass ich mindestens ein halbes bis ein Jahr irgendwo angestellt werden kann, da ich sonst nur meine Freizeit auf Ämtern verbringen könnte, wegen ständiger Einkommensänderungen, die de

  • LoMei

    02.04.2002, 14:12 Uhr von LoMei
    Bewertung: sehr hilfreich

    Gute Beschreibung. Habe öfter mit Leihfirmen zu tun gehabt.

  • wurbel

    02.04.2002, 11:09 Uhr von wurbel
    Bewertung: sehr hilfreich

    Guter Bericht, ich kenne Deine Situation (war auch schon bei Leihfirmen....) Bloß Dein Stundenlohn ist wirklich arg gering. Ich komme nur auf 8,31E.

  • legendre

    02.04.2002, 11:02 Uhr von legendre
    Bewertung: sehr hilfreich

    Wie im Profil angekündigt etwas polemisch aber im kern sehr gut und interessant. Gruss legendre

  • yopi-user

    02.04.2002, 10:55 Uhr von yopi-user
    Bewertung: sehr hilfreich

    "Leihfirma".....hm, eigentlich auch nicht ganz richtig das Wort: Eine Leihe ist kostenlos, mit Entgelt ists eine Vermietung *gggg*

  • Goregrind

    02.04.2002, 10:32 Uhr von Goregrind
    Bewertung: sehr hilfreich

    hehehehe... guter bericht.. gorge on

  • greinha

    02.04.2002, 10:15 Uhr von greinha
    Bewertung: sehr hilfreich

    Leider haben viele NICHT deine Einstellung zu einem Job. Guter Beitrag !!!!!