Das Haus am Meer - Teil 1 (DVD) Testbericht

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ab 11,51
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Erfahrungsbericht von wildheart

Zwischen Soap Opera und Ernsthaftigkeit

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Selten in letzter Zeit habe ich erlebt, dass ein Film derart verrissen wurde wie »Life as a House«. »Der Hausbau als Gleichnis für die wachsende Vater-Sohn-Beziehung – schon die Grundidee ist platt. Und sie ist nur eines von vielen Klischees, die uns mit aller Macht ein paar Tränchen entlocken sollen«, schreibt TV-Movie. »Blickpunkt: Film« schlägt in die gleiche Kerbe und hält den Film schlicht für »tränenselig«. Der »Schnitt« allerdings sieht in »Das Haus am Meer« das »Paradoxon eines am Reißbrett entworfenen Films über bleibende immaterielle Werte, der funktioniert«, der »sowohl unterhaltsamer als auch intelligenter als die letzten zehn europäischen Autorenfilme« sei. Der »Tagesspiegel« wiederum regt sich auf, dass sich die meisten Probleme »in Wohlgefallen« auflösen, »als hätte sie ein Architekt locker auf sein Reißbrett gepinnt« – »typisch amerikanisch«. Den Gipfel des Verrisses aber erklimmt (ausgerechnet) die »Welt«: »Es wäre der ideale Werbefilm für 50 Jahre Baden-Württemberg geworden. Zumindest für des Schwaben liebstes Motto: Schaffe, schaffe, Häusle baue.« (1)

Inhalt
George Monroe (Kevin Kline) hat es nie zum »richtigen« Architekten gebracht. Statt dessen baut er seit 20 Jahren maßstabsgetreue Hausmodelle für ein Architekturbüro. Da er sich allerdings vehement weigert, mit einem Computer zu arbeiten, um Modelle schneller und effektiver herzustellen, verkündet ihm sein Vorgesetzter eines Tages seine Entlassung. Monroe bleibt zunächst gelassen; schließlich habe er seine Arbeit immer gehasst. Doch in Wirklichkeit sieht er in seiner Kündigung den Schlussakkord auf ein gescheitertes Leben. Er zertrümmert sämtliche Modelle, die er für die Firma je gefertigt hat, bis auf eines, das er mitnimmt. Als er das Gebäude verlässt bricht er bewusstlos zusammen. Die Ärzte stellen fest, dass Monroe unheilbar an Krebs erkrankt ist und nur noch einige Monate zu leben hat.

George lebt in einem heruntergekommenen Haus am Meer, ist seit zehn Jahren von Robin (Kristin Scott Thomas) geschieden, hat einen Sohn, Sam (Hayden Christensen), der sich in eine totale Verweigerungshaltung zurückgezogen hat, Drogen nimmt, sein Gesicht schwarz anmalt und seine Haare blau färbt, Klebstoff schnüffelt. Sein Schulfreund Josh (Ian Somerhalder) versucht Sam obendrein davon zu überzeugen, als Prostituierter für gut zahlende Freier zu arbeiten.

Keiner wird mit Sam fertig; er ist das schwarze Schaf der Familie. Robins neuer Ehemann Peter (Jamey Sheridan), mit dem sie zwei Söhne hat, kümmert sich kaum um die beiden, und schon gar nicht um Sam.

George beschließt, die letzten Monate seines Lebens zu nutzen, um einen Traum zu verwirklichen. Er will das alte, verfallene Haus am Meer, in dem er lebt und das er von seinen Eltern geerbt hat, abreißen und sein Traumhaus dort errichten. Er pumpt sich mit Schmerzmitteln voll und geht an die Arbeit. Dabei denkt er in erster Linie allerdings nicht an sich, sondern an seinen Sohn. Er zwingt Sam, die Sommerferien bei ihm zu verbringen, um gemeinsam das Haus abzureißen und das neue zu bauen. Sam trotzt, hasst seinen Vater, will abhauen. Aber George lässt nicht locker. Mit Hilfe der Nachbarin Colleen (Mary Steenburgen) und vor allem ihrer Tochter Alyssa (Jena Malone) geht die Arbeit voran. Und Robin, die George und Sam zunächst nur jeden Tag Essen bringt, kommt eines Tages mit ihren beiden Söhnen, um beim Hausbau zu helfen. Noch weiß niemand, dass George todkrank ist ...

Inszenierung
Ich gestehe: Ich habe geheult. Nicht nur am Schluss, sondern immer wieder während der zweiten Hälfte des Films. Eines ist jedenfalls (noch immer) sicher. Hollywood ist in der Lage, tränen- und segensreiche Filme zu produzieren. Hollywood weiß, was Herzen wünschen. Es kommt eigentlich nur noch darauf an, ob Warner & Co. geschickt, technisch brillant und einigermaßen überzeugend arbeiten oder mehr im Stile von Seifenopern inszenieren.

Ebenso eindeutig ist: »Life as a House« reiht sich ein in die Serie amerikanischer Dramen, denen es um die Bedeutung von Familie und sozialem Zusammenhang in einem spezifisch amerikanischen Sinn geht. Das muss nicht negativ sein, wie zuletzt etwa »In the Bedroom« bewiesen hat. Allerdings bedienen Regisseur Irwin Winkler und Drehbuchautor Mark Andrus das Bedürfnis nach Zusammenhang und Geborgenheit mit einer Geschichte, die an vielen Punkten unglaubwürdig ist. Dass ein an Krebs erkrankter Mann, der nur noch wenige Monate zu leben hat, in der Lage sein soll, ausgerechnet ein Haus zu bauen, ist äußerst zweifelhaft. George nimmt ausschließlich starke Schmerzmittel und rackert – trotz seines körperlichen Verfalls – wie ein Bär. Dass George dann auch noch innerhalb eines Vierteljahres die familiären Probleme löst, besonders das Verhältnis zu seinem Sohn klärt und die Liebe seiner Ex-Frau zurückgewinnt – wer’s glaubt, wird selig. Also doch Seifenoper?

Ja, »Life as a House« hat etwas von Seifenoper. Die Charaktere sämtlicher Personen sind innerhalb der ersten halben Stunde des Films abgeklärt. Zudem weiß man, wohin der Zug fährt: George wird es schaffen. Als er stirbt, ist das Haus zwar nicht ganz fertig, aber alles andere ist geregelt, einschließlich der Familienchronik: George reagiert nämlich zugleich den Hass auf seinen (trotzdem geliebten) Vater ab, als er, später dann mit Sam, das alte Haus zertrümmert. Und das Ende des Films hält eine besonders seifenopernartige – Pointe, könnte man fast sagen, bereit. Zudem erscheinen die Informationen, die das Drehbuch dem Publikum über die Vergangenheit von George liefert, wie die klassischen Situationen aus der Einführung in die Psychologie für Erstsemester.

So – und trotzdem habe ich geheult! Bin ich auf diese ja nun gar nicht so geschickte, sondern zumeist allzu offensichtliche Mainstream-Inszenierung hereingefallen? Das würde ich natürlich nie zugeben, und deshalb muss mein Weinen andere Ursachen haben. Basta!

Erstens. Die Metapher vom Hausbau ist wahrlich nicht neu, aber nichtsdestotrotz deshalb kein Klischee. Der Künstler Werner Pokorny zum Beispiel beschäftigt sich seit Jahren in einem Teil seiner Arbeiten immer wieder mit dem Haus als Sinnbild für Heim, Schutz, Zusammenhang, Sinnstiftung usw. Ich liebe seine Arbeiten.

Zweitens. »Das Haus am Meer« verkündet Familiensinn. Der Film bedient entsprechende Bedürfnisse. Wenn das schon falsch sein soll, dann wären auch die entsprechenden Bedürfnisse »falsch«. Das sind sie aber nicht. Und vor allem: Winkler bedient diese Bedürfnisse, weniger eine spezielle US-amerikanische Familienideologie, wie sie aus unzähligen TV-Serien und auch Kinofilmen bekannt ist. Die »Familie«, um die es hier geht, ist viel größer als die klassische »Kernfamilie«. Es geht nicht nur um George, Sam und Robin. Es geht um Peter, den neuen Mann Robins, deren Kinder und last but not least um Colleen, Alyssa und Josh. Es geht, um es einmal so auszudrücken, um Trennungsprozesse, die zugleich auch immer Prozesse der Herstellung neuer Zusammenhänge darstellen.

Drittens: Wäre der Film nicht mit Kevin Kline, Kristin Scott Thomas und Hayden Christensen, sondern mit mittelmäßigen Schauspielern besetzt worden, wäre er eine heillose Katastrophe geworden. Will sagen: Durch die darstellerischen Leistungen besonders dieser drei Mimen, aber auch Jena Malones und Mary Steenburgens erlaubt »Life as a House« dem Zuschauer Identifizierung und Identitätsstiftung. Kristin Scott Thomas »ist« Robin Kimball. Sie vermag die Ambivalenzen der Robin überzeugend zu vermitteln. Kevin Kline »ist« George und kämpft sich in dieser Rolle bis zum Tod durch mit einem festen Willen, einiges in seinem Leben zu heilen, vor allem das Verhältnis zu seinem Sohn zu klären. Und auch Hayden Christensen spielt um einiges überzeugender als in der letzten Episode von »Star Wars«. Durch diese darstellerischen Leistungen bleibt die Essenz der erzählten Geschichte trotz der Unglaubwürdigkeit und Undifferenziertheit des Drehbuchs erhalten.

Gerade in einigen Szenen zwischen Vater und Sohn vermögen Andrus Drehbuch und Winklers Inszenierung dann eben doch zu überzeugen. George ist durch den nahen Tod unter Zeitdruck, aber er setzt sich nicht unter verzweifelnden Druck, weil er weiß, dass er dadurch nichts erreichen wird. Er erkennt, das sein Leben gescheitert ist, an vielen Punkten, dass selbst die Liebe zu Robin und ihre wiederentdeckte Liebe zu ihm keine Zukunft mehr hat. Er weiß auch, dass er erneut scheitern könnte: Es gibt keine Sicherheit, dass er das Vertrauen und die Zuneigung Sams tatsächlich erreicht. In dieser Hinsicht spielt Kline sozusagen »gegen« das Drehbuch. Er setzt es an dem Punkt außer Kraft, wo es das Ende der Geschichte (Haus gebaut, Versöhnung geglückt) vorausnimmt. Kline gelingt dies durch eine erstaunliche Identifizierung mit seiner Rolle, durch Humor, Gelassenheit, Selbstvertrauen, die nicht gespielt erscheinen, obwohl sie gespielt sind. Die Schauspieler »retten« den Film über seine genannten Schwächen hinweg – zumindest, so weit das möglich ist.

Deshalb habe ich geweint, und vor allem: weinen können! Nun weiß man, dass Filme sehr unterschiedlich aufgenommen werden, dass von Erfahrungshorizonten des eigenen Lebens bis hin zu Tagesstimmungen abhängig ist, wie ein Film »ankommt«, mal unabhängig von »logistischen« und handwerklichen Schwächen. Insofern wirkt ein Film wie »Das Haus am Meer« vielleicht auch generationenspezifisch. Ich konnte jedenfalls – trotz aller Mängel – mit Kline »warm werden«. Er spielt eine Identifikationsfigur, jedenfalls für Menschen, die einen irgendwie ähnlichen Erfahrungshorizont haben mögen.

Fazit
Selbstverständlich ist auch dieser Film »am Reißbrett entworfen« – wo denn bitte schön sonst? Kennt jemand einen Film, der nicht konstruiert ist? Das gilt selbst für Dokumentarfilme. Die einzige Frage ist, ob er gut oder schlecht konstruiert ist, ob er wirkliche Gefühle glaubhaft bedienen kann oder nicht, ob er dramaturgisch und schauspielerisch, handwerklich gut produziert ist oder nicht. »Life as a House« hinterlässt in diesem Sinn einen zwiespältigen Eindruck. Wie gesagt: Kline, Scott Thomas und Christensen retten den Streifen vor dem totalen Abgleiten in TV-Familienkitsch. Und die Stärke des Drehbuchs liegt zumindest darin, dass es keinen billigen Aufguss (nicht nur) amerikanischer Familienideologie darstellt. Immerhin. Hätten sich die Produzenten entscheiden können, auch in der Story und der Psychologie glaubhaft zu sein, hätte ein bravouröser Film daraus werden können.

(1) Zitate aus www.angelaufen.de

Das Haus am Meer
(Life as a House)
USA 2001, 125 Minuten
Regie: Irwin Winkler
Drehbuch: Mark Andrus
Musik: Mark Isham
Kamera: Vilmos Zsigmond
Schnitt: Julie Monroe
Spezialeffekte: –
Hauptdarsteller: Kevin Kline (George Monroe), Kristin Scott Thomas (Robin Kimball), Hayden Christensen (Sam Monroe), Jena Malone (Alyssa Beck), Mary Steenburgen (Colleen Beck), Mike Weinberg (Adam Kimball), Scotty Leavenworth (Ryan Kimball), Ian Somerhalder (Josh), Jamey Sheridan (Peter Kimball), Scott Bakula (Officer Kurt Walker)
Offizielle Homepage: http://www.warnerbros.de/movies/lifeasahouse/
Internet Movie Database: http://us.imdb.com/Title?0264796
Weitere Filmkritik in »Chicago Sun-Times« (Roger Ebert):
http://www.suntimes.com/ebert/ebert_reviews/2001/10/102607.html


© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-07-08 08:14:50 mit dem Titel Zwischen Soap Opera und Ernsthaftigkeit

Selten in letzter Zeit habe ich erlebt, dass ein Film derart verrissen wurde wie »Life as a House«. »Der Hausbau als Gleichnis für die wachsende Vater-Sohn-Beziehung – schon die Grundidee ist platt. Und sie ist nur eines von vielen Klischees, die uns mit aller Macht ein paar Tränchen entlocken sollen«, schreibt TV-Movie. »Blickpunkt: Film« schlägt in die gleiche Kerbe und hält den Film schlicht für »tränenselig«. Der »Schnitt« allerdings sieht in »Das Haus am Meer« das »Paradoxon eines am Reißbrett entworfenen Films über bleibende immaterielle Werte, der funktioniert«, der »sowohl unterhaltsamer als auch intelligenter als die letzten zehn europäischen Autorenfilme« sei. Der »Tagesspiegel« wiederum regt sich auf, dass sich die meisten Probleme »in Wohlgefallen« auflösen, »als hätte sie ein Architekt locker auf sein Reißbrett gepinnt« – »typisch amerikanisch«. Den Gipfel des Verrisses aber erklimmt (ausgerechnet) die »Welt«: »Es wäre der ideale Werbefilm für 50 Jahre Baden-Württemberg geworden. Zumindest für des Schwaben liebstes Motto: Schaffe, schaffe, Häusle baue.« (1)

Inhalt
George Monroe (Kevin Kline) hat es nie zum »richtigen« Architekten gebracht. Statt dessen baut er seit 20 Jahren maßstabsgetreue Hausmodelle für ein Architekturbüro. Da er sich allerdings vehement weigert, mit einem Computer zu arbeiten, um Modelle schneller und effektiver herzustellen, verkündet ihm sein Vorgesetzter eines Tages seine Entlassung. Monroe bleibt zunächst gelassen; schließlich habe er seine Arbeit immer gehasst. Doch in Wirklichkeit sieht er in seiner Kündigung den Schlussakkord auf ein gescheitertes Leben. Er zertrümmert sämtliche Modelle, die er für die Firma je gefertigt hat, bis auf eines, das er mitnimmt. Als er das Gebäude verlässt bricht er bewusstlos zusammen. Die Ärzte stellen fest, dass Monroe unheilbar an Krebs erkrankt ist und nur noch einige Monate zu leben hat.

George lebt in einem heruntergekommenen Haus am Meer, ist seit zehn Jahren von Robin (Kristin Scott Thomas) geschieden, hat einen Sohn, Sam (Hayden Christensen), der sich in eine totale Verweigerungshaltung zurückgezogen hat, Drogen nimmt, sein Gesicht schwarz anmalt und seine Haare blau färbt, Klebstoff schnüffelt. Sein Schulfreund Josh (Ian Somerhalder) versucht Sam obendrein davon zu überzeugen, als Prostituierter für gut zahlende Freier zu arbeiten.

Keiner wird mit Sam fertig; er ist das schwarze Schaf der Familie. Robins neuer Ehemann Peter (Jamey Sheridan), mit dem sie zwei Söhne hat, kümmert sich kaum um die beiden, und schon gar nicht um Sam.

George beschließt, die letzten Monate seines Lebens zu nutzen, um einen Traum zu verwirklichen. Er will das alte, verfallene Haus am Meer, in dem er lebt und das er von seinen Eltern geerbt hat, abreißen und sein Traumhaus dort errichten. Er pumpt sich mit Schmerzmitteln voll und geht an die Arbeit. Dabei denkt er in erster Linie allerdings nicht an sich, sondern an seinen Sohn. Er zwingt Sam, die Sommerferien bei ihm zu verbringen, um gemeinsam das Haus abzureißen und das neue zu bauen. Sam trotzt, hasst seinen Vater, will abhauen. Aber George lässt nicht locker. Mit Hilfe der Nachbarin Colleen (Mary Steenburgen) und vor allem ihrer Tochter Alyssa (Jena Malone) geht die Arbeit voran. Und Robin, die George und Sam zunächst nur jeden Tag Essen bringt, kommt eines Tages mit ihren beiden Söhnen, um beim Hausbau zu helfen. Noch weiß niemand, dass George todkrank ist ...

Inszenierung
Ich gestehe: Ich habe geheult. Nicht nur am Schluss, sondern immer wieder während der zweiten Hälfte des Films. Eines ist jedenfalls (noch immer) sicher. Hollywood ist in der Lage, tränen- und segensreiche Filme zu produzieren. Hollywood weiß, was Herzen wünschen. Es kommt eigentlich nur noch darauf an, ob Warner & Co. geschickt, technisch brillant und einigermaßen überzeugend arbeiten oder mehr im Stile von Seifenopern inszenieren.

Ebenso eindeutig ist: »Life as a House« reiht sich ein in die Serie amerikanischer Dramen, denen es um die Bedeutung von Familie und sozialem Zusammenhang in einem spezifisch amerikanischen Sinn geht. Das muss nicht negativ sein, wie zuletzt etwa »In the Bedroom« bewiesen hat. Allerdings bedienen Regisseur Irwin Winkler und Drehbuchautor Mark Andrus das Bedürfnis nach Zusammenhang und Geborgenheit mit einer Geschichte, die an vielen Punkten unglaubwürdig ist. Dass ein an Krebs erkrankter Mann, der nur noch wenige Monate zu leben hat, in der Lage sein soll, ausgerechnet ein Haus zu bauen, ist äußerst zweifelhaft. George nimmt ausschließlich starke Schmerzmittel und rackert – trotz seines körperlichen Verfalls – wie ein Bär. Dass George dann auch noch innerhalb eines Vierteljahres die familiären Probleme löst, besonders das Verhältnis zu seinem Sohn klärt und die Liebe seiner Ex-Frau zurückgewinnt – wer’s glaubt, wird selig. Also doch Seifenoper?

Ja, »Life as a House« hat etwas von Seifenoper. Die Charaktere sämtlicher Personen sind innerhalb der ersten halben Stunde des Films abgeklärt. Zudem weiß man, wohin der Zug fährt: George wird es schaffen. Als er stirbt, ist das Haus zwar nicht ganz fertig, aber alles andere ist geregelt, einschließlich der Familienchronik: George reagiert nämlich zugleich den Hass auf seinen (trotzdem geliebten) Vater ab, als er, später dann mit Sam, das alte Haus zertrümmert. Und das Ende des Films hält eine besonders seifenopernartige – Pointe, könnte man fast sagen, bereit. Zudem erscheinen die Informationen, die das Drehbuch dem Publikum über die Vergangenheit von George liefert, wie die klassischen Situationen aus der Einführung in die Psychologie für Erstsemester.

So – und trotzdem habe ich geheult! Bin ich auf diese ja nun gar nicht so geschickte, sondern zumeist allzu offensichtliche Mainstream-Inszenierung hereingefallen? Das würde ich natürlich nie zugeben, und deshalb muss mein Weinen andere Ursachen haben. Basta!

Erstens. Die Metapher vom Hausbau ist wahrlich nicht neu, aber nichtsdestotrotz deshalb kein Klischee. Der Künstler Werner Pokorny zum Beispiel beschäftigt sich seit Jahren in einem Teil seiner Arbeiten immer wieder mit dem Haus als Sinnbild für Heim, Schutz, Zusammenhang, Sinnstiftung usw. Ich liebe seine Arbeiten.

Zweitens. »Das Haus am Meer« verkündet Familiensinn. Der Film bedient entsprechende Bedürfnisse. Wenn das schon falsch sein soll, dann wären auch die entsprechenden Bedürfnisse »falsch«. Das sind sie aber nicht. Und vor allem: Winkler bedient diese Bedürfnisse, weniger eine spezielle US-amerikanische Familienideologie, wie sie aus unzähligen TV-Serien und auch Kinofilmen bekannt ist. Die »Familie«, um die es hier geht, ist viel größer als die klassische »Kernfamilie«. Es geht nicht nur um George, Sam und Robin. Es geht um Peter, den neuen Mann Robins, deren Kinder und last but not least um Colleen, Alyssa und Josh. Es geht, um es einmal so auszudrücken, um Trennungsprozesse, die zugleich auch immer Prozesse der Herstellung neuer Zusammenhänge darstellen.

Drittens: Wäre der Film nicht mit Kevin Kline, Kristin Scott Thomas und Hayden Christensen, sondern mit mittelmäßigen Schauspielern besetzt worden, wäre er eine heillose Katastrophe geworden. Will sagen: Durch die darstellerischen Leistungen besonders dieser drei Mimen, aber auch Jena Malones und Mary Steenburgens erlaubt »Life as a House« dem Zuschauer Identifizierung und Identitätsstiftung. Kristin Scott Thomas »ist« Robin Kimball. Sie vermag die Ambivalenzen der Robin überzeugend zu vermitteln. Kevin Kline »ist« George und kämpft sich in dieser Rolle bis zum Tod durch mit einem festen Willen, einiges in seinem Leben zu heilen, vor allem das Verhältnis zu seinem Sohn zu klären. Und auch Hayden Christensen spielt um einiges überzeugender als in der letzten Episode von »Star Wars«. Durch diese darstellerischen Leistungen bleibt die Essenz der erzählten Geschichte trotz der Unglaubwürdigkeit und Undifferenziertheit des Drehbuchs erhalten.

Gerade in einigen Szenen zwischen Vater und Sohn vermögen Andrus Drehbuch und Winklers Inszenierung dann eben doch zu überzeugen. George ist durch den nahen Tod unter Zeitdruck, aber er setzt sich nicht unter verzweifelnden Druck, weil er weiß, dass er dadurch nichts erreichen wird. Er erkennt, das sein Leben gescheitert ist, an vielen Punkten, dass selbst die Liebe zu Robin und ihre wiederentdeckte Liebe zu ihm keine Zukunft mehr hat. Er weiß auch, dass er erneut scheitern könnte: Es gibt keine Sicherheit, dass er das Vertrauen und die Zuneigung Sams tatsächlich erreicht. In dieser Hinsicht spielt Kline sozusagen »gegen« das Drehbuch. Er setzt es an dem Punkt außer Kraft, wo es das Ende der Geschichte (Haus gebaut, Versöhnung geglückt) vorausnimmt. Kline gelingt dies durch eine erstaunliche Identifizierung mit seiner Rolle, durch Humor, Gelassenheit, Selbstvertrauen, die nicht gespielt erscheinen, obwohl sie gespielt sind. Die Schauspieler »retten« den Film über seine genannten Schwächen hinweg – zumindest, so weit das möglich ist.

Deshalb habe ich geweint, und vor allem: weinen können! Nun weiß man, dass Filme sehr unterschiedlich aufgenommen werden, dass von Erfahrungshorizonten des eigenen Lebens bis hin zu Tagesstimmungen abhängig ist, wie ein Film »ankommt«, mal unabhängig von »logistischen« und handwerklichen Schwächen. Insofern wirkt ein Film wie »Das Haus am Meer« vielleicht auch generationenspezifisch. Ich konnte jedenfalls – trotz aller Mängel – mit Kline »warm werden«. Er spielt eine Identifikationsfigur, jedenfalls für Menschen, die einen irgendwie ähnlichen Erfahrungshorizont haben mögen.

Fazit
Selbstverständlich ist auch dieser Film »am Reißbrett entworfen« – wo denn bitte schön sonst? Kennt jemand einen Film, der nicht konstruiert ist? Das gilt selbst für Dokumentarfilme. Die einzige Frage ist, ob er gut oder schlecht konstruiert ist, ob er wirkliche Gefühle glaubhaft bedienen kann oder nicht, ob er dramaturgisch und schauspielerisch, handwerklich gut produziert ist oder nicht. »Life as a House« hinterlässt in diesem Sinn einen zwiespältigen Eindruck. Wie gesagt: Kline, Scott Thomas und Christensen retten den Streifen vor dem totalen Abgleiten in TV-Familienkitsch. Und die Stärke des Drehbuchs liegt zumindest darin, dass es keinen billigen Aufguss (nicht nur) amerikanischer Familienideologie darstellt. Immerhin. Hätten sich die Produzenten entscheiden können, auch in der Story und der Psychologie glaubhaft zu sein, hätte ein bravouröser Film daraus werden können.

(1) Zitate aus www.angelaufen.de

Das Haus am Meer
(Life as a House)
USA 2001, 125 Minuten
Regie: Irwin Winkler
Drehbuch: Mark Andrus
Musik: Mark Isham
Kamera: Vilmos Zsigmond
Schnitt: Julie Monroe
Spezialeffekte: –
Hauptdarsteller: Kevin Kline (George Monroe), Kristin Scott Thomas (Robin Kimball), Hayden Christensen (Sam Monroe), Jena Malone (Alyssa Beck), Mary Steenburgen (Colleen Beck), Mike Weinberg (Adam Kimball), Scotty Leavenworth (Ryan Kimball), Ian Somerhalder (Josh), Jamey Sheridan (Peter Kimball), Scott Bakula (Officer Kurt Walker)
Offizielle Homepage: http://www.warnerbros.de/movies/lifeasahouse/
Internet Movie Database: http://us.imdb.com/Title?0264796
Weitere Filmkritik in »Chicago Sun-Times« (Roger Ebert):
http://www.suntimes.com/ebert/ebert_reviews/2001/10/102607.html


© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)

20 Bewertungen, 2 Kommentare

  • XXLALF

    01.05.2010, 16:48 Uhr von XXLALF
    Bewertung: besonders wertvoll

    ja, ja. schaffe, schaffe, häusle baue und net nach de mädla schaue. *lach* und ganz liebe grüße

  • Sayenna

    15.12.2006, 12:22 Uhr von Sayenna
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh & Kuss :-)