Tschick (Taschenbuch) / Wolfgang Herrndorf Testbericht

ab 4,23
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Summe aller Bewertungen
  • Handlung:  sehr spannend
  • Niveau:  anspruchsvoll
  • Unterhaltungswert:  sehr hoch
  • Spannung:  sehr hoch
  • Humor:  sehr humorvoll
  • Stil:  durchschnittlich

Erfahrungsbericht von LilithIbi

"Was jetzt noch fehlte, war die Demütigung."

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

„So langsam kriegten das natürlich auch die Lehrer mit, und ein paarmal wurde Tschick ermahnt und nach Hause geschickt. Es gab auch Gespräche mit ihm hinter den Kulissen, aber die Schule unternahm erstmal nicht viel. Immerhin hatte Tschick ein schweres Schicksal oder so was, und weil nach dem PISA-Test sowieso jeder beweisen wollte, dass auch asige, besoffene Russen auf einem deutschen Gymnasium eine Chance hatten, gab es keine richtige Strafe. Nach einer gewissen Zeit beruhigte sich dann die Lage. Was mit Tschick los war, wusste zwar immer noch keiner. Aber er kam in den meisten Fächern einigermaßen mit.“
(Zitat, S. 52)

Der Autor Wolfgang Herrndorf begegnete mir persönlich erstmalig durch sein Werk „In Plüschgewittern“ ~ ein Buch, welches mich seinerzeit durchaus ansprach, welches ich offen gestanden jedoch rasch wieder in Vergessenheit geraten ließ. Der 254seitige derzeitige Spiegel-Besteller

==“Tschick“==
hingegen weckte mein Interesse bereits durch eine frühe Buchrezension, wobei diese den Stein des Kaufanstoßes erst kürzlich wiedererwecken konnte. Für 8,99€ ergatterte ich nunmehr die Taschenbuchausgabe, welche ich Dank der mitreißerischen Erzählperspektive des 14jährigen Maik Klingenberg zügig durchlas und mich durchaus wohlig unterhalten fühlte.

So locker das quasi „Roadmovie in Buchform“ hier und dort auch erscheint, so tiefgründig geht es an anderer Stelle zu Werke: oftmals bleibt dem Leser das Amüsement im Halse stecken, wenn dieser die Skurrilitäten des Alltags erst im zweiten Moment als eher überlegenswert-klug denn komisch entlarvt:

„Seit ich klein war, hatte mein Vater mir beigebracht, dass die Welt schlecht ist. Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Trau keinem, geh nicht mit Fremden und so weiter. Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. Wenn man Nachrichten guckte: der Mensch ist schlecht. Wenn man Spiegel TV guckte: der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war. (…) Auf sowas sollte man in der Schule vielleicht auch mal hinweisen, damit man nicht völlig davon überrascht wird. Ich war jedenfalls so überrascht, dass ich nur noch rumstotterte.“
(Zitat, S. 209)

Generell geht es in dem Roman „Tschick“ um eine unvergessliche Reise inmitten der Sommerferien. Der neue Mitschüler Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, fährt im gestohlenen Wagen bei Maiks elterlichen Villa vor, überredet diesen, mit ihm die vor ihn liegende planlose Zeit damit zu verbringen, in die Walachai zu fahren. Beide sind vollkommen überfordert von ihrem Unterfangen, lassen sich davon jedoch keinesfalls bremsen. Mehr schlecht als recht brettern die Schüler durch die Prärie ~ und der Entstehung einer wundersamen Freundschaft entgegen.
Mag sein, dass der Autor Wolfgang Herrndorf sich ein paar Klischees oder gar Übertriebenheiten zuviel bedient, die auftauchenden Charaktere ein bis zwei mal zu viel sich als absonderlich entpuppen und die Glaubwürdigkeit darunter leidet. Gleichermaßen erscheinen die Erlebnisse der beiden Jugendlichen jedoch so derartig weit hergeholt, dass man sich eben doch vorstellen kann, dass sich dies so oder so ähnlich ereignen könnte.

Was mich persönlich auf den ersten Buchseiten befremdete ist der Umstand, dass die Lektüre mit ein paar Kritiken über eben jenes Werk beginnt. Solcherlei findet man oftmals auf dem Klappentext respektive den letzten Seiten, so dass ich für meinen Teil es noch einen Deut unglücklicher finde, die Erwartungshaltung des Lesers durch die huldvollen Worte derartig hochzuschrauben. Ein paar Kritiken stimmen mich nach wie vor stutzig, würde ich persönlich insbesondere Christine Westermann's Worte eher zaghaft unterstreichen statt vollständig abnicken ~ doch im Grunde genommen spielt dies bekanntlich keinerlei Rolle.

Erfreulicherweise wurde ich im Gesamtwerk nur kurzweilig enttäuscht, dementgegen des öfteren von der innewohnenden Melancholie oder gar Grausamkeit, die sich oft erst auf im Nachhinein offenbart, positiv berührt.
Während meiner Vermutung nach der Großteil der Leser auf den Trugschluss „Tschick = schlechte Familienverhältnisse nebst Vernachlässigung; Maik = eher gegenteiliges“ hereinfällt, geraten erst auf den letzten Buchseiten jene er(n)ste erwähnte Umstände zurück ins Bewusstsein.
Passagen über Psychiatrie-Aufenthalte werden derartig wahnwitzig witzig dargeboten, dass sich die Fassungslosigkeit gekonnt hinter der fast-schon-Begeisterung versteckt. Dass jene Schilderungen keineswegs realitätsfern sind, setzt dem Szenario in jedweder Hinsicht die Krone auf.

Man mag bemängeln, dass „Tschick“ einerseits zu viele Wehmutsfiguren einführt, die gewisse Rätsel aufgeben, düstere Ahnungen erwecken und leserliche Unruhe verursachen, während andererseits der Ausgang des Buches als absolut beschönigende Natur angesehen werden könnte.
Positiv hervorzuheben durchaus die Tatsache, dass Maik offenkundig gar nicht merkt, wie sehr er immer tiefer in kriminelle Machenschaften hineingezogen wird. Aus seinem ursprünglichen Motto, schlicht und ergreifend weniger langweilig zu sein, wird nach und nach der eiserne Wille, sich möglichst nicht erwischen zu lassen. Die ein oder andere Flucht vor diversen Polizisten mag erneut etwas zu hanebüchen erscheinen, unterstützt die Lektüre jedoch dabei, ihr irriges Tempo beizubehalten.

Trostlosigkeit meets Abenteuerlust ~ so sehr mir als Leser bewusst war, dass Maik und Tschick sich alles andere auf dem rechten Pfad befanden, so sehr fieberte ich nichtsdestominder mit beiden Charakteren mit. Tschick, der anfänglich recht undurchsichtig daherkommt, offenbart im Laufe des Buches nicht viel von sich ~ Sympathien sammelt er aller verbrecherischen Energie zum Trotze. An keiner Stelle mag man den symbolischen Zeigefinger erheben, gönnt den Protagonisten nichts schlechtes, sondern fühlt sich vielmehr ebenfalls auf die Seite derer verschlagen, die als fast-Einzige nicht auf die Party der heimlich verehrten Klassenkameradin eingeladen werden.

Momente, in denen auch Tschick sich scheinbar selbstironisch über seine Herkunft auslässt, gehen nicht spurlos an dem Leser vorbei; ahnt dieser nicht zuletzt aufgrund der einführenden Zeilen, dass Tschick längst nicht so cool ist, wie dieser vorzugeben versucht. Maik schloss ich persönlich schon allein durch die angewandte Ego-Perspektive vehement ins Herz, verfügt dieser (bzw. der Autor) über eine durchweg geniale Art, alltägliches tragischkomisch unter die Lupe zu nehmen:

„Heckel hat einen Fettbauch, hatte er schon in der Fünften, und dazu Streichholzbeine. Es ist nicht die ganz große Überraschung, dass er keinen Zentimeter vom Boden abheben kann. Eigentlich ist er in keinem Fach besonders gut, aber in Sport ist er besonders scheiße. Er ist auch Legastheniker zum Beispiel, was bedeutet, dass in Deutsch seine Rechtschreibung nicht zählt. Da kann er so viele Fehler machen, wie er will. Es zählen nur Inhalt und Stil, weil das eine Krankheit ist und er nichts dafür kann. Aber da frage ich mich schon, was er denn für Streichholzbeine kann.“
(Zitat, S. 38)

Insgesamt strotzt „Tschick“ nur so von Beobachtungen, Erläuterungen und Gedankenspielen Maiks, die man wieder und wieder lesen könnte. Obschon die Geschichte an sich an ein Jugendbuch erinnern könnte, würde ich die Äußerung (nicht nur) der Süddeutschen Zeitung zustimmen, dass die Lektüre für jede Altersklasse geeignet ist. So locker die Story auf den ersten Blick erscheint, so sehr gehen etliche Zeilen unter die Haut.
Spätestens bei der leserlichen Begegnung mit Isa flaut das pure Vergnügen ab, so sehr man zeitgleich mit Maik und Tschick bemüht ist, den bloßen Abenteuerlust-Charakter der Reise aufrecht zu erhalten.
Generell holt “Tschick“ den Leser wie auch die Protagonisten oftmals auf den harten Boden der Tatsachen zurück, erinnert kontinuierlich daran, dass eben doch nicht alles locker-leicht und lustig ist. Ein wenig erinnert die Atmosphäre an Stephen King's „Stand by me ~ Das Geheimnis eines Sommers“; ob Buch oder Film sei einmal dahingestellt.

Nach dem recht abrupten Ende der Reise müssen sich die beiden Jungs den jeweiligen Folgen stellen; über der recht offenen Ausgang des Buches mag man debattieren, streiten oder gar sich ein wenig ärgern, fühlt man sich ähnlich verloren, wie ~ was man spätestens an dieser Stelle erkennt ~ es Maik in seinem bisherigen Leben wohl ergangen sein muss.

23 Bewertungen, 2 Kommentare

  • anonym

    11.04.2012, 23:37 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Toll beschrieben. Würde mich freuen, wenn du auch bei mir vorbei schaust. GLG

  • XXLALF

    11.04.2012, 20:51 Uhr von XXLALF
    Bewertung: sehr hilfreich

    ....und einen lieben gruß