Black Box: BRD - so heißt der Titel dieses Filmes, um den es hier geht. Als Black Box wird im allgemeinen ein "System" bezeichnet, in dem der "Input" - also das, was in dieses "System" eingeht - und der "Ouput" - also das, was herauskommt und sich naturgemäß vom "Input" unterscheidet -, bekannt sind, aber das, was innerhalb dieser Box stattfindet, unbekannt ist.
Dieser Dokumentarfilm ist so eine Art Parallelbiographie von Alfred Herrhausen und Wolfgang Grams. Ersterer starb bei einem Attentat im November 1989 in der Nähe von Frankfurt/Main, für das die RAF die Verantwortung übernahm. Grams wurde der RAF zugerechnet und starb 1993 beim Versuch seiner Festnahme auf dem Bahnhof von Bad Kleinen in Mecklenburg. Wie paßt das zusammen - dieser Filmtitel und diese beiden Biographien in diesem Land BRD, einem Land, zu dessen herausragenden Merkmalen ein stark ausgebautes Mediensystem gehört, in dem es einen gut funktionierenden investigativen Journalismus gibt, dessen demokratisches System auch deshalb funktioniert, weil die Medien eine starke Kontrollfunktion übernommen haben. Warum hat der Regisseur sich dann für ein solchen Filmtitel entschieden, was sagt der Film aus?
***************
INHALT
***************
Der Film zeigt Dokumente zum Leben der beiden Hauptfiguren: Herrhausen und Grams.
Alfred Herrhausen war zum Zeitpunkt des Attentates Vorstandschef der Deutschen Bank, die größte Bank dieses Landes, relativ jung an Jahren in diese Position gelangt aufgrund seiner hohen Intelligenz, seiner ausgezeichneten kommunikativen Fähigkeiten, seines strategischen Denkens und nicht zuletzt seiner Sozialisation in einem Elternhaus, das immer auf Leistung orientiert hat. Als Vorstandschef war er sich darüber vollkommen im klaren, mit welcher Macht er - und die Banken überhaupt - ausgestattet waren (und immer noch sind) und - was relativ neu war, er bekannte sich offen dazu. Der Film zeigt Bilder, die den gesellschaftlichen Umgang Herrhausens dokumentieren, es war die Welt der Reichen und Mächtigen.
Kurz vor seinem Tod hatte Herrhausen eine Einladung nach Mexico erhalten, vom damaligen Staatspräsidenten. Dieser schilderte Herrhausen das Problem der Verschuldung der sogenannten Dritten Welt, offensichtlich so eindringlich, daß dieser sich dieses Problems annahm und sich ein Ziel stellte, daß für einen Banker eher sehr unüblich ist: eine Entschuldung auf dem Wege des (eventuell auch teilweise) Schuldenverzichtes. Auf diesem Weg schritt er, seinen Eigenschaften gemäß, kräftig voran. Dabei stieß er auf unerwartete Widerstände schon in der eigenen Bank, die so stark waren, daß er - in den Tagen unmittelbar vor seinem Tod - mit der Möglichkeit rechnete, zu scheitern: mit dieser Idee und als Vorstandschef.
Daß ausgerechnet die RAF den Hauptprotagonisten dieser beginnenden Reform im Bankenwesen umbrachte und damit evolutionäre Veränderungen hinsichtlich der Überschuldung der Dritten Welt, die dann Jahre später doch einsetzten, vorerst abrupt beendete, wirkt schon ein wenig ironisch. Das etablierte System stabilisierte sich aufgrund des Wirkens der RAF. Mit ihrem Morden hatte diese Untergrundbewegung genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie anstrebte.
Der Film zeigt auch das private Leben Herrhausens. Sehr beeindruckt hat mich die Frau von Alfred Herrhausen. Nach dem Interview mit dem Regisseur, das ich einige Tage zuvor gehört hatte, hatte ich so ein altes
Muttchen erwartet. Nichts da. Traudl Herrhausen ist eine sehr selbstbewußte Frau, die es in überzeugender Weise geschafft hat, als Ehefrau ("Frau Direktor") Mutter für ihren Mann, der permanent in der Welt unterwegs war und in der Regel erst spät abends nach Hause zurückkehrte, ein Gesprächspartner zu bleiben.
Traudl Herrhausen ist im übrigen die zweite Frau von Alfred Herhausen gewesen. Nie zuvor hatte sich ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank scheiden lassen. Herrhausen hat es getan, einkalkulierend, daß der Vorstand sein Rücktrittsangebot, das er in seine entsprechende Erklärung eingebaut hatte, annehmen würde.
Wofgang Grams stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Die Filmaufnahmen bei seinen Eltern, die als Flüchtlinge in die Bundesrepublik gekommen waren und sich dort Stück für Stück eine bescheidene Existenz aufbauten, zeigen dies immer noch sehr deutlich. Diesen kleinbürgerlichen Verhältnissen wollte Grams von Anfang an entfliehen. Jeden Tag um dieselbe Uhrzeit aufstehen, zur Arbeit gehen und wieder zurückkehren, das konnte und wollte Grams sich nicht vorstellen. Hinzu kam, daß Wofgangs Vater sich im Krieg als Freiwilliger zur Waffen-SS gemeldet hatte, ein Umstand, für den der Vater selbst in diesem Film keine überzeugende Erklärung angeben konnte, außer einem Gestammel und der Aussage, daß er doch nur dem Staat dienen wollte, und daß sich das doch Hitlerjungen gehört hätte. Vor dem Hintergrund der 68er Bewegung (Wofgang Grams ist etwa 1954 geboten - war also 1968 14 Jahre alt) führte dies fast zwangsläufig zu politischen Auseinandersetzungen im Hause Grams. Die Entstehung der RAF und deren ersten Aktionen, die kompromißlose Reaktion des Staates darauf und das Postulieren faschistischer Verhältnisse in der Bundesrepublik führten dazu, daß Grams sich gefühlsmäßig der RAF immer stärker annäherte. Dieser Prozeß hin zur RAF bleibt jedoch etwas nebulös, auch wenn sich frühere Freunde Grams dazu äußerten. Warum gerade Wolfgang Grams diesen Weg eingeschlagen hatte, war - zumindest für mich - nicht richtig nachvollziehbar.
Irgendwann erfolgte dann der Schritt in den Untergrund, verbunden mit der Idee des bewaffneten Kampfes. Ab dieser Zeit werden die Informationen über Grams sehr dünn, nur über ein einziges, konspiratives Treffen mit seinen Eltern wird berichtet. Sehr interessant war, daß Grams Eltern eine Handarbeit vorzeigten, die ihnen Wolfgang aus dem Untergrund hatte zukommen lassen. Zu dieser Handarbeit - eine Stickerei oder so etwas ähnliches - gibt es keine weiteren Informationen, sie zeigt meines Erachtens aber doch, daß Wolfgang Grams sich nie vollständig aus seiner kleinbürgerlichen Herkunft befreien konnte, auch wenn er im Untergrund lebte.
Spannend war auch in diesem Teil des Films, zu sehen, was aus den früheren Freunden Grams geworden war, wie sie auf ihrem Gehöft, in ihrer Datsche lebten - ohne daß der Film sich dies zum Thema gemacht hätte.
***************
UMSETZUNG
***************
Der Film steht in der Tradition guter Dokumentarfilme. Hier stehen ausschließlich die beiden Protagonisten und deren Verwandte und Freunde/Kollegen im Mittelpunkt, sie haben Zeit zum erzählen und für ihre Gefühle. Der Dokumentarfilmer ist nicht zu sehen und nicht zu hören, er nimmt sich also vollständig zurück. Das kann durchaus als (weiteres) Zeichen dafür gewertet werden, daß er nichts bewertet, daß er nicht dem Einen das gute und dem Anderen das schlechte Image anheftet. Er hinterfragt nicht die Macht der Banken und deren rücksichtslosen Gebrauch und er hinterfragt nicht den abstrusen Terrorismus der RAF. Die Wertung bleibt allein dem Zuschauer überlassen.
***************
FILMTITEL
***************
Der Regisseur legt Wert auf Korrektheit. So wird betont, auch in Interviews zu diesem Film, daß eine Mitwirkung von Grams an dem Attentat auf Herrhausen nicht belegt oder gar nachgewiesen ist. Wie überhaupt mehrere Anschläge auf führende Vertreter von Wirtschaft und Politik nicht aufgeklärt sind. Und wie die genauen Umstände bei der geplanten Verhaftung und Tötung von Wofgang Grams nicht aufgeklärt sind, auch wegen einer Reihe von Pannen bei Polizei und anderen beteiligten Institutionen.
Der Film zeigt Fotos vom Kind Alfred Herrhausen in militärischer Uniform in der Nazi-Zeit: Herrhausen besuchte eine Eliteschule der NSDAP. Gemeinsam mit dem Umstand der Mitgliedschaft von Grams Vater in der Waffen-SS zeigt dies die Verknüpfungspunkte an die dunkelste Vergangenheit unseres Landes, die heutzutage schon wieder so gerne verdrängt, verschlußstricht wird.
Der Film zeigt Szenen, in denen der jetzige Außenminister Fischer während der 68er Bewegung und seinen Nachwehen als Straßenkämpfer auftritt, und in der der jetzige Innenminister Schily als damaliger Anwalt an der Beerdigung von Holger Meins (einem RAF-Mitglied der ersten Generation) teilnimmt.
So zeigen sich die Beziehungslinien der "RAF-Zeit" in die Vergangenheit und in die Gegenwart. Wir kennen aus vielen Dokumentationen, Diskussionen usw. die Zeit des Dritten Reiches und damit den "Input" der "RAF-Zeit", wir kennen die Gegenwart als "Output", aber wir wissen wenig mehr über die "RAF-Zeit" als die reinen Fakten, und selbst diese ungenügend.
***************
REGISSEUR
***************
Für Buch und Regie dieses Filmes liegen in der Verantwortung von Andreas Veiel, einem 1959 geborenen Stuttgarter. Veiel studierte von 1982 bis 1988 Psychologie in Berlin, arbeitete aber nie in diesem Beruf. Es ist aber anzunehmen, daß er von seinem Wissen profitieren konnte, auch und vor allem im Umgang mit den Angehörigen und Freunden von Herrhausen und Grams. Veiel hatte zuvor bereits drei Dokumentarfilme gedreht, von denen der letzt, „Die Überlebenden“, den Hauptpreis des Internationalen Dokumentarfilmfestes München 1996 und den Adolf Grimme Preis 1998 gewann.
************
Nachtrag
************
Der Regisseur hat sich selbst geäußert zum Filmtitel, was ich Euch nicht vorenthalten will: "Black Box nennt man ja auch den Flugschreiber, der aufzeichnet, was während der Katastrophe passierte. Und der ist bis heute nicht gefunden worden".
¹ Alle Preisangaben inkl. MwSt. und ggf. zzgl. Versand. Zwischenzeitl. Änderung der Preise, Lieferzeiten & Lieferkosten sind in Einzelfällen möglich. Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr.
Black Box BRD
ein Testbericht von babyd2007-03-29 12:27:10vom 29.03.2007Empfehlung: ja
Vorteile: Der Film,der Anspruch,einfach alles...Nachteile/Kritik: nichts!
Das gutes Kino nicht notwendigerweise haarsträubende und erdachte Geschichten beziehungsweise auch keine höchstdotierten Schauspieler braucht, beweist Andreas Veiel mit seinem Dokumentarfilm "Black Box BRD".
Worum geht es in dem Film?
Gegenüber - oder nebeneinander - gestellt werden die Lebensläufe zweier deutscher Männer, die einerseits wohl kaum unterschiedlicher sein können, andererseits aber doch eine Vielzahl an Anknüpfungspunkten bieten.
Auf der einen Seite Alfred Herrhausen, der hart arbeitende, aber vom Erfolg verwöhnte, smarte Banker, der es bis zum Vorstandssprecher der deutschen Bank bringt;
auf der anderen Seite ein am politischen System der BRD zweifelnder Wolfgang Grams, der sich der RAF anschließt, um die Ungerechtigkeiten, das dieses System in seinen Augen begeht, zu bekämpfen.
Der offensichtlichste Zusammenhang, der zwischen beiden besteht, ist, dass der eine, Herrhausen, durch einen Bombenanschlag getötet wird, zu dem sich die RAF bekannt hat.
Wie wird das filmerisch umgesetzt?
Das Leben der beiden Männer wird nun nicht mithilfe von fiktiven Szenen nachgezeichnet, sondern durch eine Collage aus alten (Nachrichten)beiträgen, Bildern, privatem Filmmaterial und größtenteils Gesprächen.
Gesprochen wird mit bekannten Persönlichkeiten, wie Helmut Kohl, Hilmar Kopper oder Michael Endres; aber genauso mit Freunden Wolfgang Grams, die der Öffentlichkeit nicht bekannt sind.
Wichtigste Gesprächsparter sind aber die Witwe Herrhausens und die Eltern Grams - und die Gespräche mit ihnen sind die Stärke des Films.
Es ist kein Frage-Antwort-Spiel, das Veiel bietet - man hört nur die Antworten. Die Hinterbliebenen erzählen, schweigen, schluchzen, schütteln den Kopf, haben zuweilen Tränen in den Augen; blicken verstört und resigniert in die Kamera, lächeln aber ebenso, wenn sie von den beiden Männer erzählen - sie scheinen wirklich an den Rand des ihnen Möglichen zu gehen.
Veiel entlockt ihnen Geständnisse, privateste Geschichten; ich kann mir vorstellen, dass es sicher lange gedauert hat, bis der Regisseur dieses tiefe Vertrauen seiner Gesprächspartner gewinnen konnte; denn einfach so, spontan zwischen Tür und Angel, erzählt man nicht, was diese immer noch trauernden und fassungslosen Hinterbliebenen erzählen.
Und er lässt sie reden - ohne zu werten, ohne zu richten; er dokumentiert, werten muss man als Zuschauer selbst;
zum Beispiel darüber, ob Gewalt der richtige Weg sein kann, gesellschaftliche Probleme zu lösen; darüber, ob die RAF mit Herrhausen nicht den absolut falschen erwischt hat (soll nicht heißen, dass ich vermute, es gäbe ein richtiges, gerechtfertigtes Mordopfer!); darüber, ob die Art und Weise, wie mit der RAF umgegangen wurde, gerechtfertigt gewesen ist; darüber, ob es nicht möglich wäre, mit absolut der selben Härte heute gegen rechte Staatsfeinde vorzugehen, wie man es damals gegen die Linken gemacht hat...
Fazit:
Ein Film also, der versucht, zu zeigen, was gewesen ist; zeigt, dass Herrhausen nicht nur der Banker und Grams nicht bloß der Terrorist waren, sondern dass sie beide Menschen mit Idealen waren, die in ihrem Denken und Handeln konsequent bis zum Schluss waren.
Vielleicht bringt der Film ja keine neuen Erkenntnisse, wenn man diese Zeit am eigenen Leib erfahren hat, aber mir als 1979er Jahrgang hat er doch sehr viele neue Erkenntnisse gebracht und er hat mich berührt, wie das selten ein Film schafft.
Veiel ist es gelungen, an einem exemplarischen Beispiel ein großes Stück deutscher Nachkriegsgeschichte zu erzählen.
...
ein Testbericht von new_siveritas2002-05-27 10:05:01vom 27.05.2002Empfehlung: ja
Schon ein beeindruckendes zeitgeschichtliches Dokument, dieser Film. Parallel werden die Lebensläufe des Sprechers der deutschen Bank, Alfred Herrhausen, und des RAF –Mitgliedes Wolfgang Grams geschildert.
Herrhausen wurde 1989 von einem RAF-Kommando ermordet, Wolfgang Grams kam auf der Bahnhof Bad Kleinen nach einem Schusswechsel mit der Polizei unter zweifelhaften Umständen ums Leben.
Bis heute ist der Mord an Herrhausen unaufgeklärt, bis heute weiß man nicht, ob und an welchen Anschlägen Wolfgang Grams tatsächlich beteiligt war.
Dieser Kinofilm kommt gänzlich ohne Schauspieler aus - ein Drehbuch, dass das Leben schrieb. Immer im
Wechsel werden die Familien, Freunde und Weggefährten von Herrhausen und Grams befragt: Grams Eltern sowie sein Bruder, die Witwe und die Tochter von Alfred Herrhausen, ehemalige Mitbewohner von Wolfgang Grams, die heute ein mehr oder weniger bürgerliches Leben führen. In beiden Fällen wird der Mensch sichtbar, man erfährt viel über das Leben der beiden, jenseits von Deutscher Bank und RAF. Dabei erscheint es einem fast logisch, dass sie wurden, wie sie wurden. Weder Herrhausen noch Grams werden auf das jeweilige reduziert.
Der Film zeigt sehr deutlich, wie weh es den Angehörigen der Beiden getan hat, Mann, Vater bzw. Sohn und Bruder zu verlieren. Dennoch schönt und entschuldigt er nichts. Zwischendurch immer wieder Originalaufnahmen, von Demos wie von Treffen der Wirtschaftsbosse. Schilderungen, wie Wolfgang Grams wegen Nichtigkeiten verhaftet wurde, ehe er in das RAF- Milieu abdriftete. Aber er zeigt auch die Wege, die die anderen aus Grams Freundeskreis gingen; sie schildern, wann und wie sich ihre Wege trennten.
Ein beeindruckender Film, wer allerdings Unterhaltung erwartet, wird enttäuscht werden.
...
ein Testbericht von mussja2002-02-15 14:06:17vom 15.02.2002Empfehlung: ja
Regisseur Andreas Veiel stellt in seinem Film "Black Box" BRD die Entwicklung und Lebensgeschichte zweier menschen gegenüber, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht hätten sein können und doch so viele Ähnlichkeiten in ihrer Persönlichkeit hatten.
Auf der einen Seite ist dies Alfred Herrhausen, bis zu seinem Tod Anfang Dezember 1989 bei einem Anschlag der RAF Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Der andere ist Wolfgang Grams, mutmaßliches Mitglied der Kommandoebene der Roten Armee Fraktion, unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen im Jahre 1992 bei einer Polizeiaktion am Bahnhof von Bad
Kleinen ums Leben gekommen.
Kurz ein Wort zu meiner Beziehung zu diesen beiden Personen (die ich natürlich beide nicht persönlich kannte), bzw. dem Thema:
Der Anschlag auf Herrhausen im Dezember 89 bedeutete für mich so etwas wie den "ersten Einblick" in die radikale Form von Politik. Ich kann mich noch recht gut daran erinnern, als die Bilder des zerbombten Mercedes durch die Nachrichten geisterten. Damals war ich 16 und fragte mich, was Menschen dazu bringen kann, andere Menschen umzubringen. Jenseits einer Wertung, da ich mir dachte, es MUSS einen (oder mehrere) Gund/Gründe geben, der Menschen dazu bringt, über andere Menschen zu richten. Also besorgte ich mir entsprechende Literatur und vertiefte mich ins Thema RAF / politischer Radikalismus.
Die Polizeiaktion in Bad Kleinen war ein weiterer "black spot" in meiner politischen Entwicklung. Ich gebe zu, dass ich mir damals, als Reaktion auf die Vertuschung der Vorgänge (immerhin mußte der damalige Generalbundesanwalt Alexander von Stahl deswegen seinen Hut nehmen... black box brd...) und die Gegebenheiten selbst, mehr als nur einmal Gedanken darüber gemacht habe ob und wie ich für mich eine persönliche Konsequenz daraus ziehen kann.
Wieder zum Film:
Herrhausen war kurz vor seinem Tod als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, der mächtigsten Bank Deutschlands, der "Herr des Geldes" und de facto der mächtigste Mann im Staat (auch die Politik braucht Geld...).
Seine Entwicklung aus gutem Hause, über die Kindheit in der Nazi-Eliteschule - eiskalt läufts einem den Rücken runter beim Anblick des jungen Herrhausen in HJ-Uniform - über die wirtschaftliche Karriere im Großkonzern bis zum Top-Manager Deutschlands zeigt der Film mit Fotos und Videos akribisch auf. Kurz vor seinem Tod sprach Herrhausen sich für einen Schuldenerlass für zahlungsunfähige Länder der "dritten Welt" aus und stieß damit, nicht zuletzt im Kollegenkreis, auf Unverständnis und Ablehnung.
Herrhausen war ein Machtmensch, aber ein Machtmensch mit menschlicher Note. Den Prestigegewinn, den dieser Vorgang des Schuldenerlasses der Deutschen Bank gebracht hätte, haben seine Vorstandskollegen damals wohl nicht verstanden (und wenn man sich die Interviews mit Hilmar Kopper anhört, bis heute nicht). Insofern war Herrhausen seiner Zeit wirklich weit voraus und immer bestrebt, seine Ziele durchzubringen. Vom Typus her der Unangepasste, in seinem Bereich ein Revolutionär.
Hier kommt die Parallele zu Wolfgang Grams durch. Aufgewachsen in kleinbürgerlichen Verhältnissen stellte Grams seinem Vater schon früh die Frage nach dessen Vergangenheit in der Waffen-SS. Seine Freunde beschreiben ihn ebenfalls als Unangepassten (sic), der rigoros seine Meinung vertrat und diese auch durchsetzte. Besonders in den Interviews mit seinen Freunden und ehemaligen "Mitstreitern" wird deutlich, wie aus dem schüchternen Kriegsdienstverweigerer, für den es nie in Frage kam eine Waffe auch nur anzufassen, durch die politischen Entwicklung der spätsechziger (Vietnamkrieg, Tod von Benno Ohnesorg) und siebziger Jahre (Jagd auf Baader-Meinhof, Gefangenenbesuche, Haftbedingungen, am Schluß die Toten in Stammheim) ein Mitglied einer Bewegung wurde, die ihre Ziele offen mit Gewalt durchsetzen wollte.
Bemerkenswert ist der Verzicht des Regisseurs auf jeglichen Kommentar. Die Bilder und die Interviews der Freunde, Bekannten und Verwandten sprechen für sich. Ein Kommentar würde da nur stören.
Was jedoch fast völlig fehlt ist das Ende von Grams in Bad Kleinen, und die damit verbundenen Unklarheiten, z.B. wie sich ein schwerverletzter, von mehreren Kugeln "mannstoppender Munition" getroffener Mensch, der mit dem Rücken auf seiner Schußhand liegt, noch mit dieser Hand eine Kugel in den Kopf schießen kann. Wolfgang Grams Ende gehört sicherlich zu seinem Lebensweg, und leider läßt sich der Film hierüber so gut wie gar nicht aus.
Trotzdem ist Black Box BRD, auch abgesehen von meinem persönlichen Interesse, uneingeschränkt zu empfehlen. Selten habe ich ein Kino so verstört verlassen wie nach diesem Film.
ACHTUNG: Dieser Beitrag wurde von mir bereits am 10.06.01 bei ciao.com gepostet und unmittelbar darauf auch bei yopi eingestellt.
Aufgrund des Server-GAU´s bei yopi stelle ich diesen Bericht hiermit wieder ein, evtl. zeitliche und andere Unstimmigkeiten bitte ich zu entschuldigen.