Amoklauf in Erfurt Testbericht

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Erfahrungsbericht von FloVi

Die Mörder-Macher!?

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Was in Amerika schon fast an der Tagesordnung zu sein scheint, mussten wir nun am eigenen Leibe erfahren. Ausgestattet mit einem Tötungswerkzeug betritt der Täter seine ehemalige Schule in Erfurt und ermordet systematisch die Lehrer, verursacht dabei auch den Tod der Menschen, die er mal als Mitschüler bezeichnet hat. Das alles weil er von der Schule flog und nicht zum Abitur zugelassen wurde, was in Thüringen bedeutet überhaupt keinen Abschluss zu haben.

Während wir noch völlig geschockt die Ereignisse am Fernsehen verfolgen, hat die Politik bereits einen Schuldigen gefunden, gewalttätige Filme und Computerspiele sind es, die aus Kindern Mörder machen und das Internet unterstützt sie dabei. Flugs werden Krisensitzungen einberufen, Gespräche müssen her mit den Verantwortlichen der diversen Branchen und ganz nebenbei soll das Waffengesetz modifiziert werden.

War es das?

Die alte Frage taucht wieder auf, machen Gewaltdarstellungen in Filmen und Spielen wirklich aggressiv? Bisher konnte das niemand nachweisen oder widerlegen. Doch für die Politiker ist es ein Fakt und sie zeigen Entschlossenheit, das Übel bei der vermeintlichen Wurzel zu packen. Dabei sollte allen klar sein, dass wir es hier bestenfalls mit nur einem Aspekt eines äußerst vielschichtigen Problems zu tun haben. Doch unsere Regierung, im Schulterschluss mit der Opposition, ignoriert dies geflissentlich und die Gründe dafür liegen auf der Hand. Schnelle Ergebnisse müssen her und mit den eingeleiteten Maßnahmen kann man - einigermaßen effektiv - Handlungsfähigkeit vortäuschen, wo eigentlich nur Hilflosigkeit herrscht.

Und wer ist nun wirklich Schuld an der Katastrophe?

Die Antwort ist so simpel wie unangenehm: Wir alle, jede/r einzelne.

Es wird in solchen Situationen gern mit dem Finger auf die verkommene Gesellschaft gezeigt, und das nicht einmal zu unrecht. Verdrängt wird aber mindestens ebenso gern, wer diese Gesellschaft mit ihrem System eigentlich bildet:

- Politik
Sie zeichnet sich aus durch Bigotterie und Heuchelei. Korruption findet man im Beamtenapparat ebenso wie in den oberen Etagen der Parteienführung. Die angebliche parlamentarische Demokratie existierte schon kurz nach ihrer Einführung im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg nicht mehr, der Beweis dafür ist das Parlament selbst, denn wie demokratisch ist ein Staat, dessen Legislative mit einer überwältigenden Mehrheit aus seinen eigenen Angestellten besteht?

Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut. Davor ist niemand gefeit, also sollte es nicht wundern, wenn die Realität diese Theorie täglich unter Beweis stellt. Alles Streben, Denken und Handeln unserer Volks-Manager ist nur auf ein Ziel ausgerichtet, die Wiederwahl. Das Erhalten des Status Quo ist für die Regierungspartei oberste Maxime, während für die Opposition die Machtergreifung oberste Priorität hat. Um das zu erreichen ist so gut wie kein Mittel zu schäbig, alles ist erlaubt, Tiefschläge sind erwünscht.
- Fernsehen
Einschaltquote, Werbekunden, Gewinnzone. Das alles erreicht man nur durch ein Höchstmaß an Populismus. Am Brot und Spiele-Konzept hat sich kaum etwas geändert, lediglich das Brot ist überflüssig geworden (wäre auch praktisch kaum noch durchführbar). Was bleibt sind die Spiele und hier ist kein Niveau zu tief, Tabus existieren nicht mehr, Wertevermittlung ist ein Relikt aus alten Zeiten und tödlich für die Kundenbindung. Selbst die (daran gemessen) verstaubten öffentlich-rechtlichen Sender haben sich längst angepasst, nur durch Gesetze und Verordnungen noch zu Sendungen verpflichtet die niemand sehen will. Politmagazine decken einen Skandal nach dem anderen auf. Talkshows pervertieren zu Selbstinszenierungen der Politiker und seit einigen Jahren auch des ganz normalen Menschen. Normal? Was uns in den Daily Talks geboten wird, holen die Programmverantwortlichen auch der untersten Proll-Schublade, die Peinlichkeitsskala ist nach oben offen und Prügeleien sorgen für einen Quotenanstieg. Da werden Meinungen zu Ausländern und Selbstjustiz beinahe kommentarlos geäußert, der Moderator wird zum Anheizer. Und um die Zeit zwischen den Werbeblöcken zu füllen braucht es publikumsträchtige Filme, vorzugsweise voll gepackt mit Gewalt und Sex, am besten direkt miteinander kombiniert.

- Die Schule
Wie oft habe ich diesen Spruch schon gehört: Kind, Du lernst nicht für die Schule, Du lernst für das Leben.
Doch das stimmt nicht. Man lernt höchstens für den Teil des Lebens, der eigentlich untergeordnet sein sollte, die Arbeit. Der größte Teil der Bevölkerung schleppt sich mit einer so genannten negativen Motivation dort hin, Arbeit ist lediglich Mittel zum Zweck. Ein notwendiges Übel um die Freizeit mit den Annehmlichkeiten füllen zu können, die uns von der Werbung als unabdingbar angepriesen werden.
Eine Vorbereitung auf das Leben ist das sicher nicht, denn dazu gehört mehr als die Vermittlung von Leistungsdruck. Täglich erfahren unsere Kinder, dass harte Arbeit allein nicht ausreicht. Ellenbogen sind erforderlich, denn Schule bedeutet nicht nur das Streben nach Zensuren. Man muss dazugehören, will man die Zeit überleben. In den Pausen herrscht ein Überlebenskampf der mit Statussymbolen ausgetragen wird, wer kein Handy hat ist außen vor, Markenjeans sind Pflicht. Die Kommunikation findet via SMS statt. Einhundertundsechzig Zeichen reichen aus, für den immer mehr verkümmernden Wortschatz beinahe schon zu viel.

Die Lehrer interessiert das nicht sonderlich, sie sind froh wenn sie den Tag rumkriegen und dabei einigermaßen ihr Pensum einhalten können. Motivierte Referendare sind voll gestopft mit überkommenen Lehrmethoden und kaum in der Lage die von MTV und VIVA konditionierten Kids an ein konzentriertes Lernen zu führen, das Ergebnis ist oft Resignation und der Wille alles besser zu machen als die eigenen Lehrer geht unter, die ganze Kraft geht drauf um nicht so zu werden wie die alten Hasen im Lehrerzimmer, ein Kampf den sie im Grunde schon verloren haben.

- Die Gesellschaft
Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen,
mit Geld, das wir nicht haben,
um Leute zu beeindrucken, die wir nicht kennen.

Es gab eine Zeit, in der ich über diesen Spruch geschmunzelt habe, doch heute weiß ich, dass er die Prioritäten unseres Daseins treffend beschreibt.

Wir sind Egoisten, unser Blick reicht kaum über den Tellerrand der eigenen unmittelbaren Familie hinaus und soziale Kompetenz ist nur ein leeres Schlagwort in Stellenangeboten. Menschen werden nach einem Schönheitsideal bewertet das junge Mädchen in die Magersucht treibt, verblendet durch die vorgeblich perfekte Werbewelt. Die Macken und Fehler der Anderen schlachtet man brutal aus, nur um (sich selbst) von den eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken.

Werte wie Treue und Zuverlässigkeit sind viel zu unbequem geworden, das gilt ganz besonders für Subsysteme wie Politik und Wirtschaft. Doch auch wir haben diese Einstellung gern übernommen und dienen damit als Vorbild für die Jugend.

Und wenn dann mal jemand austickt und ein Dutzend Menschen umbringt, zeigen wir ehrliche Betroffenheit. Etwa eine Woche lang, dann gehen wir wieder zur Tagesordnung über, schließlich gibt es Politiker, die sich darum kümmern können. Immerhin haben wir sie ja gewählt und unsere Bürgerpflicht damit abhaken können.

Mir ist klar, dass ich hier ein besonders düsteres Bild gezeichnet habe, und es ist bestimmt noch nicht so krass, doch wir sind nicht weit davon entfernt. Die sozialen Strukturen bieten kaum noch emotionalen Halt, eine Wertevermittlung findet meist nur oberflächlich durch kitschige Filme und Fernsehserien statt.

Der Trend geht eindeutig in diese Richtung und es wird immer schneller voranschreiten, denn spätestens die nächsten Politiker sind Kinder dieses Systems. Doch schon heute ist die Degeneration unserer Gesellschaft derart weit, dass es vermutlich einen richtig großen Knall braucht, um der Entwicklung entgegenzuwirken. So traurig das ist, aber da reichen ein paar tote Lehrer und Schüler nicht aus, die Reaktion unserer Politiker beweist das nur zu deutlich.

Florenz Villegas

17 Bewertungen, 2 Kommentare

  • anonym

    13.05.2002, 16:42 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    wohl wahr, wir brauchen mehr als ein paar tote Leute, die wir nicht mal persönlich kannten. Mittlerweile ist schMuhmachers Ö-Sieg wichtiger als Erfurt, und der Kanzler hat sein betroffenes Gesicht gegen eine Polemik-Fratze für WEsterwelle ei

  • Tomasso1

    13.05.2002, 16:18 Uhr von Tomasso1
    Bewertung: sehr hilfreich

    ja und die musik ist auch noch schlecht..hast du vergessen...alle wissen was schlecht ist..und wann wird gehandelt..erst,wenn was passiert...zum kotzen...