Documenta Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
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Erfahrungsbericht von mila_star
Quantität statt Qualität?
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Nein
Die Documenta - wirklich eine der wichtigsten Ausstellungen von Welt?
Dorthin verschlagen hat es mich durch einen Schulausflug. Schon Wochen vorher schwärme uns unsere Kunstlehrerin was von der Documenta vor, wie toll und genial die Sachen dort doch seien und und und.
Beim vorbeifahren am ersten Documenta Gebäude traute ich meinen Augen nicht. In dieser alten, heruntergekommenen Fabrik sollte eine weltwichtige Ausstellung stattfinden? Aber irgendwie hatte das ganze ja auch Flair.
Trotzdem brachte diese Erkenntnis meine Kritik nicht zum schweigen. Kartenverkauf, Garderobe, Toiletten und Information bestanden lediglich aus transportierbaren und unansehnlichen Containern.
Die nächste Krise fand an der Garderobe statt: “Nö, für jeden einzelnen Rucksack haben wir keinen Platz,“ wurde uns gesagt, „die kommen alle auf einen Haufen. Wieviel seit ihr denn?“ Bescheidene 150 Leute. Wenigstens konnten wir sie dazu überreden die Rücksäcke nach Klassen zu sortieren. Die weltwichtige Ausstellung scheint also so gar nicht auf Weltandrang ausgelegt zu sein.
Dann die große Verwirrung damit, dass die Ausstellung auf verschiedene Stationen in der ganzen Stadt verteilt liegt. Die Stationen sind Binding-Brauerei, Fridericianum, Documenta-Halle, Kulturbahnhof und Orangerie/Karlsaue. Letztere beide Stationen habe ich nicht besichtigt, was bei der Fülle von Ausstellungsobjekten der gesamten Documenta auch unmöglich ist an einem Tag.
Zwischen den Stationen verkehren mit der Eintrittskarte zu nutzende Shuttlebusse, die eigentlich einen ganz einfachen Transfer bieten sollten. Aber von wegen einfach. Möchte man vom Fridericianum zum Kulturbahnhof, so muss man erst mal zurück zur Binding-Brauerei und von dort aus über die Orangerie zum gewünschten Ziel.
Ohne Documenta-Plan und Ortskenntnisse ein Ding der Unmöglichkeit.
Nun aber genauer zur Kunst:
Binding-Brauerei:
Eine einzige Enttäuschung. Viele Fotos, viel zu viele, überall Bildschirme mit laufenden Videos, deren Aussage, Sinn oder auch einfach nur hübscher Anblick mir entweder völlig fremd blieb oder nicht vorhanden ist.
Lediglich in etwa fünf Räumen war ich der Meinung, dass der Künstler wirklich was drauf hat und sich mit seinem Werk Mühe gemacht hat.
Genauso gering ist die Zahl der Räume, in denen man wirklich gemalte Sachen findet.
Obwohl auch andere Räume gestalterisch was herboten. Da waren z.B. Puppen in barockähnlichen, sehr bunten Klamotten, die Geschlechts- und Oralverkehr darstellten. Sogar einen „flotten Dreier“ gabs zu sehen. Alle Puppen hatten keinen Kopf auf dem Hals. Drumherum an den Wänden große Gemälde mit absolut neumoderner Malerei (Passte leider nicht ganz zusammen).
Ein anderer „Künstler“ hat Stofftiere genäht und an Fäden gehängt, so dass sie sich bewegten, am Boden langschliffen oder in der Luft rumflatterten.
Beide Beispiele ganz nett anzusehen, aber Kunst?
Was auf mich sehr imposant wirkte war ein Raum, wo auf dem Boden allerhand an Rädern lag. Darüber türmte sich ein löchriges Gebilde aus Holz. Aber was das nun aussagen sollte weiß ich wirklich nicht.
Dann ein Raum hinter einem Vorhang. Außen steht „Zutritt nur für Erwachsene“. Also gleich rein, in der Hoffnung endlich mal was spannendes zu finden. Und was erwartete uns? Drei große Leinwände, nebeneinander gestellt, auf denen ein Ballerspiel aus drei verschiedenen Spielerperspektiven lief. Die Besucher dürfen selbst spielen. Kommentar meiner männlichen Begleiter:“ Die Maus klebt auf dem Pad und die Steuerung ruckt auch, eignet sich ja nicht mal zum richtig Zocken.“
Documenta Halle:
Wenig Inhalt, ein paar Filme, noch schwachsinnigeres Zeug als in der Binding Brauerei.
Fidericianum:
Hier wurde es endlich mal ein wenig interessanter. Neben den üblichen Fotos von arbeitenden Menschen und stink normalen Häusern fanden sich recht ansprechende Bilder und Gebilde.
Eine Sache hatten wir vorweg im Kunstunterricht erklärt bekommen, also freute ich mich darauf endlich mal den Zweck eines dieser Kunstwerke zu verstehen. Da sollten also drei Lichttafeln sein, mit Fakts die die Menschheit eigentlich aufregen sollte, danach geht es durch einen dunklen Gang in einen extrem hellen Raum, die Blendung soll einen wachrütteln.
Auch hier wurden meine Erwartungen enttäuscht. Man hätte diese Arbeit so schön ausgestalten können, doch auch hier zählte wieder nur die reine Botschaft. Die Lichttafeln bestanden aus weißer Schrift auf einer braunen Wand, der Lichtraum sah einfach nur unfertig aus.
Im Fridericianum bin ich aber auf den einzigen Film gestoßen der mich wirklich erreicht hat. Zu sehen war jeweils immer nur ein Dia, aber der Ton war durchgehend, wie in einem Film. Man kann sich so sehr gut in die jeweils zuerst gezeigte Situation hineindenken. Es handelt von einem kleinen afrikanischen Land, in dem die Tutsi (Minderheit) verfolgt und ausgerottet wurden. Man sieht Menschen auf einem Acker schaufeln (sieht nach normal arbeitenden Bauern aus), dann sieht man die Knochenteile der Leichen die sie ausheben um sie richtig zu begraben. Man sieht spielende Kinder in einer Schule, danach nur das zerschossene Klassenzimmer und die verwesenden Leichen des Massakers. Man sieht eine Frau singen, danach sieht man sie in einer Zelle an die kleine Fensteröffnung (einzige Lichtquelle) gepresst, weinend. Man sieht eine Familie in ihrem Haus, danach sieht man die Überreste des Hauses, die Familie ist nicht mehr da.
Man sieht Menschen gemeinsam protestieren, darauf folgen Bilder eines weiteren Massakers. Leichen dicht an dicht, und überall Leichen. Und bei solchen Bildern stille. Eine fressende Stille.
Doch dies ist kein RTL Flutkatastrophen-Bericht der Mitleid wecken will, nein, man hört nebenbei den Radiosender des Landes: Fröhliche Melodien und erheiternde Moderatoren, die den Volksbestandsrückgang der Tutsi von 10% auf 8% feiern.
Dieser Film hat wirklich wachgerüttelt, besonders durch seine unparteiische Informationsvermittlung.
Und was mich an diesem Punkt wirklich aufregt ist folgendes:
Bei einem ComputerSPIEL, in dem virtuelle Menschen abgeschossen werden, ist der Zutritt für Minderjährige verboten. Bei einer DOKUMENTATION von Massenmorden steht nichts derart.
Zurück zur Documenta allgemein:
Die Räume sind sehr verschachtelt, besonders im Fridericianum mit seinen drei Stockwerken wird’s schwierig sich zu merken wo man Räume ausgelassen hat und wir man dorthin zurück kommt.
Es stellen Künstler aus den verschiedensten Ländern aus, besonders auch aus Afrika. Es ist also mehr als nützlich, über Englisch- und Französischkenntnisse zu verfügen.
Was meine nächste Kunststunde betrifft tippe ich mal auf was Thema was Kunst denn nun sein soll.
Ist es für das Auge etwas Schönes, für den Verstand etwas Raffiniertes?
Reine Informationsvermittlung à la Tageszeitung in aufwendiger Form?
Oder alles zusammen?
Wenn ja, was nützt es dann, wenn der „Normalverbraucher“ es nicht versteht?
Die Documenta11 läuft noch bis zum 15.September 2002
Dorthin verschlagen hat es mich durch einen Schulausflug. Schon Wochen vorher schwärme uns unsere Kunstlehrerin was von der Documenta vor, wie toll und genial die Sachen dort doch seien und und und.
Beim vorbeifahren am ersten Documenta Gebäude traute ich meinen Augen nicht. In dieser alten, heruntergekommenen Fabrik sollte eine weltwichtige Ausstellung stattfinden? Aber irgendwie hatte das ganze ja auch Flair.
Trotzdem brachte diese Erkenntnis meine Kritik nicht zum schweigen. Kartenverkauf, Garderobe, Toiletten und Information bestanden lediglich aus transportierbaren und unansehnlichen Containern.
Die nächste Krise fand an der Garderobe statt: “Nö, für jeden einzelnen Rucksack haben wir keinen Platz,“ wurde uns gesagt, „die kommen alle auf einen Haufen. Wieviel seit ihr denn?“ Bescheidene 150 Leute. Wenigstens konnten wir sie dazu überreden die Rücksäcke nach Klassen zu sortieren. Die weltwichtige Ausstellung scheint also so gar nicht auf Weltandrang ausgelegt zu sein.
Dann die große Verwirrung damit, dass die Ausstellung auf verschiedene Stationen in der ganzen Stadt verteilt liegt. Die Stationen sind Binding-Brauerei, Fridericianum, Documenta-Halle, Kulturbahnhof und Orangerie/Karlsaue. Letztere beide Stationen habe ich nicht besichtigt, was bei der Fülle von Ausstellungsobjekten der gesamten Documenta auch unmöglich ist an einem Tag.
Zwischen den Stationen verkehren mit der Eintrittskarte zu nutzende Shuttlebusse, die eigentlich einen ganz einfachen Transfer bieten sollten. Aber von wegen einfach. Möchte man vom Fridericianum zum Kulturbahnhof, so muss man erst mal zurück zur Binding-Brauerei und von dort aus über die Orangerie zum gewünschten Ziel.
Ohne Documenta-Plan und Ortskenntnisse ein Ding der Unmöglichkeit.
Nun aber genauer zur Kunst:
Binding-Brauerei:
Eine einzige Enttäuschung. Viele Fotos, viel zu viele, überall Bildschirme mit laufenden Videos, deren Aussage, Sinn oder auch einfach nur hübscher Anblick mir entweder völlig fremd blieb oder nicht vorhanden ist.
Lediglich in etwa fünf Räumen war ich der Meinung, dass der Künstler wirklich was drauf hat und sich mit seinem Werk Mühe gemacht hat.
Genauso gering ist die Zahl der Räume, in denen man wirklich gemalte Sachen findet.
Obwohl auch andere Räume gestalterisch was herboten. Da waren z.B. Puppen in barockähnlichen, sehr bunten Klamotten, die Geschlechts- und Oralverkehr darstellten. Sogar einen „flotten Dreier“ gabs zu sehen. Alle Puppen hatten keinen Kopf auf dem Hals. Drumherum an den Wänden große Gemälde mit absolut neumoderner Malerei (Passte leider nicht ganz zusammen).
Ein anderer „Künstler“ hat Stofftiere genäht und an Fäden gehängt, so dass sie sich bewegten, am Boden langschliffen oder in der Luft rumflatterten.
Beide Beispiele ganz nett anzusehen, aber Kunst?
Was auf mich sehr imposant wirkte war ein Raum, wo auf dem Boden allerhand an Rädern lag. Darüber türmte sich ein löchriges Gebilde aus Holz. Aber was das nun aussagen sollte weiß ich wirklich nicht.
Dann ein Raum hinter einem Vorhang. Außen steht „Zutritt nur für Erwachsene“. Also gleich rein, in der Hoffnung endlich mal was spannendes zu finden. Und was erwartete uns? Drei große Leinwände, nebeneinander gestellt, auf denen ein Ballerspiel aus drei verschiedenen Spielerperspektiven lief. Die Besucher dürfen selbst spielen. Kommentar meiner männlichen Begleiter:“ Die Maus klebt auf dem Pad und die Steuerung ruckt auch, eignet sich ja nicht mal zum richtig Zocken.“
Documenta Halle:
Wenig Inhalt, ein paar Filme, noch schwachsinnigeres Zeug als in der Binding Brauerei.
Fidericianum:
Hier wurde es endlich mal ein wenig interessanter. Neben den üblichen Fotos von arbeitenden Menschen und stink normalen Häusern fanden sich recht ansprechende Bilder und Gebilde.
Eine Sache hatten wir vorweg im Kunstunterricht erklärt bekommen, also freute ich mich darauf endlich mal den Zweck eines dieser Kunstwerke zu verstehen. Da sollten also drei Lichttafeln sein, mit Fakts die die Menschheit eigentlich aufregen sollte, danach geht es durch einen dunklen Gang in einen extrem hellen Raum, die Blendung soll einen wachrütteln.
Auch hier wurden meine Erwartungen enttäuscht. Man hätte diese Arbeit so schön ausgestalten können, doch auch hier zählte wieder nur die reine Botschaft. Die Lichttafeln bestanden aus weißer Schrift auf einer braunen Wand, der Lichtraum sah einfach nur unfertig aus.
Im Fridericianum bin ich aber auf den einzigen Film gestoßen der mich wirklich erreicht hat. Zu sehen war jeweils immer nur ein Dia, aber der Ton war durchgehend, wie in einem Film. Man kann sich so sehr gut in die jeweils zuerst gezeigte Situation hineindenken. Es handelt von einem kleinen afrikanischen Land, in dem die Tutsi (Minderheit) verfolgt und ausgerottet wurden. Man sieht Menschen auf einem Acker schaufeln (sieht nach normal arbeitenden Bauern aus), dann sieht man die Knochenteile der Leichen die sie ausheben um sie richtig zu begraben. Man sieht spielende Kinder in einer Schule, danach nur das zerschossene Klassenzimmer und die verwesenden Leichen des Massakers. Man sieht eine Frau singen, danach sieht man sie in einer Zelle an die kleine Fensteröffnung (einzige Lichtquelle) gepresst, weinend. Man sieht eine Familie in ihrem Haus, danach sieht man die Überreste des Hauses, die Familie ist nicht mehr da.
Man sieht Menschen gemeinsam protestieren, darauf folgen Bilder eines weiteren Massakers. Leichen dicht an dicht, und überall Leichen. Und bei solchen Bildern stille. Eine fressende Stille.
Doch dies ist kein RTL Flutkatastrophen-Bericht der Mitleid wecken will, nein, man hört nebenbei den Radiosender des Landes: Fröhliche Melodien und erheiternde Moderatoren, die den Volksbestandsrückgang der Tutsi von 10% auf 8% feiern.
Dieser Film hat wirklich wachgerüttelt, besonders durch seine unparteiische Informationsvermittlung.
Und was mich an diesem Punkt wirklich aufregt ist folgendes:
Bei einem ComputerSPIEL, in dem virtuelle Menschen abgeschossen werden, ist der Zutritt für Minderjährige verboten. Bei einer DOKUMENTATION von Massenmorden steht nichts derart.
Zurück zur Documenta allgemein:
Die Räume sind sehr verschachtelt, besonders im Fridericianum mit seinen drei Stockwerken wird’s schwierig sich zu merken wo man Räume ausgelassen hat und wir man dorthin zurück kommt.
Es stellen Künstler aus den verschiedensten Ländern aus, besonders auch aus Afrika. Es ist also mehr als nützlich, über Englisch- und Französischkenntnisse zu verfügen.
Was meine nächste Kunststunde betrifft tippe ich mal auf was Thema was Kunst denn nun sein soll.
Ist es für das Auge etwas Schönes, für den Verstand etwas Raffiniertes?
Reine Informationsvermittlung à la Tageszeitung in aufwendiger Form?
Oder alles zusammen?
Wenn ja, was nützt es dann, wenn der „Normalverbraucher“ es nicht versteht?
Die Documenta11 läuft noch bis zum 15.September 2002
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