Der Mann aus Sankt Petersburg (Taschenbuch) / Ken Follett Testbericht
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Erfahrungsbericht von jolinden
Ach herrje!
Pro:
belastet nicht
Kontra:
bissl kitschig
Empfehlung:
Nein
Mal schauen, ob ich in meinem gnadenlos-vernichtenden Stil nicht zur Abwechslung auch mal ein Buch verreißen kann.
Ken Follett soll neben Forsythe und LeCarré einer der drei superlativen britischen Thrillerautoren sein. Sein bekanntestes Werk ist wohl \"Die Nadel\", hervorragend verfilmt mit Donald Sutherland, aber ich habe mich mal auf eines seiner späteren Werke gestürzt.
Kritisch, denn meine bessere Hälfte hatte vor einiger Zeit mehrere Werke von Follett verschlungen, und gemeint, dass mir sein Erzählstil evtl. nicht so ganz liegen könnte. Was sich aber nicht auf meine Lesegeschwindigkeit ausgewirkt hat, ich habs nach zwei Tagen durchgehabt.
Naja, sezieren wir das Buch mal:
1. Der Faden der Story
======================
Spielt kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs. Es geht vordergründig um die adlige und wohlhabende Familie Walden, und die Verhandlungen zwischen GB und Russland zur Bildung einer Allianz gegen Deutschland für den drohenden Krieg. Ein Neffe des Zaren ist Verwandter der Waldens, und besucht diese, um die Bedingungen für diese Allianz auszuhandeln. Der Earl of Walden ist politisch aktiv, und spricht für die britische Regierung.
Aus dem russischen Anarchistenmilieu reist parallel eine ziemlich abgebrühte Gestalt namens Felix an, um den russischen Unterhändler zu ermorden. Damit, so rechnet er sich aus, würde die Allianz zwischen GB und Russland scheitern.
Bis zur letzten Seite des Buchs ist dies der eigentliche Handlungsstrang, aber obwohl damit einige spannende Situationen aufgebaut werden können, ist das doch nur der kleinere Teil des Romans.
Der andere Teil setzt sich mit den Personen auseinander:
Die Hauptpersonen:
==================
1.
Lydia Walden, eine Russin, die bis 19 Jahre vor Beginn des Romans in St. Petersburg gelebt hat, und nach ziemlich plötzlicher Heirat mit Stephen Walden nach England gezogen ist, dort einen sehr feudalen Lebensstil führt, ziemlich drogenabhängig ist (alle naselang wird Laudanum gegen die Dauerkopfschmerzen geschluckt), und die gemeinsame Tochter gerade in die Gesellschaft einführen will:
2.
Charlotte Walden, 18, unerfahren und unaufgeklärt bis zum gehtnichtmehr, lernt im Lauf des Romans so einiges dazu (\"Geschlechtsverkehr\", Frauenrechtlerinnen), und trägt vor allem in der zweiten Hälfte durch ihr Ausbrechen aus der elterlichen \"Puppenstube\" zunehmend zur Entwicklung der Handlung bei.
3.
Felix Kschessinsky, 40, der anarchistische Attentäter. Seine Vita wird am ausführlichsten entwickelt, wobei bei ihm wie bei Lydia Walden erst in der zweiten Hälfte des Romans die wahren Hintergründe mitgeteilt werden. Er wird eingeführt als ein gefühlloser Ex-Sträfling, der mehrere Menschenleben auf dem Gewissen hat, und zur Durchsetzung seines Ziels, der Ermordung des Zarenneffen im Haus der Waldens, noch einige weitere hops gehen lässt.
4.
Stephen Walden, 50, von ihm erfährt man im Verhältnis zu den anderen Hauptpersonen nicht allzuviel, außer daß er seine Frau und Tochter wirklich liebt, ein gichtkrankes Bein hat, und ansonsten ist er für Charlotte der eher verständnisvollere Elternteil. Eine recht farblos-hölzerne Figur
Was eigentlich so passiert:
===========================
Ich will ja die Pointe nicht vorwegnehmen, aber vielleicht kann man schon soviel verraten, dass Lydia Walden den Attentäter bereits aus St. Petersburg kennt, und zwar unter ganz, ganz bösartigen Umständen. Da gab es nämlich ein ziemlich tabuloses Techtelmechtel zwischen den beiden, und damit wird einerseits der bigotte Charakter von Lydia beschrieben, und andererseits der Grundstein für so diverse absehbare Verwicklungen und katastrophale Enthüllungen gelegt. Der gute Felix entwickelt sich von der Killermaschine dann doch zumindestens ansatzweise zu einem Menschen, und zum Schluss gibt es einen Showdown, der an Kitschigkeit nicht mehr zu überbieten ist. Denn jede der Hauptpersonen, aber allen voran Felix, bekommen ein Schicksal, das sowas von gerecht und moralisch passend ist, dass man\'s kaum noch aushält.
Und damit komme ich zum
Erzählstil:
===========
Eindeutig nicht mein Fall, tatsächlich. Die Zeichnung der Charaktere erfolgt für einen (mir bis dato unbekannten aber doch) wohl anerkannten Romanschreiber unangenehm oberflächlich. Obwohl ausreichend Raum wäre die Figuren zu entwickeln, beschränkt sich Follett auf wenig ausgelotete Beschreibungen (bin fast geneigt zu sagen \"Behauptungen\") was seine Charaktere denken und sagen, hinterlegt dies aber mit sowenig Substanz, dass die Tiefe der Figuren kaum über die eines Groschenheftromans hinausgeht. Immerhin schafft er es mit seinem relativ distanzierten Erzählstil eine direkte Wertung zu vermeiden, und die moralische Ambivalenz seiner Charaktere zu erhalten.
Darüber hinaus ist mir auch seine schwache Bemühung aufgefallen, den Anfang des 20.Jhdts herrschenden Klassenunterschied zu geißeln, wobei sich diese Ansätze allerdings größtenteils darin erschöpfen die opulenten leiblichen Genüsse der Etablierten an jeder (z.T. inhaltlich wirklich) unpassenden Stelle zu detaillieren (\"...er nahm sich noch eine Scheibe gekochten Lachs und öffnete dazu eine neue Flasche Chablis des Jahrgangs XY...\"), und im Gegenzug die Armut und den Schmutz der Underdogs (wie z.B. Felix) zu beschreiben.
Fazit:
======
Durch den Mangel an \"Leben\" in seinen Figuren, die teilweise leicht unschlüssig anmutenden Entwicklungen in den Gedankengängen der Charaktere, und vor allem durch den manchmal heftig zu Tage tretenden Kitsch (die Sexszene zwischen Lydia und Felix auf den letzten Seiten ist ein krasses Beispiel) macht das Opus für mich echt schwer verdaulich.
Ich würd\'s nicht unbedingt weiterempfehlen, aber als leichte Unterhaltung für den Liegestuhl im Urlaub am Strand mag\'s für den einen oder anderen angehen.
Jetzt pfeif ich mir noch die \"Säulen der Erde\" rein, und wenn das auch nicht besser ist, lass ich Follett wieder Follett sein. An einen leCarré (den ich übrigens teilweise auch ziemlich heavy finde) reicht dieser Schinken aber mit Abstand nicht ran.
Ken Follett soll neben Forsythe und LeCarré einer der drei superlativen britischen Thrillerautoren sein. Sein bekanntestes Werk ist wohl \"Die Nadel\", hervorragend verfilmt mit Donald Sutherland, aber ich habe mich mal auf eines seiner späteren Werke gestürzt.
Kritisch, denn meine bessere Hälfte hatte vor einiger Zeit mehrere Werke von Follett verschlungen, und gemeint, dass mir sein Erzählstil evtl. nicht so ganz liegen könnte. Was sich aber nicht auf meine Lesegeschwindigkeit ausgewirkt hat, ich habs nach zwei Tagen durchgehabt.
Naja, sezieren wir das Buch mal:
1. Der Faden der Story
======================
Spielt kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs. Es geht vordergründig um die adlige und wohlhabende Familie Walden, und die Verhandlungen zwischen GB und Russland zur Bildung einer Allianz gegen Deutschland für den drohenden Krieg. Ein Neffe des Zaren ist Verwandter der Waldens, und besucht diese, um die Bedingungen für diese Allianz auszuhandeln. Der Earl of Walden ist politisch aktiv, und spricht für die britische Regierung.
Aus dem russischen Anarchistenmilieu reist parallel eine ziemlich abgebrühte Gestalt namens Felix an, um den russischen Unterhändler zu ermorden. Damit, so rechnet er sich aus, würde die Allianz zwischen GB und Russland scheitern.
Bis zur letzten Seite des Buchs ist dies der eigentliche Handlungsstrang, aber obwohl damit einige spannende Situationen aufgebaut werden können, ist das doch nur der kleinere Teil des Romans.
Der andere Teil setzt sich mit den Personen auseinander:
Die Hauptpersonen:
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1.
Lydia Walden, eine Russin, die bis 19 Jahre vor Beginn des Romans in St. Petersburg gelebt hat, und nach ziemlich plötzlicher Heirat mit Stephen Walden nach England gezogen ist, dort einen sehr feudalen Lebensstil führt, ziemlich drogenabhängig ist (alle naselang wird Laudanum gegen die Dauerkopfschmerzen geschluckt), und die gemeinsame Tochter gerade in die Gesellschaft einführen will:
2.
Charlotte Walden, 18, unerfahren und unaufgeklärt bis zum gehtnichtmehr, lernt im Lauf des Romans so einiges dazu (\"Geschlechtsverkehr\", Frauenrechtlerinnen), und trägt vor allem in der zweiten Hälfte durch ihr Ausbrechen aus der elterlichen \"Puppenstube\" zunehmend zur Entwicklung der Handlung bei.
3.
Felix Kschessinsky, 40, der anarchistische Attentäter. Seine Vita wird am ausführlichsten entwickelt, wobei bei ihm wie bei Lydia Walden erst in der zweiten Hälfte des Romans die wahren Hintergründe mitgeteilt werden. Er wird eingeführt als ein gefühlloser Ex-Sträfling, der mehrere Menschenleben auf dem Gewissen hat, und zur Durchsetzung seines Ziels, der Ermordung des Zarenneffen im Haus der Waldens, noch einige weitere hops gehen lässt.
4.
Stephen Walden, 50, von ihm erfährt man im Verhältnis zu den anderen Hauptpersonen nicht allzuviel, außer daß er seine Frau und Tochter wirklich liebt, ein gichtkrankes Bein hat, und ansonsten ist er für Charlotte der eher verständnisvollere Elternteil. Eine recht farblos-hölzerne Figur
Was eigentlich so passiert:
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Ich will ja die Pointe nicht vorwegnehmen, aber vielleicht kann man schon soviel verraten, dass Lydia Walden den Attentäter bereits aus St. Petersburg kennt, und zwar unter ganz, ganz bösartigen Umständen. Da gab es nämlich ein ziemlich tabuloses Techtelmechtel zwischen den beiden, und damit wird einerseits der bigotte Charakter von Lydia beschrieben, und andererseits der Grundstein für so diverse absehbare Verwicklungen und katastrophale Enthüllungen gelegt. Der gute Felix entwickelt sich von der Killermaschine dann doch zumindestens ansatzweise zu einem Menschen, und zum Schluss gibt es einen Showdown, der an Kitschigkeit nicht mehr zu überbieten ist. Denn jede der Hauptpersonen, aber allen voran Felix, bekommen ein Schicksal, das sowas von gerecht und moralisch passend ist, dass man\'s kaum noch aushält.
Und damit komme ich zum
Erzählstil:
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Eindeutig nicht mein Fall, tatsächlich. Die Zeichnung der Charaktere erfolgt für einen (mir bis dato unbekannten aber doch) wohl anerkannten Romanschreiber unangenehm oberflächlich. Obwohl ausreichend Raum wäre die Figuren zu entwickeln, beschränkt sich Follett auf wenig ausgelotete Beschreibungen (bin fast geneigt zu sagen \"Behauptungen\") was seine Charaktere denken und sagen, hinterlegt dies aber mit sowenig Substanz, dass die Tiefe der Figuren kaum über die eines Groschenheftromans hinausgeht. Immerhin schafft er es mit seinem relativ distanzierten Erzählstil eine direkte Wertung zu vermeiden, und die moralische Ambivalenz seiner Charaktere zu erhalten.
Darüber hinaus ist mir auch seine schwache Bemühung aufgefallen, den Anfang des 20.Jhdts herrschenden Klassenunterschied zu geißeln, wobei sich diese Ansätze allerdings größtenteils darin erschöpfen die opulenten leiblichen Genüsse der Etablierten an jeder (z.T. inhaltlich wirklich) unpassenden Stelle zu detaillieren (\"...er nahm sich noch eine Scheibe gekochten Lachs und öffnete dazu eine neue Flasche Chablis des Jahrgangs XY...\"), und im Gegenzug die Armut und den Schmutz der Underdogs (wie z.B. Felix) zu beschreiben.
Fazit:
======
Durch den Mangel an \"Leben\" in seinen Figuren, die teilweise leicht unschlüssig anmutenden Entwicklungen in den Gedankengängen der Charaktere, und vor allem durch den manchmal heftig zu Tage tretenden Kitsch (die Sexszene zwischen Lydia und Felix auf den letzten Seiten ist ein krasses Beispiel) macht das Opus für mich echt schwer verdaulich.
Ich würd\'s nicht unbedingt weiterempfehlen, aber als leichte Unterhaltung für den Liegestuhl im Urlaub am Strand mag\'s für den einen oder anderen angehen.
Jetzt pfeif ich mir noch die \"Säulen der Erde\" rein, und wenn das auch nicht besser ist, lass ich Follett wieder Follett sein. An einen leCarré (den ich übrigens teilweise auch ziemlich heavy finde) reicht dieser Schinken aber mit Abstand nicht ran.
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