Der Regenmacher (Taschenbuch) / John Grisham Testbericht

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Erfahrungsbericht von Anonym114

David gegen Goliath

Pro:

spannend, gute Hauptfigur, realistische Handlung

Kontra:

nichts

Empfehlung:

Ja

Wenn ein Durchschnittsmensch es mit großen Konzernen zu tun hat, dann ist seine Lage oft aussichtslos. Das ist eine Ausgangslage im Roman Der Regenmacher/The Rainmaker des Bestsellerautors John Grisham. Die eine oder der andere hat die Geschichte vielleicht in der Verfilmung mit Matt Damon (die ich leider nicht kenne) gesehen. Hier geht’s um das Buch, das ich in der englischen Originalversion gelesen habe.

DIE HAUPTFIGUREN:

RUDY BAYLOR:
Er ist die aboslut zentrale Person dieses Romans, ein Jurastudent, kurz vor Abschluß seines Examens. Rudy ist kein Streber, eher durchschnittlich in seinen Leistungen. Durch ein Seminar gerät er an zwei Fälle, die ihn in der Folgezeit sehr beschäftigen.
Das angenehme und sympathische an der Figur Rudy Baylor ist, dass er ein ganz normaler Typ ist, bodenständig, einer, der bereit ist, zu helfen, auch wenn es unbequem ist und wenn er sich damit Probleme einhandelt.

DECK SHIFFLET:
Deck wird nach langem hin und her Rudys Partner. Er hat was von einem Terrier: Denn Deck beißt sich in Fälle hinein, auch wenn sie noch keine sind, gabelt Patienten in Krankenhäusern auf und überzeugt sie davon, dass sie anwaltliche Hilfe brauchen. Andererseits hat er es (trotz seiner 40 bis 50 Jahre) immer noch nicht geschafft, das Jurastudium erfolgreich abzuschließen.
Deck ist nicht der große Sympathieträger, bleibt eher blaß. Doch er ist durchaus ein Mann, den man sich so oder ähnlich auch in der Realität vorstellen kann.

MISS BIRDIE BIRDSONG:
Der Titel Hauptfigur trifft auf sie nur mäßig zu. Doch Miss Birdie liefert Rudy einen seiner beiden Fälle. Die Witwe, die Probleme mit ihrem Testament hat, wird zudem seine Vermieterin.
Ich finde sie recht realistisch gezeichnet, man kann sich eine ältere Dame wie Miss Birdie gut vorstellen: Ein Stück weit von ihren Verwandten im Stich gelassen und froh, mit Rudy eine Art Enkelersatz ins Haus zu bekommen. Erst als ihre Kinder mitbekommen, dass die Mutter möglicherweise reich ist, stehen sie plötzlich auf der Matte.

KELLY RIKER:
Auch sie wird (allerdings erst recht spät in der Geschichte) eine Klientin von Rudy: Die junge Frau lernt der werdende Anwalt im Krankenhaus kennen. Dort ist sie eingeliefert worden, nachdem ihr Mann sie mißhandelt hat.
Der Part mit Kelly hat nur einen recht kleinen Anteil an der Gesamtgeschichte. Ein Schicksal wie ihres ist schon auch im realen Leben gut denkbar.


DIE GESCHICHTE:
Rudy Baylors Vater hatte immer wieder Ärger mit Anwälten. Und Rudy nahme sich vor, selber einer zu werden, für Gerechtigkeit zu sorgen. Als Leser lernt man ihn kurz vorm Examen kennen. Einen künftigen Job hat er bereits in der Tasche, glaubt Rudy zumindest. Doch dann wird seine Kanzlei von einer anderen, großen, geschluckt, Rudy steht auf der Straße. Die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle wird nun mehr als schwierig.
In einem Seminar von ihm geht es zum Abschluß eigentlich um Recht für Senioren. So muss Rudy sein allererstes Beratungsgespräch mit Miss Birdie führen. Sie will ihr Testament neu ausstellen lassen, weil sich ihre Familie nicht um sie gekümmert hat. Insgesamt, so rückt sie heraus, hat sie 20 Millionen Dollar und will als einen Haupterben einen dubiosen Fernseh-Prediger einsetzen.
Das zweite Beratungsgespräch findet mit Dot Black und ihrem Mann statt. Der Sohn der Blacks, Donny Ray liegt im Sterben. Er hat Leukämie. Die Versicherung will eine Knochenmarkstransplantation nicht bezahlen, und das, obwohl der Zwillingsbruder des Jungen als Spender bestens geeignet wäre. Die Blacks möchten nun den Kampf gegen die Windmühlen wagen und gegen den großen Versicherungskonzern Great Benefit angehen.
Rudy kümmert sich um die beiden Fälle, sucht speziell für die Blacks auch Rat bei einem Professor. Aber eigentlich muss er sich auch um seine eigenen Probleme kümmern, er hat Schulden, braucht dringend einen neuen Job.
Nach langer Suche verspricht eine Kanzlei ihn aufzunehmen. Sie erhofft sich, den Fall der Blacks zu gewinnen und erteilt Rudy erst eine Absage, nachdem er bereits zwischen den Blacks und der Kanzlei vermittelt hat. Doch es gelingt ihm, dass die Blacks ihre Zustimmung wieder zurück ziehen und der Fall damit in seinen Händen bleibt. Schließlich muss Rudy in einem dubiosen Rechtsanwaltsbüro anfangen, wo er Deck kennen lernt. Die Aufgabe hier: In Krankenhäusern nach möglichen Klienten Ausschau zu halten, die nach ihren Unfällen den Unfallgegner verklagen wollen. Auch diese Beschäftigung ist für Rudy nur ein kurzes Gastspiel, denn der Chef der Kanzlei muss wegen dubioser Geschäfte vor der Polizei fliehen.
Mit frisch bestandenem Examen in der Tasche und Deck an seiner Seite macht Rudy sein eigenes Rechtsanwaltsbüro auf. Er ist fest entschlossen, Great Benefit für die Blacks zu verklagen. Sein Gegner wird ausgerechnet die große Kanzlei, die seinen ursprünglichen ersten Arbeitgeber geschluckt hat. Mit einer Schar von Anwälten tritt sie nun gegen den Neuling Baylor an. Doch der steckt fast seine ganze Zeit in den Fall, recherchiert intensiv, um den Fall für die Blacks zu gewinnen.

MEINE MEINUNG:
John Grisham ist für seine juristischen Romane bekannt. Auch hier stehen Rechtsfragen, spannend erzählt, wieder im Vordergrund. Der Sog, den die Geschichte entwickelt, liegt zum einen in der Figur Rudy Baylor. Da Grisham nicht mit verschiedenen Handlungssträngen arbeitet, ist man immer dicht dran an der Hauptperson, sieht mit ihm das Geschehen und hofft, dass er in seinem Kampf für Gerechtigkeit erfolgreich ist.
Zudem macht es die Mischung: Man hat es zum einen mit Rudys persönlichen Sorgen zu tun, seiner Suche nach einem Job. Ich konnte mir recht plastisch vorstellen, wie er versucht, eine Arbeitsstelle zu finden, Klinken putzt, von jovial lächelnden Anwälten mal ein Schulterklopfen bekommt, aber letztendlich leer ausgeht.
Dann ist da die menschliche Komponente: Miss Birdie, eine einsame ältere Frau, die froh ist, durch Rudy Aufmerksamkeit zu bekommen.
Spannend und zentral wirkt natürlich der Kampf gegen Great Benefit. Sicher hat die eine oder der andere schon einmal schlechte Erfahrungen mit einer Versicherung gemacht, vor allem dann, wenn es darum geht, dass man für seine eingezahlten Beiträge irgendwann einmal auch eine Versicherungsleistung in Anspruch nehmen möchte oder muss. Doch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit war diese Erfahrung nicht so schlecht wie die der Blacks. Ihr Fall kann jeden, der ein gesundes Gerechtigkeitsgefühl hat, aufregen. Gleichzeitig weiß man aber auch: Wenn geschickte Anwälte von einer großen und renommierten Kanzlei ans Werk gehen, dann wird die Ausgangssituation schwierig, auch wenn man meint, im Recht zu sein. Grisham beschreibt diese Konstellation sehr gut. Man das durchaus Gefühl, an der Seite von Rudy zu sein und mit ihm diesen Kampf David gegen Goliath durchzufechten .
Wer auch eine Prise Liebe in der Geschichte möchte, der findet die im Regenmacher zwar auch, allerdings nur am Rand. Zwar lernt Rudy Kelly Riker schon recht früh kennen und verliebt sich auch gleich in die hübsche junge Frau. Doch da sie von ihrem Mann mißhandelt wird, hat sie Angst, dass die Gewalt nur noch schlimmer werden könnte, falls klar wird, dass sie sich einem anderen zuwendet. Nachdem lange Zeit zwischen beiden Funkstille herrscht, kommen Rudy und Kelly erst recht weit gegen Ende wieder in Kontakt. Diesen Aspekt hätte Grisham meiner Ansicht nach ruhig etwas ausführlicher behandeln können.

DAS ENDE:
Natürlich will ich nicht verraten, wie die Geschichte ausgeht, aber den Ausgang trotzdem bewerten: Teilweise ist er vorhersehbar, teilweise aber auch überraschend. Denn Rudy Baylors Träume nach Gerechtigkeit und einer Karriere als großer und guter Anwalt gehen nur zum Teil in Erfüllung. Und gerade das macht das Ende dann realistisch und nicht zu süßlich.

JOHN GRISHAM:
Dass bei Grisham immer wieder Anwälte die Hauptrolle spielen, hat seinen guten Grund: Denn der Amerikaner ist selber Jurist. Wer hat an der Mississippi State University studiert und war als Abgeordneter im Repräsentatenhaus des US-Bundesstaates. Besonders bekannt sind natürlich die Werke von ihm, die bereits verfilmt wurden, so die Firma (mit Tom Cruise) oder die Akte (mit Julia Roberts). Der Regenmacher gehört so in diese Reihe.

DIE ENGLISCHE VERSION:
Vor einiger Zeit habe ich mal den Tipp bekommen, gelegentlich Bücher in anderen Sprachen zu lesen. Denn mal ehrlich: Wer auf der Schule Englisch, Französisch, Spanisch oder eine andere Sprache gelernt hat und nicht gerade regelmäßig in das Land fährt oder sonstwie die Sprache spricht, verlernt dann doch mit der Zeit so einiges. Daher der Tipp: immer mal wieder Bücher in der jeweiligen Sprache lesen. Und das hilft wirklich: Man behält seinen Wortschatz bei und gewinnt noch einige neue Ausdrücke dazu.
Ich war an der Schule im Englisch-Leistungskurs und hab auch Englisch studiert, aber seitdem nicht mehr viel Gelegenheit, zu sprechen. Vor dem Hintergrund ist der Regenmacher, der im Original Rainmaker heißt, eine gute Übung. Ich konnte den Roman ohne ein Wörterbuch zur Hilfe zu nehmen, lesen. Klar, da der Schwerpunkt im juristischen Bereich liegt, hatte ich nicht jeden fachlichen Ausdruck parat. Doch in der Regel ergeben sich diese Begriffe dann doch ganz logisch aus dem Zusammenhang. Für mich war das Buch daher eine gute Sache, um mein Englisch aufzupolieren.

DATEN ZUM ROMAN:
Der Roman ist im Jahr 1995 erstmals erschienen. Meine Ausgabe ist die gebundene von Century, Random House Limited,UK, 20 Vauxhall Bridge Road, London SW 1V 25A, ISBN 07126-5459-3. Ich habe sie bei Ebay für einen Euro (in diesem Fall plus Porto) ersteigert.
Gebunden ist der Roman auf Englisch bei Amazon derzeit für 26,58 Euro zu haben, die broschierte kostet 6,65 Euro.

FAZIT:
The Rainmaker/Der Regenmacher von Grisham liefert eine fesselnde Unterhaltung. Die Elemente (Prozess von Eltern eines Krebskranken gegen einen riesigen Versicherungskonzern, das Testament einer (scheinbar) reichen älteren Dame (die von ihrer Familie vernachlässigt ist), der Versuch eines jungen Juristen, einen guten Arbeitsplatz zu finden und die Mißhandlung einer jungen Frau durch ihren Mann sind zwar in der Geballtheit sicher nicht alltäglich. Doch jeder einzelne Teil der Handlung wäre auch im wirklichen Leben denkbar.
Die sympathische aber nicht zu smarte Hauptfigur des Rudy Baylor hat auch ihren Reiz. Er ist nicht der gutaussehende, smarte, erfolgreiche und rücksichtslose junge Anwalt sondern ein Berufseinsteiger mit guten, aber nicht überragenden Unileistungen, einer, der es selber auch schwer hat, Fuß zu fassen und der seinem Gerechtigkeitsgefühl folgt und Leistung aus eigener Kraft erbringt.
Alles in allem hat man es aus meiner Sicht mit einer guten, kurzweiligen Mischung zu tun. Es ist zwar keine Weltliteratur, aber ein spannender Bestseller für trübe Nachmittage oder als Unterhaltung um Urlaub. Von mir gibt es daher die volle Punktzahl und keine Abzüge.

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