Kafka Testbericht

Kafka
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Erfahrungsbericht von CokeMan21

COKE MEETS KAFKA

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Liebe LeserInnen,

heute möchte ich mich mal auf ein komplett anderes Feld begeben, nämlich auf das der Literatur. Und zwar nicht irgendeine Literatur, sondern möchte ich mich heute dem wohl bedeutendsten Autor der deutschen Literatur widmen, Franz Kafka. Und im ganz speziellen seinem wohl wichtigsten und in meinen Augen besten Werk, Das Urteil. Dies geschieht nicht willkürlich, sondern aus dem einfachen Grund, da ich letzten Mittwoch ein Referat darüber halten musste und sich mir viele neue Erkenntnisse geöffnet haben.


Inhalt:
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1. Kurze Vita Kafkas´
2. Das Urteil
3. Wie kann ich interpretieren ?
4. Fazit / Eigene Meinung



1. Kurze Vita Kafkas´:
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Franz Kafka wurde am 3.7.1883 in Prag geboren und er starb am 3.6.1924 in Kierling bei Wien. Von 1901 bis 1906 studierte er in Prag Jura und Germanistik, was er im Jahr 1906 auch mit dem Dr. jur. promovierte. Franz Kafka lebte in einem eher schwierigen Elternhaus, der Vater, dominant und herrschend, die Mutter zu jeder Zeit dem Vater hörig und sehr besorgt um die Kinder. Das ist natürlich auch der Grund, weshalb Franz Kafka in zahlreichen Werken, das Vater-Sohn-Thema aufgreift, so auch in Das Urteil, wo es allerdings nicht so offensichtlich wirkt, da die Figurenkonstellation etwas anders ist, als in anderen Werken.


2. Das Urteil:
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Das Urteil beschreibt einen Tag im Leben des jungen Georg Bendemann. Er ist ein Kaufmann, welcher eigentlich ein recht normales Leben führt. Er hat einen Job, er ist verlobt und er kümmert sich um seinen kranken, alten und gebrechlichen Vater. Er hat einen Freund in Petersburg, zu welchem er einen brieflichen Kontakt pflegt. Alles in Allem eine ganz normale Geschichte.

Der Stil bis dahin typisch \"kafkaesk\", also alles irgendwie düster. Bezeichnend dafür sind bspw. die dunklen Räume, in denen sich die Geschichte abspielt und die nachdenkliche Stimmung, die Georg Bendemann an den Tag legt. Georg ist zu diesem Zeitpunkt regelrecht fürsorglich für seinen Vater, er wäscht ihn, kleidet ihn an und er deckt ihn zu. Häufige gesprächsthemen zwischen den Beiden sind zum Einen der Freund in Petersburg und die Verlobte Frieda Brandenfeld. Zu den beiden sage ich im folgenden Abschnitt noch etwas. Die Verlobung zur Freundin billigt der Vater in keinster Weise. Er macht Georg sogar Vorwürfe, dass er sich mit Fräulein Brandenfeld verlobt hat. Auch zum Freund hat der Vater eine erher zweigeteilte Meinung. Auf der einen Seite sagt er:\"Wohl kenne ich deinen Freund. Er wäre ein Sohn nach meinem Geschmack\", auf der anderen Seite sagt er:\"Du hast keinen Freund in Petersburg. Du bist immer ein Spaßmacher gewesen und hast dich auch mir gegenüber nicht zurückgehalten. Wie solltest du denn gerade dort einen Freund haben! Das kann ich gar nicht glauben.\" Also eher eine diffuse Ansicht.

Diese Streitereien gehen weiter, bis es zum Wendepunkt in der Geschichte kommt. Bis dahin war der Vater schwach, unbeholfen und krank. Als der Vater Georg fragt, ob er auch gut zugedeckt sei und Georg dies mehrmals bejaht, spricngt der Vater auf, steht im Bett und schreit ein lautes \"Nein\" aus. Es geht so weiter, dass der Vater Georg alles an den Kopf wirft, was dieser falsch macht. Die Verlobung mit Frieda sei eine Schändigung der toten Mutter, Georgs ganzes Leben ein Witz und natürlich wirft er ihm auch vor, wie respektlos er den Vater immer behandelt hätte.
Das alles geht so weit, dass der Vater den Sohn zum Tode durch Ertrinken verurteilt. Auf Grund der starhlenden und herrischen Autorität des Vaters gehorcht Georg natürlich und vollzieht das Urteil des Vaters, indem er sich von einer Brücke stürzt. Das alles mag etwas sehr verwirrend und unverständlich klingen, doch genau das ist es, was Kafka halt ausmacht. Das tiefsinnige, auf den ersten Blick nicht zu interpretierende und verständliche. Im nächsten Punkt möchte ich versuchen, euch die Hintergründe und Beweggründe aufzumalen, so dass das Verständnis klarer wird.


3. Wie kann ich interpretieren ?:
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Wie ich in Punkt 1. schon gesagt habe, hatte Kafka ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater. Und genau dieses hat er versucht, in dieser Erzählung umzusetzen, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nur halt in umgedrehter Rollenverteilung. Er, der Mächtige, der, der den Vater pflegt und versorgt, der, der zu Hause das sagen hat, eine Frau hat und einen Beruf. Und der Vater stellt bis zu der Wende in der Geschichte Kafka, wie er eigentlich war, dar. Im Folgenden möchte ich mich ausschliesslich mit der psychoanalytischen Interpretation beschäftigen. Das Urteil deutet in vielen Passagen auf ein ödipales Drama hin, dessen Ödipuskomplex, also die bedingungslose Liebe eines Kindes zur Mutter, gepaart mit Mordgedanken gegen den Vater, Siegmund Freud begründet hat und welcher deshalb auch Bestandteil der Psychoanalyse ist. In Das Urteil finden wir viele typische Merkmale dieses Ödipuskomplexes. Beziehung zwischen vater, Mutter und Kind unter Berücksichtigung der Gefühle: Hass, Liebe, Schuldgefühl und Bestrafungsphantasien.

Zunächstmal wäre da der Petersburger Freund, von dem Georg Bendemann erzählt. Dieser Freund stellt Georgs eigentliches Ich dar. Er ist isoliert im fernen Russland, er ist erfolglos und er ist Schriftsteller. Also genau das, was Georg oder besser Kafka eigentlich auch ist. Dass der Vater sagt, er wäre ein Sohn nach seinem Geschmack untermalt diese Tatsache. Denn über ihn könnte der Vater, wie er es im wirklichen Leben auch tat, bestimmen und \"herrschen\". Die verlobte. Wieso ist der Vater so gegen diese verlobung und was lässt ihn deswegen so wütend werden ? Nach psychoanalytischer Interpretation stellt die Verlobte eine Art Aufspaltung der toten Mutter dar. Und da inzestuöse Wünsche nunmal nicht toleriert werden dürfen, ist es kein Wunder, dass der Vater auf diese Verlobung so reagiert und sie als eine Schändigung an der Mutter bezeichnet. Doch wieso vollzieht Georg schlussletztlich das Urteil des Vaters ?

Auch hier hat die Psychoanalyse einen ziemlich plausiblen Erklärungsversuch. Durch die wütende und in höchstem Maße einschüchternd wirkende Autorität des Vaters wächst in Georg ein Schuldbewusstsein, da auch er erkennt, dass Inzest nicht toleriert werden kann und dies auch nciht toleriert wird. Durch dieses Schuldgefühl entsteht wiederum eine Bestrafungsphantasie, welche auch nach Freud Bestandteil des Ödipuskomplexes ist. Und eben aus diesem Wunsch, bestraft zu werden, vollzieht Georg schliesslich das Urteil und stürzt sich von der Brücke.
In meinen Augen ist dieser Interpretationsversuch ziemlich plausibel, weshalb ich ihn auch stark vertrete.


4. Fazit / Eigene Meinung:
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Sicher werden viele von euch jetzt bemängeln, dass ich zum Inhalt nicht sonderlich ausführlich geschrieben habe. Nun, das liegt nicht daran, dass ich die Geschichte nciht kenne, sondern daran, dass es im Großen und Ganzen nur darum geht, dass halt im ersten Teil der Geschichte Georg dominant ist und im zweiten Teil der Vater, dessen Dominanz dann so weit ausartet, bis er schliesslich das Urteil ausspricht. Es sind hier, wie bei fast allen Kafkawerken, nicht die latenten Handlungsstränge, sondern die zu interpretierenden und unscheinbaren. Es würde hier allerdings deutlich zu weit führen, euch eine gesamte Interpretation von Das Urteil aufzutischen, da müsste ich sicher 4 Berichte schreiben.

Ich persönlich bin von Das Urteil sehr begeistert, es vereint eine nahezu perfekte autobiografische Handschrift mit ebenfalls nahezu perfekter Metaphorik.
Wenn es jetzt darum geht, eine Empfehlung auszusprechen, dann würde ich sagen, dass man die zahlreichen Facetten, die einem Das Urteil bieten, sicherlich nicht in der Unter- und Mittelstufe lesen kann, ich denke, fühestens in der 12. Klasse, wobei man da diese ganzen Interpretationsmöglichkeiten wirklich genau kennen sollte, weil man sonst ein falsches Bild bekommt. Trotzdem würde ich sagen, dass man, auch wenn man noch nicht dieser Kafka-Liebe verfallen ist, ruhig mal versuchen sollte, Kafka zu lesen. Auf den ersten Blick mag es langweilig und schwer wirken, doch liest man es öfter, und kennt man Kafka´s Biografie ein bisschen, kann man immer wieder aufs Neue Sachen entdecken, die man so sicher noch nicht erkannt hat. Kafka war eben, in aller Bescheidenheit, ein Meister seiner Kunst, welche zu Lebzeiten leider zu wenig gewürdigt wurde.

Ich vergebe eine glatte 1

MFG CokeMan21

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