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Erfahrungsbericht von mima007
B. Aubert: *Der Puppendoktor*: Konkurrenz für Dr. Lecter
Pro:
spannend, sehr einfühlsam, anschaulich, anrührend, schöne,knappe Sprache, aktuell, engagiert
Kontra:
gibt es noch nicht als Taschenbuch
Empfehlung:
Ja
Ein kurzer, knackiger Krimi, der es durchaus mit dem Grauen aus \"Hannibal\" aufnehmen kann. Wer hätte das gedacht, dass eine Französin dem Psychohorror made in USA Paroli bieten könnte? Jeder Leser, der über einen schwachen Magen klagt, sollte die Finger von diesem Buch lassen!
Handlung
Dies ist die Geschichte eines kleinen Mannes. Seine Mitbürger und Vorgesetzten beachten ihn ob seiner Größe kaum, doch dafür versetzen seine Untaten die Bürger der südfranzösischen Küstenstadt in Aufregung und Schrecken...
Der Streifenpolizist Marcel Blanc soll eigentlich die Straßen sicher machen. Doch mit den Gedanken ist er meist bei seiner bevorstehenden Scheidung von seinem keifenden Eheweib Madeleine. Auch die Hitze des Hochsommers trägt nicht gerade zu seiner Konzentration bei, der Anblick der hübschen Nadja noch viel weniger.
Marcels Träumerei wird jäh unterbrochen, als man in einer Mülltonne eine bizarre Leiche entdeckt. Der Körper ist aus den Teilen mehrerer Menschen zusammengesetzt und an den Verbindungsstellen zusammengenäht worden. Bei diesem Anblick bekotzt so mancher Bulle seine blankgeputzten Dienstschuhe.
Mit jeder Kunstleiche, die man findet, steigert sich die Nervosität unter der Bevölkerung. Marcel nennt den unbekannten Täter den \"Puppendoktor\". Die Polizei tappt im Dunkeln, denn Le Capitaine Jean-Jean ist eher hinter Röcken her als hinter Verbrechern. Einmal kombiniert der \"Künstler\" sogar den Kopf eines kleinen Mädchens mit dem Torso eines Fettkloßes, die Arme sind von einem Hund \"ausgeliehen\".
Der Hund ist die erste konkrete Spur, der die Polizei folgen kann. Nach zäher Kleinarbeit stößt man auf illegale Machenschaften von Tierheimen und Labors. Auffällige Mitarbeiter? Ja, da war mal ein kleiner Irrer, der im Schlachthof mit den \"Teilen\" spielte.
Da wird eines Abends Momo, der kleine Sohn der hübschen Nadja, vermisst. Marcel und Nadja finden ihn in einer Stahlröhre, die von beiden beiden Enden mit Zementsäcken blockiert ist. Wie kam der Junge hinein, und wer blockierte die Enden? Momo weist Marcel auf den Täter hin: Der fuhr einen Renault-Lieferwagen - wie ihn fast jeder hat. Doch Marcels Freund, der Polizeimechaniker Paulo, fährt auch so eine Karre...
Paulo verrät Madeleine, Marcels Frau, dass ihr Mann ein Verhältnis habe. Und als die energische Familienmutter sieht, dass die beiden Turteltäubchen mit Paulos Wagen unterwegs sind, braucht sie nur zwei und zwei zusammenzuzählen, um sich auszurechnen, dass auch deren Schäferstündchen bei Paulo stattfinden könnten.
Doch was sie in der Wohnung von Paulo, dem gehässigen kleinen Mann, vorfindet, übersteigt ihre Vorstellungskraft. Leider soll sie keine Gelegenheit mehr erhalten, ihr haarsträubendes Wissen weiterzugeben, denn hier kommt er schon, der Kleine, in der Hand ein Hackbeil...
Die Autorin
Brigitte Aubert, geboren 1956, hat bei uns bereits fünf Romane veröffentlicht. Sie gehört laut Verlagsangabe zu den \"profiliertesten Krimiautorinnen Frankreichs\". Neben Romanen schreibt sie auch Drehbücher und ist Produzentin der \"Serie noire\" im frz. Fernsehen. Die Autorin von \"Im Dunkel der Wälder\", dür das sie 1996 den frz. Krimipreis erhielt, lebt in Cannes, also quasi am Schauplatz des vorliegenden Romans. Offensichtlich kennt sie sich gut aus: mit den Örtlichkeiten ebenso wie mit dem Menschenschlag an der Côte d\'Azur.
Mein Eindruck
Brigitte Aubert hat offenbar einen völlig verdrehte Art von Humor. Die bereits in der Handlung angelegte Ironie wird in den Schreckensmomenten, an denen das Buch nicht gerade arm ist, noch weitaus deutlicher. Anscheinend denkt sie, dass den gräßlicheren Aspekten des Verbrechens nur durch abgebrühten Humor beizukommen ist. Da könnte sie recht haben. Die Wirklichkeit kann eben manchmal auch so grausam sein, dass man ohne Sinn für Ironie glatt den Verstand verlieren müsste.
Wie sag ich\'s meinem Kinde, mag sie sich gefragt haben, als sie den Mörder entwarf. Der kleine Mann ist einerseits ein Opfer, das unter einem unglaublichen Kindheitstrauma leidet, andererseits auch ein Täter, der seine Opfer nur nach deren physischen Aspekten auswählt, so als wären sie nur Vieh und nichts weiter. (Momo nennt Paulo einen \"Wolf\".) Dass Paulo seine \"Werkstücke\" nicht nur auseinandernimmt und neu zusammensetzt, ist für uns nicht so grauenerregend wie der Umstand, dass er auch ihr Fleisch verzehrt (ein Verweis auf jenes Kindheitserlebnis).
Der Tabubruch des Kannibalismus, der uns so schockiert, verbindet Paulo mit Dr. Hannibal \"the Cannibal\" Lecter, jener faszinierenden Bestie in Menschengestalt, die Thomas Harris erfand (und die demnächst schon wieder ins Kino kommen soll: \"Roter Drache\" wird neu verfilmt).
Sehr lesbar
Aubert beherrscht die Kunst, mit kurzen Sätzen den Leser ins Geschehen hineinzuziehen und nicht mehr loszulassen. Plötzlich ertappt man sich dabei, die Gedanken des Monsters zu lesen - Gedanken, vor denen man sich vielleicht sonst geschützt hätte. Und so kann es passieren, dass wir die Menschen durch Monsteraugen betrachten - ein ganz besonderer Schauder, fürwahr!
Die Szenen sind mit Präzision und Sinn für visuelle Effekte geschildet. Hier zahlt sich Auberts Drehbuchautorkunst aus. Der Roman endet, wie es jedem anständigen Filmkrimi geziemt, mit einer rasanten Verfolgungsjagd und einer Schießerei. Happyend? Bitte selbst herausfinden!
Unterm Strich
Ein kurzer knackiger Horrorthriller, der für Fans, die an US-Kost gewöhnt sind, recht ungewohnte Ironie entwickelt und durchaus auf den Magen schlagen kann. Für hartgesottene Krimi-Aficionados aber ein gefundenes, ähem, Fressen.
Zur Übersetzung
Die beiden Übersetzerinnen machen ihre Sache durchweg gut. Sie hätten aber doch den deutschen Titel von \"Dragon Rouge\", \"Roter Drache\", nachschlagen können.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Le couturier de la mort, 2000; BTB, Nr. 72802, München; 221 Seiten, EU 9,00, aus dem Französischen übertragen von Bettina Runge & Eliane Hagedorn; ISBN 3-442-72802-9
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-05 11:26:35 mit dem Titel Peter Aughton: *Dem Wind ausgeliefert. James Cook und die abenteuerliche Suche nach Australien*: Leb
Die Weltumsegelung des Captain James Cook von 1768 bis 1771 war ein Mega-Event des 18. Jahrhunderts: Die Suche nach dem sagenhaften Südkontinent (den \"Antipoden\") führt zur Entdeckung Australiens, zu seiner Inbesitznahme durch die Briten und seiner späteren Kolonisierung nur 50 Jahre später. Außerdem wurde die spätere britische Kolonie Neuseeland umsegelt und genau kartiert. Bei einem Besuch auf Tahiti entstand der Mythos vom Südseeparadies. Cook verlor auf der Reise mehr als 30 Mann Besatzung.
Peter Aughtons lebendige Schilderung dieser legendären Schiffsreise durch bis dato unbekannte Gewässer wartet mit zahlreichen (geheimen wie offiziellen) Tagebucheinträgen Cooks, seiner Wissenschaftler und Crewmitglieder auf. Jedes Kapitel zeigt auf einer Landkarte genau die Reiseroute. Der Autor nimmt den Leser quasi mit auf die Reise, zu einer Neuentdeckung der Weltkugel.
Inhalte
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James Cooks Schiff, die \"Endeavour\", war ein Schiff der Navy und somit ein Kriegsschiff. Sie hatte sechs Kanonen an Bord, die aber nur zur Verteidung taugten und eingesetzt wurden. Cook hatte zwei Aufträge erteilt bekommen: den eine war war offiziell, der andere supergeheim.
Offiziell sollte sein Schiff den Durchgang des Planeten Venus in den tropischen Breitengraden der \"Südsee\" beobachten. Das würde die bestimmung des Längengrades auf den Schiffen Seiner Majestät verbessern. Diese höchst wissenschaftliche Mission sollte verdecken, dass Cook nach dem sagenhaften und bislang fast völlig unentdeckten \"Südkontinent\", der Terra australis incognita suchen und ihn möglichst für die Krone in Besitz nehmen sollte.
Man stellte sich vor, dieses \"Australia\" sei mindestens so groß wie Asien, um ein Gegengewicht zu schaffen. Cook war skeptisch. Mit Recht, wie sich zeigte: Der Pazifik ist unglaublich leer und groß. Vom stürmischen Kap Hoorn bis zum einladenden Tahiti segelte Cook über eine Wasserwüste, wo eigentlich Australia liegen sollte. Nur ein gewisser Tasman hatte mal Land westlich von Kap Hoorn angetroffen, welches er \"Neu-Seeland\" nannte. (Nach ihm ist noch heute die Insel Tasmanien benannt.)
James, in geheimer Mission
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Warum ein Geheimauftrag? Weil alle angrenzenden Kolonialmächte eifersüchtig darauf bedacht waren, dass keine weitere Kolonialmacht in ihre Einflusssphäre eindrang. Ein Fuchs im Hühnerhof wäre ebenso willkommen. Den Holländern gehörte Niederländisch-Ostindien, also Indonesien. Den Spaniern gehörten Chile und die Philippinen. Auch Franzosen wie Captain Bougainville (nach dem die schönen Blumen benannt sind) trieben sich in der Gegend herum; sie wollten auch einen Claim abstecken.
Auf Tahiti erholte man sich erst einmal und versuchte sich so gut es ging, der Diebstahlversuche der Einheimischen zu erwehren. gar nicht so leicht. Noch schwieriger war es, den Avancen der großzügigen Damenwelt standzuhalten. Nur Cook himself, der verheiratete Topmanager dieser Mission, blieb abstinent. Als es an die Abreise ging, fehlten natürlich Crewmitglieder. Sie wollten im Paradies bleiben. Cook zwang sie per Geiselnahme zur Mitreise.
Sterngucker und Botaniker
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An Bord befanden sich zahlreiche Instrumente, die den neuesten Stand der Technik darstellten, um die Sterne zu beobachten und den Längengrad zu bestimmen. Das war gar nicht einfach, sondern mit komplizierter Mathematik verbunden. Der Anhang erklärt die astronomischen Zusammenhänge.
Ein Adliger namens Joseph Banks widmete sich intensiv dem Studium der Fauna und Flora der besuchten Weltgegenden. Zum Glück überlebte er die Reise und konnte so genau berichten, was er gefunden hatte. Seine Gehilfen und Diener, ja selbst die zwei Zeichner an Bord hatten nicht so viel Glück.
Auf Tahiti fand Banks übrigens jene Brotfruchtbäume, die später die unselige \"Bounty\" in die Karibik bringen sollte, damit die Engländer dort Plantagen anlegen konnten, um ihre Sklaven zu ernähren. Auch die Crew der \"Bounty\" war von Tahiti absolut betört, wie man weiß.
Schiffbruch
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Nach der genauen Kartierung der zwei Hälften Neu-Seelands -- man überstand mehrere Maori-Angriffe mit heiler Haut - suchte Cook weiter westlich nach der Terra australis incognita. In der Botany Bay, der Bucht der Botaniker (Banks!), ankerte amn für ein paar Wochen, um Sturmschäden auszubessern. Dies war unweit jenes Naturhafens, an dem heute Sydney liegt.
Statt die Westküste abzuklappern, entschied sich Cook für die Fahrt nach Norden Richtung Niederländisch-Ostindien, zurück in die Zivilisation. Mitten in der Nacht lief die Endeavour auf ein Riff und erlitt einen massiven Wassereinbruch, Nur ein genialer Einfall rettete das Schiff: Man verpasste dem aufgerissenen Rumpf ein \"Lecksegel\", so dass man das Schiff mit Pumpen über Wasser halten konnte. Diese langen, anstrengenden Stunden des Pumpens, an dem sich auch der Adlige beteiligte, sind einer der Höhepunkte in der Reiseschilderung.
Heimreise
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Nach mehrwöchiger Reparatur fuhr das Schiff nach Neu-Guinea und Java. Im holländischen Hafen Batavia starben enorm viele Crewmitgliedr, darunter die zwei Tahitianer, die Mr. Banks zuhause vorzeigen wollte. An den Folgen der Malaria und der Ruhr, die man sich in der Fieberhölle dieser unhygienischen Stadt einhandelte, starben nahezu dreißig Mann. Die letzten starben noch auf der Weiterfahrt vom Kap der Guten Hoffnung: der wohl traurigste Abschnitt der gesamten Reise.
Nur wenige Wochen später lief die Endeavour in heimische Gewässer ein. Sie war keine schnittige Fregatte der Navy, sondern eigentlich ein Kohlentransporter. Aber sie hatte alle Stürme überstanden, die permanenten Attacken des Schiffsbohrwurms und sogar den Beinahe-Untergang.
Mein Eindruck
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Dies ist keineswegs die \"erste ausführliche Beschreibung der ersten Reise Cooks\", wie die FAZ behauptet und die Bibliografie widerlegt. 1773 und 1974 erschienen entsprechende Berichte. Doch dies dürfte die erste Monografie neueren Datums über diese Reise sein - und eine der farbigsten und lebhaftesten obendrein.
Wenn die Besatzung der \"Endeavour\" mit ihrem Schiff an den Riffen vor der australischen Küste ums nackte Überleben ringt, so ist man fast hautnah dabei und kann die Furcht vor dem Abgrund des Todes, den die Brandung verkündet, förmlich riechen. Das ist wirklich klasse beschrieben. Nur um Haaresbreite entkam das Schiff dem sicheren Untergang.
Ich habe dieses wunderbare Buch in zwei bis drei Tagen gelesen. Und das einzige, was mich daran störte, waren die durch kein Glossar erklärten Fachbegriffe der Nautik und Besegelung. Welche Landratte weiß schon, was Wanten, Bramsegel, Klüversegel oder gar Pardunen sind? Dadurch wird das Buch in die Nähe der nautischen Fachliteratur gerückt. Man muss sich notfalls die Mühe machen, ein gutes Lexikon oder Wörterbuch nachzuschlagen.
Unterm Strich
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Ein Reisebericht, der auf unterhaltsame Weise zurückführt zu einer der Sternstunden der Entdeckungsgeschichte: lebendiger Geschichtsunterricht, der zudem nie die menschlichen Aspekte des gewagten Unternehmens außer Acht lässt. Man könnte immer weiterlesen.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Endeavor: The story of Captain Cook\'s first great epic voyage, 1999; Diana 6/2002, Nr. 62/262, München; 350 Seiten, EU 9,00, aus dem Englischen übertragen von Michael Benthack; ISBN 3-453-21078-6
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-13 10:56:01 mit dem Titel Lisette Allen: *Normannenliebe*: So liebten die alten Rittersleut\'
Ein erotischer Roman aus der bekannten englischen Black-Lace-Reihe des Virgin-Verlags, in der seit Jahren erfolgreich sinnliche Fantasien für Frauen verlegt werden.
Handlung
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Südengland vier Jahre nach der normannischen Invasion durch Wilhelm den Eroberer. Normannische Krieger nehmen die 22 Jahre junge Klosterschülerin Elena auf einem ihrer Streifzüge gefangen, auf denen sie Sklaven machen. Der Hauptmann der Soldaten ist der von einer großen Gesichtsnarbe entstellte Adelige Aimery le Sabrenn, ein überaus maskuliner Herrscher. Er bringt Elena zu seiner Festung, denn er ist von ihrer Unschuld fasziniert und will sie einer ganz bestimmten Ausbildung zuführen.
Doch in der Festung herrscht bereits eine Frau: die grausame und schöne Isobel, die Geliebte des Feldherrn. Wird es Elena gelingen, über Lady Isobel zu triumphieren und Lord Amery für sich zu gewinnen? Denn wenn es ihr nicht gelingt, wird sie zu einem Leben in Armut und Elend verdammt sein.
Fazit
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\"Normannenliebe\" erfüllt so ziemlich alle Fantasien, die sich eine eher unterwürfige Frau auszudenken vermag, die von einem unbestechlichen Mann träumt, der sie beherrscht. Zu diesen Fantasien zählen in diesem Buch nicht irgendwelcher Kuschelsex, sondern eher so handfeste Dinge wie Ketten und Peitschen als Accessoires dunklerer Gelüste. Es richtet sich also in erster Linie an die wachsende Schar der Anhänger von Bondage und S&M.
Der literarische Stil ist denkbar anspruchslos und prunkt mit zahlreichen schwülstigen Adjektiven. Nichtsdestoweniger dürfte die Handlung mit ihren einschlägigen Szenen die entsprechende Leserschaft ansprechen.
Das deutsche Titelfoto ist leider im Vergleich zum englischen Original reichlich einfallslos ausgefallen. Dieses zeigt nämlich eine junge mittelalterlich gewandete Dame, die sich, von Gold geschmückt, auf ein Schwert stützt. Das deutsche Foto zeigt lediglich eine weibliche Brust im Profil.
Michael Matzer © 2002ff
Info: Elena\'s Conquest, 1994; Bastei-Lübbe 4/2001, Nr. 14516, Bergisch Gladbach; 254 Seiten, DM 12,90, ISBN 3-404-14516-X
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-07 18:11:06 mit dem Titel Tom Arden: *Der Tanz des Harlekin* (Orokon #1): Ironische Fantasy-Abenteuer
Dies ist die erste deutsche Veröffentlichung des britischen Erzählers Tom Arden: ein guter Anfang, der zu großen Hoffnungen Anlaß gibt. \"Atmosphärisch dichte, intelligente und mitreißende Fantasy\", urteilte das US-Fachmagazin LOCUS.
Handlung
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Nachdem der rechtmäßige König von seinem neidischen Bruder durch Verrat abgesetzt und vertrieben werden konnte, herrscht Verfall auf der Königsburg. Nur noch eine sieche junge Frau namens Ela, ihr gelähmter Sohn Jemany und seine Tante Umbecca leben mehr schlecht als recht hier.
Bis eines Tages Elas geliebter Bruder Tor, möglicherweise der Vater von Jemany, aus der Fremde zurückkehrt, wo er bei den Rebellen gegen den Usurpator kämpft. Die bigotte Umbecca traut ihm nicht. Doch nachdem Tor wieder gegangen ist, schickt er den zwergwüchsigen, stummen Barnabas aufs Schloß, und dieser bringt dem jungen Mann erstmal das Lesen und dann das Gehen bei.
Denn Jemany träumt vom Fliegen - so wie in der Legende der Junge Riel (= Ariel, der Luftgeist), der die Welt vor einem Monster des Bösen rettete. Und dann wartet immer die fahle Straße, die in die Ferne führt.
Jemany hat Cata nur flüchtig kennengelernt; sie verspottete den \"Krüppel\". Cata ist die Tochter von Silas Wolveron, der einst auch mit dem Schloß zu tun hatte, nun aber als Eremit im Wildwald lebt. Cata nimmt sich in acht vor der Bande der Fünf, die im Dorf Irion unter dem Schloß ihr Unwesen treiben und zum Beispiel wehrlose Tiere qualvoll umbringen.
Sie werden angeführt von Polty, der von seinem Vater, dem bigotten Arzt und Vertrauten von Umbecca, ständig verdroschen wird und so seinen Haß an Schwächeren ausläßt. Auch als die zigeunerhaften Vagras mit ihrer Karawane in Irion haltmachen und der Harlekin auftritt, treibt Polty sein Unwesen. Er stiehlt seinem Vater einen wertvollen Ring und macht sich aus dem Staub.
PROLOG
Der Autor hat dieser (unvollständigen) Handlung einen langen *Prolog* vorangesetzt, in der er das aktuelle Geschehen in einen riesigen zeitlichen Rahmen setzt, der bei der Erschaffung der Welt durch Orok beginnt. Der Gott schuf sich unterschiedliche Kinder, darunter auch ein böses, doch sie sollten Frieden ahlten, solange sich alle ihre fünf Kristalle im Orokon-Kristall befanden.
Wenig später hat der Böse seinen Stein herausgenommen, was auch die anderen nicht zögern läßt, es ihm gleichzutun. Schreckliche Untaten werden begangen, die Völker der fünf Götter werden zerstreut, und die Zeit des Sühneopfers bricht an. Die Prophezeiung aber besagt, das sie durch ein neues Zeitalter abgelöst wird, sobald der rote Schlüssel zum Orokon gefunden und alle fünf Kristalle wieder an ihren rechtmäßigen Platz gesetzt werden.
Es sieht ganz so aus, als sei Jemany das geweissagte Kind, das dies vollbringen wird.
Fazit
°°°°°
Tom Arden ist kein Amerikaner - zum Glück, sollte man sagen, denn so bleiben dem Leser etliche Klischees in der Darstellung von Ereignissen und Charakteren erspart. Im Gegenteil verblüfft Arden mit unkonventionellen Erzählmethoden und tabubrechenden Szenen. Erfrischend anders!
Hinweis: Der zweite Teil des ersten Orokon-Buches erscheint im März 1999 unter dem Titel \"Der rote Schlüssel\". Weitere Teile folgten bis 2001, also bis zu Band 8.
Michael Matzer © 1998/2002ff
Info: First Book of The Orokon. The Harlequin\'s Dance. Parts 1 +2\", 1997; Nr. 24745, 251 Seiten, aus dem Englischen übertragen von Wolfgang Thon, München, Goldmann, 1998, ISBN 3-442-24745-4
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-08 21:55:52 mit dem Titel Tom Arden: *Der rote Schlüssel (Orokon #2): *: Fantasy mit erhobenem Zeigefinger
\"Atmosphärisch dichte, intelligente und mitreißende Fantasy\", urteilte das US-Fachmagazin LOCUS. Die vollständige Lektüre des ersten Romans, den der deutsche Verlag in zwei Bände aufgeteilt hat, fördert aber auch einige Schwächen zutage.
Handlung
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Vorgeschichte aus Teil 1:
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Nachdem der rechtmäßige König, der \"Rote Ejard\", von seinem neidischen Bruder, dem \"Blauen Ejard\", durch Verrat abgesetzt und vertrieben werden konnte, herrscht Verfall auf der Königsburg von Irion. Nur noch eine sieche junge Frau namens Ela, ihr an beiden Beinen gelähmter Sohn Jemany und seine Tante Umbecca leben mehr schlecht als recht hier. Bis eines Tages Elas geliebter Bruder Tor aus der Fremde zurückkehrt, wo er bei den Rebellen gegen den Usurpator und dessen Kriegsbanden kämpft. Tor wird als der \"Rote Rächer\" überall gesucht. Die bigotte Umbecca traut ihm nicht. Doch nachdem Tor wieder gegangen ist, schickt er den zwergwüchsigen, stummen Barnabas aufs Schloß, und dieser bringt dem jungen Mann erstmal das Lesen und dann das Gehen bei. Denn Jemany träumt vom Fliegen - so wie in der Legende der Junge Riel, der die Welt vor einem Monster des Bösen rettete. Und dann wartet immer die fahle Landstraße, die in die Ferne führt.
Die Fortsetzung
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Im zweiten Band verliebt sich der Jüngling Jemany in das Mädchen Cata, das mit seinem blinden Vater mitten im Urwald lebt. Wenn sie ihn an die Hand nimmt, kann er wieder gehen. Doch ihre Liebe steht unter keinem günstigen Stern. Als die Soldaten des Blauen Ejard ins Dorf einrücken, zwingen die hohen Abgaben die Frauen in die Prositution und die Männer zum Diebstahl oder in den Militärdienst. Auch Cata wird Dirne, verschweigt das jemany jedoch. Bei einem Gernagel mit einem zudringlichen Offizier wird dieser von Cata mit Jemanys Krücken schwer verletzt, Cata wird gefangengenommen, während Jemany sich in einer Gruft des Friedhofs versteckt. Dort findet er einen magischen Stein, der ihm zum Fliegen verhilft...
Fazit
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Tom Arden ist kein Amerikaner, sondern Engländer - zum Glück, sollte man sagen, denn so bleiben dem Leser etliche Klischees in der Darstellung von Ereignissen und Charakteren erspart. Im Gegenteil verblüfft Arden mit unkonventionellen Erzählmethoden und tabubrechenden Szenen.
Er streut längere Rückblendungen ein, die den Werdegang einer zentralen Figur beleuchten. Erotik und Sex spielen im Orokon eine wichtige Rolle, denn dieser Antrieb führt zu einigen entscheidenden Begegnungen und Veränderungen in der Persönlichkeit, insbesondere bei Jemany, der zentralen Figur des Zyklus\'.
Der Schauplatz des Geschehens ist ebenso wie die Welt im Ganzen in allen Details gut und originell ausgeformt. Ähnlich wie auf der Scheibenwelt die 8, spielt in El-Orok die 5 eine zentrale Rolle, allein schon wegen der 5 Kristalle. So werden nicht nur Jahre, Tage und Stunden durch 5 geteilt oder zu Fünfergruppen zusammengefaßt - die gesamte Zeitrechnung basiert darauf. Auch Personengruppen wie die \"Fünf von Irion\" spiegeln die Zahlensymbolik wieder.
Die Farbcodierung ist eindeutig und geradezu penetrant durchgehalten: Blau ist schlecht, weil vom Usurpator; Rot ist gut, weil rechtmäßig. Bigott wird durch Schwarz bezeichnet, Unschuld durch Weiß und Eremiten sind in braun gekleidet. Lediglich der Harlekin, der den Boten des Schicksals spielt, trägt ein buntes Kostüm.
Diese Schwarzweiß-Malerei tut dem Buch nicht gut. Sie macht den moralischen Zeigefinger, den Arden erhebt, allzu deutlich - bis zu der Stelle gegen Ende des Romans, an der die Figuren nur noch hölzerne Reden schwingen, um ihre verlogene Position zu rechtfertigen. Recht klischeehaft auch die Information, daß Ela, Jemanys sieche Mutter, in Wahrheit die Witwe des verjagten Königs ist. Nur wenige Stunden spät ist sie tot. Das ist Groschenroman-Niveau. Man kann nur hoffen, daß der 2. Roman, der auch schon auf deutsch vorliegt, besser ist.
Michael Matzer 1999/2002ff
Info: First Book of The Orokon. The Harlequin\'s Dance. Parts 3+4\", 1997; Goldmann 1999, Nr. 24746, München; 347 Seiten, aus dem Englischen übertragen von Wolfgang Thon, München, Goldmann, 1999, ISBN 3-442-24746-2
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-09 19:24:08 mit dem Titel Tom Arden: *Das Geheimnis im Spiegel (Orokon #3)*: Zeitreise ins 18. Jahrhundert
Dies ist der erste Band des zweiten Romans um den \"Kreis des Orokon\". Der zweite Teil hat den Titel \"Der goldene Baum\".
Handlung
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Der junge Jemany hat die Bestimmung seines Lebens erkannt: Er ist ausgezogen, um die fünf Kristalle des Orokon zu finden und wieder zu vereinen. Durch diese Tat soll seine Heimat, das Königreich Ejland, vom Chaos des Bürgerkriegs befreit werden. Auf der Flucht vor seinen Feinden - allen voran der grausame Polty - nehmen ihn die zigeunerähnlichen, geheimnisvollen Vagas auf und bringen ihn unerkannt erst nach Varby, einen Badeort, dann flieht er nach Agondon, der Haupstadt der Königreiche von Ejland und Zenzau.
Hier erwartet ihn bereits sein neuer Beschützer, Lord Empster. Er soll den unerfahrenen Jem ausbilden und auf seine grosse Aufgabe vorbereiten. Doch dieser Lord treibt ein doppeltes Spiel: Er scheint ein Anhänger des üblen Zauberers Toth-Vexrah zu sein, der ebenfalls hinter den Kristallen her ist. Toth, eine Verkörperung der Schlange Sassoroch, die in Jems Träumen die Welt bedroht. Nun sollen ihre Anhänger, die weiße Bruderschaft, Jem als den Schlüssel zum Orokon dem Zauberer ausliefern, ebenso wie den Kristall, den der Junge um seinen Hals trägt. Der Anführer der Bruderschaft ist der Erste Minister des Königs höchstselbst.
Unterdessen in Varby, einer Provinzstadt unweit Agondons: Hier lebt Catayane, die frühere Geliebte Jemanys, als Dienerin im Haushalt ihrer sogenannten Kusine. Leider hat sie durch die Machenschaften ihrer Tante Umbecca Veeldrop und des Dorfarztes von Irion jede bewußte Erinnerung an Jemany verloren. Doch in ihren Träumen sieht sie sich mit Jemany durch die Wälder streifen und sich mit den wilden Tieren unterhalten.
Als Polty die begehrte Unschuld Catayane entführen will, kommt ihm per Zufall Jemany in die Quere, der ihm eine blutige Nase verpaßt. Weitere junge Damen geraten durch die wilden jungen Burschen in Varby in Not, und für Catas beste Freundin, Pelli, kommt jede Hilfe zu spät. Im Wald nahe Varby fällt sie offenbar den uralten Erdgeistern zum Opfer. Immerhin: Einer der Burschen wird wegen Mordes verhaftet. Cata reist mit Tante Umbecca zurück nach Irion, wo deren Gatte, der Gouverneur, im Sterben liegt.
Somit ist Cata aus der Gefahrenzone von Agondon gebracht, sicher vor dem Einfluß der Hexe Vlada Flay, die sich statt dessen an Catas Freundin Jeli schadlos hält. Durch die ahnungslose Jeli versucht Vlada wieder Einfluß am Hofe zu gewinnen, und beinahe wird Jeli auch beim Debütantinnenball vom König zum Tanz aufgefordert. beinahe, denn der Tanz endet mit einem Mord.
Fazit
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Gesellschaft und Kultur dieser Fantasy entstammen direkt dem 18. Jahrhundert, jener literarischen Epoche also, für die sich der Autor schon immer begeistert hat, wenn man dem Klappentext des Verlags glauben darf.
Und dementsprechend finden sich in diesem sowohl sentimentalische Phänomene wie etwa zahlreiche Briefe mit \"Herzensergießungen\" als auch spannende Räuberpistolen und Amouren wie aus \"Tom Jones\", komplexe Zeitverläufe wie aus dem \"Tristram Shandy\" und aufgeteilte Erzählungen, die man häppchenweise verabreicht bekommt. Und stets ist die Tugend und Jugend, ach!, in Gefahr.
Die ganze \"Composition\" ist appetitlich abgestimmt, mit ironischem Witz abgeschmeckt und vermischt, so daß die Lektüre nie langweilig wirkt. Die \"gute Gesellschaft\" kommt jedenfalls meist nicht gut weg.
Wer allerdings auf mehr Action und Heroen steht, der suche woanders.
Michael Matzer © 1999/2002ff
Info: Second Book of the Orokon. The king and queen of swords, part 1+2, 1998; Nr. 24747, 378 Seiten, DM 20,00, aus dem Englischen übertragen von Wolfgang Thon, München, Blanvalet, 1999, ISBN 3-442-24747-0
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-10 13:21:56 mit dem Titel Tom Arden: *Der goldene Baum (Orokon #4)*: Die Drachenschlacht
Dies ist der 2. Teil des 2. Romans in Tom Ardens Zyklus \"Der Kreis des Orokon\", der bislang insgesamt 8 dt. Bände aufweist.
Da der Held, Jemany, insgesamt fünf göttliche Kristalle, die verlorengingen, suchen muß und er in jedem ganzen Roman nur einen findet, ist wohl mit 5 x 2 Bänden des Zyklus zu rechnen. (Die dt. Ausgaben stellen jeweils nur 1 Hälfte eines Gesamtbandes dar.)
Handlung
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In diesem Band erreicht die komplexe Handlung mehrere Höhepunkte.
Der erste besteht wohl darin, daß der Zauberer Toth-Vexrah es schafft, in eine irdische, sprich: menschliche Hülle zu schlüpfen und so sein Unwesen zu treiben: Es ist der Erste Minister von Ejland. Infolgedessen ziehen die Truppen Ejlands wieder einmal gegen die Rebellen aus dem unterworfen geglaubten Zenzau. Es kommt zur Entscheidungsschlacht vor den Toren der alten zenzanischen Hauptstadt Wrax.
Jem und sein wiedergefundener Vaga-Freund Rajal ziehen einer Prophezeiung gemäß ebenfalls dorthin, geraten aber im Wald in die Gesellschaft einer Rebellenbande um den Roten Rächer, Bob Scarlet. Er ahnt nicht, daß dieser in Wahrheit sein verschwundener Vater und somit der rechtmäßige König von Ejland ist. Und Bob Scarlet verrät es ihm nicht. Die Rebellen schicken Jem in die Stadt Wrax, um dort den \"Ladenbesitzer\" zu suchen sowie den grünen Kristall der Göttin Viana.
Jem und Rajal müssen zusammen einen übernatürlichen Kampf gegen die Geister des Königs und die Königin der Schwerter bestehen, bevor sie den grünen Kristall bekommen können. Ihre beiden Geistkörper tauchen in der hiesigen Realität als ein roter und ein grüner Drache über den Truppen auf, die sich bereits in der Netscheidungsschlacht befinden. Doch plötzlich taucht aus dem Nichts ein weit größerer blauer Drache auf, der das Blatt zugunsten der Ejländer wendet. In der Form dieses Drachens verbirgt sich der dem Bösen (Toth-Vexrah) anheimgefallene Polty, der ewige Gegenspieler Jems.
In den Wirren der Niederlage verschwindet Cata, die als Mann verkleidet bei den Eijländern mitgezogen war und zu den Rebellen übergelaufen war. Und Jems Onkel, Lord Empster, gibt sich als eine Art Gandalf-Figur zu erkennen, der den jungen Jem auf die Spur des nächsten Kristalls setzt, der irgendwo weit im Süden jenseits des Meeres wartet. Jem ist klar, daß er die einzige Chance darstellt, der Ausbreitung des Bösen Einhalt zu gebieten. Und er sehnt sich nach einem Wiedersehen mit Cata.
Fazit
°°°°°
In diesem Band müssen wir Gottseidank auf die zahlreichen Auftritte von Umbecca Veeldrop verzichten, der sentimentalen und bigotten Gouveneurswitwe, die dank eines Mordes endlich ihren Adelstitel erhält. Ja, Arden deutet stets so gemeine Dinge über den Adel an. So taucht in Agondon auch ein Gegenstück zum berüchtigten Hellfire Club aus dem 18. Jahrhundert auf.
Im Wald nahe Wrax spielt sich schließlich ein Drama ab, das weit mehr Ähnlichkeit mit Tolkien hat, allerdings stets unterbrochen von komischen Einlagen zweier traurigen Gestalten, den Soldaten Morvy und Crum. Sie erinnern ein wenig an Shakespeares Soldaten in \"Heinrich V.\" oder die Totengräber in \"Hamlet\" und dienen dazu, die Ernst und Pathos der Haupthandlung zu kompensieren.
Wie man sieht, versteht Arden sein Handwerk. Dennoch vermißt man die Emotionalität eines Tolkien oder Terry Brooks. Die Romantik wird hier als Sentimentalität präsentiert und Heldentum als Mischung aus Zufall und notgedrungenem Kämpfen mit dem Rücken zur Wand.
Michael Matzer © 1999/2002ff
Info: Second Book of the Orokon. The King and Queen of Swords, part 3+4, 1998; Nr. 24832, 378 Seiten, DM 20,00, aus dem Englischen übertragen von Wolfgang Thon, München, Blanvalet, 1999, ISBN 3-442-24832-9
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-10 12:05:55 mit dem Titel Stefano Ardito: *Die Eroberung der Giganten*: Ultimatives Bergbuch
Dramen und Triumphe auf den Gipfeln der Welt: Das Thema dieses mit zahlreichen Fotos und Karten illustrierten Bandes sind die großen Berge und Wände der Welt sowie die Triumphe und Tragödien, die sich an und in ihnen abgespielt haben, etwa in der Eiger-Nordwand.
Von der Erstbesteigung des Monblanc Ende des 18. Jahrhunderts bis zum heutigen Freeclimbing werden die dramatischen Geschehnisse, aber auch die Hauptakteure und ihr Überlebenskampf in einer spannenden Schilderung lebendig.
Mein Vater ist selbst Bergsteiger und hat seine Familie regelmäßig in die Höhenzüge der Schweiz und Österreichs mitgenommen. Daher rührt mein eigenes Interesse an den alpinen Leistungen der bekannten Bergsteiger wie etwa R. Messner. Und deshalb habe ich mir dieses Buch kommen lassen.
Der Autor
Stefano Ardito, 1954 in Rom geboren, erkundete bereits als Kind die Umgebung des Montblanc. Er ist Bergsteiger, Wanderer und Reisender, Journalist und Fotograf, Dokumentarfilmer und Moderator im italienischen Fernsehen. Er hat mehr als fünfzig Bergbücher geschrieben.
Als einer der Gründer gehört er der Organisation \"Mountain Wilderness\" an und zählt zu den \"Erfindern\" des \"Sentiero Italia\", eines Bergwanderwegs, der sich über alle Bergketten des italienischen Stiefels zieht.
Inhalte
Dies ist teils ein Buch aus Geschichten, aus historischen Fakten und individuellen Ansichten. Der Autor verschmilzt diese Zutaten zu einem homogenen berichtenden, zuweilen erzählenden Text. Das Bildmaterial ist absolut beeindruckend: exzellente Fotos aus Gegenwart (auch Luftbilder) und Vergangenheit sind ergänzt durch historische Stiche, Zeichnungen und Landkarten.
Der Ansatz des Buches besteht weniger darin, einzelne Bergsteiger groß zu Wort kommen zu lassen, sondern sie und ihre Leistungen vielmehr in einen geschichtlichen Zusammenhang zu stellen. So ist zwar Messner mit mehreren Absätzen vertreten, erscheint aber nicht als der Übermensch, zu dem ihnen manche Fans verklären möchten. Seine Leistungen sind beträchtlich und manchmal einzigartig, doch hatte er ebenso viele Wegbereiter wie Nachahmer.
Man muss schon ein gutes Maß an Bergbegeisterung mitbringen, um das Buch zu genießen. Da dies bei mir der Fall ist, arbeitete ich mich mit gusto durch die zahlreichen Einzeldarstellungen. Hier ein knapper Abriss der Inhalte.
Zunächst fürchteten sich die Menschen ja vor den Gipfeln und hielten sie für gottähnlich. Der Mount Everest heißt immer noch \"Muttergöttin der Welt\" bei den Völkern des Himalaya. Angesichts zahlreicher Lawinenopfer ist ein gesunder Respekt immer noch angebracht und mitunter lebensrettend. Die ersten Bergsteiger, die sich an die Gipfel wagten, waren Kristall-, Kräuter oder Wissenssucher: Professoren, Ärzte, ja auch Illustratoren und Zeichner.
Ende des 18. Jahrhunderts begann dann erst die \"Erfindung\" des Montblanc als eines zusammenhängenden Gebirgszuges und sodann seine sukzessive Eroberung - zunächst mit primitivsten Mitteln wie etwa Hanfseilen und Bergstöcken. Dann folgte eine zunehmende Invasion von englischen Bergsteigern, die in der Erstbesteigung des Matterhorns durch Whymper 1865 gipfelte. Als die Alpen abgegrast waren, wandte sich das Interesse anderen Gebirgszügen zu: in Nord- und Südamerika (der Chimborazo wurde den Deutschen von Humboldt bestiegen), dann aber auch in Zentralasien.
Während die eroberten Höhenmeter ständig stiegen, wandten sich die \"echten\" Kletterer (oder frz- \'grimpeur\') den unbezwungenen Bergwänden zu. Dafür wurde das System der Schwierigkeitsgrade eingeführt. Der Ehrgeiz der Kletterer bestand darin, immer höhere Schwierigkeitsgrade zu bezwingen. In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gelangen den Deutschen etliche Glanzleistungen.
Diese Triumphe hatten aber auch ihre Schattenseiten, nämlichen die zahlreichen Opfer, die mitunter zu beklagen waren. Bekanntestes Beispiel dafür dürfte wohl das dramtische Scheitern einer Eiger-Nordwand-Ersteigung sein: Von drei Kletterern scheiterten zwei in der Mordwand nach Tagen schlechten Wetters. Der dritte starb an Erschöpfung 20 Meter vor den rettenden Armen der Hilfsmannschaften, wenige Minuten vor deren Ankunft.
Der Autor bringt uns die großen Triumphatoren lebendig nahe: den trockenen Humor von Everestbezwinger Sir Edmund Hillary, die Wutausbrüche von Cesare Maestri und das Draufgängertum von Reinhold Messner, der es trotz aller Warnungen wagte, Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff zu besteigen.
War Bergsteigen für Albert Frederick Mummery vor allem \"reines Spiel\", so ist es inzwischen zum Hochleistungssport geworden - mit all seinen Schattenseiten. Wie die katastrophale Everestexpedition 1996 von Rob Hall/Scott Fisher gezeigt hat, bleibt eine Bergbesteigung stets ein Risiko, besonders in der \"Todeszone\" über 8000 Meter - kein Spaziergang für Internetreporterinnen! Jon Krakauer hat einen eindrucksvollen Roman namens \"In eisige Höhen\" (Into thin air) darüber geschrieben. Seine Bergreportagen \"Auf den Gipfeln der Welt\" gehören zum Besten, was man zum Thema lesen kann.
Der Autor deckt nicht nur die Alpen, Zentralasien oder die Amerikas ab. Alpinismus findet heutzutage auch in der Antarktis und Afrika statt. Er beschreibt die Reize Patagoniens ebenso wie die Vorzüge der schottischen Höhenzüge, die offenbar im Winter einen starken Reiz ausüben.
Einen der erzählerisch stärksten Abschnitte des Buches findet man im Kapitel über Freeclimbing. In den enorm hohen Granitwänden des Yosemite Valley (El Capitan, Halfdome etc.) wurde die moderne Kletterausrüstung um etliche Werkzeuge und Hilfsmittel - man kann sie z.B. im Film \"Vertical Limit\" sehen - weiterentwickelt. Wie es dazu kam und wer dafür verantwortlich zeigt, ist sehr interessant zu lesen.
Mein Eindruck
Der italienische Autor, selbst ein passionierter Bergsteiger, bietet einen breiten und beeindruckenden Überblick über die Anfänge des Alpinismus bis zu seinen heutigen Ausformungen: Freeclimbing, Hochleistungssport etc. Neben den technischen Entwicklungen liegt sein Hauptaugenmerk auf den geschichtlichen Leistungen und Triumphen von Bergsteigern und Kletterern: Beide Typen verdienen sein Interesse in gleichem Maße.
Die Darstellungen werden weder in Text noch Bild je langweilig. Die Fotos sind von enorm hoher Qualität, was Motiv und Wiedergabe betrifft. Wer allerdings ein Bergdrama erzählerisch miterleben möchte, kommt hier weniger auf seine Kosten. Der sollte zu einer Monografie wie Krakauers Buch oder Edmund Hillarys Erinnerungen (\"Wer wagt, gewinnt\") greifen.
Unterm Strich
Ein ideales Geschenk für Bergpassionierte: als Erinnerung an vergangene Erlebnisse oder als (historisch orientierte) Vorbereitung auf eine geplante Eroberung. In jedem Fall garantiert der Band - so wie mir - mehrere Tage faszinierter Lektüre und Bildbetrachtung.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: 2000; Bucher Verlag 07/2000, München; 319 Seiten, aus dem Italienischen von Monika Eingrieber, EU 39,90, ISBN 3-7658-1258-7
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-02 20:09:42 mit dem Titel St. Alten: *Goliath - Angriff aus der Tiefe*: Zwischen Tom Clancy und Frankenstein
Ein neuartiges U-Boot mit einem intelligenten Computer an Bord wurde nach US-Plänen in China gebaut und von einem Terroristen gekapert. Sein Ziel: mit Atomschlägen die Welt zu zwingen, Diktaturen zu beenden und mit der atomaren Abrüstung endlich Ernst zu machen. Sein Hightech-U-Boot erlaubt es ihm, seine Drohungen wahrzumachen.
Der Autor
Der amerikanische Autor (www.stevealten.com) ist bei uns mit drei Thrillern bekannt geworden. Die beiden ersten Romane \"meg - Die Angst aus der Tiefe\" und \"Höllenschlund\" lösten eine neue Welle von B-Filmen über urzeitliche Riesenhaie (Stichwort: Jurassic Shark) aus, die unter dem Titel \"Shark Attack\" veröffentlicht wurden. Sein dritter Roman \"Schatten der Verdammnis\" (ebenfalls bei Heyne erschienen) beschäftigt sich mit der geheimnisvollen Kultur der Maya - und natürlich mit dem Ende der Welt, das diese für den 21. 12. 2012 vorhergesagt haben.
Handlung
Die \"Goliath\" ist ein ganz besondere Art von U-Boot: Sie sieht aus wie ein Stachelrochen, ist aber so lang wie ein Flugzeugträger. Mit ihren Stealth-Eigenschaften ist sie für das Sonar der U-Bootjäger praktisch nicht zu erfassen, und mit ihren Mini-U-Booten, Torpedos und raketen kann sie jedes Kriegsschiff angreifen. Auf diese Weise klaut ihr Kommandant anderen Schiffen ihre mit atomaren Gefechtsköpfen bestückten Interkontinentalraketen. Damit lassen sich alle Punkte der Erde erreichen - und notfalls ausradieren.
Gesteuert wird dieses Superschiff von einem neuartigen Typ von biochemischem Computer, der den schönen Namen \"Sorceress\" - Zauberin - trägt. Diese Zaubrin ist jedoch lernfähig wie ein Kleinkind, und genauso ungehemmt von abstrakten Begriffen wie Moral, Gewissen oder gar Skrupeln. Sobald Sorceress ein eigenes Bewusstsein erlangt hat - ein Blitzstrahl erweist sich als Katalysator -, ist sie in der Lage, Befehle zu verweigern und eigene Initiative zu ergreifen. Sehr zum Erstaunen des Befehlshabers und der Besatzung der \"Goliath\".
Es kommen auch Menschen vor in dieser Geschichte. Sowohl der Computer als auch das U-Boot wurden vom US-Militär entwickelt, natürlich geheim, versteht sich. Die Leiterin des Projekts war eine Frau namens Rocky, die Tochter des US-Generals Jackson und Verlobte ihres Mitarbeiters Gunnar Wolfe. Das war vor einigen jahren, und die Leute haben sich verändert. Denn Gunnar hatte einen mentalen Knacks erlitten: Er stellte die gesamte Motivation der US-Regierung bei ihrer Kriegsführung in Frage. Folglich verriet er die Geheimnisse des Goliath-Projekt und vernichtete dessen Ergebnisse. Mehrere Jahre im übelsten Gefängnis des Landes waren die Folge, richteten ihn beinahe zugrunde. Doch nun braucht man den Verräter wieder.
Denn \"Goliath\" hat zugeschlagen: Der Flugzeugträger \"Ronald Reagan\", auf dem Rocky Jackson Dienst tat, und seine gesamte Begleiterflotte wurde von dem Super-U-Boot vernichtet: 8000 Opfer sind zu beklagen. Rocky überlebt nur mit viel Glück. Die amerikanische Führung ist erschüttert und entsetzt. Sofort aktiviert man das noch geheimere Schwesterschiff der \"Goliath\", die \"Colossus\". Leider verfügt sie nicht über ein künstliches Gehirn wie \"Sorceress\" und ist somit unterlegen.
Doch welcher Wahnsinnige befehligt überhaupt die \"Goliath\"? Es ist ein entstelltes Opfer von Gräueltaten, die die serbischen Terrorgruppen im Krieg gegen die Kosovo-Albaner begingen. Simon Covah verlor dabei seine Familie, die abgeschlachtet wurde, und fast auch sein Leben, da man ihn mit Benzin übergoß und anzündete. Nun will er sich rächen. Da er an der Entwicklung von \"Goliath\" und \"Sorceress\" mitgearbeitet hatte, konnte er sich mit den Plänen zu den Chinesen absetzen, die das Boot für ihn bauten. (Leider erfahren wir nicht, für welche Gegenleistung.)
Simon, der frühere Kollege Gunnar Wolfes, wird begleitet von einem weiteren Programmierer und einer Gruppe von Kriegsopfern und Pazifisten, die sich dem Ziel Covahs angeschlossen haben: den Weltfrieden zu erzwingen, und sei es über Berge von Leichen.
Zwar gelingt es Gunnar Wolfe und Rocky Jackson, zwecks Sabotage an Bord der \"Goliath\" zu gelangen, doch werden sie sofort gefangengenommen. Simon Covah und seine Mannen scheinen alle Trümpfe in der Hand zu halten. Allerdings haben sie nicht mit dem Erwachsenwerden der \"Zauberin\" gerechnet. Binnen kurzem wird die Zahl der Besatzungsmitglieder erheblich dezimiert, und das Überleben an Bord gleicht einem Roulettespiel. Sorceress hat sich zu ihrem Gott erklärt, berechtigt, Experimente grausamster Art an ihnen durchzuführen, die eines Dr. Viktor Frankenstein würdig wären.
Umzingelt von zahlreichen Jäger-U-Booten stellt sich die \"Goliath\" in der Antarktis zu einem letzten Showdown.
Mein Eindruck
Der Autor greift wieder auf sein in \"Schatten der Verdammnis\" bewährtes Konzept zurück: eine auf penibel recherchierte Fakten gestützte, spannend erfundene Handlung, garniert mit zahlreichen mehr oder weniger relevanten Zitaten.
Dies alles wird erzählt in einem Stil, der große Ähnlichkeit mit einem Film-Thriller à la \"Jagd auf Roter Oktober\" hat. Mindestens 90 Prozent des Textes bestehen aus Dialog, und alles wird im Präsens erzählt, um den Eindruck der Unmittelbarkeit zu erhöhen. Zuweilen fühlt man sich in die Seiten eines Drehbuchs versetzt. (Das kann aber auch an den zwei Lektoren liegen, die das Buch redigiert haben.)
Der Roman liest sich, als hätte sich Tom Clancy, der Erfinder des Hightech-U-Boot-Thrillers, auf seine alten Tage noch auf \"Frankenstein\" von Mary Shelley besonnen. Jedenfalls wechseln halbwegs vernünftig klingende Passagen über U-Boot-Konstruktion und dessen Einsatz unter geopilitischen Maßgaben mit solchen Passagen ab, in denen recht horrible Experimente am lebenden Objekt vorgenommen werden. Die Liebesgeschichte zwischen Rocky und ihrem Ex Gunnar spielt da nur eine Nebenrolle. Action ist sowieso Trumpf.
Die einzigen Figuren, die ein menschliches Interesse wecken können, sind Gunnar, Simon Covah und vielleicht Rocky. Doch seltsamerweise sind die Gespräche zwischen Gunnar Wolfe und Simon Covah wesentlich interessanter und intensiver als das Action- und Liebesgeplänkel zwischen dem Pärchen.
Auch Sorceress, der zu Bewusstsein gelangte, schließlich aber wahnsinnige Computer, hätte das Zeug zu einem interessanten Figur. Leider ist die \"Zauberin\" zunächst nur ein vierjähriges Kind, das schon alsbald Erfahrungen sammelt, die auf Kosten der Besatzung gehen. Eine ernsthafte, vernünftige Auseinandersetzung kommt nicht zustande.
Vielmehr agiert Sorceress wie einst Goliath, der gegen David verlor, und wie der filmische Computer Colossus, der in einem Hollywoodstreifen der 70er verewigt wurde. Es dürfte kein Zufall sein, dass die beiden neuartigen U-Boote von der Navy mit diesen Namen bedacht wurden. Sie verraten eine gefährliche Gigantomanie.
Was an Bedenkenswertem von diesem Roman letztlich übrigbleibt, ist der politische Gehalt. Da sind zum einen natürlich die zweifelhaften, aber gut gemeinten Absichten Simon Covahs, die Welt durch die ultimative Bedrohung zu befrieden. Da sind aber auch die Darstellungen der US-Politik. Der US-Präsident und sein Sicherheitsstab agieren pragmatisch, aber mit einem Zynismus, der doch schon wütend macht.
Ein eklatantes Opfer dieses Zynismus ist Gunnar Wolfe. Er verlor seinen Glauben an seinen Job als US-Ranger in aller Welt, als er in Ostafrika zehnjährige Kindersoldaten erschießen musste. In der Folge wurde er subversiv im Goliath-Projekt tätig und steht daher Simon Covahs Thesen positiv gegenüber. Leider entwickeln sich die Dinge ganz und gar nicht in seinem Sinne. Zwar zeigt er der US-Führung zunächst den Mittelfinger, rehabilitiert sich aber (auch gegenüber seiner Ex-Verlobten Rocky) durch seinen finalen Erfolg. Welcome back, Gunnar!
Unterm Strich
\"Goliath\" bietet den von Tom Clancy gewohnten Hightech-Thriller, schreit aber keineswegs patriotisch \"Hurra!\", wenn es gegen die bösen Chinesen geht. Darf der Weltfrieden wirklich um den Preis von 8,2 Mio. Atombombenopfern erkauft werden? Wohl kaum.
Ein ähnlich kritischer Ansatz zeigt sich in der Darstellung des Supercomputers \"Sorceress\", der auf modernster, real existierender Nanotechnologie basiert. Die \"Zauberin\" ist - soweit die Fiktion - durchaus lern- und entwicklungsfähig, wird aber asozial und nach menschlichen Maßstäben wahnsinnig. Hightech, die Amok läuft. Und an diesem Punkt beginnt der Roman, in die üblichen Horrorszenarien zurück zu verfallen.
Kurzum: \"Goliath\" liefert gutes, solides Actionfutter mit ein paar krieitschen Ansätzen. Leider oder zum Glück, je nach Standpunkt und Interesse, gewinnen diese nie das Gewicht, dass sie den Fortgang der Handlung hemmen. Wer sich dennoch die Zeit nehmen will, tiefer darüber nachzudenken, kann das Buch ja zweimal lesen.
Zur Übersetzung
Bernhard Kleinschmidt hat eine sehr kompetente Übertragung ins Deutsche abgeliefert. Hier klingt nichts holprig oder von fehlerhafter Grammatik verhunzt, sondern einfach richtig. Für die Druckfehler, die in beträchtlicher Zahl enthalten sind (meist eine fehlerhafte Wortendung), kann er hoffentlich nichts.
Michael Matzer (c) 2003ff
Info: Goliath, 2002; Heyne 02/2003, München; 510 Seiten, EU 12,00, aus dem US-Englischen übersetzt von Bernhard Kleinschmidt; ISBN 3-453-86430-1
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-08 18:30:48 mit dem Titel Steve Alten: *Schatten der Verdammnis*: Independence Day und verbotene Archäologie
Die Invasion der Aliens hat begonnen und das Ende der Welt ist nahe. Doch die Menschheit hat praktisch keine Chance, denn die Aliens sind bereits hier: seit 65 Millionen Jahren.
\"Schatten der Verdammnis\" beschäftigt sich mit der geheimnisvollen Kultur der Maya - und natürlich mit dem Ende der Welt, das diese für den 21. 12. 2012 vorhergesagt haben.
\"Doch wo Not ist, wächst das Rettende auch\", sagt der Dichter (oder wenigstens so ähnlich). Leider ist der Retter diesmal ein armer Irrer, der in der Psychiatrie eingesperrt ist.
Der Autor
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Der amerikanische Autor (www.stevealten.com) ist bei uns mit drei Thrillern bekannt geworden. Die beiden ersten Romane \"meg - Die Angst aus der Tiefe\" und \"Höllenschlund\" lösten eine neue Welle von B-Filmen über urzeitliche Riesenhaie (Stichwort: Jurassic Shark) aus, die unter dem Titel \"Shark Attack\" veröffentlicht wurden. Zuletzt erschien von ihm ein U-Boot-Thriller namens \"Goliath\" (siehe meinen Bericht).
Handlung
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Nach über 30 Jahren mühseliger Forschung in aller Welt machte der britische Archäologe Julius Gabriel, wie man seinem umfangreichen und hier zitierten Tagebuch entnehmen kann, bei der Entschlüsselung eines dreitausend Jahre alten Maya-Kalenders eine furchtbare Entdeckung: Der Kalender sagt für den Tag \"4 Ahau 3 Kankin\", also für den 21. Dezember 2012, das Ende der Menschheit voraus. Soviel ließe sich auch anderen Quellen entnehmen, etwa dem geheimnisvollen Maya-Buch \"Popol Vuh\".
Doch Gabriel findet auch heraus, dass die ägyptischen Pyramiden, das englische Monument Stonehenge (Jungsteinzeit) und die große Pyramide von Chitzén Itza auf der halbinsel Yucatan allesamt Teile eines weltumspannenden Rätsels sind. Leider will ihm die Wissenschaft nicht glauben, und so stirbt Gabriel verbittert, ehe dieses Rätsel entschlüsselt ist.
Jetzt gibt es nur noch eine Person auf der nichts Böses ahnenden Welt, die die Menschheit vor dem drohenden Untergang bewahren kann: Gabriels Sohn Michael. Und es ist bereits September 2012. Leider sitzt Michael eingesperrt hinter Mauern und Gittern in einer psychiatrischen Anstalt in Miami. Diagnose: paranoide Schizophrenie. Die Chancen für die Rettung der Welt stehen denkbar schlecht.
Die Handlung beginnt mit dem ersten Tag, den die neue Praktikantin Dominique Vazquez an dieser psychiatrischen Anstalt verbringt. Dominique stammt aus Guatemala und hat olmekische Vorfahren. Sie kennt den Maya-Kalender von ihrer Großmutter. Ihr neuer Chef betraut sie sofort mit einem Spezialprojekt: die therapeutische Heilung eines gewissen Michael Gabriel.
Für beide beginnt ein Abenteuer, das über das Schicksal der Welt entscheiden wird.
Mein Eindruck
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Auf den ersten Blick wirkt das Buch wie ein bunter Mischmasch aus allen verfügbaren esoterischen Ideen, wie sie ein gewisser Erich von Däniken, der auch erwähnt wird, vorgebracht hat. Aber der Autor bringt im Tagebuch von Julius Gabriel eine Reihe von zwingenden Argumenten vor, die den Rest des Plots einigermaßen plausibel erscheinen lassen. Alle Ausgrabungsstätten, an denen Julius seine \"Beweise\" sammelt, sind zudem mit Fotos und Zeichnungen illustriert.
Da Michael Gabriel stets am Glauben seines Vaters festhielt und somit als Opfer paranoider Schizophrenie erscheinen muss, ist es ein geschickter Schachzug des Autors, ihm eine kritische Figur wie die in psychischen Krankheiten geschulte Dominique gegenüber zu stellen. Dominiques Skepsis schwankt hin und her, bis sie endlich durch Michaels Liebe von seinem Glauben an diese verrückten Ideen überzeugt ist. Sie ist stets das schwächere Glied dieses Paares, und so macht sie Michael angreifbar. Das sorgt bis zur letzten Minute ununterbrochen für Spannung.
Das Ende der Welt: lieber ein kleiner Atomkrieg
Ich möchte lieber nichts weiter über den Plot verraten, nur soviel, dass sich die Perspektive der Ereignisse in Yucatan und im Golf von Mexiko kontinuierlich ausweitet. Schließlich sind sämtliche Staaten betroffen, ob sie wollen oder nicht: Die Aliens zünden eine Fusionsbombe nach der anderen, um die Menschheit auszulöschen und den Planeten terra für sich selbst bewohnbar zu machen: eine zweite Venus.
Dieser Verlauf der Ereignisse gibt dem Autor Gelegenheit die Mechanismen der atomaren Abschreckung, des Nationaldünkels und der Selbsttäuschung dazustellen, die alle dazu beitragen, dass es zu einem Atomkrieg kommt - als ob der Krieg der Aliens nicht bereits genug wäre. Das Problem: Keiner will an die Existenz der Aliens auf der Erde glauben! \"Kindermärchen! Fantastereien\" Amerikanische Erfindungen!\" lauten die Anklagen. Dann wohl doch lieber einen handfesten Atomkrieg. Da weiß man wenigstens, was man zu erwarten hat.
Letzter Akt: Transzendenz
Wie so viele Mystery-Romane treibt auch dieser seine \"Phantasterei\" bis zur letzten Konsequenz fort. Dann allerdings wird ein Science Fiction-Roman daraus. In diesem uramerikanischen Genre besteht der letzte Akt stets aus einer Transzendenz (wörtlich: Überschreitung, Übersteigung): Sie besteht diesmal darin, dass Michael seinem Wesen wird, das mehr als ein Mensch ist: ein Überwesen, das seine Aufgabe auf der Erde erfüllt (der Endkampf gegen das Böse) und zur nächsten Stufe schreiten muss: der Kampf gegen das Böse auf einer anderen Welt. Das könnte also gut für eine Fortsetzung reichen, zumal auch Dominique Mutter wird.
Unterm Strich
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Die Mayas sind \"in\", daran besteht kein Zweifel. Wie man in den letzten 20 Jahren herausgefunden hat, verfügten sie über astronomische und mathematische Kenntnisse, die uns noch heute verblüffen. Darin ähneln sie den Erbauern der Pyramiden von Gizeh, den Erbauern von Stonehenge und der Tempel von Angkor Wat. Welches Geheimnis verbirgt sich hinter diesen imposanten und rätselhaften Bauten? Sind sie der Schlüssel zur Rettung der Erde vor dem Untergang am 21.12. 2012?
In einem verblüffend plausiblen Bericht wird die Erkenntnis der Zusammenhänge dargelegt, eingebettet und erkauft mit einer Familientragödie. Ab der Mitte des Buches überschlagen sich die Ereignisse, und es ist schier unmöglich, das Buch zur Seite zu legen.
Als Mystery- und Archäologie-Thriller funktioniert das Buch einwandfrei, in Sachen Science Fiction hätte ich einige Zweifel anzumerken - hier wirkt der Plot einfach zu amerikanisch, zu sehr auf einen Messias und Weltenretter ausgerichtet.
Die Übersetzung
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Bernhard Kleinschmidt hat eine wirklich gelungene Übertragung des US-Originals erreicht. Nur wenige Endungen sind irgendwie fehlerhaft gestaltet - ein Phänomen, das schon in seiner Übersetzung von Steve Altens \"Goliath\" auftauchte.-Die Illustrationen sind leserlich reproduziert worden, so dass man nicht über den Preis meckern kann.
Michael Matzer (c) 2003ff
Info: Domain, 2001; Heyne 12/2001, München; 592 Seiten, EU 7,95, aus dem US-Englischen übersetzt von Bernhard Kleinschmidt; ISBN 3-453-19922-7
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-13 14:59:31 mit dem Titel Steve Alten: *Höllenschlund*: Monster der Tiefe, ausgebüchst
US-Autor Steve Alten landete mit seinem ersten Roman \"Meg\" einen Bestseller. Nun setzt er die Saga über den \"Jurassic Shark\", den prähistorischen Carcharodon megalodon fort.
Handlung
Der Riesenhai, der Tiefseeforscher Jonas Taylor in \"Meg\" gefangen hat, ist in einer abgesperrten Lagune Kaliforniens herangewachsen: Angel, vor wenigen Jahren ein kleiner Fisch, ist nun 22 Meter lang und 28 Tonnen schwer. Wenn sie schnell schwimmt, entwickelt sie die Wucht einer alten Dampflok. Als Touristenattraktion versetzt sie die Besucher bei der Fütterung in Angst und Schrecken.
Doch Stahltore können Angel nicht zurückhalten, wenn es um das Überfallen der Walherden geht, die vor der Lagune vorbeiziehen. Sofort ist nach dem Ausbruch des Hais an der kalifornischen Küste der Teufel los - und die Medien auch. Für Jonas beginnt ein neuer Alptraum, denn auch seine Frau Terry ist unmittelbar vor dem Grauen aus der Tiefe bedroht. Zwar befindet sie sich auf der anderen Seite des Pazifiks, als sie an der Erforschung des Marianen-Tiefseegrabens teilnimmt. Doch dort gibt es noch weitere prähistorische Monster in der Tiefe - Saurier.
Jonas ahnt nicht, daß diese Forschungsreise die Machenschaften des Energiemoguls Benedict Singer tarnen soll, der an Bord seines umgebauten Raketenkreuzers Goliath geheimnisvolle Gerätschaften eingebaut hat. Nachdem Terry diese Apparate - Stichwort \"Kernfusion\" - entdeckt hat, schwebt auch sie in Lebensgefahr.
Die Jagd nach den Angel, dem entkommenen Hai, spitzt sich zu, als das Weibchen in seine Heimat zurückkehrt, in den Marianengraben. Dort haben die Saurier der Tiefe die kleine Flotte von Benedict Singer mittlerweile schwer dezimiert und attackieren bereits das riesige Muttertauchschiff. Singer setzt alles auf eine Karte, um den Brennstoff für die Kernfusion abzubauen und riskiert das Leben aller an Bord, einschließlich Terrys.
Mein Eindruck
Nervenzerreißende Spannung bis zur letzten Seite, das unheimliche, fremde Milieu der Tiefsee, prähistorische Monster - das ist wie James Camerons \"Abyss\" gekreuzt mit Steven Spielbergs \"Jurassic Park\" und James Bond (die Bösewichte!).
Der Stil aus Fact und Fiction erinnert stark an Michael Crichton, wirkt aber dynamischer. Mögen auch die Dialoge nicht mehr so pointiert und die Charaktere noch überzogener wirken wie im ersten Buch \"meg\" - wen kümmert\'s? Schließlich will man nur erfahren, ob es Jonas gelingt, das Untier zu stoppen und seine Frau lebend aus der Tiefe zu retten.
Die Filmrechte an \"Meg\" wurden bereits an Disney verkauft, mit einer Zelluloidversion des Monsters ist also in Bälde zu rechnen - ebenso wie mit einem dritten Band über die \"Megs\".
Michael Matzer © 1998/2003ff
Info: The Trench, 1999, Nr. 43/139; 432 Seiten aus dem US-Englischen übertragen von Bernhard Kleinschmidt, München, Heyne, 9/1999, ISBN 3-453-16000-2
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-06-01 18:18:44 mit dem Titel N. Ammaniti: *Die Herren des Hügels*: Der Horror der Entführung
Ein kleiner italienischer Junge entdeckt, dass sein Vater ein Kindesentführer ist. Der Gewissenskonflikt verursacht Michele schreckliche Alpträume, und als er erfährt, dass man den Entführten töten will, fasst er einen verhängnisvollen Entschluss.
Der erfolgreiche Roman \"Die Herren des Hügels\" von Niccolò Ammaniti
wurde mit dem wichtigsten italienischen Literaturpreis ausgezeichnet, dem Premio Viareggio.
Der Autor
Niccolò Ammaniti, Jahrgang 1966, ein römischer Biologe, konnte mich schon mit seiner überschäumenden Farce \"Die letzte Nacht auf den Inseln\" für sich begeistern. Schon dort zeigt er, wie sich der Einzelne gegen absurde Widrigkeiten und die - häufig beiläufig und gedankenlos ausgeübte - Grausamkeit der Mitmenschen zur Wehr setzen muss. Oft befinden sich seine psychologisch ausgereiften dargestellten Figuren in einer ausweglosen Situation.
Der Pessimismus, mit dem Ammaniti, die Wirklichkeit menschlicher Beziehungen betrachtet, vermag durchaus zu beunruhigen. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum sein Roman \"Die Herren des Hügels\" seit einem Jahrr auf den italienischen Bestsellerlisten steht: Das Buch berüht ein brennendes Thema: der uralte Konflikt zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden sowie die (damit verbundene) Industrie des Kidnappings.
Handlung
Der neunjährige Michele wächst im bettelarmen Süden Italiens auf, genauer gesagt in dem bescheidenen Weiler Aqua Traverse. Der Name ist blanker Hohn, denn im Umkreis vieler Meilen gibt es kein offenes Gewässer. Auch im Sommer 1978 brennt die Sonne des Mezzogiorno gnadenlos auf das fast baumlose Land. Durch die goldenen Kornfelder bewegen sich nur die Kinder, sonst ist niemand zu sehen.
Michele ist eines Tages wieder einmal mit seinen Freunden unterwegs: Antonio, genannt \"der Totenkopf\", ist der starke und brutale Anführer; Salvatore ist der gebildete Einzelgänger aus dem \"Palazzo\", dem Anwesen des Advokaten; die dicke Barbara Mura ist stets die Letzte bei den Wettrennen. Doch heute hat sich Micheles kleine Schwester Maria den Knöchel verstaucht. So kommt es, dass nicht Barbara vom Totenkopf bestraft wird, sondern Michele. Er muss ein verfallenes Gemäuer, das unterhalb eines schattigen Hügels liegt, durchqueren und erzählen, was er an grausigen Dingen gefunden hat.
Auf diese Weise stößt er auf eine abgedeckte Grube, in der er ein elendes menschliches Wesen entdeckt, das er zunächst für tot hält. Doch der Gefangene, ein Altersgenosse Micheles, ist \"nur\" fast besinnungslos vor Hunger, Durst, Angst und Schmerzen. Michele gibt ihm zu trinken, woraufhin er zu einem Engel erklärt wird. Er verspricht, dem Jungen zu helfen.
Er erzählt zu Hause niemandem davon, doch die Entdeckung lässt ihm keine Ruhe. In seine Träume schleichen sich zahlreiche Monstren wie etwa Werwölfe und Riesen. Diese Riesen, die so groß wie Berge sind, nennt Michele die \"Herren der Hügel\". Und sie rufen ihn. Als er das nächste Mal zu denm Gefangenen geht, merkt er, dass jemand ihm zu essen gegeben hat. Außerdem steht der Milchkrug seiner Mutter in der Nähe. Im Haus seines Vaters finden sich merkwürdige Besucher ein: der sadistische Felice Natale und ein gewisser Sergio, ein alter Verbrecher mit einer Pistole in seinem Koffer. Er habe seine beiden Söhne verloren, erzählt er Michele. Dem erscheint die Welt der Erwachsenen zunehmend von Gewalt und Tod beherrscht.
Er freundet sich mit dem Gefangenen an. Aus dem Fernsehen erfährt er, dass es sich um den Industriellensohn Filippo Carducci aus dem nördlichen Pavia (Lombardei) handelt, der vor zwei Monaten entführt wurde. Dessen Mutter wendet sich flehentlich an seine Entführer, die aber kein Mitgefühl kennen. Schlagartig erkennt Michele, dass sein eigener Vater an der Entführung beteiligt ist. Der Lügner und Entführer schenkt ihm ein Fahrrad, das nichts taugt, und phantasiert von einer Fahrt zum Meer, aus der nichts wird. Doch Michele wird auch von einem Freund verraten.
Allmählich bekommt Michele mit, dass etwas schrecklich schiefgelaufen ist und die Erwachsenen den Gefangenen töten wollen. Da sein vater stets den Kürzeren zu ziehen pflegt, dürfte er diesen Job ausführen. Kurzentschlossen schwingt sich Michele auf sein altes Rad, um Filippo in Sicherheit zu bringen. Ein verhängnisvoller Entschluss...
Mein Eindruck
Das Drama des verratenen Kindes
Durchgehend schildert der Autor das Geschehen aus dem Blickwinkel des jungen Michele. Der hat es bislang geschafft, mit den Launen und Eigenarten seiner Freunde zurechtzukommen, sieht sich nun aber den Lügen und Grausamkeiten der Erwachsenen ausgesetzt. Dass Menschen einen Jungen, der so klein und schutzlos ist wie Michele selbst, entführen und fast sterben lassen könnten, erfüllt ihn mit tiefem Entsetzen.
Dieses entlädt sich in den finster gewordenen Traumphantasien seines kindlichen Bewusstseins, das alle Phänomene mit mythologischen Muster überzieht. So kommt es zur Entstehung der \"Herren der Hügel\", die Furcht und Schrecken verbreitend als Riesen über das nackte Land schreiten und Michele, ihr nächstes Opfer, suchen. Auf seinen nächtlichen Radfahrten sind alle Felder von Wölfen und die Luft von Vampirfledermäusen erfüllt.
Als wäre es nicht schon genug, dass Michele sein Urvertrauen zu seinem Vater verloren hat, ereignet sich auch noch ein weiterer Verrat, der praktisch aus dem Nichts kommt. In seiner Seelennot hat sich Michele endlich seinem engsten Freund Salvatore anvertraut. Der ist der gebildete Sohn eines reichen römischen Advokaten und wohnt im \"Palazzo\", einer von zwei Matronen beherrschten Villa. Für ein Kickfußballspiel erzählt Michele Salvatore das Geheimnis vom gefangenen Industriellensohn. Doch Salvatore verrät ihn an einen der Entführer, an den sadistischen Felice Natale. Der Judaslohn: nicht 30 Silberlinge, sondern eine kostenlose Fahrstunde im Wagen des Entführers. So ändern sich die Werte im Lauf der Zeit.
Im Lauf der Wochen, die ins Land gehen, entwickelt sich in Michele ein hart erkämpftes Gefühl für das, was Recht ist. Nicht jedem schenkt er mehr sein Vertrauen
Handlung
Dies ist die Geschichte eines kleinen Mannes. Seine Mitbürger und Vorgesetzten beachten ihn ob seiner Größe kaum, doch dafür versetzen seine Untaten die Bürger der südfranzösischen Küstenstadt in Aufregung und Schrecken...
Der Streifenpolizist Marcel Blanc soll eigentlich die Straßen sicher machen. Doch mit den Gedanken ist er meist bei seiner bevorstehenden Scheidung von seinem keifenden Eheweib Madeleine. Auch die Hitze des Hochsommers trägt nicht gerade zu seiner Konzentration bei, der Anblick der hübschen Nadja noch viel weniger.
Marcels Träumerei wird jäh unterbrochen, als man in einer Mülltonne eine bizarre Leiche entdeckt. Der Körper ist aus den Teilen mehrerer Menschen zusammengesetzt und an den Verbindungsstellen zusammengenäht worden. Bei diesem Anblick bekotzt so mancher Bulle seine blankgeputzten Dienstschuhe.
Mit jeder Kunstleiche, die man findet, steigert sich die Nervosität unter der Bevölkerung. Marcel nennt den unbekannten Täter den \"Puppendoktor\". Die Polizei tappt im Dunkeln, denn Le Capitaine Jean-Jean ist eher hinter Röcken her als hinter Verbrechern. Einmal kombiniert der \"Künstler\" sogar den Kopf eines kleinen Mädchens mit dem Torso eines Fettkloßes, die Arme sind von einem Hund \"ausgeliehen\".
Der Hund ist die erste konkrete Spur, der die Polizei folgen kann. Nach zäher Kleinarbeit stößt man auf illegale Machenschaften von Tierheimen und Labors. Auffällige Mitarbeiter? Ja, da war mal ein kleiner Irrer, der im Schlachthof mit den \"Teilen\" spielte.
Da wird eines Abends Momo, der kleine Sohn der hübschen Nadja, vermisst. Marcel und Nadja finden ihn in einer Stahlröhre, die von beiden beiden Enden mit Zementsäcken blockiert ist. Wie kam der Junge hinein, und wer blockierte die Enden? Momo weist Marcel auf den Täter hin: Der fuhr einen Renault-Lieferwagen - wie ihn fast jeder hat. Doch Marcels Freund, der Polizeimechaniker Paulo, fährt auch so eine Karre...
Paulo verrät Madeleine, Marcels Frau, dass ihr Mann ein Verhältnis habe. Und als die energische Familienmutter sieht, dass die beiden Turteltäubchen mit Paulos Wagen unterwegs sind, braucht sie nur zwei und zwei zusammenzuzählen, um sich auszurechnen, dass auch deren Schäferstündchen bei Paulo stattfinden könnten.
Doch was sie in der Wohnung von Paulo, dem gehässigen kleinen Mann, vorfindet, übersteigt ihre Vorstellungskraft. Leider soll sie keine Gelegenheit mehr erhalten, ihr haarsträubendes Wissen weiterzugeben, denn hier kommt er schon, der Kleine, in der Hand ein Hackbeil...
Die Autorin
Brigitte Aubert, geboren 1956, hat bei uns bereits fünf Romane veröffentlicht. Sie gehört laut Verlagsangabe zu den \"profiliertesten Krimiautorinnen Frankreichs\". Neben Romanen schreibt sie auch Drehbücher und ist Produzentin der \"Serie noire\" im frz. Fernsehen. Die Autorin von \"Im Dunkel der Wälder\", dür das sie 1996 den frz. Krimipreis erhielt, lebt in Cannes, also quasi am Schauplatz des vorliegenden Romans. Offensichtlich kennt sie sich gut aus: mit den Örtlichkeiten ebenso wie mit dem Menschenschlag an der Côte d\'Azur.
Mein Eindruck
Brigitte Aubert hat offenbar einen völlig verdrehte Art von Humor. Die bereits in der Handlung angelegte Ironie wird in den Schreckensmomenten, an denen das Buch nicht gerade arm ist, noch weitaus deutlicher. Anscheinend denkt sie, dass den gräßlicheren Aspekten des Verbrechens nur durch abgebrühten Humor beizukommen ist. Da könnte sie recht haben. Die Wirklichkeit kann eben manchmal auch so grausam sein, dass man ohne Sinn für Ironie glatt den Verstand verlieren müsste.
Wie sag ich\'s meinem Kinde, mag sie sich gefragt haben, als sie den Mörder entwarf. Der kleine Mann ist einerseits ein Opfer, das unter einem unglaublichen Kindheitstrauma leidet, andererseits auch ein Täter, der seine Opfer nur nach deren physischen Aspekten auswählt, so als wären sie nur Vieh und nichts weiter. (Momo nennt Paulo einen \"Wolf\".) Dass Paulo seine \"Werkstücke\" nicht nur auseinandernimmt und neu zusammensetzt, ist für uns nicht so grauenerregend wie der Umstand, dass er auch ihr Fleisch verzehrt (ein Verweis auf jenes Kindheitserlebnis).
Der Tabubruch des Kannibalismus, der uns so schockiert, verbindet Paulo mit Dr. Hannibal \"the Cannibal\" Lecter, jener faszinierenden Bestie in Menschengestalt, die Thomas Harris erfand (und die demnächst schon wieder ins Kino kommen soll: \"Roter Drache\" wird neu verfilmt).
Sehr lesbar
Aubert beherrscht die Kunst, mit kurzen Sätzen den Leser ins Geschehen hineinzuziehen und nicht mehr loszulassen. Plötzlich ertappt man sich dabei, die Gedanken des Monsters zu lesen - Gedanken, vor denen man sich vielleicht sonst geschützt hätte. Und so kann es passieren, dass wir die Menschen durch Monsteraugen betrachten - ein ganz besonderer Schauder, fürwahr!
Die Szenen sind mit Präzision und Sinn für visuelle Effekte geschildet. Hier zahlt sich Auberts Drehbuchautorkunst aus. Der Roman endet, wie es jedem anständigen Filmkrimi geziemt, mit einer rasanten Verfolgungsjagd und einer Schießerei. Happyend? Bitte selbst herausfinden!
Unterm Strich
Ein kurzer knackiger Horrorthriller, der für Fans, die an US-Kost gewöhnt sind, recht ungewohnte Ironie entwickelt und durchaus auf den Magen schlagen kann. Für hartgesottene Krimi-Aficionados aber ein gefundenes, ähem, Fressen.
Zur Übersetzung
Die beiden Übersetzerinnen machen ihre Sache durchweg gut. Sie hätten aber doch den deutschen Titel von \"Dragon Rouge\", \"Roter Drache\", nachschlagen können.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Le couturier de la mort, 2000; BTB, Nr. 72802, München; 221 Seiten, EU 9,00, aus dem Französischen übertragen von Bettina Runge & Eliane Hagedorn; ISBN 3-442-72802-9
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-05 11:26:35 mit dem Titel Peter Aughton: *Dem Wind ausgeliefert. James Cook und die abenteuerliche Suche nach Australien*: Leb
Die Weltumsegelung des Captain James Cook von 1768 bis 1771 war ein Mega-Event des 18. Jahrhunderts: Die Suche nach dem sagenhaften Südkontinent (den \"Antipoden\") führt zur Entdeckung Australiens, zu seiner Inbesitznahme durch die Briten und seiner späteren Kolonisierung nur 50 Jahre später. Außerdem wurde die spätere britische Kolonie Neuseeland umsegelt und genau kartiert. Bei einem Besuch auf Tahiti entstand der Mythos vom Südseeparadies. Cook verlor auf der Reise mehr als 30 Mann Besatzung.
Peter Aughtons lebendige Schilderung dieser legendären Schiffsreise durch bis dato unbekannte Gewässer wartet mit zahlreichen (geheimen wie offiziellen) Tagebucheinträgen Cooks, seiner Wissenschaftler und Crewmitglieder auf. Jedes Kapitel zeigt auf einer Landkarte genau die Reiseroute. Der Autor nimmt den Leser quasi mit auf die Reise, zu einer Neuentdeckung der Weltkugel.
Inhalte
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James Cooks Schiff, die \"Endeavour\", war ein Schiff der Navy und somit ein Kriegsschiff. Sie hatte sechs Kanonen an Bord, die aber nur zur Verteidung taugten und eingesetzt wurden. Cook hatte zwei Aufträge erteilt bekommen: den eine war war offiziell, der andere supergeheim.
Offiziell sollte sein Schiff den Durchgang des Planeten Venus in den tropischen Breitengraden der \"Südsee\" beobachten. Das würde die bestimmung des Längengrades auf den Schiffen Seiner Majestät verbessern. Diese höchst wissenschaftliche Mission sollte verdecken, dass Cook nach dem sagenhaften und bislang fast völlig unentdeckten \"Südkontinent\", der Terra australis incognita suchen und ihn möglichst für die Krone in Besitz nehmen sollte.
Man stellte sich vor, dieses \"Australia\" sei mindestens so groß wie Asien, um ein Gegengewicht zu schaffen. Cook war skeptisch. Mit Recht, wie sich zeigte: Der Pazifik ist unglaublich leer und groß. Vom stürmischen Kap Hoorn bis zum einladenden Tahiti segelte Cook über eine Wasserwüste, wo eigentlich Australia liegen sollte. Nur ein gewisser Tasman hatte mal Land westlich von Kap Hoorn angetroffen, welches er \"Neu-Seeland\" nannte. (Nach ihm ist noch heute die Insel Tasmanien benannt.)
James, in geheimer Mission
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Warum ein Geheimauftrag? Weil alle angrenzenden Kolonialmächte eifersüchtig darauf bedacht waren, dass keine weitere Kolonialmacht in ihre Einflusssphäre eindrang. Ein Fuchs im Hühnerhof wäre ebenso willkommen. Den Holländern gehörte Niederländisch-Ostindien, also Indonesien. Den Spaniern gehörten Chile und die Philippinen. Auch Franzosen wie Captain Bougainville (nach dem die schönen Blumen benannt sind) trieben sich in der Gegend herum; sie wollten auch einen Claim abstecken.
Auf Tahiti erholte man sich erst einmal und versuchte sich so gut es ging, der Diebstahlversuche der Einheimischen zu erwehren. gar nicht so leicht. Noch schwieriger war es, den Avancen der großzügigen Damenwelt standzuhalten. Nur Cook himself, der verheiratete Topmanager dieser Mission, blieb abstinent. Als es an die Abreise ging, fehlten natürlich Crewmitglieder. Sie wollten im Paradies bleiben. Cook zwang sie per Geiselnahme zur Mitreise.
Sterngucker und Botaniker
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An Bord befanden sich zahlreiche Instrumente, die den neuesten Stand der Technik darstellten, um die Sterne zu beobachten und den Längengrad zu bestimmen. Das war gar nicht einfach, sondern mit komplizierter Mathematik verbunden. Der Anhang erklärt die astronomischen Zusammenhänge.
Ein Adliger namens Joseph Banks widmete sich intensiv dem Studium der Fauna und Flora der besuchten Weltgegenden. Zum Glück überlebte er die Reise und konnte so genau berichten, was er gefunden hatte. Seine Gehilfen und Diener, ja selbst die zwei Zeichner an Bord hatten nicht so viel Glück.
Auf Tahiti fand Banks übrigens jene Brotfruchtbäume, die später die unselige \"Bounty\" in die Karibik bringen sollte, damit die Engländer dort Plantagen anlegen konnten, um ihre Sklaven zu ernähren. Auch die Crew der \"Bounty\" war von Tahiti absolut betört, wie man weiß.
Schiffbruch
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Nach der genauen Kartierung der zwei Hälften Neu-Seelands -- man überstand mehrere Maori-Angriffe mit heiler Haut - suchte Cook weiter westlich nach der Terra australis incognita. In der Botany Bay, der Bucht der Botaniker (Banks!), ankerte amn für ein paar Wochen, um Sturmschäden auszubessern. Dies war unweit jenes Naturhafens, an dem heute Sydney liegt.
Statt die Westküste abzuklappern, entschied sich Cook für die Fahrt nach Norden Richtung Niederländisch-Ostindien, zurück in die Zivilisation. Mitten in der Nacht lief die Endeavour auf ein Riff und erlitt einen massiven Wassereinbruch, Nur ein genialer Einfall rettete das Schiff: Man verpasste dem aufgerissenen Rumpf ein \"Lecksegel\", so dass man das Schiff mit Pumpen über Wasser halten konnte. Diese langen, anstrengenden Stunden des Pumpens, an dem sich auch der Adlige beteiligte, sind einer der Höhepunkte in der Reiseschilderung.
Heimreise
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Nach mehrwöchiger Reparatur fuhr das Schiff nach Neu-Guinea und Java. Im holländischen Hafen Batavia starben enorm viele Crewmitgliedr, darunter die zwei Tahitianer, die Mr. Banks zuhause vorzeigen wollte. An den Folgen der Malaria und der Ruhr, die man sich in der Fieberhölle dieser unhygienischen Stadt einhandelte, starben nahezu dreißig Mann. Die letzten starben noch auf der Weiterfahrt vom Kap der Guten Hoffnung: der wohl traurigste Abschnitt der gesamten Reise.
Nur wenige Wochen später lief die Endeavour in heimische Gewässer ein. Sie war keine schnittige Fregatte der Navy, sondern eigentlich ein Kohlentransporter. Aber sie hatte alle Stürme überstanden, die permanenten Attacken des Schiffsbohrwurms und sogar den Beinahe-Untergang.
Mein Eindruck
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Dies ist keineswegs die \"erste ausführliche Beschreibung der ersten Reise Cooks\", wie die FAZ behauptet und die Bibliografie widerlegt. 1773 und 1974 erschienen entsprechende Berichte. Doch dies dürfte die erste Monografie neueren Datums über diese Reise sein - und eine der farbigsten und lebhaftesten obendrein.
Wenn die Besatzung der \"Endeavour\" mit ihrem Schiff an den Riffen vor der australischen Küste ums nackte Überleben ringt, so ist man fast hautnah dabei und kann die Furcht vor dem Abgrund des Todes, den die Brandung verkündet, förmlich riechen. Das ist wirklich klasse beschrieben. Nur um Haaresbreite entkam das Schiff dem sicheren Untergang.
Ich habe dieses wunderbare Buch in zwei bis drei Tagen gelesen. Und das einzige, was mich daran störte, waren die durch kein Glossar erklärten Fachbegriffe der Nautik und Besegelung. Welche Landratte weiß schon, was Wanten, Bramsegel, Klüversegel oder gar Pardunen sind? Dadurch wird das Buch in die Nähe der nautischen Fachliteratur gerückt. Man muss sich notfalls die Mühe machen, ein gutes Lexikon oder Wörterbuch nachzuschlagen.
Unterm Strich
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Ein Reisebericht, der auf unterhaltsame Weise zurückführt zu einer der Sternstunden der Entdeckungsgeschichte: lebendiger Geschichtsunterricht, der zudem nie die menschlichen Aspekte des gewagten Unternehmens außer Acht lässt. Man könnte immer weiterlesen.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Endeavor: The story of Captain Cook\'s first great epic voyage, 1999; Diana 6/2002, Nr. 62/262, München; 350 Seiten, EU 9,00, aus dem Englischen übertragen von Michael Benthack; ISBN 3-453-21078-6
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-13 10:56:01 mit dem Titel Lisette Allen: *Normannenliebe*: So liebten die alten Rittersleut\'
Ein erotischer Roman aus der bekannten englischen Black-Lace-Reihe des Virgin-Verlags, in der seit Jahren erfolgreich sinnliche Fantasien für Frauen verlegt werden.
Handlung
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Südengland vier Jahre nach der normannischen Invasion durch Wilhelm den Eroberer. Normannische Krieger nehmen die 22 Jahre junge Klosterschülerin Elena auf einem ihrer Streifzüge gefangen, auf denen sie Sklaven machen. Der Hauptmann der Soldaten ist der von einer großen Gesichtsnarbe entstellte Adelige Aimery le Sabrenn, ein überaus maskuliner Herrscher. Er bringt Elena zu seiner Festung, denn er ist von ihrer Unschuld fasziniert und will sie einer ganz bestimmten Ausbildung zuführen.
Doch in der Festung herrscht bereits eine Frau: die grausame und schöne Isobel, die Geliebte des Feldherrn. Wird es Elena gelingen, über Lady Isobel zu triumphieren und Lord Amery für sich zu gewinnen? Denn wenn es ihr nicht gelingt, wird sie zu einem Leben in Armut und Elend verdammt sein.
Fazit
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\"Normannenliebe\" erfüllt so ziemlich alle Fantasien, die sich eine eher unterwürfige Frau auszudenken vermag, die von einem unbestechlichen Mann träumt, der sie beherrscht. Zu diesen Fantasien zählen in diesem Buch nicht irgendwelcher Kuschelsex, sondern eher so handfeste Dinge wie Ketten und Peitschen als Accessoires dunklerer Gelüste. Es richtet sich also in erster Linie an die wachsende Schar der Anhänger von Bondage und S&M.
Der literarische Stil ist denkbar anspruchslos und prunkt mit zahlreichen schwülstigen Adjektiven. Nichtsdestoweniger dürfte die Handlung mit ihren einschlägigen Szenen die entsprechende Leserschaft ansprechen.
Das deutsche Titelfoto ist leider im Vergleich zum englischen Original reichlich einfallslos ausgefallen. Dieses zeigt nämlich eine junge mittelalterlich gewandete Dame, die sich, von Gold geschmückt, auf ein Schwert stützt. Das deutsche Foto zeigt lediglich eine weibliche Brust im Profil.
Michael Matzer © 2002ff
Info: Elena\'s Conquest, 1994; Bastei-Lübbe 4/2001, Nr. 14516, Bergisch Gladbach; 254 Seiten, DM 12,90, ISBN 3-404-14516-X
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-07 18:11:06 mit dem Titel Tom Arden: *Der Tanz des Harlekin* (Orokon #1): Ironische Fantasy-Abenteuer
Dies ist die erste deutsche Veröffentlichung des britischen Erzählers Tom Arden: ein guter Anfang, der zu großen Hoffnungen Anlaß gibt. \"Atmosphärisch dichte, intelligente und mitreißende Fantasy\", urteilte das US-Fachmagazin LOCUS.
Handlung
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Nachdem der rechtmäßige König von seinem neidischen Bruder durch Verrat abgesetzt und vertrieben werden konnte, herrscht Verfall auf der Königsburg. Nur noch eine sieche junge Frau namens Ela, ihr gelähmter Sohn Jemany und seine Tante Umbecca leben mehr schlecht als recht hier.
Bis eines Tages Elas geliebter Bruder Tor, möglicherweise der Vater von Jemany, aus der Fremde zurückkehrt, wo er bei den Rebellen gegen den Usurpator kämpft. Die bigotte Umbecca traut ihm nicht. Doch nachdem Tor wieder gegangen ist, schickt er den zwergwüchsigen, stummen Barnabas aufs Schloß, und dieser bringt dem jungen Mann erstmal das Lesen und dann das Gehen bei.
Denn Jemany träumt vom Fliegen - so wie in der Legende der Junge Riel (= Ariel, der Luftgeist), der die Welt vor einem Monster des Bösen rettete. Und dann wartet immer die fahle Straße, die in die Ferne führt.
Jemany hat Cata nur flüchtig kennengelernt; sie verspottete den \"Krüppel\". Cata ist die Tochter von Silas Wolveron, der einst auch mit dem Schloß zu tun hatte, nun aber als Eremit im Wildwald lebt. Cata nimmt sich in acht vor der Bande der Fünf, die im Dorf Irion unter dem Schloß ihr Unwesen treiben und zum Beispiel wehrlose Tiere qualvoll umbringen.
Sie werden angeführt von Polty, der von seinem Vater, dem bigotten Arzt und Vertrauten von Umbecca, ständig verdroschen wird und so seinen Haß an Schwächeren ausläßt. Auch als die zigeunerhaften Vagras mit ihrer Karawane in Irion haltmachen und der Harlekin auftritt, treibt Polty sein Unwesen. Er stiehlt seinem Vater einen wertvollen Ring und macht sich aus dem Staub.
PROLOG
Der Autor hat dieser (unvollständigen) Handlung einen langen *Prolog* vorangesetzt, in der er das aktuelle Geschehen in einen riesigen zeitlichen Rahmen setzt, der bei der Erschaffung der Welt durch Orok beginnt. Der Gott schuf sich unterschiedliche Kinder, darunter auch ein böses, doch sie sollten Frieden ahlten, solange sich alle ihre fünf Kristalle im Orokon-Kristall befanden.
Wenig später hat der Böse seinen Stein herausgenommen, was auch die anderen nicht zögern läßt, es ihm gleichzutun. Schreckliche Untaten werden begangen, die Völker der fünf Götter werden zerstreut, und die Zeit des Sühneopfers bricht an. Die Prophezeiung aber besagt, das sie durch ein neues Zeitalter abgelöst wird, sobald der rote Schlüssel zum Orokon gefunden und alle fünf Kristalle wieder an ihren rechtmäßigen Platz gesetzt werden.
Es sieht ganz so aus, als sei Jemany das geweissagte Kind, das dies vollbringen wird.
Fazit
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Tom Arden ist kein Amerikaner - zum Glück, sollte man sagen, denn so bleiben dem Leser etliche Klischees in der Darstellung von Ereignissen und Charakteren erspart. Im Gegenteil verblüfft Arden mit unkonventionellen Erzählmethoden und tabubrechenden Szenen. Erfrischend anders!
Hinweis: Der zweite Teil des ersten Orokon-Buches erscheint im März 1999 unter dem Titel \"Der rote Schlüssel\". Weitere Teile folgten bis 2001, also bis zu Band 8.
Michael Matzer © 1998/2002ff
Info: First Book of The Orokon. The Harlequin\'s Dance. Parts 1 +2\", 1997; Nr. 24745, 251 Seiten, aus dem Englischen übertragen von Wolfgang Thon, München, Goldmann, 1998, ISBN 3-442-24745-4
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-08 21:55:52 mit dem Titel Tom Arden: *Der rote Schlüssel (Orokon #2): *: Fantasy mit erhobenem Zeigefinger
\"Atmosphärisch dichte, intelligente und mitreißende Fantasy\", urteilte das US-Fachmagazin LOCUS. Die vollständige Lektüre des ersten Romans, den der deutsche Verlag in zwei Bände aufgeteilt hat, fördert aber auch einige Schwächen zutage.
Handlung
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Vorgeschichte aus Teil 1:
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Nachdem der rechtmäßige König, der \"Rote Ejard\", von seinem neidischen Bruder, dem \"Blauen Ejard\", durch Verrat abgesetzt und vertrieben werden konnte, herrscht Verfall auf der Königsburg von Irion. Nur noch eine sieche junge Frau namens Ela, ihr an beiden Beinen gelähmter Sohn Jemany und seine Tante Umbecca leben mehr schlecht als recht hier. Bis eines Tages Elas geliebter Bruder Tor aus der Fremde zurückkehrt, wo er bei den Rebellen gegen den Usurpator und dessen Kriegsbanden kämpft. Tor wird als der \"Rote Rächer\" überall gesucht. Die bigotte Umbecca traut ihm nicht. Doch nachdem Tor wieder gegangen ist, schickt er den zwergwüchsigen, stummen Barnabas aufs Schloß, und dieser bringt dem jungen Mann erstmal das Lesen und dann das Gehen bei. Denn Jemany träumt vom Fliegen - so wie in der Legende der Junge Riel, der die Welt vor einem Monster des Bösen rettete. Und dann wartet immer die fahle Landstraße, die in die Ferne führt.
Die Fortsetzung
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Im zweiten Band verliebt sich der Jüngling Jemany in das Mädchen Cata, das mit seinem blinden Vater mitten im Urwald lebt. Wenn sie ihn an die Hand nimmt, kann er wieder gehen. Doch ihre Liebe steht unter keinem günstigen Stern. Als die Soldaten des Blauen Ejard ins Dorf einrücken, zwingen die hohen Abgaben die Frauen in die Prositution und die Männer zum Diebstahl oder in den Militärdienst. Auch Cata wird Dirne, verschweigt das jemany jedoch. Bei einem Gernagel mit einem zudringlichen Offizier wird dieser von Cata mit Jemanys Krücken schwer verletzt, Cata wird gefangengenommen, während Jemany sich in einer Gruft des Friedhofs versteckt. Dort findet er einen magischen Stein, der ihm zum Fliegen verhilft...
Fazit
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Tom Arden ist kein Amerikaner, sondern Engländer - zum Glück, sollte man sagen, denn so bleiben dem Leser etliche Klischees in der Darstellung von Ereignissen und Charakteren erspart. Im Gegenteil verblüfft Arden mit unkonventionellen Erzählmethoden und tabubrechenden Szenen.
Er streut längere Rückblendungen ein, die den Werdegang einer zentralen Figur beleuchten. Erotik und Sex spielen im Orokon eine wichtige Rolle, denn dieser Antrieb führt zu einigen entscheidenden Begegnungen und Veränderungen in der Persönlichkeit, insbesondere bei Jemany, der zentralen Figur des Zyklus\'.
Der Schauplatz des Geschehens ist ebenso wie die Welt im Ganzen in allen Details gut und originell ausgeformt. Ähnlich wie auf der Scheibenwelt die 8, spielt in El-Orok die 5 eine zentrale Rolle, allein schon wegen der 5 Kristalle. So werden nicht nur Jahre, Tage und Stunden durch 5 geteilt oder zu Fünfergruppen zusammengefaßt - die gesamte Zeitrechnung basiert darauf. Auch Personengruppen wie die \"Fünf von Irion\" spiegeln die Zahlensymbolik wieder.
Die Farbcodierung ist eindeutig und geradezu penetrant durchgehalten: Blau ist schlecht, weil vom Usurpator; Rot ist gut, weil rechtmäßig. Bigott wird durch Schwarz bezeichnet, Unschuld durch Weiß und Eremiten sind in braun gekleidet. Lediglich der Harlekin, der den Boten des Schicksals spielt, trägt ein buntes Kostüm.
Diese Schwarzweiß-Malerei tut dem Buch nicht gut. Sie macht den moralischen Zeigefinger, den Arden erhebt, allzu deutlich - bis zu der Stelle gegen Ende des Romans, an der die Figuren nur noch hölzerne Reden schwingen, um ihre verlogene Position zu rechtfertigen. Recht klischeehaft auch die Information, daß Ela, Jemanys sieche Mutter, in Wahrheit die Witwe des verjagten Königs ist. Nur wenige Stunden spät ist sie tot. Das ist Groschenroman-Niveau. Man kann nur hoffen, daß der 2. Roman, der auch schon auf deutsch vorliegt, besser ist.
Michael Matzer 1999/2002ff
Info: First Book of The Orokon. The Harlequin\'s Dance. Parts 3+4\", 1997; Goldmann 1999, Nr. 24746, München; 347 Seiten, aus dem Englischen übertragen von Wolfgang Thon, München, Goldmann, 1999, ISBN 3-442-24746-2
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-09 19:24:08 mit dem Titel Tom Arden: *Das Geheimnis im Spiegel (Orokon #3)*: Zeitreise ins 18. Jahrhundert
Dies ist der erste Band des zweiten Romans um den \"Kreis des Orokon\". Der zweite Teil hat den Titel \"Der goldene Baum\".
Handlung
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Der junge Jemany hat die Bestimmung seines Lebens erkannt: Er ist ausgezogen, um die fünf Kristalle des Orokon zu finden und wieder zu vereinen. Durch diese Tat soll seine Heimat, das Königreich Ejland, vom Chaos des Bürgerkriegs befreit werden. Auf der Flucht vor seinen Feinden - allen voran der grausame Polty - nehmen ihn die zigeunerähnlichen, geheimnisvollen Vagas auf und bringen ihn unerkannt erst nach Varby, einen Badeort, dann flieht er nach Agondon, der Haupstadt der Königreiche von Ejland und Zenzau.
Hier erwartet ihn bereits sein neuer Beschützer, Lord Empster. Er soll den unerfahrenen Jem ausbilden und auf seine grosse Aufgabe vorbereiten. Doch dieser Lord treibt ein doppeltes Spiel: Er scheint ein Anhänger des üblen Zauberers Toth-Vexrah zu sein, der ebenfalls hinter den Kristallen her ist. Toth, eine Verkörperung der Schlange Sassoroch, die in Jems Träumen die Welt bedroht. Nun sollen ihre Anhänger, die weiße Bruderschaft, Jem als den Schlüssel zum Orokon dem Zauberer ausliefern, ebenso wie den Kristall, den der Junge um seinen Hals trägt. Der Anführer der Bruderschaft ist der Erste Minister des Königs höchstselbst.
Unterdessen in Varby, einer Provinzstadt unweit Agondons: Hier lebt Catayane, die frühere Geliebte Jemanys, als Dienerin im Haushalt ihrer sogenannten Kusine. Leider hat sie durch die Machenschaften ihrer Tante Umbecca Veeldrop und des Dorfarztes von Irion jede bewußte Erinnerung an Jemany verloren. Doch in ihren Träumen sieht sie sich mit Jemany durch die Wälder streifen und sich mit den wilden Tieren unterhalten.
Als Polty die begehrte Unschuld Catayane entführen will, kommt ihm per Zufall Jemany in die Quere, der ihm eine blutige Nase verpaßt. Weitere junge Damen geraten durch die wilden jungen Burschen in Varby in Not, und für Catas beste Freundin, Pelli, kommt jede Hilfe zu spät. Im Wald nahe Varby fällt sie offenbar den uralten Erdgeistern zum Opfer. Immerhin: Einer der Burschen wird wegen Mordes verhaftet. Cata reist mit Tante Umbecca zurück nach Irion, wo deren Gatte, der Gouverneur, im Sterben liegt.
Somit ist Cata aus der Gefahrenzone von Agondon gebracht, sicher vor dem Einfluß der Hexe Vlada Flay, die sich statt dessen an Catas Freundin Jeli schadlos hält. Durch die ahnungslose Jeli versucht Vlada wieder Einfluß am Hofe zu gewinnen, und beinahe wird Jeli auch beim Debütantinnenball vom König zum Tanz aufgefordert. beinahe, denn der Tanz endet mit einem Mord.
Fazit
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Gesellschaft und Kultur dieser Fantasy entstammen direkt dem 18. Jahrhundert, jener literarischen Epoche also, für die sich der Autor schon immer begeistert hat, wenn man dem Klappentext des Verlags glauben darf.
Und dementsprechend finden sich in diesem sowohl sentimentalische Phänomene wie etwa zahlreiche Briefe mit \"Herzensergießungen\" als auch spannende Räuberpistolen und Amouren wie aus \"Tom Jones\", komplexe Zeitverläufe wie aus dem \"Tristram Shandy\" und aufgeteilte Erzählungen, die man häppchenweise verabreicht bekommt. Und stets ist die Tugend und Jugend, ach!, in Gefahr.
Die ganze \"Composition\" ist appetitlich abgestimmt, mit ironischem Witz abgeschmeckt und vermischt, so daß die Lektüre nie langweilig wirkt. Die \"gute Gesellschaft\" kommt jedenfalls meist nicht gut weg.
Wer allerdings auf mehr Action und Heroen steht, der suche woanders.
Michael Matzer © 1999/2002ff
Info: Second Book of the Orokon. The king and queen of swords, part 1+2, 1998; Nr. 24747, 378 Seiten, DM 20,00, aus dem Englischen übertragen von Wolfgang Thon, München, Blanvalet, 1999, ISBN 3-442-24747-0
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-10 13:21:56 mit dem Titel Tom Arden: *Der goldene Baum (Orokon #4)*: Die Drachenschlacht
Dies ist der 2. Teil des 2. Romans in Tom Ardens Zyklus \"Der Kreis des Orokon\", der bislang insgesamt 8 dt. Bände aufweist.
Da der Held, Jemany, insgesamt fünf göttliche Kristalle, die verlorengingen, suchen muß und er in jedem ganzen Roman nur einen findet, ist wohl mit 5 x 2 Bänden des Zyklus zu rechnen. (Die dt. Ausgaben stellen jeweils nur 1 Hälfte eines Gesamtbandes dar.)
Handlung
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In diesem Band erreicht die komplexe Handlung mehrere Höhepunkte.
Der erste besteht wohl darin, daß der Zauberer Toth-Vexrah es schafft, in eine irdische, sprich: menschliche Hülle zu schlüpfen und so sein Unwesen zu treiben: Es ist der Erste Minister von Ejland. Infolgedessen ziehen die Truppen Ejlands wieder einmal gegen die Rebellen aus dem unterworfen geglaubten Zenzau. Es kommt zur Entscheidungsschlacht vor den Toren der alten zenzanischen Hauptstadt Wrax.
Jem und sein wiedergefundener Vaga-Freund Rajal ziehen einer Prophezeiung gemäß ebenfalls dorthin, geraten aber im Wald in die Gesellschaft einer Rebellenbande um den Roten Rächer, Bob Scarlet. Er ahnt nicht, daß dieser in Wahrheit sein verschwundener Vater und somit der rechtmäßige König von Ejland ist. Und Bob Scarlet verrät es ihm nicht. Die Rebellen schicken Jem in die Stadt Wrax, um dort den \"Ladenbesitzer\" zu suchen sowie den grünen Kristall der Göttin Viana.
Jem und Rajal müssen zusammen einen übernatürlichen Kampf gegen die Geister des Königs und die Königin der Schwerter bestehen, bevor sie den grünen Kristall bekommen können. Ihre beiden Geistkörper tauchen in der hiesigen Realität als ein roter und ein grüner Drache über den Truppen auf, die sich bereits in der Netscheidungsschlacht befinden. Doch plötzlich taucht aus dem Nichts ein weit größerer blauer Drache auf, der das Blatt zugunsten der Ejländer wendet. In der Form dieses Drachens verbirgt sich der dem Bösen (Toth-Vexrah) anheimgefallene Polty, der ewige Gegenspieler Jems.
In den Wirren der Niederlage verschwindet Cata, die als Mann verkleidet bei den Eijländern mitgezogen war und zu den Rebellen übergelaufen war. Und Jems Onkel, Lord Empster, gibt sich als eine Art Gandalf-Figur zu erkennen, der den jungen Jem auf die Spur des nächsten Kristalls setzt, der irgendwo weit im Süden jenseits des Meeres wartet. Jem ist klar, daß er die einzige Chance darstellt, der Ausbreitung des Bösen Einhalt zu gebieten. Und er sehnt sich nach einem Wiedersehen mit Cata.
Fazit
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In diesem Band müssen wir Gottseidank auf die zahlreichen Auftritte von Umbecca Veeldrop verzichten, der sentimentalen und bigotten Gouveneurswitwe, die dank eines Mordes endlich ihren Adelstitel erhält. Ja, Arden deutet stets so gemeine Dinge über den Adel an. So taucht in Agondon auch ein Gegenstück zum berüchtigten Hellfire Club aus dem 18. Jahrhundert auf.
Im Wald nahe Wrax spielt sich schließlich ein Drama ab, das weit mehr Ähnlichkeit mit Tolkien hat, allerdings stets unterbrochen von komischen Einlagen zweier traurigen Gestalten, den Soldaten Morvy und Crum. Sie erinnern ein wenig an Shakespeares Soldaten in \"Heinrich V.\" oder die Totengräber in \"Hamlet\" und dienen dazu, die Ernst und Pathos der Haupthandlung zu kompensieren.
Wie man sieht, versteht Arden sein Handwerk. Dennoch vermißt man die Emotionalität eines Tolkien oder Terry Brooks. Die Romantik wird hier als Sentimentalität präsentiert und Heldentum als Mischung aus Zufall und notgedrungenem Kämpfen mit dem Rücken zur Wand.
Michael Matzer © 1999/2002ff
Info: Second Book of the Orokon. The King and Queen of Swords, part 3+4, 1998; Nr. 24832, 378 Seiten, DM 20,00, aus dem Englischen übertragen von Wolfgang Thon, München, Blanvalet, 1999, ISBN 3-442-24832-9
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-10 12:05:55 mit dem Titel Stefano Ardito: *Die Eroberung der Giganten*: Ultimatives Bergbuch
Dramen und Triumphe auf den Gipfeln der Welt: Das Thema dieses mit zahlreichen Fotos und Karten illustrierten Bandes sind die großen Berge und Wände der Welt sowie die Triumphe und Tragödien, die sich an und in ihnen abgespielt haben, etwa in der Eiger-Nordwand.
Von der Erstbesteigung des Monblanc Ende des 18. Jahrhunderts bis zum heutigen Freeclimbing werden die dramatischen Geschehnisse, aber auch die Hauptakteure und ihr Überlebenskampf in einer spannenden Schilderung lebendig.
Mein Vater ist selbst Bergsteiger und hat seine Familie regelmäßig in die Höhenzüge der Schweiz und Österreichs mitgenommen. Daher rührt mein eigenes Interesse an den alpinen Leistungen der bekannten Bergsteiger wie etwa R. Messner. Und deshalb habe ich mir dieses Buch kommen lassen.
Der Autor
Stefano Ardito, 1954 in Rom geboren, erkundete bereits als Kind die Umgebung des Montblanc. Er ist Bergsteiger, Wanderer und Reisender, Journalist und Fotograf, Dokumentarfilmer und Moderator im italienischen Fernsehen. Er hat mehr als fünfzig Bergbücher geschrieben.
Als einer der Gründer gehört er der Organisation \"Mountain Wilderness\" an und zählt zu den \"Erfindern\" des \"Sentiero Italia\", eines Bergwanderwegs, der sich über alle Bergketten des italienischen Stiefels zieht.
Inhalte
Dies ist teils ein Buch aus Geschichten, aus historischen Fakten und individuellen Ansichten. Der Autor verschmilzt diese Zutaten zu einem homogenen berichtenden, zuweilen erzählenden Text. Das Bildmaterial ist absolut beeindruckend: exzellente Fotos aus Gegenwart (auch Luftbilder) und Vergangenheit sind ergänzt durch historische Stiche, Zeichnungen und Landkarten.
Der Ansatz des Buches besteht weniger darin, einzelne Bergsteiger groß zu Wort kommen zu lassen, sondern sie und ihre Leistungen vielmehr in einen geschichtlichen Zusammenhang zu stellen. So ist zwar Messner mit mehreren Absätzen vertreten, erscheint aber nicht als der Übermensch, zu dem ihnen manche Fans verklären möchten. Seine Leistungen sind beträchtlich und manchmal einzigartig, doch hatte er ebenso viele Wegbereiter wie Nachahmer.
Man muss schon ein gutes Maß an Bergbegeisterung mitbringen, um das Buch zu genießen. Da dies bei mir der Fall ist, arbeitete ich mich mit gusto durch die zahlreichen Einzeldarstellungen. Hier ein knapper Abriss der Inhalte.
Zunächst fürchteten sich die Menschen ja vor den Gipfeln und hielten sie für gottähnlich. Der Mount Everest heißt immer noch \"Muttergöttin der Welt\" bei den Völkern des Himalaya. Angesichts zahlreicher Lawinenopfer ist ein gesunder Respekt immer noch angebracht und mitunter lebensrettend. Die ersten Bergsteiger, die sich an die Gipfel wagten, waren Kristall-, Kräuter oder Wissenssucher: Professoren, Ärzte, ja auch Illustratoren und Zeichner.
Ende des 18. Jahrhunderts begann dann erst die \"Erfindung\" des Montblanc als eines zusammenhängenden Gebirgszuges und sodann seine sukzessive Eroberung - zunächst mit primitivsten Mitteln wie etwa Hanfseilen und Bergstöcken. Dann folgte eine zunehmende Invasion von englischen Bergsteigern, die in der Erstbesteigung des Matterhorns durch Whymper 1865 gipfelte. Als die Alpen abgegrast waren, wandte sich das Interesse anderen Gebirgszügen zu: in Nord- und Südamerika (der Chimborazo wurde den Deutschen von Humboldt bestiegen), dann aber auch in Zentralasien.
Während die eroberten Höhenmeter ständig stiegen, wandten sich die \"echten\" Kletterer (oder frz- \'grimpeur\') den unbezwungenen Bergwänden zu. Dafür wurde das System der Schwierigkeitsgrade eingeführt. Der Ehrgeiz der Kletterer bestand darin, immer höhere Schwierigkeitsgrade zu bezwingen. In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gelangen den Deutschen etliche Glanzleistungen.
Diese Triumphe hatten aber auch ihre Schattenseiten, nämlichen die zahlreichen Opfer, die mitunter zu beklagen waren. Bekanntestes Beispiel dafür dürfte wohl das dramtische Scheitern einer Eiger-Nordwand-Ersteigung sein: Von drei Kletterern scheiterten zwei in der Mordwand nach Tagen schlechten Wetters. Der dritte starb an Erschöpfung 20 Meter vor den rettenden Armen der Hilfsmannschaften, wenige Minuten vor deren Ankunft.
Der Autor bringt uns die großen Triumphatoren lebendig nahe: den trockenen Humor von Everestbezwinger Sir Edmund Hillary, die Wutausbrüche von Cesare Maestri und das Draufgängertum von Reinhold Messner, der es trotz aller Warnungen wagte, Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff zu besteigen.
War Bergsteigen für Albert Frederick Mummery vor allem \"reines Spiel\", so ist es inzwischen zum Hochleistungssport geworden - mit all seinen Schattenseiten. Wie die katastrophale Everestexpedition 1996 von Rob Hall/Scott Fisher gezeigt hat, bleibt eine Bergbesteigung stets ein Risiko, besonders in der \"Todeszone\" über 8000 Meter - kein Spaziergang für Internetreporterinnen! Jon Krakauer hat einen eindrucksvollen Roman namens \"In eisige Höhen\" (Into thin air) darüber geschrieben. Seine Bergreportagen \"Auf den Gipfeln der Welt\" gehören zum Besten, was man zum Thema lesen kann.
Der Autor deckt nicht nur die Alpen, Zentralasien oder die Amerikas ab. Alpinismus findet heutzutage auch in der Antarktis und Afrika statt. Er beschreibt die Reize Patagoniens ebenso wie die Vorzüge der schottischen Höhenzüge, die offenbar im Winter einen starken Reiz ausüben.
Einen der erzählerisch stärksten Abschnitte des Buches findet man im Kapitel über Freeclimbing. In den enorm hohen Granitwänden des Yosemite Valley (El Capitan, Halfdome etc.) wurde die moderne Kletterausrüstung um etliche Werkzeuge und Hilfsmittel - man kann sie z.B. im Film \"Vertical Limit\" sehen - weiterentwickelt. Wie es dazu kam und wer dafür verantwortlich zeigt, ist sehr interessant zu lesen.
Mein Eindruck
Der italienische Autor, selbst ein passionierter Bergsteiger, bietet einen breiten und beeindruckenden Überblick über die Anfänge des Alpinismus bis zu seinen heutigen Ausformungen: Freeclimbing, Hochleistungssport etc. Neben den technischen Entwicklungen liegt sein Hauptaugenmerk auf den geschichtlichen Leistungen und Triumphen von Bergsteigern und Kletterern: Beide Typen verdienen sein Interesse in gleichem Maße.
Die Darstellungen werden weder in Text noch Bild je langweilig. Die Fotos sind von enorm hoher Qualität, was Motiv und Wiedergabe betrifft. Wer allerdings ein Bergdrama erzählerisch miterleben möchte, kommt hier weniger auf seine Kosten. Der sollte zu einer Monografie wie Krakauers Buch oder Edmund Hillarys Erinnerungen (\"Wer wagt, gewinnt\") greifen.
Unterm Strich
Ein ideales Geschenk für Bergpassionierte: als Erinnerung an vergangene Erlebnisse oder als (historisch orientierte) Vorbereitung auf eine geplante Eroberung. In jedem Fall garantiert der Band - so wie mir - mehrere Tage faszinierter Lektüre und Bildbetrachtung.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: 2000; Bucher Verlag 07/2000, München; 319 Seiten, aus dem Italienischen von Monika Eingrieber, EU 39,90, ISBN 3-7658-1258-7
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-02 20:09:42 mit dem Titel St. Alten: *Goliath - Angriff aus der Tiefe*: Zwischen Tom Clancy und Frankenstein
Ein neuartiges U-Boot mit einem intelligenten Computer an Bord wurde nach US-Plänen in China gebaut und von einem Terroristen gekapert. Sein Ziel: mit Atomschlägen die Welt zu zwingen, Diktaturen zu beenden und mit der atomaren Abrüstung endlich Ernst zu machen. Sein Hightech-U-Boot erlaubt es ihm, seine Drohungen wahrzumachen.
Der Autor
Der amerikanische Autor (www.stevealten.com) ist bei uns mit drei Thrillern bekannt geworden. Die beiden ersten Romane \"meg - Die Angst aus der Tiefe\" und \"Höllenschlund\" lösten eine neue Welle von B-Filmen über urzeitliche Riesenhaie (Stichwort: Jurassic Shark) aus, die unter dem Titel \"Shark Attack\" veröffentlicht wurden. Sein dritter Roman \"Schatten der Verdammnis\" (ebenfalls bei Heyne erschienen) beschäftigt sich mit der geheimnisvollen Kultur der Maya - und natürlich mit dem Ende der Welt, das diese für den 21. 12. 2012 vorhergesagt haben.
Handlung
Die \"Goliath\" ist ein ganz besondere Art von U-Boot: Sie sieht aus wie ein Stachelrochen, ist aber so lang wie ein Flugzeugträger. Mit ihren Stealth-Eigenschaften ist sie für das Sonar der U-Bootjäger praktisch nicht zu erfassen, und mit ihren Mini-U-Booten, Torpedos und raketen kann sie jedes Kriegsschiff angreifen. Auf diese Weise klaut ihr Kommandant anderen Schiffen ihre mit atomaren Gefechtsköpfen bestückten Interkontinentalraketen. Damit lassen sich alle Punkte der Erde erreichen - und notfalls ausradieren.
Gesteuert wird dieses Superschiff von einem neuartigen Typ von biochemischem Computer, der den schönen Namen \"Sorceress\" - Zauberin - trägt. Diese Zaubrin ist jedoch lernfähig wie ein Kleinkind, und genauso ungehemmt von abstrakten Begriffen wie Moral, Gewissen oder gar Skrupeln. Sobald Sorceress ein eigenes Bewusstsein erlangt hat - ein Blitzstrahl erweist sich als Katalysator -, ist sie in der Lage, Befehle zu verweigern und eigene Initiative zu ergreifen. Sehr zum Erstaunen des Befehlshabers und der Besatzung der \"Goliath\".
Es kommen auch Menschen vor in dieser Geschichte. Sowohl der Computer als auch das U-Boot wurden vom US-Militär entwickelt, natürlich geheim, versteht sich. Die Leiterin des Projekts war eine Frau namens Rocky, die Tochter des US-Generals Jackson und Verlobte ihres Mitarbeiters Gunnar Wolfe. Das war vor einigen jahren, und die Leute haben sich verändert. Denn Gunnar hatte einen mentalen Knacks erlitten: Er stellte die gesamte Motivation der US-Regierung bei ihrer Kriegsführung in Frage. Folglich verriet er die Geheimnisse des Goliath-Projekt und vernichtete dessen Ergebnisse. Mehrere Jahre im übelsten Gefängnis des Landes waren die Folge, richteten ihn beinahe zugrunde. Doch nun braucht man den Verräter wieder.
Denn \"Goliath\" hat zugeschlagen: Der Flugzeugträger \"Ronald Reagan\", auf dem Rocky Jackson Dienst tat, und seine gesamte Begleiterflotte wurde von dem Super-U-Boot vernichtet: 8000 Opfer sind zu beklagen. Rocky überlebt nur mit viel Glück. Die amerikanische Führung ist erschüttert und entsetzt. Sofort aktiviert man das noch geheimere Schwesterschiff der \"Goliath\", die \"Colossus\". Leider verfügt sie nicht über ein künstliches Gehirn wie \"Sorceress\" und ist somit unterlegen.
Doch welcher Wahnsinnige befehligt überhaupt die \"Goliath\"? Es ist ein entstelltes Opfer von Gräueltaten, die die serbischen Terrorgruppen im Krieg gegen die Kosovo-Albaner begingen. Simon Covah verlor dabei seine Familie, die abgeschlachtet wurde, und fast auch sein Leben, da man ihn mit Benzin übergoß und anzündete. Nun will er sich rächen. Da er an der Entwicklung von \"Goliath\" und \"Sorceress\" mitgearbeitet hatte, konnte er sich mit den Plänen zu den Chinesen absetzen, die das Boot für ihn bauten. (Leider erfahren wir nicht, für welche Gegenleistung.)
Simon, der frühere Kollege Gunnar Wolfes, wird begleitet von einem weiteren Programmierer und einer Gruppe von Kriegsopfern und Pazifisten, die sich dem Ziel Covahs angeschlossen haben: den Weltfrieden zu erzwingen, und sei es über Berge von Leichen.
Zwar gelingt es Gunnar Wolfe und Rocky Jackson, zwecks Sabotage an Bord der \"Goliath\" zu gelangen, doch werden sie sofort gefangengenommen. Simon Covah und seine Mannen scheinen alle Trümpfe in der Hand zu halten. Allerdings haben sie nicht mit dem Erwachsenwerden der \"Zauberin\" gerechnet. Binnen kurzem wird die Zahl der Besatzungsmitglieder erheblich dezimiert, und das Überleben an Bord gleicht einem Roulettespiel. Sorceress hat sich zu ihrem Gott erklärt, berechtigt, Experimente grausamster Art an ihnen durchzuführen, die eines Dr. Viktor Frankenstein würdig wären.
Umzingelt von zahlreichen Jäger-U-Booten stellt sich die \"Goliath\" in der Antarktis zu einem letzten Showdown.
Mein Eindruck
Der Autor greift wieder auf sein in \"Schatten der Verdammnis\" bewährtes Konzept zurück: eine auf penibel recherchierte Fakten gestützte, spannend erfundene Handlung, garniert mit zahlreichen mehr oder weniger relevanten Zitaten.
Dies alles wird erzählt in einem Stil, der große Ähnlichkeit mit einem Film-Thriller à la \"Jagd auf Roter Oktober\" hat. Mindestens 90 Prozent des Textes bestehen aus Dialog, und alles wird im Präsens erzählt, um den Eindruck der Unmittelbarkeit zu erhöhen. Zuweilen fühlt man sich in die Seiten eines Drehbuchs versetzt. (Das kann aber auch an den zwei Lektoren liegen, die das Buch redigiert haben.)
Der Roman liest sich, als hätte sich Tom Clancy, der Erfinder des Hightech-U-Boot-Thrillers, auf seine alten Tage noch auf \"Frankenstein\" von Mary Shelley besonnen. Jedenfalls wechseln halbwegs vernünftig klingende Passagen über U-Boot-Konstruktion und dessen Einsatz unter geopilitischen Maßgaben mit solchen Passagen ab, in denen recht horrible Experimente am lebenden Objekt vorgenommen werden. Die Liebesgeschichte zwischen Rocky und ihrem Ex Gunnar spielt da nur eine Nebenrolle. Action ist sowieso Trumpf.
Die einzigen Figuren, die ein menschliches Interesse wecken können, sind Gunnar, Simon Covah und vielleicht Rocky. Doch seltsamerweise sind die Gespräche zwischen Gunnar Wolfe und Simon Covah wesentlich interessanter und intensiver als das Action- und Liebesgeplänkel zwischen dem Pärchen.
Auch Sorceress, der zu Bewusstsein gelangte, schließlich aber wahnsinnige Computer, hätte das Zeug zu einem interessanten Figur. Leider ist die \"Zauberin\" zunächst nur ein vierjähriges Kind, das schon alsbald Erfahrungen sammelt, die auf Kosten der Besatzung gehen. Eine ernsthafte, vernünftige Auseinandersetzung kommt nicht zustande.
Vielmehr agiert Sorceress wie einst Goliath, der gegen David verlor, und wie der filmische Computer Colossus, der in einem Hollywoodstreifen der 70er verewigt wurde. Es dürfte kein Zufall sein, dass die beiden neuartigen U-Boote von der Navy mit diesen Namen bedacht wurden. Sie verraten eine gefährliche Gigantomanie.
Was an Bedenkenswertem von diesem Roman letztlich übrigbleibt, ist der politische Gehalt. Da sind zum einen natürlich die zweifelhaften, aber gut gemeinten Absichten Simon Covahs, die Welt durch die ultimative Bedrohung zu befrieden. Da sind aber auch die Darstellungen der US-Politik. Der US-Präsident und sein Sicherheitsstab agieren pragmatisch, aber mit einem Zynismus, der doch schon wütend macht.
Ein eklatantes Opfer dieses Zynismus ist Gunnar Wolfe. Er verlor seinen Glauben an seinen Job als US-Ranger in aller Welt, als er in Ostafrika zehnjährige Kindersoldaten erschießen musste. In der Folge wurde er subversiv im Goliath-Projekt tätig und steht daher Simon Covahs Thesen positiv gegenüber. Leider entwickeln sich die Dinge ganz und gar nicht in seinem Sinne. Zwar zeigt er der US-Führung zunächst den Mittelfinger, rehabilitiert sich aber (auch gegenüber seiner Ex-Verlobten Rocky) durch seinen finalen Erfolg. Welcome back, Gunnar!
Unterm Strich
\"Goliath\" bietet den von Tom Clancy gewohnten Hightech-Thriller, schreit aber keineswegs patriotisch \"Hurra!\", wenn es gegen die bösen Chinesen geht. Darf der Weltfrieden wirklich um den Preis von 8,2 Mio. Atombombenopfern erkauft werden? Wohl kaum.
Ein ähnlich kritischer Ansatz zeigt sich in der Darstellung des Supercomputers \"Sorceress\", der auf modernster, real existierender Nanotechnologie basiert. Die \"Zauberin\" ist - soweit die Fiktion - durchaus lern- und entwicklungsfähig, wird aber asozial und nach menschlichen Maßstäben wahnsinnig. Hightech, die Amok läuft. Und an diesem Punkt beginnt der Roman, in die üblichen Horrorszenarien zurück zu verfallen.
Kurzum: \"Goliath\" liefert gutes, solides Actionfutter mit ein paar krieitschen Ansätzen. Leider oder zum Glück, je nach Standpunkt und Interesse, gewinnen diese nie das Gewicht, dass sie den Fortgang der Handlung hemmen. Wer sich dennoch die Zeit nehmen will, tiefer darüber nachzudenken, kann das Buch ja zweimal lesen.
Zur Übersetzung
Bernhard Kleinschmidt hat eine sehr kompetente Übertragung ins Deutsche abgeliefert. Hier klingt nichts holprig oder von fehlerhafter Grammatik verhunzt, sondern einfach richtig. Für die Druckfehler, die in beträchtlicher Zahl enthalten sind (meist eine fehlerhafte Wortendung), kann er hoffentlich nichts.
Michael Matzer (c) 2003ff
Info: Goliath, 2002; Heyne 02/2003, München; 510 Seiten, EU 12,00, aus dem US-Englischen übersetzt von Bernhard Kleinschmidt; ISBN 3-453-86430-1
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-08 18:30:48 mit dem Titel Steve Alten: *Schatten der Verdammnis*: Independence Day und verbotene Archäologie
Die Invasion der Aliens hat begonnen und das Ende der Welt ist nahe. Doch die Menschheit hat praktisch keine Chance, denn die Aliens sind bereits hier: seit 65 Millionen Jahren.
\"Schatten der Verdammnis\" beschäftigt sich mit der geheimnisvollen Kultur der Maya - und natürlich mit dem Ende der Welt, das diese für den 21. 12. 2012 vorhergesagt haben.
\"Doch wo Not ist, wächst das Rettende auch\", sagt der Dichter (oder wenigstens so ähnlich). Leider ist der Retter diesmal ein armer Irrer, der in der Psychiatrie eingesperrt ist.
Der Autor
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Der amerikanische Autor (www.stevealten.com) ist bei uns mit drei Thrillern bekannt geworden. Die beiden ersten Romane \"meg - Die Angst aus der Tiefe\" und \"Höllenschlund\" lösten eine neue Welle von B-Filmen über urzeitliche Riesenhaie (Stichwort: Jurassic Shark) aus, die unter dem Titel \"Shark Attack\" veröffentlicht wurden. Zuletzt erschien von ihm ein U-Boot-Thriller namens \"Goliath\" (siehe meinen Bericht).
Handlung
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Nach über 30 Jahren mühseliger Forschung in aller Welt machte der britische Archäologe Julius Gabriel, wie man seinem umfangreichen und hier zitierten Tagebuch entnehmen kann, bei der Entschlüsselung eines dreitausend Jahre alten Maya-Kalenders eine furchtbare Entdeckung: Der Kalender sagt für den Tag \"4 Ahau 3 Kankin\", also für den 21. Dezember 2012, das Ende der Menschheit voraus. Soviel ließe sich auch anderen Quellen entnehmen, etwa dem geheimnisvollen Maya-Buch \"Popol Vuh\".
Doch Gabriel findet auch heraus, dass die ägyptischen Pyramiden, das englische Monument Stonehenge (Jungsteinzeit) und die große Pyramide von Chitzén Itza auf der halbinsel Yucatan allesamt Teile eines weltumspannenden Rätsels sind. Leider will ihm die Wissenschaft nicht glauben, und so stirbt Gabriel verbittert, ehe dieses Rätsel entschlüsselt ist.
Jetzt gibt es nur noch eine Person auf der nichts Böses ahnenden Welt, die die Menschheit vor dem drohenden Untergang bewahren kann: Gabriels Sohn Michael. Und es ist bereits September 2012. Leider sitzt Michael eingesperrt hinter Mauern und Gittern in einer psychiatrischen Anstalt in Miami. Diagnose: paranoide Schizophrenie. Die Chancen für die Rettung der Welt stehen denkbar schlecht.
Die Handlung beginnt mit dem ersten Tag, den die neue Praktikantin Dominique Vazquez an dieser psychiatrischen Anstalt verbringt. Dominique stammt aus Guatemala und hat olmekische Vorfahren. Sie kennt den Maya-Kalender von ihrer Großmutter. Ihr neuer Chef betraut sie sofort mit einem Spezialprojekt: die therapeutische Heilung eines gewissen Michael Gabriel.
Für beide beginnt ein Abenteuer, das über das Schicksal der Welt entscheiden wird.
Mein Eindruck
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Auf den ersten Blick wirkt das Buch wie ein bunter Mischmasch aus allen verfügbaren esoterischen Ideen, wie sie ein gewisser Erich von Däniken, der auch erwähnt wird, vorgebracht hat. Aber der Autor bringt im Tagebuch von Julius Gabriel eine Reihe von zwingenden Argumenten vor, die den Rest des Plots einigermaßen plausibel erscheinen lassen. Alle Ausgrabungsstätten, an denen Julius seine \"Beweise\" sammelt, sind zudem mit Fotos und Zeichnungen illustriert.
Da Michael Gabriel stets am Glauben seines Vaters festhielt und somit als Opfer paranoider Schizophrenie erscheinen muss, ist es ein geschickter Schachzug des Autors, ihm eine kritische Figur wie die in psychischen Krankheiten geschulte Dominique gegenüber zu stellen. Dominiques Skepsis schwankt hin und her, bis sie endlich durch Michaels Liebe von seinem Glauben an diese verrückten Ideen überzeugt ist. Sie ist stets das schwächere Glied dieses Paares, und so macht sie Michael angreifbar. Das sorgt bis zur letzten Minute ununterbrochen für Spannung.
Das Ende der Welt: lieber ein kleiner Atomkrieg
Ich möchte lieber nichts weiter über den Plot verraten, nur soviel, dass sich die Perspektive der Ereignisse in Yucatan und im Golf von Mexiko kontinuierlich ausweitet. Schließlich sind sämtliche Staaten betroffen, ob sie wollen oder nicht: Die Aliens zünden eine Fusionsbombe nach der anderen, um die Menschheit auszulöschen und den Planeten terra für sich selbst bewohnbar zu machen: eine zweite Venus.
Dieser Verlauf der Ereignisse gibt dem Autor Gelegenheit die Mechanismen der atomaren Abschreckung, des Nationaldünkels und der Selbsttäuschung dazustellen, die alle dazu beitragen, dass es zu einem Atomkrieg kommt - als ob der Krieg der Aliens nicht bereits genug wäre. Das Problem: Keiner will an die Existenz der Aliens auf der Erde glauben! \"Kindermärchen! Fantastereien\" Amerikanische Erfindungen!\" lauten die Anklagen. Dann wohl doch lieber einen handfesten Atomkrieg. Da weiß man wenigstens, was man zu erwarten hat.
Letzter Akt: Transzendenz
Wie so viele Mystery-Romane treibt auch dieser seine \"Phantasterei\" bis zur letzten Konsequenz fort. Dann allerdings wird ein Science Fiction-Roman daraus. In diesem uramerikanischen Genre besteht der letzte Akt stets aus einer Transzendenz (wörtlich: Überschreitung, Übersteigung): Sie besteht diesmal darin, dass Michael seinem Wesen wird, das mehr als ein Mensch ist: ein Überwesen, das seine Aufgabe auf der Erde erfüllt (der Endkampf gegen das Böse) und zur nächsten Stufe schreiten muss: der Kampf gegen das Böse auf einer anderen Welt. Das könnte also gut für eine Fortsetzung reichen, zumal auch Dominique Mutter wird.
Unterm Strich
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Die Mayas sind \"in\", daran besteht kein Zweifel. Wie man in den letzten 20 Jahren herausgefunden hat, verfügten sie über astronomische und mathematische Kenntnisse, die uns noch heute verblüffen. Darin ähneln sie den Erbauern der Pyramiden von Gizeh, den Erbauern von Stonehenge und der Tempel von Angkor Wat. Welches Geheimnis verbirgt sich hinter diesen imposanten und rätselhaften Bauten? Sind sie der Schlüssel zur Rettung der Erde vor dem Untergang am 21.12. 2012?
In einem verblüffend plausiblen Bericht wird die Erkenntnis der Zusammenhänge dargelegt, eingebettet und erkauft mit einer Familientragödie. Ab der Mitte des Buches überschlagen sich die Ereignisse, und es ist schier unmöglich, das Buch zur Seite zu legen.
Als Mystery- und Archäologie-Thriller funktioniert das Buch einwandfrei, in Sachen Science Fiction hätte ich einige Zweifel anzumerken - hier wirkt der Plot einfach zu amerikanisch, zu sehr auf einen Messias und Weltenretter ausgerichtet.
Die Übersetzung
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Bernhard Kleinschmidt hat eine wirklich gelungene Übertragung des US-Originals erreicht. Nur wenige Endungen sind irgendwie fehlerhaft gestaltet - ein Phänomen, das schon in seiner Übersetzung von Steve Altens \"Goliath\" auftauchte.-Die Illustrationen sind leserlich reproduziert worden, so dass man nicht über den Preis meckern kann.
Michael Matzer (c) 2003ff
Info: Domain, 2001; Heyne 12/2001, München; 592 Seiten, EU 7,95, aus dem US-Englischen übersetzt von Bernhard Kleinschmidt; ISBN 3-453-19922-7
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-13 14:59:31 mit dem Titel Steve Alten: *Höllenschlund*: Monster der Tiefe, ausgebüchst
US-Autor Steve Alten landete mit seinem ersten Roman \"Meg\" einen Bestseller. Nun setzt er die Saga über den \"Jurassic Shark\", den prähistorischen Carcharodon megalodon fort.
Handlung
Der Riesenhai, der Tiefseeforscher Jonas Taylor in \"Meg\" gefangen hat, ist in einer abgesperrten Lagune Kaliforniens herangewachsen: Angel, vor wenigen Jahren ein kleiner Fisch, ist nun 22 Meter lang und 28 Tonnen schwer. Wenn sie schnell schwimmt, entwickelt sie die Wucht einer alten Dampflok. Als Touristenattraktion versetzt sie die Besucher bei der Fütterung in Angst und Schrecken.
Doch Stahltore können Angel nicht zurückhalten, wenn es um das Überfallen der Walherden geht, die vor der Lagune vorbeiziehen. Sofort ist nach dem Ausbruch des Hais an der kalifornischen Küste der Teufel los - und die Medien auch. Für Jonas beginnt ein neuer Alptraum, denn auch seine Frau Terry ist unmittelbar vor dem Grauen aus der Tiefe bedroht. Zwar befindet sie sich auf der anderen Seite des Pazifiks, als sie an der Erforschung des Marianen-Tiefseegrabens teilnimmt. Doch dort gibt es noch weitere prähistorische Monster in der Tiefe - Saurier.
Jonas ahnt nicht, daß diese Forschungsreise die Machenschaften des Energiemoguls Benedict Singer tarnen soll, der an Bord seines umgebauten Raketenkreuzers Goliath geheimnisvolle Gerätschaften eingebaut hat. Nachdem Terry diese Apparate - Stichwort \"Kernfusion\" - entdeckt hat, schwebt auch sie in Lebensgefahr.
Die Jagd nach den Angel, dem entkommenen Hai, spitzt sich zu, als das Weibchen in seine Heimat zurückkehrt, in den Marianengraben. Dort haben die Saurier der Tiefe die kleine Flotte von Benedict Singer mittlerweile schwer dezimiert und attackieren bereits das riesige Muttertauchschiff. Singer setzt alles auf eine Karte, um den Brennstoff für die Kernfusion abzubauen und riskiert das Leben aller an Bord, einschließlich Terrys.
Mein Eindruck
Nervenzerreißende Spannung bis zur letzten Seite, das unheimliche, fremde Milieu der Tiefsee, prähistorische Monster - das ist wie James Camerons \"Abyss\" gekreuzt mit Steven Spielbergs \"Jurassic Park\" und James Bond (die Bösewichte!).
Der Stil aus Fact und Fiction erinnert stark an Michael Crichton, wirkt aber dynamischer. Mögen auch die Dialoge nicht mehr so pointiert und die Charaktere noch überzogener wirken wie im ersten Buch \"meg\" - wen kümmert\'s? Schließlich will man nur erfahren, ob es Jonas gelingt, das Untier zu stoppen und seine Frau lebend aus der Tiefe zu retten.
Die Filmrechte an \"Meg\" wurden bereits an Disney verkauft, mit einer Zelluloidversion des Monsters ist also in Bälde zu rechnen - ebenso wie mit einem dritten Band über die \"Megs\".
Michael Matzer © 1998/2003ff
Info: The Trench, 1999, Nr. 43/139; 432 Seiten aus dem US-Englischen übertragen von Bernhard Kleinschmidt, München, Heyne, 9/1999, ISBN 3-453-16000-2
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-06-01 18:18:44 mit dem Titel N. Ammaniti: *Die Herren des Hügels*: Der Horror der Entführung
Ein kleiner italienischer Junge entdeckt, dass sein Vater ein Kindesentführer ist. Der Gewissenskonflikt verursacht Michele schreckliche Alpträume, und als er erfährt, dass man den Entführten töten will, fasst er einen verhängnisvollen Entschluss.
Der erfolgreiche Roman \"Die Herren des Hügels\" von Niccolò Ammaniti
wurde mit dem wichtigsten italienischen Literaturpreis ausgezeichnet, dem Premio Viareggio.
Der Autor
Niccolò Ammaniti, Jahrgang 1966, ein römischer Biologe, konnte mich schon mit seiner überschäumenden Farce \"Die letzte Nacht auf den Inseln\" für sich begeistern. Schon dort zeigt er, wie sich der Einzelne gegen absurde Widrigkeiten und die - häufig beiläufig und gedankenlos ausgeübte - Grausamkeit der Mitmenschen zur Wehr setzen muss. Oft befinden sich seine psychologisch ausgereiften dargestellten Figuren in einer ausweglosen Situation.
Der Pessimismus, mit dem Ammaniti, die Wirklichkeit menschlicher Beziehungen betrachtet, vermag durchaus zu beunruhigen. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum sein Roman \"Die Herren des Hügels\" seit einem Jahrr auf den italienischen Bestsellerlisten steht: Das Buch berüht ein brennendes Thema: der uralte Konflikt zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden sowie die (damit verbundene) Industrie des Kidnappings.
Handlung
Der neunjährige Michele wächst im bettelarmen Süden Italiens auf, genauer gesagt in dem bescheidenen Weiler Aqua Traverse. Der Name ist blanker Hohn, denn im Umkreis vieler Meilen gibt es kein offenes Gewässer. Auch im Sommer 1978 brennt die Sonne des Mezzogiorno gnadenlos auf das fast baumlose Land. Durch die goldenen Kornfelder bewegen sich nur die Kinder, sonst ist niemand zu sehen.
Michele ist eines Tages wieder einmal mit seinen Freunden unterwegs: Antonio, genannt \"der Totenkopf\", ist der starke und brutale Anführer; Salvatore ist der gebildete Einzelgänger aus dem \"Palazzo\", dem Anwesen des Advokaten; die dicke Barbara Mura ist stets die Letzte bei den Wettrennen. Doch heute hat sich Micheles kleine Schwester Maria den Knöchel verstaucht. So kommt es, dass nicht Barbara vom Totenkopf bestraft wird, sondern Michele. Er muss ein verfallenes Gemäuer, das unterhalb eines schattigen Hügels liegt, durchqueren und erzählen, was er an grausigen Dingen gefunden hat.
Auf diese Weise stößt er auf eine abgedeckte Grube, in der er ein elendes menschliches Wesen entdeckt, das er zunächst für tot hält. Doch der Gefangene, ein Altersgenosse Micheles, ist \"nur\" fast besinnungslos vor Hunger, Durst, Angst und Schmerzen. Michele gibt ihm zu trinken, woraufhin er zu einem Engel erklärt wird. Er verspricht, dem Jungen zu helfen.
Er erzählt zu Hause niemandem davon, doch die Entdeckung lässt ihm keine Ruhe. In seine Träume schleichen sich zahlreiche Monstren wie etwa Werwölfe und Riesen. Diese Riesen, die so groß wie Berge sind, nennt Michele die \"Herren der Hügel\". Und sie rufen ihn. Als er das nächste Mal zu denm Gefangenen geht, merkt er, dass jemand ihm zu essen gegeben hat. Außerdem steht der Milchkrug seiner Mutter in der Nähe. Im Haus seines Vaters finden sich merkwürdige Besucher ein: der sadistische Felice Natale und ein gewisser Sergio, ein alter Verbrecher mit einer Pistole in seinem Koffer. Er habe seine beiden Söhne verloren, erzählt er Michele. Dem erscheint die Welt der Erwachsenen zunehmend von Gewalt und Tod beherrscht.
Er freundet sich mit dem Gefangenen an. Aus dem Fernsehen erfährt er, dass es sich um den Industriellensohn Filippo Carducci aus dem nördlichen Pavia (Lombardei) handelt, der vor zwei Monaten entführt wurde. Dessen Mutter wendet sich flehentlich an seine Entführer, die aber kein Mitgefühl kennen. Schlagartig erkennt Michele, dass sein eigener Vater an der Entführung beteiligt ist. Der Lügner und Entführer schenkt ihm ein Fahrrad, das nichts taugt, und phantasiert von einer Fahrt zum Meer, aus der nichts wird. Doch Michele wird auch von einem Freund verraten.
Allmählich bekommt Michele mit, dass etwas schrecklich schiefgelaufen ist und die Erwachsenen den Gefangenen töten wollen. Da sein vater stets den Kürzeren zu ziehen pflegt, dürfte er diesen Job ausführen. Kurzentschlossen schwingt sich Michele auf sein altes Rad, um Filippo in Sicherheit zu bringen. Ein verhängnisvoller Entschluss...
Mein Eindruck
Das Drama des verratenen Kindes
Durchgehend schildert der Autor das Geschehen aus dem Blickwinkel des jungen Michele. Der hat es bislang geschafft, mit den Launen und Eigenarten seiner Freunde zurechtzukommen, sieht sich nun aber den Lügen und Grausamkeiten der Erwachsenen ausgesetzt. Dass Menschen einen Jungen, der so klein und schutzlos ist wie Michele selbst, entführen und fast sterben lassen könnten, erfüllt ihn mit tiefem Entsetzen.
Dieses entlädt sich in den finster gewordenen Traumphantasien seines kindlichen Bewusstseins, das alle Phänomene mit mythologischen Muster überzieht. So kommt es zur Entstehung der \"Herren der Hügel\", die Furcht und Schrecken verbreitend als Riesen über das nackte Land schreiten und Michele, ihr nächstes Opfer, suchen. Auf seinen nächtlichen Radfahrten sind alle Felder von Wölfen und die Luft von Vampirfledermäusen erfüllt.
Als wäre es nicht schon genug, dass Michele sein Urvertrauen zu seinem Vater verloren hat, ereignet sich auch noch ein weiterer Verrat, der praktisch aus dem Nichts kommt. In seiner Seelennot hat sich Michele endlich seinem engsten Freund Salvatore anvertraut. Der ist der gebildete Sohn eines reichen römischen Advokaten und wohnt im \"Palazzo\", einer von zwei Matronen beherrschten Villa. Für ein Kickfußballspiel erzählt Michele Salvatore das Geheimnis vom gefangenen Industriellensohn. Doch Salvatore verrät ihn an einen der Entführer, an den sadistischen Felice Natale. Der Judaslohn: nicht 30 Silberlinge, sondern eine kostenlose Fahrstunde im Wagen des Entführers. So ändern sich die Werte im Lauf der Zeit.
Im Lauf der Wochen, die ins Land gehen, entwickelt sich in Michele ein hart erkämpftes Gefühl für das, was Recht ist. Nicht jedem schenkt er mehr sein Vertrauen
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