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Erfahrungsbericht von LosGatos

Frank Goosen - Liegen lernen "Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami"

Pro:

witzige, unterhaltsame Zeitgeschichte

Kontra:

Machen es die Frauen einem wirklich so leicht ?

Empfehlung:

Nein

Liegen lernen ? Das ist ein Titel, den ich gleich mit einem Fragezeichen versehen muss. „Bleib nicht liegen, sonst setzt sich etwas fest in deinem Hirn“, so kenne ich es von Konstantin Wecker. Was will uns der Verfasser mit dem Titel dieses Buches sagen? Zum Glück liefert er gleich selbst Aufklärung, noch bevor das Buch losgeht, indem er mit einem Zitat von Robert Gernhardt (u.a. früherer Redakteur von „Pardon“ und Mitbegründer von „Titanic“) beginnt: „Von einer Katze lernen heißt siegen lernen. Wobei siegen ‚locker durchkommen’ meint, also praktisch: liegen lernen“. Dass der Mensch gegen eine Katze selten als Sieger hervorgeht, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Die Katzenfreunde unter uns („Tut mir leid, Lea“) muss ich aber gleich enttäuschen: hier handelt es sich nicht um ein Katzenbuch. Aber um eine Anleitung zum locker durchkommen.

Der Verfasser Frank Goosen, Jahrgang 1966, geboren im Ruhrpott, wurde bekannt als eine Hälfte des Kabarett-Duos „Tresenlesen“ und geht seit 2 Jahren allein auf Tournee. Hier handelt es sich um seinen ersten Roman. Da der Hauptdarsteller auch im Ruhrpott aufwächst und in etwa so alt ist wie der Verfasser, drängt sich der Verdacht auf, dass es sich um eine Autobiographie handeln könnte.

Die Story beginnt damit, dass Helmut im Jahre 1998 im Berliner Stadtteil Kreuzberg in einer Pfütze aufwacht. Er bekommt ein Plakat mit der Aufschrift „Wir werden nicht alles anders, aber vieles besser machen“ zu Gesicht, Gerdchens Wahlslogan, bevor der in Amt und Würden kam. Er liegt also und stellt fest, dass er an einem Tiefpunkt seines Lebens angekommen ist. Grund genug, ein Resumee der letzten der 30 Jahre zu ziehen, dass er fortan in der Ich-Form erzählt.

Aufgewachsen als einziges Kind in kleinbürgerlichen Verhältnissen (der Vater ist Bahn-Beamter), erlebt Helmut das „seichte“ Leben der Nach-Woodstock-Generation. Einschneidende Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend waren die früh eintretende Erkenntnis von Entscheidungsschwäche (die Wahl zwischen Hanuta und anderen Süßigkeiten an der Supermarktkasse), der Austausch des alten Fernsehers gegen einen neuen „Buntfernseher“ mit entsprechenden Erinnerungen an amerikanische Fernsehserien wie „Bezaubernde Jeannie“ oder „Renn, Buddy, renn“ und das an-den-üppigen-Busen-seiner-Mutter-gedrückt-werden, verbunden mit Erinnerungen an unangenehmen Schweißgeruch.

Von frühen Jugendjahren an gibt es für Helmut eigentlich nur eins, was ihm wirklich wichtig ist und wofür er stets sein Taschengeld opfert: Schallplatten, erst große schwarze Scheiben, später CDs. Damit liefert das Buch immer wieder Reminiszenzen an Musik der 60er, 70er und 80er Jahre. Obwohl nicht mehr so ganz seine Zeit, hat er eine komplette Beatles-Sammlung oder Alben von Bob Dylan wie „At Budokan“ (gibt es auch bei LosGatos). Seine Sammlung erfordert irgendwann mal ganze Kellerräume zum Lagern, weil in der Wohnung dafür kaum Platz ist. Damit tritt er in die Fußstapfen seines Vaters, der im Keller Schlager auf Scheiben in fotoalbumähnliche Ordner (so was gab es in den 50er und 60er Jahren tatsächlich) sortiert und den Helmut immer belächelt hat. Helmut charakterisiert sich selbst als drogenabstinenten, heterosexuellen Nichtdemonstrierer, als ganz braven normalen Jungen also.

Sein Leben ab 16 wird von sehr vielen Frauen unterschiedlichen Typs geprägt, die ihm, abgesehen von der ersten Liebe, jedoch nicht wirklich wichtig sind. Als erstes verliebt er sich in die Schülersprecherin Britta, ein frühreifes selbstbewusstes Mädchen, das sehr liberal erzogen wurde. Mit ihr erlebt er den ersten Sex. Er wird nicht nur von Britta in ihrem Elternhaus (sie hat dort kein kleinbürgerliches Zimmer, sondern einen „Bereich“, in dem sie stets ungestört sind) verführt, sondern stets wird sein Handeln von Britta dominiert, was Helmut aber nie zu stören scheint. Irgendwann darf er sogar mal „oben“ liegen, er liest die Bücher, die Britta ihm nahe legt, und hat die Meinung über Gott und die Welt, die Britta vorgibt. Als sie eines Tages zwecks Auslandsschuljahr nach Amerika geht, teilt sie Helmut dieses erst einen Tag vorher mit. Ihre Beziehung ist damit zu Ende. Erst Jahre später trifft er sie unverhofft wieder.

Es folgt die ihm ebenfalls noch aus Schulzeiten bekannte Gisela, ein braves und etwas spießiges Mädchen, das Gegenteil von Britta. Hier hätte Helmut die Gelegenheit, den starken Part zu übernehmen, aber das entspricht nicht seinem Naturell, er ist einfach zu bequem. Mit Gisela könnte er das Leben seiner Eltern nachleben, was ihn zwar nicht begeistert, aber auch nicht wirklich stört. Erst als es ihm mit Gisela doch zu langweilig wird, schwört er fahrlässig das Ende der Beziehung herauf.

Aber Helmut bleibt nicht lange allein, erst ist es die eheerfahrene, 5-6 ältere gutsituierte Sportjournalisten Gloria, die Helmut in einem Parkhaus aufgabelt und die an „ungewöhnlichen Orten“ sexuelle Gelüste verspürt, dann die sogar um 20 Jahre ältere Dozentin Roberta, die sich für ihn interessiert und schließlich die Steuerberaterin Tina, die mit Helmut Zukunftspläne schmiedet.

Ob Helmut ein überdurchschnittlich attraktiver Mann ist, erfahren wir nicht. Da er auch nichts gegenteiliges verlauten lässt, ist zu vermuten, dass er in dieser Beziehung guten Durchschnitt darstellt. Zum anderen ist er ein Mensch, der weder mit Esprit, Klugheit, Wissen noch Unterhaltungskunst glänzt. Somit fragt sich der Leser, wieso Helmut bei den Frauen so gut ankommt. Ohne sich großartig anzustrengen, kommt er auch hier „locker“ durch. Offengesagt habe ich mich beim Lesen da manchmal bei leichten Neidgefühlen ertappt. Wahrscheinlich hat er natürlichen Charme und unverkrampfte Lockerheit...

Als Roman, der Zeitgeschichte darstellt, erlebt Helmut 1989 auch den Fall der Mauer. Ein Ereignis, das ihn sofort Hals über Kopf nach Berlin aufbrechen lässt, wo er erst bei einem alten Jugendfreund unterzukommen sucht, dann aber unverhofft Britta wiedertrifft, die ihn einige Wochen bei sich wohnen lässt und mit ihm im Wendefreudentaumel von Party zu Party zieht, aber dann eiskalt abserviert.

Zum Schluss startet Helmut eine Nacht- und Nebelaktion, wo er sein bisheriges Leben noch mal im Zeitraffer ablaufen lassen möchte. Der erträumte Erfolg bleibt aber aus.

Das Buch ist kurzweilig, unterhaltsam, witzig und angenehm zu lesen, was für mich ein wichtiges Kriterium ist, denn viele angefangene Bücher stapeln sich auf meinem Nachttisch. Hier kam ich jedoch zügig voran, ohne den Faden zu verlieren. Auch wenn Helmut gut 10 Jahre jünger als ich ist, konnte ich vieles von dem nachvollziehen, wie er seine Jugend erlebt hat. Auch mir war es noch vergönnt, zu DDR-Zeiten eine Klassenfahrt nach Berlin zu machen, natürlich mit Besuch des Ostteils der Stadt und Bekanntschaft schikaneöser Vopos. Bei einem Buch, das den Zeitgeist der 70er und 80er Jahre widerspiegeln soll, drängt sich natürlich ein Vergleich mit Florian Illies’ Generation Golf auf. Im Gegensatz zur oft arrogant wirkenden, die 68er Generation verachtenden Sichtweise Illies’, wirkt der lockere Erzählstil Goosens vielmehr sympathisch, wenn auch manchmal neiderregend...J

Leseprobe:

Als ich nach Hause kam, eröffnete ich meinen Eltern, dass ich das Gitarrespielen wohl aufgeben würde. Mein Vater sah aus, als hätte ihm jemand zwanzigtausend Mark geschenkt. Auf so einen schnellen Erfolg hatte er nicht gehofft. Ich sagte, ich wollte es mal mit Schlagzeug versuchen. Die Gesichtsfarbe meines Vaters wechselte in Richtung Leberschaden. Ich ging in mein Zimmer, während meine Eltern in der Küche zu einer Krisensitzung zusammenkamen. Sie erwogen offenbar, mir eine eigene Wohnung zu finanzieren. In einer anderen Stadt. Dabei hatte ich nur Spaß gemacht.


„Liegen lernen“ von Frank Goosen erschien zunächst als Hardcover. Ich habe auf die Paperback-Ausgabe gewartet, die im Heyne-Verlag erschienen und seit Oktober bei Amazon erhältlich ist. Das Cover erinnert an die guten alten schwarzen Scheiben.

ISBN: 3-453-21224-X Preis in Deutschland: 8,95 Euro


Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 1.11.2002
Veröffentlicht bei Ciao, Dooyoo, Yopi und vielleicht eComments und Talk-On

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