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Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
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Erfahrungsbericht von audicla
Gur, Batya: Du sollst nicht begehren
Pro:
spannend, gut recherchiert, gutes Thema
Kontra:
etwas zu lang geraten
Empfehlung:
Nein
Mord im Kibbuz
Batya Gur wurde 1947 in Tel Aviv geboren, arbeitete zunächst als Lehrerin und Journalistin. Mit ihren Krimis um den Kommissar Ochajon wurde sie weltberühmt. Für den Krimi „Am Sabbat sollst du ruhen“ erhielt sie den deutschen Krimipreis. Ihre Bücher gelten als literarisch anspruchsvoll.
Diesmal muss Michael Ochajon in einem Kibbuz ermitteln. Die attraktive Sekretärin des Kibbuz, Osnat Harel, wird auf die Krankenstation gebracht. Kurze Zeit darauf verstirbt sie an einer Lungenentzündung. So zumindest sieht es zuerst aus. Doch dann kommt heraus, dass sie mit einem Pflanzenschutzmittel vergiftet wurde.
Kommissar Ochajon nimmt seine Ermittlungen mit äußerster Sensibilität auf, denn er ist von Anfang an davon überzeugt, dass er den Fall nur dann lösen wird, wenn er Zugang zu den Kibbuz-Mitgliedern findet und ihr Vertrauen gewinnen kann. Schnell begreift er, dass das nach außen aufrecht erhaltene Bild von einer harmonisch-idealistischen Gemeinschaft trügerisch ist.
In Wirklichkeit gibt es im Kibbuz jede Menge Rivalitäten, Konkurrenz, Hass, Neid und Heimlichkeiten. So hatte die ermordete Osnat eine Affäre mit einem Mann, der schon lang dem Kibbuzleben den Rücken gekehrt hat, die erst jetzt ans Licht kommt. Hatte ihr Liebhaber mit dem Mord zu tun?
Oder hat der Mord mit den vielen anderen Konflikten zu tun, die in diesem Kibbuz herrschen?
Notwendige Veränderungen wie z. B. die Abschaffung der Kinderhäuser werden durch die traditionell denkenden älteren Kibbuz-Mitglieder verhindert und sie verharren an einem unzeitgemäßen Bild der Traditionen. Osnat jedoch gehörte zu den Modernisierern, die sich davon nicht blockieren lassen wollte.
So kommt auch Dwarka, einer geachteten alten Dame, die die Traditionen aufrecht erhält und mit Würde auftritt, eine besondere Rolle zu.
Wird es Ochajon gelingen, das Vertrauen Dwarkas zu wecken und sie zum Reden zu bringen?
Am Ende sind alle erschüttert über den Ausgang bzw. die Auflösung des Verbrechens. Aber die wird hier noch nicht verraten.
In diesem Roman geht es um den Zündstoff, der darin liegt, dass das Altehrwürdig-Traditionelle mit Neuerungen und Wünschen nach Modernität konfrontiert wird. Statt sich den anstehenden Veränderungen zu stellen, wird dies immer wieder blockiert und die Gemeinschaft kann so innerlich nicht wachsen.
Dies führt unweigerlich zu Problemen zwischen den einzelnen Mitgliedern.
Durch die Tatsache, dass diese Probleme nie wirklich angesprochen werden, wachsen sie zu gravierenden Gefühlen von Hass, Neid und Eifersucht heran. Im Laufe seiner Ermittlungen deckt Ochajon hiervon eine Menge auf.
Der Roman hat inhaltlich einiges zu bieten. Die oben angesprochenen Probleme psychologischer Natur, die in einer nach außen abgeschlossenen Gemeinschaft auftreten können, machen das Lesen spannend. Leider fehlte mir das Vorwissen über die Geschichte des Kibbuz, so dass ich manche Probleme nicht ganz nachvollziehen konnte.
Die Hauptperson ist neben dem ermittelnden Kommissar eigentlich die Tote selbst, was es etwas schwierig macht, da der Tod ja gleich zu Anfang passiert, eine Art von Identifikation zu verspüren.
Insgesamt sind mir die Figuren von Batya Gur nicht so symphatisch, dass ich einen ganz klaren Bezug zu ihnen finde. Auch der Kommissar selbst bleibt mir ein wenig fremd, was ich jetzt auch nach dem Lesen des zweiten Buches von ihr sagen kann. Möglich, dass hier auch der kulturelle Unterschied zu Tage tritt.
Trotzdem ist es ein spannendes Buch, was vor allem psychologisch gut durchdacht ist. Es basiert auf einer interessanten Idee und ist konsequent und logisch zu Ende geführt.
Ich bewerte das Buch daher als „gut“.
Das Buch gibt es bei Goldmann als TB und es kostete im letzten Jahr noch 16,90 DM
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-06 09:11:02 mit dem Titel George, Elizabeht: Denn keiner ist ohne Schuld
Tod im Schnee
Gerade habe ich ihn ausgelesen, den Roman „Denn keiner ist ohne Schuld“ von Elizabeth George. Es war nicht mein erster Buch von ihr, vier oder fünf ihrer Romane habe ich wohl in den letzten drei Jahren schon verschlungen. Seitdem ist der Name Elizabeth George für mich ein Synonym für wahren Lesegenuss und vorprogrammierte Spannung. Alle ihre Bücher, die zumeist recht umfangreich sind, sind in bester britischer Krimitradition gehalten, obgleich George Amerikanerin ist. Dabei sind sie jedoch niemals so traditionell, dass keine aktuellen Themen darin vorkommen. Im Gegenteil: ich finde, dass sie es meist hervorragend versteht, verschiedenste Themen zu verarbeiten und dabei nicht oberflächlich ist. Daneben skizziert sie ihre Protagonisten so gut, dass uns ihre psychischen Mechanismen meist sehr deutlich werden. Schwarz- und Weißmalerei gibt es bei ihr eigentlich nicht. Keine nur guten oder nur bösen Gestalten. Meist ist man am Ende nicht einmal froh, wenn der Täter oder die Täterin gefasst wird, weil sie uns so sympathisch geworden sind.
So ist auch der Titel „Denn keiner ist ohne Schuld“ sehr passend für dieses Buch, in dem jeder sein Bündel zu tragen hat.
Es ist nicht ganz einfach, den Inhalt des Buches vorzustellen ohne allzu viel zu verraten. Aber ich probiere es mal:
In der kurzen Einleitung wird uns ein Ehepaar vorgestellt. Deborah und Simon. Deborah hat gerade mehrere Fehlgeburten hinter sich und ist dadurch in eine psychische Krise geraten. Ihr Mann möchte sie nun gern davon überzeugen, dass sie ein Kind adoptieren sollten, worauf sie sich jedoch nicht einlassen möchte. Bei einem ihrer depressiven Streifzüge landet sie in einem Londoner Museum, wo sie vor einem Gemälde einen Pfarrer aus Winslough (einem kleinen Provinzdorf) kennen lernt, den sie auf Anhieb sympathisch findet. Er gibt ihr bei diesem Gespräch seine Karte. Kurz darauf beschließen Deborah und Simon einen Besuch bei ihm mit einem für sie nötigen Urlaub zu verbinden und sie mieten sich in einer Pension in Winslough ein. Doch der Besuch des Pfarrers ist nicht mehr möglich. Kurz darauf ist er unter merkwürdigen Umständen gestorben.
Seit einiger Zeit wohnt eine Mrs. Spence mit ihrer Tochter Maggie weit abseits des Dorfes. Sie ist als Verwalterin eines Herrenhauses eingesetzt, dass gerade renoviert wird und später von einem Ehepaar bezogen werden soll. Neben dieser Tätigkeit als Verwalterin ist Mrs. Spence eine begeisterte Gärtnerin und Kräutersammlerin. Sie stellt Tinkturen her und diverse Heilmittel. In den Jahren zuvor war sie in einer gewissen Rastlosigkeit mit ihrer Tochter von einem Ort zum anderen gezogen. Selten waren sie länger als 2 Jahre irgendwo geblieben. Ihre 13jährige Tochter Maggie ist in einer schwierigen Phase. Nicht nur, dass sie endlich etwas konkretes über ihren – bei einem Unfall verunglückten – Vater wissen möchte. Sondern sie pubertiert und hat sich gerade in einen Jungen verliebt, mit dem sie schon mehrfach intim wurde. Ihre Mutter macht sich größte Sorgen und verspricht der Tochter endlich einmal länger an diesem Ort zu bleiben, hofft mit dieser Zusage die anderen Probleme zu umschiffen. Doch Maggie fühlt sich unverstanden, nimmt Kontakt zum Pfarrer des Ortes auf, der ihr Verständnis und Wärme entgegenbringt.
Dieser sucht das Gespräch zu ihrer Mutter, doch als er sie eines abends besucht und mit ihr isst, bricht er auf dem Heimweg im Schnee zusammen und stirbt. Bald wird herausgefunden, dass Mrs. Spence wilde Pastinaken kochte und dabei offensichtlich einen Wasserschierling zubereitete, eine tödlich giftige Pflanze. War es ein Versehen, wie sie behauptet oder wollte sie ihn töten und es steckt ein Motiv dahinter?
Dem Dorfpolizisten Colin gelingt es jedenfalls nicht, das Rätsel zu lösen, da er sich schon bei seinem ersten Besuch bei Mrs. Spence rasend und leidenschaftlich in sie verliebt und eine Affäre mit ihr beginnt. So vertuscht er mehr als aufzudecken und das Verfahren ist längst abgeschlossen und der Pfarrer unter der Erde.
Simon und Deborah, Freunde von Inspektor Linley, glauben nicht an einen Unfall und rufen Linley aus dem Urlaub nach Winslough. Dieser kommt nur zu gern, steckt er doch gerade mal wieder in einer Krise mit Helen und kann dem so entfliehen.
Wie es dann weitergeht wird nicht verraten.
Zu meinen Erfahrungen kann ich sagen, dass ich zu Anfang etwas Schwierigkeiten hatte, mich in die Geschichte hineinzulesen. Nachdem ich die ersten 50 Seiten hinter mich gebracht hatte, erging es mir dann aber wie bei Elizabeth Georges anderen Romanen auch: ich konnte nicht mehr aufhören. Über 650 Seiten Lesestoff, die ich nach nur drei Tagen durchrauscht hatte, sprechen für sich. Eine spannende Geschichte, mit vielfältigsten Verwicklungen der einzelnen Personen untereinander. Stück um Stück nähern wir uns der Wahrheit, ohne dass die Dinge an den Haaren herbeigezogen wirken. Die Geschichte wird also akkurat gelöst und wir erfahren die wichtigsten Dinge nicht erst ganz am Schluss. Daneben schließt sich der Kreis auch zum Vorspann und der Problematik von Deborah und Simon.
Leider war die Mitarbeiterin von Linley, Barbara Havers, in diesem Buch sehr knapp vertreten, was ich ein wenig schade fand, weil mir ihre Person immer sehr sympathisch ist.
Resümee: Spannend, psychologisch gut durchdacht, sinnvoll und detailliert zu Ende gebracht, bei einigen Anfangshürden und einer meist fehlenden Barbara Havers. Insgesamt bewerte ich das Buch daher mit 4 Sternen, also „gut“.
Das Buch gibt es als Taschenbuch bei Goldmann für 9 Euro unter der ISBN-Nr. 3442052718. Da ich Mitglied im Buch-Club bin konnte ich es dort im letzten Jahr noch für 12,90 DM in der Buchclub eigenen Ausgabe kaufen.
Viel Spaß beim Lesen!
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-16 17:20:56 mit dem Titel George, Elizabeth: Mein ist die Rache - ein bisschen zuviel blaues Blut!
Ein bisschen zuviel blaues Blut!
Ich habe sie alle durcheinander gelesen – die Krimis von Elisabeth George. Je nachdem, wo ich sie gerade leihen konnte oder wann sie mir beim Einkauf in die Hände fielen. So las ich erst jetzt, nachdem ich schon viele der neueren Krimis von ihr kenne, den chronologisch ersten Krimi „Mein ist die Rache“. Grundsätzlich ist hier von mir einmal zu sagen, dass ich die deutsche Titelwahl eigentlich für alle ihre Bücher ziemlich unglücklich finde. Würde mich mal interessieren, ob es anderen Lesern auch so geht, dass sie sich diese Titel nie merken können und nie wirklich sicher sind, welches Buch sie nun schon gelesen haben und welches nicht.
Die Amerikanerin Elisabeth George hatte von früher Jugend an eine Vorliebe für alles Englische. So sind ihre Krimis auch in guter englischer Tradition geschrieben. In den neueren Krimis beherrschen vor allem Inspektor Linley (welcher adliger Herkunft ist) und Barbara Havers (welche aus eher einfachen Verhältnissen kommt) die Handlung. Gemeinsam ermitteln sie und die Diskrepanz ihrer sozialen Herkunft schafft gute Einschübe, in denen diese und die damit verbundenen unterschiedlichen Sichtweisen der beiden, thematisiert werden.
Nicht so in „Mein ist die Rache“, denn hier spielt zunächst Inspektor Linley die Hauptrolle, dicht gefolgt von seinem Freund, dem forensischen Wissenschaftler St. James. Barbara Havers begegnet uns nur ein einziges Mal in diesem Buch und hat dort eine sehr unbedeutende Nebenrolle. Sicherlich sollte sie aber hier erstmalig eingeführt werden.
Zur Handlung:
Inspektor Linley will sich endlich binden und sich mit der jungen Deborah verloben, die nach dreijährigem Auslandsaufenthalt gerade nach England zurückgekehrt ist. Deborah ist die Tochter von Cotter, welches als Haus-Butler bei St. James beschäftigt ist. Das ganze hat eine Vorgeschichte: Als Cotters Frau ehemals früh verstarb, ließ der noch junge 18jährige St. James dessen Tochter Deborah (damals ca. 7jährig) in sein Haus mit einziehen und zog sie mit auf. Doch je älter Deborah wurde, desto stärker traten auch Liebesgefühle in den Vordergrund. Nachdem Deborah 17jährig nach Amerika ging, um sich dort eine Existenz als Fotografin aufzubauen, versucht St. James sie zu vergessen. Deborah fühlt sich zurückgewiesen und geht auf die Annäherungsversuche von Linley ein. Nun ist sie also nach England zurückgekehrt und die Verlobung steht an.
Gemeinsam mit ihrem Vater, St. James und dessen Bekannter Helen (die wohl George-Fans hinlänglich kennen), fahren sie zum feudalen Stammsitz der Ashertons nach Howenstow, wo Linley geboren wurde. Hier nun wiederum steht für Linley nicht nur die Versöhnung mit seiner Mutter an, mit der er seit 15 Jahren kein persönliches Wort mehr gewechselt hat, sondern auch ein Zusammentreffen mit seinem kokainsüchtigen Bruder Peter und dessen Freundin Sasha, die sich an diesem Wochenende ziemlich daneben benehmen. Aber nicht nur sie: auch Sidney – St. James´Schwester – und deren Freund Justin führen eine ziemlich skurrile Beziehung und erregen Aufsehen.
So läuft das Verlobungswochenende keineswegs harmonisch und festlich wie geplant ab. Ziemlich bald nach der Ankunft der Gäste wird auch schon der erste Tote gefunden. Auf bestialische Weise wurde er nicht nur getötet sondern auch noch kastriert. Es ist ein Journalist, der mit der Tochter des Gutsverwalters seit kurzem verheiratet war. Kurz darauf schon wird der Gutsverwalter als vermeintlicher Täter festgenommen. Als Motiv weist man ihm Ärger über den Schwiegersohn wegen dessen wiederholter außerehelicher Affären nach. Doch wird dies nicht der einzige Tote bleiben, den man an diesem Wochenende findet.
Soweit zunächst um nicht zuviel vorwegzunehmen.
Doch nun zu meiner Meinung:
Vielleicht tute ich E. George Unrecht wenn ich zu kritisch an diesen Krimi herangehe. Immerhin scheint es der erste dieser Reihe gewesen zu sein, wenngleich er auch erst als vierter Band dieser Reihe veröffentlich – also evtl. auch noch nachgeschoben – wurde. Aber ich muss doch sagen, dass ich alles in allem recht enttäuscht war.
So tritt die komplizierte Liebesgeschichte zwischen Linley und Deborah hier sehr weit in den Vordergrund, fast so weit, dass sie die Kriminalgeschichte selbst damit überfrachtet und diese manchmal in den Hintergrund tritt. Noch dazu scheint mir die ganze emotionale Geschichte moralisch und romantisch überfrachtet. Es kommt aber noch weiter hinzu, dass der Krimi fast gänzlich im adligen Ambiente spielt, was bei mir zeitweise den Eindruck erweckt hat, es hier mehr mit einer kitschigen Liebes- bzw. blauen-Blut-Geschichte als mit einem Krimi zu tun zu haben. So lässt sich festhalten, dass auf den ersten 200 Seiten doch stärker Beziehungsdramen als alles andere Raum einnehmen. Ein bisschen zuviel für meinen Geschmack. Auch die Spannung leidet darunter. So richtig geht’s erst ab Seite 200 los. Dabei ist es nicht so schlecht geschrieben, dass man die erste Hälfte nur mit Hängen und Würgen hinter sich bringt, aber es erfordert doch ein wenig Ausdauer, damit man das Buch nicht aus der Hand legt. Erst ab Mitte des Buches kommen langsam die Verbrechen und die Jagd nach den Tätern ins Spiel und beherrschen von da an stärker das Geschehen. Nun entwickelt sich das Buch langsam zu dem, was man von den späteren Krimis von George gewöhnt ist – viele Motive, viele Verdächtige und Verdachtsmomente sowie Verwicklungen.
Die 21jährige Deborah mag noch einigermaßen realistisch in ihrem Gefühlswirrwarr beschrieben sein, bedenkt man ihr zartes Alter. Schwieriger fand ich die Darstellung von Linley und St. James, die so ehrrührig dargestellt werden, dass man ihnen das zugedachte Alter von Anfang 30 eigentlich nicht abnimmt, sondern mehr an 50jährige gesetzte Gestalten denkt. Echte Sympathieträgerin ist noch am meisten Helen, die locker und unkompliziert beschrieben wird und glücklicherweise in diesem Krimi nicht ins allgemeine emotionale Chaos involviert ist.
Nun habe ich das Buch etwas enttäuscht zugeklappt und werde es hier mit 3 Sternen bzw. einer mittelmäßigen Note versehen. Aber: soviel lässt sich auch sagen – Elisabeth George hat sich seitdem enorm entwickelt. Insofern war es auch einmal interessant ein sehr frühes Buch einer so populären Autorin zu lesen, um einmal den Unterschied zu sehen.
Das Buch gibt es bei Goldmann als Taschenbuch für 8,50 Euro. ISBN-Nr. 344205883X.
Es hat 478 Seiten und ist damit von der Länge her schon mit ihrem späteren Werken zu vergleichen.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-11 16:36:18 mit dem Titel Grimes, Martha: Das Hotel am See - Todesfall vor vierzig Jahren
Todesfall vor vierzig Jahren
Meine Mutter hatte mal wieder ihren Bücherschrank aussortiert und vermachte mir „Das Hotel am See“ von Martha Grimes. Martha Grimes, so erfuhr ich im Vorspann des Buches gilt als Königin des Kriminalromans. Ihre Inspektor-Jury Reihe ist vielen ein Begriff. Ich jedoch hatte bislang noch nie etwas von ihr gelesen.
Im „Hotel am See“ geht es um die 12jährige Emma, welche einen Todesfall aufklären möchte, der bereits 40 Jahre zurückliegt. Emma wohnt gemeinsam mit ihrer Tante, Cousine und ihrer Mutter in Spirit Lake, einem früher bekannten Ausflugsort. Dort unterhalten ihre Tante und Mutter das Hotel Paradise, früher einmal ein renommiertes Hotel und Restaurant, mittlerweile jedoch schon ein recht in die Jahre gekommenes und hauptsächlich nur noch von langweiligsten Stammgästen rekrutiertes Gästehaus. Ein Familienunternehmen, wo jede Hand anpacken muss – so auch die 12jährige Emma, die stets darauf bedacht sein muss ihre Pflichten in der Küche und bei der Bedienung der Gäste wahrzunehmen.
Das Hotel liegt an einem See, früher ein beliebter Badesee und Ausflugsort, heute nur noch ein einsamer und zugewachsener Fleck in der Landschaft. Man spürt geradezu die Tristesse und Langeweile, die sowohl das Hotel als auch den Ort Spirit Lake prägen. Einzig der See hat eine gewisse Spannung, denn immerhin geschah hier vor nahezu 40 Jahren ein Todesfall. Ein junges Mädchen ertrank angeblich bei einem Bootsunfall. Man hatte ihre Leiche zwischen den Wasserlilien entdeckt.
Hauptsächlich um dieser grässlichen Langeweile zu entkommen, beginnt Emma damit, sich für diesen Todesfall zu interessieren und auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. Dabei hilft ihr der freundschaftliche Draht zum Dorfsheriff und auch fast alle anderen Einwohner des Ortes kennt Emma gut. Immer wieder nutzt sie ihre freie Zeit dazu in den Ort zu gehen und sämtliche Informationen über den Todesfall zu bekommen, die noch irgendwie zugänglich sind. Dabei gelingt es ihr sogar zwei verschrobene Brüder zum Sprechen zu bringen, die ansonsten schon lang als stumm gelten.
Die 12jährige Emma wird in diesem Roman recht gut dargestellt. Das kindlich-naive bleibt bestehen, obgleich sie schließlich wie eine Erwachsene agiert und einen höchst suspekten Kriminalfall aufklären wird. Sie arbeitet im Geheimen und verrät zunächst niemandem ihre Erkenntnisse. Es würde sie auch ohnehin keiner für voll nehmen. Als schließlich jedoch noch eine zweite Tote in der Nähe des Sees gefunden wird, wird aus der anfänglichen Detektiv-Spielerei wirklich ernst.
Mehr sei hier zum Inhalt zunächst nicht verraten.
Der über 450 Seiten dicke Roman ist angenehm und gut zu lesen. Er ist zwar nicht durchweg spannungsgeladen, aber auch nie langweilig. Dafür werden die Stimmungen sehr einfühlsam beschrieben und die einzelnen Personen erhalten wirklich Gestalt. Die Autorin lädt uns ein in die Denkweise eines kurz vor der Pubertät stehenden Mädchens einzutauchen und es gelingt ihr hervorragend und dazu noch auf oft sehr amüsante Weise dies darzustellen. Dazu kann sie uns auch, wie schon erwähnt, die gähnende Langeweile des Ortes und seiner Bewohner sehr stimmungsvoll rüberbringen.
Leider ist der Roman etwas zu lang geraten für das, was er an Story zu bieten hat. Einige Kürzungen wären dem Spannungsbogen entgegengekommen. Wenngleich es nett zu lesen ist und auch sprachlich einwandfrei ist es dadurch mitunter etwas langatmig. Auch die Auflösung entsprach nicht ganz meinem Geschmack, da sie zu wenig vorhersehbar und erst gegen Ende des Buches eingeleitet wird. So fehlte mir der Anreiz des Miträtselns mitunter, der einen guten Krimi ausmacht.
Immerhin war ich von dem Roman so angetan, dass ich kurz danach einen der bekannten Inspektor Jury Krimis lesen wollte. Ich muss allerdings anmerken, dass ich daran gescheitert bin. Nach 30 Seiten hatte ich die Nase von den vielen Personen voll und keinen Überblick mehr. Aber das ist ein anders Kapitel.
Insgesamt würde ich den Roman „Das Hotel am See“ mit 4 Sternen als gut bewerten. Vor allem der lockere und amüsante Stil hat mir gut gefallen. Als richtige Kriminalstory habe ich das Buch jedoch weniger empfunden.
Das Buch ist als Goldmann Taschenbuch unter der ISBN-Nr. 3-442-43761-x 1995 erschienen und wurde aus dem Amerikanischen von Angelika Felenda übersetzt. Es kostete ehemals 16,90 DM.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-10 07:59:54 mit dem Titel George, Elizabeth: Nie sollst du vergessen - 1000-Gramm-Krimi auf 900 Seiten
1000 Gramm-Krimi auf 900 Seiten
Die Krimis der Bestseller-Autorin Elizabeth George scheinen von Buch zu Buch mehr Umfang zu bekommen. Gerade habe ich das Buch „Nie sollst du vergessen“ von ihr aus der Hand gelegt, welches 2001 bei Blanvalet erschien. Da ich ohnehin fast alle ihre Kriminalromane bislang gelesen habe, war es für mich keine Frage, dass ich meine gesammelten Webmiles gegen diese Prämie eintauschte. So freute ich mich sehr, als ich einige Tage später die schöne gebundene Ausgabe erhielt. Allerdings ist dieses Buch ein echter Brocken, mit 900 Seiten hat sich die Autorin übertroffen, zumindest was die Länge des Buches angeht. Der Lesekomfort war allerdings begrenzt, da dieses Buch mit über einem Kilo Gewicht schon nicht mehr allzu gut in der Hand liegt. Dafür ist es einfach zu schwer.
Worum geht es?
Hier werden parallel zwei verschiedene Geschichten erzählt: Zum einen die von Gideon, frühem Wunderkind, passionierter und weltberühmter Geiger, der eines Tage plötzlich nicht mehr spielen kann. „Psychogene Amnesie“ stellt die Psychoanalytikerin fest, zu der Gideon bald gehen wird. Immer wieder durchlaufen das Buch Einschübe, in denen über die Resultate der nun folgenden Psychoanalyse und über die Sitzungen berichtet wird. Immer streng in der Ich-Form, indem Gideon erzählt. Niemals wird die wörtliche Rede in diesen Passagen verwendet. Man kann dadurch sehr gut nachvollziehen, wie die Analyse-Stunden ablaufen. Die Psychoanalytikerin mit ihrem Schreibblock sitzt größtenteils schweigend da, während Gideon sich erinnern soll. Denn nur, so sagt sie, wenn er sich erinnert, wird er den Grund dafür herausfinden, was ihn so plötzlich am Spielen hemmt und diese Hemmung irgendwann überwinden können. Und er erinnert sich – zunächst langsam, dann in rasantem Tempo fällt ihm die ganze Geschichte seiner Herkunft und Familie wieder ein. Ereignisse, die 20 Jahre zurückliegen, nehmen plötzlich in seiner Erinnerung wieder Gestalt an und stürzen ihn in eine noch größere Krise.
Gideon ein musikalisches Wunderkind wird schon früh mit Gouvernante und privatem Geigenlehrer ausgestattet. Sein Vater weiß, dass er es einmal weit bringen kann, wenn er ihn nur genug fördern lässt. Auch der mächtige und mit ihm Haus der Familie lebende Großvater macht Druck. Gideons Vater muss beweisen, dass er nicht nur „Krüppel“ produzieren kann (Wortlaut des Großvaters). Denn er hat in erster Ehe bereits eine behinderte Tochter gezeugt und nun mit Gideons Mutter ein zweites Kind, welches am Downsyndrom leidet. Eine Kinderpflegerin wird für dieses zweite Kind engagiert, damit beide Eltern arbeiten und so das viele Geld verdienen können, welches für soviel häusliches Personal gebraucht wird. Trotzdem wird es eng, denn Gideon und seine kleine Schwester entspringen keiner besonders wohlhabenden Familie und die Großeltern müssen auch noch mit durchgebracht werden. So wird ein schlecht ausgebildetes und relativ junges Mädchen für die Pflege engagiert. Selbst nach kurzer Zeit schwanger, ertränkt sie die Schwester Gideons eines Abends in der Badewanne. Die Folgen: 20 Jahre Gefängnis für das Kindermädchen und Gideons Mutter verlässt die Familie. Er wird sie nicht wiedersehen, denn ...
20 Jahre später wird Gideons Mutter brutal und absichtlich von einem Auto mehrmals überrollt. Tot bleibt sie am Fahrbandrand liegen. Wer kommt als Täter in Frage? Ist es ein Racheakt des ehemaligen Kindermädchens gewesen, die einige Wochen zuvor gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde? Es gibt jedoch auch noch andere Verdächtige- und weitere Verbrechen.
Inspektor Linley, Barbara Havers und Winston Nkata ermitteln in alle Richtungen.
Zunächst ist zu sagen, dass die recht schnellen Wechsel von einer Person oder Situation in die nächste das Lesen dieses Buches grundsätzlich leicht und spannend machen. Der Spannungsaufbau ist durchweg gegeben, man möchte immer sofort weiterlesen, weil Elizabeth George es hervorragend versteht die Neugier der Leser immer wieder auf´s Neue anzuregen. 700 Seiten las ich mit größtem Vergnügen und relativ schnell. Dann wurde mir das Buch doch langsam etwas arg lang. Zwar war auch der Rest durchweg gut geschrieben und zu lesen, aber aus meiner Sicht hätte die Autorin das ganze auch auf diese 700 Seiten verkürzen können. Manche Passagen hätte sie sicher weniger lang ausweiten brauchen – z. B. die Einschübe von Gideons Erinnerungen. Da kommt es doch häufiger mal zu Wiederholungen, die nicht unbedingt nötig gewesen wären. Mit 700 Seiten wäre das Buch auch nicht ganz so schwer geworden und hätte besser in der Hand gelegen.
Es ist ein gutes bis sehr gutes Buch geworden, auf jeden Fall Lesegenuss und diese kleine Einschränkung, die mich dazu führt, das Buch nicht mit 5, sondern nur mit 4 Sternen zu bewerten, sollte nicht allzu negativ ausgelegt werden. Elizabeth George ist eine erfahrene Autorin, die ihr Handwerkszeug versteht, gut recherchiert, dadurch interessante Einblicke in verschiedenste Themen und Bereiche gibt, in diesem wie auch in fast allen anderen ihrer Kriminalromane. Ihre Figuren sind auch hier lebendig, gut nachvollziehbar – sie lässt sich eben Zeit sie hinreichend zu beschreiben – was dann zur Länge ihrer Bücher führt. Grundsätzlich bin ich jemand, der eigentlich gerne dicke Bücher liest. So auch dieses, allerdings – wie gesagt – sie hätte wohl ein wenig kürzen können.
Wenn sie so weitermacht, wird das nächste Buch schon 1000 Seiten haben usw. – wo soll das hinführen.
Für George-Fans ist dieses Buch ein Muss. Wer Elizabeth George noch nicht so gut kennt, sollte vielleicht zunächst mit einem ihrer noch etwas weniger umfangreichen Werke beginnen.
Die gebundene Ausgabe aus dem Blanvalet-Verlag kostete im Buchladen 24 Euro. ISBN-Nr. 3-7645-0098-0. Mittlerweile gibt es das Buch aber auch schon einige Zeit als Taschenbuch.
Batya Gur wurde 1947 in Tel Aviv geboren, arbeitete zunächst als Lehrerin und Journalistin. Mit ihren Krimis um den Kommissar Ochajon wurde sie weltberühmt. Für den Krimi „Am Sabbat sollst du ruhen“ erhielt sie den deutschen Krimipreis. Ihre Bücher gelten als literarisch anspruchsvoll.
Diesmal muss Michael Ochajon in einem Kibbuz ermitteln. Die attraktive Sekretärin des Kibbuz, Osnat Harel, wird auf die Krankenstation gebracht. Kurze Zeit darauf verstirbt sie an einer Lungenentzündung. So zumindest sieht es zuerst aus. Doch dann kommt heraus, dass sie mit einem Pflanzenschutzmittel vergiftet wurde.
Kommissar Ochajon nimmt seine Ermittlungen mit äußerster Sensibilität auf, denn er ist von Anfang an davon überzeugt, dass er den Fall nur dann lösen wird, wenn er Zugang zu den Kibbuz-Mitgliedern findet und ihr Vertrauen gewinnen kann. Schnell begreift er, dass das nach außen aufrecht erhaltene Bild von einer harmonisch-idealistischen Gemeinschaft trügerisch ist.
In Wirklichkeit gibt es im Kibbuz jede Menge Rivalitäten, Konkurrenz, Hass, Neid und Heimlichkeiten. So hatte die ermordete Osnat eine Affäre mit einem Mann, der schon lang dem Kibbuzleben den Rücken gekehrt hat, die erst jetzt ans Licht kommt. Hatte ihr Liebhaber mit dem Mord zu tun?
Oder hat der Mord mit den vielen anderen Konflikten zu tun, die in diesem Kibbuz herrschen?
Notwendige Veränderungen wie z. B. die Abschaffung der Kinderhäuser werden durch die traditionell denkenden älteren Kibbuz-Mitglieder verhindert und sie verharren an einem unzeitgemäßen Bild der Traditionen. Osnat jedoch gehörte zu den Modernisierern, die sich davon nicht blockieren lassen wollte.
So kommt auch Dwarka, einer geachteten alten Dame, die die Traditionen aufrecht erhält und mit Würde auftritt, eine besondere Rolle zu.
Wird es Ochajon gelingen, das Vertrauen Dwarkas zu wecken und sie zum Reden zu bringen?
Am Ende sind alle erschüttert über den Ausgang bzw. die Auflösung des Verbrechens. Aber die wird hier noch nicht verraten.
In diesem Roman geht es um den Zündstoff, der darin liegt, dass das Altehrwürdig-Traditionelle mit Neuerungen und Wünschen nach Modernität konfrontiert wird. Statt sich den anstehenden Veränderungen zu stellen, wird dies immer wieder blockiert und die Gemeinschaft kann so innerlich nicht wachsen.
Dies führt unweigerlich zu Problemen zwischen den einzelnen Mitgliedern.
Durch die Tatsache, dass diese Probleme nie wirklich angesprochen werden, wachsen sie zu gravierenden Gefühlen von Hass, Neid und Eifersucht heran. Im Laufe seiner Ermittlungen deckt Ochajon hiervon eine Menge auf.
Der Roman hat inhaltlich einiges zu bieten. Die oben angesprochenen Probleme psychologischer Natur, die in einer nach außen abgeschlossenen Gemeinschaft auftreten können, machen das Lesen spannend. Leider fehlte mir das Vorwissen über die Geschichte des Kibbuz, so dass ich manche Probleme nicht ganz nachvollziehen konnte.
Die Hauptperson ist neben dem ermittelnden Kommissar eigentlich die Tote selbst, was es etwas schwierig macht, da der Tod ja gleich zu Anfang passiert, eine Art von Identifikation zu verspüren.
Insgesamt sind mir die Figuren von Batya Gur nicht so symphatisch, dass ich einen ganz klaren Bezug zu ihnen finde. Auch der Kommissar selbst bleibt mir ein wenig fremd, was ich jetzt auch nach dem Lesen des zweiten Buches von ihr sagen kann. Möglich, dass hier auch der kulturelle Unterschied zu Tage tritt.
Trotzdem ist es ein spannendes Buch, was vor allem psychologisch gut durchdacht ist. Es basiert auf einer interessanten Idee und ist konsequent und logisch zu Ende geführt.
Ich bewerte das Buch daher als „gut“.
Das Buch gibt es bei Goldmann als TB und es kostete im letzten Jahr noch 16,90 DM
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-06 09:11:02 mit dem Titel George, Elizabeht: Denn keiner ist ohne Schuld
Tod im Schnee
Gerade habe ich ihn ausgelesen, den Roman „Denn keiner ist ohne Schuld“ von Elizabeth George. Es war nicht mein erster Buch von ihr, vier oder fünf ihrer Romane habe ich wohl in den letzten drei Jahren schon verschlungen. Seitdem ist der Name Elizabeth George für mich ein Synonym für wahren Lesegenuss und vorprogrammierte Spannung. Alle ihre Bücher, die zumeist recht umfangreich sind, sind in bester britischer Krimitradition gehalten, obgleich George Amerikanerin ist. Dabei sind sie jedoch niemals so traditionell, dass keine aktuellen Themen darin vorkommen. Im Gegenteil: ich finde, dass sie es meist hervorragend versteht, verschiedenste Themen zu verarbeiten und dabei nicht oberflächlich ist. Daneben skizziert sie ihre Protagonisten so gut, dass uns ihre psychischen Mechanismen meist sehr deutlich werden. Schwarz- und Weißmalerei gibt es bei ihr eigentlich nicht. Keine nur guten oder nur bösen Gestalten. Meist ist man am Ende nicht einmal froh, wenn der Täter oder die Täterin gefasst wird, weil sie uns so sympathisch geworden sind.
So ist auch der Titel „Denn keiner ist ohne Schuld“ sehr passend für dieses Buch, in dem jeder sein Bündel zu tragen hat.
Es ist nicht ganz einfach, den Inhalt des Buches vorzustellen ohne allzu viel zu verraten. Aber ich probiere es mal:
In der kurzen Einleitung wird uns ein Ehepaar vorgestellt. Deborah und Simon. Deborah hat gerade mehrere Fehlgeburten hinter sich und ist dadurch in eine psychische Krise geraten. Ihr Mann möchte sie nun gern davon überzeugen, dass sie ein Kind adoptieren sollten, worauf sie sich jedoch nicht einlassen möchte. Bei einem ihrer depressiven Streifzüge landet sie in einem Londoner Museum, wo sie vor einem Gemälde einen Pfarrer aus Winslough (einem kleinen Provinzdorf) kennen lernt, den sie auf Anhieb sympathisch findet. Er gibt ihr bei diesem Gespräch seine Karte. Kurz darauf beschließen Deborah und Simon einen Besuch bei ihm mit einem für sie nötigen Urlaub zu verbinden und sie mieten sich in einer Pension in Winslough ein. Doch der Besuch des Pfarrers ist nicht mehr möglich. Kurz darauf ist er unter merkwürdigen Umständen gestorben.
Seit einiger Zeit wohnt eine Mrs. Spence mit ihrer Tochter Maggie weit abseits des Dorfes. Sie ist als Verwalterin eines Herrenhauses eingesetzt, dass gerade renoviert wird und später von einem Ehepaar bezogen werden soll. Neben dieser Tätigkeit als Verwalterin ist Mrs. Spence eine begeisterte Gärtnerin und Kräutersammlerin. Sie stellt Tinkturen her und diverse Heilmittel. In den Jahren zuvor war sie in einer gewissen Rastlosigkeit mit ihrer Tochter von einem Ort zum anderen gezogen. Selten waren sie länger als 2 Jahre irgendwo geblieben. Ihre 13jährige Tochter Maggie ist in einer schwierigen Phase. Nicht nur, dass sie endlich etwas konkretes über ihren – bei einem Unfall verunglückten – Vater wissen möchte. Sondern sie pubertiert und hat sich gerade in einen Jungen verliebt, mit dem sie schon mehrfach intim wurde. Ihre Mutter macht sich größte Sorgen und verspricht der Tochter endlich einmal länger an diesem Ort zu bleiben, hofft mit dieser Zusage die anderen Probleme zu umschiffen. Doch Maggie fühlt sich unverstanden, nimmt Kontakt zum Pfarrer des Ortes auf, der ihr Verständnis und Wärme entgegenbringt.
Dieser sucht das Gespräch zu ihrer Mutter, doch als er sie eines abends besucht und mit ihr isst, bricht er auf dem Heimweg im Schnee zusammen und stirbt. Bald wird herausgefunden, dass Mrs. Spence wilde Pastinaken kochte und dabei offensichtlich einen Wasserschierling zubereitete, eine tödlich giftige Pflanze. War es ein Versehen, wie sie behauptet oder wollte sie ihn töten und es steckt ein Motiv dahinter?
Dem Dorfpolizisten Colin gelingt es jedenfalls nicht, das Rätsel zu lösen, da er sich schon bei seinem ersten Besuch bei Mrs. Spence rasend und leidenschaftlich in sie verliebt und eine Affäre mit ihr beginnt. So vertuscht er mehr als aufzudecken und das Verfahren ist längst abgeschlossen und der Pfarrer unter der Erde.
Simon und Deborah, Freunde von Inspektor Linley, glauben nicht an einen Unfall und rufen Linley aus dem Urlaub nach Winslough. Dieser kommt nur zu gern, steckt er doch gerade mal wieder in einer Krise mit Helen und kann dem so entfliehen.
Wie es dann weitergeht wird nicht verraten.
Zu meinen Erfahrungen kann ich sagen, dass ich zu Anfang etwas Schwierigkeiten hatte, mich in die Geschichte hineinzulesen. Nachdem ich die ersten 50 Seiten hinter mich gebracht hatte, erging es mir dann aber wie bei Elizabeth Georges anderen Romanen auch: ich konnte nicht mehr aufhören. Über 650 Seiten Lesestoff, die ich nach nur drei Tagen durchrauscht hatte, sprechen für sich. Eine spannende Geschichte, mit vielfältigsten Verwicklungen der einzelnen Personen untereinander. Stück um Stück nähern wir uns der Wahrheit, ohne dass die Dinge an den Haaren herbeigezogen wirken. Die Geschichte wird also akkurat gelöst und wir erfahren die wichtigsten Dinge nicht erst ganz am Schluss. Daneben schließt sich der Kreis auch zum Vorspann und der Problematik von Deborah und Simon.
Leider war die Mitarbeiterin von Linley, Barbara Havers, in diesem Buch sehr knapp vertreten, was ich ein wenig schade fand, weil mir ihre Person immer sehr sympathisch ist.
Resümee: Spannend, psychologisch gut durchdacht, sinnvoll und detailliert zu Ende gebracht, bei einigen Anfangshürden und einer meist fehlenden Barbara Havers. Insgesamt bewerte ich das Buch daher mit 4 Sternen, also „gut“.
Das Buch gibt es als Taschenbuch bei Goldmann für 9 Euro unter der ISBN-Nr. 3442052718. Da ich Mitglied im Buch-Club bin konnte ich es dort im letzten Jahr noch für 12,90 DM in der Buchclub eigenen Ausgabe kaufen.
Viel Spaß beim Lesen!
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-16 17:20:56 mit dem Titel George, Elizabeth: Mein ist die Rache - ein bisschen zuviel blaues Blut!
Ein bisschen zuviel blaues Blut!
Ich habe sie alle durcheinander gelesen – die Krimis von Elisabeth George. Je nachdem, wo ich sie gerade leihen konnte oder wann sie mir beim Einkauf in die Hände fielen. So las ich erst jetzt, nachdem ich schon viele der neueren Krimis von ihr kenne, den chronologisch ersten Krimi „Mein ist die Rache“. Grundsätzlich ist hier von mir einmal zu sagen, dass ich die deutsche Titelwahl eigentlich für alle ihre Bücher ziemlich unglücklich finde. Würde mich mal interessieren, ob es anderen Lesern auch so geht, dass sie sich diese Titel nie merken können und nie wirklich sicher sind, welches Buch sie nun schon gelesen haben und welches nicht.
Die Amerikanerin Elisabeth George hatte von früher Jugend an eine Vorliebe für alles Englische. So sind ihre Krimis auch in guter englischer Tradition geschrieben. In den neueren Krimis beherrschen vor allem Inspektor Linley (welcher adliger Herkunft ist) und Barbara Havers (welche aus eher einfachen Verhältnissen kommt) die Handlung. Gemeinsam ermitteln sie und die Diskrepanz ihrer sozialen Herkunft schafft gute Einschübe, in denen diese und die damit verbundenen unterschiedlichen Sichtweisen der beiden, thematisiert werden.
Nicht so in „Mein ist die Rache“, denn hier spielt zunächst Inspektor Linley die Hauptrolle, dicht gefolgt von seinem Freund, dem forensischen Wissenschaftler St. James. Barbara Havers begegnet uns nur ein einziges Mal in diesem Buch und hat dort eine sehr unbedeutende Nebenrolle. Sicherlich sollte sie aber hier erstmalig eingeführt werden.
Zur Handlung:
Inspektor Linley will sich endlich binden und sich mit der jungen Deborah verloben, die nach dreijährigem Auslandsaufenthalt gerade nach England zurückgekehrt ist. Deborah ist die Tochter von Cotter, welches als Haus-Butler bei St. James beschäftigt ist. Das ganze hat eine Vorgeschichte: Als Cotters Frau ehemals früh verstarb, ließ der noch junge 18jährige St. James dessen Tochter Deborah (damals ca. 7jährig) in sein Haus mit einziehen und zog sie mit auf. Doch je älter Deborah wurde, desto stärker traten auch Liebesgefühle in den Vordergrund. Nachdem Deborah 17jährig nach Amerika ging, um sich dort eine Existenz als Fotografin aufzubauen, versucht St. James sie zu vergessen. Deborah fühlt sich zurückgewiesen und geht auf die Annäherungsversuche von Linley ein. Nun ist sie also nach England zurückgekehrt und die Verlobung steht an.
Gemeinsam mit ihrem Vater, St. James und dessen Bekannter Helen (die wohl George-Fans hinlänglich kennen), fahren sie zum feudalen Stammsitz der Ashertons nach Howenstow, wo Linley geboren wurde. Hier nun wiederum steht für Linley nicht nur die Versöhnung mit seiner Mutter an, mit der er seit 15 Jahren kein persönliches Wort mehr gewechselt hat, sondern auch ein Zusammentreffen mit seinem kokainsüchtigen Bruder Peter und dessen Freundin Sasha, die sich an diesem Wochenende ziemlich daneben benehmen. Aber nicht nur sie: auch Sidney – St. James´Schwester – und deren Freund Justin führen eine ziemlich skurrile Beziehung und erregen Aufsehen.
So läuft das Verlobungswochenende keineswegs harmonisch und festlich wie geplant ab. Ziemlich bald nach der Ankunft der Gäste wird auch schon der erste Tote gefunden. Auf bestialische Weise wurde er nicht nur getötet sondern auch noch kastriert. Es ist ein Journalist, der mit der Tochter des Gutsverwalters seit kurzem verheiratet war. Kurz darauf schon wird der Gutsverwalter als vermeintlicher Täter festgenommen. Als Motiv weist man ihm Ärger über den Schwiegersohn wegen dessen wiederholter außerehelicher Affären nach. Doch wird dies nicht der einzige Tote bleiben, den man an diesem Wochenende findet.
Soweit zunächst um nicht zuviel vorwegzunehmen.
Doch nun zu meiner Meinung:
Vielleicht tute ich E. George Unrecht wenn ich zu kritisch an diesen Krimi herangehe. Immerhin scheint es der erste dieser Reihe gewesen zu sein, wenngleich er auch erst als vierter Band dieser Reihe veröffentlich – also evtl. auch noch nachgeschoben – wurde. Aber ich muss doch sagen, dass ich alles in allem recht enttäuscht war.
So tritt die komplizierte Liebesgeschichte zwischen Linley und Deborah hier sehr weit in den Vordergrund, fast so weit, dass sie die Kriminalgeschichte selbst damit überfrachtet und diese manchmal in den Hintergrund tritt. Noch dazu scheint mir die ganze emotionale Geschichte moralisch und romantisch überfrachtet. Es kommt aber noch weiter hinzu, dass der Krimi fast gänzlich im adligen Ambiente spielt, was bei mir zeitweise den Eindruck erweckt hat, es hier mehr mit einer kitschigen Liebes- bzw. blauen-Blut-Geschichte als mit einem Krimi zu tun zu haben. So lässt sich festhalten, dass auf den ersten 200 Seiten doch stärker Beziehungsdramen als alles andere Raum einnehmen. Ein bisschen zuviel für meinen Geschmack. Auch die Spannung leidet darunter. So richtig geht’s erst ab Seite 200 los. Dabei ist es nicht so schlecht geschrieben, dass man die erste Hälfte nur mit Hängen und Würgen hinter sich bringt, aber es erfordert doch ein wenig Ausdauer, damit man das Buch nicht aus der Hand legt. Erst ab Mitte des Buches kommen langsam die Verbrechen und die Jagd nach den Tätern ins Spiel und beherrschen von da an stärker das Geschehen. Nun entwickelt sich das Buch langsam zu dem, was man von den späteren Krimis von George gewöhnt ist – viele Motive, viele Verdächtige und Verdachtsmomente sowie Verwicklungen.
Die 21jährige Deborah mag noch einigermaßen realistisch in ihrem Gefühlswirrwarr beschrieben sein, bedenkt man ihr zartes Alter. Schwieriger fand ich die Darstellung von Linley und St. James, die so ehrrührig dargestellt werden, dass man ihnen das zugedachte Alter von Anfang 30 eigentlich nicht abnimmt, sondern mehr an 50jährige gesetzte Gestalten denkt. Echte Sympathieträgerin ist noch am meisten Helen, die locker und unkompliziert beschrieben wird und glücklicherweise in diesem Krimi nicht ins allgemeine emotionale Chaos involviert ist.
Nun habe ich das Buch etwas enttäuscht zugeklappt und werde es hier mit 3 Sternen bzw. einer mittelmäßigen Note versehen. Aber: soviel lässt sich auch sagen – Elisabeth George hat sich seitdem enorm entwickelt. Insofern war es auch einmal interessant ein sehr frühes Buch einer so populären Autorin zu lesen, um einmal den Unterschied zu sehen.
Das Buch gibt es bei Goldmann als Taschenbuch für 8,50 Euro. ISBN-Nr. 344205883X.
Es hat 478 Seiten und ist damit von der Länge her schon mit ihrem späteren Werken zu vergleichen.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-11 16:36:18 mit dem Titel Grimes, Martha: Das Hotel am See - Todesfall vor vierzig Jahren
Todesfall vor vierzig Jahren
Meine Mutter hatte mal wieder ihren Bücherschrank aussortiert und vermachte mir „Das Hotel am See“ von Martha Grimes. Martha Grimes, so erfuhr ich im Vorspann des Buches gilt als Königin des Kriminalromans. Ihre Inspektor-Jury Reihe ist vielen ein Begriff. Ich jedoch hatte bislang noch nie etwas von ihr gelesen.
Im „Hotel am See“ geht es um die 12jährige Emma, welche einen Todesfall aufklären möchte, der bereits 40 Jahre zurückliegt. Emma wohnt gemeinsam mit ihrer Tante, Cousine und ihrer Mutter in Spirit Lake, einem früher bekannten Ausflugsort. Dort unterhalten ihre Tante und Mutter das Hotel Paradise, früher einmal ein renommiertes Hotel und Restaurant, mittlerweile jedoch schon ein recht in die Jahre gekommenes und hauptsächlich nur noch von langweiligsten Stammgästen rekrutiertes Gästehaus. Ein Familienunternehmen, wo jede Hand anpacken muss – so auch die 12jährige Emma, die stets darauf bedacht sein muss ihre Pflichten in der Küche und bei der Bedienung der Gäste wahrzunehmen.
Das Hotel liegt an einem See, früher ein beliebter Badesee und Ausflugsort, heute nur noch ein einsamer und zugewachsener Fleck in der Landschaft. Man spürt geradezu die Tristesse und Langeweile, die sowohl das Hotel als auch den Ort Spirit Lake prägen. Einzig der See hat eine gewisse Spannung, denn immerhin geschah hier vor nahezu 40 Jahren ein Todesfall. Ein junges Mädchen ertrank angeblich bei einem Bootsunfall. Man hatte ihre Leiche zwischen den Wasserlilien entdeckt.
Hauptsächlich um dieser grässlichen Langeweile zu entkommen, beginnt Emma damit, sich für diesen Todesfall zu interessieren und auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. Dabei hilft ihr der freundschaftliche Draht zum Dorfsheriff und auch fast alle anderen Einwohner des Ortes kennt Emma gut. Immer wieder nutzt sie ihre freie Zeit dazu in den Ort zu gehen und sämtliche Informationen über den Todesfall zu bekommen, die noch irgendwie zugänglich sind. Dabei gelingt es ihr sogar zwei verschrobene Brüder zum Sprechen zu bringen, die ansonsten schon lang als stumm gelten.
Die 12jährige Emma wird in diesem Roman recht gut dargestellt. Das kindlich-naive bleibt bestehen, obgleich sie schließlich wie eine Erwachsene agiert und einen höchst suspekten Kriminalfall aufklären wird. Sie arbeitet im Geheimen und verrät zunächst niemandem ihre Erkenntnisse. Es würde sie auch ohnehin keiner für voll nehmen. Als schließlich jedoch noch eine zweite Tote in der Nähe des Sees gefunden wird, wird aus der anfänglichen Detektiv-Spielerei wirklich ernst.
Mehr sei hier zum Inhalt zunächst nicht verraten.
Der über 450 Seiten dicke Roman ist angenehm und gut zu lesen. Er ist zwar nicht durchweg spannungsgeladen, aber auch nie langweilig. Dafür werden die Stimmungen sehr einfühlsam beschrieben und die einzelnen Personen erhalten wirklich Gestalt. Die Autorin lädt uns ein in die Denkweise eines kurz vor der Pubertät stehenden Mädchens einzutauchen und es gelingt ihr hervorragend und dazu noch auf oft sehr amüsante Weise dies darzustellen. Dazu kann sie uns auch, wie schon erwähnt, die gähnende Langeweile des Ortes und seiner Bewohner sehr stimmungsvoll rüberbringen.
Leider ist der Roman etwas zu lang geraten für das, was er an Story zu bieten hat. Einige Kürzungen wären dem Spannungsbogen entgegengekommen. Wenngleich es nett zu lesen ist und auch sprachlich einwandfrei ist es dadurch mitunter etwas langatmig. Auch die Auflösung entsprach nicht ganz meinem Geschmack, da sie zu wenig vorhersehbar und erst gegen Ende des Buches eingeleitet wird. So fehlte mir der Anreiz des Miträtselns mitunter, der einen guten Krimi ausmacht.
Immerhin war ich von dem Roman so angetan, dass ich kurz danach einen der bekannten Inspektor Jury Krimis lesen wollte. Ich muss allerdings anmerken, dass ich daran gescheitert bin. Nach 30 Seiten hatte ich die Nase von den vielen Personen voll und keinen Überblick mehr. Aber das ist ein anders Kapitel.
Insgesamt würde ich den Roman „Das Hotel am See“ mit 4 Sternen als gut bewerten. Vor allem der lockere und amüsante Stil hat mir gut gefallen. Als richtige Kriminalstory habe ich das Buch jedoch weniger empfunden.
Das Buch ist als Goldmann Taschenbuch unter der ISBN-Nr. 3-442-43761-x 1995 erschienen und wurde aus dem Amerikanischen von Angelika Felenda übersetzt. Es kostete ehemals 16,90 DM.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-10 07:59:54 mit dem Titel George, Elizabeth: Nie sollst du vergessen - 1000-Gramm-Krimi auf 900 Seiten
1000 Gramm-Krimi auf 900 Seiten
Die Krimis der Bestseller-Autorin Elizabeth George scheinen von Buch zu Buch mehr Umfang zu bekommen. Gerade habe ich das Buch „Nie sollst du vergessen“ von ihr aus der Hand gelegt, welches 2001 bei Blanvalet erschien. Da ich ohnehin fast alle ihre Kriminalromane bislang gelesen habe, war es für mich keine Frage, dass ich meine gesammelten Webmiles gegen diese Prämie eintauschte. So freute ich mich sehr, als ich einige Tage später die schöne gebundene Ausgabe erhielt. Allerdings ist dieses Buch ein echter Brocken, mit 900 Seiten hat sich die Autorin übertroffen, zumindest was die Länge des Buches angeht. Der Lesekomfort war allerdings begrenzt, da dieses Buch mit über einem Kilo Gewicht schon nicht mehr allzu gut in der Hand liegt. Dafür ist es einfach zu schwer.
Worum geht es?
Hier werden parallel zwei verschiedene Geschichten erzählt: Zum einen die von Gideon, frühem Wunderkind, passionierter und weltberühmter Geiger, der eines Tage plötzlich nicht mehr spielen kann. „Psychogene Amnesie“ stellt die Psychoanalytikerin fest, zu der Gideon bald gehen wird. Immer wieder durchlaufen das Buch Einschübe, in denen über die Resultate der nun folgenden Psychoanalyse und über die Sitzungen berichtet wird. Immer streng in der Ich-Form, indem Gideon erzählt. Niemals wird die wörtliche Rede in diesen Passagen verwendet. Man kann dadurch sehr gut nachvollziehen, wie die Analyse-Stunden ablaufen. Die Psychoanalytikerin mit ihrem Schreibblock sitzt größtenteils schweigend da, während Gideon sich erinnern soll. Denn nur, so sagt sie, wenn er sich erinnert, wird er den Grund dafür herausfinden, was ihn so plötzlich am Spielen hemmt und diese Hemmung irgendwann überwinden können. Und er erinnert sich – zunächst langsam, dann in rasantem Tempo fällt ihm die ganze Geschichte seiner Herkunft und Familie wieder ein. Ereignisse, die 20 Jahre zurückliegen, nehmen plötzlich in seiner Erinnerung wieder Gestalt an und stürzen ihn in eine noch größere Krise.
Gideon ein musikalisches Wunderkind wird schon früh mit Gouvernante und privatem Geigenlehrer ausgestattet. Sein Vater weiß, dass er es einmal weit bringen kann, wenn er ihn nur genug fördern lässt. Auch der mächtige und mit ihm Haus der Familie lebende Großvater macht Druck. Gideons Vater muss beweisen, dass er nicht nur „Krüppel“ produzieren kann (Wortlaut des Großvaters). Denn er hat in erster Ehe bereits eine behinderte Tochter gezeugt und nun mit Gideons Mutter ein zweites Kind, welches am Downsyndrom leidet. Eine Kinderpflegerin wird für dieses zweite Kind engagiert, damit beide Eltern arbeiten und so das viele Geld verdienen können, welches für soviel häusliches Personal gebraucht wird. Trotzdem wird es eng, denn Gideon und seine kleine Schwester entspringen keiner besonders wohlhabenden Familie und die Großeltern müssen auch noch mit durchgebracht werden. So wird ein schlecht ausgebildetes und relativ junges Mädchen für die Pflege engagiert. Selbst nach kurzer Zeit schwanger, ertränkt sie die Schwester Gideons eines Abends in der Badewanne. Die Folgen: 20 Jahre Gefängnis für das Kindermädchen und Gideons Mutter verlässt die Familie. Er wird sie nicht wiedersehen, denn ...
20 Jahre später wird Gideons Mutter brutal und absichtlich von einem Auto mehrmals überrollt. Tot bleibt sie am Fahrbandrand liegen. Wer kommt als Täter in Frage? Ist es ein Racheakt des ehemaligen Kindermädchens gewesen, die einige Wochen zuvor gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde? Es gibt jedoch auch noch andere Verdächtige- und weitere Verbrechen.
Inspektor Linley, Barbara Havers und Winston Nkata ermitteln in alle Richtungen.
Zunächst ist zu sagen, dass die recht schnellen Wechsel von einer Person oder Situation in die nächste das Lesen dieses Buches grundsätzlich leicht und spannend machen. Der Spannungsaufbau ist durchweg gegeben, man möchte immer sofort weiterlesen, weil Elizabeth George es hervorragend versteht die Neugier der Leser immer wieder auf´s Neue anzuregen. 700 Seiten las ich mit größtem Vergnügen und relativ schnell. Dann wurde mir das Buch doch langsam etwas arg lang. Zwar war auch der Rest durchweg gut geschrieben und zu lesen, aber aus meiner Sicht hätte die Autorin das ganze auch auf diese 700 Seiten verkürzen können. Manche Passagen hätte sie sicher weniger lang ausweiten brauchen – z. B. die Einschübe von Gideons Erinnerungen. Da kommt es doch häufiger mal zu Wiederholungen, die nicht unbedingt nötig gewesen wären. Mit 700 Seiten wäre das Buch auch nicht ganz so schwer geworden und hätte besser in der Hand gelegen.
Es ist ein gutes bis sehr gutes Buch geworden, auf jeden Fall Lesegenuss und diese kleine Einschränkung, die mich dazu führt, das Buch nicht mit 5, sondern nur mit 4 Sternen zu bewerten, sollte nicht allzu negativ ausgelegt werden. Elizabeth George ist eine erfahrene Autorin, die ihr Handwerkszeug versteht, gut recherchiert, dadurch interessante Einblicke in verschiedenste Themen und Bereiche gibt, in diesem wie auch in fast allen anderen ihrer Kriminalromane. Ihre Figuren sind auch hier lebendig, gut nachvollziehbar – sie lässt sich eben Zeit sie hinreichend zu beschreiben – was dann zur Länge ihrer Bücher führt. Grundsätzlich bin ich jemand, der eigentlich gerne dicke Bücher liest. So auch dieses, allerdings – wie gesagt – sie hätte wohl ein wenig kürzen können.
Wenn sie so weitermacht, wird das nächste Buch schon 1000 Seiten haben usw. – wo soll das hinführen.
Für George-Fans ist dieses Buch ein Muss. Wer Elizabeth George noch nicht so gut kennt, sollte vielleicht zunächst mit einem ihrer noch etwas weniger umfangreichen Werke beginnen.
Die gebundene Ausgabe aus dem Blanvalet-Verlag kostete im Buchladen 24 Euro. ISBN-Nr. 3-7645-0098-0. Mittlerweile gibt es das Buch aber auch schon einige Zeit als Taschenbuch.
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