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Erfahrungsbericht von Libraia
Grass, Im Krebsgang - nach Ratten, Unken und Schnecken nun Krebse?
Pro:
historisch interessante Story, guter Romanaufbau
Kontra:
Sprache ist manchmal etwas umständlich
Empfehlung:
Nein
Mit diesem Buch ist Günter Grass , das kann man jetzt schon, kurz nach dem Erscheinen, mit Sicherheit behaupten, mal wieder ein Bestseller gelungen. Das liegt sicher an den einhellig guten Rezensionen, die das Buch überall erhalten hat. Auch Kritiker wie Marcel Reich-Ranitzki, die Grass sonst eher heruntermachen, äußerten sich positiv über den "Krebsgang".
Warum dieser Erfolg? Da ist einmal der Name Grass, er ist immerhin Literaturnobelpreisträger, und es gibt einfach sehr viele Leser, die "den neuen Grass" sowieso kaufen, egal was drin steht. Dann gibt es die noch größere Gruppe, die sich nach dem richtet, was Literaturbeilagen empfehlen. Ja, und diesmal gibt es auch noch einen dritten Grund: das Thema!
Zum Inhalt:
Der Ich Erzähler Paul Pokriefke wurde während der größten Schiffskatastrophe geboren, kurz nach der Rettung seiner Mutter. Die größte Schiffskatastrophe war aber nicht - wie gemeinhin angenommen - der Untergang der Titanic, sondern der Untergang der "Wilhelm Gustloff".
Die Wilhelm Gustloff sank am 30.Januar 1945 mit schätzungsweise 7 - 10.000 Menschen an Bord, auf der Titanic beispielsweise waren es "nur" ca. 1100.
Dieses Schiff der deutschen Kriegsmarine, das früher als KDF - Schiff (KDF steht für Kraft durch Freude, das war eine Art Ferienorganisation im 3. Reich, die die Bevölkerung durch organisierte Urlaubsfahrten für die Ziele des Regimes einnehmen wollte) Touren vor allem nach Norwegen organisierte, wurde während des Krieges zum Kriegsschiff umgebaut. Bei der letzten Fahrt waren allerdings neben Soldaten und Waffen (klassische Kriegsschiffbesetzung also) auch noch sehr, sehr viele Kranke, Verwundete und vor allen Dingen Flüchtlinge an Bord gewesen. Das erklärt die hohe Zahl an Opfern.
Pauls Mutter, Tulla die als 18-jähriges Mädchen, hochschwanger (von wem? Einige kommen als Väter in Betracht) gemeinsam mit ihren Eltern weg von Langfuhr (Danzig) floh , war eine der wenigen Überlebenden der Katastrophe. Die ersten Schreie Pauls vermischten sich mit den unzähligen Todesschreien der Untergehenden, so heißt es einmal in dem Buch.
Während Pauls Kindheit und Jugend, die er in Schwerin, wo es die Flüchtlinge hin verschlagen hat, verbrachte, war überschattet von diesem Ereignis. Tulla, deren Haar in dieser Nacht weiß geworden ist, erzählt immer und immer wieder von der Schreckensnacht: "die vielen, vielen Kinderchen, die kopfüber im eisigen Wasser schwammen", Paul, ein "Kind der Gustloff" soll auf Wunsch seiner Mutter, einmal der Welt die ganze Wahrheit erzählen.
Paul ist Journalist, er war sowohl bei Springer als auch bei der TAZ tätig, er bezeichnet sich eher so wie seine geschiedene Frau Gabi (Lehrerin, in der GEW aktiv) als Linksliberalen, wobei er aber zugibt, immer schön der Tendenz der jeweiligen Zeitung angepasst geschrieben zu haben. Auf keinen Fall möchte er über die Gustloff schreiben, nicht nur weil ihm das ganze Thema zum Hals raushängt, sondern auch, weil alles, was mit dem Schiff zu tun hat, von alten und von Neonazis verherrlicht wird; dieser politischen Richtung möchte er nicht Vorschub leisten.
Paul Pokriefke wird eher als Versagertyp dargestellt, seine Ehe ist gescheitert, das gemeinsame Kind Konrad, das bei seiner Frau blieb, später aber zu seiner Mutter nach Schwerin zog, verachtet ihn. Beruflich leidet er unter seinem mangelnden Standpunkt, der Einfluss seiner dominanten, aber von ihm nicht sehr geliebten Mutter setzt ihm zu.
Seine Mutter sieht irgendwann ein, dass es wohl nicht ihr Sohn sein wird, der das Schicksal der "Gustloff" wieder ins Gedächtnis der Deutschen zurückbringen wird. Sie konzentriert sich nun auf ihren Enkel Konrad, einen sehr intelligenten, aber zurückgezogenen Jugendlichen, der als Außenseiter beschrieben wird.
Ihre Bemühungen fallen auf fruchtbaren Boden.
Paul Pokriefke verfolgt mit gespanntem Interesse Internetchats die auf einer Website namens www.blutzeuge.de (die es so nicht gibt, hab ich nachgeguckt) sowohl den alten Nazi Gustloff, aber auch die Geschichte des gleichnamigen Schiffs zum Thema haben. Besonders fallen ihm zwei Chatfeindfreunde auf, die mit verbissenem Ernst und großem Eifer alles, was auch nur entfernt mit dem Thema zu tun haben, aufs heftigste diskutieren. Einer ist ein Neonazi, der andere ein Jude.
Durch einige Details, die ein Fremder nicht wissen kann, findet Paul heraus, dass der Neonazi offensichtlich sein Sohn Konrad ist. Nun setzt er alles daran, wieder Kontakt zu seinem Sohn aufzunehmen, aber vergebens...
Es kommt zu einem Treffen der Chatfreunde, das mit einem tragischen Showdown in Schwerin (der Geburtsstadt Wilhelm Gustloffs) endet.
Mehr möchte ich nicht zum Inhalt sagen.
Zum Stil:
Grass schreibt sein Buch, das Roman zu nennen, mir ein bisschen übertrieben vorkommt (eher eine Novelle) wirklich quasi "im Krebsgang": einmal vor, dann wieder seitlich und nach hinten ausscherend. Das führt zu einem eigentümlichen Stil: er beginnt mit den historischen Tatsachen, erzählt dann wieder die Jugend seiner Mutter, hüpft dann wieder in der Zeit nach vorne zur Geschichte seiner Ehe und seines Versagens als Vater, lässt uns an seinen Forschungen im Internet und an Chats, die er mit Neonazis führt, teilnehmen, um dann wieder zur Historie zurückzukehren.
Aber auch die historischen Elemente der Geschichte werden nicht linear erzählt, sondern aus verschiedenen Perspektiven. Grass geht beispielsweise auf die historische Person des Wilhelm Gustloff ein, der ein in die Schweiz abkommandierter hochrangiger Nazifunktionär war und von David Frankfurter, einem Juden, getötet wurde. Diese Ermordung durch "den Juden" machte einen Märtyrer aus Gustloff. Aber auch die Sichtweise und das weitere Leben Frankfurters wird dem Leser nahegebracht. Zwischendrin dann immer wieder Hinweise auf allgemein interessante historische Begebenheiten und - nicht zu vergessen: auch der sowjetische Offizier Marinesko, der für den Beschuss und den Untergang des Schiffes verantwortlich war, wird als eigenständige Person, nicht nur als ein Name in die Story eingefügt.
Durch diesen "Hüpfstil" (das Wort hab ich gerade erfunden) gelingt es ihm sehr gut, immer wieder Spannung zu erzeugen, denn immer wenn er beginnt, die eigentliche Geschichte des Schiffes zu erzählen und er an einem Punkt ist, wo man einfach mehr erfahren möchte, hüpft er wieder zum Internetgeschehen, oder zur Jugend von Pauls Mutter (eine sehr vielschichtige und widersprüchliche Person übrigens), dann liest man natürlich gerne weiter, weil man ja wissen möchte, was nun eigentlich Sache war. (nennt man diese Technik nicht "retardierendes Moment" oder so?) Dabei sind aber alle Handlungsstränge gleich interessant gelungen.
Grass hat einen sehr eigenen und ziemlich unverwechselbaren Stil, den sicher nicht jeder mag. Er schreibt etwas gespreizt, manchmal umständlich, ausholend, langsam und er bemüht sich immer sehr um treffenden Wörter.
Ich empfinde seinen Stil immer als etwas altmodisch und behäbig, aber auch treffend und passend. Die Konstruktion seiner Geschichte ist diesmal wirklich genial.
Was ich dennoch nicht ganz verstehe ist das große Lob seiner sonstigen Kritiker, denn ich empfinde seinen Stil auch nicht anders als sonst, sein meistkritisiertes Buch "ein weites Feld" war zwar dicker, aber im gleichen Stil geschrieben. Auch dessen Konstruktion hat mir gut gefallen.
Also ich denke mal, wer wirklich mit Grass Schreibstil nichts anfangen kann, wird das auch diesmal nicht können. Er ist sich treu geblieben. Immerhin ist das Buch nicht dick und deshalb für Grass-Neulinge doch eher zu empfehlen als andere.
Zur politischen Dimension:
Grass wurde ja auch besonders gelobt, weil er, der "Gewissenslinke" der Nation, sich diesmal eines Tabuthemas angenommen hat, eines Themas, das bisher, wenn überhaupt der deutschen (und internationalen) Öffentlichkeit nur von der "rechten" Seite, von Revanchisten vorgestellt wurde.
Wer kennt schon die Geschichte der "Gustloff"? Sicher, ich kannte den Namen, hätte ihn auch gerade noch mit den Assoziationen : Schiff, Nazizeit, Untergang versehen, aber das war's dann auch schon.
Sowohl in der DDR, aber auch in der BRD wurde das Thema eher verschwiegen, denn es erscheint immer etwas unangemessen ob der unermesslich großen Zahl an Naziopfern, die es auf der Welt gab, auf die eigenen Opfer zu pochen. Meist haben das immer nur Vertriebenengruppen getan, die ja allgemein nicht gerade einer fortschrittlichen Gesinnung verdächtig sind oder aber eben tatsächlich Rechtsradikale und Neonazis.
Und nun Grass? Wie kommt das, was bedeutet das?
Ist Grass, der Kämpfer für die Menschenrechte, der sich immer gegen Rassismus, für Fortschritt, einen wehrhaften Umgang mit der Demokratie eingesetzt hat, nun plötzlich ein Rechter geworden? Einer, der plötzlich sagt: Auschwitz muss relativiert werden, auch wir Deutsche mussten inhumane und schreckliche Ungerechtigkeiten ertragen?
Nein, auf keinen Fall!
Dadurch, dass man eine historische Wahrheit bekannt macht (hier den Beschuss eines Flüchtlingsschiffs voller Kinder und Kranker), wird gar nichts relativiert - und schon gar nicht Auschwitz und alles, was dafür steht.
Ich denke, dass eher das Totschweigen von Dingen, die nicht ganz ins Konzept passen, gefährlich sind, allemal gefährlicher als die Wahrheit.
Ich kann nur hoffen, dass sich niemand von den Revanchisten anmaßt, Grass als Zeugen für ihre Positionen zu benennen. Aber diese Angst habe ich nicht wirklich, denn Grass beweist mit diesem Buch , dass er das Thema sehr differenziert angeht, er bietet keinen billigen Politthriller, sondern ein Buch, das eine Geschichte erzählt: und zwar sehr gut erzählt: die Geschichte der Wilhelm Gustloff, aber auch eine sehr persönliche Geschichte.
Und wenn das tatsächlich passieren sollte: er wird sich zu wehren wissen!
Fazit:
Lesen, unbedingt!
Ich bin anfangs etwas schwer hineingekommen, aber das gab sich schnell.
Nun gut, "Im Krebsgang" ist keine neue "Blechtrommel", aber wenn ein Schriftsteller einmal in seinem Leben einen dermaßen großartigen Roman schreibt wie die Blechtrommel (gehört zu meinen Lieblingsbüchern), dann kann er auch den Rest seines Lebens nur Mist schreiben, er bleibt dennoch ein großer Autor.
Aber "Mist" ist "Im Krebsgang" nun wirklich nicht.
20 Bewertungen, 4 Kommentare
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23.05.2002, 23:32 Uhr von aldobar
Bewertung: sehr hilfreichWeiß nicht, ob Du Dich an meinen Ciao-Kommentar zu Krebsgang erinnern kannst? Habe das Buch inzwischen (inspieriert übrigens von Deinem Berich!) ein zweites mal gelesen und - ich gebe es zu - habe diesmal einige Abschnitte etwas anders empfunden
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22.05.2002, 01:14 Uhr von mima007
Bewertung: sehr hilfreichAuch dieses umstrittene Werk gibts demnächst als Audiobook - scheint ja doch einige Bedeutung erlangt zu haben... Gelungener, nachdenklicher Bericht, Elvira. CU, mima007
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10.03.2002, 14:49 Uhr von NB112
Bewertung: sehr hilfreichGuter und interessanter Beitrag
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06.03.2002, 01:00 Uhr von lovely19
Bewertung: sehr hilfreichsehr ausfühlich, guter Bericht
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