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Erfahrungsbericht von Nyaasu

Harrison, Kathryn: Die gebundenen Füße

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

EINLEITUNG
Jahrhunderte langw ar es in China Tradition: schon im Kindesalter wurden den Mädchen die Füße eingebunden (besser gesagt: eingequaetscht und die zehen gebrochen), damit sie kleine und zarte Füße haben, die in jeden noch so kleinen Pantoffel passen und über den allseits gelobten trippelnden Gang verfügen. dass die Frauen trippeln müssen, damit die ewigen Schmerzen nicht allzugroß sind, daran denkt keiner. Abensowenig daran, dass dem Mädchen die Kindheit genommen wird und die Frau jedem hilflos ausgeliefert ist, da sie nicht wegrennen kann. Doch gerade diese Hilflosigkeit schien es zu sein, die Männer dazu verleiten ließ, dieses Ritual bestehen zu lassen, denn ein Mädchen mit normalen Füßen hatte damals nur die Wahl zwischen einem Leben als Bäuerin oder Konkubine - alle Männer mit Ansehen wollte eingebundene Füße.
Erst Anfang des 20. Jahrhunderts, als China sich dem Westen öffnete, starb diese Praxis nach und nach aus, in einigen, besonders ländlicheren Gegenden, wurde sie aber auch noch in den 30ern und 40ern angewendet.
Ich setze mich stark mit diesem Thema auseinander, da es mir nicht in de Kopf will, wie man einem Wesen so etwas antun kann.
Als ich dann vom Bertelsmann Club eine Nachricht erhielt, dass ich dieses Quartal noch nichts gekauft hätte, entschied ich mich für das Buch, über das ich jetzt schreiben werde...



INHALT
China, 1877. Nach langer Wartezeit und vielen Gebeten ist es nun endlich geglückt, Chu’en ist schwanger und bringt ein Kind zur Welt, doch ihre Mühen waren umsonst, es ist nur ein Mädchen. Sie nennt sie Chao-tsing.
Fünf Jahre später sind Chao-Tsings Füße noch immer nicht eingebunden. Ein Skandal, wie Chu’ens Schweigermutter Yu-ying findet. Da Chu’en aber lieber weint, als sich um das Ansehen ihrer Tochter zu kümmern, nimmt Yu-ying die Sache selbst in die Hand und bindet ihrer Enkelin die Füße ein, so wie es sich für die Tochter eines angesehenen Bürgers gehört, indem sie die Zehen ganz eng unter der Fußsohle festbindet und den dicken Zeh nach innen biegt. Die Fußgelenke werden nach und nach gebrochen, und das arme Mädchen kann nun, genau wie alle anderen Frauen der Familie, nur noch kleine Trippelschritte machen, und auch diese nur unter großer Anstrengung und Schmerzen, aber dafür passt sie in die kleinsten und feinsten Pantoffeln. Von ihrem Vater kann sich Chao-Tsing auch keinen Trost holen, denn dessen Einstellung gegenüber Frauen lässt sich am besten an folgender Aussage erkennen: „Was bildete sich seine Tochter ein? War Leid nicht das Los der Frauen? Er für seinen Teil genoss es, mit einer geschickten, zarten Frau verheiratet zu sein; einer, deren ganzer Fuß in sein Rektum passte – ihre linke Hand an seinen Hoden, die rechte am Penis, ihren Mund an seiner Eichel. Jeder Luxus hatte seinen preis, auch das Haus und die Dienstboten.“
1891, zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters, soll die nun vierzehnjährige Chao-Tsing mit einem reichen Seidenhändler verheiratet werden. Das Mädchen dachte sich nichts dabei, sie wurde von geburt an darauf vorbereitet, eine gehorsame Ehefrau zu sein.
Nach der Hochzeit muss sie allerdings feststellen, dass sie bereits die vierte Ehefrau ist, und die anderen drei ihr alles andere als wohlgesonnen sind und auch dem Seidenhändler deswegen zusetzen. So verbringt Chao-Tsing die erste Woche allein in ihrer Kammer und dem kleinen Garten des Hauses. Am siebten Abend betritt der Seidenhändler mürrisch ihr Zimmer, bindet sie am Bett fest und vergeht sich auf dem Fußboden an Chao-Tsing Dienstmädchen, so wie es noch mehrere Male sein sollte.
Als Viertfrau ist Chao-Tsing einzige Möglichkeit, etwas an Ehre zugewinnen, einen Jungen zu gebären, da ihr Ehemann aber nur anal mit ihr verkehrt, bleibt ihr auch diese Chance verwehrt. Nach einigen Wochen hat sie aber keine Lust mehr, ihr Schicksal schweigend hinzunehmen, sondern startet mehrere Selbstmordversuche, welche aber alle misslingen und ihr am Ende nur Prügel und andere Strafen einbringen.
Dann fasst sie einen Entschluss: Weglaufen, und zwar nach Shanghai! Mithilfe der Edelsteine aus ihrer Mitgift überredet sie einen jungen Gärtner, sie auf seinem Rücken nach Shanghai zu tragen, und dieser willigt ein. Unterwegs hält sie aber kurz zu Hause an und zersticht sämtliche Pantoffel ihrer Großmutter, denn bis heute will sie ihr Schicksal als Krüppel nicht hinnehmen.
Als sie endlich in Shanghai angekommen ist, landet sei, da sie, wie sie sich selbst eingestehen muss, eher über Schönheit als Geschick verfügt, in einem Bordell, jedoch unter ihrem neuen Namen May-Li, was so viel wie „schön“ bedeutet. Aber nur unter einer Bedingung: Ausländer ja, aber kein Chinese darf ihr zu Nahe kommen.
May nutzt das verdiente Geld für Bücher, denn sie liest und lernt gerne, und sie hat viele Stammkunden, die sich an der zierlichen Chinesin nicht satt sehen können. Ihre Füße werden immer demonstrativ übersehen, kein Freier will, dass sie ihre Fußbinden öffnet.
1888 aber sollte sich für sie alles ändern. Da beschließt nämlich Arthur, ein britischer Gelehrter, an May seine Unschuld zu verlieren. Zuerst aber entdeckt er ihre Fußbinden und ist entsetzt, zumal er ein strikter Gegner dieser Praxis ist. Als er aber nach Mays Erlaubnis die Füße aufwickelt, passiert nämlich etwas ganz anderes – dieser zarte, weiße und winzige Fuß weckt in ihm keinen Ekel, sondern pure Erregung. Diese Erregung verleitet ihn dazu, May wöchentlich zu besuchen und ihr unzählige Geschenke zu machen, auch wenn er sich dafür Geld von Verwandten leihen muss, denn laut ihm spiegelt sich sämtliche Schönheit Mays in ihren Füßen wieder. Zudem ist er davon überzeugt, während des Sex mit May und den Gedanken an ihre Füße seinen Tinitus nicht mehr zu hören.
Nach dem 15. Antrag willigt May ein – nicht, weiß sie ihn liebt, sondern weil sie das Gefühl genießt, zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Füße nicht verstecken zu müssen. Aber wird ihr Leben nun anders werden???

Alice dagegen, die Tochter von Arthurs Schwester Dolly, führt ein ganz anderes Leben. Sie ist frei und unbeschwert, kann lachen und springen wann immer sie will und liebt ihre Tante May abgöttisch. Dolly jedoch findet, dass May einen schlechten Einfluss auf das Kind hat, da sie ihr zu viel Schreckliches erzählt, doch May findet, man sollte wissen, dass die Welt nicht nur aus schönen Dingen besteht.
Auch Alice empfindet keine Scheu vor Mays Füßen, im Gegenteil, als die mittlerweile 50jährige May im hauseigenen Pool, denn Arthur ist nun alles andere als arm, Schwimmunterricht nimmt, schaut sie interessiert zu. May beneidet das Mädchen um die Kindheit, die sie nie gehabt hat, auch wenn sie nach außen hin immer so tut, als hätte sie keinerlei Probleme mit ihrem Schicksal.
Die erwachsene Alice ist verliebt in einen russischen Offizier namens Michael, doch auch ihre Liebe, und besonders die Sexualität ist so ganz anders als diese, die May kennen gelernt hat. Aber wird Michael sie wirklich glücklich machen?



AUFBAU, SCHREIBSTIL ETC.
Das Buch ist vollständig in der dritten Person geschrieben, es gibt also keinen Ich-Erzähler.
Es ist in mehrere, nicht nummerierte Kapitel eingeteilt, deren Titel schon immer andeutet, um was es auf den nächsten Seiten geht. Die Kapitel beschreiben in den meisten Fällen immer abwechselt das Leben von May und dann das von Alice, wobei sehr viele Zeitsprünge gemacht werden, also Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter usw. Dadurch wirkt das Buch teilweise etwas verwirrend.
Zudem tauchen viele Nebenfiguren auf, die fast alle russischer Abstammung sind und deren Namen man sich weder merken noch aussprechen kann, und deren Einzelschicksale ein wenig zu ausführlich erläutert werden. Im Gegensatz dazu kommen die Gefühle und Gedanken der beiden Hauptpersonen und besonders Mays zu kurz, es wird hauptsächlich auf die zu beobachtende Handlung eingegangen, das Innere, was einen in dieser Hinsicht am meisten interessiert, bleibt weitestgehend verschlossen.
Hinzu kommt, dass Sexszenen leider einen sehr großen teil des Buches ausmachen. Diese sind zwar in einem sehr schönen Stil geschrieben, es werden also keine vulgären Wörter wie Schwanz oder ficken verwendet (ich wusste erst mal nicht, was mit Rektum gemeint ist!), jedoch ziehen sich diese Szenen oft über mehrer Seiten hin und nehmen dem ernsten und traurigen Thema etwas von der Negativität. Durch das Erfahren der Sexualität soll natürlich der Unterschied zwischen den Leben der beiden Frauen ausgedrückt werden, zumal Sexualität in Mays Fall nur Mittel zum Zweck und neben ihren Füßen ein weiteres Druckmittel der Männer ist, jedoch sollten die Probleme mit ihren Füßen, ihre eingeschränkte Bewegungsfreiheit und ihre Kindheit eher im Vordergrund stehen als die Sexualität. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich hätte aus Versehen das falsche Buch zur Hand genommen!
Wer erotische Literatur kauft, erwartet so was, aber wer ein ernstes Buch über ein trauriges Thema lesen will, will nichts darüber wissen, ob eine Frau namens Alice Analsex nun toll findet oder nicht, wie romantisch es auch beschrieben sein mag.



ALLGEMEINES:
Das Buch erschien als Hardcover und Taschenbuch beim LIST Verlag.
Originaltitel: „The Binding Chair – or A Visit from the Foot Emancipation Society“
Seiten: 384 (HC), 400 (TB)
Preis (D): 22,60 Euro (HC), 8,95 Euro (TB)
>> Ich habe das Buch als Hardcover beim Bertelsmann Club gekauft, wo es auf 9,95 Euro reduziert war. Was die Clubausgabe von den normalen unterscheidet, weiß ich leider nicht, aber es ist nicht das Cover, diese sind identisch.



DIE AUTORIN
Kathryn Harrison wurde 1961 in den USA geboren. Ihre ersten drei Bücher waren relativ unbekannt, jedoch brachte ihr autobiographisch geprägter Roman „Ich bin die Tochter, die keiner sieht“ ein voller Erfolg. Heute lebt sie immer noch in den USA, ist verheiratet und hat drei Kinder.



FAZIT
Ich bin ein bisschen enttäuscht. Der Anfang, wo das Leben in Mays Familie beschrieben wurde, das Einbinden ihrer Füße und die familiäre Hierarchie, war wahnsinnig interessant, jedoch bestehen die Beschreibungen von Alices Leben am Anfang aus einer endlosen und langweiligen Zugfahrt nach London, wo sie aufs Internat gehen soll, und Sex mit Michael.
Ich gebe zu, ich bin erst auf Seite 146, aber ich weigere mich, weiterzulesen, weil mich jede weitere Seite wütender macht. Es wird mir einfach nicht ernst genug mit dem Thema des Füßeeinbindens umgegangen. Mir fehlen Mays Gedanken und Gefühle, ich will kein bloßer Beobachter sein, ich will ihn sie hineinhorchen. Ich will nichts von Arthurs perversen Gelüsten wissen (er trinkt sogar das Wasser, in dem May ihre Füße wäscht!), ich will wissen, wie sich ein kleines Mädchen fühlt, das nie wieder wird rennen können.
Der Schreibstil an sich ist aber gut, niemals vulgär und flüssig zu lesen, jedoch manchmal etwas zu seicht, oberflächlich.
Was ich aber besonders vermisse, ist ein Anhang zum Thema, also die Geschichte des Füßeeinbindens usw., aber auch dieser fehlt.
Ich finde es immer wieder gut, wenn sie mit diesem Thema auseinandergesetzt wird (mein Tipp: „Ailins Weg“ von Lensey Namioka), aber nur weil es sich hierbei um ein Buch für Erwachsene handelt, muss man nicht gleich so viele Sexszenen einbauen. Sie stören einfach, versauen die Stimmung, genauso wie sie es in Stephen Kings Büchern tun.
Wenn ich Sex will, lese ich lieber Groschenromane ;-)
Mehr als zwei Sterne sind leider nicht drin. Schade, da hätte man mehr draus machen können, wer sich wirklich für das Thema interessiert, sollte sich lieber nach anderen Büchern umsehen.


ANMERKUNG ZU MEINER BEWERTUNG:
Ich vergebe so gerade noch eine vier, mit einem ganz fetten Minus dahinter.
Bei Handhabung weiß ich nicht genau, worauf sich das bezieht, daher gebe ich gut an.
Auch wenn ich die Geschichte nicht mag, ist die Aufmachung des Buches unbestreitbar gut, da es sich um ein festgebundenes Hardcover mit einem schicken Schutzumschlag handelt, daher ist das Preis-Leistungs-Verhältnis auf jeden Fall ebenfalls als gut zu bezeichnen.

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