Erfahrungsbericht von sugips
Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone. Die Macht der Depressionen.
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Ein erstaunliches Buch. Nicht dick, nicht zu dünn. Düster Pessimistisch, teilweise aber auch lustig – auf zumindest fünf Seiten und macht nachdenklich, lang.
Die Fakten sind ja noch einfach:
Der Autor
Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone. Roman. Aus dem Französischen. 170 Seiten. Rororo 1994 Euro 7,50. Der Autor wurde 1958 geboren, arbeitete als Ingenieur und Informatiker und veröffentlichte vor diesem Roman zwei Gedichtbände und Essays.
Jetzt zitiere ich aus lyrikwelt.de, der Vollständigkeit halber.
Michel Houellebecq: *1958 auf Reunion, lebt und arbeitet in der Grafschaft Cork/Irland.
Stationen u.a.: Kommt mit sechs Jahren zur Großmutter nach Paris. Kommt nicht zum Militär, weil er morphiumsüchtig ist. 1980 Abschluß seiner Ausbildung zum Agrartechniker. Erste Heirat. Ein Sohn. 1991 Arbeit als Computertechniker.1998 zweite Heirat. 1999 Übersiedlung von Paris nach Dublin. 2002 längerer Aufenthalt in Berlin.
Arbeitsgebiete: Gedicht, Erzählung, Essay, Roman
Auszeichnungen/Ehrungen/Preise (Auswahl): Tristan-Tzara-Preis (1992). Grand Prix National des Lettres. Prix Novembre (1998). Impac-Literaturpreis, Irland (2002).
Veröffentlichungen (Auswahl): La poursuite du bonheur, Gedichte (1992, La Différence-Verlag). L\'Extension du Domaine de la Lutte/Ausweitung der Kampfzone, Erz. (1994, Wagenbach - Übertragung Leopold Federmair). Elementarteilchen, Roman (1998, DuMont - Übertragung Uli Wittmann). Die Welt als Supermarkt, Essays (1998, DuMont - Übertragung Hella Faust). Interventionen, Essays (DuMont). Suche nach Glück, Gedichte (2000, DuMont). Lanzarote, Erz. 2-bändig (2000, DuMont - Übertragung Hinrich Schmidt-Henkel). Der Sinn des Kampfes, Gedichte (2001, DuMont - Übertragung Hinrich Schmidt-Henkel). Wiedergeburt, Gedichte (2001, DuMont). Plateforme/Plattform, Roman (2001/2002, DuMont). Gegen die Welt, gegen das Leben. H.P.Lovecraft (2002, DuMont - Übertragung Ronald Vouillé).
Ende des Zitats.
Mittlerweile ist er gerade noch oder gerade nicht mehr einer der meistbesprochenen, meist gehassten, gelobten und verrissenen ‚Kult’-Autoren des ausgehenden 20. Jahrhunderts.
Der Inhalt
Ein gerade 30 gewordener Informatiker schildert als Ich-Erzähler ein kurzes Stück seines Lebens – etwa von November bis Juni des folgenden Jahres. Seine Arbeit, die ihm wenig Spaß macht, teile seines Privatlebens. Reisen, die er mit einem Kollegen macht, um in diversen Außenstellen Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums mit einem neuen Programm vertraut zu machen. Ausschnitte seiner Erzählungen und philosophischen Betrachtungen. Den Tod seines Kollegen. Seine psychiatrische Behandlungen wegen schwerer Depressionen samt Aufenthalt in einem Sanatorium. Seine gemachten und auch wieder abgebrochenen Privatreisen. Und viele seiner Gedanken und Gefühle und Gedanken. Und die sind nicht immer schön, eigentlich meistens nicht.
Oder auch so, eher im Houellebecq-Stil: Knapp über dreißig. Single. Beruf: Informatiker. Glücklich? Nein. Das ist im Wesentlichen alles, was man über den Protagonisten und Ich-Erzähler dieses Romans vorab sagen kann. Soziales Leben hat er so gut wie keines, und wenn, dann sind es Parties im Kollegenkreis, bei denen man sich betrinkt, hinters Sofa kotzt und einer Kollegin unbeteiligt dabei zusieht, wie sie sich kurz mal auszieht. Und danach, las ihr nichts mehr einfällt, wieder anzieht. Oder er trifft sich mit einem früheren Studienkollegen, der mittlerweile Priester geworden ist. Zu sagen hat man sich nicht mehr viel, aber es ist immerhin noch ein Mensch, der sich um ihn kümmert. Frauen? Ja, gab es auch. Früher. Und nie für lange. Dieses Spiel hat er schon aufgegeben. Ganz im Gegensatz zu seinem Kollegen Tisserand. Hässlich, aber gut verdienend. Und leider noch nicht mal charmant. Chancen bei der Frauenwelt? Gleich null. Er könne es sich leisten, sich jede Woche einmal eine Hure kommen zu lassen. Aber es ärgere ihn, dass andere Männer dasselbe noch häufiger haben könnten - und nicht nur gratis, sondern auch noch mit Liebe obendrauf. Dass Tisserand sich nach einem weiteren gemeinsamen Abend mit dem Erzähler - wieder auf der Suche nach einem Mädchen - das Leben nimmt, verwundert nicht; schließlich war das, wozu er sich beinahe hätte treiben lassen, schon einen Schritt über dem Abgrund gewesen.
Leseproben:
Am Freitagabend war ich bei einem Arbeitskollegen eingeladen. Ungefähr dreißig Leute, alles mittlere Führungskräfte, fünfundzwanzig bis vierzig Jahre alt. Irgendwann begann plötzlich so eine kleine Verrückte sich auszuziehen. Erst hat sie ihr T-Shirt ausgezogen, dann den BH, dann ihren Rock, wobei sie unglaubliche Grimassen schnitt. Ein paar Sekunden lang drehte sie sich, nur mit dem Höschen bekleidet, im Kreis, und als ihr nichts mehr einfiel, begann sie sich wieder anzuziehen. Sie ist sonst ein Mädchen, das mit keinem ins Bett geht. Was das Absurde ihres Auftritts unterstreicht.
Der Schimpanse hob lebhaft die Arme zum Himmel, bevor er zu einer verzweifelten Rede ansetzte:
Von allen ökonomischen und sozialen Systemen ist der Kapitalismus zweifellos das natürlichste. Das genügt bereits, um darauf zu verweisen, dass er das schlimmsten sein muss. Hat man diesen Schluss einmal gezogen, bleibt nur noch ein einsatzfähiger und unverrückbarer Apparat von Argumenten zu entwickeln, dessen Mechanik unter Verwendung von Fakten, die nach dem Zufallsprinzip eingegeben werden, eine Vielzahl von Beweisen hervorbringt, um das vorgefasste Urteil zu bestätigen, ungefähr so, wie die Graphitstäbe eines Atomreaktors dessen Struktur festigen. Eine leichte Aufgabe, gerade recht für einen sehr jungen Affen; dennoch wäre es unverzeihlich, sie zu vernachlässigen. (....)
Der Storchenälteste antwortete mit bedächtiger, schrecklicher Stimme: Tat, twam. Asi. Kurz darauf wurde der Schimpanse von der Storchenhorde hingerichtet; er starb unter furchtbaren Schmerzen, durchstoßen und kastriert von ihren spitzen Schnäbeln. Da er die Weltordnung in Frage gestellt hatte, musste der Schimpanse sterben; das war wirklich nur allzu verständlich; wirklich, es war so.
Am Sonntagmorgen spazierte ich ein wenig im Viertel umher. Ich kaufte ein Rosinenbrötchen. Es war ein milder Tag, aber ein wenig traurig, wie oft die Sonntage in Paris; vor allem, wenn man nicht an Gott glaubt.
Ich fahre noch etwas tiefer in den Wald hinein. Auf der anderen Seite dieses Hügels, sagt die Karte, sind die Quellen der Ardèche. Das interessiert mich nicht mehr; ich fahre trotzdem weiter; alles ist jetzt einander gleich. Die Landschaft ist jetzt so sanft, so freundlich und froh, dass mir die Haut wehtut. Ich bin mitten im Abgrund. Ich spüre meine Haut wie eine Grenze; die Außenwelt ist das, was mich zermalmt. Heilloses Gefühl der Trennung; von nun an bin ich ein Gefangener in mir selbst. Die sublime Verschmelzung wird nicht stattfinden; das Lebensziel ist verfehlt. Es ist zwei Uhr nachmittags.
Und nun?
Bin sehr zwie- oder mehrspältig, fast zerrissen. Also stilistisch ist es nicht meins. Teilweise sehr knapp, journalistisch, einfach. Teilweise in Schachtelsätzen. Die Zitate aus den Erzählungen – weiß schon, der Held ist kein Literat – aber doch manchmal allzu kindlich-kindisch. Die interessanten politisch-philosophischen Betrachtungen teilweise recht komplex formuliert. Da habe ich schon viel besseres, oder bleiben wir subjektiv mir viel besser Gefallenes gelesen.
Die Story? Nebensächlich. Nix Neues über das Informatikerdasein. Keine Entwicklung, nix neues über Frankreich. Keine spannenden Beziehungen. Nichts. Bevor ihr mich noch präpotenter als Marcel nennt, ich weiß schon , darum geht es nicht.
Die Vergleiche zwischen Kapitalismus und Sexualität, die sind schon lesenswert, der Held ist nicht dumm. Überhaupt seine Betrachtungen zu Frauen: absolut nichts meins aber brutal. Ehrlich und überraschend interessant. Das lohnt schon das Buch.
Und vor allem. Alle, die mich hier und anderswo länger kennen wissen, ich kämpfe seit fast zwei Jahren selbst mit Depressionen, brauche noch immer Medikamente. Da berühren die Szenen mit Psychologen und Psychiatern und .... So wie Michel Houellebecq seine Stimmungen, seine Gefühle, seine Ohnmacht(en) beschreibt, das ist schon toll. Sein dauernd im bett bleiben wollen, nicht aus dem Haus gehen, es ei um Zigaretten, seine totale Interesselosigkeit, an Sozialem, an beruf, an Kontakten, das lässt sich beinhaft, peinlich nachvollziehen und verführte mich – fast – zum heulen. Deswegen meine Empfehlung.
Ach ja, die Kampfzone: das ist die Zone außerhalb eines Individuums, in der er Menschen trifft, Bekanntschaften macht. Je größer, desto mehr Kontakte. Die Ausweitung tut weh, sagt er.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-06 20:59:49 mit dem Titel Ödön von Horváth: Ja das sind halt Wiener Gschichten!
Geschichten aus dem Wienerwald. Volksstück in drei Akten von Ödön von Horvath (1901-1938), Uraufführung: Berlin, 2. 11. 1931, Deutsches Theater. Euro 7,50 im Suhrkamp Taschenbuch.
Beginnen wir mit drei Zitaten, alle von Horvath:
In der Luft ist ein Klingen und Singen als verklänge irgendwo wieder der Walzer Geschichten aus dem Wiener Wald von Johann Strauß.
Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.
Es stimmt dass sich das Unmenschliche wirksamer als Komödie gestalten lässt, denn im Tragischen herrscht noch immer das Bedürfnis nach menschlicher Durchdringung des Bestialischen, selbst ein Richard der Dritte erklärt sich, ein Macbeth ergreift – doch die Komödie kann die Bestialität in ihrer nackten Reinkultur zeigen.
Und was wissen wir jetzt? Das stück ist wie ein Walzer, eine Symphonie durchkomponiert. Für den Kopf, für das Herz, für die Beine und für uns alle. Das Stück handelt von menschlichen Schwächen, von menschlicher Dummheit. Und es ist eine Komödie. Und sie ist sehr wienerisch, sensibel, feinfühlig differenziert.
Jetzt fange ich an.
Wir Wiener, und im speziellen Ich, sind schon irgendwie anders. Geschichten aus dem Wienerwald, da denken wir an Johanna Matz als Marianne, an Hans Moser als Zauberkönig, den unnachahmlichen Helmut Qualtinger als Metzgermeister Oskar, Walter Kohut als Alfred und Adrienne Gessner als Großmutter. War es eine Lindgergh-Inszenierung? Egal, es war am Burgtheater und irgendwie spielte auch noch Jane Tilden mit, als Trafikantin wahrscheinlich. Und war sie nicht früher die Marianne. Und später war der Paryla der Moser, und so. Dann gab es noch den Film: Birgit Doll, die Marianne, Hanno Pöschl der Alfred, wieder Tilden, Qualtinger, Gessner, Götz Kauffmann als Oskar, André heller als Hierlinger. Regie: Maximilian Schell, Musik: Toni Stricker. Übrigens der gleichnamige Walzer ist von Johann Strauß (Sohn). Da sah ich es noch einmal, 1988 im Burgtheater, mit Karlheinz Hackl, Aglaja Schmid, Inge Konradi, und Olivia Grigolli als Marianne.
Und immer wieder kommt das Stück im Fernsehen. Und immer wieder auf deutsche Bühnen. Was ist dran an diesem Stück, wo Volksstücke laut Bert Brecht doch allesamt nur dumb sein wollen.
Aber langsam, kommen wir einmal zum
INHALT
Es ist schon eine herzzerreißende Geschichte. Marianne, freundlich, liebenswürdig und sehr naiv ist Tochter des Zauberkönigs, Besitzer eines Zauberartikel- und Spielwarenhandels. Wem soll sie heiraten? Den Metzgermeister von nebenan. Gemütlich, mitleidvoll, wobei man LEID groß schreiben soll, mit einem Gefühl wie ein Fleischermeister. Wen will sie heiraten? Den eleganten Nichtsnutz von nebenan. Der hat bloß zwei Nachteil: er lebt von Rennwetten und Gelegenheitsgeschäften und er ist der Geliebte der Trafikantin (vulgo Kioskbesitzerin) Valerie von nebenan.
Dass muss ja traurig ausgehen. Alle machen gemeinsam ein Picknick im Wienerwald. Valerie verführt einen norddeutschen Studenten der schlagenden Art mit Hang zum Nationalsozialismus. Alfred macht sich an Marianne heran und schafft es natürlich leicht, das unerfahrene und hilflose Mädchen gefügig zu machen. Marianne zieht zu Alfred in dessen schäbiges Zimmer. Der Vater verstößt sie. Marianne bekommt ein Baby. Alfred hat bald genug von ihr und bringt sie bei einer Tingel-Tangel-Gruppe unter, den einer muss ja das Geld verdienen. Das Baby bringt er zu seiner Mutter in die Wachau. Und Oskar, der Fleischermeister, der würde ja Marianne noch immer heiraten, wenn nur das Kind nicht wäre. Marianne landet unterdessen im MAXIM, einem Wiener Nachtclub und spielt dort halbnackt in sogenannten lebenden Bildern mit. Genau dort landet natürlich die illustre Gesellschaft mit Student, Vater und Valerie. Natürlich riesiger Skandal. Ein Gast möchte sich Marianne noch mehr nähern als mit den Augen. Als sie ihn nicht lässt, besichtigt er sie des Diebstahls. Marianne landet im Gefängnis. Was macht unterdessen die Schwiegermutter in der Wachau. Sie lässt das Baby bei offenem Fenster schlafen. Es kommt, wie es kommen muss. Das Baby stirbt – irrtümlich – an Lungenentzündung.
Marianne kommt aus dem Gefängnis. Auf dem tiefsten Punkt ihrer Erniedrigung, Kind tot, Alfred weg – kehr sie in ihr Elternhaus zurück. Der Vater wird einsichtig, verzeiht ihr und der gutmütige Oskar will sie trotz alledem noch heiraten Und Valerie schnappt sich natürlich wieder ihren Alfred.
LESEPROBE
Zauberkönig: Aber so eine Benehmität! Ich glaub gar, dass du sie mir verwöhnst – also nur das nicht, lieber Oskar! Das rächt sich bitter! Was glaubst du, was ich auszustehen gehabt hab in meiner Ehe? Und warum? Nicht weil meine gnädige Frau Gemahlin ein bissiges Mistvieh war, sondern weil ich zu vornehm war, Gott hab sie selig! Nur niemals die Autorität verlieren! Abstand wahren! Patriarchat, kein Matriarchat! Kopf hoch! Daumen runter! Ave Caesar, morituri te salutant!
...
Marianne: Lüg nicht! So lüg doch nicht! Nein, ich bin nicht geschwommen, ich mag nicht mehr schwimmen! Ich laß mich von euch nicht mehr tyrannisieren. Jetzt bricht der Sklave seine Fesseln – da! Ich laß mir mein Leben nicht verhunzen, das ist mein Leben! Gott hat mir im letzten Moment diesen Mann da zugeführt. – Nein, ich heirat dich nicht, ich heirat dich nicht, ich heirat dich nicht!! Meinetwegen soll unsere Puppenklinik verrecken, eher heut als morgen!
Oskar: Mariann, ich wünsch dir nie, dass du das durchmachen musst, was jetzt in mir vorgeht – und ich werde dich auch noch weiter lieben, du entgehst mir nicht – und ich danke dir für alles.
....
Alfred: Liebes Kind, es gibt eben etwas, was ich aus tiefster Seele heraus Hass – und das ist die Dummheit. Und du stellst dich schon manchmal penetrant dumm. Ich versteh das gar nicht, warum du so dumm bist! Du hast es doch gar nicht nötig, dass du so dumm bist!
Marianne: du hast mal gesagt, dass ich dich erhöh – in seelischer Hinsicht –
Alfred: das habe ich nie gesagt. Das kann ich gar nicht gesagt haben. Und wenn, dann hab ich mich getäuscht.
Historisches und Hysterisches
Ödön von Horváth erfährt aus der Zeitung, dass er den mit 1500 Mark dotierten, angesehenen Kleist-Preis 1931 erhalten habe. Erst einige Tage später wird er vom Vorsitzenden Fritz Engel offiziell informiert. Ein teil der Presse begrüße diese Preisverleihung lebhaft, sagt Horváth ein halbes Jahr später, ein anderer Teil zersprang schier vor Wut und Haß.
Die Würde des Kleist-Preises hat durch solche Komödie der Urteilskraft schwer gelitten, Carl Zuckmayer hat sich unrühmlich hervorgetan. Der Kunstverstand Berlins ist zum Teufel. ... eine solche Ehrengabe – sollte man meinen – dürfte nur den vornehmsten Belangen dienen. Indessen gilt auch hier wie annoch im Pseudo-Geistesleben unserer Zeit überhaupt der Satz: Der Deutsche denkt, der Jude lenkt. Der Halbjude Carl Zuckmayer bestätigt durch seine Preisrichtertätigkeit, dass er allen Geschmacks und Urteilsvermögens bar ist. Die Werke Horváths sind wertloseste, dürftigste und platteste Tendenzliteratur. Horváth habe nicht einmal die Höhenlage der Mittelmäßigkeit erreicht. Es sei dünnstes, dümmstes, lebloses, politisch-tendenziöses Zeittheater von keinerlei dramaturgischen Können angekränkelt, im Gegenteil von geradezu erbarmungswürdiger Hilflosigkeit.
Und was tut Berlin? Die Kritiken der Uraufführung waren himmlisch, das Publikum raste, vor Begeisterung. Das Stück war und ist Horváths größter Erfolg. Zumindest für die Theaterkritiker und die Theatergeher. Goebbels schäumt in Zeitungsartikel, Mitläufer stimmen ihm bei und erkennen das Deutsche reich nicht wieder. Horváth muss auf Verleumdung klagen und bekommt meistens recht. Noch. Der deutsche Student hat es den Kritikern angetan, zu böse war die Karikatur eines deutschdümmelnden, saufenden, hurend Nazis-
Und ICH?
Ich bin noch nie unangerührt aus dem Theater gekommen bei diesem Stück. Da passt jeder Ton, da stimmt jede Silbe. Die Atmosphäre der Wiener Vorstadtwelt ist treffsicher eingefangen. Es wird spürbar, die Muffigkeit und sentimentale Heurigen-Seligkeit eines armseligen Kleinbürgertums. Der schmierige Charme der Krämer und kleinen Ganoven der verstaubte Flitter billiger Nachtlokale wird greifbar. Die Wirklichkeit ist bis in die kleinsten Randfiguren genauest und differenziert durchgezeichnet. Die melodramatische Haupthandlung ist nie auch nur ansatzweise kolportagehaft: sie ist melodisch komponiert und einfach dramatisch realistisch. Man oder ich lerne, spüre, rieche fast, aus welchem Humus Hitler möglich war und der österreichische Ständestaat und der Faschismus. Wie falsch die Argumente sind von arm aber sauber, arm aber ehrlich – nichts da, Armmut macht falsch, Armmut macht hinterhältig, Armmut macht Lügen, Armmut macht bösartig. Das zeigt Horváth nirgends so drastisch wie in diesem Stück. Und was macht die Kunst aus? Man fühlt mit den Figuren, die letztlich ihre eigenen Fehler nicht beschönigen. Durch weinen und Lachen zu Erkenntnis, selten ist dieser Satz so klar und rein wie in diesem Stück.
Und was ist die Moral? Nicht von den schlechten Menschen droht die größte Gefahr. Die sind recht selten. Von den bigotten, den oberflächlichen, den gutmütig-sadistischen, den gut-meinenden-schlecht-handelnden sollst du dich hüten.
Und ich schließe wieder mit einem Horvath-Zitat:
Unsere Seelen sind voller schwarzer beulen, daran werden sie sterben. Dann leben wir weiter und sind doch tot.
Oder auch: Mit der Liebe kommt man in den Himmel, mit dem Haß werden wir weiterkommen –
Und was zum Autor: keine Angst ist jung gestorben.
Ödön von Horváth
Schriftsteller
1901
9. Dezember: Ödön von Horváth wird als unehelicher Sohn des ungarischen Diplomaten Dr. Edmund Josef Horváth und der Maria Hermine Prehnal im damals ungarischen Fiume (heute: Rijeka, Kroatien) geboren.
1907-1924
Horváth besucht zunächst Schulen in Budapest, Wien und München. Anschließend studiert er Germanistik an der Universität München.
1924-1933
Er lebt in Berlin, Salzburg und Murnau (Oberbayern).
1927
Seine frühen Theaterstücke, wie \"Revolte auf Côte 3018\", zeigen seine Hinwendung zur Volkskultur und politischen Geschichte Deutschlands.
Aufgrund des Erstarkens der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) warnt Horváth in seinen Stücken zunehmend vor den Gefahren des Faschismus.
1930
Veröffentlichung des Romans \"Der ewige Spießer\".
1931
Uraufführung der bedeutendsten Theaterstücke Horváths - \"Italienische Nacht\" und \"Geschichten aus dem Wienerwald\" - in Berlin. Durch den Erfolg dieser Stücke wird Carl Zuckmayer auf Horváth aufmerksam. Zwischen beiden entwickelt sich eine Freundschaft.
Horváth erhält für \"Geschichten aus dem Wienerwald\" den Kleist-Preis.
1933-1938
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten übersiedelt Horváth nach Wien. Er schreibt weiterhin Theaterstücke und Romane.
1937
Uraufführung der Komödie \"Figaro läßt sich scheiden\" in Prag.
Veröffentlichung des gegen die Diktatur gerichteten Romans \"Jugend ohne Gott\" in Amsterdam.
1938
Nach dem \"Anschluß\" Österreichs emigriert Horváth nach Paris.
Er veröffentlicht den Roman \"Ein Kind unserer Zeit\" in Amsterdam und New York.
1. Juni: Ödön von Horváth wird auf den Champs-Élysées während eines Gewitters von einem Ast erschlagen.
Quelle: www.dhm.de
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-08 17:54:25 mit dem Titel Ödön von Horváth: Glaube, Liebe, Hoffnung!?
Ödön von Horvath (1901-1938): Glaube. Liebe Hoffnung. Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern. Uraufführung unter dem Titel Liebe, Pflicht und Hoffnung: Wien, 13. 11. 1936, Theater für 49 am Schottentor. 158 Seiten. Euro 7,-- als Suhrkamp Taschenbuch.
Also moderner kann ein Stück gar nicht sein, das bald 67 Jahre alt ist. Warum es geht, bevor ich mich dem Inhalt widme? Es geht um Arbeitslosigkeit, um soziale Härte, um den Kampf eines Menschen gegen Systeme, um Karrieristen, um Verlogenheit einer Gesellschaft. Kommt euch das bekannt vor? Eine junge Frau verliert ihren Arbeitsplatz. Um wieder arbeiten zu können, muss sie (schein)selbstständig werden, dafür braucht sie einen Gewerbeschein, für den hat sie kein Geld. Der Arbeitgeber gibt ihr den Gewerbeschein und streckt das Geld vor. Das Geld muss sie abarbeiten. Dadurch kommt sie immer mehr in den Zwang, zu verkaufen, Waren und sich. Und als sie das auch nicht mehr kann, will sie keiner mehr kennen. Wie schrieb schon Franz Werfel etwa um die gleiche Zeit, nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig. Und alles ist richtig, wenn es nur nach der Pflicht, der berühmten Vorschrift geht oder es ein anderer angeschafft – befohlen hat. Und das besonders Tragische: das Stück beruht auf einer wahren Begebenheit, die auch heute jederzeit wieder passieren könnte.
Wo habe ich es gesehen: na zuletzt am Wiener Burgtheater, davor in der Josefstadt, am Volkstheater, in den Münchner Kammerspielen. Aber am Burgtheater in einer sehr dunklen Inszenierung mit viel Wasser auf der Bühne von Martin Kušej. Mit Sylvie Rohrer als Elisabeth, Werner Wöbern als Schupo Alfons, Ignaz Kirchner als Präparator, Kirsten Dene als Irene Prantl, Martin Schwab ein Buchhalter und Florentin Groll als Amtsgerichtsrat.
Der Inhalt
Elisabeth, ein anständiges, aber durch die schlechten Zeiten auf die schiefe Bahn gekommenes Mädchen, versucht, ihren Körper für 150 Mark an ein Anatomisches Institut zu verkaufen. Mit dem Geld will sie einen Wandergewerbeschein bezahlen. Es ist ihr letzter Versuch, den Kopf oben zu behalten. Der Präparator weist sie auf die gesetzlichen Bestimmungen hin, die derartige Geschäfte verbieten. Er leiht ihr jedoch die benötigte Summe von seinen privaten Ersparnissen.
Was er nicht weiß, ist, dass Elisabeth unter Zwang der Armut schon begonnen hat, Dessous zu verkaufen, und das Geld zuerst für das Bezahlen der Strafe gebraucht hat, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Den Gewerbeschein hat ihre Arbeitgeberin bezahlt, die Elisabeth erst gekündigt, dann als Selbstständige wieder aufgenommen hat. Um überhaupt überleben zu können, hatte Elisabeth aber schon zu arbeiten begonnen, ohne auf den Gewerbeschein warten zu können. Als der Präparator aber erfährt, dass Elisabeth das Geld zur Zahlung der Strafe verwendet hat, zeigt er sie wegen Betruges an. Elisabeth muss 14 Tage ohne Bewährung ins Gefängnis. – Eine kleine aber interessante Nebengeschichte:
Auch die Frau des Richters handelt mit Dessous, um das Haushaltsaufkommen aufzubessern. Sie hat es durch ihren großen und noch halbwegs begüterten Bekanntenkreis natürlich viel leichter, ihren Umsatz zu erbringen. Nur ihr Mann darf davon nichts wissen. Wer schreit als erste Betrügerin und Vorbestrafte und zeigt mit den Finger auf Elisabeth. Erraten.
Elisabeth aber gibt noch immer nicht auf. Auf dem Wohlfahrtsamt, wo sie zur Arbeitsvermittlung erscheinen muss, lernt Elisabeth den Polizisten Alfons Klostermeyer kennen. Er verspricht ihr die Ehe. Hoffnung keimt auf. Sie wird seine Braut und lebt mit ihm zusammen, verwöhnt ihn, liebt ihn. Kaum aber erfährt er, dass sie vorbestraft ist, verstößt er sie aus Angst vor Karriereschwierigkeiten.
Eines Abends wird der Präparator, mittlerweilen Oberpräparator, der Elisabeth angezeigt hat, in betrunkenem Zustand auf die Polizeiwache geführt. Wenig später trägt man Elisabeth herein. Sie hat sich aus Hunger und Verzweiflung in einen Fluss gestürzt. Man stellt fest, dass sie noch lebt und .... feiert den tollkühnen Retter. Alfons und der Präparator wenden sich betreten ab und leugnen ihr Bekanntschaft mit Elisabeth. Man wartet auf den Zeitungsfotografen. Elisabeth stirbt. Keiner ist an ihrem Unglück schuld. Alle können ungerührt und freudig zu einer vaterländischen Parade gehen.
Und was haben wir davon?
Horváth hat sein Grundthema, den gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft (Randbemerkung zu diesem stück) nie geradliniger und knapper als in dieser auf Tatsachen beruhenden Parabel gestaltet. Er verzichtet auf ausschmückende Details, auf alles atmosphärische Beiwerk und zeichnet in äußerster Verkürzung Station um Station des Leidenswegs eines durch die kleinen Paragraphen und durch die wirtschaftliche Not aus der Bahn geworfenen Menschen, den die Feigheit und die Engherzigkeit seiner Mitmenschen in den Tod treiben. In wenigen Stücken der deutschsprachigen Literatur zwischen den beiden Weltkriegen haben Gesellschaftsschilderung und Gesellschaftskritik einen derart geschlossenen und dichterischen Ausdruck gefunden.
Ö.v.Horvath: Randbemerkungen zu \'Glaube, Liebe, Hoffnung\' 1932
\"Wie in allen meinen Stücken versuchte ich auch diesmal, möglichst rücksichtslos gegen Dummheit und Lüge zu sein, denn diese Rücksichtslosigkeit dürfte wohl die vornehmste Aufgabe eines schöngeistigen Schriftstellers darstellen, der es sich manchmal einbildet, nur deshalb zu schreiben, damit die Leut sich selbst erkennen. Erkenne dich bitte selbst! Auf daß du dir jene Heiterkeit erwirbst, die dir deinen Lebens- und Todeskampf erleichtert, indem dich nämlich die liebe Ehrlichkeit gewiß nicht über dich (denn das wäre Einbildung), doch neben und unter dich stellt, so daß du dich immerhin nicht von droben, aber von vorne, hinten, seitwärts und von drunten betrachten kannst! --\"
Es hat schon was mit dieser Zwischenkriegszeit in der Literatur - Marie-Luise Fleißner, Brecht, Horváth, die Manns, Zweig, Werfel, Broch, Musil – wir haben lange warten müssen, bis wir mit Böll, Turrini, Kroetz wieder welche gefunden haben, die uns künstlerisch den Spiegel vorhalten werden. Und erschreckend ist es allemal, wenn wir daran denken müssen, dass soziale Härte, soziale Kälte, soziales Outing auch bei uns eine lange Tradition haben. Und vergessen wir nicht, das liegt nicht an unseren Regierungen, an unseren Unternehmungen, dass liegt ganz alleine an uns.
Einmal ein anderer Apparat- über den Autor erfahren Sie in meinem Bericht „Geschichten aus dem Wienerwald“:
Ein toter Totentanz: Kusej inszeniert Horvaths \"Glaube Liebe Hoffnung\"
Der radikale Kärntner Regisseur Martin Kusej hat am Burgtheater Ödön von Horvaths \"Glaube Liebe Hoffnung\" inszeniert. Der Tenor der Kritik: Kusejs Totentanzbilder wirken etwas routiniert und bringen keine neue Sicht auf Horvath. Lesen Sie Auszüge aus den aktuellen Kritiken:
\"Zwei Stunden lang eine Video-Endlosschleife über dem Bühnenmund projiziert: Regenwolkengedränge im Zeitraffer, bedrohliche Schatten wie von Sauriern oder Bombenflugzeugen. Stimmungsmache, gekünstelte Depression. Martin Kusej entführt die Zuschauer in eine Bilderbuch-Großstadt Anno 1930. In voller Bühnentiefe: eine Halle ähnlich wie eine U-Bahn-Umsteige-Station, mit Säulen wie aus Gußeisen in strenger Ordnung. Über die schwarz geteerte Hinterwand rinnt Wasser. An der Bühnenrampe ein Wassergraben. Hier taucht gleich aller Herren Opferlamm Elisabeth auf. Kusej schickt sie schon ins Wasser, ehe ihre traurige Geschichte passiert. \'Kleinen Totentanz\' hat Horváth mit einem Gerichtssaalreporter geschriebene Szenen-Stakkato genannt. Kusej walzte diesen eiligen Tanz breit und weithin spannungslos zu einem Reigen aus: kein Anfang, kein Ende, kunstgewerblich schöne Aussichtslosigkeit.\"
Hans Haider, Die Presse, 2.11.2002
\"In Kusejs Horváth-Reich geht die Sonne des selbstbestimmten Lebens niemals auf. Er zahlt für seine konsequente, szenenweise erschütternde Lesart aber auch den Höchstpreis: Wer Ödön von Horváths gedrechselte Figurenreden nicht als Notwehrhilfen begreift, nach denen die Menschen begierig greifen, weil ihnen keine Einsicht hilft zu sagen, was sie leiden: Der zieht den Fräuleins, den Schupos, der aasigen Modistin (Kirsten Dene), der an den Strümpfen zupfenden Elendsgenossin Maria (Sabine Haupt) das bisschen Boden unter den Füßen weg, und sie kleben fest. Und kein missratener Schulterbiss (Wölbern) wird als entgleisende Liebkosung an einer Vogelfreien (Rohrer) lesbar. Da ist zu viel szenisches Korsett, wo doch die Leiber hinfällig sind, und die Geister schwach. Höflicher Applaus für eine Arbeit, die man schätzen muss, aber unter gar keinen Umständen lieben kann.\"
Ronald Pohl, Der Standard, 2.11.2002
\"Im Sinn einer besseren Verständlichkeit des Gesamtkunstwerks setzt Kusej [...] überall dicke Ausrufezeichen in dieses Werk, das eigentlich ganz und gar von der brutal unmenschlichen Gemeinheit des Normalfalls erzählt. Skandal! ruft der Regisseur bei jeder Gelegenheit und schickt immer wieder Martin Schwab vor, der das biblische Motto oder Regieanweisungen oder bedeutungsschwangere Gedichte rezitieren muss und am Ende die mit Steinen gefüllte Handtasche der Selbstmöderin leert (damit jedermann sieht, wie verzweifelt einst ihre letzte Handlung gemeint war?). Mit diesen und anderen unmissverständlichen Fingerzeigen denunziert die Aufführung das Stück, in dem die Bibel und weitere sprichtwörtliche Volksmund-Binsenweisheiten zwar auftauchen, aber stets nur als Zeichen für die Pseudo- oder Einbildung gewisser Dummköpfe. Horvath schockiert beiläufig. Kusej hängt das Beiläufige an die grosse Glocke (ja: nebest donnernden Schüssen erklingt schließlich sogar Glockengeläut) und entzieht dem Schock, weil er ihn ausstellt und zudem erklären will, den Effekt.\"
Barbara Villiger Heilig, NZZ, 2.11.02
\"Ein heller, schneller, komischer Tanz zum Tode hin, vom Dramatiker licht und lakonisch hingesetzt. Es ist nicht wichtig, daß Elisabeth untergeht, sondern - daß sie geht. Ihre Sehnsucht nach dem bißchen Glück, ihr toller, witzig-delirierender Kampf - das ist wichtig. Ein Totentanz. Der Akzent liegt auf Tanz. Nicht auf Tod. Beim Regisseur Martin Kusej, erst Anfang vierzig, aber schon ein großer Totengräber des Theaters, dröhnen schwere laute Schläge. In einer Gruft aus gußeisernen Unterweltsbahnhofsäulen, gebaut von Martin Zehetgruber, wo das Totenwasser unaufhörlich von den Wänden riesel und der Himmel nur ein unaufhörlich flimmerndes Video ist, schläfert er die Elisabeth sofort ein. Umgeben von toten Tauben und anderem Aas, tappt Sylvie Rohrer im kleinen schwarzweiß Getigerten als somnambule, nie ganz zurechnungsfähige Lebendtote kurzgeschoren und hysterisch zwischen lemurenhaften Leuten herum, die sich auch so bewegen, als lebten sie unter abgestorbenem Wasser. Amphibien mit bösen Ambitionen.\"
Gerhard Stadelmaier, FAZ, 2.11.02
Quelle: www.literaturhaus.at
Die Fakten sind ja noch einfach:
Der Autor
Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone. Roman. Aus dem Französischen. 170 Seiten. Rororo 1994 Euro 7,50. Der Autor wurde 1958 geboren, arbeitete als Ingenieur und Informatiker und veröffentlichte vor diesem Roman zwei Gedichtbände und Essays.
Jetzt zitiere ich aus lyrikwelt.de, der Vollständigkeit halber.
Michel Houellebecq: *1958 auf Reunion, lebt und arbeitet in der Grafschaft Cork/Irland.
Stationen u.a.: Kommt mit sechs Jahren zur Großmutter nach Paris. Kommt nicht zum Militär, weil er morphiumsüchtig ist. 1980 Abschluß seiner Ausbildung zum Agrartechniker. Erste Heirat. Ein Sohn. 1991 Arbeit als Computertechniker.1998 zweite Heirat. 1999 Übersiedlung von Paris nach Dublin. 2002 längerer Aufenthalt in Berlin.
Arbeitsgebiete: Gedicht, Erzählung, Essay, Roman
Auszeichnungen/Ehrungen/Preise (Auswahl): Tristan-Tzara-Preis (1992). Grand Prix National des Lettres. Prix Novembre (1998). Impac-Literaturpreis, Irland (2002).
Veröffentlichungen (Auswahl): La poursuite du bonheur, Gedichte (1992, La Différence-Verlag). L\'Extension du Domaine de la Lutte/Ausweitung der Kampfzone, Erz. (1994, Wagenbach - Übertragung Leopold Federmair). Elementarteilchen, Roman (1998, DuMont - Übertragung Uli Wittmann). Die Welt als Supermarkt, Essays (1998, DuMont - Übertragung Hella Faust). Interventionen, Essays (DuMont). Suche nach Glück, Gedichte (2000, DuMont). Lanzarote, Erz. 2-bändig (2000, DuMont - Übertragung Hinrich Schmidt-Henkel). Der Sinn des Kampfes, Gedichte (2001, DuMont - Übertragung Hinrich Schmidt-Henkel). Wiedergeburt, Gedichte (2001, DuMont). Plateforme/Plattform, Roman (2001/2002, DuMont). Gegen die Welt, gegen das Leben. H.P.Lovecraft (2002, DuMont - Übertragung Ronald Vouillé).
Ende des Zitats.
Mittlerweile ist er gerade noch oder gerade nicht mehr einer der meistbesprochenen, meist gehassten, gelobten und verrissenen ‚Kult’-Autoren des ausgehenden 20. Jahrhunderts.
Der Inhalt
Ein gerade 30 gewordener Informatiker schildert als Ich-Erzähler ein kurzes Stück seines Lebens – etwa von November bis Juni des folgenden Jahres. Seine Arbeit, die ihm wenig Spaß macht, teile seines Privatlebens. Reisen, die er mit einem Kollegen macht, um in diversen Außenstellen Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums mit einem neuen Programm vertraut zu machen. Ausschnitte seiner Erzählungen und philosophischen Betrachtungen. Den Tod seines Kollegen. Seine psychiatrische Behandlungen wegen schwerer Depressionen samt Aufenthalt in einem Sanatorium. Seine gemachten und auch wieder abgebrochenen Privatreisen. Und viele seiner Gedanken und Gefühle und Gedanken. Und die sind nicht immer schön, eigentlich meistens nicht.
Oder auch so, eher im Houellebecq-Stil: Knapp über dreißig. Single. Beruf: Informatiker. Glücklich? Nein. Das ist im Wesentlichen alles, was man über den Protagonisten und Ich-Erzähler dieses Romans vorab sagen kann. Soziales Leben hat er so gut wie keines, und wenn, dann sind es Parties im Kollegenkreis, bei denen man sich betrinkt, hinters Sofa kotzt und einer Kollegin unbeteiligt dabei zusieht, wie sie sich kurz mal auszieht. Und danach, las ihr nichts mehr einfällt, wieder anzieht. Oder er trifft sich mit einem früheren Studienkollegen, der mittlerweile Priester geworden ist. Zu sagen hat man sich nicht mehr viel, aber es ist immerhin noch ein Mensch, der sich um ihn kümmert. Frauen? Ja, gab es auch. Früher. Und nie für lange. Dieses Spiel hat er schon aufgegeben. Ganz im Gegensatz zu seinem Kollegen Tisserand. Hässlich, aber gut verdienend. Und leider noch nicht mal charmant. Chancen bei der Frauenwelt? Gleich null. Er könne es sich leisten, sich jede Woche einmal eine Hure kommen zu lassen. Aber es ärgere ihn, dass andere Männer dasselbe noch häufiger haben könnten - und nicht nur gratis, sondern auch noch mit Liebe obendrauf. Dass Tisserand sich nach einem weiteren gemeinsamen Abend mit dem Erzähler - wieder auf der Suche nach einem Mädchen - das Leben nimmt, verwundert nicht; schließlich war das, wozu er sich beinahe hätte treiben lassen, schon einen Schritt über dem Abgrund gewesen.
Leseproben:
Am Freitagabend war ich bei einem Arbeitskollegen eingeladen. Ungefähr dreißig Leute, alles mittlere Führungskräfte, fünfundzwanzig bis vierzig Jahre alt. Irgendwann begann plötzlich so eine kleine Verrückte sich auszuziehen. Erst hat sie ihr T-Shirt ausgezogen, dann den BH, dann ihren Rock, wobei sie unglaubliche Grimassen schnitt. Ein paar Sekunden lang drehte sie sich, nur mit dem Höschen bekleidet, im Kreis, und als ihr nichts mehr einfiel, begann sie sich wieder anzuziehen. Sie ist sonst ein Mädchen, das mit keinem ins Bett geht. Was das Absurde ihres Auftritts unterstreicht.
Der Schimpanse hob lebhaft die Arme zum Himmel, bevor er zu einer verzweifelten Rede ansetzte:
Von allen ökonomischen und sozialen Systemen ist der Kapitalismus zweifellos das natürlichste. Das genügt bereits, um darauf zu verweisen, dass er das schlimmsten sein muss. Hat man diesen Schluss einmal gezogen, bleibt nur noch ein einsatzfähiger und unverrückbarer Apparat von Argumenten zu entwickeln, dessen Mechanik unter Verwendung von Fakten, die nach dem Zufallsprinzip eingegeben werden, eine Vielzahl von Beweisen hervorbringt, um das vorgefasste Urteil zu bestätigen, ungefähr so, wie die Graphitstäbe eines Atomreaktors dessen Struktur festigen. Eine leichte Aufgabe, gerade recht für einen sehr jungen Affen; dennoch wäre es unverzeihlich, sie zu vernachlässigen. (....)
Der Storchenälteste antwortete mit bedächtiger, schrecklicher Stimme: Tat, twam. Asi. Kurz darauf wurde der Schimpanse von der Storchenhorde hingerichtet; er starb unter furchtbaren Schmerzen, durchstoßen und kastriert von ihren spitzen Schnäbeln. Da er die Weltordnung in Frage gestellt hatte, musste der Schimpanse sterben; das war wirklich nur allzu verständlich; wirklich, es war so.
Am Sonntagmorgen spazierte ich ein wenig im Viertel umher. Ich kaufte ein Rosinenbrötchen. Es war ein milder Tag, aber ein wenig traurig, wie oft die Sonntage in Paris; vor allem, wenn man nicht an Gott glaubt.
Ich fahre noch etwas tiefer in den Wald hinein. Auf der anderen Seite dieses Hügels, sagt die Karte, sind die Quellen der Ardèche. Das interessiert mich nicht mehr; ich fahre trotzdem weiter; alles ist jetzt einander gleich. Die Landschaft ist jetzt so sanft, so freundlich und froh, dass mir die Haut wehtut. Ich bin mitten im Abgrund. Ich spüre meine Haut wie eine Grenze; die Außenwelt ist das, was mich zermalmt. Heilloses Gefühl der Trennung; von nun an bin ich ein Gefangener in mir selbst. Die sublime Verschmelzung wird nicht stattfinden; das Lebensziel ist verfehlt. Es ist zwei Uhr nachmittags.
Und nun?
Bin sehr zwie- oder mehrspältig, fast zerrissen. Also stilistisch ist es nicht meins. Teilweise sehr knapp, journalistisch, einfach. Teilweise in Schachtelsätzen. Die Zitate aus den Erzählungen – weiß schon, der Held ist kein Literat – aber doch manchmal allzu kindlich-kindisch. Die interessanten politisch-philosophischen Betrachtungen teilweise recht komplex formuliert. Da habe ich schon viel besseres, oder bleiben wir subjektiv mir viel besser Gefallenes gelesen.
Die Story? Nebensächlich. Nix Neues über das Informatikerdasein. Keine Entwicklung, nix neues über Frankreich. Keine spannenden Beziehungen. Nichts. Bevor ihr mich noch präpotenter als Marcel nennt, ich weiß schon , darum geht es nicht.
Die Vergleiche zwischen Kapitalismus und Sexualität, die sind schon lesenswert, der Held ist nicht dumm. Überhaupt seine Betrachtungen zu Frauen: absolut nichts meins aber brutal. Ehrlich und überraschend interessant. Das lohnt schon das Buch.
Und vor allem. Alle, die mich hier und anderswo länger kennen wissen, ich kämpfe seit fast zwei Jahren selbst mit Depressionen, brauche noch immer Medikamente. Da berühren die Szenen mit Psychologen und Psychiatern und .... So wie Michel Houellebecq seine Stimmungen, seine Gefühle, seine Ohnmacht(en) beschreibt, das ist schon toll. Sein dauernd im bett bleiben wollen, nicht aus dem Haus gehen, es ei um Zigaretten, seine totale Interesselosigkeit, an Sozialem, an beruf, an Kontakten, das lässt sich beinhaft, peinlich nachvollziehen und verführte mich – fast – zum heulen. Deswegen meine Empfehlung.
Ach ja, die Kampfzone: das ist die Zone außerhalb eines Individuums, in der er Menschen trifft, Bekanntschaften macht. Je größer, desto mehr Kontakte. Die Ausweitung tut weh, sagt er.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-06 20:59:49 mit dem Titel Ödön von Horváth: Ja das sind halt Wiener Gschichten!
Geschichten aus dem Wienerwald. Volksstück in drei Akten von Ödön von Horvath (1901-1938), Uraufführung: Berlin, 2. 11. 1931, Deutsches Theater. Euro 7,50 im Suhrkamp Taschenbuch.
Beginnen wir mit drei Zitaten, alle von Horvath:
In der Luft ist ein Klingen und Singen als verklänge irgendwo wieder der Walzer Geschichten aus dem Wiener Wald von Johann Strauß.
Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.
Es stimmt dass sich das Unmenschliche wirksamer als Komödie gestalten lässt, denn im Tragischen herrscht noch immer das Bedürfnis nach menschlicher Durchdringung des Bestialischen, selbst ein Richard der Dritte erklärt sich, ein Macbeth ergreift – doch die Komödie kann die Bestialität in ihrer nackten Reinkultur zeigen.
Und was wissen wir jetzt? Das stück ist wie ein Walzer, eine Symphonie durchkomponiert. Für den Kopf, für das Herz, für die Beine und für uns alle. Das Stück handelt von menschlichen Schwächen, von menschlicher Dummheit. Und es ist eine Komödie. Und sie ist sehr wienerisch, sensibel, feinfühlig differenziert.
Jetzt fange ich an.
Wir Wiener, und im speziellen Ich, sind schon irgendwie anders. Geschichten aus dem Wienerwald, da denken wir an Johanna Matz als Marianne, an Hans Moser als Zauberkönig, den unnachahmlichen Helmut Qualtinger als Metzgermeister Oskar, Walter Kohut als Alfred und Adrienne Gessner als Großmutter. War es eine Lindgergh-Inszenierung? Egal, es war am Burgtheater und irgendwie spielte auch noch Jane Tilden mit, als Trafikantin wahrscheinlich. Und war sie nicht früher die Marianne. Und später war der Paryla der Moser, und so. Dann gab es noch den Film: Birgit Doll, die Marianne, Hanno Pöschl der Alfred, wieder Tilden, Qualtinger, Gessner, Götz Kauffmann als Oskar, André heller als Hierlinger. Regie: Maximilian Schell, Musik: Toni Stricker. Übrigens der gleichnamige Walzer ist von Johann Strauß (Sohn). Da sah ich es noch einmal, 1988 im Burgtheater, mit Karlheinz Hackl, Aglaja Schmid, Inge Konradi, und Olivia Grigolli als Marianne.
Und immer wieder kommt das Stück im Fernsehen. Und immer wieder auf deutsche Bühnen. Was ist dran an diesem Stück, wo Volksstücke laut Bert Brecht doch allesamt nur dumb sein wollen.
Aber langsam, kommen wir einmal zum
INHALT
Es ist schon eine herzzerreißende Geschichte. Marianne, freundlich, liebenswürdig und sehr naiv ist Tochter des Zauberkönigs, Besitzer eines Zauberartikel- und Spielwarenhandels. Wem soll sie heiraten? Den Metzgermeister von nebenan. Gemütlich, mitleidvoll, wobei man LEID groß schreiben soll, mit einem Gefühl wie ein Fleischermeister. Wen will sie heiraten? Den eleganten Nichtsnutz von nebenan. Der hat bloß zwei Nachteil: er lebt von Rennwetten und Gelegenheitsgeschäften und er ist der Geliebte der Trafikantin (vulgo Kioskbesitzerin) Valerie von nebenan.
Dass muss ja traurig ausgehen. Alle machen gemeinsam ein Picknick im Wienerwald. Valerie verführt einen norddeutschen Studenten der schlagenden Art mit Hang zum Nationalsozialismus. Alfred macht sich an Marianne heran und schafft es natürlich leicht, das unerfahrene und hilflose Mädchen gefügig zu machen. Marianne zieht zu Alfred in dessen schäbiges Zimmer. Der Vater verstößt sie. Marianne bekommt ein Baby. Alfred hat bald genug von ihr und bringt sie bei einer Tingel-Tangel-Gruppe unter, den einer muss ja das Geld verdienen. Das Baby bringt er zu seiner Mutter in die Wachau. Und Oskar, der Fleischermeister, der würde ja Marianne noch immer heiraten, wenn nur das Kind nicht wäre. Marianne landet unterdessen im MAXIM, einem Wiener Nachtclub und spielt dort halbnackt in sogenannten lebenden Bildern mit. Genau dort landet natürlich die illustre Gesellschaft mit Student, Vater und Valerie. Natürlich riesiger Skandal. Ein Gast möchte sich Marianne noch mehr nähern als mit den Augen. Als sie ihn nicht lässt, besichtigt er sie des Diebstahls. Marianne landet im Gefängnis. Was macht unterdessen die Schwiegermutter in der Wachau. Sie lässt das Baby bei offenem Fenster schlafen. Es kommt, wie es kommen muss. Das Baby stirbt – irrtümlich – an Lungenentzündung.
Marianne kommt aus dem Gefängnis. Auf dem tiefsten Punkt ihrer Erniedrigung, Kind tot, Alfred weg – kehr sie in ihr Elternhaus zurück. Der Vater wird einsichtig, verzeiht ihr und der gutmütige Oskar will sie trotz alledem noch heiraten Und Valerie schnappt sich natürlich wieder ihren Alfred.
LESEPROBE
Zauberkönig: Aber so eine Benehmität! Ich glaub gar, dass du sie mir verwöhnst – also nur das nicht, lieber Oskar! Das rächt sich bitter! Was glaubst du, was ich auszustehen gehabt hab in meiner Ehe? Und warum? Nicht weil meine gnädige Frau Gemahlin ein bissiges Mistvieh war, sondern weil ich zu vornehm war, Gott hab sie selig! Nur niemals die Autorität verlieren! Abstand wahren! Patriarchat, kein Matriarchat! Kopf hoch! Daumen runter! Ave Caesar, morituri te salutant!
...
Marianne: Lüg nicht! So lüg doch nicht! Nein, ich bin nicht geschwommen, ich mag nicht mehr schwimmen! Ich laß mich von euch nicht mehr tyrannisieren. Jetzt bricht der Sklave seine Fesseln – da! Ich laß mir mein Leben nicht verhunzen, das ist mein Leben! Gott hat mir im letzten Moment diesen Mann da zugeführt. – Nein, ich heirat dich nicht, ich heirat dich nicht, ich heirat dich nicht!! Meinetwegen soll unsere Puppenklinik verrecken, eher heut als morgen!
Oskar: Mariann, ich wünsch dir nie, dass du das durchmachen musst, was jetzt in mir vorgeht – und ich werde dich auch noch weiter lieben, du entgehst mir nicht – und ich danke dir für alles.
....
Alfred: Liebes Kind, es gibt eben etwas, was ich aus tiefster Seele heraus Hass – und das ist die Dummheit. Und du stellst dich schon manchmal penetrant dumm. Ich versteh das gar nicht, warum du so dumm bist! Du hast es doch gar nicht nötig, dass du so dumm bist!
Marianne: du hast mal gesagt, dass ich dich erhöh – in seelischer Hinsicht –
Alfred: das habe ich nie gesagt. Das kann ich gar nicht gesagt haben. Und wenn, dann hab ich mich getäuscht.
Historisches und Hysterisches
Ödön von Horváth erfährt aus der Zeitung, dass er den mit 1500 Mark dotierten, angesehenen Kleist-Preis 1931 erhalten habe. Erst einige Tage später wird er vom Vorsitzenden Fritz Engel offiziell informiert. Ein teil der Presse begrüße diese Preisverleihung lebhaft, sagt Horváth ein halbes Jahr später, ein anderer Teil zersprang schier vor Wut und Haß.
Die Würde des Kleist-Preises hat durch solche Komödie der Urteilskraft schwer gelitten, Carl Zuckmayer hat sich unrühmlich hervorgetan. Der Kunstverstand Berlins ist zum Teufel. ... eine solche Ehrengabe – sollte man meinen – dürfte nur den vornehmsten Belangen dienen. Indessen gilt auch hier wie annoch im Pseudo-Geistesleben unserer Zeit überhaupt der Satz: Der Deutsche denkt, der Jude lenkt. Der Halbjude Carl Zuckmayer bestätigt durch seine Preisrichtertätigkeit, dass er allen Geschmacks und Urteilsvermögens bar ist. Die Werke Horváths sind wertloseste, dürftigste und platteste Tendenzliteratur. Horváth habe nicht einmal die Höhenlage der Mittelmäßigkeit erreicht. Es sei dünnstes, dümmstes, lebloses, politisch-tendenziöses Zeittheater von keinerlei dramaturgischen Können angekränkelt, im Gegenteil von geradezu erbarmungswürdiger Hilflosigkeit.
Und was tut Berlin? Die Kritiken der Uraufführung waren himmlisch, das Publikum raste, vor Begeisterung. Das Stück war und ist Horváths größter Erfolg. Zumindest für die Theaterkritiker und die Theatergeher. Goebbels schäumt in Zeitungsartikel, Mitläufer stimmen ihm bei und erkennen das Deutsche reich nicht wieder. Horváth muss auf Verleumdung klagen und bekommt meistens recht. Noch. Der deutsche Student hat es den Kritikern angetan, zu böse war die Karikatur eines deutschdümmelnden, saufenden, hurend Nazis-
Und ICH?
Ich bin noch nie unangerührt aus dem Theater gekommen bei diesem Stück. Da passt jeder Ton, da stimmt jede Silbe. Die Atmosphäre der Wiener Vorstadtwelt ist treffsicher eingefangen. Es wird spürbar, die Muffigkeit und sentimentale Heurigen-Seligkeit eines armseligen Kleinbürgertums. Der schmierige Charme der Krämer und kleinen Ganoven der verstaubte Flitter billiger Nachtlokale wird greifbar. Die Wirklichkeit ist bis in die kleinsten Randfiguren genauest und differenziert durchgezeichnet. Die melodramatische Haupthandlung ist nie auch nur ansatzweise kolportagehaft: sie ist melodisch komponiert und einfach dramatisch realistisch. Man oder ich lerne, spüre, rieche fast, aus welchem Humus Hitler möglich war und der österreichische Ständestaat und der Faschismus. Wie falsch die Argumente sind von arm aber sauber, arm aber ehrlich – nichts da, Armmut macht falsch, Armmut macht hinterhältig, Armmut macht Lügen, Armmut macht bösartig. Das zeigt Horváth nirgends so drastisch wie in diesem Stück. Und was macht die Kunst aus? Man fühlt mit den Figuren, die letztlich ihre eigenen Fehler nicht beschönigen. Durch weinen und Lachen zu Erkenntnis, selten ist dieser Satz so klar und rein wie in diesem Stück.
Und was ist die Moral? Nicht von den schlechten Menschen droht die größte Gefahr. Die sind recht selten. Von den bigotten, den oberflächlichen, den gutmütig-sadistischen, den gut-meinenden-schlecht-handelnden sollst du dich hüten.
Und ich schließe wieder mit einem Horvath-Zitat:
Unsere Seelen sind voller schwarzer beulen, daran werden sie sterben. Dann leben wir weiter und sind doch tot.
Oder auch: Mit der Liebe kommt man in den Himmel, mit dem Haß werden wir weiterkommen –
Und was zum Autor: keine Angst ist jung gestorben.
Ödön von Horváth
Schriftsteller
1901
9. Dezember: Ödön von Horváth wird als unehelicher Sohn des ungarischen Diplomaten Dr. Edmund Josef Horváth und der Maria Hermine Prehnal im damals ungarischen Fiume (heute: Rijeka, Kroatien) geboren.
1907-1924
Horváth besucht zunächst Schulen in Budapest, Wien und München. Anschließend studiert er Germanistik an der Universität München.
1924-1933
Er lebt in Berlin, Salzburg und Murnau (Oberbayern).
1927
Seine frühen Theaterstücke, wie \"Revolte auf Côte 3018\", zeigen seine Hinwendung zur Volkskultur und politischen Geschichte Deutschlands.
Aufgrund des Erstarkens der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) warnt Horváth in seinen Stücken zunehmend vor den Gefahren des Faschismus.
1930
Veröffentlichung des Romans \"Der ewige Spießer\".
1931
Uraufführung der bedeutendsten Theaterstücke Horváths - \"Italienische Nacht\" und \"Geschichten aus dem Wienerwald\" - in Berlin. Durch den Erfolg dieser Stücke wird Carl Zuckmayer auf Horváth aufmerksam. Zwischen beiden entwickelt sich eine Freundschaft.
Horváth erhält für \"Geschichten aus dem Wienerwald\" den Kleist-Preis.
1933-1938
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten übersiedelt Horváth nach Wien. Er schreibt weiterhin Theaterstücke und Romane.
1937
Uraufführung der Komödie \"Figaro läßt sich scheiden\" in Prag.
Veröffentlichung des gegen die Diktatur gerichteten Romans \"Jugend ohne Gott\" in Amsterdam.
1938
Nach dem \"Anschluß\" Österreichs emigriert Horváth nach Paris.
Er veröffentlicht den Roman \"Ein Kind unserer Zeit\" in Amsterdam und New York.
1. Juni: Ödön von Horváth wird auf den Champs-Élysées während eines Gewitters von einem Ast erschlagen.
Quelle: www.dhm.de
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-08 17:54:25 mit dem Titel Ödön von Horváth: Glaube, Liebe, Hoffnung!?
Ödön von Horvath (1901-1938): Glaube. Liebe Hoffnung. Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern. Uraufführung unter dem Titel Liebe, Pflicht und Hoffnung: Wien, 13. 11. 1936, Theater für 49 am Schottentor. 158 Seiten. Euro 7,-- als Suhrkamp Taschenbuch.
Also moderner kann ein Stück gar nicht sein, das bald 67 Jahre alt ist. Warum es geht, bevor ich mich dem Inhalt widme? Es geht um Arbeitslosigkeit, um soziale Härte, um den Kampf eines Menschen gegen Systeme, um Karrieristen, um Verlogenheit einer Gesellschaft. Kommt euch das bekannt vor? Eine junge Frau verliert ihren Arbeitsplatz. Um wieder arbeiten zu können, muss sie (schein)selbstständig werden, dafür braucht sie einen Gewerbeschein, für den hat sie kein Geld. Der Arbeitgeber gibt ihr den Gewerbeschein und streckt das Geld vor. Das Geld muss sie abarbeiten. Dadurch kommt sie immer mehr in den Zwang, zu verkaufen, Waren und sich. Und als sie das auch nicht mehr kann, will sie keiner mehr kennen. Wie schrieb schon Franz Werfel etwa um die gleiche Zeit, nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig. Und alles ist richtig, wenn es nur nach der Pflicht, der berühmten Vorschrift geht oder es ein anderer angeschafft – befohlen hat. Und das besonders Tragische: das Stück beruht auf einer wahren Begebenheit, die auch heute jederzeit wieder passieren könnte.
Wo habe ich es gesehen: na zuletzt am Wiener Burgtheater, davor in der Josefstadt, am Volkstheater, in den Münchner Kammerspielen. Aber am Burgtheater in einer sehr dunklen Inszenierung mit viel Wasser auf der Bühne von Martin Kušej. Mit Sylvie Rohrer als Elisabeth, Werner Wöbern als Schupo Alfons, Ignaz Kirchner als Präparator, Kirsten Dene als Irene Prantl, Martin Schwab ein Buchhalter und Florentin Groll als Amtsgerichtsrat.
Der Inhalt
Elisabeth, ein anständiges, aber durch die schlechten Zeiten auf die schiefe Bahn gekommenes Mädchen, versucht, ihren Körper für 150 Mark an ein Anatomisches Institut zu verkaufen. Mit dem Geld will sie einen Wandergewerbeschein bezahlen. Es ist ihr letzter Versuch, den Kopf oben zu behalten. Der Präparator weist sie auf die gesetzlichen Bestimmungen hin, die derartige Geschäfte verbieten. Er leiht ihr jedoch die benötigte Summe von seinen privaten Ersparnissen.
Was er nicht weiß, ist, dass Elisabeth unter Zwang der Armut schon begonnen hat, Dessous zu verkaufen, und das Geld zuerst für das Bezahlen der Strafe gebraucht hat, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Den Gewerbeschein hat ihre Arbeitgeberin bezahlt, die Elisabeth erst gekündigt, dann als Selbstständige wieder aufgenommen hat. Um überhaupt überleben zu können, hatte Elisabeth aber schon zu arbeiten begonnen, ohne auf den Gewerbeschein warten zu können. Als der Präparator aber erfährt, dass Elisabeth das Geld zur Zahlung der Strafe verwendet hat, zeigt er sie wegen Betruges an. Elisabeth muss 14 Tage ohne Bewährung ins Gefängnis. – Eine kleine aber interessante Nebengeschichte:
Auch die Frau des Richters handelt mit Dessous, um das Haushaltsaufkommen aufzubessern. Sie hat es durch ihren großen und noch halbwegs begüterten Bekanntenkreis natürlich viel leichter, ihren Umsatz zu erbringen. Nur ihr Mann darf davon nichts wissen. Wer schreit als erste Betrügerin und Vorbestrafte und zeigt mit den Finger auf Elisabeth. Erraten.
Elisabeth aber gibt noch immer nicht auf. Auf dem Wohlfahrtsamt, wo sie zur Arbeitsvermittlung erscheinen muss, lernt Elisabeth den Polizisten Alfons Klostermeyer kennen. Er verspricht ihr die Ehe. Hoffnung keimt auf. Sie wird seine Braut und lebt mit ihm zusammen, verwöhnt ihn, liebt ihn. Kaum aber erfährt er, dass sie vorbestraft ist, verstößt er sie aus Angst vor Karriereschwierigkeiten.
Eines Abends wird der Präparator, mittlerweilen Oberpräparator, der Elisabeth angezeigt hat, in betrunkenem Zustand auf die Polizeiwache geführt. Wenig später trägt man Elisabeth herein. Sie hat sich aus Hunger und Verzweiflung in einen Fluss gestürzt. Man stellt fest, dass sie noch lebt und .... feiert den tollkühnen Retter. Alfons und der Präparator wenden sich betreten ab und leugnen ihr Bekanntschaft mit Elisabeth. Man wartet auf den Zeitungsfotografen. Elisabeth stirbt. Keiner ist an ihrem Unglück schuld. Alle können ungerührt und freudig zu einer vaterländischen Parade gehen.
Und was haben wir davon?
Horváth hat sein Grundthema, den gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft (Randbemerkung zu diesem stück) nie geradliniger und knapper als in dieser auf Tatsachen beruhenden Parabel gestaltet. Er verzichtet auf ausschmückende Details, auf alles atmosphärische Beiwerk und zeichnet in äußerster Verkürzung Station um Station des Leidenswegs eines durch die kleinen Paragraphen und durch die wirtschaftliche Not aus der Bahn geworfenen Menschen, den die Feigheit und die Engherzigkeit seiner Mitmenschen in den Tod treiben. In wenigen Stücken der deutschsprachigen Literatur zwischen den beiden Weltkriegen haben Gesellschaftsschilderung und Gesellschaftskritik einen derart geschlossenen und dichterischen Ausdruck gefunden.
Ö.v.Horvath: Randbemerkungen zu \'Glaube, Liebe, Hoffnung\' 1932
\"Wie in allen meinen Stücken versuchte ich auch diesmal, möglichst rücksichtslos gegen Dummheit und Lüge zu sein, denn diese Rücksichtslosigkeit dürfte wohl die vornehmste Aufgabe eines schöngeistigen Schriftstellers darstellen, der es sich manchmal einbildet, nur deshalb zu schreiben, damit die Leut sich selbst erkennen. Erkenne dich bitte selbst! Auf daß du dir jene Heiterkeit erwirbst, die dir deinen Lebens- und Todeskampf erleichtert, indem dich nämlich die liebe Ehrlichkeit gewiß nicht über dich (denn das wäre Einbildung), doch neben und unter dich stellt, so daß du dich immerhin nicht von droben, aber von vorne, hinten, seitwärts und von drunten betrachten kannst! --\"
Es hat schon was mit dieser Zwischenkriegszeit in der Literatur - Marie-Luise Fleißner, Brecht, Horváth, die Manns, Zweig, Werfel, Broch, Musil – wir haben lange warten müssen, bis wir mit Böll, Turrini, Kroetz wieder welche gefunden haben, die uns künstlerisch den Spiegel vorhalten werden. Und erschreckend ist es allemal, wenn wir daran denken müssen, dass soziale Härte, soziale Kälte, soziales Outing auch bei uns eine lange Tradition haben. Und vergessen wir nicht, das liegt nicht an unseren Regierungen, an unseren Unternehmungen, dass liegt ganz alleine an uns.
Einmal ein anderer Apparat- über den Autor erfahren Sie in meinem Bericht „Geschichten aus dem Wienerwald“:
Ein toter Totentanz: Kusej inszeniert Horvaths \"Glaube Liebe Hoffnung\"
Der radikale Kärntner Regisseur Martin Kusej hat am Burgtheater Ödön von Horvaths \"Glaube Liebe Hoffnung\" inszeniert. Der Tenor der Kritik: Kusejs Totentanzbilder wirken etwas routiniert und bringen keine neue Sicht auf Horvath. Lesen Sie Auszüge aus den aktuellen Kritiken:
\"Zwei Stunden lang eine Video-Endlosschleife über dem Bühnenmund projiziert: Regenwolkengedränge im Zeitraffer, bedrohliche Schatten wie von Sauriern oder Bombenflugzeugen. Stimmungsmache, gekünstelte Depression. Martin Kusej entführt die Zuschauer in eine Bilderbuch-Großstadt Anno 1930. In voller Bühnentiefe: eine Halle ähnlich wie eine U-Bahn-Umsteige-Station, mit Säulen wie aus Gußeisen in strenger Ordnung. Über die schwarz geteerte Hinterwand rinnt Wasser. An der Bühnenrampe ein Wassergraben. Hier taucht gleich aller Herren Opferlamm Elisabeth auf. Kusej schickt sie schon ins Wasser, ehe ihre traurige Geschichte passiert. \'Kleinen Totentanz\' hat Horváth mit einem Gerichtssaalreporter geschriebene Szenen-Stakkato genannt. Kusej walzte diesen eiligen Tanz breit und weithin spannungslos zu einem Reigen aus: kein Anfang, kein Ende, kunstgewerblich schöne Aussichtslosigkeit.\"
Hans Haider, Die Presse, 2.11.2002
\"In Kusejs Horváth-Reich geht die Sonne des selbstbestimmten Lebens niemals auf. Er zahlt für seine konsequente, szenenweise erschütternde Lesart aber auch den Höchstpreis: Wer Ödön von Horváths gedrechselte Figurenreden nicht als Notwehrhilfen begreift, nach denen die Menschen begierig greifen, weil ihnen keine Einsicht hilft zu sagen, was sie leiden: Der zieht den Fräuleins, den Schupos, der aasigen Modistin (Kirsten Dene), der an den Strümpfen zupfenden Elendsgenossin Maria (Sabine Haupt) das bisschen Boden unter den Füßen weg, und sie kleben fest. Und kein missratener Schulterbiss (Wölbern) wird als entgleisende Liebkosung an einer Vogelfreien (Rohrer) lesbar. Da ist zu viel szenisches Korsett, wo doch die Leiber hinfällig sind, und die Geister schwach. Höflicher Applaus für eine Arbeit, die man schätzen muss, aber unter gar keinen Umständen lieben kann.\"
Ronald Pohl, Der Standard, 2.11.2002
\"Im Sinn einer besseren Verständlichkeit des Gesamtkunstwerks setzt Kusej [...] überall dicke Ausrufezeichen in dieses Werk, das eigentlich ganz und gar von der brutal unmenschlichen Gemeinheit des Normalfalls erzählt. Skandal! ruft der Regisseur bei jeder Gelegenheit und schickt immer wieder Martin Schwab vor, der das biblische Motto oder Regieanweisungen oder bedeutungsschwangere Gedichte rezitieren muss und am Ende die mit Steinen gefüllte Handtasche der Selbstmöderin leert (damit jedermann sieht, wie verzweifelt einst ihre letzte Handlung gemeint war?). Mit diesen und anderen unmissverständlichen Fingerzeigen denunziert die Aufführung das Stück, in dem die Bibel und weitere sprichtwörtliche Volksmund-Binsenweisheiten zwar auftauchen, aber stets nur als Zeichen für die Pseudo- oder Einbildung gewisser Dummköpfe. Horvath schockiert beiläufig. Kusej hängt das Beiläufige an die grosse Glocke (ja: nebest donnernden Schüssen erklingt schließlich sogar Glockengeläut) und entzieht dem Schock, weil er ihn ausstellt und zudem erklären will, den Effekt.\"
Barbara Villiger Heilig, NZZ, 2.11.02
\"Ein heller, schneller, komischer Tanz zum Tode hin, vom Dramatiker licht und lakonisch hingesetzt. Es ist nicht wichtig, daß Elisabeth untergeht, sondern - daß sie geht. Ihre Sehnsucht nach dem bißchen Glück, ihr toller, witzig-delirierender Kampf - das ist wichtig. Ein Totentanz. Der Akzent liegt auf Tanz. Nicht auf Tod. Beim Regisseur Martin Kusej, erst Anfang vierzig, aber schon ein großer Totengräber des Theaters, dröhnen schwere laute Schläge. In einer Gruft aus gußeisernen Unterweltsbahnhofsäulen, gebaut von Martin Zehetgruber, wo das Totenwasser unaufhörlich von den Wänden riesel und der Himmel nur ein unaufhörlich flimmerndes Video ist, schläfert er die Elisabeth sofort ein. Umgeben von toten Tauben und anderem Aas, tappt Sylvie Rohrer im kleinen schwarzweiß Getigerten als somnambule, nie ganz zurechnungsfähige Lebendtote kurzgeschoren und hysterisch zwischen lemurenhaften Leuten herum, die sich auch so bewegen, als lebten sie unter abgestorbenem Wasser. Amphibien mit bösen Ambitionen.\"
Gerhard Stadelmaier, FAZ, 2.11.02
Quelle: www.literaturhaus.at

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