Erfahrungsbericht von Libraia
Sex Sans Frontières - Houellebecqs neuer Roman "Die Plattform"
Pro:
sehr ironischer Stil, liest sich gut, regt zu Diskussionen an
Kontra:
verharmlost Sextourismus, hat teilweise eine rassistische Tendenz
Empfehlung:
Nein
"Plattform" ist der neue, 2002 auf deutsch erschienene Roman von Frankreichs Skandalautor Nr. 1 Michel Houellebecq. Das Buch ist im DuMont Verlag erschienen, es kostet 24 Euro, die ISBN lautet: 3832156305.
Ich trage mich eigentlich schon lange mit dem Gedanken, ein Buch von Houellebecq (gesprochen: Wellbeck) zu besprechen, da mich sowohl seine "Ausweitung der Kampfzone" als auch "Elementarteilchen" ziemlich fasziniert haben. Da ich aber auch nach längerem Nachdenken nicht richtig sicher bin, ob ich seine Bücher eigentlich gut finde oder nicht, hatte ich bisher davon Abstand genommen.
Nun, bei seinem neuen - nicht nur in Frankreich - sehr erfolgreichen Roman versuche ich es einfach mal mit einer Rezension, auch wenn ich wieder nicht wirklich sicher bin, was ich davon halten soll.
Schon vor der Veröffentlichung in Deutschland konnte man der Tagespresse entnehmen, dass er mit seinem neuesten Buch mal wieder hohe Wellen der Entrüstung und einen mittelprächtigen Skandal verursacht hatte.
Die französische islamische Vereinigung hat eine Klage wegen "Anstiftung zum Rassenhass und zur religiösen Gewalt" gegen ihn laufen. Feministische Gruppen werfen ihm übelsten Sexismus vor.
Vielleicht sollte ich vorab erwähnen, dass H. seit seiner ersten Veröffentlichung mit Vorwürfen, er sei ein Rassist, Sexist, ja gar ein Faschist zu kämpfen hat. Obwohl, was heißt da "er hat zu kämpfen", er widerspricht ja nie direkt, bestätigt den Eindruck allerdings auch nicht. In seinen zahlreichen Interviews spielt er zwar das enfant terrible und provoziert gerne , ich habe eher den Eindruck, er will halt im Gespräch bleiben.
Worum geht es in "Plattform" überhaupt?
Michel (man beachte, der Ich-Erzähler wählt Houellebecqs echten Vornamen) ist Anfang 40, arbeitet im französischen Kultusministerium und lebt ein recht freudloses und langweiliges Leben.
Seine an sich ja interessante Arbeit erfüllt ihn nicht, echtes Interesse an Kultur hat er nicht, er betrachtet das Ganze als Bürojob, der halt gemacht werden muss. Er verbringt seine Tage damit, Akten zu wälzen, sich TV-Serien reinzuziehen, in Peepshows zu gehen, ab und zu mal ein Pornovideo und ansonsten Fastfood...
Wie alle Figuren des Autors ist auch Michel ein Mensch, der nahezu unfähig ist, mit anderen Menschen zu kommunizieren, außer auf einer höchst oberflächlichen Ebene.
Durch den plötzlichen Tod seines Vaters, zu dem er natürlich auch keine tiefe Beziehung hatte, kommt er zu Geld. Sein Vater starb allerdings nicht eines natürlichen Todes, sondern wurde vom Bruder dessen muslimischen Geliebten, der die "Entehrung" rächen wollte, getötet.
Michel beschließt, sich von dem Geld einen schönen Urlaub zu gönnen: er fliegt nach Thailand, mit dem Ziel, das die meisten Männer, die nach Thailand fliegen, halt so haben: billigen und guten Sex mit willigen jungen Asiatinnen.
Während der Urlaubsreise lernt er neben asiatischen Prostituierten eher gezwungenermaßen auch seine Mitreisenden (es sind auch Ehepaare und Frauen darunter, nicht nur alleinstehende Männer) kennen, darunter auch Valerie, eine erfolgreiche junge Frau, die in der Tourismusbranche arbeitet.
Erst nach diesem Urlaub, zurück in Paris, verlieben sich die beiden ineinander. Valerie ist eine Frau, die nicht nur für den Ich-Erzähler Michel sehr ungewöhnlich ist (er sieht sie tatsächlich als Mensch), sondern auch für H.
Valerie ist natürlich ausgesprochen wild auf Sex und allzeit bereit und erfüllt M. alle Träume, die er in erotischer Hinsicht je hatte, aber sie ist auch eigenständig, intelligent und karrierebewusst. Auffällig fand ich, dass Houellebecq sie in einem längeren Kapitel eingehend "vorstellt", der Leser (die Leserin, es soll ja außer mir auch noch andere Frauen geben, die H. lesen) kann sich ein recht gutes Bild von Valerie machen.
Die beiden entwickeln gemeinsam mit Valeries Chef einen "genialen" Plan, um ihre Firma zu einem ungeahnten Erfolg zu verhelfen. Von der (doch ziemlich banalen, wie ich meine) Erkenntnis ausgehend, dass ein guter Urlaub erfüllenden Sex beinhalten muss, wollen sie die Erotik in ihre bereits bestehenden Clubs integrieren. Das sieht dann einfach so aus, dass sowohl weiblichen als auch männlichen Prostituierten Zutritt zu den Clubs gewährt wird. Sie setzen also voll auf Sextourismus und - nach anfänglichen Argumentationsschwierigkeiten (von wegen Moral und so) geben die "Oberen" die Erlaubnis, und der Erfolg ist durchschlagend!
Die Firma schreibt bald schwarze Zahlen, Valerie und Michel sind glücklich, sie schlafen unentwegt miteinander (auch mit anderen natürlich, ein H. ohne Partnertausch und Swingerszene, das geht nun denn doch nicht), bald werden sie auch reich sein und sich in einem Traumland (Thailand muss es sein, da sind sie sich einig) zur Ruhe setzen.
Alles könnte so schön sein, wenn es die bösen Islamisten nicht gäbe!
Durch einen gewaltigen Terroranschlag werden unzählige Urlauber und einheimische Sexarbeiter getötet, Valerie stirbt in Michels Armen, er überlebt, nun einsamer als jemals zuvor.
Was will und Houellebecq mit diesem Buch denn nun eigentlich sagen???
Dass käuflicher Sex ein gutes und ehrliches Tauschgeschäft ist? Zitat" Wenn mehrer hundert Millionen alles haben, bloß kein sexuelles Glück, und mehrere Milliarden nichts haben als ihren Körper, dann ist das eine Situation des idealen Tauschs"
Dass Sex ein Grundbedürfnis ist, das in der westlichen Zivilisation immer weniger befriedigt wird?
Dass echte Liebe extrem selten ist und nicht lange dauert?
Dass Moslems sexfeindlich, bigott und fanatisch sind?
Dass Afrikaner "alles ficken, sogar Dicke"?
Dass Japaner grausam sind und am liebsten Sadomasotechniken mögen?
Dass Frauen meist frigide sind und den Männern das Leben schwer machen?
Das mögen vielleicht keine wörtlichen Zitate sein (müsste sonst so lange suchen im Buch) aber inhaltlich steht das alles so drin. Wenn ich allerdings anfangen wollte zu zitieren, könnte ich bald nicht mehr aufhören, da gab es auch folgendes " Jedesmal wenn ich erfuhr, dass ein palästinensischer Terrorist, ein palästinensisches Kind oder eine schwangere Palästinenserin im Gazastreifen erschossen worden war, durchzuckte mich ein Schauder der Begeisterung bei dem Gedanken, dass es einen Muslim weniger gab."
Eigentlich kein Wunder, dass Houellebecq eine Klage am Hals hat, denke ich...
Mein Fazit
Da mir einiges sehr gut gefallen hat, anderes wiederum absolut nicht, möchte ich mein Fazit etwas genauer ziehen als sonst. Ich beginne mit den negativen Aspekten.
Was missfällt mir an der "Plattform?"
- die abfällige, pauschalisierend Art, in der - meist nur durch fast zu überlesende Nebensätze - über andere Völker und Religionen gesprochen wird.
- -Prostitution wird dargestellt als ein klares freiwilliges Tauschgeschäft. Dass es das nicht immer ist, gerade in Drittweltländern viel weniger als bei uns- wird nahezu nicht erwähnt.
- Auf das Thema Kinderprostitution geht er nur in wenigen Zeilen ein, in denen festgestellt wird, dass in Thailand Sex mit Kindern keine Rolle spielt (mag ja sein, aber was ist mit den anderen Ländern?)
- Dass ich immerzu das Gefühl habe, Houellebecqs Hauptintention ist es , zu provozieren um jeden Preis. Es gefällt ihm, dass sich alle den Kopf darüber zerbrechen, was er nun wirklich denkt, und was er nur sagt, um eine Diskussion anzuregen (so nach dem Motto "solange über mich und meine Bücher gesprochen wird, ist es gut)
- Dass diese banale Idee (besser organisierter Sextourismus) als ein absolutes Novum dargestellt wird
- Dass mal wieder die Moslems (wie zur Zeit immer und überall) als die bösen Buben dargestellt werden, ein sowieso im Westen schon sehr verhärtetes Feindbild wird dadurch bestätigt
- Houellebecq und die Frauen - ein eigenes Thema! Nein, er sieht sie nicht nur als Sexobjekte, das wäre zu viel gesagt, aber doch vornehmlich.
-
- Was gefällt mir an der "Plattform"?
- das Buch liest sich gut und auch recht spannend
- er kann unendlich ironisch sein. Einige Persiflagen auf die Tourismusbranche, auf Menschen eines bestimmten Typus, auf Verleger, auf die typischen Vertreter der westlichen kapitalistischen Managerwelt, sowie auf Pauschaltouristen etc. sind so absolut gelungen, dass ich sehr oft lachen musste.
- Er schreibt relativ häufig pornographische Passagen (kann man nicht anders nennen) und das ist ja nun beileibe nicht leicht. Meist geht so etwas absolut in die Hose, aber ihm gelingt das ganz gut. Kann ich natürlich schwer einschätzen, wie das andere LeserInnen sehen, die Toleranzschwelle ist gerade bei diesem Bereich ja sehr individuell .. Ich finde, Houellebecq kann das !
- Manchmal habe ich den Eindruck, dass hinter diesem kalten, distanzierten, zynischen Menschen, der die Welt und die Menschen vorwiegend nach Nützlichkeit und Tauschbarkeit beurteilt, doch ein großer Moralist steckt: vielleicht möchte er ja wirklich die Finger in eine Wunde legen? Vielleicht möchte er aufmerksam machen auf die zunehmende Vereinzelung, die Kälte, die im kapitalistischen Westen herrscht? Vielleicht möchte er auch auf die Auswüchse fanatischer Religionsausübung deuten (er lässt einmal einen Araber sehr kritisch sprechen über die Hardliner unter den Moslems)???
- Das ist kein Buch, das man so wegliest und gleich wieder vergisst! Es berührt und geht einen etwas an!
- Ach ja, und er kann tatsächlich auch so ganz nebenbei auch noch eine bewegende Liebesgeschichte erzählen.
Abschließend möchte ich nur noch eines sagen: man sollte nicht den Fehler machen, einen Autor völlig mit den im Buch vorkommenden Personen gleich zu setzen. Es gibt so etwas wie künstlerische Freiheit - Houellebecq nutzt sie, vielleicht nutzt er sie auch aus.
An uns ist es, solche Bücher kritisch zu lesen und auch einiges zu verurteilen, aber dass wir sie lesen können, das ist ein Wert an sich.
Ich trage mich eigentlich schon lange mit dem Gedanken, ein Buch von Houellebecq (gesprochen: Wellbeck) zu besprechen, da mich sowohl seine "Ausweitung der Kampfzone" als auch "Elementarteilchen" ziemlich fasziniert haben. Da ich aber auch nach längerem Nachdenken nicht richtig sicher bin, ob ich seine Bücher eigentlich gut finde oder nicht, hatte ich bisher davon Abstand genommen.
Nun, bei seinem neuen - nicht nur in Frankreich - sehr erfolgreichen Roman versuche ich es einfach mal mit einer Rezension, auch wenn ich wieder nicht wirklich sicher bin, was ich davon halten soll.
Schon vor der Veröffentlichung in Deutschland konnte man der Tagespresse entnehmen, dass er mit seinem neuesten Buch mal wieder hohe Wellen der Entrüstung und einen mittelprächtigen Skandal verursacht hatte.
Die französische islamische Vereinigung hat eine Klage wegen "Anstiftung zum Rassenhass und zur religiösen Gewalt" gegen ihn laufen. Feministische Gruppen werfen ihm übelsten Sexismus vor.
Vielleicht sollte ich vorab erwähnen, dass H. seit seiner ersten Veröffentlichung mit Vorwürfen, er sei ein Rassist, Sexist, ja gar ein Faschist zu kämpfen hat. Obwohl, was heißt da "er hat zu kämpfen", er widerspricht ja nie direkt, bestätigt den Eindruck allerdings auch nicht. In seinen zahlreichen Interviews spielt er zwar das enfant terrible und provoziert gerne , ich habe eher den Eindruck, er will halt im Gespräch bleiben.
Worum geht es in "Plattform" überhaupt?
Michel (man beachte, der Ich-Erzähler wählt Houellebecqs echten Vornamen) ist Anfang 40, arbeitet im französischen Kultusministerium und lebt ein recht freudloses und langweiliges Leben.
Seine an sich ja interessante Arbeit erfüllt ihn nicht, echtes Interesse an Kultur hat er nicht, er betrachtet das Ganze als Bürojob, der halt gemacht werden muss. Er verbringt seine Tage damit, Akten zu wälzen, sich TV-Serien reinzuziehen, in Peepshows zu gehen, ab und zu mal ein Pornovideo und ansonsten Fastfood...
Wie alle Figuren des Autors ist auch Michel ein Mensch, der nahezu unfähig ist, mit anderen Menschen zu kommunizieren, außer auf einer höchst oberflächlichen Ebene.
Durch den plötzlichen Tod seines Vaters, zu dem er natürlich auch keine tiefe Beziehung hatte, kommt er zu Geld. Sein Vater starb allerdings nicht eines natürlichen Todes, sondern wurde vom Bruder dessen muslimischen Geliebten, der die "Entehrung" rächen wollte, getötet.
Michel beschließt, sich von dem Geld einen schönen Urlaub zu gönnen: er fliegt nach Thailand, mit dem Ziel, das die meisten Männer, die nach Thailand fliegen, halt so haben: billigen und guten Sex mit willigen jungen Asiatinnen.
Während der Urlaubsreise lernt er neben asiatischen Prostituierten eher gezwungenermaßen auch seine Mitreisenden (es sind auch Ehepaare und Frauen darunter, nicht nur alleinstehende Männer) kennen, darunter auch Valerie, eine erfolgreiche junge Frau, die in der Tourismusbranche arbeitet.
Erst nach diesem Urlaub, zurück in Paris, verlieben sich die beiden ineinander. Valerie ist eine Frau, die nicht nur für den Ich-Erzähler Michel sehr ungewöhnlich ist (er sieht sie tatsächlich als Mensch), sondern auch für H.
Valerie ist natürlich ausgesprochen wild auf Sex und allzeit bereit und erfüllt M. alle Träume, die er in erotischer Hinsicht je hatte, aber sie ist auch eigenständig, intelligent und karrierebewusst. Auffällig fand ich, dass Houellebecq sie in einem längeren Kapitel eingehend "vorstellt", der Leser (die Leserin, es soll ja außer mir auch noch andere Frauen geben, die H. lesen) kann sich ein recht gutes Bild von Valerie machen.
Die beiden entwickeln gemeinsam mit Valeries Chef einen "genialen" Plan, um ihre Firma zu einem ungeahnten Erfolg zu verhelfen. Von der (doch ziemlich banalen, wie ich meine) Erkenntnis ausgehend, dass ein guter Urlaub erfüllenden Sex beinhalten muss, wollen sie die Erotik in ihre bereits bestehenden Clubs integrieren. Das sieht dann einfach so aus, dass sowohl weiblichen als auch männlichen Prostituierten Zutritt zu den Clubs gewährt wird. Sie setzen also voll auf Sextourismus und - nach anfänglichen Argumentationsschwierigkeiten (von wegen Moral und so) geben die "Oberen" die Erlaubnis, und der Erfolg ist durchschlagend!
Die Firma schreibt bald schwarze Zahlen, Valerie und Michel sind glücklich, sie schlafen unentwegt miteinander (auch mit anderen natürlich, ein H. ohne Partnertausch und Swingerszene, das geht nun denn doch nicht), bald werden sie auch reich sein und sich in einem Traumland (Thailand muss es sein, da sind sie sich einig) zur Ruhe setzen.
Alles könnte so schön sein, wenn es die bösen Islamisten nicht gäbe!
Durch einen gewaltigen Terroranschlag werden unzählige Urlauber und einheimische Sexarbeiter getötet, Valerie stirbt in Michels Armen, er überlebt, nun einsamer als jemals zuvor.
Was will und Houellebecq mit diesem Buch denn nun eigentlich sagen???
Dass käuflicher Sex ein gutes und ehrliches Tauschgeschäft ist? Zitat" Wenn mehrer hundert Millionen alles haben, bloß kein sexuelles Glück, und mehrere Milliarden nichts haben als ihren Körper, dann ist das eine Situation des idealen Tauschs"
Dass Sex ein Grundbedürfnis ist, das in der westlichen Zivilisation immer weniger befriedigt wird?
Dass echte Liebe extrem selten ist und nicht lange dauert?
Dass Moslems sexfeindlich, bigott und fanatisch sind?
Dass Afrikaner "alles ficken, sogar Dicke"?
Dass Japaner grausam sind und am liebsten Sadomasotechniken mögen?
Dass Frauen meist frigide sind und den Männern das Leben schwer machen?
Das mögen vielleicht keine wörtlichen Zitate sein (müsste sonst so lange suchen im Buch) aber inhaltlich steht das alles so drin. Wenn ich allerdings anfangen wollte zu zitieren, könnte ich bald nicht mehr aufhören, da gab es auch folgendes " Jedesmal wenn ich erfuhr, dass ein palästinensischer Terrorist, ein palästinensisches Kind oder eine schwangere Palästinenserin im Gazastreifen erschossen worden war, durchzuckte mich ein Schauder der Begeisterung bei dem Gedanken, dass es einen Muslim weniger gab."
Eigentlich kein Wunder, dass Houellebecq eine Klage am Hals hat, denke ich...
Mein Fazit
Da mir einiges sehr gut gefallen hat, anderes wiederum absolut nicht, möchte ich mein Fazit etwas genauer ziehen als sonst. Ich beginne mit den negativen Aspekten.
Was missfällt mir an der "Plattform?"
- die abfällige, pauschalisierend Art, in der - meist nur durch fast zu überlesende Nebensätze - über andere Völker und Religionen gesprochen wird.
- -Prostitution wird dargestellt als ein klares freiwilliges Tauschgeschäft. Dass es das nicht immer ist, gerade in Drittweltländern viel weniger als bei uns- wird nahezu nicht erwähnt.
- Auf das Thema Kinderprostitution geht er nur in wenigen Zeilen ein, in denen festgestellt wird, dass in Thailand Sex mit Kindern keine Rolle spielt (mag ja sein, aber was ist mit den anderen Ländern?)
- Dass ich immerzu das Gefühl habe, Houellebecqs Hauptintention ist es , zu provozieren um jeden Preis. Es gefällt ihm, dass sich alle den Kopf darüber zerbrechen, was er nun wirklich denkt, und was er nur sagt, um eine Diskussion anzuregen (so nach dem Motto "solange über mich und meine Bücher gesprochen wird, ist es gut)
- Dass diese banale Idee (besser organisierter Sextourismus) als ein absolutes Novum dargestellt wird
- Dass mal wieder die Moslems (wie zur Zeit immer und überall) als die bösen Buben dargestellt werden, ein sowieso im Westen schon sehr verhärtetes Feindbild wird dadurch bestätigt
- Houellebecq und die Frauen - ein eigenes Thema! Nein, er sieht sie nicht nur als Sexobjekte, das wäre zu viel gesagt, aber doch vornehmlich.
-
- Was gefällt mir an der "Plattform"?
- das Buch liest sich gut und auch recht spannend
- er kann unendlich ironisch sein. Einige Persiflagen auf die Tourismusbranche, auf Menschen eines bestimmten Typus, auf Verleger, auf die typischen Vertreter der westlichen kapitalistischen Managerwelt, sowie auf Pauschaltouristen etc. sind so absolut gelungen, dass ich sehr oft lachen musste.
- Er schreibt relativ häufig pornographische Passagen (kann man nicht anders nennen) und das ist ja nun beileibe nicht leicht. Meist geht so etwas absolut in die Hose, aber ihm gelingt das ganz gut. Kann ich natürlich schwer einschätzen, wie das andere LeserInnen sehen, die Toleranzschwelle ist gerade bei diesem Bereich ja sehr individuell .. Ich finde, Houellebecq kann das !
- Manchmal habe ich den Eindruck, dass hinter diesem kalten, distanzierten, zynischen Menschen, der die Welt und die Menschen vorwiegend nach Nützlichkeit und Tauschbarkeit beurteilt, doch ein großer Moralist steckt: vielleicht möchte er ja wirklich die Finger in eine Wunde legen? Vielleicht möchte er aufmerksam machen auf die zunehmende Vereinzelung, die Kälte, die im kapitalistischen Westen herrscht? Vielleicht möchte er auch auf die Auswüchse fanatischer Religionsausübung deuten (er lässt einmal einen Araber sehr kritisch sprechen über die Hardliner unter den Moslems)???
- Das ist kein Buch, das man so wegliest und gleich wieder vergisst! Es berührt und geht einen etwas an!
- Ach ja, und er kann tatsächlich auch so ganz nebenbei auch noch eine bewegende Liebesgeschichte erzählen.
Abschließend möchte ich nur noch eines sagen: man sollte nicht den Fehler machen, einen Autor völlig mit den im Buch vorkommenden Personen gleich zu setzen. Es gibt so etwas wie künstlerische Freiheit - Houellebecq nutzt sie, vielleicht nutzt er sie auch aus.
An uns ist es, solche Bücher kritisch zu lesen und auch einiges zu verurteilen, aber dass wir sie lesen können, das ist ein Wert an sich.
14 Bewertungen, 2 Kommentare
-
19.05.2002, 21:27 Uhr von mima007
Bewertung: sehr hilfreichIch finde die Art und Weise, wie du dich mit diesem umstrittenen Buch auseinandersetzt, sehr gut und hilfreich - daher volle Punktzahl:-) CU, mima007
-
20.03.2002, 00:27 Uhr von elektronaut
Bewertung: sehr hilfreichschön geschrieben !

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