Erfahrungsbericht von audicla
Rahel Sanzara: Das verlorene Kind - Anna´s Mörder -
Pro:
sprachlich ausgezeichnet, zart und einfühlsam, schön illustriert
Kontra:
der tiefere Sinne blieb mir verborgen
Empfehlung:
Nein
Anna´s Mörder
Den Roman „Das verlorene Kind“ von Rahel Sanzara habe ich vor vielen Jahren einmal ganz zufällig im Regal einer Freundin entdeckt. Ich las ihn in einem Schwung und war fasziniert und gefangen in dieser doch sehr traurigen Geschichte und gab das Buch nur ungern der Freundin zurück.
Viele Jahre später hatte ich lang schon den Namen dieser heute weithin unbekannten Autorin vergessen, nicht aber das Buch, welches mir schemenhaft in der Erinnerung blieb. Carl Zuckmayr schrieb über dieses Buch: „Das ist ein Buch von der Art, daß man vergißt, es gelesen zu haben, daß man glauben muß, man habe es geträumt oder wachend erlebt.“ Dem kann ich nur zustimmen, es ist mir in Erinnerung geblieben wie ein Traum, den ich einmal hatte.
Nun, viele Jahre später bin ich durch Zufall bei ebay wieder auf dieses Buch gestoßen und habe es ohne Zögern sofort ersteigert. Auch beim nunmehr zweiten Lesen bin ich wieder ebenso schnell in die Geschichte hineingetaucht und habe es in einem Zuge durchgelesen.
Zum Inhalt:
Die Geschichte spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie ist in der Sprache an diese Zeit angelehnt, etwas altertümlich, was jedoch durchaus nicht störend sondern sehr passend und authentisch scheint. Christian B. ist Domänenpächter auf dem Gut Treuen in Norddeutschland. Er ist ein rechtschaffener guter Herr für seine Knechte, Mägde und anderen Arbeiter, wirtschaftet gut und schafft es die heruntergekommene Pacht zu einer einträglichen zu mausern. Er ist bescheiden und fleißig und findet früh eine gute Frau, Martha, die als einfache Magd bei seiner Schwester Klara beschäftigt war. Nach der Heirat bekommen sie zunächst zwei Söhne, da Martha nicht stillen kann wird eine Amme, nämlich Emma auf den Hof geholt, die die beiden Söhne mit aufzieht.
Emma selbst hat bereits einen eigenen Sohn, der aber nicht in Liebe gezeugt, sondern Produkt einer Vergewaltigung ist. Zwar wird der Vergewaltiger gezwungen, Emma zu heiraten, aber dieser graust vor ihm, sie verlässt ihn gemeinsam mit dem Sohn früh und tritt ihre Arbeit in Treuen an. Es scheint, dass sie ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Sohn Fritz hat, denn fast hat sie mehr Liebe und Zuneigung für die fremden Söhne der Herrin, die sie mit aufzieht. Doch ist sie auch nicht schlecht zu Fritz und sorgt für ihn. Obwohl Christian, der Gutsherr und seine Frau Martha Fritz neben ihren Söhnen klaglos dulden, zieht dieser sich von selbst schon früh zurück, arbeitet hart, entwickelt einen fanatischen Ordnungs- und Arbeitssinn und führt das Leben eines Knechtes. Auch kann er menschliche Gesellschaft nur schwer ertragen und lebt zurückgezogen auf dem Gut.
Einige Jahre später bekommen Christian und Martha noch eine kleine Tochter – Anna. Diese wird zu ihrem ganzen Glück. Martha selbst stillt sie, sie hat ihren Schlafplatz im Schlafzimmer der Eltern, welche täglich mit ihr spielen und sie herzen. Anna wächst sorglos heran und wird vom ganzen Hof verwöhnt. Auch und besonders zu Fritz hat sie ein vertrautes Verhältnis. Als sie vier Jahre alt ist jedoch überkommt Fritz im Spiel mit ihr eine seltsame Wandlung und er tötet sie und vergräbt sie in einer Scheune des Hofes.
Nun wird geschildert, wie sich die zuvor herrschende Idylle auf dem Hof und in der Familie nach und nach ins Gegenteil verwandelt. Auf der Suche nach der Tochter und in der Trauer um sie entfernen sich die Eheleute voneinander, der Hof und die Familie zerfallen nach und nach, die Pacht gerät in Schulden. Erst ein volles Jahr später wird die Leiche der kleinen Anna gefunden und noch einmal der Mörder gesucht. Niemand hat Fritz im Verdacht außer Emma, seine Mutter, die instinktiv durch einige Ereignisse der Vergangenheit Misstrauen empfindet und Fritz verdächtigt.
Wie es nun weitergeht soll hier nicht verraten werden.
Es sei nur soviel gesagt, dass die Geschichte der verschiedenen involvierten Personen und des Hofes über ein halbes Jahrhundert nach diesem Mord beschrieben wird.
Das Buch geht zum einen sehr detailliert und realistisch auf die einzelnen Personen ein. Es gibt keine schwarz-weiß-Malerei. Die Person des Mörders Fritz wird in verschiedenen Schattierungen dargestellt und neben den nicht zu leugnenden durchweg bösen Antrieben werden auch seine guten und liebenswerten Seiten dargestellt. Interessant ist auch, wie die verschiedenen Personen mit der Trauer, aber auch mit dem Mörder, der ja all die Zeit mitten unter ihnen gelebt hat, umgehen. Die Autorin geht hier sehr genau vor. So handelt das Buch weniger von dem Mord als solchen, sondern von den endlosen Folgen aneinandergereihter Ereignisse, die er nach sich zieht.
Daneben ist die Zeit und das Leben auf dem Hof historisch interessant geschildert. Rahel Sanzara schildert diese Geschichte in einer zugleich distanziert-realistischen und dann auch wieder blumig-naturalistischen Sprache. Naturereignisse wie der Wechsel und die Auswirkungen der Jahreszeiten lassen uns das Gefühl der eisigen Kälte im Winter und der Dürre im Sommer miterleben.
Viele der geäußerten Gedanken über den Menschen als solchen und in seinen sozialen Bezügen haben auch heute noch Gültigkeit und erscheinen mir aus der frühen Zeit heraus, in der das Buch entstand, als äußerst modern und gleichzeitig weitblickend.
Ach, man muss es einfach gelesen haben.
Zur Autorin:
Rahel Sanzara (welches ein Künstlername ist, in Wirklichkeit handelt es sich um Johanna Bleschke) wurde 1984 in Jena als Tochter eines Berufsmusikers geboren. Sie selbst war auch äußerst musikalisch. Später in Berlin als Verlagsangestellte tätig, lernt sie den Arzt und Schriftsteller Ernst Weiß kennen. Sie ist eine gute Freundin und zeitweilige Lebensgefährtin von ihm. Ernst Weiß wiederum, wenn auch heute nicht so bekannt, hat viele bekannte Romane geschrieben und war Zeitgenosse und bekannt mit solchen Persönlichkeiten wie Kafka und vielen weiteren Schriftstellern dieser Zeit. Rahel Sanzara hingegen macht eine Ausbildung zur Tänzerin und ist in der expressionistischen Musik- und Theaterszene lange Zeit bekannt und gefeiert. Nach mehreren Misserfolgen beginnt sie urplötzlich zu schreiben und bringt dieses Erstlingswerk heraus, welches ein Bestseller wird. Es gibt eine Menge Tamtam um das Buch. Zeitweilig wird Ernst Weiß verdächtigt, dieses Buch selbst geschrieben zu haben und Sanzara des Plagiats beschuldigt, weil sie es einer Reihe von Kriminalfall-Sammlungen entnommen haben soll. Es scheint heute wahrscheinlich, dass sie es selbst verfasst hat, wenn auch die Grundidee zum Buch wohl tatsächlich einer wahren Geschichte entsprungen ist.
Rahel Sanzara hat danach noch zwei weitere Romane und ein Hörspiel verfasst, doch ist heute nur noch dieser Roman von ihr erhältlich. Zwei der Werke gelten als verschollen, das andere wird nicht mehr aufgelegt.
In der Nazizeit werden ihre Bücher (übrigens auch die von Ernst Weiß) von den Nazis verboten. Hauptsächlich, weil sie den „jüdisch“ klingenden Künstlernamen trägt. Da sie nicht mit den Nazis sympathisiert macht sie sich auch nicht die Mühe, diesen Irrtum aufzuklären.
Sie folgt Ernst Weiß nicht, der 1933 ins Exil flüchtet und stirbt wenige Jahre später in Berlin am Krebs.
Das vorliegende Buch erschien erstmals 1926 im Ullstein-Verlag Berlin. Es ist heute als Suhrkamp Taschenbuch erhältlich unter der ISDN-Nr. 6789-9493. Die mir vorliegende Ausgabe aus den 80er Jahren gab es ehemals für 14,00 DM, heute dürfte das Buch wohl etwas teurer sein. Die Geschichte hat knapp 300 Seiten und ein längeres Nachwort über das Leben der Autorin von Peter Engel im Anhang.
Eine exzellent geschriebene und ergreifende Geschichte, die ich jedem empfehlen kann.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-05 21:32:31 mit dem Titel Süskind, Patrick: Das Parfum - Eiskaltes Genie
Eiskaltes Genie
Nicht gerade brandaktuell aber noch immer auf den Bestsellerlisten findet man „Das Parfum“ von Patrick Süskind. Keine Ahnung warum ich bislang immer verpasst hatte es zu lesen. Ich habe es jedenfalls kürzlich nachgeholt und musste feststellen, dass ich mir unter diesem Buch etwas ganz anderes vorgestellt hatte als das, was ich dann zu lesen bekam.
Zunächst zum Autor:
Patrick Süskind wurde 1949 in Ambach geboren. Selbst Sohn eines Journalisten und Erzählers schrieb er nach einem Geschichtsstudium über 10 Jahre lang Drehbücher für das Fernsehen. Daneben war er auch als Bühnenautor tätig. Nachdem er 1985 „Das Parfum“ schrieb wurde er hiermit weltberühmt. Das Buch ist bislang in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden. Seine später folgenden Werke „Die Taube“ (1987) und „Die Geschichte von Herrn Sommer“ (1991) haben jedoch nicht solche Beachtung gefunden.
Zum Inhalt:
„Das Parfum“ trägt sowohl Züge eines historischen als auch eines Kriminal-Romans. Es spielt im 18. Jahrhundert und ist sprachlich dieser Zeit in etwa angepasst, wobei es sich doch zumeist etwas neuzeitlicher liest. Damit will ich sagen, dass beim Lesen des Buches schon deutlich ist, dass es in neuerer Zeit verfasst wurde. Patrick Süskind erzählt die Geschichte von Jean-Baptiste Grenouille (frz. Frosch), der am 17. Juli 1738 in Paris unter erbärmlichen Umständen von einer Marktfrau auf die Welt gebracht wird. Zwischen den Innereien der ausgenommenen Fische findet die Geburt direkt unter dem Marktstand statt. Nur durch sein Geschrei kann der Säugling auf sich aufmerksam machen und wird vor dem sicheren Tod gerettet, den viele seiner Geschwister vor ihm erleiden mussten. Denn die arme und noch junge Mutter hätte ihn einfach dort liegen und sterben lassen. Grenouille kommt zu verschiedenen Ammen, die Mutter aufs Schafott. Doch auch bei den Ammen hat er es nicht leicht. Immer wieder verstoßen sie ihn, denn er hat einen unangenehmen Makel: Ihm fehlt nämlich jeglicher Geruch. Er riecht einfach nach gar nichts, was die Menschen irritiert.
Schließlich findet sich eine Kinderfrau, die ohnehin ihren Geruchssinn verloren hat und zieht ihn ebenso lieblos wie den Rest der ihr anvertrauten Kinder groß.
Von dort geht es zu einem Gerber als Gehilfe, wo er eine der dreckigsten und unbeliebtesten Arbeiten der damaligen Zeit verrichten muss.
Doch Grenouille, der selbst nach nichts riecht, hat eine umso feinere Nase. Schnell merkt er, dass er zum Parfumeur geboren wurde und es gelingt ihm auch bald bei einem solchen in die Lehre zu gehen.
Grenouille ist gefühlskalt und ihm fehlt jede menschliche Regung, möchte man sagen. Das einzige woran er sich berauschen kann und was ihm Lust bereitet, sind die Gerüche. Schon früh tötet er kaltblütig ein Mädchen, nur um dem ihr anhaftenden Geruch habhaft zu werden. Das Verbrechen bleibt ungeklärt und Grenouille auf freiem Fuß.
Als seine Lehrzeit endet, macht er sich zu Fuß auf den Weg zur Stadt Grasse, welche zur damaligen Zeit noch berühmter ist als Paris, was die Parfumherstellung angeht. Dort soll er jedoch erst nach über sieben Jahren ankommen und eine furchtbare Reihe von Morden verüben.
Mehr soll hier für diejenigen, die das Buch noch nicht gelesen haben, nicht verraten werden.
Meine Meinung:
Das Buch lässt sich schwer einem bestimmten Genre unterordnen. Es ist kein richtiger Kriminalroman, aber auch kein wirklicher historischer Roman. Vielfach eher ein fantastischer Roman, der auch märchenähnliche Züge trägt.
Es wird mittlerweile vielfach in Schulen zu Interpretationen und Analysen benutzt, wofür es sich sicherlich auch gut eignet. Jedenfalls erging es mir beim Lesen immer wieder so, dass ich das Gefühl hatte, dass hier vieles übersetzt bzw. richtig gedeutet werden muss, um verstanden zu werden. Insofern ist es kein leichtes Buch. Trotzdem ist es sprachlich gesehen nicht schwer zu lesen.
Der historische Hintergrund ist recht gut und authentisch beschrieben. Über die Geschichte der Parfum-Herstellung habe ich vieles aus diesem Roman erfahren, was mir nicht geläufig war und was ich sehr interessant fand. Ebenso über die Bedingungen denen viele Menschen im damaligen Frankreich unterworfen waren.
Das Buch ist biographisch aufgebaut und erzählt in chronologische Reihenfolge den Werdegang des Grenouille. Dabei ist es schwer eine Beziehung zu ihm als Hauptperson zu finden, weil er dazu einfach zu unmenschlich und zu unsympathisch ist. Ebenso wenig wie er selbst in der Lage ist Beziehungen zu knüpfen, fand ich als Leserin eine Beziehung zu ihm. Doch auch alle anderen Personen dieses Buches sind so negative und wenig sympathische Gestalten, dass eine Identifikation oder auch nur Mitleid schwierig ist. Einzig die Opfer scheinen positive Züge zu haben, werden aber wiederum nicht so ausführlich beschrieben, dass eine tiefergehende Beschäftigung mit ihnen möglich wird.
Dies ist eine Tatsache, die es mir mitunter etwas schwer machte das Buch zu lesen.
Sehr positiv ist mir aufgefallen, dass die Geschichte immer wieder ausgesprochen überraschende Wendungen nimmt, mit denen man absolut nicht gerechnet hat oder gerechnet haben kann. Dies macht sie einmalig und interessant.
Insgesamt fand ich jedoch den ersten Teil bei weitem spannender. Gerade der Mittelteil enthält einige Längen, die das Buch zeitweilig etwas langweilig machen. Erst zum Schluss hin wird es dann wieder etwas spannender.
Dass es solange ein Bestseller war, kann ich mir damit erklären, dass es inhaltlich sehr ungewöhnlich und im Stil guter Literatur geschrieben ist. Allerdings hat es auch Schwächen und es hat mich als Leserin nicht komplett überzeugt.
Daher bewerte ich es hier mit 4 Sternen und nicht mit der Höchstnote.
Das Buch gibt es bei Diogenes als Taschenbuch für 9,90 Euro unter der ISBN-Nr. 3257228007.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-03 08:09:36 mit dem Titel Süskind, Patrick: Die Geschichte von Herrn Sommer - Kleiner Prinz in Unternsee?
Kleiner Prinz in Unternsee?
Nachdem ich erst kürzlich „Das Parfum“ von Patrick Süskind gelesen hatte, kam ich nicht daran vorbei, als ich vor einigen Tagen auf dem Flohmarkt ein weiteres Buch von Süskind sah – „ Die Geschichte von Herrn Sommer“. Ich war einfach neugierig darauf, zu sehen, wie es um Süskinds weitere Werke bestellt ist, die ja nicht solche Furore gemacht haben, und nahm es mit.
Zunächst zum Autor:
Patrick Süskind wurde 1949 in Ambach geboren. Selbst Sohn eines Journalisten und Erzählers schrieb er nach einem Geschichtsstudium über 10 Jahre lang Drehbücher für das Fernsehen. Daneben war er auch als Bühnenautor tätig. Nachdem er 1985 „Das Parfum“ schrieb wurde er hiermit weltberühmt. Das Buch ist bislang in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden.
Daneben hat Süskind aber noch weitere Bücher wie „Die Taube“, „Der Kontrabass“ und „Die Geschichte von Herrn Sommer“ veröffentlicht.
Seine Bücher sind, soweit mir bekannt, alle im Diogenes Verlag erschienen.
„Die Geschichte von Herrn Sommer“ erzählt aus der Sicht eines zunächst noch jungen Erstklässlers Anekdoten, Eindrücke und Gefühle dieses Jungen, der im Verlauf dieser kleinen Geschichte langsam erwachsen wird. Die Geschichte umfasst einen Zeitraum von ca. 10 Jahren. Dies auf nur 129 Seiten, mit nur wenig Text und mit 25 meist 1-seitigen Illustrationen des Franzosen Sempé. Die Illustrationen könnte man vielleicht als eine Art naive Malerei bezeichnen, die ebenso gut ein Kinderbuch schmücken könnten.
So ist auch der Stil der Geschichte gehalten. Man weiß eigentlich nicht: Ist dies nun ein Buch für Erwachsene oder für Kinder. Vielleicht eines für Erwachsenen, die noch ein wenig Kind geblieben sind. Neben der Geschichte des Jungen geht es um Herrn Sommer, einen Mann aus dem Dorf, der laut Aussagen von Eltern und Dorfbewohnern an Klaustrophobie leidet und der ununterbrochen auf Wanderschaft ist und durch die Gegend hetzt. So ist er in 60 km Umkreis allen bekannt, vor allem aber den Kindern, die ihm auf ihren Streifzügen und auf den Wegen zur Schule und nach Hause beständig begegnen. Obgleich alle Herrn Sommer kennen, kennt ihn eigentlich niemand wirklich. Denn kaum jemand hat einmal mit ihm gesprochen. Und als er am Ende der Geschichte den Freitod wählt, dauert es Wochen, bis jemandem auffällt, dass Herr Sommer nicht mehr da ist.
Das Buch ist sprachlich ausgesprochen schön, zart, einfühlsam, aber auch mit viel Witz geschrieben. Es trifft sehr gut die Denkweise von Kindern und Heranwachsenden, ist aber zeitlich und örtlich so angesiedelt, dass einige Themen ein heutiges Stadtkind sicher nicht mehr zu interessieren vermögen. Auf den ersten Seiten, wenn man es liest, erinnert man sich unwillkürlich an die Geschichte vom kleinen Prinzen. Dieses Gefühl verliert sich aber mit der Zeit.
Auch geht es im kleinen Prinzen um eine handfeste Moral. Die Wahrheiten über die menschlichen Schwächen werden dort ja unumstößlich und eigentlich für jeden unmissverständlich aufgegriffen. Die versteckte Philosophie in der Geschichte von Herrn Sommer jedoch ist mir persönlich nicht sofort ins Auge gesprungen. Entweder weil ich mich nicht genug damit beschäftigt habe oder aber weil sie nicht wirklich vorhanden ist.
Sicherlich kann man über Herrn Sommer, seine Krankheit, sein Anderssein und sein Ende rätseln und sich Gedanken darüber machen, zu welchen Einsichten sie den Erzähler dieser Geschichte geführt haben oder ob sie ihm beim Erwachsenwerden und beim Erlangen von Selbstbewusstsein geholfen haben. Auch deutet sich an einer Stelle an, dass das „im Leben bleiben wollen“ des Jungen mit der Beobachtung von Herrn Sommer, der so ein gehetztes angstvolles Leben führt, zu tun hat. Zitat: „Ich verstand nicht mehr, wie ich je auf einen so idiotischen Gedanken hatte kommen können: sich umzubringen wegen eines Nasenpopels! Und hatte ich doch soeben einen Mann gesehen, der sein Leben lang auf der Flucht war vor dem Tod“.
Mir jedenfalls ist der tiefere Sinn dieser kleinen Geschichte leider nicht offenbar geworden.
Deshalb war es für mich nur eine nette amüsante und ausgesprochen gut geschriebene (sprachlich ist es wirklich wunderschön) Geschichte, die ich bedenkenlos auch meinem Sohn weiterreichen kann, nachdem ich sie nun ausgelesen habe.
Die Geschichte hat mich aber nicht derart berührt oder überzeugt, dass ich sie z. B. wie „den kleinen Prinzen“ jemandem schenken würde. Dazu nämlich müsste ich wissen, was Süskind mit der Geschichte wirklich hat sagen wollen.
„Die Geschichte von Herrn Sommer“ gibt es als Diogenes Taschenbuch für 8,90 Euro. ISBN-Nr. lautet 3-257-22664-0
P.S.: Nichtsdestotrotz lasse ich mich gern von Philosophen und Interpreten dieser Geschichte über deren Sinn und Aussage belehren.
Den Roman „Das verlorene Kind“ von Rahel Sanzara habe ich vor vielen Jahren einmal ganz zufällig im Regal einer Freundin entdeckt. Ich las ihn in einem Schwung und war fasziniert und gefangen in dieser doch sehr traurigen Geschichte und gab das Buch nur ungern der Freundin zurück.
Viele Jahre später hatte ich lang schon den Namen dieser heute weithin unbekannten Autorin vergessen, nicht aber das Buch, welches mir schemenhaft in der Erinnerung blieb. Carl Zuckmayr schrieb über dieses Buch: „Das ist ein Buch von der Art, daß man vergißt, es gelesen zu haben, daß man glauben muß, man habe es geträumt oder wachend erlebt.“ Dem kann ich nur zustimmen, es ist mir in Erinnerung geblieben wie ein Traum, den ich einmal hatte.
Nun, viele Jahre später bin ich durch Zufall bei ebay wieder auf dieses Buch gestoßen und habe es ohne Zögern sofort ersteigert. Auch beim nunmehr zweiten Lesen bin ich wieder ebenso schnell in die Geschichte hineingetaucht und habe es in einem Zuge durchgelesen.
Zum Inhalt:
Die Geschichte spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie ist in der Sprache an diese Zeit angelehnt, etwas altertümlich, was jedoch durchaus nicht störend sondern sehr passend und authentisch scheint. Christian B. ist Domänenpächter auf dem Gut Treuen in Norddeutschland. Er ist ein rechtschaffener guter Herr für seine Knechte, Mägde und anderen Arbeiter, wirtschaftet gut und schafft es die heruntergekommene Pacht zu einer einträglichen zu mausern. Er ist bescheiden und fleißig und findet früh eine gute Frau, Martha, die als einfache Magd bei seiner Schwester Klara beschäftigt war. Nach der Heirat bekommen sie zunächst zwei Söhne, da Martha nicht stillen kann wird eine Amme, nämlich Emma auf den Hof geholt, die die beiden Söhne mit aufzieht.
Emma selbst hat bereits einen eigenen Sohn, der aber nicht in Liebe gezeugt, sondern Produkt einer Vergewaltigung ist. Zwar wird der Vergewaltiger gezwungen, Emma zu heiraten, aber dieser graust vor ihm, sie verlässt ihn gemeinsam mit dem Sohn früh und tritt ihre Arbeit in Treuen an. Es scheint, dass sie ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Sohn Fritz hat, denn fast hat sie mehr Liebe und Zuneigung für die fremden Söhne der Herrin, die sie mit aufzieht. Doch ist sie auch nicht schlecht zu Fritz und sorgt für ihn. Obwohl Christian, der Gutsherr und seine Frau Martha Fritz neben ihren Söhnen klaglos dulden, zieht dieser sich von selbst schon früh zurück, arbeitet hart, entwickelt einen fanatischen Ordnungs- und Arbeitssinn und führt das Leben eines Knechtes. Auch kann er menschliche Gesellschaft nur schwer ertragen und lebt zurückgezogen auf dem Gut.
Einige Jahre später bekommen Christian und Martha noch eine kleine Tochter – Anna. Diese wird zu ihrem ganzen Glück. Martha selbst stillt sie, sie hat ihren Schlafplatz im Schlafzimmer der Eltern, welche täglich mit ihr spielen und sie herzen. Anna wächst sorglos heran und wird vom ganzen Hof verwöhnt. Auch und besonders zu Fritz hat sie ein vertrautes Verhältnis. Als sie vier Jahre alt ist jedoch überkommt Fritz im Spiel mit ihr eine seltsame Wandlung und er tötet sie und vergräbt sie in einer Scheune des Hofes.
Nun wird geschildert, wie sich die zuvor herrschende Idylle auf dem Hof und in der Familie nach und nach ins Gegenteil verwandelt. Auf der Suche nach der Tochter und in der Trauer um sie entfernen sich die Eheleute voneinander, der Hof und die Familie zerfallen nach und nach, die Pacht gerät in Schulden. Erst ein volles Jahr später wird die Leiche der kleinen Anna gefunden und noch einmal der Mörder gesucht. Niemand hat Fritz im Verdacht außer Emma, seine Mutter, die instinktiv durch einige Ereignisse der Vergangenheit Misstrauen empfindet und Fritz verdächtigt.
Wie es nun weitergeht soll hier nicht verraten werden.
Es sei nur soviel gesagt, dass die Geschichte der verschiedenen involvierten Personen und des Hofes über ein halbes Jahrhundert nach diesem Mord beschrieben wird.
Das Buch geht zum einen sehr detailliert und realistisch auf die einzelnen Personen ein. Es gibt keine schwarz-weiß-Malerei. Die Person des Mörders Fritz wird in verschiedenen Schattierungen dargestellt und neben den nicht zu leugnenden durchweg bösen Antrieben werden auch seine guten und liebenswerten Seiten dargestellt. Interessant ist auch, wie die verschiedenen Personen mit der Trauer, aber auch mit dem Mörder, der ja all die Zeit mitten unter ihnen gelebt hat, umgehen. Die Autorin geht hier sehr genau vor. So handelt das Buch weniger von dem Mord als solchen, sondern von den endlosen Folgen aneinandergereihter Ereignisse, die er nach sich zieht.
Daneben ist die Zeit und das Leben auf dem Hof historisch interessant geschildert. Rahel Sanzara schildert diese Geschichte in einer zugleich distanziert-realistischen und dann auch wieder blumig-naturalistischen Sprache. Naturereignisse wie der Wechsel und die Auswirkungen der Jahreszeiten lassen uns das Gefühl der eisigen Kälte im Winter und der Dürre im Sommer miterleben.
Viele der geäußerten Gedanken über den Menschen als solchen und in seinen sozialen Bezügen haben auch heute noch Gültigkeit und erscheinen mir aus der frühen Zeit heraus, in der das Buch entstand, als äußerst modern und gleichzeitig weitblickend.
Ach, man muss es einfach gelesen haben.
Zur Autorin:
Rahel Sanzara (welches ein Künstlername ist, in Wirklichkeit handelt es sich um Johanna Bleschke) wurde 1984 in Jena als Tochter eines Berufsmusikers geboren. Sie selbst war auch äußerst musikalisch. Später in Berlin als Verlagsangestellte tätig, lernt sie den Arzt und Schriftsteller Ernst Weiß kennen. Sie ist eine gute Freundin und zeitweilige Lebensgefährtin von ihm. Ernst Weiß wiederum, wenn auch heute nicht so bekannt, hat viele bekannte Romane geschrieben und war Zeitgenosse und bekannt mit solchen Persönlichkeiten wie Kafka und vielen weiteren Schriftstellern dieser Zeit. Rahel Sanzara hingegen macht eine Ausbildung zur Tänzerin und ist in der expressionistischen Musik- und Theaterszene lange Zeit bekannt und gefeiert. Nach mehreren Misserfolgen beginnt sie urplötzlich zu schreiben und bringt dieses Erstlingswerk heraus, welches ein Bestseller wird. Es gibt eine Menge Tamtam um das Buch. Zeitweilig wird Ernst Weiß verdächtigt, dieses Buch selbst geschrieben zu haben und Sanzara des Plagiats beschuldigt, weil sie es einer Reihe von Kriminalfall-Sammlungen entnommen haben soll. Es scheint heute wahrscheinlich, dass sie es selbst verfasst hat, wenn auch die Grundidee zum Buch wohl tatsächlich einer wahren Geschichte entsprungen ist.
Rahel Sanzara hat danach noch zwei weitere Romane und ein Hörspiel verfasst, doch ist heute nur noch dieser Roman von ihr erhältlich. Zwei der Werke gelten als verschollen, das andere wird nicht mehr aufgelegt.
In der Nazizeit werden ihre Bücher (übrigens auch die von Ernst Weiß) von den Nazis verboten. Hauptsächlich, weil sie den „jüdisch“ klingenden Künstlernamen trägt. Da sie nicht mit den Nazis sympathisiert macht sie sich auch nicht die Mühe, diesen Irrtum aufzuklären.
Sie folgt Ernst Weiß nicht, der 1933 ins Exil flüchtet und stirbt wenige Jahre später in Berlin am Krebs.
Das vorliegende Buch erschien erstmals 1926 im Ullstein-Verlag Berlin. Es ist heute als Suhrkamp Taschenbuch erhältlich unter der ISDN-Nr. 6789-9493. Die mir vorliegende Ausgabe aus den 80er Jahren gab es ehemals für 14,00 DM, heute dürfte das Buch wohl etwas teurer sein. Die Geschichte hat knapp 300 Seiten und ein längeres Nachwort über das Leben der Autorin von Peter Engel im Anhang.
Eine exzellent geschriebene und ergreifende Geschichte, die ich jedem empfehlen kann.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-05 21:32:31 mit dem Titel Süskind, Patrick: Das Parfum - Eiskaltes Genie
Eiskaltes Genie
Nicht gerade brandaktuell aber noch immer auf den Bestsellerlisten findet man „Das Parfum“ von Patrick Süskind. Keine Ahnung warum ich bislang immer verpasst hatte es zu lesen. Ich habe es jedenfalls kürzlich nachgeholt und musste feststellen, dass ich mir unter diesem Buch etwas ganz anderes vorgestellt hatte als das, was ich dann zu lesen bekam.
Zunächst zum Autor:
Patrick Süskind wurde 1949 in Ambach geboren. Selbst Sohn eines Journalisten und Erzählers schrieb er nach einem Geschichtsstudium über 10 Jahre lang Drehbücher für das Fernsehen. Daneben war er auch als Bühnenautor tätig. Nachdem er 1985 „Das Parfum“ schrieb wurde er hiermit weltberühmt. Das Buch ist bislang in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden. Seine später folgenden Werke „Die Taube“ (1987) und „Die Geschichte von Herrn Sommer“ (1991) haben jedoch nicht solche Beachtung gefunden.
Zum Inhalt:
„Das Parfum“ trägt sowohl Züge eines historischen als auch eines Kriminal-Romans. Es spielt im 18. Jahrhundert und ist sprachlich dieser Zeit in etwa angepasst, wobei es sich doch zumeist etwas neuzeitlicher liest. Damit will ich sagen, dass beim Lesen des Buches schon deutlich ist, dass es in neuerer Zeit verfasst wurde. Patrick Süskind erzählt die Geschichte von Jean-Baptiste Grenouille (frz. Frosch), der am 17. Juli 1738 in Paris unter erbärmlichen Umständen von einer Marktfrau auf die Welt gebracht wird. Zwischen den Innereien der ausgenommenen Fische findet die Geburt direkt unter dem Marktstand statt. Nur durch sein Geschrei kann der Säugling auf sich aufmerksam machen und wird vor dem sicheren Tod gerettet, den viele seiner Geschwister vor ihm erleiden mussten. Denn die arme und noch junge Mutter hätte ihn einfach dort liegen und sterben lassen. Grenouille kommt zu verschiedenen Ammen, die Mutter aufs Schafott. Doch auch bei den Ammen hat er es nicht leicht. Immer wieder verstoßen sie ihn, denn er hat einen unangenehmen Makel: Ihm fehlt nämlich jeglicher Geruch. Er riecht einfach nach gar nichts, was die Menschen irritiert.
Schließlich findet sich eine Kinderfrau, die ohnehin ihren Geruchssinn verloren hat und zieht ihn ebenso lieblos wie den Rest der ihr anvertrauten Kinder groß.
Von dort geht es zu einem Gerber als Gehilfe, wo er eine der dreckigsten und unbeliebtesten Arbeiten der damaligen Zeit verrichten muss.
Doch Grenouille, der selbst nach nichts riecht, hat eine umso feinere Nase. Schnell merkt er, dass er zum Parfumeur geboren wurde und es gelingt ihm auch bald bei einem solchen in die Lehre zu gehen.
Grenouille ist gefühlskalt und ihm fehlt jede menschliche Regung, möchte man sagen. Das einzige woran er sich berauschen kann und was ihm Lust bereitet, sind die Gerüche. Schon früh tötet er kaltblütig ein Mädchen, nur um dem ihr anhaftenden Geruch habhaft zu werden. Das Verbrechen bleibt ungeklärt und Grenouille auf freiem Fuß.
Als seine Lehrzeit endet, macht er sich zu Fuß auf den Weg zur Stadt Grasse, welche zur damaligen Zeit noch berühmter ist als Paris, was die Parfumherstellung angeht. Dort soll er jedoch erst nach über sieben Jahren ankommen und eine furchtbare Reihe von Morden verüben.
Mehr soll hier für diejenigen, die das Buch noch nicht gelesen haben, nicht verraten werden.
Meine Meinung:
Das Buch lässt sich schwer einem bestimmten Genre unterordnen. Es ist kein richtiger Kriminalroman, aber auch kein wirklicher historischer Roman. Vielfach eher ein fantastischer Roman, der auch märchenähnliche Züge trägt.
Es wird mittlerweile vielfach in Schulen zu Interpretationen und Analysen benutzt, wofür es sich sicherlich auch gut eignet. Jedenfalls erging es mir beim Lesen immer wieder so, dass ich das Gefühl hatte, dass hier vieles übersetzt bzw. richtig gedeutet werden muss, um verstanden zu werden. Insofern ist es kein leichtes Buch. Trotzdem ist es sprachlich gesehen nicht schwer zu lesen.
Der historische Hintergrund ist recht gut und authentisch beschrieben. Über die Geschichte der Parfum-Herstellung habe ich vieles aus diesem Roman erfahren, was mir nicht geläufig war und was ich sehr interessant fand. Ebenso über die Bedingungen denen viele Menschen im damaligen Frankreich unterworfen waren.
Das Buch ist biographisch aufgebaut und erzählt in chronologische Reihenfolge den Werdegang des Grenouille. Dabei ist es schwer eine Beziehung zu ihm als Hauptperson zu finden, weil er dazu einfach zu unmenschlich und zu unsympathisch ist. Ebenso wenig wie er selbst in der Lage ist Beziehungen zu knüpfen, fand ich als Leserin eine Beziehung zu ihm. Doch auch alle anderen Personen dieses Buches sind so negative und wenig sympathische Gestalten, dass eine Identifikation oder auch nur Mitleid schwierig ist. Einzig die Opfer scheinen positive Züge zu haben, werden aber wiederum nicht so ausführlich beschrieben, dass eine tiefergehende Beschäftigung mit ihnen möglich wird.
Dies ist eine Tatsache, die es mir mitunter etwas schwer machte das Buch zu lesen.
Sehr positiv ist mir aufgefallen, dass die Geschichte immer wieder ausgesprochen überraschende Wendungen nimmt, mit denen man absolut nicht gerechnet hat oder gerechnet haben kann. Dies macht sie einmalig und interessant.
Insgesamt fand ich jedoch den ersten Teil bei weitem spannender. Gerade der Mittelteil enthält einige Längen, die das Buch zeitweilig etwas langweilig machen. Erst zum Schluss hin wird es dann wieder etwas spannender.
Dass es solange ein Bestseller war, kann ich mir damit erklären, dass es inhaltlich sehr ungewöhnlich und im Stil guter Literatur geschrieben ist. Allerdings hat es auch Schwächen und es hat mich als Leserin nicht komplett überzeugt.
Daher bewerte ich es hier mit 4 Sternen und nicht mit der Höchstnote.
Das Buch gibt es bei Diogenes als Taschenbuch für 9,90 Euro unter der ISBN-Nr. 3257228007.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-03 08:09:36 mit dem Titel Süskind, Patrick: Die Geschichte von Herrn Sommer - Kleiner Prinz in Unternsee?
Kleiner Prinz in Unternsee?
Nachdem ich erst kürzlich „Das Parfum“ von Patrick Süskind gelesen hatte, kam ich nicht daran vorbei, als ich vor einigen Tagen auf dem Flohmarkt ein weiteres Buch von Süskind sah – „ Die Geschichte von Herrn Sommer“. Ich war einfach neugierig darauf, zu sehen, wie es um Süskinds weitere Werke bestellt ist, die ja nicht solche Furore gemacht haben, und nahm es mit.
Zunächst zum Autor:
Patrick Süskind wurde 1949 in Ambach geboren. Selbst Sohn eines Journalisten und Erzählers schrieb er nach einem Geschichtsstudium über 10 Jahre lang Drehbücher für das Fernsehen. Daneben war er auch als Bühnenautor tätig. Nachdem er 1985 „Das Parfum“ schrieb wurde er hiermit weltberühmt. Das Buch ist bislang in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden.
Daneben hat Süskind aber noch weitere Bücher wie „Die Taube“, „Der Kontrabass“ und „Die Geschichte von Herrn Sommer“ veröffentlicht.
Seine Bücher sind, soweit mir bekannt, alle im Diogenes Verlag erschienen.
„Die Geschichte von Herrn Sommer“ erzählt aus der Sicht eines zunächst noch jungen Erstklässlers Anekdoten, Eindrücke und Gefühle dieses Jungen, der im Verlauf dieser kleinen Geschichte langsam erwachsen wird. Die Geschichte umfasst einen Zeitraum von ca. 10 Jahren. Dies auf nur 129 Seiten, mit nur wenig Text und mit 25 meist 1-seitigen Illustrationen des Franzosen Sempé. Die Illustrationen könnte man vielleicht als eine Art naive Malerei bezeichnen, die ebenso gut ein Kinderbuch schmücken könnten.
So ist auch der Stil der Geschichte gehalten. Man weiß eigentlich nicht: Ist dies nun ein Buch für Erwachsene oder für Kinder. Vielleicht eines für Erwachsenen, die noch ein wenig Kind geblieben sind. Neben der Geschichte des Jungen geht es um Herrn Sommer, einen Mann aus dem Dorf, der laut Aussagen von Eltern und Dorfbewohnern an Klaustrophobie leidet und der ununterbrochen auf Wanderschaft ist und durch die Gegend hetzt. So ist er in 60 km Umkreis allen bekannt, vor allem aber den Kindern, die ihm auf ihren Streifzügen und auf den Wegen zur Schule und nach Hause beständig begegnen. Obgleich alle Herrn Sommer kennen, kennt ihn eigentlich niemand wirklich. Denn kaum jemand hat einmal mit ihm gesprochen. Und als er am Ende der Geschichte den Freitod wählt, dauert es Wochen, bis jemandem auffällt, dass Herr Sommer nicht mehr da ist.
Das Buch ist sprachlich ausgesprochen schön, zart, einfühlsam, aber auch mit viel Witz geschrieben. Es trifft sehr gut die Denkweise von Kindern und Heranwachsenden, ist aber zeitlich und örtlich so angesiedelt, dass einige Themen ein heutiges Stadtkind sicher nicht mehr zu interessieren vermögen. Auf den ersten Seiten, wenn man es liest, erinnert man sich unwillkürlich an die Geschichte vom kleinen Prinzen. Dieses Gefühl verliert sich aber mit der Zeit.
Auch geht es im kleinen Prinzen um eine handfeste Moral. Die Wahrheiten über die menschlichen Schwächen werden dort ja unumstößlich und eigentlich für jeden unmissverständlich aufgegriffen. Die versteckte Philosophie in der Geschichte von Herrn Sommer jedoch ist mir persönlich nicht sofort ins Auge gesprungen. Entweder weil ich mich nicht genug damit beschäftigt habe oder aber weil sie nicht wirklich vorhanden ist.
Sicherlich kann man über Herrn Sommer, seine Krankheit, sein Anderssein und sein Ende rätseln und sich Gedanken darüber machen, zu welchen Einsichten sie den Erzähler dieser Geschichte geführt haben oder ob sie ihm beim Erwachsenwerden und beim Erlangen von Selbstbewusstsein geholfen haben. Auch deutet sich an einer Stelle an, dass das „im Leben bleiben wollen“ des Jungen mit der Beobachtung von Herrn Sommer, der so ein gehetztes angstvolles Leben führt, zu tun hat. Zitat: „Ich verstand nicht mehr, wie ich je auf einen so idiotischen Gedanken hatte kommen können: sich umzubringen wegen eines Nasenpopels! Und hatte ich doch soeben einen Mann gesehen, der sein Leben lang auf der Flucht war vor dem Tod“.
Mir jedenfalls ist der tiefere Sinn dieser kleinen Geschichte leider nicht offenbar geworden.
Deshalb war es für mich nur eine nette amüsante und ausgesprochen gut geschriebene (sprachlich ist es wirklich wunderschön) Geschichte, die ich bedenkenlos auch meinem Sohn weiterreichen kann, nachdem ich sie nun ausgelesen habe.
Die Geschichte hat mich aber nicht derart berührt oder überzeugt, dass ich sie z. B. wie „den kleinen Prinzen“ jemandem schenken würde. Dazu nämlich müsste ich wissen, was Süskind mit der Geschichte wirklich hat sagen wollen.
„Die Geschichte von Herrn Sommer“ gibt es als Diogenes Taschenbuch für 8,90 Euro. ISBN-Nr. lautet 3-257-22664-0
P.S.: Nichtsdestotrotz lasse ich mich gern von Philosophen und Interpreten dieser Geschichte über deren Sinn und Aussage belehren.
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