Mehr zu AutorInnen mit S Testbericht

No-product-image
ab 42,89
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003

Erfahrungsbericht von 2nd_Starlight

Der Duft, der dich hörig macht... \'Das Parfum\', Patrick Süskind

Pro:

sehr originell, unvorhersehbares Ende, Wortwahl

Kontra:

Duftwelt schwer nachvollziehbar, nüchtern

Empfehlung:

Nein

Einleitung
___________________

Einige von Euch werden \'Das Parfüm\' von Süskind wohl kennen und lieber nicht daran erinnert werden, weil sie es im Rahmen des Deutschunterrichts als Pflichtlektüre lesen \'durften\' und gerade aus diesem Grund geraten viele Schüler in eine vorurteilsbehaftete Abwehrhaltung, denn Bücher, die die Schule vorschreibt sind doch langweilig und unmodern.

Nun; ich bin nicht in den Genuss dieser \'Pflichtlektüre\' gekommen, aber als ich mit Beendigung meiner 13-jährigen Schullaufbahn meine verbliebenen Schulbücher weggepackt habe, bin ich über mein nahezu unangetastetes Deutschbuch gestolpert, in dem ich beim durchblättern das erste Kapitel vom besagten Roman vorfand und es äußerst interessant fand. Ergebnis: Als ich Süskinds \'Parfum\' das nächste mal im Supermarkt meines Vertrauens erblickte griff ich zu...

Inhalt
___________________

Jean-Baptiste Grenouille wird 1738 am meist stinkendsten Ort Paris\' unter einer Fischbank geboren - von einer Mutter, die ihn nicht will. Schon die Ammen, in deren Obhut er gegeben wird, finden ihn abscheulich und wollen ihn gleich wieder loswerden...empfinden ihn als teuflisches Wesen (was er im Übrigen auch ist), denn was Grenouille fehlt, was aber der Zugang zu anderen Menschen bedeutet, ist ein Eigengeruch.

Vielleicht aber verdankt er gerade diesem Umstand seine äußerst bemerkenswerte Fähigkeit jeden noch so geringen Duft zu erschnuppern. Das geht soweit, dass sich Grenouille riechend im Dunkeln fortbewegen, jeden Geruch in seine Grundbausteine zerlegen kann und sich in Gedanken neue Düfte erschafft. Gerüche sind seine Welt in die er sich ohne sich zu Langweilen vergraben kann, denn etwas anderes braucht er nicht und Menschen? - die hasst er, wie sie ihn. Seine Lieblingsbeschäftigung ist es alle erdenklichen Düfte zu sammeln und mehr noch: die Größten Düfte zu besitzen sich anzueignen, um sich die Menschheit hörig zu machen...sie zu betrügen, denn sie trauen ihren Augen mehr als ihrer Nase.

Aus diesem Grund reist er durch Frankreich, um zu lernen, wie er sich Gerüche plastisch greifbar macht, um damit arbeiten zu können, denn sein betörendes Endprodukt soll nicht etwa aus trivialen Pflanzendüften zusammengepantscht sein, sondern von jungfräulichen Mädchen stammen, deren äußere Schönheit ihn nicht interessiert, jedoch ihre geruchliche. Und dafür geht er über Leichen!

Kritik
___________________

Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, war ich doch geschockt vom Ende, dass ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten werde. So etwas hatte ich nun doch nicht erwartet, aber ich weiß nicht genau, ob ich es wirklich gut finde. Auf jeden Fall besser als \'American Psycho\', das sich zwar ebenfalls um einen Serientäter dreht, aber zweifellos nicht so originell, unerwartet und nachhaltig ist wie \'Das Parfum\'. Das will schon was heißen.

Auch die Idee mit der Geruchswelt finde ich außergewöhnlich...gut?
Gerüche sind für uns nicht gerade lebenswichtig, aber doch stark beeinflussend. Wir suchen uns Partner unbewusst über deren geruchliche Aura und viele Erinnerungen sind mit Düften verknüpft. Wir nehmen das nur nicht vordergründig wahr und bei den meisten Menschen ist der Geruchssinn abgestumpft gegenüber Feinheiten in unserer von Ersatzstoffen geprägten Umwelt. Wir können oft Düfte nicht bestimmen, einordnen - ähnlich wie der Laie gegenüber dem Feinschmecker mit verbundenen Augen oft nicht erkennt, was er da gerade gegessen hat.

Gerade deshalb ist die Vision in diesem Buch für den Leser so ungreifbar. Er kann die gerüchlichen Konstruktionen nicht nachvollziehen, die Grenouille erschafft oder erricht, obwohl jeder Baustein genannt wird. Ich würde viele nicht erkennen, wenn ich sie vorgesetzt bekäme und manchmal war mir die Zutat schon vom Namen her kein Begriff. Und wenn es um diese einzigartigen Düfte der Mädchen geht und die Auswirkungen von DEM Parfum wird es immer abstrakter.

Auffällig an Süskinds Schreibstil ist die Detailgenauigkeit - besonders der Geruchswelt. Das kann an der ein oder anderen Stelle schon ermüdend wirken. Ich selbst schweife an solchen Stellen immer ab, merke nach einer Seite, dass ich nichts mitbekommen habe und muss von vorn beginnen. Überhaupt ist der Roman nicht spektakulär im Sinne von knallharter Aktion oder nervenzerreißender Spannung. Vielmehr erscheint der Satzbau oft nicht besonders flüssig und die ganze Erzählweise sehr nüchtern. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es kaum Dialoge gibt und der Großteil des Buches von einem übergeordneten Erzähler berichtet wird, der im Übrigen wertet und von Anfang an klar macht, dass Grenouille ein Scheusal ist, obwohl ich gestehen muss, dass Süßkind es nicht verstanden hat, diesen Umstand bei mir in dem Außmaß zu bewirken, wie es vielleicht sein sollte.
Bisher hat es nur Ken Follett geschafft eine Person zu erschaffen, die ich als Leser abgrundtief hasse. Das fehlt mir bei Süßkind...mir kam Grenouille eher wie ein armes Schwein vor, den ich einfach nicht verstanden habe, dazu war die geruchliche Barriere wohl zu groß...und trotzdem hat die Geschichte ihren ganz eigenen Reiz.

Wiederum sehr ansprechend ist die Wortwahl...die reicht von der Fäkalsprache bis zu französischen Fachausdrücken, die ich überlesen musste, da sie schlichtweg zu kompliziert waren. Aber gerade damit wird die Bandbreite der imaginären Duftwelt fassbarer, die in 1000 verschiedenen Facetten existiert von widerlich grob bis fein exquisit, anmutig - eben von vulgärer Ausdrucksweise bis zur elegant klingenden französischen Sprache...

Fazit
___________________

\'Das Parfum\' ist ein Buch bei dem ich mal wieder nicht weiß, wieso es den Status der Schullektüre erreicht hat und in der Fachpresse so hoch gelobt wird, denn ich würde es nicht zu meinen Lieblingsbüchern zuordnen.

Es ist interessant und originell - daran gibt\'s für mich nichts zu deuteln, aber eben nicht so mitreißend, dass ich es an jeden weiterempfehlen würde. Wer Spannung sucht, wird enttäuscht werden und gerade diese abstrakte Geruchswelt, die der Leser einfach nicht ohne weiteres nachvollziehen kann stellt weitere Hürden auf, auch wenn sie ihren Reiz hat.

Wer sich daran nicht stört und einfach gerne liest für den ist \'Das Parfum\' wahrscheinlich schon lesenswert, allein der Originalität wegen.
4 Sterne, weil es in meinen Augen zwar nicht überragend, aber auf keinen Fall Durchschnitt ist.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen...

Eure 2nd_Starlight....:)

25 Bewertungen, 2 Kommentare

  • atrachte

    01.12.2006, 13:35 Uhr von atrachte
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr hilfreich

  • schnitzel

    13.04.2006, 22:56 Uhr von schnitzel
    Bewertung: sehr hilfreich

    *daumen hoch * <br/>