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Erfahrungsbericht von audicla
Walters, Minette: Die Bildhauerin
Pro:
schöne Erzählweise, gute Personendarstellung, feine Ironie
Kontra:
manchmal etwas langatmig
Empfehlung:
Nein
Minette Walters, die lange als Redakteurin in London arbeitete, ehe sie Schriftstellerin wurde,zählt heute zu den bedeutendsten Krimi-Autorinnen der Welt. Für ihren zweiten Roman „Die Bildhauerin“, über den ich hier berichten möchte, erhielt sie den Edgar-Allen-Poe-Preis, zurecht, wie ich meine.
Olive Martin ist vom Strafgericht Winchester zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Sie hat zugegeben ihre Mutter und Schwester auf grausamste Art getötet zu haben. Noch dazu zerstückelte sie anschließend die Leichen.
Olive erregt schnell Abscheu, wenn man ihr begegnet. Sie ist so dick, dass ihr das Gehen Mühe bereitet, alles an ihr ist unförmig und grotesk.
Im Gefängnis ist sie wegen ihrer Ausbrüche gefürchtet. Die Bezeichnung als „Die Bildhauerin“ hat man ihr dort verlieren, weil sie mir Vorliebe Knetpuppen knetet, die sie anschließend mit Nadeln traktiert.
Also wahrlich keine Frau, der man sich gerne nähern oder für die man sich gar einsetzen möchte.
So ist Rosalind Leigh, eine Journalistin die die Hintergründe dieser Mordfälle recherchieren soll, nicht begeistert darüber, Olive im Gefängnis aufsuchen zu müssen.
Obwohl es außerordentlich schwierig ist zu Olive Zugang zu finden, kommen ihr jedoch schnell Zweifel an deren Schuld.
Doch welches Motiv mag Olive gehabt haben, um ein Geständnis abzulegen für eine Tat, die sie nicht begangen hat?
Nach und nach kommt es zu einer Annäherung zwischen Rosalind und Olive, zarte Andeutungen von Sympathie, die aber schnell wieder brüchig werden.
Rosalind sieht, dass es durchaus noch andere Tatverdächtige geben könnte. Da ist der Vater von Olive, der sich beeilte ihr einen Anwalt zu suchen und ein mysteriöser Nachbar. Auch ein ehemaliger Geliebter von Olive taucht auf. Rosalind ermittelt und es gelingt ihr das Rätsel zu lösen und Olive zur Freiheit zu verhelfen.
Meine Meinung:
Ein fantastischer Krimi bester Machart. Spannend vom Anfang bis zum Schluss. Die Beziehung von Rosalind und Olive, die zwischen Annäherung und Ablehnung, Angst und Freude hin- und herschwingt, ist exzellent gezeichnet. Der Leser teilt die Empfindungen der Journalistin, die sich wie ein Pendel zwischen Angst, Grauen, Abneigung und zarter Sympathie bewegen. Von Seite zu Seite wird uns Olive immer liebenswürdiger, nur damit wir kurz darauf in einer Art Tiefschlag wieder größten Ekel vor ihr empfinden.
Die hinter der Tat liegenden Ereignisse einer Familie, die voller Hass und dunkler Geheimnisse stecken, werden nach und nach aufgedeckt und vermitteln uns ein Bild, welches uns zutiefst erschrecken lässt.
Ich habe diesen Roman geliebt und ihn in einem Zug weggelesen. Für mich verdient er absolut eine Bestbewertung.
Wer den Roman auch lesen möchte, kann ihn als Taschenbuch bei Goldmann für ehemals 14,90 DM kaufen, erschienen 1997 (Erstausgabe Deutschland: 1995) unter der ISBN-Nr. 3-442-42462-3.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-03-27 18:21:38 mit dem Titel Walters, Minette: In Flammen
Immer trifft es die Kleinen
Die Engländerin Minette Walters arbeitete lange Zeit als Redakteurin in London, ehe sie zur Schriftstellerin wurde. Seither zählt sie zu den meistgelesenen Schriftstellern überhaupt und hat ein Millionenpublikum. U. a. stammen von Ihr „Im Eishaus“, „Die Bildhauerin“, „Die Schandmaske“ u. v. w..
Im Jahre 2000 erschien ihr Buch „In Flammen“ auf dem deutschen Buchmarkt. Ich hatte zuvor schon einiges von ihr gelesen und was zunächst an diesem Buch besonders auffällt, ist dass es ausgesprochen dünn ist. Mit Gerade einmal 141 Seiten unterscheidet es sich sehr von ihren sonstigen Büchern, die da schon etwas gewichtiger sind.
„In Flammen“ hat sicherlich einen sozialkritischen Hintergrund. In einem Fernsehinterview der Autorin äußerte sie sich, nachdem sie selbst mittlerweile Millionärin durch den Erfolg ihrer Bücher geworden, über ihre politische Grundhaltung. Man kann aus ihren Worten schließen, dass sie politisch sehr sozial eingestellt ist. Sie hat eben ihre Wurzeln nicht vergessen.
So und nun zu diesem Buch:
Als in dem kleinen englischen Dort Sowerbridge zwei alte Damen einem grausamen Raubmord zum Opfer fallen, ist der Hauptverdächtige schnell ausgemacht: Der arbeitslose Ire Patrick O´Riordan wird in Untersuchungshaft genommen.
Tatsächlich hat die Polizei auch genügend Beweise. Man findet nicht nur die Tatwaffe bei ihm sondern auch ein Teil der Beute wird in Patricks Haus gefunden.
Nach der Festnahme geht ein Raunen durch den Ort. Die Familie Patricks war im Dorf noch nie beliebt gewesen. Sie waren nicht nur arme Zugezogene, sondern dazu auch noch Iren. Endlich haben die Dorfbewohner einen Grund, die Familie nun richtig zu schikanieren. So haben Patricks Eltern nach seiner Verhaftung keine ruhige Minute mehr. Immer wieder bitten sie die Polizei um Hilfe, weil sie Angst vor den Nachstellungen durch die Nachbarn haben. Doch die Polizei greift nicht ein, solange nichts passiert ist. Ein paar Drohanrufe reichen ihnen da nicht.
Es gibt nur eine im Dorf, die die ganze Geschichte nicht so recht glauben kann und Patrick für unschuldig hält: die junge Frau Siobhan Lavenham. Immer wieder geht sie zur Polizei und sucht das Gespräch. Sie muss schon bald erkennen, dass sie mit ihrer Meinung im Dorf keine Chance hat. Denn hier geht es nicht um Tatsachen, sondern um lang schwelenden Hass, der nun seinen Ausbruch findet.
Als schließlich das Haus der O´Riodans abbrennt, will niemand etwas damit zu tun gehabt haben, obwohl es ganz offensichtlich ist, dass die Anlieger es rechtzeitig gemerkt haben müssten.
Siobhan Lavenham kämpft gegen Windmühlen und doch nimmt die Geschichte am Ende einen unerwarteten Ausgang und Patrick wird – zumindest teilweise – rehabilitiert.
Meine Meinung:
Wer nach dieser kurzen Einführung denken sollte: Aha, klassische Geschichte. Der arme Patrick und seine Familie als Opfer des Dorfes, vorverurteilt usw. wird sich wundern. Eine Stärke dieses Buch liegt darin, dass es zu mehreren unvorhersehbaren Wendungen kommt und sich Verdachtsmomente pingpongartig hin- und herbewegen.
So macht gerade die Spannung dieses Buches aus, dass wir nie sicher sind, ob die O´Riordons nun tatsächlich Opfer, oder nicht vielleicht auch Täter sind. Der Ausgang des Romans ist dann auch eher überraschend, obgleich es nicht so ist, dass der Leser gar nicht darauf hätte kommen können.
Trotzdem ist es auch eine sozialkritische Studie über das Verhalten einer Dorfgemeinschaft, in der ethnische Beweggründe eine Rolle spielen, aber auch das alte Prinzip des „Sündenbocks“ zu Tage tritt.
Darüber hinaus wird sehr eindrücklich geschildert, wie eine Reihe braver Bürger zum Mob werden können, wenn die allgemeine Stimmung es zulässt.
Einen Krimi mit dieser Thematik zu schreiben, fand ich insofern interessant, aber leider schafft Minette Walteres es nicht, diese Bandbreite an sozialen Studien gleichzeitig mit den Kriminalfällen auf den 140 Seiten erschöpfend darzustellen.
Ich fand, dass gerade so ein Thema ein viel umfangreicheres Buch erfordert hätte und habe mich nach dem Lesen gefragt, ob sie sich da vielleicht ein Thema gesucht hat, dass ihr dann doch eine Nummer zu hoch war. Mir schien es wirklich unbefriedigend und viele Themen sind so kurz angekratzt, dass es in dem Fall besser gewesen wäre, die Finger davon zu lassen.
So sehr ich Minette Walters ansonsten schätze, „Die Bildhauerin“ z. B. war für mich ein grandioses Buch – worüber ich vielleicht auch noch einmal berichten werde – und so sehr ich ihr Ansinnen würdige, soziale Themen zu verarbeiten, habe ich mich bei dem Buch gefragt, was das ganze soll.
Aus diesem Grunde kann ich es, obwohl es spannend und ansonsten auch gut geschrieben ist, nicht ernsthaft empfehlen.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-22 08:23:42 mit dem Titel Widmer, Urs: Der Geliebte der Mutter
Naivität lässt grüßen
Urs Widmer, geb. 1938 in Basel, so lese ich im Inlett des Romans „Der Geliebte der Mutter“ wurde mit Literaturpreisen schon fast überschüttet: Basler Literaturpreis, Mühlheimer Dramatikerpreis, Literaturpreis der Bestenliste des Südwestfunks, um nur einige zu nennen. Ehrlich gesagt, ich hatte vor diesem Buch noch nie von ihm gehört.
„Der Geliebte der Mutter“ sprach mich an. Ein Sohn erzählt die Liebesgeschichte seiner eigenen Mutter – ein spannendes Thema. Ich hatte es ernsthaft erwartet und dabei war es durchtränkt von Ironie. Aber bei allem Leid der dramatisch lebenslang leidenden Mutter blieb mir zuweilen das Lachen im Halse stecken.
Zur Geschichte:
Clara, die Mutter des Erzählers, wächst in einer kargen und strengen Atmosphäre mit Eltern, die sie nicht wollen, auf. Es ist wegen ihrer Art, so wird ihr von diesen immer wieder versichert. Wegen ihrer Art will sie niemand haben. Was denn ihre Art ist und sie so besonders macht, erfahren wir nicht. Alles ist streng und pedantisch in diesem Aufsteigerhaushalt. Der Vater ein erfolgreicher Unternehmer, der sich hochgearbeitet hat. Vielleicht versucht hat, sein Los zu wandeln, dass er mit einem farbigen zugezogenen Großvater gehabt hatte, der seine Hautfarbe in leichter Abschwächung in die weiteren Generationen vererbte.
Zunächst stirbt Claras Mutter, so dass sie an deren Stelle treten und die bedachte Hausdame spielen muss. Sie versucht alles, es ihrem strengen Vater recht zu machen. Nur eine Freude gönnt sie sich und das ist die Musik und Edwin.
Edwin ist zu Beginn arm, lebt von Gelegenheitstätigkeiten und hat den Traum Dirigent zu werden. Er sammelt eine Gruppe größtenteils junger Musiker um sich und gründet das Junge Orchester. Nach anfänglichen Flops wird bald ein zunehmend bekanntes Orchester daraus, was vielleicht mehr der Unkonventionalität zu verdanken ist.
Trotz aller Egozentrik, die Edwin an sich hat, sind bald alle von ihm begeistert und verehren ihn – so auch die Mutter. Hingebungsvoll geht sie bald auf seinen Vorschlag ein, eine Art Mädchen für alles für das Orchester zu werden. Sie nimmt ohne zu überlegen an, so begeistert ist sie von ihm. Viel Geld bekommt sie dafür nicht.
Am „schwarzen Freitag“ 1929 schlägt der Vater morgens die Zeitung auf und erfährt, dass er über Nacht sein gesamtes Vermögen verloren hat. Daraufhin fällt er zu Boden und stirbt. Nun ist auch Clara arm, während Edwin – auch dank ihrer Hilfe – langsam auf dem Weg nach oben ist.
Und so geht es dann weiter: „Edwins Aufstieg und Claras Fall“ könnte man die Geschichte wohl auch nennen. Sie ist blind vor Liebe und Edwin rücksichtslos. Trotz ihrer Schwangerschaft und treuen Hingabe heiratet er eine andere, was Clara nicht daran hindert ihn bis zum Ende zu lieben und zu ihm aufzusehen.
Eine traurig-naive, oft auch lächerlich ironische Geschichte. Schön geschrieben in einer distanzierten etwas altertümlichen Sprache, die zugleich durchaus sinnlich-schön ist.
Wenn man das Buch zu Ende gelesen hat, scheint es einem wie eine einzige Litanei der Unterwerfung und Demütigung. Es macht einen schon wütend, wie arrogant Edwin ist aber ebenso sehr wie dumm die Mutter sich verhält.
Ein sehr interessantes Buch, was für meinen Geschmack ruhig etwas dicker hätte sein können, obwohl ich nicht weiß, ob es mich nach mehr Seiten nicht doch wieder mal nach einer anderen Sprache verlangt hätte.
Ich kann es sehr empfehlen als anspruchsvolle Gegenwartsliteratur, die in dieser Form nicht so häufig anzutreffen ist.
Dass es dabei bleibend in Erinnerung sein wird, glaube ich jedoch nicht.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-23 19:41:35 mit dem Titel Walters, Minette: Die Schandmaske
Verwirrspiel um den Tod einer alten Dame
Minette Walters Roman „Die Schandmaske“ ist ein richtig schöner klassisch-englischer Krimi, der mit Sicherheit ein paar angenehme Schmöker-Abende beschert. Dass er darüber hinaus dem Leser lange oder eindrücklich in Erinnerung bleiben wird, glaube ich nicht, aber dazu später.
Worum geht es?
Die alte Dame Mathilda Gillespie wird tot in ihrer Badewanne aufgefunden. Sie ist vollgepumpt mit Alkohol und Barbituraten, die Pulsadern sind aufgeschnitten und auf ihrem Kopf ist eine altertümliche Maske befestigt und mit Blumen verziert, die man früher dazu gebrauchte Menschen zum Schweigen zu bringen.
Diese sogenannte „Schandmaske“ ist für die meisten Personen, die Mathilda gekannt haben, kein ungewöhnlicher Anblick, handelt es sich doch um ein vererbtes Familienstück, dass man schon vorher in Mathildas Haus als Ausstellungsstück bewundern konnte.
Hat Mathilda, diese alte an Arthritis leidende Frau, die zeitlebens mehr Feinde als Freunde hatte und die sich zuletzt immer mehr von der Bosheit nährte, Selbstmord verübt und das Spiel mit der Maske inszeniert? Wollte sie damit sozusagen ihre eigene Bosheit sühnen? Oder handelt es sich doch um einen Mord. Die Polizei und vor allem Inspektor Cooper rätselt.
Mordmotive gäbe es genug: Das ist ihr Noch-Ehemann, den sie ehemals wegen seiner sexuellen Perversionen nach Hong Kong jagte, aber in eine Scheidung nicht einwilligte. Da sind Tochter und Enkelin, die raffgierig auf das ihnen zustehende Vermögen warten. Da gibt es Frauen, denen sie ehemals die Männer ausspannte und noch viele andere Personen, mit denen Mathilda in der Vergangenheit nicht zimperlich umgegangen war.
Doch als das Testament eröffnet wird, kommt es zu einer Überraschung: Noch wenige Tage vor ihrem Tod hatte Mathilda ihr Testament geändert und ihre junge Ärztin Sarah Blakeney als Alleinerbin eingesetzt. Nun richtet sich der Mordverdacht auf diese und ihren Ehemann, einen erfolglosen Künstler mit allerlei Allüren. Nachdem auch noch bekannt wird, dass er die alte Dame nackt gemalt hatte, scheint er mehr als suspekt.
Mehr will ich noch nicht verraten. Höchstens noch andeuten, dass es daneben auch noch weitere kriminelle Energien und Geschichten gibt, mit denen wir im Laufe des Romans vertraut werden.
Auch wird die Familiengeschichte von Mathilda, die mehr einer allgemeinen Tragödie voller Lug und Betrug und Geheimniskrämerei gleicht, nach und nach aufgedeckt.
Wie mir das Buch gefiel?
Der Roman ist spannend geschrieben, ich konnte ihn schnell wegschmökern und es gab keine Passagen, an denen es langweilig wurde. Auch gleich zu Beginn geht es spannend los und man sollte ihn nicht anfangen, wenn man vorhat nur noch eine halbe Stunde vor dem Einschlafen zu lesen, weil es dann vielleicht eine kurze Nacht wird.
Wie in ihren anderen Romanen auch schafft Minette Walters es, den Leser mit diesem Spannungsbogen mitzureißen. Indem immer neue Personen und Informationen dazugekommen, wird das Ganze immer komplexer, aber noch nachvollziehbar. Allerdings hätte ich mir bei diesem - wie auch schon bei vielen anderen Romanen – gewünscht, dass am Beginn des Buches eine kleine Aufzählung der Personen und wer sie sind stünde, wo man ab und zu mal nachblättern kann, weil ich es mit den Namen immer nicht so habe.
Was ich als schwach empfand, war der Schluss, der letztlich ein wenig an den Haaren herbeigezogen war. Ich finde es immer besser, wenn ich als Leserin aufgrund der mir vorliegenden Informationen auch die Möglichkeit habe, zu kombinieren, wer der Mörder war. Kommt erst zum Schluss die entscheidende Information, ärgere ich mich immer darüber.
Außerdem hat mich manchmal die Art der Dialoge etwas gestört. Sie schien mir mitunter aufgesetzt. Nur weil einer Maler ist muss er doch nicht immer im philosophischen Diskurs reden.
Sarah Blakeney, die Ärztin, war für meinen Geschmack zu gut, zu liebenswert, zu schlau und mit viel zu wenig Macken behaftet, die Personen doch erst echt machen. Ihr Mann hingegen zeitweise als zu schlecht und egozentrisch beschrieben. Ich glaube weder, dass es so durchweg gute wie auch dass es so durchweg schlechte Menschen gibt, wie sie hier beschrieben werden.
Das würde ich als Manko sehen.
Trotzdem Spannung bis zum Schluss, im großen und ganzen ein gelungenes Buch, dass ich als „gut“ bezeichnen würde.
Sicher kein Buch, das große Nachwirkungen hat oder besondere Themen aufgreift. Auch keine Nebenhandlung, aus der Leser eine besondere Art von Bildung hervorziehen können.
Eben ein netter spannender Schmöker, den man ja auch gelegentlich mal braucht.
Das Buch ist 1996 bei Goldmann erschienen. Mir liegt es als Fassung aus dem Bertelsmann-Verlag aus dem Jahr 2000 für 6 Euro vor, bei Goldmann dürfte es etwas teurer sein.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-24 21:14:35 mit dem Titel Weber, Annemarie: Westend - Hilfe, die Russen kommen
Hilfe, die Russen kommen!
Wer zeitgeschichtliches Interesse hat und es dabei vorzieht nicht nur die Datensammlung dieser Zeitgeschichte kennen zu lernen, sondern etwas über den Alltag und das Leben der Menschen in einer bestimmten zeitgeschichtlichen Epoche zu erfahren, für den dürfte das Buch „Westend“ von Annemarie Weber von Interesse sein.
Dieses Buch, welches 1966 bereits erstmalig erschien und 1985 als dtv Taschenbuch nochmals aufgelegt wurde, behandelt das Kriegsende 1945 in Berlin sowie die darauf folgenden Jahre.
Obgleich es sich um einen Roman handelt, liest es sich phasenweise trotzdem wie eine autobiographische Erzählung und dies mag daran liegen, dass die Autorin nicht nur Berlinern ist sondern diese Zeit tatsächlich erlebt hat. Im kurzen Abriss ihrer Lebensgeschichte erfährt man dann auch, dass ihre Lebensgeschichte diverse Überschneidungen mit der Hauptfigur des Romans hat. Somit gehe ich wohl zurecht davon aus, dass es sich um einen Roman mit tatsächlich starken autobiographischen Zügen handelt.
Doch nun zum Inhalt:
Es ist April 1945 und das Kriegsende nähert sich. Alle wissen, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann die Sieger in Berlin einkehren werden. Die Menschen versuchen ihr Hab und Gut zu verstecken, in der vagen Hoffnung, es irgendwann wieder an sich nehmen zu können. So auch Elsa, die Hauptfigur dieses Romans. Elsa lebt allein im heutigen Berlin-Charlottenburg in der Soorstraße. Von ihrem Verlobten hat sie schon längere Zeit nichts mehr gehört, er gilt als im Krieg verschollen. Sie schwört sich ihm Treue zu halten und glaubt daran, dass er noch lebt und irgendwann zu ihr zurückkehren wird. Trotzdem muss sie überleben und sich in dieser schweren Zeit nun selbst durchschlagen.
Dies tut sie auch die ganze Geschichte hindurch und dabei ist sie rational, hat einen enormen Lebenswillen aber auch jede Menge Pragmatismus. Nüchtern und realistisch ist sie und in dieser Sprache ist auch der Roman geschrieben. Nur in den Briefen an ihren Verlobten, die sie weiter unverdrossen schreibt, auch wenn sie diese nirgendwo hin senden kann, spüren wir etwas von der anderen Seite in ihr, der emotionalen, empfindsamen und verletzlichen Seite. Das Leben jedoch und ihren Alltag meistert sie in dieser schweren Zeit mit Bravour. So gerät sie nicht in Panik, auch nicht als man die ersten Geschichten darüber hört, wie die Russen vorgehen, wenn sie erst einmal in die Stadt bzw. Teile davon kommen werden. Von den Vergewaltigungen wird gesprochen, die nun den Frauen drohen – doch Elsa bleibt gefasst.
Es hilft ihr nicht dabei den Vergewaltigungen zu entkommen, oder dem Hunger und der ganzen übrigen Not. Aber sie überlebt und findet immer wieder eine neue Lösung. Da sehen wir dann auch ein ganz anderes Bild als das der ehrrührigen sogenannten „Trümmerfrauen“. Elsa, die zur Zeit dieses beginnenden Wiederaufbaus als nicht gemeldet in einer halben Ruine im ehemals schicken Stadtteil Westend wohnt ist einfach nur froh darüber, dass sie nun niemand zwingen kann sich am Wiederaufbau zu beteiligen. Stattdessen lernt sie lieber russisch, um sich mit den Siegern besser verständigen zu können, wovon sie sich Vorteile erhofft.
Schließlich ziehen die Russen ab und nun sind es die Briten, die Westend verwalten. Endlich sieht Elsa ihre Chance gekommen. War es ihr doch unter den Nationalsozialisten verboten worden ihr hoffnungsvolles Studium zu Abschluss zu bringen, kann sie nun endlich ihre guten Englischkenntnisse anwenden und als Dolmetscherin für die Briten arbeiten. Schließlich und endlich bricht sie dann auch ihre Treuegelöbnis und beginnt eine Beziehung mit einem der Alliierten. Doch ist es Liebe, die sie dazu treibt? Dieser Brite wird es sein, der ihr einmal vorwerfen wird, sie sei eiskalt, doch ist sie das wirklich?
Mehr möchte ich hier noch nicht verraten, um nicht bereits die gesamte Story vorwegzunehmen.
Ich kann immerhin soviel verraten, dass verschiedenste Themen dieser Zeit angesprochen werden bzw. ihr Verlauf im weitergehenden Alltag erzählt werden – so z. B. die Entnazifizierung, jeder will auf einmal nicht dabei gewesen sein und braucht dafür Zeugen und Beglaubigungen.
Dieser Roman vereinigt eine persönliche Geschichte mit den Fragen, die sich aus dieser Zeit ergeben in sehr gelungener Art und Weise. Er wirft Fragen auf, regt zum Nachdenken an. In einer Zeit, da wir nicht hungern oder auf sonstige Weise Not leiden müssen, mag uns manche Vorgehensweise von Elsa tatsächlich als kalt und berechnend erscheinen. Aber vor dem Hintergrund ihrer Zeit war es vielleicht nur kluge Strategie zum Überleben. Aber dies sind Fragen, die das Buch aufwirft, über die jeder, der es lesen wird, selbst in Grübeln kommt.
Es ist dabei nur ein sehr dünnes Buch mit etwas über 200 Seiten und viele Fragen lässt es, wie gesagt, offen. Aber in jedem Fall eine Geschichte, die anders an das Thema herangeht, als zumindest als alles, was ich bisher darüber gelesen habe.
Ich finde es ist wirklich ein sehr gutes Buch, das auch eine gute Bewertung verdient hat und das es auch verdient hat auch 40 Jahre nach seinem Erscheinen noch gelesen zu werden. Ich nehme an, dass es besonders Frauen ansprechen wird – was aber keinen Mann davon abhalten sollte, es einmal zu lesen.
Annemarie Weber, die Autorin, ist 1918 in Berlin geboren worden. Von 1945 – 48 war sie als Dolmetscherin bei der britischen Militärregierung tätig. Später arbeitete sie als Journalistin und Lektorin.
dtv Taschenbuch, ISBN-Nr. 3-423-10375-3, Preis im letzten Jahr: 9,80 DM
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-06 10:33:20 mit dem Titel White, Gillian: Das Ginsterhaus - Psychothriller vom Feinsten
Psychothriller vom Feinsten
Es war mal wieder an der Zeit, dass ich beim Buchclub mein vierteljährliches Pflichtbuch erwerben musste und da ich keine Lust hatte viel Geld auszugeben, stöberte ich also bei den Club-Taschenbüchern. Durch Zufall fiel mein Blick auf den Roman „Das Ginsterhaus“ von Gillian White, einer Autorin, von der ich bislang noch nichts gehört hatte. Die Aufmachung des Covers hatte mich wohl in den Bann gezogen. Zwei reetgedeckte Häuser in einer sumpfigen und nebligen Landschaft, kurz vor der Abenddämmerung, sind darauf abgebildet.
Da ich gerne Krimis und vor allem Psychothriller lese, sprach mich auch der Klappentext an. Also habe ich es einfach mal mitgenommen und war dann auch sehr positiv davon angetan.
Die Autorin Gillian White stammt aus Liverpool. Sie war lange Jahre Journalistin, bevor sie mit dem Schreiben von Büchern begann. Heute lebt sie davon.
In Ihrem Roman „Das Ginsterhaus“, der im Jahr 2000 erstmals in Deutschland erschien und welcher in England wochenlang auf den Bestsellerlisten stand, geht es um die Sozialarbeiterin Georgie Jefferson. Georgie hat gerade eine berufliche Krise hinter sich. Als Sozialarbeiterin hatte sie dem Verdacht der Misshandlung eines kleinen Mädchens nachzugehen. Doch auch nach vielen Besuchen der Familie und Gesprächen mit dem Mädchen kann sich der Verdacht nicht erhärten, so dass sie das Kind in der Familie belässt. Kurze Zeit später wird die Kleine vom Stiefvater getötet. Georgie muss am anschließenden Prozess teilnehmen und wird von den Medien als unfähige Sozialarbeiterin zerrissen.
Kurz darauf verstirbt ihr älterer Bruder, den sie nie persönlich kennen gelernt hat an den Folgen seines übermäßigen Alkoholkonsums. Der frühere Künstler lebte abgeschieden in einem alten Cottage in Dartmoor. Das Haus erbt nun als einzig Hinterbliebene Georgie. Bereits bei ihrer ersten Besichtigung des Hauses macht sie Bekanntschaft mit den wenigen Nachbarn, von denen allesamt unsympathisch, verschlossen und abweisend zu ihr sind. Sie beschließt auch auf Anraten des Anwaltes das Haus umgehend zu verkaufen und hat auch bereits einen Käufer in Sicht.
Zurück in London jedoch schwappen die Wogen ihres beruflichen Fehlers wieder über sie. Spontan entschließt sie sich ihrem Beruf ein Jahr lang den Rücken zu kehren und allein im Cottage ihres Bruders das Jahr zu verbringen. Sie plant das verfallene Haus wieder aufzubauen und es anschließend gewinnbringender zu verkaufen.
So siedelt sie kurz darauf, es ist Frühling, nach Dartmoor über.
Zunächst verbringt sie dort eine fröhliche und energiegeladene Zeit. Sie bekommt häufig Besuch von ihren Freunden, die ihr helfen, das Haus wieder instand zu setzen. Doch immer wieder trifft sie auf die mysteriösen und schwer durchschaubaren Nachbarn. Auch kommt es zu vielen ungewöhnlichen Zwischenfällen, bei denen Georgie das Gefühl hat, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet. War das ausgebrochene Feuer in ihrem Schuppen ein Brandanschlag oder ein Unfall? Wer legte die haarlose Puppe dorthin? Wieso verschwindet ihre Hündin Lola spurlos? Immer häufiger meint Georgie einen Mann in der Ferne auszumachen, der sie beobachtet.
Je näher der Winter kommt, desto seltener kommen ihre Freunde zu Besuch, so dass Georgie schließlich ganz allein im Cottage bleibt. Dann kommt auch noch der Schnee, der es ihr unmöglich macht Dartmoor zu verlassen und ihre Telefon und Stromversorgung abschneidet ...
Das Buch ist wunderbar und spannend zu lesen. Die beruflichen Konflikte gut nachvollziehbar. Die Suche nach dem nie gekannten Bruder geschickt eingepackt in die Rahmenhandlung. Man kann den Wunsch des kurzfristigen Aussteigens und Luftholens gut nachvollziehen und sieht die Entwicklung der Protagonistin mit an.
Doch dann spitzen sich die Konflikte immer mehr zu, so dass sie Spannung zum Schluss hin immer stärker und fast unerträglich wird. Man kann das Buch kaum noch aus der Hand legen, sondern liest wie süchtig weiter. Die Stimmung des nebligen und später schneeverwehten eiskalten Dartmoors ist gut rübergebracht, ebenso das alte zunächst fast schimmlig kalte Haus, was dann immer gemütlicher wird. Fast meint man dort zu sein.
Zum Schluss hin kommen richtige Horror-Elemente dazu, die einem eisige Schauer über den Rücken jagen.
Ein sehr empfehlenswertes Buch, wenn man mal richtig eintauchen will in eine Geschichte. Im Nu hat man es durchgelesen und ist richtiggehend zerschlagen und traurig darüber, dass man nun nicht mehr weiterlesen kann.
Ich werde mir auf jeden Fall jetzt auch mal ein weiteres Buch der Autorin zu Gemüte ziehen.
5 Sterne hat es meiner Meinung nach verdient.
Das Buch gibt es als Goldmann Taschenbuch für 8 Euro unter der ISBN-Nr. 3442445396. Im Buchclub habe ich die Sonderausgabe für 6,60 Euro erstanden.
Viel Spaß beim Lesen wünscht audicla
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-10 14:06:52 mit dem Titel Walters, Minette: Das Echo - Stadtstreicher mit Vergangenheit
Stadtstreicher mit Vergangenheit
Minette Walters gehört für mich zu einer der besten Schriftstellerinnen im Bereich Krimi/Thriller. Von ihrem Buch „Die Bildhauerin“ war ich total begeistert. Auch „Im Eishaus“ und „Die Schandmaske“ fand ich spannend und psychologisch gut aufgebaut. Auf jeden Fall ist sie eine Garantin für gute Schmöker, die man schnell fast wie in einem Zug durchlesen kann, weil sie einfach gut schreibt.
Minette Walters arbeitete bevor sie Schriftstellerin wurde lange Zeit als Redakteurin in London. Sie wurde später mit vielen Literaturpreisen für ihre Romane bedacht.
In dem nicht mehr ganz taufrischen Buch „Das Echo“, welches ich gerade gelesen habe (es erschien 1998 bei Goldmann), verarbeitet sie scheinbar einige ihrer Erfahrungen als langjährige Journalistin. Denn die Hauptperson dieses Roman ist Michael Deacon, ein Journalist, der bei der Londoner Zeitschrift „Street“ arbeitet.
Zum Inhalt:
Amanda Powell, eine erfolgreiche Londoner Architektin, findet eines Tages in ihrem exklusiven Haus an der Themse eine Leiche in ihrer Garage. Direkt neben der Tiefkühltruhe, die sie dort aufbewahrt, liegt die Leiche eines bekannten Stadtstreichers – man findet heraus, dass er verhungert ist. Amanda zeigt sich tief beeindruckt von dieser Geschichte und finanziert auf eigene Kosten die Beerdigung dieses armen Menschen. Daneben beauftragt sie einen Privatdetektiv, der etwas über den Toten herausfinden soll.
Dies wiederum kommt dem Journalisten Deacon zu Ohren, der sich über ihr übermäßiges Interesse an dem Toten wundert und beginnt zu ermitteln. Recht schnell bekommt er zwei verschiedene Dinge heraus:
1. Der Stadtstreicher Billy Blake war nicht der, für den er sich ausgab und noch dazu 15 Jahre jünger.
2. Amanda Powell hieß früher Streeter und ist die Ehefrau von dem vor Jahren verschwundenen und nie wieder aufgetauchten James Streeter.
Schnell liegt der Verdacht nahe, dass Blake und Streeter ein und dieselbe Person sind und Deacon beginnt zu recherchieren.
Bei seiner Recherche helfen ihm der 14jährige Terry, der gemeinsam mit Billy Blake Platte gemacht hat und der verstörte Barry, der in der Redaktion als Fotograf arbeitet (und später wegen unsittlicher Delikte verhaftet werden soll). Aber die Geschichte wird immer komplexer. Immer mehr verschwundene und dubiose Gestalten tauchen auf und es beginnt ein langes Rätsel darum, wie sich das alles verhält.
Erst als eine zweite Leiche in Amandas Garage gefunden wir, beginnen sich die miteinander verwobenen Kriminalfälle langsam zu entwirren.
Soviel zum Inhalt, um nicht zuviel vorwegzunehmen.
Auch dieses Buch von Minette Walters war wieder sehr spannend geschrieben, so dass ich es äußerst schnell durchgelesen hatte, trotz der über 400 Seiten, die dieser Roman hat. Die Geschichte selbst hat mich dabei nicht ganz so überzeugen können, wie es ihre anderen Romane getan haben.
Mitunter fand ich die vielen verschiedenen ungeklärten Kriminalfälle und verschwundenen Personen verwirrend.
Der Journalist Deacon ist äußert gut beschrieben, aber die weiteren Gestalten schienen mir mitunter etwas sehr gewollt und klischeehaft dargestellt.
Für meinen Geschmack hat Minette Walters in diesem Roman zu viele Stränge versucht miteinander zu verknüpfen und sie am Ende nicht so sinnvoll zusammengebracht, wie ich es mir als Leserin gewünscht hätte.
Empfehlen kann ich das Buch wohl, weil es spannend sowie gut und leicht zu lesen ist. Aber eine Bestnote kann ich dem Buch doch nicht geben. Dazu fehlte vielleicht der Kick, den z. B. „Die Bildhauerin“ hatte.
Also gerade noch 4 Sterne – Walters-Fans werden nicht darum herum kommen, wenn sie es noch nicht kennen. Anderen, die die Autorin noch nicht kennen, würde ich eher ihre anderen Bücher (siehe oben) ans Herz legen.
„Das Echo“ gibt es bei Goldmann als Taschenbuch für 8 Euro. ISDN-Nr.: 344244554X.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-13 10:06:52 mit dem Titel Wurtzel, Elizabeth: Verdammte schöne Welt
Verdammte schöne Welt
lautet der deutsche Titel der Autobiographie „prozac nation“ der amerikanischen Journalistin Elizabeth Wurtzel.
Untertitel: Mein Leben mit der Psycho-Pille.
Da mich Lebensberichte, vor allem schwierige Lebensberichte, meist sehr interessieren, bestellte ich mir dieses Buch auf gut Glück vor einigen Monaten bei ebay. Zuvor hatte ich von der Autorin Elizabeth Wurtzel noch nie gehört, habe mich aber vor dem Lesen kundig gemacht:
Die Autorin:
Elizabeth Wurtzel, geboren 1967 in Amerika, hat 1989 in Harvard das Studium der vergleichenden Literaturwissenschaften abgeschlossen. Sie schreibt vorwiegend Rockmusik-Kritiken für diverse amerikanische Zeitschriften. Außerdem hat sie eine Frauenkolumne bei der New York Times Magazine.
Nachdem das vorliegende Buch 1996 in Deutschland erschien, hat sie hier mittlerweile auch durch andere Bücher von sich Reden gemacht. Im Jahr 2000 veröffentlichte sie „Bitch – ein Loblied auf gefährliche Frauen“ bei Goldmann, 2001 kam ihr „Schlampen-Knigge“ bei Piper heraus.
„prozac nation“ oder „Verdammte schöne Welt“ ist eine Autobiographie, in der sie die Jahre 1986 bis 1994 beschreibt. Im Jahr 2000 wurde das Buch als deutsch-amerikanische Produktion unter der Regie von Erk Skjodbjaerg verfilmt und aktuell auf den Münchener Filmfestspielen 2002 präsentiert.
Der Inhalt:
In ihrer Autobiographie beschreibt Elizabeth Wurtzel, wie sich schon früh, im Alter von ca. 11 Jahren erste Depressionen bei ihr einstellen. Nachdem sie sich zuvor als ein hoch intelligentes begabtes und kreatives Mädchen entwickelt hat, nimmt ihr Leben von diesem Zeitpunkt eine entscheidende und negative Wende. Jahrelang treibt sie von einer depressiven Welle zur nächsten, ist kaum studierfähig, arbeitsfähig und erst recht nicht beziehungsfähig. Schon früh schlitterst sie so in alle möglichen Auffälligkeiten hinein, die ein pubertierendes Mädchen nur entwickeln kann. Sie fängt an zu schnippeln (ritzt sich mit der Rasierklinge in die Haut), nimmt alle möglichen Medikamente und später auch Drogen, beginnt wahllose sexuelle Affären, ist aber nicht in der Lage einen Jungen oder Mann über längere Zeit an sich zu binden, weil sie diesen regelmäßig mit der extremen Verlustangst die Luft zum Atmen nimmt.
Obgleich sie recht kontaktreich lebt und viele Dinge der Jugendzeit der 70er und 80er Jahre in den USA erlebt, wie all die anderen, fühlt sie sich doch immer einsam, abgeschnitten vom Lebensfluss und unverstanden.
Schon früh beginnt sie auf Anraten der Schule eine Therapie, die jedoch nicht hilft. Unzählige begonnene Psychotherapien, Klinikaufenthalte, ein Selbstmordversuch – durchbrochen von Phasen extremen Schaffens, Kreativität und Ausfälligkeiten durch übermäßigen Drogen- oder Alkoholkonsum kennzeichnen ihr Auf und Ab. Es will sich trotz aller Bemühungen einfach keine Besserung einstellen. Nach und nach verliert sie ihren Freundeskreis, weil niemand ihr Verhalten und ihre Stimmungen auf Dauer ertragen kann. Erst spät wird sie mit der Diagnose einer atypischen bzw. klinischen Depression konfrontiert, die ihre Erkrankung als eine chronische und schwer behandelbare beschreibt.
Auch die Aufarbeitung der schwierigen Kindheit, pendelnd zwischen überbehütender dominanter und offenbar selbst psychisch gestörter Mutter und einem durch Abwesenheit und große Worte glänzendem Vater, verhilft ihr nicht dazu, die ständigen depressiven Stimmungen zu vertreiben.
So geht es in ihrem Leben trotz vieler offensichtlicher Erfolge – immerhin erhält sie eine Stipendium für die begehrte Harvard-University, hat schon früh Aufträge für Artikel bei namhaften Zeitungen, kann einen London-Aufenthalt organisieren usw., eigentlich immer nur mehr bergab. Oft ist sie gar nicht mehr in der Lage morgens aufzustehen, sie vergrault alle Freunde und kann keiner Sache mehr irgendetwas abgewinnen. Eine große negative Leere und Gleichgültigkeit hat von ihr Besitz ergriffen.
Erst die Behandlung mit dem in Amerika verbreiteten Antidepressivum Prozac (in Deutschland unter dem Handelsnamen Fluctin verbreitet) und weiteren Medikamenten können ihr dazu verhelfen, ein einigermaßen normales Leben zu führen, wenngleich sie auch später immer wieder durch gelegentliche Depressionen aus der Bahn geworfen wird.
Mein Eindruck:
Ein ausgesprochen gut lesbarer, interessant – und trotz des schwierigen Themas – oft spritzig und witzig geschriebener Bericht, der vom Anfang bis zum Ende, nachvollziehbar und authentisch erscheint.
Elizabeth Wurtzel wirbt für das Verständnis der Depression als schwerer Erkrankung und nicht einfach schlechten Verhaltens der Betroffenen. Im Abschluss hält sie nach 6 Jahren des Lebens unter den Medikamenten Rückschau und spricht sich eigentlich sehr für die Medikamente aus, da diese das einzige waren, was ihr langfristig – in Verbindung mit einer Psychotherapie – geholfen haben, ein einigermaßen normales Leben zu führen.
Obwohl dies ein sehr persönliches Buch ist, wird auch ein Eindruck von den Gefühlen und Gedanken der Jugend der 70er und 80er Jahre in den USA vermittelt, der auch in Deutschland gut nachvollziehbar ist. Der Umgang mit Drogen, Rockmusik, Studentenszene u. v. m. werden in ihrem Bericht verarbeitet.
Letztlich betreibt sie im Abschluss-Epilog auch eine soziologische Betrachtung darüber, warum die Krankheit „Depression“ in Amerika und weltweit dermaßen verbreitet ist und sich weiter verbreitet hat.
Trotzdem ließ der Bericht für mich eine noch kritischere Auseinandersetzung darüber, wie es ist, ausschließlich mit die Psyche verändernden Medikamenten zu leben, vermissen. Ich nehme der Autorin ab, dass es für sie das einzig wirklich hilfreiche gewesen ist und verstehe von daher ihre Haltung. Nur kündigt zumindest die deutsche Ausgabe sowohl im Untertitel als auch auf dem Klappentext etwas anderes an. Hier hätte ich mehr Auseinandersetzung erwartet.
Auch ist es so, dass im Buch eigentlich erst in den letzten Kapitel von den Medikamenten die Rede ist. So bekommen wir Leser relativ wenig Einblick darin, wie sich das Leben der Autorin denn tatsächlich zum positiven gewandelt hat. Lediglich der Epilog gibt darüber ein wenig Aufschluss – für meinen Geschmack allerdings zu wenig. Nebenwirkungen usw. werden doch nur recht zögerlich angesprochen – ein Leben mit chronischer Erkrankung und dazu auch chronischer Medikamenteneinnahme ebenso wenig.
Trotz des Fehlens dieser Dinge ist es aber – wie schon gesagt – ein gut lesbares, interessantes und nahegehendes Buch. Ich habe an keiner Stelle gezögert zu glauben, dass sich alles tatsächlich so zugetragen hat, zumindest aus der Sicht und Wahrnehmung der Autorin.
In Deutschland ist das Buch als gebundenes Buch bei Byblos und als Taschenbuch bei DTV herausgekommen (Preis TB 9,75 €). Das Original „prozac nation“ gibt es seit 2002 als TB von Riverhead Books für 15,60 €. ISBN-Nr. 1573229628.
Insgesamt bewerte ich mit „gut“.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-23 19:08:14 mit dem Titel Wassermann, Jakob - Das Gänsemännchen - Der Musiker und die Frauen
Der Musiker und die Frauen
Bei dem Buch „Das Gänsemännchen“ von Jakob Wassermann handelt es sich um die fiktive Biographie eines Musikers und Komponisten, die um das Jahr 1900 herum angesiedelt ist.
Den Autor Jakob Wassermann lernte ich durch sein bekanntes und verfilmtes Buch über Caspar Hauser kennen. Dieses habe ich vor vielen Jahren mit Begeisterung gelesen. Dabei gefiel mir der zwar etwas altertümliche, aber auch schöne Erzählstil von Wassermann ausgesprochen gut.
Jakob Wassermann lebte von 1873 bis 1934 im Süden Deutschlands. Er war gelernter Kaufmann, arbeitete jedoch später als freier Schriftsteller und Redakteur. Neben „Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens“ sind auch seine Bücher „Der Fall Maurizius“ und „Joseph Kerhovens dritte Existenz“ neben weiteren international bekannt geworden.
„Das Gänsemännchen“ wurde erstmals 1915 veröffentlicht.
Doch nun zum Inhalt:
Daniel Nothafft ist von Jugend an musikbegeistert und nicht davon abzuhalten als solcher Karriere zu machen. Geboren in einer Kaufmannsfamilie ist dies für ihn nicht leicht. Nach dem frühen Tod seines Vaters, der seinem Onkel einiges Geld für diesen Fall überlassen hat, damit dieser Frau und Kind angemessen versorgen sollte, unterschlägt der Onkel das Geld und baut sich damit lieber selbst eine Existenz auf. Daniel und dessen Mutter hält er kurz und gibt ihnen nur das zum Leben absolut notwendige. Daniel selbst soll in sein gut laufendes Geschäft einsteigen und später einmal seine schwer vermittelbare Tochter Philippine heiraten.
Doch Daniel hat wie gesagt andere Pläne. Um seinen Traum von der Musikerkarriere wahr zu machen, verlässt er schließlich trotzig seine Mutter, die dafür kein Verständnis zeigt, und nimmt viele Jahre der absoluten Armut in Kauf. Mehr recht als schlecht gelingt es ihm zumindest hin und wieder mit der Musik ein wenig Geld zu verdienen. So zieht er eine Weile mit einer Wanderopfer von Ort zu Ort oder gibt Unterricht.
Daniel wird als ein verschrobener eigensinniger und sehr anti-bürgerlicher Mensch beschrieben. Standesdünkel u. ä. sind ihm fremd, er passt sich seiner Zeit nur schwer an und nur dann, wenn es anders absolut nicht mehr geht. Die Auseinandersetzung mit dem Bürgertum und dessen Auswüchsen von Heuchelei und mehr Schein als Sein ist ein zentrales Thema dieses Romans, der in einer Zeit spielt, wo dies besonders stark war.
So erfolglos Daniel auch mit seiner Musik ist, nicht deshalb weil ihm das Talent fehlt, sondern weil er durch seine mangelnde Anpassung immer wieder Gönner verschreckt und bei den Bürgern aneckt und weil er sich damit auf einem Markt großer Rivalitäten befindet, so erfolgreich ist er bei den Frauen.
Er lernt die Familie Jordan kennen, einen Versicherungsmakler mit seinen beiden Töchtern Gertrud und Lenore. Gertrud und Lenore könnten gar nicht unterschiedlicher sein, als sie sind. Gertrud ist eine von Schwere und Depressivität gezeichnete Frau, die sich in Einsamkeit und überzogene Religiosität geflüchtet hat. Lenore dagegen eine aktive dynamisch und lebensfrohe Person.
Nachdem Daniel sich zunächst gar nicht für Frauen interessiert, verliebt er sich in Gertrud. Zur gleichen Zeit schwängert er, ohne es zu wissen, ein Dienstmädchen. Lenore ist es, die dafür sorgt, dass seine Tochter von seiner Mutter aufgezogen wird. Erst viel später wird er diese kennen lernen. Es kommt zur Hochzeit mit Gertrud, doch schon am Tage dieser weiß er, dass seine wirkliche Liebe eigentlich Lenore gilt – aber es ist scheinbar zu spät. Bald schon entwickelt sich eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung, doch für keine der beiden Beziehungen stehen die Sterne gut.
Daniel bleibt seiner verschrobenen eigensinnigen Art auch in der Ehe und Beziehung treu. Trotzdem gelingt es ihm sowohl die eine als auch die andere der beiden Frauen so zu fesseln, dass dieses alles das tun, was er versäumt. So ist er oft zu stolz, um Kompromisse einzugehen, mit Hilfe derer er die Familie hätte ernähren können. Seine Kompositionen enden in einer verschlossenen Truhe, obwohl sie sich verkaufen ließen – sie sind ihm noch nicht perfekt genug. Bei aller Genialität nimmt er gar nicht wahr, dass die Frauen für alles sorgen. Vor allem Lenore nimmt jeden Job an, arbeitet bis in die Nacht hinein, damit Geld ins Haus kommt.
Doch Glück bringt ihm sein Verhalten nicht ein. Nachdem sich Gertrud eines Tages im Unglück der Betrogenen auf dem Dachboden erhängt und er wenig später Lenore heiratet, stirbt diese keine zwei Jahre später im Wochenbett. Schließlich ist er gezwungen, die willige Philippine als Kindermädchen und Haushälterin zu sich zu holen. Doch diese wird sein Unglück noch vermehren und hat durchaus ihre eigenen Pläne und Motive. Doch zunächst sieht es so aus, als würde sie genauso wie die beiden Frauen vor ihr alles dafür tun, damit Daniel seine Kunst weiter leben kann.
Hier nun beende ich die Inhaltsangabe, damit nicht alles vorweggenommen wird.
Das Buch ist in einer schönen altertümlichen Erzählweise geschrieben, die sich noch Zeit lässt Gesellschaft, verschiedenste Gestalten und Menschen detailliert zu beschreiben.
Mit feiner Ironie nimmt sie verschiedenste Charaktere dieser bürgerlichen Zeit auseinander. So zum Beispiel den Onkel Daniels, der nachdem er diesen um sein Geld geprellt hat, eine ansehnliche Buchhandlung betreibt und als politisch aktiver Sozialist die Arbeiter zu Kunden gewinnt und diese in unsittliche Ratenverträge bindet und ausnimmt. Lange Zeit vergeht bis die Sozialisten ihn nicht mehr haben wollen – doch da wird nur schnell die Fahne in den Wind gedreht und die nächstbeste Gelegenheit genutzt, um mit ähnlichem Eifer den Liberalen beizutreten, die ihn mit Kusshand aufnehmen.
Aber auch andere Personen begegnen uns in diesem Buch, die man mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Schmunzeln besieht und von denen man glaubt, dass man gerade so einen Menschen auch im eigenen Leben schon einmal getroffen hat.
Wassermann verstand sich gut auf die Psychologie und stellt die Gesellschaft mehr über den Einzelnen, über das Subjekt dar.
Obwohl sehr viel in dieser Geschichte passiert, ist sie bisweilen ein wenig langatmig und hat einen Umfang von 550 Seiten. Es mag aber auch daran liegen, dass wir es heute kaum noch gewöhnt sind Geschichten zu lesen, die etwas ruhiger vonstatten gehen in dieser actionreichen Zeit.
Nachdem ich es ausgelesen hatte, habe ich gemerkt, dass es mir viel Stoff zum Weiterdenken geliefert hat und eine tiefere Moral und Sinn in der Geschichte steckt, als ich es zunächst gedacht hatte.
Für diejenigen, die wie ich, zumindest gelegentlich einmal auf die ältere deutsche Literatur zurückgreifen, kann ich es sehr empfehlen.
Ich habe es als dtv Taschenbuch gelesen, ISBN-Nr. 9783423112406 zum ehemaligen Preis von 16,80 DM. Das Buch ist mit einem längeren Nachwort von Fritz Martini versehen, welches etwas Background zum Autor und dessen autobiographischen Zügen gibt, die in der Geschichte verwoben sind.
Insgesamt bewerte ich mit 4 Sternen als gut, mit einer Tendenz zum sehr gut.
Olive Martin ist vom Strafgericht Winchester zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Sie hat zugegeben ihre Mutter und Schwester auf grausamste Art getötet zu haben. Noch dazu zerstückelte sie anschließend die Leichen.
Olive erregt schnell Abscheu, wenn man ihr begegnet. Sie ist so dick, dass ihr das Gehen Mühe bereitet, alles an ihr ist unförmig und grotesk.
Im Gefängnis ist sie wegen ihrer Ausbrüche gefürchtet. Die Bezeichnung als „Die Bildhauerin“ hat man ihr dort verlieren, weil sie mir Vorliebe Knetpuppen knetet, die sie anschließend mit Nadeln traktiert.
Also wahrlich keine Frau, der man sich gerne nähern oder für die man sich gar einsetzen möchte.
So ist Rosalind Leigh, eine Journalistin die die Hintergründe dieser Mordfälle recherchieren soll, nicht begeistert darüber, Olive im Gefängnis aufsuchen zu müssen.
Obwohl es außerordentlich schwierig ist zu Olive Zugang zu finden, kommen ihr jedoch schnell Zweifel an deren Schuld.
Doch welches Motiv mag Olive gehabt haben, um ein Geständnis abzulegen für eine Tat, die sie nicht begangen hat?
Nach und nach kommt es zu einer Annäherung zwischen Rosalind und Olive, zarte Andeutungen von Sympathie, die aber schnell wieder brüchig werden.
Rosalind sieht, dass es durchaus noch andere Tatverdächtige geben könnte. Da ist der Vater von Olive, der sich beeilte ihr einen Anwalt zu suchen und ein mysteriöser Nachbar. Auch ein ehemaliger Geliebter von Olive taucht auf. Rosalind ermittelt und es gelingt ihr das Rätsel zu lösen und Olive zur Freiheit zu verhelfen.
Meine Meinung:
Ein fantastischer Krimi bester Machart. Spannend vom Anfang bis zum Schluss. Die Beziehung von Rosalind und Olive, die zwischen Annäherung und Ablehnung, Angst und Freude hin- und herschwingt, ist exzellent gezeichnet. Der Leser teilt die Empfindungen der Journalistin, die sich wie ein Pendel zwischen Angst, Grauen, Abneigung und zarter Sympathie bewegen. Von Seite zu Seite wird uns Olive immer liebenswürdiger, nur damit wir kurz darauf in einer Art Tiefschlag wieder größten Ekel vor ihr empfinden.
Die hinter der Tat liegenden Ereignisse einer Familie, die voller Hass und dunkler Geheimnisse stecken, werden nach und nach aufgedeckt und vermitteln uns ein Bild, welches uns zutiefst erschrecken lässt.
Ich habe diesen Roman geliebt und ihn in einem Zug weggelesen. Für mich verdient er absolut eine Bestbewertung.
Wer den Roman auch lesen möchte, kann ihn als Taschenbuch bei Goldmann für ehemals 14,90 DM kaufen, erschienen 1997 (Erstausgabe Deutschland: 1995) unter der ISBN-Nr. 3-442-42462-3.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-03-27 18:21:38 mit dem Titel Walters, Minette: In Flammen
Immer trifft es die Kleinen
Die Engländerin Minette Walters arbeitete lange Zeit als Redakteurin in London, ehe sie zur Schriftstellerin wurde. Seither zählt sie zu den meistgelesenen Schriftstellern überhaupt und hat ein Millionenpublikum. U. a. stammen von Ihr „Im Eishaus“, „Die Bildhauerin“, „Die Schandmaske“ u. v. w..
Im Jahre 2000 erschien ihr Buch „In Flammen“ auf dem deutschen Buchmarkt. Ich hatte zuvor schon einiges von ihr gelesen und was zunächst an diesem Buch besonders auffällt, ist dass es ausgesprochen dünn ist. Mit Gerade einmal 141 Seiten unterscheidet es sich sehr von ihren sonstigen Büchern, die da schon etwas gewichtiger sind.
„In Flammen“ hat sicherlich einen sozialkritischen Hintergrund. In einem Fernsehinterview der Autorin äußerte sie sich, nachdem sie selbst mittlerweile Millionärin durch den Erfolg ihrer Bücher geworden, über ihre politische Grundhaltung. Man kann aus ihren Worten schließen, dass sie politisch sehr sozial eingestellt ist. Sie hat eben ihre Wurzeln nicht vergessen.
So und nun zu diesem Buch:
Als in dem kleinen englischen Dort Sowerbridge zwei alte Damen einem grausamen Raubmord zum Opfer fallen, ist der Hauptverdächtige schnell ausgemacht: Der arbeitslose Ire Patrick O´Riordan wird in Untersuchungshaft genommen.
Tatsächlich hat die Polizei auch genügend Beweise. Man findet nicht nur die Tatwaffe bei ihm sondern auch ein Teil der Beute wird in Patricks Haus gefunden.
Nach der Festnahme geht ein Raunen durch den Ort. Die Familie Patricks war im Dorf noch nie beliebt gewesen. Sie waren nicht nur arme Zugezogene, sondern dazu auch noch Iren. Endlich haben die Dorfbewohner einen Grund, die Familie nun richtig zu schikanieren. So haben Patricks Eltern nach seiner Verhaftung keine ruhige Minute mehr. Immer wieder bitten sie die Polizei um Hilfe, weil sie Angst vor den Nachstellungen durch die Nachbarn haben. Doch die Polizei greift nicht ein, solange nichts passiert ist. Ein paar Drohanrufe reichen ihnen da nicht.
Es gibt nur eine im Dorf, die die ganze Geschichte nicht so recht glauben kann und Patrick für unschuldig hält: die junge Frau Siobhan Lavenham. Immer wieder geht sie zur Polizei und sucht das Gespräch. Sie muss schon bald erkennen, dass sie mit ihrer Meinung im Dorf keine Chance hat. Denn hier geht es nicht um Tatsachen, sondern um lang schwelenden Hass, der nun seinen Ausbruch findet.
Als schließlich das Haus der O´Riodans abbrennt, will niemand etwas damit zu tun gehabt haben, obwohl es ganz offensichtlich ist, dass die Anlieger es rechtzeitig gemerkt haben müssten.
Siobhan Lavenham kämpft gegen Windmühlen und doch nimmt die Geschichte am Ende einen unerwarteten Ausgang und Patrick wird – zumindest teilweise – rehabilitiert.
Meine Meinung:
Wer nach dieser kurzen Einführung denken sollte: Aha, klassische Geschichte. Der arme Patrick und seine Familie als Opfer des Dorfes, vorverurteilt usw. wird sich wundern. Eine Stärke dieses Buch liegt darin, dass es zu mehreren unvorhersehbaren Wendungen kommt und sich Verdachtsmomente pingpongartig hin- und herbewegen.
So macht gerade die Spannung dieses Buches aus, dass wir nie sicher sind, ob die O´Riordons nun tatsächlich Opfer, oder nicht vielleicht auch Täter sind. Der Ausgang des Romans ist dann auch eher überraschend, obgleich es nicht so ist, dass der Leser gar nicht darauf hätte kommen können.
Trotzdem ist es auch eine sozialkritische Studie über das Verhalten einer Dorfgemeinschaft, in der ethnische Beweggründe eine Rolle spielen, aber auch das alte Prinzip des „Sündenbocks“ zu Tage tritt.
Darüber hinaus wird sehr eindrücklich geschildert, wie eine Reihe braver Bürger zum Mob werden können, wenn die allgemeine Stimmung es zulässt.
Einen Krimi mit dieser Thematik zu schreiben, fand ich insofern interessant, aber leider schafft Minette Walteres es nicht, diese Bandbreite an sozialen Studien gleichzeitig mit den Kriminalfällen auf den 140 Seiten erschöpfend darzustellen.
Ich fand, dass gerade so ein Thema ein viel umfangreicheres Buch erfordert hätte und habe mich nach dem Lesen gefragt, ob sie sich da vielleicht ein Thema gesucht hat, dass ihr dann doch eine Nummer zu hoch war. Mir schien es wirklich unbefriedigend und viele Themen sind so kurz angekratzt, dass es in dem Fall besser gewesen wäre, die Finger davon zu lassen.
So sehr ich Minette Walters ansonsten schätze, „Die Bildhauerin“ z. B. war für mich ein grandioses Buch – worüber ich vielleicht auch noch einmal berichten werde – und so sehr ich ihr Ansinnen würdige, soziale Themen zu verarbeiten, habe ich mich bei dem Buch gefragt, was das ganze soll.
Aus diesem Grunde kann ich es, obwohl es spannend und ansonsten auch gut geschrieben ist, nicht ernsthaft empfehlen.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-22 08:23:42 mit dem Titel Widmer, Urs: Der Geliebte der Mutter
Naivität lässt grüßen
Urs Widmer, geb. 1938 in Basel, so lese ich im Inlett des Romans „Der Geliebte der Mutter“ wurde mit Literaturpreisen schon fast überschüttet: Basler Literaturpreis, Mühlheimer Dramatikerpreis, Literaturpreis der Bestenliste des Südwestfunks, um nur einige zu nennen. Ehrlich gesagt, ich hatte vor diesem Buch noch nie von ihm gehört.
„Der Geliebte der Mutter“ sprach mich an. Ein Sohn erzählt die Liebesgeschichte seiner eigenen Mutter – ein spannendes Thema. Ich hatte es ernsthaft erwartet und dabei war es durchtränkt von Ironie. Aber bei allem Leid der dramatisch lebenslang leidenden Mutter blieb mir zuweilen das Lachen im Halse stecken.
Zur Geschichte:
Clara, die Mutter des Erzählers, wächst in einer kargen und strengen Atmosphäre mit Eltern, die sie nicht wollen, auf. Es ist wegen ihrer Art, so wird ihr von diesen immer wieder versichert. Wegen ihrer Art will sie niemand haben. Was denn ihre Art ist und sie so besonders macht, erfahren wir nicht. Alles ist streng und pedantisch in diesem Aufsteigerhaushalt. Der Vater ein erfolgreicher Unternehmer, der sich hochgearbeitet hat. Vielleicht versucht hat, sein Los zu wandeln, dass er mit einem farbigen zugezogenen Großvater gehabt hatte, der seine Hautfarbe in leichter Abschwächung in die weiteren Generationen vererbte.
Zunächst stirbt Claras Mutter, so dass sie an deren Stelle treten und die bedachte Hausdame spielen muss. Sie versucht alles, es ihrem strengen Vater recht zu machen. Nur eine Freude gönnt sie sich und das ist die Musik und Edwin.
Edwin ist zu Beginn arm, lebt von Gelegenheitstätigkeiten und hat den Traum Dirigent zu werden. Er sammelt eine Gruppe größtenteils junger Musiker um sich und gründet das Junge Orchester. Nach anfänglichen Flops wird bald ein zunehmend bekanntes Orchester daraus, was vielleicht mehr der Unkonventionalität zu verdanken ist.
Trotz aller Egozentrik, die Edwin an sich hat, sind bald alle von ihm begeistert und verehren ihn – so auch die Mutter. Hingebungsvoll geht sie bald auf seinen Vorschlag ein, eine Art Mädchen für alles für das Orchester zu werden. Sie nimmt ohne zu überlegen an, so begeistert ist sie von ihm. Viel Geld bekommt sie dafür nicht.
Am „schwarzen Freitag“ 1929 schlägt der Vater morgens die Zeitung auf und erfährt, dass er über Nacht sein gesamtes Vermögen verloren hat. Daraufhin fällt er zu Boden und stirbt. Nun ist auch Clara arm, während Edwin – auch dank ihrer Hilfe – langsam auf dem Weg nach oben ist.
Und so geht es dann weiter: „Edwins Aufstieg und Claras Fall“ könnte man die Geschichte wohl auch nennen. Sie ist blind vor Liebe und Edwin rücksichtslos. Trotz ihrer Schwangerschaft und treuen Hingabe heiratet er eine andere, was Clara nicht daran hindert ihn bis zum Ende zu lieben und zu ihm aufzusehen.
Eine traurig-naive, oft auch lächerlich ironische Geschichte. Schön geschrieben in einer distanzierten etwas altertümlichen Sprache, die zugleich durchaus sinnlich-schön ist.
Wenn man das Buch zu Ende gelesen hat, scheint es einem wie eine einzige Litanei der Unterwerfung und Demütigung. Es macht einen schon wütend, wie arrogant Edwin ist aber ebenso sehr wie dumm die Mutter sich verhält.
Ein sehr interessantes Buch, was für meinen Geschmack ruhig etwas dicker hätte sein können, obwohl ich nicht weiß, ob es mich nach mehr Seiten nicht doch wieder mal nach einer anderen Sprache verlangt hätte.
Ich kann es sehr empfehlen als anspruchsvolle Gegenwartsliteratur, die in dieser Form nicht so häufig anzutreffen ist.
Dass es dabei bleibend in Erinnerung sein wird, glaube ich jedoch nicht.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-23 19:41:35 mit dem Titel Walters, Minette: Die Schandmaske
Verwirrspiel um den Tod einer alten Dame
Minette Walters Roman „Die Schandmaske“ ist ein richtig schöner klassisch-englischer Krimi, der mit Sicherheit ein paar angenehme Schmöker-Abende beschert. Dass er darüber hinaus dem Leser lange oder eindrücklich in Erinnerung bleiben wird, glaube ich nicht, aber dazu später.
Worum geht es?
Die alte Dame Mathilda Gillespie wird tot in ihrer Badewanne aufgefunden. Sie ist vollgepumpt mit Alkohol und Barbituraten, die Pulsadern sind aufgeschnitten und auf ihrem Kopf ist eine altertümliche Maske befestigt und mit Blumen verziert, die man früher dazu gebrauchte Menschen zum Schweigen zu bringen.
Diese sogenannte „Schandmaske“ ist für die meisten Personen, die Mathilda gekannt haben, kein ungewöhnlicher Anblick, handelt es sich doch um ein vererbtes Familienstück, dass man schon vorher in Mathildas Haus als Ausstellungsstück bewundern konnte.
Hat Mathilda, diese alte an Arthritis leidende Frau, die zeitlebens mehr Feinde als Freunde hatte und die sich zuletzt immer mehr von der Bosheit nährte, Selbstmord verübt und das Spiel mit der Maske inszeniert? Wollte sie damit sozusagen ihre eigene Bosheit sühnen? Oder handelt es sich doch um einen Mord. Die Polizei und vor allem Inspektor Cooper rätselt.
Mordmotive gäbe es genug: Das ist ihr Noch-Ehemann, den sie ehemals wegen seiner sexuellen Perversionen nach Hong Kong jagte, aber in eine Scheidung nicht einwilligte. Da sind Tochter und Enkelin, die raffgierig auf das ihnen zustehende Vermögen warten. Da gibt es Frauen, denen sie ehemals die Männer ausspannte und noch viele andere Personen, mit denen Mathilda in der Vergangenheit nicht zimperlich umgegangen war.
Doch als das Testament eröffnet wird, kommt es zu einer Überraschung: Noch wenige Tage vor ihrem Tod hatte Mathilda ihr Testament geändert und ihre junge Ärztin Sarah Blakeney als Alleinerbin eingesetzt. Nun richtet sich der Mordverdacht auf diese und ihren Ehemann, einen erfolglosen Künstler mit allerlei Allüren. Nachdem auch noch bekannt wird, dass er die alte Dame nackt gemalt hatte, scheint er mehr als suspekt.
Mehr will ich noch nicht verraten. Höchstens noch andeuten, dass es daneben auch noch weitere kriminelle Energien und Geschichten gibt, mit denen wir im Laufe des Romans vertraut werden.
Auch wird die Familiengeschichte von Mathilda, die mehr einer allgemeinen Tragödie voller Lug und Betrug und Geheimniskrämerei gleicht, nach und nach aufgedeckt.
Wie mir das Buch gefiel?
Der Roman ist spannend geschrieben, ich konnte ihn schnell wegschmökern und es gab keine Passagen, an denen es langweilig wurde. Auch gleich zu Beginn geht es spannend los und man sollte ihn nicht anfangen, wenn man vorhat nur noch eine halbe Stunde vor dem Einschlafen zu lesen, weil es dann vielleicht eine kurze Nacht wird.
Wie in ihren anderen Romanen auch schafft Minette Walters es, den Leser mit diesem Spannungsbogen mitzureißen. Indem immer neue Personen und Informationen dazugekommen, wird das Ganze immer komplexer, aber noch nachvollziehbar. Allerdings hätte ich mir bei diesem - wie auch schon bei vielen anderen Romanen – gewünscht, dass am Beginn des Buches eine kleine Aufzählung der Personen und wer sie sind stünde, wo man ab und zu mal nachblättern kann, weil ich es mit den Namen immer nicht so habe.
Was ich als schwach empfand, war der Schluss, der letztlich ein wenig an den Haaren herbeigezogen war. Ich finde es immer besser, wenn ich als Leserin aufgrund der mir vorliegenden Informationen auch die Möglichkeit habe, zu kombinieren, wer der Mörder war. Kommt erst zum Schluss die entscheidende Information, ärgere ich mich immer darüber.
Außerdem hat mich manchmal die Art der Dialoge etwas gestört. Sie schien mir mitunter aufgesetzt. Nur weil einer Maler ist muss er doch nicht immer im philosophischen Diskurs reden.
Sarah Blakeney, die Ärztin, war für meinen Geschmack zu gut, zu liebenswert, zu schlau und mit viel zu wenig Macken behaftet, die Personen doch erst echt machen. Ihr Mann hingegen zeitweise als zu schlecht und egozentrisch beschrieben. Ich glaube weder, dass es so durchweg gute wie auch dass es so durchweg schlechte Menschen gibt, wie sie hier beschrieben werden.
Das würde ich als Manko sehen.
Trotzdem Spannung bis zum Schluss, im großen und ganzen ein gelungenes Buch, dass ich als „gut“ bezeichnen würde.
Sicher kein Buch, das große Nachwirkungen hat oder besondere Themen aufgreift. Auch keine Nebenhandlung, aus der Leser eine besondere Art von Bildung hervorziehen können.
Eben ein netter spannender Schmöker, den man ja auch gelegentlich mal braucht.
Das Buch ist 1996 bei Goldmann erschienen. Mir liegt es als Fassung aus dem Bertelsmann-Verlag aus dem Jahr 2000 für 6 Euro vor, bei Goldmann dürfte es etwas teurer sein.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-24 21:14:35 mit dem Titel Weber, Annemarie: Westend - Hilfe, die Russen kommen
Hilfe, die Russen kommen!
Wer zeitgeschichtliches Interesse hat und es dabei vorzieht nicht nur die Datensammlung dieser Zeitgeschichte kennen zu lernen, sondern etwas über den Alltag und das Leben der Menschen in einer bestimmten zeitgeschichtlichen Epoche zu erfahren, für den dürfte das Buch „Westend“ von Annemarie Weber von Interesse sein.
Dieses Buch, welches 1966 bereits erstmalig erschien und 1985 als dtv Taschenbuch nochmals aufgelegt wurde, behandelt das Kriegsende 1945 in Berlin sowie die darauf folgenden Jahre.
Obgleich es sich um einen Roman handelt, liest es sich phasenweise trotzdem wie eine autobiographische Erzählung und dies mag daran liegen, dass die Autorin nicht nur Berlinern ist sondern diese Zeit tatsächlich erlebt hat. Im kurzen Abriss ihrer Lebensgeschichte erfährt man dann auch, dass ihre Lebensgeschichte diverse Überschneidungen mit der Hauptfigur des Romans hat. Somit gehe ich wohl zurecht davon aus, dass es sich um einen Roman mit tatsächlich starken autobiographischen Zügen handelt.
Doch nun zum Inhalt:
Es ist April 1945 und das Kriegsende nähert sich. Alle wissen, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann die Sieger in Berlin einkehren werden. Die Menschen versuchen ihr Hab und Gut zu verstecken, in der vagen Hoffnung, es irgendwann wieder an sich nehmen zu können. So auch Elsa, die Hauptfigur dieses Romans. Elsa lebt allein im heutigen Berlin-Charlottenburg in der Soorstraße. Von ihrem Verlobten hat sie schon längere Zeit nichts mehr gehört, er gilt als im Krieg verschollen. Sie schwört sich ihm Treue zu halten und glaubt daran, dass er noch lebt und irgendwann zu ihr zurückkehren wird. Trotzdem muss sie überleben und sich in dieser schweren Zeit nun selbst durchschlagen.
Dies tut sie auch die ganze Geschichte hindurch und dabei ist sie rational, hat einen enormen Lebenswillen aber auch jede Menge Pragmatismus. Nüchtern und realistisch ist sie und in dieser Sprache ist auch der Roman geschrieben. Nur in den Briefen an ihren Verlobten, die sie weiter unverdrossen schreibt, auch wenn sie diese nirgendwo hin senden kann, spüren wir etwas von der anderen Seite in ihr, der emotionalen, empfindsamen und verletzlichen Seite. Das Leben jedoch und ihren Alltag meistert sie in dieser schweren Zeit mit Bravour. So gerät sie nicht in Panik, auch nicht als man die ersten Geschichten darüber hört, wie die Russen vorgehen, wenn sie erst einmal in die Stadt bzw. Teile davon kommen werden. Von den Vergewaltigungen wird gesprochen, die nun den Frauen drohen – doch Elsa bleibt gefasst.
Es hilft ihr nicht dabei den Vergewaltigungen zu entkommen, oder dem Hunger und der ganzen übrigen Not. Aber sie überlebt und findet immer wieder eine neue Lösung. Da sehen wir dann auch ein ganz anderes Bild als das der ehrrührigen sogenannten „Trümmerfrauen“. Elsa, die zur Zeit dieses beginnenden Wiederaufbaus als nicht gemeldet in einer halben Ruine im ehemals schicken Stadtteil Westend wohnt ist einfach nur froh darüber, dass sie nun niemand zwingen kann sich am Wiederaufbau zu beteiligen. Stattdessen lernt sie lieber russisch, um sich mit den Siegern besser verständigen zu können, wovon sie sich Vorteile erhofft.
Schließlich ziehen die Russen ab und nun sind es die Briten, die Westend verwalten. Endlich sieht Elsa ihre Chance gekommen. War es ihr doch unter den Nationalsozialisten verboten worden ihr hoffnungsvolles Studium zu Abschluss zu bringen, kann sie nun endlich ihre guten Englischkenntnisse anwenden und als Dolmetscherin für die Briten arbeiten. Schließlich und endlich bricht sie dann auch ihre Treuegelöbnis und beginnt eine Beziehung mit einem der Alliierten. Doch ist es Liebe, die sie dazu treibt? Dieser Brite wird es sein, der ihr einmal vorwerfen wird, sie sei eiskalt, doch ist sie das wirklich?
Mehr möchte ich hier noch nicht verraten, um nicht bereits die gesamte Story vorwegzunehmen.
Ich kann immerhin soviel verraten, dass verschiedenste Themen dieser Zeit angesprochen werden bzw. ihr Verlauf im weitergehenden Alltag erzählt werden – so z. B. die Entnazifizierung, jeder will auf einmal nicht dabei gewesen sein und braucht dafür Zeugen und Beglaubigungen.
Dieser Roman vereinigt eine persönliche Geschichte mit den Fragen, die sich aus dieser Zeit ergeben in sehr gelungener Art und Weise. Er wirft Fragen auf, regt zum Nachdenken an. In einer Zeit, da wir nicht hungern oder auf sonstige Weise Not leiden müssen, mag uns manche Vorgehensweise von Elsa tatsächlich als kalt und berechnend erscheinen. Aber vor dem Hintergrund ihrer Zeit war es vielleicht nur kluge Strategie zum Überleben. Aber dies sind Fragen, die das Buch aufwirft, über die jeder, der es lesen wird, selbst in Grübeln kommt.
Es ist dabei nur ein sehr dünnes Buch mit etwas über 200 Seiten und viele Fragen lässt es, wie gesagt, offen. Aber in jedem Fall eine Geschichte, die anders an das Thema herangeht, als zumindest als alles, was ich bisher darüber gelesen habe.
Ich finde es ist wirklich ein sehr gutes Buch, das auch eine gute Bewertung verdient hat und das es auch verdient hat auch 40 Jahre nach seinem Erscheinen noch gelesen zu werden. Ich nehme an, dass es besonders Frauen ansprechen wird – was aber keinen Mann davon abhalten sollte, es einmal zu lesen.
Annemarie Weber, die Autorin, ist 1918 in Berlin geboren worden. Von 1945 – 48 war sie als Dolmetscherin bei der britischen Militärregierung tätig. Später arbeitete sie als Journalistin und Lektorin.
dtv Taschenbuch, ISBN-Nr. 3-423-10375-3, Preis im letzten Jahr: 9,80 DM
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-06 10:33:20 mit dem Titel White, Gillian: Das Ginsterhaus - Psychothriller vom Feinsten
Psychothriller vom Feinsten
Es war mal wieder an der Zeit, dass ich beim Buchclub mein vierteljährliches Pflichtbuch erwerben musste und da ich keine Lust hatte viel Geld auszugeben, stöberte ich also bei den Club-Taschenbüchern. Durch Zufall fiel mein Blick auf den Roman „Das Ginsterhaus“ von Gillian White, einer Autorin, von der ich bislang noch nichts gehört hatte. Die Aufmachung des Covers hatte mich wohl in den Bann gezogen. Zwei reetgedeckte Häuser in einer sumpfigen und nebligen Landschaft, kurz vor der Abenddämmerung, sind darauf abgebildet.
Da ich gerne Krimis und vor allem Psychothriller lese, sprach mich auch der Klappentext an. Also habe ich es einfach mal mitgenommen und war dann auch sehr positiv davon angetan.
Die Autorin Gillian White stammt aus Liverpool. Sie war lange Jahre Journalistin, bevor sie mit dem Schreiben von Büchern begann. Heute lebt sie davon.
In Ihrem Roman „Das Ginsterhaus“, der im Jahr 2000 erstmals in Deutschland erschien und welcher in England wochenlang auf den Bestsellerlisten stand, geht es um die Sozialarbeiterin Georgie Jefferson. Georgie hat gerade eine berufliche Krise hinter sich. Als Sozialarbeiterin hatte sie dem Verdacht der Misshandlung eines kleinen Mädchens nachzugehen. Doch auch nach vielen Besuchen der Familie und Gesprächen mit dem Mädchen kann sich der Verdacht nicht erhärten, so dass sie das Kind in der Familie belässt. Kurze Zeit später wird die Kleine vom Stiefvater getötet. Georgie muss am anschließenden Prozess teilnehmen und wird von den Medien als unfähige Sozialarbeiterin zerrissen.
Kurz darauf verstirbt ihr älterer Bruder, den sie nie persönlich kennen gelernt hat an den Folgen seines übermäßigen Alkoholkonsums. Der frühere Künstler lebte abgeschieden in einem alten Cottage in Dartmoor. Das Haus erbt nun als einzig Hinterbliebene Georgie. Bereits bei ihrer ersten Besichtigung des Hauses macht sie Bekanntschaft mit den wenigen Nachbarn, von denen allesamt unsympathisch, verschlossen und abweisend zu ihr sind. Sie beschließt auch auf Anraten des Anwaltes das Haus umgehend zu verkaufen und hat auch bereits einen Käufer in Sicht.
Zurück in London jedoch schwappen die Wogen ihres beruflichen Fehlers wieder über sie. Spontan entschließt sie sich ihrem Beruf ein Jahr lang den Rücken zu kehren und allein im Cottage ihres Bruders das Jahr zu verbringen. Sie plant das verfallene Haus wieder aufzubauen und es anschließend gewinnbringender zu verkaufen.
So siedelt sie kurz darauf, es ist Frühling, nach Dartmoor über.
Zunächst verbringt sie dort eine fröhliche und energiegeladene Zeit. Sie bekommt häufig Besuch von ihren Freunden, die ihr helfen, das Haus wieder instand zu setzen. Doch immer wieder trifft sie auf die mysteriösen und schwer durchschaubaren Nachbarn. Auch kommt es zu vielen ungewöhnlichen Zwischenfällen, bei denen Georgie das Gefühl hat, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet. War das ausgebrochene Feuer in ihrem Schuppen ein Brandanschlag oder ein Unfall? Wer legte die haarlose Puppe dorthin? Wieso verschwindet ihre Hündin Lola spurlos? Immer häufiger meint Georgie einen Mann in der Ferne auszumachen, der sie beobachtet.
Je näher der Winter kommt, desto seltener kommen ihre Freunde zu Besuch, so dass Georgie schließlich ganz allein im Cottage bleibt. Dann kommt auch noch der Schnee, der es ihr unmöglich macht Dartmoor zu verlassen und ihre Telefon und Stromversorgung abschneidet ...
Das Buch ist wunderbar und spannend zu lesen. Die beruflichen Konflikte gut nachvollziehbar. Die Suche nach dem nie gekannten Bruder geschickt eingepackt in die Rahmenhandlung. Man kann den Wunsch des kurzfristigen Aussteigens und Luftholens gut nachvollziehen und sieht die Entwicklung der Protagonistin mit an.
Doch dann spitzen sich die Konflikte immer mehr zu, so dass sie Spannung zum Schluss hin immer stärker und fast unerträglich wird. Man kann das Buch kaum noch aus der Hand legen, sondern liest wie süchtig weiter. Die Stimmung des nebligen und später schneeverwehten eiskalten Dartmoors ist gut rübergebracht, ebenso das alte zunächst fast schimmlig kalte Haus, was dann immer gemütlicher wird. Fast meint man dort zu sein.
Zum Schluss hin kommen richtige Horror-Elemente dazu, die einem eisige Schauer über den Rücken jagen.
Ein sehr empfehlenswertes Buch, wenn man mal richtig eintauchen will in eine Geschichte. Im Nu hat man es durchgelesen und ist richtiggehend zerschlagen und traurig darüber, dass man nun nicht mehr weiterlesen kann.
Ich werde mir auf jeden Fall jetzt auch mal ein weiteres Buch der Autorin zu Gemüte ziehen.
5 Sterne hat es meiner Meinung nach verdient.
Das Buch gibt es als Goldmann Taschenbuch für 8 Euro unter der ISBN-Nr. 3442445396. Im Buchclub habe ich die Sonderausgabe für 6,60 Euro erstanden.
Viel Spaß beim Lesen wünscht audicla
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-10 14:06:52 mit dem Titel Walters, Minette: Das Echo - Stadtstreicher mit Vergangenheit
Stadtstreicher mit Vergangenheit
Minette Walters gehört für mich zu einer der besten Schriftstellerinnen im Bereich Krimi/Thriller. Von ihrem Buch „Die Bildhauerin“ war ich total begeistert. Auch „Im Eishaus“ und „Die Schandmaske“ fand ich spannend und psychologisch gut aufgebaut. Auf jeden Fall ist sie eine Garantin für gute Schmöker, die man schnell fast wie in einem Zug durchlesen kann, weil sie einfach gut schreibt.
Minette Walters arbeitete bevor sie Schriftstellerin wurde lange Zeit als Redakteurin in London. Sie wurde später mit vielen Literaturpreisen für ihre Romane bedacht.
In dem nicht mehr ganz taufrischen Buch „Das Echo“, welches ich gerade gelesen habe (es erschien 1998 bei Goldmann), verarbeitet sie scheinbar einige ihrer Erfahrungen als langjährige Journalistin. Denn die Hauptperson dieses Roman ist Michael Deacon, ein Journalist, der bei der Londoner Zeitschrift „Street“ arbeitet.
Zum Inhalt:
Amanda Powell, eine erfolgreiche Londoner Architektin, findet eines Tages in ihrem exklusiven Haus an der Themse eine Leiche in ihrer Garage. Direkt neben der Tiefkühltruhe, die sie dort aufbewahrt, liegt die Leiche eines bekannten Stadtstreichers – man findet heraus, dass er verhungert ist. Amanda zeigt sich tief beeindruckt von dieser Geschichte und finanziert auf eigene Kosten die Beerdigung dieses armen Menschen. Daneben beauftragt sie einen Privatdetektiv, der etwas über den Toten herausfinden soll.
Dies wiederum kommt dem Journalisten Deacon zu Ohren, der sich über ihr übermäßiges Interesse an dem Toten wundert und beginnt zu ermitteln. Recht schnell bekommt er zwei verschiedene Dinge heraus:
1. Der Stadtstreicher Billy Blake war nicht der, für den er sich ausgab und noch dazu 15 Jahre jünger.
2. Amanda Powell hieß früher Streeter und ist die Ehefrau von dem vor Jahren verschwundenen und nie wieder aufgetauchten James Streeter.
Schnell liegt der Verdacht nahe, dass Blake und Streeter ein und dieselbe Person sind und Deacon beginnt zu recherchieren.
Bei seiner Recherche helfen ihm der 14jährige Terry, der gemeinsam mit Billy Blake Platte gemacht hat und der verstörte Barry, der in der Redaktion als Fotograf arbeitet (und später wegen unsittlicher Delikte verhaftet werden soll). Aber die Geschichte wird immer komplexer. Immer mehr verschwundene und dubiose Gestalten tauchen auf und es beginnt ein langes Rätsel darum, wie sich das alles verhält.
Erst als eine zweite Leiche in Amandas Garage gefunden wir, beginnen sich die miteinander verwobenen Kriminalfälle langsam zu entwirren.
Soviel zum Inhalt, um nicht zuviel vorwegzunehmen.
Auch dieses Buch von Minette Walters war wieder sehr spannend geschrieben, so dass ich es äußerst schnell durchgelesen hatte, trotz der über 400 Seiten, die dieser Roman hat. Die Geschichte selbst hat mich dabei nicht ganz so überzeugen können, wie es ihre anderen Romane getan haben.
Mitunter fand ich die vielen verschiedenen ungeklärten Kriminalfälle und verschwundenen Personen verwirrend.
Der Journalist Deacon ist äußert gut beschrieben, aber die weiteren Gestalten schienen mir mitunter etwas sehr gewollt und klischeehaft dargestellt.
Für meinen Geschmack hat Minette Walters in diesem Roman zu viele Stränge versucht miteinander zu verknüpfen und sie am Ende nicht so sinnvoll zusammengebracht, wie ich es mir als Leserin gewünscht hätte.
Empfehlen kann ich das Buch wohl, weil es spannend sowie gut und leicht zu lesen ist. Aber eine Bestnote kann ich dem Buch doch nicht geben. Dazu fehlte vielleicht der Kick, den z. B. „Die Bildhauerin“ hatte.
Also gerade noch 4 Sterne – Walters-Fans werden nicht darum herum kommen, wenn sie es noch nicht kennen. Anderen, die die Autorin noch nicht kennen, würde ich eher ihre anderen Bücher (siehe oben) ans Herz legen.
„Das Echo“ gibt es bei Goldmann als Taschenbuch für 8 Euro. ISDN-Nr.: 344244554X.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-13 10:06:52 mit dem Titel Wurtzel, Elizabeth: Verdammte schöne Welt
Verdammte schöne Welt
lautet der deutsche Titel der Autobiographie „prozac nation“ der amerikanischen Journalistin Elizabeth Wurtzel.
Untertitel: Mein Leben mit der Psycho-Pille.
Da mich Lebensberichte, vor allem schwierige Lebensberichte, meist sehr interessieren, bestellte ich mir dieses Buch auf gut Glück vor einigen Monaten bei ebay. Zuvor hatte ich von der Autorin Elizabeth Wurtzel noch nie gehört, habe mich aber vor dem Lesen kundig gemacht:
Die Autorin:
Elizabeth Wurtzel, geboren 1967 in Amerika, hat 1989 in Harvard das Studium der vergleichenden Literaturwissenschaften abgeschlossen. Sie schreibt vorwiegend Rockmusik-Kritiken für diverse amerikanische Zeitschriften. Außerdem hat sie eine Frauenkolumne bei der New York Times Magazine.
Nachdem das vorliegende Buch 1996 in Deutschland erschien, hat sie hier mittlerweile auch durch andere Bücher von sich Reden gemacht. Im Jahr 2000 veröffentlichte sie „Bitch – ein Loblied auf gefährliche Frauen“ bei Goldmann, 2001 kam ihr „Schlampen-Knigge“ bei Piper heraus.
„prozac nation“ oder „Verdammte schöne Welt“ ist eine Autobiographie, in der sie die Jahre 1986 bis 1994 beschreibt. Im Jahr 2000 wurde das Buch als deutsch-amerikanische Produktion unter der Regie von Erk Skjodbjaerg verfilmt und aktuell auf den Münchener Filmfestspielen 2002 präsentiert.
Der Inhalt:
In ihrer Autobiographie beschreibt Elizabeth Wurtzel, wie sich schon früh, im Alter von ca. 11 Jahren erste Depressionen bei ihr einstellen. Nachdem sie sich zuvor als ein hoch intelligentes begabtes und kreatives Mädchen entwickelt hat, nimmt ihr Leben von diesem Zeitpunkt eine entscheidende und negative Wende. Jahrelang treibt sie von einer depressiven Welle zur nächsten, ist kaum studierfähig, arbeitsfähig und erst recht nicht beziehungsfähig. Schon früh schlitterst sie so in alle möglichen Auffälligkeiten hinein, die ein pubertierendes Mädchen nur entwickeln kann. Sie fängt an zu schnippeln (ritzt sich mit der Rasierklinge in die Haut), nimmt alle möglichen Medikamente und später auch Drogen, beginnt wahllose sexuelle Affären, ist aber nicht in der Lage einen Jungen oder Mann über längere Zeit an sich zu binden, weil sie diesen regelmäßig mit der extremen Verlustangst die Luft zum Atmen nimmt.
Obgleich sie recht kontaktreich lebt und viele Dinge der Jugendzeit der 70er und 80er Jahre in den USA erlebt, wie all die anderen, fühlt sie sich doch immer einsam, abgeschnitten vom Lebensfluss und unverstanden.
Schon früh beginnt sie auf Anraten der Schule eine Therapie, die jedoch nicht hilft. Unzählige begonnene Psychotherapien, Klinikaufenthalte, ein Selbstmordversuch – durchbrochen von Phasen extremen Schaffens, Kreativität und Ausfälligkeiten durch übermäßigen Drogen- oder Alkoholkonsum kennzeichnen ihr Auf und Ab. Es will sich trotz aller Bemühungen einfach keine Besserung einstellen. Nach und nach verliert sie ihren Freundeskreis, weil niemand ihr Verhalten und ihre Stimmungen auf Dauer ertragen kann. Erst spät wird sie mit der Diagnose einer atypischen bzw. klinischen Depression konfrontiert, die ihre Erkrankung als eine chronische und schwer behandelbare beschreibt.
Auch die Aufarbeitung der schwierigen Kindheit, pendelnd zwischen überbehütender dominanter und offenbar selbst psychisch gestörter Mutter und einem durch Abwesenheit und große Worte glänzendem Vater, verhilft ihr nicht dazu, die ständigen depressiven Stimmungen zu vertreiben.
So geht es in ihrem Leben trotz vieler offensichtlicher Erfolge – immerhin erhält sie eine Stipendium für die begehrte Harvard-University, hat schon früh Aufträge für Artikel bei namhaften Zeitungen, kann einen London-Aufenthalt organisieren usw., eigentlich immer nur mehr bergab. Oft ist sie gar nicht mehr in der Lage morgens aufzustehen, sie vergrault alle Freunde und kann keiner Sache mehr irgendetwas abgewinnen. Eine große negative Leere und Gleichgültigkeit hat von ihr Besitz ergriffen.
Erst die Behandlung mit dem in Amerika verbreiteten Antidepressivum Prozac (in Deutschland unter dem Handelsnamen Fluctin verbreitet) und weiteren Medikamenten können ihr dazu verhelfen, ein einigermaßen normales Leben zu führen, wenngleich sie auch später immer wieder durch gelegentliche Depressionen aus der Bahn geworfen wird.
Mein Eindruck:
Ein ausgesprochen gut lesbarer, interessant – und trotz des schwierigen Themas – oft spritzig und witzig geschriebener Bericht, der vom Anfang bis zum Ende, nachvollziehbar und authentisch erscheint.
Elizabeth Wurtzel wirbt für das Verständnis der Depression als schwerer Erkrankung und nicht einfach schlechten Verhaltens der Betroffenen. Im Abschluss hält sie nach 6 Jahren des Lebens unter den Medikamenten Rückschau und spricht sich eigentlich sehr für die Medikamente aus, da diese das einzige waren, was ihr langfristig – in Verbindung mit einer Psychotherapie – geholfen haben, ein einigermaßen normales Leben zu führen.
Obwohl dies ein sehr persönliches Buch ist, wird auch ein Eindruck von den Gefühlen und Gedanken der Jugend der 70er und 80er Jahre in den USA vermittelt, der auch in Deutschland gut nachvollziehbar ist. Der Umgang mit Drogen, Rockmusik, Studentenszene u. v. m. werden in ihrem Bericht verarbeitet.
Letztlich betreibt sie im Abschluss-Epilog auch eine soziologische Betrachtung darüber, warum die Krankheit „Depression“ in Amerika und weltweit dermaßen verbreitet ist und sich weiter verbreitet hat.
Trotzdem ließ der Bericht für mich eine noch kritischere Auseinandersetzung darüber, wie es ist, ausschließlich mit die Psyche verändernden Medikamenten zu leben, vermissen. Ich nehme der Autorin ab, dass es für sie das einzig wirklich hilfreiche gewesen ist und verstehe von daher ihre Haltung. Nur kündigt zumindest die deutsche Ausgabe sowohl im Untertitel als auch auf dem Klappentext etwas anderes an. Hier hätte ich mehr Auseinandersetzung erwartet.
Auch ist es so, dass im Buch eigentlich erst in den letzten Kapitel von den Medikamenten die Rede ist. So bekommen wir Leser relativ wenig Einblick darin, wie sich das Leben der Autorin denn tatsächlich zum positiven gewandelt hat. Lediglich der Epilog gibt darüber ein wenig Aufschluss – für meinen Geschmack allerdings zu wenig. Nebenwirkungen usw. werden doch nur recht zögerlich angesprochen – ein Leben mit chronischer Erkrankung und dazu auch chronischer Medikamenteneinnahme ebenso wenig.
Trotz des Fehlens dieser Dinge ist es aber – wie schon gesagt – ein gut lesbares, interessantes und nahegehendes Buch. Ich habe an keiner Stelle gezögert zu glauben, dass sich alles tatsächlich so zugetragen hat, zumindest aus der Sicht und Wahrnehmung der Autorin.
In Deutschland ist das Buch als gebundenes Buch bei Byblos und als Taschenbuch bei DTV herausgekommen (Preis TB 9,75 €). Das Original „prozac nation“ gibt es seit 2002 als TB von Riverhead Books für 15,60 €. ISBN-Nr. 1573229628.
Insgesamt bewerte ich mit „gut“.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-23 19:08:14 mit dem Titel Wassermann, Jakob - Das Gänsemännchen - Der Musiker und die Frauen
Der Musiker und die Frauen
Bei dem Buch „Das Gänsemännchen“ von Jakob Wassermann handelt es sich um die fiktive Biographie eines Musikers und Komponisten, die um das Jahr 1900 herum angesiedelt ist.
Den Autor Jakob Wassermann lernte ich durch sein bekanntes und verfilmtes Buch über Caspar Hauser kennen. Dieses habe ich vor vielen Jahren mit Begeisterung gelesen. Dabei gefiel mir der zwar etwas altertümliche, aber auch schöne Erzählstil von Wassermann ausgesprochen gut.
Jakob Wassermann lebte von 1873 bis 1934 im Süden Deutschlands. Er war gelernter Kaufmann, arbeitete jedoch später als freier Schriftsteller und Redakteur. Neben „Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens“ sind auch seine Bücher „Der Fall Maurizius“ und „Joseph Kerhovens dritte Existenz“ neben weiteren international bekannt geworden.
„Das Gänsemännchen“ wurde erstmals 1915 veröffentlicht.
Doch nun zum Inhalt:
Daniel Nothafft ist von Jugend an musikbegeistert und nicht davon abzuhalten als solcher Karriere zu machen. Geboren in einer Kaufmannsfamilie ist dies für ihn nicht leicht. Nach dem frühen Tod seines Vaters, der seinem Onkel einiges Geld für diesen Fall überlassen hat, damit dieser Frau und Kind angemessen versorgen sollte, unterschlägt der Onkel das Geld und baut sich damit lieber selbst eine Existenz auf. Daniel und dessen Mutter hält er kurz und gibt ihnen nur das zum Leben absolut notwendige. Daniel selbst soll in sein gut laufendes Geschäft einsteigen und später einmal seine schwer vermittelbare Tochter Philippine heiraten.
Doch Daniel hat wie gesagt andere Pläne. Um seinen Traum von der Musikerkarriere wahr zu machen, verlässt er schließlich trotzig seine Mutter, die dafür kein Verständnis zeigt, und nimmt viele Jahre der absoluten Armut in Kauf. Mehr recht als schlecht gelingt es ihm zumindest hin und wieder mit der Musik ein wenig Geld zu verdienen. So zieht er eine Weile mit einer Wanderopfer von Ort zu Ort oder gibt Unterricht.
Daniel wird als ein verschrobener eigensinniger und sehr anti-bürgerlicher Mensch beschrieben. Standesdünkel u. ä. sind ihm fremd, er passt sich seiner Zeit nur schwer an und nur dann, wenn es anders absolut nicht mehr geht. Die Auseinandersetzung mit dem Bürgertum und dessen Auswüchsen von Heuchelei und mehr Schein als Sein ist ein zentrales Thema dieses Romans, der in einer Zeit spielt, wo dies besonders stark war.
So erfolglos Daniel auch mit seiner Musik ist, nicht deshalb weil ihm das Talent fehlt, sondern weil er durch seine mangelnde Anpassung immer wieder Gönner verschreckt und bei den Bürgern aneckt und weil er sich damit auf einem Markt großer Rivalitäten befindet, so erfolgreich ist er bei den Frauen.
Er lernt die Familie Jordan kennen, einen Versicherungsmakler mit seinen beiden Töchtern Gertrud und Lenore. Gertrud und Lenore könnten gar nicht unterschiedlicher sein, als sie sind. Gertrud ist eine von Schwere und Depressivität gezeichnete Frau, die sich in Einsamkeit und überzogene Religiosität geflüchtet hat. Lenore dagegen eine aktive dynamisch und lebensfrohe Person.
Nachdem Daniel sich zunächst gar nicht für Frauen interessiert, verliebt er sich in Gertrud. Zur gleichen Zeit schwängert er, ohne es zu wissen, ein Dienstmädchen. Lenore ist es, die dafür sorgt, dass seine Tochter von seiner Mutter aufgezogen wird. Erst viel später wird er diese kennen lernen. Es kommt zur Hochzeit mit Gertrud, doch schon am Tage dieser weiß er, dass seine wirkliche Liebe eigentlich Lenore gilt – aber es ist scheinbar zu spät. Bald schon entwickelt sich eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung, doch für keine der beiden Beziehungen stehen die Sterne gut.
Daniel bleibt seiner verschrobenen eigensinnigen Art auch in der Ehe und Beziehung treu. Trotzdem gelingt es ihm sowohl die eine als auch die andere der beiden Frauen so zu fesseln, dass dieses alles das tun, was er versäumt. So ist er oft zu stolz, um Kompromisse einzugehen, mit Hilfe derer er die Familie hätte ernähren können. Seine Kompositionen enden in einer verschlossenen Truhe, obwohl sie sich verkaufen ließen – sie sind ihm noch nicht perfekt genug. Bei aller Genialität nimmt er gar nicht wahr, dass die Frauen für alles sorgen. Vor allem Lenore nimmt jeden Job an, arbeitet bis in die Nacht hinein, damit Geld ins Haus kommt.
Doch Glück bringt ihm sein Verhalten nicht ein. Nachdem sich Gertrud eines Tages im Unglück der Betrogenen auf dem Dachboden erhängt und er wenig später Lenore heiratet, stirbt diese keine zwei Jahre später im Wochenbett. Schließlich ist er gezwungen, die willige Philippine als Kindermädchen und Haushälterin zu sich zu holen. Doch diese wird sein Unglück noch vermehren und hat durchaus ihre eigenen Pläne und Motive. Doch zunächst sieht es so aus, als würde sie genauso wie die beiden Frauen vor ihr alles dafür tun, damit Daniel seine Kunst weiter leben kann.
Hier nun beende ich die Inhaltsangabe, damit nicht alles vorweggenommen wird.
Das Buch ist in einer schönen altertümlichen Erzählweise geschrieben, die sich noch Zeit lässt Gesellschaft, verschiedenste Gestalten und Menschen detailliert zu beschreiben.
Mit feiner Ironie nimmt sie verschiedenste Charaktere dieser bürgerlichen Zeit auseinander. So zum Beispiel den Onkel Daniels, der nachdem er diesen um sein Geld geprellt hat, eine ansehnliche Buchhandlung betreibt und als politisch aktiver Sozialist die Arbeiter zu Kunden gewinnt und diese in unsittliche Ratenverträge bindet und ausnimmt. Lange Zeit vergeht bis die Sozialisten ihn nicht mehr haben wollen – doch da wird nur schnell die Fahne in den Wind gedreht und die nächstbeste Gelegenheit genutzt, um mit ähnlichem Eifer den Liberalen beizutreten, die ihn mit Kusshand aufnehmen.
Aber auch andere Personen begegnen uns in diesem Buch, die man mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Schmunzeln besieht und von denen man glaubt, dass man gerade so einen Menschen auch im eigenen Leben schon einmal getroffen hat.
Wassermann verstand sich gut auf die Psychologie und stellt die Gesellschaft mehr über den Einzelnen, über das Subjekt dar.
Obwohl sehr viel in dieser Geschichte passiert, ist sie bisweilen ein wenig langatmig und hat einen Umfang von 550 Seiten. Es mag aber auch daran liegen, dass wir es heute kaum noch gewöhnt sind Geschichten zu lesen, die etwas ruhiger vonstatten gehen in dieser actionreichen Zeit.
Nachdem ich es ausgelesen hatte, habe ich gemerkt, dass es mir viel Stoff zum Weiterdenken geliefert hat und eine tiefere Moral und Sinn in der Geschichte steckt, als ich es zunächst gedacht hatte.
Für diejenigen, die wie ich, zumindest gelegentlich einmal auf die ältere deutsche Literatur zurückgreifen, kann ich es sehr empfehlen.
Ich habe es als dtv Taschenbuch gelesen, ISBN-Nr. 9783423112406 zum ehemaligen Preis von 16,80 DM. Das Buch ist mit einem längeren Nachwort von Fritz Martini versehen, welches etwas Background zum Autor und dessen autobiographischen Zügen gibt, die in der Geschichte verwoben sind.
Insgesamt bewerte ich mit 4 Sternen als gut, mit einer Tendenz zum sehr gut.
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