Mehr zum Thema Kinder- & Jugendliteratur Testbericht

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Erfahrungsbericht von Libraia

Wie Pettersson zu Findus kam - ein neues Bilderbuch von Sven Nordqvist

Pro:

packend, erschütternd, die Personen werden einem psychologisch sehr gut "erklärt"

Kontra:

einiges etwas zu sehr auf amerikanische Verhältnisse zugeschnitten

Empfehlung:

Nein

Sven Nordqvist, wer soll denn das schon wieder sein? mögen manche von euch fragen.
Nun, wer so fragt, hat sicher keine eigenen Kinder (es sei denn, sie sind
noch ganz klein oder schon uralt), hat wohl auch keinen näheren Kontakt
mit Neffen, Nichten, Nachbarskindern oder anderen kleinkindlichen Wesen.
Ganz sicher ist er oder sie auch kein Erzieher, Kinderarzt oder
Vorschullehrer und mit hundertprozentiger Sicherheit kein Buchhändler.
Alle anderen kennen nämlich Sven Nordqvist, den schwedischen
Bilderbuch-illustrator und –autoren.
Anfang dieses Jahres kam ein neues Bilderbuch von ihm heraus, was
Anlass für meinen Bericht ist.
„Wie Findus zu Pettersson kam“ ist der Titel, es kostet 12 Euro, ist – wie
alle seine Bücher – im Oetinger Verlag (das ist der, der auch Astrid
Lindgren verlegt) erschienen, die ISBN ist:3789169161

Über den Autor:
Sven Norqvist, 1946 in Helsingborg geboren, war ursprünglich Architekt
und Werbezeichner, bevor er damit begann, das zu tun, wozu er
offensichtlich prädestiniert ist: eigene Kinderbücher zu schreiben und sie
zu illustrieren. Mittlerweile ist er einer der bekanntesten Illustratoren
Schwedens (und sicher nicht nur dort), er wurde mit dem Schwedischen
Literaturförderpreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis
ausgezeichnet.
Sein riesengroßer Erfolg gründet sich vor allem auf die Erfindung seiner
Figuren Pettersson und Findus, einem alten Mann und seinem Kater. Diese
beiden sind mittlerweile in 11 Bilderbüchern mit immer neuen Abenteuern
zu finden.
Kurz die Titel, die es davon bisher gibt:
-Eine Geburtstagstorte für die Katze
-Ein Feuerwerk für den Fuchs
-Armer Pettersson
-Aufruhr im Gemüsebeet
-Pettersson kriegt Weihnachtsbesuch
-Pettersson zeltet
-Findus und der Hahn im Korb
-Morgen, Findus wird's was geben
-Mit Findus durchs ganze Jahr
-Das große Liederbuch von Pettersson und Findus

Das Besondere an diesen Büchern ist es, dass hier wirklich ein und dieselbe
Person Text und Illustrationen gemacht hat. Das merkt man den Büchern
auch an, denn selten passen Wort und Bild so perfekt zueinander.
Doch auch mit anderen Kinderbuchtextern hat er sich zusammengetan und
deren Bücher ebenso liebevoll und originell illustriert; darunter sind nicht
nur weitere Bilderbücher, sondern auch sehr schöne Sachbücher und
historische Jugendbücher.

Zum Buch:
Die Bücher von Nordqvist sind absolute Selbstläufer im Buchladen, man
legt sie auf den Tisch, dekoriert das Schaufenster damit – und schon bald
sind sie alle weg. In diesem Fall war es dann leider tatsächlich so, dass sie
alle „weg“ waren nach kurzer Zeit. Denn der Verlag, der sicher nicht
wenige Exemplare als Erstauflage einkalkuliert hatte, musste dennoch
schon nach ein paar Wochen passen: erste Auflage vergriffen, die zweite
noch nicht fertig gedruckt. Zweimal ist das passiert und wir Buchhändler
mussten traurige Kinder trösten, dass sie noch ein bisschen warten
müssten auf ihr neues Bilderbuch. Die Verlagsvertreterin behauptete
sogar, dass die Verkaufszahlen nahe an denen von Harry Potter seien
(oder gar leicht drüber). Ob sie da ein bisschen übertrieben hat, ich weiß
es nicht, aber eines ist klar: wir verkaufen es wie warme Brötchen!
So etwas kommt nicht gerade oft vor bei Kinderbüchern, das möchte ich
hier betonen.
Wie dem auch sei, kommen wir zur Sache.
Inhalt:
Wer ist eigentlich besagter Pettersson?
Pettersson ist ein bärtiger alter Mann mit Hut und Brille, der in einem
schwedischen – wie es sich gehört ochsenblutfarbenen – Holzhäuschen
mit Garten wohnt. Außer ihm wohnen dort nur noch ein paar Hühner zu
seiner Gesellschaft. Er bastelt gerne in seinem Geräteschuppen, trinkt
gerne Kaffee, wandert durchs Fjäll, werkelt im Garten herum und eigentlich
ginge es ihm gut – wenn er nur nicht so alleine wäre.
Eines Tages bekommt er Besuch von einer Nachbarin (die Nachbarn
wohnen dort in den tiefen schwedischen Wäldern ganz schön weit
auseinander) und bei einer schönen Tasse Kaffee beklagt er sich ein
bisschen über seine Einsamkeit. Ihr Ratschlag, er müsse sich eine Frau
suchen, lehnt er mit den Worten ab, dass ihm eine „ganze“ Frau einfach
zu viel sei und er sowieso schon viel zu alt dafür sei. Aber ihr Satz „Du
hast ja noch nicht mal eine Katze“ verfängt bei ihm und lässt ihn nicht
mehr los. Die nette Nachbarin hat das offensichtlich gemerkt, denn kurze
Zeit später besucht sie ihn wieder mit einem Karton. Auf dem Karton
steht: FINDUS grüne Erbsen, 12 Dosen (jetzt weiß ich endlich warum
Findus Findus heißt!!!) – in dem Karton ist ein winziges braun-weißes
Kätzchen mit knallgrünen Augen.
Die folgenden Seiten sind nun angefüllt mit sehr liebevollen, aber auch
witzigen kleinen Episoden des Alltags. Wo Findus schlafen soll, wie er zu
seiner grünen Hose und dem kleinen Hut kommt, wie er zu Petterssons
übergroßer Freude plötzlich beginnt, diesem auf seine langen, langen
Monologe und Erklärungen über dies und jenes, tatsächlich zu antworten.
Ja, ihr habt richtig gehört: vorbei ist es nun mit der Einsamkeit und den
Altersdepressionen, Findus spricht! Und wie er spricht – viel, lange und
ziemlich ununterbrochen. Pettersson ist absolut glücklich (die dummen
Hühner, mit denen konnte man ja nicht richtig sprechen, immer sind sie
aufgeregt und ängstlich und verstehen alles falsch) über seinen neuen
Gefährten. Aber auch Findus hat es wahrlich nicht schlecht getroffen,
denn selten kümmert sich ein Mensch so geduldig und liebevoll um einen so
chaotischen kleinen Kater.
Langsam lernt Findus alles Neue kennen, erkundet die Küche, das
Schlafzimmer (am liebsten in Petterssons Bett!), und findet sich auch
immer mehr im Tischlerschuppen zurecht.
Alles läuft wunderbar, bis eines Tages Findus verschwunden ist. Während
Pettersson immer verzweifelter alle Ecken des Hauses vergeblich
durchsucht, ängstigt sich unser Katerchen in einer Holzkiste fast zu Tode.
Denn vor der Kiste steht ein riesengroßes unheimliches Tier, das bestimmt
ganz versessen darauf ist, kleine Kater zu fressen. Immerhin trösten ihn
die zwar etwas dümmlichen, aber herzensguten Mucklas (kleine heimliche
Wesen, die schon lange bei Pettersson wohnen, ohne dass dieser es weiß)
und erzählen ihm ihre Geschichten. Aber Findus möchte wieder zurück und
raus aus der Kiste.
Es kommt, wie es kommen muss: Pettersson findet seinen kleinen
Mitbewohner wieder und beschließt, ihm von nun an mehr Freiheit zu
lassen, und ihm auch die Umgebung des Hauses zu erklären.
Diese Geschichte ist allerdings eine „Geschichte in der Geschichte“, denn
natürlich leben Findus und der alte Pettersson schon seit vielen Jahren
glücklich und zufrieden miteinander. Das weiß ja jedes kleine Kind – nicht
wahr?!
Es ist nur so, dass Findus einfach nicht genug davon kriegt, sich die
Geschichte, wie er einmal verschwunden war, immer wieder erzählen zu
lassen. Nun, diesmal wurde sie nicht nur Findus, sondern auch uns
erzählt…
Und – ich bin froh darüber, denn schon immer wollte ich gerne wissen, wie
die beiden sympathischen Bilderbuchhelden eigentlich aneinander geraten
sind. Nun weiß ich es.

Illustrationen:
Es ist natürlich nicht einfach, Bilder zu beschreiben, ich versuch es
dennoch mal, denn mag auch die Geschichte eine recht nette sein, sie
allein würde mich ja nun doch nicht vom Hocker reißen. Was den
tatsächlichen Wert von Nordqvist Büchern ausmacht, sind seine
Illustrationen.
Ich habe ja eingangs schon erwähnt, dass man selten ein so perfektes
Zusammenspiel von Text und Bild findet, wie hier. Nordqvists Stil ist alles
andere als minimalistisch, einfache große knallbunte Flächen, Reduktion
aufs Wesentliche, das ist seine Sache nicht. Er malt im Gegenteil mit einer
großen Liebe zum Detail, auf jeder Seite lassen sich unzählige Kleinigkeiten
entdecken. Dennoch ist es nicht so, wie auf manchen „Wimmelbildern“ a là
Ali Mitgutsch, dass die Kinder vor lauter Wald die Bäume nicht mehr sehen.
Man erkennt sehr schnell das Wesentliche, das was gerade im Begleittext
passiert.
Wenn der Erwachsene also vorliest, kann das Kind schnell die
entsprechenden Illustrationen erkennen und so den Text besser
verstehen. Wenn sich das Kind aber zum 234. Mal dieses Buch vorlesen
lässt – oder aber es selbst zur Hand nimmt, weil es den Text schon
auswendig kann – so hat es hier die Möglichkeit, immer noch neue Bilder
zu entdecken, immer weitere kleine, liebevolle und lustige Details, die
einem beim ersten Durchblättern eventuell noch entgangen sind.
Ich finde das eine sehr schöne Sache, denn so hat man wirklich lange
noch ein „neues“ Bilderbuch.

Fazit: vor vielen Jahren, als mein mittlerweile 18-jähriger Sohn noch ein
Kleinkind war, lernte ich Pettersson und Findus schon kennen. Damals war
ich (natürlich nicht nur ich) bereits ziemlich begeistert. Dann, als meine
Tochter in das entsprechende Alter kam, war sie natürlich „dran“ – und
immer noch: Begeisterung!
Nun mittlerweile taugen meine Kinder nicht mehr als Alibi (aber meine
Arbeit in der Buchhandlung immerhin) und immer noch gilt:
Ich mag diese Bücher – und sie lassen nicht nach! Gleichbleibende Qualität
bei Autoren, die so lange schon veröffentlichen, das findet man ja leider
nicht gar so häufig.
Noch etwas freut mich sehr: der große Erfolg dieser Bände ist mal wieder
ein Beweis, dass auch gute Bücher ihre Käufer finden können!























----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-25 00:43:10 mit dem Titel Morton Rhue - Ich knall euch ab! - ein erschütterndes Jugendbuch zum Thema Amoklauf

Morton Rhue, der durch sein bisher einziges Jugendbuch \"Die Welle\"
Eingang in fast jedes Klassenzimmer Deutschlands gefunden hat, hat ein
neues Buch geschrieben. Es heißt \"Ich knall euch ab\", ist dieses Jahr
beim Ravensburger Verlag als Taschenbuch herausgekommen und kam
bereits 2 Monate nach Erscheinen in die 3. Auflage. Es kostet 4,95 Euro,
die ISBN ist 347358172

Nur kurz zum besseren Verständnis: Morton Rhue (sein richtiger Name ist
Todd Strasser) schrieb mit der \"Welle\" ein Buch über ein Experiment zum
Autoritätsgefüge im 3. Reich. Ein Lehrer, der seinen Schülern auf direkte
und eindringliche Weise die Führerstruktur, die Hierarchie und das
Aufgehen des Einzelnen in der Masse beibringen möchte, startet ein
Experiment: er, der Lehrer wird der \"Führer\" einer Bewegung, die sich \"Die
Welle\" nennt, die Schüler sind die Mitglieder. Das Experiment
verselbständigt sich, er kann der entstehenden faschistoiden Masse der
Schüler fast nicht mehr Herr werden.
Ein wahnsinnig interessantes Jugendbuch! Das finde allerdings nicht nur
ich, sondern wohl auch die meisten Deutschlehrer, denn es wird immer
wieder in ganzen Klassensätzen bestellt und gehört zu den
Standardtiteln, die etwa in der 7. bis 10. Klasse besprochen werden - und
das mittlerweile seit 18 Jahren!
Das heißt, dass Rhue seit 1984 keinen weiteren Titel veröffentlich hat -
kein Wunder, dass ich hohe Erwartungen hatte und sehr gespannt auf
sein neues Buch war!
.
Zum Inhalt:
In \"Ich knall euch ab\" geht es um einen fiktiven Fall von zwei
Amokläufern in einer kleinstädtischen amerikanischen Schule.
Ganz sicher ist das Buch unter dem Eindruck der Ereignisse von Littleton
geschrieben worden, es verarbeitet relativ viele Elemente dieses Falles.
Der Autor geht von einem Szenario aus, in dem das Drama (das anfangs
nicht näher erklärt wird) bereits stattgefunden hat; er schickt eine junge
Frau (quasi als sein Alter ego) in die Kleinstadt und lässt diese das
persönliche und schulische Umfeld der jugendlichen Täter erforschen.
Das ganze Buch besteht so fast nur aus Interviews, die diese Frau mit
Mitschülern, Freunden, Lehrern, dem Direktor, Nachbarn und Eltern
geführt hat. Außer diesen Interviews enthält es Abschiedsbriefe an die
Eltern, E-mails der beiden Täter und Aufzeichnungen von Telefonaten.

Gary und Brendan sind beides krasse Außenseiter in ihrer Schule.
Während Gary ein eher introvertierter Typ ist, der unter seiner Rolle leidet
und alles in sich hineinfrisst, richtet sich Brendans Wut eher nach außen.
Gemeinsam jedoch schaukeln sie sich in ihrem Frust, ihrer Verzweiflung
und ihrem Hass gegenseitig hoch.
In der Schule gibt es die \"In-Clique\", das sind vor allem die
Footballspieler, die Cheerleader und überhaupt die \"Sportlichen\". In
Gesprächen mit einigen Schülern, die früher von anderen Schulen auf
diese gewechselt sind, wird deutlich, dass die Abschottung der Cliquen
extremer war als allgemein sowieso schon üblich. Cliquen gibt es überall,
Außenseiter ebenso, aber die Trennung der Gruppen und Cliquen ist nicht
unbedingt überall so stark ausgeprägt. An dieser Schule werden
diejenigen, die anders sind als die erwünschte Norm (sportlich,
leistungsstark, schicke Klamotten, bestimmte Einstellungen) nicht nur
bewusst geschnitten, sondern auch \"gemobbt\".
Immer wieder erleben nicht nur Gary und Brendan, sondern auch andere
Mitschüler, so ein Freund der beiden und zwei Mädchen, dass mit zweierlei
Maß gemessen wird: Lehrer beurteilen Fehlverhalten vollkommen anders,
wenn es vom coolen Footballstar kommt oder aber von Brendan;
Mitschüler lästern, schließen aus und werden auch gewalttätig.

Dass es zu einer Katastrophe gekommen ist, zeigen schon die ersten
Seiten, in denen ein Abschiedbrief Garys an seine Mutter in Auszügen
abgedruckt wird. Ein unendlich trauriger Brief, in dem Gary sein Gefühl der
Ausweglosigkeit (ich weiß, dass ich nie glücklich werden kann, du könntest
nichts daran ändern) in wenigen Worten auf erschütternde Weise deutlich
werden lässt.
Gary und Brendan sind nicht wirklich allein, denn sie haben ja sich, und da
gibt es auch noch Ryan und das Mädchen Allison; dennoch: vier
Außenseiter zusammen, das mag zwar besser sein als vier Außenseiter
getrennt für sich, aber jeder spürt natürlich trotzdem, dass sie anders und
letztendlich einsam sind.
Während einer Schulparty in der Turnhalle kommt es dann zum
Showdown: Brendan und Gary sind bewaffnet, haben zudem selbst
Bomben gebaut und bedrohen ihre Mitschüler. Panik bricht aus...

Was genau geschieht, lest selber. Es ist auch nicht wirklich wichtig, denn
diesen Fall hat es so nie gegeben, aber andere ähnlich gelagerte. Wie
jetzt was genau und wo ablief, ist unwesentlich, denn dass es hier nicht
um einen \"normalen\" Roman mit einer Spannung erzeugenden
Einleitung, einem dramatischen Höhepunkt und einem klärenden Schluss
geht,
dürfte mittlerweile klar geworden sein.
Morton Rhue versucht mit diesem Jugendbuch, Verständnis für das
Entstehen einer solchen Gewaltsituation zu entwickeln. Er lässt so viele
unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen, breitet mannigfaltige Denk-
und Sichtweisen vor dem Leser aus, beleuchtet die Katastrophe nicht nur
von der Tat und dem aktuellen Geschehen her, sondern auch vom
Umfeld und vorhergehenden, scheinbar \"kleinen\" Ereignissen her.

Zum Stil:

Anfangs ist es irritierend, sich durch diesen Flickenteppich an kurzen
Schnipseln, Aussagen, Interviewstückchen und Briefen hindurch zu
arbeiten. Doch sehr bald erscheint dieser Stil die einzig richtige und
passende Methode, um dem Ausmaß des Geschehens gerecht zu werden.

Wenn Emily, eine neue Schülerin an der Schule, die ebenfalls
Schwierigkeiten mit dem dort herrschenden Gruppenzwang hat, zum
dritten Mal ein kurzes Statement über Brendan abgibt, wenn der Direktor
immer wieder auf Abwehrkurs (unsere Schule ist eine gute und soziale)
geht, wenn eine bestimmte Lehrerin sich wiederholt fragt, ob man nicht zu
oft die Augen vor offensichtlichen Missständen verschlossen hat und Gary
und Brendan immer mehr in Gewaltphantasien verfallen, dann entsteht
bald ein immer dichter werdendes Erklärungsnetz.
Mit jedem Detail, das angefügt wird, verstehen wir als Leser mehr; auch
wenn ein wirkliches \"Verständnis\" für einen solchen Gewaltausbruch
natürlich nie ganz gegeben sein wird.
Nein, es liest sich ganz und gar nicht \"schwierig\", die Puzzlearbeit, die uns
abverlangt wird, macht Spaß (wenn man das Wort bei diesem Thema
überhaupt benutzen kann) und eine tiefere Erkenntnis über die inneren
Abläufe von Menschen (es geht ja nicht nur um diese Teenager, sondern
auch um deren erwachsenes Umfeld) erzeugt sogar eine gewisse
Befriedigung beim Lesen.

Rhues Anliegen:

Morton Rhue hat, wie schon bei seinem Erstling, der \"Welle\" ein
politisches und soziales Anliegen. Einerseits ist dieses Buch ein Baustein
im Kampf gegen strengere Waffengesetze in den USA (wir wissen, dass
dieses Thema ein Dauerbrenner in den Staaten ist, Clinton hat ja immer
wieder Vorstöße in diese Richtung gemacht, aber die Waffenlobby ist dort
sehr mächtig), andererseits ist es auch ein Appell und eine Art Hilferuf,
dass endlich ein menschlicherer Umgang mit Jugendlichen und Menschen,
die nicht \"mainstream\" sind, die sich nicht problemlos sozialen und
Gruppenzwängen unterwerfen können oder wollen, geübt und praktiziert
wird.
Er macht es sich aber nicht so leicht, wie jetzt der Eindruck entstehen
könnte, denn trotz der vielen Erklärungsansätze für die Tat wäscht er Gary
und Brendan nicht rein, nein, er konstatiert nur, dass j e d e r auch ein
Stück Verantwortung für das Klima, das in seinem näheren Umfeld
herrscht, hat.
---und dass Toleranz und Interesse für seine Mitmenschen Werte sind,
die mehr wiegen als schulische und sportliche Erfolge...

Mein Fazit:

Ein erschütterndes Buch, und ein sehr gelungenes, nicht nur (aber vor
allem) für Jugendliche und Erwachsene, die - sei es weil sie beruflich mit
Kindern und Jugendlichen zu tun haben, sei es, weil sie Eltern sind -
Interesse an dieser Thematik haben.
Natürlich ist einiges zu sehr auf amerikanische Verhältnisse
zugeschnitten, manches ist bei uns halt doch noch anders, so der
wesentlich strengere Umgang mit Waffen oder aber auch, dass
Sportlichkeit in unserer Gesellschaft nicht den hohen Stellenwert hat wie in
den USA. Abgesehen von diesen Kleinigkeiten kann man aber die
Problematik durchaus auf europäische Verhältnisse übertragen.

Aktualisierung:
Ich habe diesen Bericht geschrieben vor den Ereignissen in Erfurt.
Ich weiß nicht so recht, was ich dazu sagen soll...
Morton Rhue hat Erfurt sicher nicht vorausgesehen, er hat ja eher Fälle,
die in Amerika schon geschehen sind, nachbearbeitet. Dennoch: natürlich
kann man sein Buch auch als Warnung verstehen, als Mahnung, dass
überall so etwas passieren kann. Aber auch als Hoffnung, dass man mit
viel Sensibilität und Bemühen um Verständnis für Jugendliche mit
Schwierigkeiten im Vorfeld solche Katastrophen (vielleicht) vermeiden
kann.
Ich möchte jetzt nicht von einer Amerikanisierung Deutschlands sprechen.
Auch nicht von Gewalt verherrlichenden Videospielen, von bluttriefenden
Filmen, von der Forderung nach noch strengeren Waffengesetzen, von
einer besseren psychologischen Ausbildung von Lehrern und auch nicht
von mehr Geld für die Betreuung und Erziehung unserer Jugend.
Doch, natürlich möchte ich darüber sprechen, denn all dies sind Elemente
dessen, was geschehen ist. Aber eben nur Elemente. Ich glaube, dass in
Erfurt so ziemlich alles, was schief laufen kann, schief gelaufen ist, dass
sehr vieles zusammenkam und dass es eine absolute Sicherheit, dass so
etwas nicht noch mal passiert, auch unter günstigsten Bedingungen nicht
geben kann.

Vielleicht ist Morton Rhues neues Buch ein kleiner Beitrag für eine neue
Kultur des Nicht-Mehr-Wegsehens.

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