Erfahrungsbericht von zefania
Michael Moore schockt die Amerikaner mit dem Film: Bowling for Columbine
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Hello.
Sind zuviele Amis verrückt nach Waffen, oder was?
===
Michael Moore ist zwar ausgebildeter Scharfschütze und seit seiner Kindheit Mitglied der National Rifle Association, der US-Schusswaffenlobby. Normalerweise aber geht er ohne Gewehr zum Coiffeur. Doch jetzt sitzt er auf dem Stuhl, hat einen Schiessprügel im Schoss, fingert an einer Schachtel Munition rum und lässt sich die Haare schneiden.
Nein, Michael Moore hat nichts Böses im Sinn – er will nur scharfe Bilder schiessen. Und trifft mit «Bowling for Columbine» ins Schwarze. Der Dokumentarfilm ist absurd – dank Szenen wie im Coiffeursalon.
Überwachungskamera-Aufnahmen aus der Columbine Highschool, wo zwei Jugendliche ein Massaker anrichteten, schockieren. Und Moores historischer Abriss im Stile der «South Park»-Comic-Filme ist schaurig lustig. «Willst du den Leuten die Wahrheit beibringen, bring sie zum Lachen, sonst erschiessen sie dich» sagt Moore.
Der Guerilla-Filmer geht in «Bowling for Columbine» einer schwierigen Frage nach: «Sind wir Amerikaner verrückt nach Waffen – oder sind wir nur verrückt?» Diese Frage ist aktueller denn je. Der Scharfschütze, der vergangene Wochen im Raum Washington D. C. zehn Menschen mit einer Bushmaster XM-15 ermordete, setzte Amerikas Tradition des Schusswaffen-Missbrauchs aufs Furchtbarste fort. Und George W. Bush wird nicht müde, auf einen Krieg gegen den Irak zu drängen. Doch hat die Wahnsinnstat eines Einzelnen etwas mit der US-Weltpolitik zu tun? Für Michael Moore schon.
In schlabbrigem Hemd, Jeans und nie ohne Baseballkappe schlurft er durch «Bowling for Columbine», immer die Antwort auf seine Waffenfrage im Visier. Er recherchiert nach Kalibern und interviewt Knallköpfe, aber er analysiert auch die Kultur der Gewalt im mächtigsten Staat der Welt. Moore eröffnet in einer Provinzbank ein Konto, erhält dafür gratis ein Gewehr – und geht damit zum Coiffeur. Im Höchsttempo rekapituliert er den US-Interventionismus – von der Inthronisation des Schahs im Iran bis zu den US-Millionen, mit denen Osama bin Ladens Taliban im Kampf gegen die Russen unterstützt wurden.
Diese Schonungslosigkeit entzückte die Franzosen.
Sie nahmen «Bowling for Columbine» als ersten Dokumentarfilm seit 46 Jahren in den Wettbewerb von Cannes auf. Das Premierenpublikum applaudierte 13 Minuten lang. Die Jury verlieh Moore einen Spezialpreis.
Das republikanische Amerika freilich feuert jetzt, da der Film in den US-Kinos angelaufen ist, schwere Salven auf Moore ab: Sensationsmacher, selbstverliebter Zyniker, schamloser Exhibitionist, Nestbeschmutzer schimpft es ihn.
Angreifbar ist Michael Moore, denn er ist ein unterhaltender Propagandist, kein intellektueller Analyst. So postuliert er einen Zusammenhang zwischen dem Columbine-Massaker 1999 in Littleton und Lockheed Martin. Der grösste Waffenhersteller der Welt ist dort angesiedelt, wo Dylan Klebold und Eric Harris ein Blutbad anrichteten und sich dann selbst töteten. Moore verbindet Columbine mit dem Kosovo, wo US-Bomben gleichentags Kinder und Frauen töteten. Konfliktlösung durch Waffen ist also in der US-Kultur gleichsam institutionalisiert?
«Ich habe nicht alle Antworten, aber ziemlich gute Fragen», sagt Moore.
Der 48-Jährige ist eine Mischung aus Gerhardt Polt, Jean Ziegler und Uncle Sam. Er ist in Flint, Michigan, als Sohn irisch-katholischer Eltern aufgewachsen. Sein Vater war beim grössten Arbeitgeber der Region, General Motors, angestellt, seine Mutter bei der städtischen Behörde. Er sei ein All American Boy gewesen, sagt Moore. Aber einer, der aktiver, kritischer und eigenständiger war als der Durchschnitt. Als Primarschüler gab er eine Zeitung heraus, die sofort verboten wurde. Sein Weihnachts-Bühnenstück über eine Rattenzusammenkunft in seiner Katholiken-Schule durfte er auch nicht aufführen. Mit 19 wurde er zum Schulvorsteher gewählt, was noch keinem Jüngeren gelungen war. Und das College gab er eines Tages auf, weil er mit seinem Chevy Impala keinen Parkplatz auf dem Unigelände fand.
Wie jeder richtige Boy aus der Gegend war er aber auch Mitglied der National Rifle Association. Heute bezeichnet er die NRA als «mächtigste politische Lobby der USA». Und das ist nicht als Lob gemeint. Denn die NRA ist erzkonservativ und kämpft verbissen für das verfassungsmässige Recht jedes Amerikaners, eine Waffe zu besitzen (Second Amendment). Scharfschütze Moore will dieses Recht nicht ausradieren. «Keine noch so rigide Waffenkontrolle hätte den Sniper von Washington verhindern können», sagte er der «Washington Times». Trotzdem will er wissen, weshalb es in den USA zu über 10\'000 Morden jährlich mit Schusswaffen kommt.
Dieser Frage geht Michael Moore in «Bowling for Columbine» ebenso hartnäckig nach, wie er vor 13 Jahren in «Roger and Me» Roger Smith verfolgte. Smith war der CEO von General Motors und war Ende Achtzigerjahre daran, in Moores Heimatstadt eine Fabrik nach der anderen zu schliessen, weil die Produktion anderswo billiger war. Zehntausende verloren ihren Job, Flint wurde zur Geisterstadt. Moore, damals Herausgeber der Wochenzeitung «The Flint Voice», beschloss, einen Dokumentarfilm darüber zu drehen. Er filmte seine arbeitslosen Mitbürger und verfolgte CEO Smith überall hin, um ihn zur Rede zu stellen – erfolglos. Trotzdem wurde «Roger and Me» zum Bravourstück journalistischer Hartnäckigkeit sowie politischer Aufklärung und landet auf fast jeder Top-Ten-Filmliste des Jahres 1989.
Letzteres dürfte sich mit «Bowling for Columbine» wiederholen. Michael Moore reitet gegenwärtig auf einer riesigen Erfolgswelle. Dank George W. Bush. Seit er den «Holzkopf aus Texas» als Zielscheibe hat, kann Moore seinen boshaften Witz noch besser abfeuern. Nicht nur im Film, auch in Buchform.
«Stupid White Men», Moores Abrechnung mit dem Amerika unter Bush junior, stand monatelang auf sämtlichen Bestsellerlisten der USA. Moore degradiert in dieser beissenden Satire sein geliebtes Heimatland mit scharfem Verstand und gnadenloser Recherche zur Bananenrepublik und bittet Uno-Generalsekretär Kofi Annan um Entsendung von Hilfstruppen. In «Bowling for Columbine» bittet er den NRA-Präsidenten und Altmimen Charlton «Ben Hur» Heston um die Beantwortung der Frage, weshalb in den USA prozentual mehr Menschen mit Schusswaffen ermordet werden als irgendwo sonst auf der Welt. «Mixed ethnicity», sagt Heston, Gemischtrassigkeit.
Moore kommt zu einer anderen Erklärung. Es liege am Klima der Angst, das in den USA herrsche. «South Park»-Macher Matt Stone erzählt, wie ihm als Schüler der Columbine Highschool mit Armut und Einsamkeit gedroht wurde, wenn er die Mathematik-Prüfung nicht bestehe. Schockrocker Marilyn Manson sagt, Angst sei das Treibmittel des Kapitalismus: «Kaufe etwas gegen deine Pickel, sonst wirst du nie gebumst.»
Moore belegt, dass die US-Medien Angst schüren. Während die Kriminalitätsrate in den USA 20 Prozent gesunken sei, habe es über 600 Prozent mehr Medienberichte über Gewalttaten gegeben. «If it bleeds, it leads», Blut bringt Quote.
«Mit unserer Psyche stimmt etwas nicht«, sagt Moore. «Bowling for Columbine» lässt auf Besserung hoffen.
Wie seht Ihr da bitte?
Gruss
zefania
Sind zuviele Amis verrückt nach Waffen, oder was?
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Michael Moore ist zwar ausgebildeter Scharfschütze und seit seiner Kindheit Mitglied der National Rifle Association, der US-Schusswaffenlobby. Normalerweise aber geht er ohne Gewehr zum Coiffeur. Doch jetzt sitzt er auf dem Stuhl, hat einen Schiessprügel im Schoss, fingert an einer Schachtel Munition rum und lässt sich die Haare schneiden.
Nein, Michael Moore hat nichts Böses im Sinn – er will nur scharfe Bilder schiessen. Und trifft mit «Bowling for Columbine» ins Schwarze. Der Dokumentarfilm ist absurd – dank Szenen wie im Coiffeursalon.
Überwachungskamera-Aufnahmen aus der Columbine Highschool, wo zwei Jugendliche ein Massaker anrichteten, schockieren. Und Moores historischer Abriss im Stile der «South Park»-Comic-Filme ist schaurig lustig. «Willst du den Leuten die Wahrheit beibringen, bring sie zum Lachen, sonst erschiessen sie dich» sagt Moore.
Der Guerilla-Filmer geht in «Bowling for Columbine» einer schwierigen Frage nach: «Sind wir Amerikaner verrückt nach Waffen – oder sind wir nur verrückt?» Diese Frage ist aktueller denn je. Der Scharfschütze, der vergangene Wochen im Raum Washington D. C. zehn Menschen mit einer Bushmaster XM-15 ermordete, setzte Amerikas Tradition des Schusswaffen-Missbrauchs aufs Furchtbarste fort. Und George W. Bush wird nicht müde, auf einen Krieg gegen den Irak zu drängen. Doch hat die Wahnsinnstat eines Einzelnen etwas mit der US-Weltpolitik zu tun? Für Michael Moore schon.
In schlabbrigem Hemd, Jeans und nie ohne Baseballkappe schlurft er durch «Bowling for Columbine», immer die Antwort auf seine Waffenfrage im Visier. Er recherchiert nach Kalibern und interviewt Knallköpfe, aber er analysiert auch die Kultur der Gewalt im mächtigsten Staat der Welt. Moore eröffnet in einer Provinzbank ein Konto, erhält dafür gratis ein Gewehr – und geht damit zum Coiffeur. Im Höchsttempo rekapituliert er den US-Interventionismus – von der Inthronisation des Schahs im Iran bis zu den US-Millionen, mit denen Osama bin Ladens Taliban im Kampf gegen die Russen unterstützt wurden.
Diese Schonungslosigkeit entzückte die Franzosen.
Sie nahmen «Bowling for Columbine» als ersten Dokumentarfilm seit 46 Jahren in den Wettbewerb von Cannes auf. Das Premierenpublikum applaudierte 13 Minuten lang. Die Jury verlieh Moore einen Spezialpreis.
Das republikanische Amerika freilich feuert jetzt, da der Film in den US-Kinos angelaufen ist, schwere Salven auf Moore ab: Sensationsmacher, selbstverliebter Zyniker, schamloser Exhibitionist, Nestbeschmutzer schimpft es ihn.
Angreifbar ist Michael Moore, denn er ist ein unterhaltender Propagandist, kein intellektueller Analyst. So postuliert er einen Zusammenhang zwischen dem Columbine-Massaker 1999 in Littleton und Lockheed Martin. Der grösste Waffenhersteller der Welt ist dort angesiedelt, wo Dylan Klebold und Eric Harris ein Blutbad anrichteten und sich dann selbst töteten. Moore verbindet Columbine mit dem Kosovo, wo US-Bomben gleichentags Kinder und Frauen töteten. Konfliktlösung durch Waffen ist also in der US-Kultur gleichsam institutionalisiert?
«Ich habe nicht alle Antworten, aber ziemlich gute Fragen», sagt Moore.
Der 48-Jährige ist eine Mischung aus Gerhardt Polt, Jean Ziegler und Uncle Sam. Er ist in Flint, Michigan, als Sohn irisch-katholischer Eltern aufgewachsen. Sein Vater war beim grössten Arbeitgeber der Region, General Motors, angestellt, seine Mutter bei der städtischen Behörde. Er sei ein All American Boy gewesen, sagt Moore. Aber einer, der aktiver, kritischer und eigenständiger war als der Durchschnitt. Als Primarschüler gab er eine Zeitung heraus, die sofort verboten wurde. Sein Weihnachts-Bühnenstück über eine Rattenzusammenkunft in seiner Katholiken-Schule durfte er auch nicht aufführen. Mit 19 wurde er zum Schulvorsteher gewählt, was noch keinem Jüngeren gelungen war. Und das College gab er eines Tages auf, weil er mit seinem Chevy Impala keinen Parkplatz auf dem Unigelände fand.
Wie jeder richtige Boy aus der Gegend war er aber auch Mitglied der National Rifle Association. Heute bezeichnet er die NRA als «mächtigste politische Lobby der USA». Und das ist nicht als Lob gemeint. Denn die NRA ist erzkonservativ und kämpft verbissen für das verfassungsmässige Recht jedes Amerikaners, eine Waffe zu besitzen (Second Amendment). Scharfschütze Moore will dieses Recht nicht ausradieren. «Keine noch so rigide Waffenkontrolle hätte den Sniper von Washington verhindern können», sagte er der «Washington Times». Trotzdem will er wissen, weshalb es in den USA zu über 10\'000 Morden jährlich mit Schusswaffen kommt.
Dieser Frage geht Michael Moore in «Bowling for Columbine» ebenso hartnäckig nach, wie er vor 13 Jahren in «Roger and Me» Roger Smith verfolgte. Smith war der CEO von General Motors und war Ende Achtzigerjahre daran, in Moores Heimatstadt eine Fabrik nach der anderen zu schliessen, weil die Produktion anderswo billiger war. Zehntausende verloren ihren Job, Flint wurde zur Geisterstadt. Moore, damals Herausgeber der Wochenzeitung «The Flint Voice», beschloss, einen Dokumentarfilm darüber zu drehen. Er filmte seine arbeitslosen Mitbürger und verfolgte CEO Smith überall hin, um ihn zur Rede zu stellen – erfolglos. Trotzdem wurde «Roger and Me» zum Bravourstück journalistischer Hartnäckigkeit sowie politischer Aufklärung und landet auf fast jeder Top-Ten-Filmliste des Jahres 1989.
Letzteres dürfte sich mit «Bowling for Columbine» wiederholen. Michael Moore reitet gegenwärtig auf einer riesigen Erfolgswelle. Dank George W. Bush. Seit er den «Holzkopf aus Texas» als Zielscheibe hat, kann Moore seinen boshaften Witz noch besser abfeuern. Nicht nur im Film, auch in Buchform.
«Stupid White Men», Moores Abrechnung mit dem Amerika unter Bush junior, stand monatelang auf sämtlichen Bestsellerlisten der USA. Moore degradiert in dieser beissenden Satire sein geliebtes Heimatland mit scharfem Verstand und gnadenloser Recherche zur Bananenrepublik und bittet Uno-Generalsekretär Kofi Annan um Entsendung von Hilfstruppen. In «Bowling for Columbine» bittet er den NRA-Präsidenten und Altmimen Charlton «Ben Hur» Heston um die Beantwortung der Frage, weshalb in den USA prozentual mehr Menschen mit Schusswaffen ermordet werden als irgendwo sonst auf der Welt. «Mixed ethnicity», sagt Heston, Gemischtrassigkeit.
Moore kommt zu einer anderen Erklärung. Es liege am Klima der Angst, das in den USA herrsche. «South Park»-Macher Matt Stone erzählt, wie ihm als Schüler der Columbine Highschool mit Armut und Einsamkeit gedroht wurde, wenn er die Mathematik-Prüfung nicht bestehe. Schockrocker Marilyn Manson sagt, Angst sei das Treibmittel des Kapitalismus: «Kaufe etwas gegen deine Pickel, sonst wirst du nie gebumst.»
Moore belegt, dass die US-Medien Angst schüren. Während die Kriminalitätsrate in den USA 20 Prozent gesunken sei, habe es über 600 Prozent mehr Medienberichte über Gewalttaten gegeben. «If it bleeds, it leads», Blut bringt Quote.
«Mit unserer Psyche stimmt etwas nicht«, sagt Moore. «Bowling for Columbine» lässt auf Besserung hoffen.
Wie seht Ihr da bitte?
Gruss
zefania
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