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Erfahrungsbericht von *sannah*

"Das Leben ist...

Pro:

das Leben ungeschönt, aber vor allem treffend beobachtet

Kontra:

nichts für Leser ohne Sinn für Skurriles und Absurditäten

Empfehlung:

Nein

...eine für Jugendliche verbotene Schnulze\".

So konstatiert es T. S. Garp in seinem legendären Roman: \"Bensenhaver und wie er die Welt sah\". Und dessen erstes Kapitel ist Teil dieses Romans von John Irving, dem legendären Garp und wie er die Welt sah, im Original \"The World according to Garp\". Und zu Recht, wie ich nun nach den 635 Seiten der Taschenbuchausgabe sagen kann, bekam es von der Stadtbibliothek meines Vertrauens den Aufkleber \"Skurril/ Makaber\" verpasst.

Doch der Roman beginnt nicht mit der Geschichte Garps, sondern mit einer Erzählung,

Garps Mutter ist eine Frau, die weiß, was sie will - eine Tatsache, die in den frühen 40er Jahren unter jungen Frauen weder beliebt noch üblich ist. Als Tochter eines reichen Schuhfabrikanten könnte sie ein sorgloses Leben führen, doch sie zieht es vor, einen richtigen Beruf zu erlernen:

(...) \"Jenny war zweiundzwanzig. Sie hatte das College, kaum hatte sie angefangen, auch schon wieder verlassen, aber die Schwesternschule hatte sie als Klassenbeste absolviert, und sie war sehr gern Krankenschwester. Sie war eine athletisch wirkende junge Frau und hatte immer leicht gerötete Wangen; sie hatte dunkles, weich glänzendes Haar und einen Gang, den ihre Mutter als männlich bezeichnete (sie schwenkte die Arme), und ihr Gesäß und ihre Hüften waren so schmal und fest, dass sie von hinten wie ein Junge aussah. Jenny fand ihre Brüste zu groß; sie war der Meinung, durch ihren üppigen Busen sehe sie wie ein ‚billiges Flittchen’ aus.
Sie war alles andere. Tatsächlich war sie vom College abgehauen, als ihr der Verdacht kam, ihre Eltern hätten sie hauptsächlich deshalb nach Wellesley geschickt, damit sie sich von irgendeinem jungen Mann aus gutem Hause ausführen und dann zum Traualtar führen ließ. Das Wellesley College hatten ihre älteren Brüder empfohlen. Wellesley-Absolventinnen, hatten sie ihren Eltern versichert, würden nicht als leichte Mädchen betrachtet, sondern gälten als vorzügliche Ehekandidatinnen. Jenny spürte, dass ihr Studium für ihre Eltern nur eine höfliche Methode war, Zeit zu schinden, als ob sie in Wirklichkeit eine Kuh wäre, die nur auf die Einführung des Instruments zur künstlichen Besamung vorbereitet würde.\" (...) (S. 9/ 10)

Jenny entscheidet sich gegen die Ehe, aber für ein Kind. Ihren geplanten einzigen Sohn zeugt sie mit \"dem letzten Schuss\" eines ihrer Patienten, die sie auf der Intensivstation zu betreuen hat. Er ist ehemaliger Soldat, Turmschütze, mit einem Splitter im Kopf aber kriegsunfähig, selbiger sorgt auch dafür, dass er sich - psychisch wie physisch - immer weiter in Säuglingsstadium zurückentwickelt. Nur zeugungsfähig bleibt er, und das auf eine besonders eindrucksvolle Weise. Sein Name: T. S. (Technical Seargant) Garp.

Wie sich im Laufe des Romans herausgestellt, ist sein Name nicht das einzige, was Garp von seinem Vater geerbt hat. Doch zunächst verlebt er seine Kindheit an der Steering School, wo seine Mutter als Schulschwester arbeitet. Diese Entscheidung trifft sie, wie alle weiteren wichtigen, nach dem Gesichtpunkt, ob es für die Entwicklung ihres Sohnes zuträglich wäre. So lehnt sie eine bessere Stelle an einer reinen Mädchenschule ab, weil sie nicht will, dass ihr Sohn seine ersten sexuellen Erfahrungen innerhalb eines Wäscheberges von Mädchenunterwäsche macht. Sie bevorzugt die Steering School, die als reine Jungenschule einen guten Ruf genießt. Garp wächst im Krankenrevier der Schule auf, die er später auch abschließen wird.

Doch zunächst betrachtet der Leser mit Garps Augen den alltäglichen Wahnsinn an der Schule. Da Garp nicht das einzige Lehrerkind ist, findet er schnell Spielkameraden. So zum Beispiel die Kinder des Schulsekretärs Stewart \"Fat Stew\" Percy, dessen einzige Qualifikation darin besteht, die Tochter des Direktors geheiratet zu haben. Nicht zu vergessen natürlich seine jährlich stattfindende Vorlesung zur Geschichte des 2. Weltkrieges im Pazifikraum, bestehend aus einer Diashow und eigenen verherrlichenden Erfahrungsberichten.

Der Zufall will es, dass Garp den Ringsport für sich entdeckt, kurz darauf lernt er die gleichaltrige Tochter des Ringertrainers kennen. Für ihn steht sofort fest, dass er Helen heiraten will - doch ist er für sie nur als Schriftsteller interessant. Garps Berufswunsch steht fest, um sein vorhandenes gewisses Talent zu fördern, reist seine Mutter mit ihm nach seinem Schulabschluss nach Wien, wo die beiden ein Jahr lang leben werden.

Beide haben den Wunsch zu schreiben: Garp, um Helen zu beeindrucken, die auf dem College großen Ehrgeiz an den Tag legt; Jenny, um ihr Leben zu fixieren. Beide sollen letztendlich Erfolg haben. Nachdem Garp bei einer Wiener Prostituierten nicht nur sexuelle Erfahrungen gemacht hat, und die \"Pension Grillparzer\" als Fantasiekurzgeschichte Helen so fasziniert hat, dass sich Garp fortan Schriftsteller nennen darf, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die beiden heiraten. Garp und Helen sind noch auf dem College, als sie 19jährig heiraten.

Zu diesem Zeitpunkt beginnt Garps Leben als liebevoller Familienvater von zwei Kindern und Hausmann, seine schriftstellerische Karriere hingegen verläuft zunächst im Sande, Helen ernährt ihre Familie als Dozentin für englische Literatur. Es kommen die späten 60er Jahre und die sexuelle Revolution - Garp und Helen haben beide Affären. Das Buch jedoch, das Garp darüber verfasst, sein zweites, sollte noch weniger Beachtung finden als sein erstes, ist er doch nicht mehr als \"der Sohn von Jenny Fields\".

Seine Mutter hingegen findet mit John Wolf genau den Verleger, den sie für ihre Autobiographie \"Eine sexuell Verdächtige\" haben wollte. Die Beschreibung ihrer unkonventionellen Lebensart (unkonventionell für ihre Zeit - siehe oben) lässt sie zu einer Heldin der Feministinnenbewegung werden, die nun aufkeimt. Ihren Beruf als Krankenschwester muss sie nun nicht mehr ausüben, nachdem ihr Buch zum Bestseller mutiert ist. Um sie scharen sich zahlreiche Frauen, und auch wenn Jenny Fields ihre neue Rolle zunächst etwas ungewohnt erscheint, findet sie sich doch recht schnell mit dieser neuen Situation ab.

Eitel Sonnenschein oder Friede Freude Eierkuchen? Nicht in der Welt, wie sie Garp erscheint und die er in seinen minder erfolgreichen Romanen scharf zeichnet. Sein Familienglück wird durch ein tragisches Unglück auf die Probe gestellt - wird es daran auch zerbrechen?

Skurril ist die Welt, wie Garp sie sieht und Irving beschreibt. Aber dennoch real, mit hohem Wahrheitsgehalt in den Beschreibungen, so überzogen sie auch erscheinen mögen. Er entsteht ein Bild von der Gesellschaft, von Lehrern und Huren, Spießern und Außenseitern, Opfern und Mördern, Transsexuellen und Sittenstrolchen, Männern, Frauen und Kindern. Skurril oder makaber - das Leben als Groteske. So scheint es völlig normal, dass Professoren ein Verhältnis mit Studentinnen haben und Väter mit Babysittern; dass das Schicksal eines 10jährigen Mädchens, der nach ihrer Vergewaltigung die Zunge abgeschnitten wurde, Hunderte von Frauen aus Mitgefühl dazu bewegt, es ihr nachzutun; dass ein 12jähriger Junge seine Freunde einlädt, damit sie seine Mutter beim Baden beobachten können. Was nach außen idyllisch scheint, ist in Wahrheit eine Farce. Beim Lesen habe ich mich oft gefragt, wie Irving die Situation noch überbieten will - meistens schaffte er es zu meiner Verblüffung.
Das Leben ist unbarmherzig und konfliktreich, aber vielleicht kann Sex einige Probleme lösen... Das Leben als eine für Jugendliche verbotene Schnulze.

Und Irving schönt seine Erzählung nicht: Brutalität und sexuelle Gewalt werden so genau beschrieben, dass es fast weh tut (zur Belegung dieser These empfehle ich den Anfang des 14. Kapitels), Kraftausdrücke werden ebenfalls reichlich verwendet. Es ist eine klare Sprache, die Irving spricht, eine, die sehr realitätsnah wirkt, wenn auch manchmal etwas überzogen, was aber hervorragend ins Konzept passt.

Der Autor spart auch nicht an den Einzelheiten, kein Nebensatz ist unwichtig und was noch viel wichtiger erscheint: er vergisst keinen Charakter, den er einmal eingeführt hat, auch wenn er eigentlich keine große Rolle zu spielen scheint. Jeden Charakter schildert er so, dass man sich in den Menschen, so widersprüchlich er in sich auch sein mag (aber sind wir das nicht alle?), hineinversetzen kann. Irving vergisst niemanden, und trotz der vielen Personen kommt man nie in die Verlegenheit, Charaktere zu vertauschen.

In meinen Augen also eine volle Weiterempfehlung an diejenigen, die unsere Welt durchleuchten wollen - Skurriles, Absurdes und Komisches inbegriffen. Ein Buch, das man immer wieder lesen kann und immer wieder etwas Neues findet. Trotz des enormen Umfangs bietet es kurzweilige Unterhaltung, fesselnd und abstoßend zugleich. Doch ein Fünkchen Wahrheit steckt auch in der größten Übertreibung.


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John Winslow Irving wurde 1942 in Exeter, New Hampshire, USA geboren. Nach seinem Studium an den Universitäten von Pittsburgh, Wien und New Hampshire lehrte er ab 1967 am englischen Institut am Mount Holyoke College. Auch an der Universität Iowa war er als Dozent des Schriftsteller-Workshops tätig. Nach dem Erfolg von \"Garp und wie er die Welt sah\" 1978 konnte er seine Lehrtätigkeit aufgeben und sich nur auf das Schreiben konzentrieren.

Bisherige Veröffentlichungen:

1969 Setting Free The Bears (Lasst die Bären los)
1972 The Water-Method-Man (Die wilde Geschichte vom Wassertrinker)
1974 The 158 Pound Marriage (Eine Mittelgewichts-Ehe)
1978 The World According To Garp (Garp und wie er die Welt sah) - 1982 verfilmt
1981 The Hotel New Hampshire (Das Hotel New Hampshire) - 1986 verfilmt
1985 The Cider House Rules (Gottes Werk und Teufels Beitrag) - 1999 verfilmt
1989 A Prayer For Owen Meany (Owen Meany)
1993 Trying To Save Piggy Sneed (Rettungversuch für Piggy Sneed: Erzählungen)
1994 A Son Of The Circus (Zirkuskind)
1996 The Imaginary Girlfriend (Die imaginäre Freundin: Biographie)
1998 A Widow For One Year (Witwe für ein Jahr)
1999 My Movie Business (My Movie Business - mein Leben, meine Romane, meine Filme)
2001 The Fourth Hand (Die vierte Hand)
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Und was ich noch sagen wollte:
>
Garp: \"Geboren mit einem sonnigen Gemüt und der Gewissheit, dass die Welt verrückt ist\"
Du auch?

So, Ende der Durchsage.