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Erfahrungsbericht von wildheart

Kann man ein Urteil kaufen?

Pro:

Spannende Interviews aus dem Munde des Regisseurs

Kontra:

Nichts

Empfehlung:

Nein

Wer einen von Grishams Romanen kennt und dieses Buch noch nicht gelesen hat, sollte dies schleunigst nachholen. Denn der Autor beweist hier einmal mehr, wie spannend man eine Geschichte über und um das Justizsystem der Vereinigten Staaten schreiben kann. Grisham, der zehn Jahre lang in einer eigenen Kanzlei als Anwalt, vor allem Strafverteidiger, tätig war, lässt seine Kenntnisse über das amerikanische Rechtssystem in unnachahmlicher Weise in die Geschichte einfließen.

Inhalt
Die Geschichte spielt – wie so oft bei Grisham – in Mississippi, in der Kleinstadt Biloxi an der Golfküste, die von einem Tag auf den anderen in den ganzen Vereinigten Staaten und darüber hinaus bekannt wird. Denn in Biloxi findet ein Prozess der besonderen Art statt. Celeste Wood verklagt das Tabakkonsortium »Pynex«; es geht um Produkthaftung. Denn ihr Mann Jacob war im Alter von 51 Jahren an Lungenkrebs gestorben; er hatte über dreißig Jahre geraucht, zumeist bis zu drei Schachteln pro Tag. Celeste wendet sich an den in Produkthaftungsangelegenheiten erfahrenen Anwalt Wendall Rohr, der die Sache begierig aufgreift, sich ohne Mühe die Unterstützung von Anti-Raucher-Organisationen sichert und eine formidable Gruppe von Anwälten zusammenstellt, die den Prozess wegen Schadensersatz und Schmerzensgeld vorbereiten sollen. Bisher waren solche Prozesse – insgesamt 54 an der Zahl – immer zugunsten der Tabakkonzerne ausgegangen.

Rohr hat es auf der Gegenseite mit dem gerissenen und zu allem entschlossenen Rankin Fitch zu tun, dem Beauftragten der Tabakindustrie. Fitch ist unberechenbar, lächelt nie, schläft »sogar in einem Zustand der Feindseligkeit«. Er hat die größte Kanzlei an der Golfküste beauftragt, die mit 80 Anwälten bestückte Kanzlei Whitney & Cable & White. Doch nicht nur das. Ein Schwarm von Detektiven und sonstigen Helfershelfern steht Anklage wie Verteidigung zur Verfügung. Diese haben letztlich nur eine Aufgabe: Sie sollen die auf der Geschworenenliste benannten Personen beobachten, Nachbarn befragen, ausforschen, damit sich die Anwälte ein Bild von den in Frage kommenden Geschworenen machen können, um bei der entscheidenden Auswahl der letztlich zwölf Jury-Mitgliedern möglichst viele auf die Bank zu bekommen, die in ihrem Sinne stimmen oder zumindest manipulierbar sind.

Es geht um Millionen in diesem Prozess. Und wenn Celeste Wood die Klage gewinnen sollte, käme sicherlich eine Lawine weiterer Prozesse auf die Tabakindustrie zu, die Börsenkurse kämen ins Rutschen – Fitch rechnet mit 20% Verlusten – und die Schadensersatzsummen könnten ins Unermessliche wachsen.

Ja, und dann ist dort noch einer unter den Geschworenen, Nicholas Easter, von dem weder Anklage noch Verteidigung sehr viel wissen, ein Mann, der vorgibt, eine Zeitlang Jura studiert zu haben, der offenbar gut informiert und auf den Prozess vorbereitet ist. Nicht nur er, auch andere Jury-Mitglieder fühlen sich, nachdem der Prozess mit der Vernehmung von Sachverständigen der Anklage begonnen hat, heimlich beobachtet, ja verfolgt. Richter Harkin, der in Kenntnis ähnlicher Beeinflussung von Geschworenen in vergleichbaren Verfahren, sehr viel Wert auf den Schutz der Geschworenen legt, ordnet ihre Unterbringung in einem Motel an. Doch auch das ändert nichts daran, dass einige Jury-Mitglieder ein merkwürdiges Verhalten an den Tag legen.

Aber nicht nur dies. Bei Fitch und später auch bei Rohr meldet sich eine junge Frau, die offenbar hellseherische Fähigkeiten besitzt. Sie sagt voraus, in welcher Kleidung Easter am nächsten Tag im Prozess erscheinen wird, weist Fitch nach, dass einer seiner Helfershelfer heimlich in Easters Wohnung eingedrungen und herum geschnüffelt hat, kennt Details, die eigentlich nur wenige Eingeweihte wissen können ...

Meine Meinung
Grisham legt auch in diesem Roman wieder sehr viel Wert auf eine dichte, möglichst lückenlose Beschreibung aller Umstände, die den Prozess begleiten. Seine frühere Tätigkeit als Anwalt ist sicherlich mit ein Grund dafür, wie exakt er sowohl in der Darstellung des amerikanischen Rechtssystems ist, aber auch aller Figuren, die in dem Roman eine Rolle spielen, und zwar nicht nur der Hauptfiguren, sondern auch der meisten anderen. Darin liegt eine von Grishams Stärken: Man kann sich ein gutes, oft hervorragendes Bild der Personen machen.

Seine Kenntnisse des Rechtssystems schildert der Autor nun nicht in einer Juristen oft eigenen, trocken-langweiligen, leblosen Sprache. Seine Informationen, insbesondere über das Jury-System, verbindet er mit der Praxis dieses Systems an einem konkreten Fall – und vor allem legt er den Finger in die Wunden dieses Systems. Die bestehen vor allem in der Möglichkeit der Manipulation der Jury-Mitglieder, die oft hart an die Grenzen der Legalität geht oder sie – wie in diesem Buch geschildert – überschreitet. Grisham spitzt diese Aufdeckung der negativen Seiten respektive Möglichkeiten des Jury-Systems zu, indem er in diesem Roman fragt: Kann man ein Urteil kaufen? Ist es möglich, die Mitglieder der Jury soweit zu beeinflussen bzw. unter Druck zu setzen, dass sie ein gewünschtes Urteil jenseits der Ergebnisse der Beweisaufnahme ausspricht?

Zu den Stilmitteln Grishams zählt auch (man vergleiche etwa seinen Roman »Die Jury«), dass er in einer spezifischen Weise distanziert zum Geschehen und zu den Figuren schreibt. Es scheint oft so, als habe er mit der Handlung nichts zu tun, als beobachte er Verhaltensweisen, Abläufe, Personen, mit denen er sich in keiner Weise identifiziert, als sei er ein objektiver Beobachter außerhalb und beinahe »oberhalb« aller Ereignisse. Doch diese Distanz ist nur ein (hervorragend eingesetztes) Mittel, um den Leser voll in das Geschehen zu involvieren und ihm gleichzeitig die Möglichkeit zu geben, selbst zu urteilen. Und Grisham nutzt diese Distanz, um – abseits lehrbuchmäßiger oder arroganter Pädagogik – die Dimensionen des Falls offenzulegen. Grandios!

Fazit
»Das Urteil« ist ein extrem spannender, von allerlei Wendungen geprägter Roman des Erfolgsautors mit überraschendem Ausgang und einem Thema, das fesselnder nicht abgehandelt werden könnte. Grisham gelingt es, die Schwächen eines Justizsystems und die Möglichkeiten der in diesem System handelnden Figuren plastisch zu vermitteln. Das Beziehungsgeflecht aus Recht und Gerechtigkeit, Macht und Geld überzieht Grisham nicht mit dem moralinsauren Zeigefinger oder auch nur mit der Deklamation eines ethischen Kodex hehrer Prinzipien, sondern überlässt es der Intelligenz, dem Einfühlungsvermögen und der Beurteilung des Lesers, sich ein Bild zu machen. Ein Grund mehr, warum ich diese Romane liebe.

John Grisham: Das Urteil, München 1997 (Wilhelm Heyne Verlag, Allgemeine Reihe Nr. 01/12137), 526 Seiten, 7 €, Originalausgabe: »The Runaway Jury«, New York 1996 (Verlag Bantam Doubleday Dell Publishing Group)

© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-20 21:33:35 mit dem Titel John Grisham: Die Jury / Anspruchsvoll, spannend bis zum Schluss

Dass etliche der Romane von John Grisham verfilmt wurden, nimmt kaum Wunder, sind sie doch durch Spannung und ein hohes Maß sowohl an inhaltlichem Anspruch wie erzählerischer Dichte geprägt. Der 1989 erschienene Roman »Die Jury« beschäftigt sich mit dem Thema Selbstjustiz. Wenn man allerdings den Roman gelesen hat, weiß man, dass es um mehr geht: das amerikanische Justizsystem, die unterschiedliche Mentalität von Menschen in den Nord- und Südstaaten der USA, die Frage der Todesstrafe und der ungleichen Behandlung von Angeklagten aufgrund ihrer Hautfarbe.

Geschichte
Ausgangspunkt der Geschichte ist die brutale Vergewaltigung der kleinen (schwarzen) Tonya durch zwei weiße Rednecks (Ausdruck für extrem konservative, gewalttätige Menschen in den Südstaaten; ursprünglich Bezeichnung für weiße Farmer). Tonya kommt nur knapp mit dem Leben davon, ist so schwer verletzt, dass sie nie Kinder bekommen kann. Als ihr Vater Carl Lee Hailey davon erfährt, hat er nur ein Ziel vor Augen: die beiden Täter zu töten. Das erzählt er auch dem jungen Rechtsanwalt Jake Brigance, der allerdings ebensowenig wie Sheriff Ozzie Walls glaubt, dass Hailey wirklich zur Waffe greift.

Carl Lee besorgt sich bei einem ehemaligen Kriegskameraden, der inzwischen illegale Geschäfte mit Drogen, Waffen und anderem treibt, eine Schnellfeuerwaffe, versteckt sich in der Besenkammer des Gerichtsgebäudes und erschießt die beiden Täter, als sie wieder ins Gefängnis gebracht werden sollen. Dabei verletzt er auch versehentlich einen Polizisten, dem wegen der schweren Verletzungen ein Bein amputiert werden muss.

In der Kleinstadt Clanton reißen die Fronten auf. Freunde und Bekannte der beiden erschossenen Rednecks wenden sich an den längst tot geglaubten Ku-Klux-Klan; die schwarze Bevölkerung fordert Freispruch und organisiert Geldsammlungen für Hailey, der seine Verteidigung durch Brigance nicht bezahlen kann, seine Arbeit verloren und dessen Familie kaum Geld zum Leben hat. Clanton teilt sich in solche, die vollstes Verständnis für Hailey haben und andere, die seinen Tod in der Gaskammer fordern, vor allem weil er als Schwarzer zwei Weiße ermordet hat.

Für Staatsanwalt Rufus Buckley scheint die Stunde gekommen zu sein, in der er durch die Anklage gegen Carl Lee endlich vorwärtskommen kann auf dem Weg zur Wahl zum Gouverneur. Für ihn liegt der Fall so klar, dass es an einer Verurteilung zum Tode keinen Zweifel zu geben scheint. Brigance andererseits – ein grundsätzlicher Befürworter der Todesstrafe – sieht in Carl Lees Tat das, was jeder vernünftige Mann in seiner Situation getan hätte, auch er, wenn seiner kleinen Tochter so etwas angetan worden wäre.

Doch der Aufbau der Verteidigung gestaltet sich schwierig. Zum einen muss Brigance darum kämpfen, dass eine Jury zusammengestellt wird, die er von einem Schuldspruch abhalten kann, zum anderen kann er seine Verteidigung ausschließlich auf Unzurechnungsfähigkeit aufbauen. Brigance benötigt Hilfe, und die erhält er von seinem ehemaligen Chef, dem aus der Anwaltskammer vor Jahren ausgeschlossenen und alkoholabhängigen Lucien Wilbanks, einer jungen agilen Jurastudentin, die kurz vor dem Abschluss steht, aus dem Norden, Ellen Roark, und seinem Kollegen, dem Scheidungsanwalt Harry Rex Vonner, der keine Skrupel zu kennen scheint, mit allen Mitteln zu kämpfen.

Die Schwierigkeiten nehmen noch zu: Nicht nur, dass sich die NAACP, die Bürgerrechtsorganisation der Schwarzen, einmischt, um den Fall politisch auszuschlachten, indem sie u.a. Carl Lee einen von ihr ausgesuchten Staranwalt aufdrängen will. Zudem greift der Ku-Klux-Klan zur Gewalt. Und Richter Omar Noose lehnt eine Verhandlung an einem anderen Ort ab, was Brigance beantragt hatte ...

Meine Meinung
Grisham erzählt eine kompakte Geschichte mit einer derart inhaltlichen Fülle, dass Spannung bei der Lektüre dieses Romans nie ausbleibt. Trotz dieses Reichtums an Konflikten und Themen, die er anhand der Tat Haileys aufrollt, verzettelt sich die Handlung nicht in einzelnen Verästelungen. Grisham gelingt es, die einzelnen Handlungsstränge so miteinander zu verbinden, dass insgesamt ein grandioses, teilweise erschreckendes, vor allem aber dichtes und verständliches Bild der Situation in einer Kleinstadt in Mississippi entsteht.

Darüber hinaus entwirft der Autor eine differenzierte Darstellung des amerikanischen Justizsystems, das auf dem Geschworenensystem aufbaut, und seinen Problemen anhand eines derartigen Falls. Kann es eine Jury geben, die unvoreingenommen den Fall beurteilt? Welche persönlichen Mentalitäten haben in welcher Weise Einfluss auf die Entwicklung des Prozesses? Welche Interessen spielen eine Rolle? Selbstjustiz ist aus gutem Grund verboten; doch welche anderen Umstände müssen zur Beurteilung eines solchen Akts herangezogen werden? Wie reagieren die Menschen auf diese Tat in einem County, in dem die Weißen einen Anteil von über 70% an der Bevölkerung ausmachen?

Grisham zeichnet von Kapitel zu Kapitel die verschiedenen Charaktere der Beteiligten – vor allem von Carl Lee, Brigance, Noose, Ellen Roark, Harry Vonner, Buckley, Wilbanks – differenzierter, exakter, feiner. Seine Figuren beschreibt er einerseits aus der Distanz des Erzählers, der sich kein Urteil über ihr Verhalten anmaßt, einzige Ausnahme vielleicht Staatsanwalt Buckley, den Grisham als zwar intelligenten, aber eingebildeten Emporkömmling zeichnet, dem das Mitgefühl für andere gänzlich abhanden gekommen zu sein scheint. Doch andererseits ist Grisham hautnah dran, wohl auch als jemand, der sich – selbst früher Anwalt – sein Leben lang mit der Fragwürdigkeit der Todesstrafe auseinander gesetzt hat.

Spannend mit »anzusehen« ist auch, wie ganz unterschiedliche Figuren an der Verteidigung Haileys arbeiten: Brigance, der prinzipiell für die Todesstrafe ist, gegen die anwaltliche Konkurrenz großer Kanzleien bestehen muss, ein typischer weißer Südstaatler, aber kein Rassist; Ellen, die emanzipierte Kämpferin gegen die Todesstrafe, aus den Nordstaaten, intelligent, engagiert, witzig, schlagfertig, die sich durch nichts provozieren lässt; Wilbanks, dem Alkohol verfallen, oft aufbrausend, egoistisch, der aber dennoch irgendwie auf seiten der Gerechtigkeit steht und dabei meistens die Situation realistisch einschätzt; Harry Rex, viermal verheiratet, viermal geschieden, ein hinterlistiger, mit allen Wassern gewaschener Scheidungsanwalt; Sheriff Walls, der Carl Lee im Gefängnis sitzen hat, innerlich mit ihm sympathisiert ...

So entsteht ein komplexes, kompliziertes Bild einer Gesellschaft, die sich vor ein letztlich unlösbares Problem gestellt sieht: Übergibt sie Carl Lee der Gaskammer, wird ein Mann hingerichtet, der so gehandelt hat, wie fast alle anderen in seiner Situation auch gehandelt hätten. Spricht sie ihn frei, kommt dies der Legalisierung von Selbstjustiz gleich. Eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe kommt bei einem Schuldspruch aus gesetzlichen Gründen nicht in Frage.

Ein Lob auch der deutschen Übersetzung durch Andreas Brandhorst, an der ich nichts auszusetzen habe.

Fazit
Wenn ich den Roman mit der Verfilmung von Joel Schumacher (»A Time To Kill«, 1996) vergleiche, so kommt zwar einiges von der Dichte des Romans in dem Streifen zum Ausdruck. Doch die Unterschiede sind immer noch eklatant. Grisham hat die Fähigkeit, ein kompaktes Bild einer Situation, einer Gesellschaft, eines Falls und seiner Entwicklung geradezu zu zaubern. Dadurch bleibt die Spannung, wie die Geschichte ausgeht, zwar weiterhin vorhanden; aber viel interessanter und fesselnder ist, was vorher geschieht.

John Grisham: Die Jury, München 2001 (Taschenbuchausgabe, zusammen mit »Die Kammer«, Heyne Allgemeine Reihe Nr. 01/13495, 1292 Seiten), 622 Seiten, Wilhelm Heyne Verlag München, 10 €; ISBN 3-453-19928-6; dt. Erstauflage München 1992, Originaltitel: »A Time To Kill«, 1989

© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-21 20:31:22 mit dem Titel Christoph Haas, Almodóvar. Kino der Leidenschaften

Wer sich für den spanischen Regisseur Pedro Almodóvar und seine Filme näher interessiert, kann in dem hervorragenden Band»Filmen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Gespräche mit Frédéric Strauss«, Frankfurt 1998, einiges über die Hintergründe des Werkes vom Regisseur selbst erfahren. Zudem gibt es ein weiteres informatives Buch, das der Germanist und Romanist Christoph Haas (der auch Beiträge zu Bruce Willis, Stanley Kubrick sowie für »Merkur« und »epd-Film« geschrieben hat) 2001 verfasst hat.

Inhalt
Haas Buch gliedert sich u.a. in fünf Abschnitte, in denen er Almodóvars Filme nach verschiedenen Themenbereichen gliedert und interpretiert. Er befasst sich darin mit allen Filmen des Regisseurs, die im Kino liefen, von »Pepi, Luci, Bom und andere Mädchen vom Haufen« (1980) bis »Alles über meine Mutter« (1999). Am Schluss des Bandes findet man eine Filmografie mit allen, auch den nicht kommerziellen Filmen aus den 70er Jahren sowie kurzen, aber prägnanten Inhaltsangaben zu allen Kinofilmen. Ein ausführliches Literaturverzeichnis erschließt weitere Quellen zum Werk Almodóvars, u.a. Internet-Adressen, Aufsätze über den Regisseur, dessen eigene Schriften, Interviews, Porträts und Drehberichte. Den Abschluss des Bandes bildet ein Titel- und Personenregister.

Der Band ist reich bebildert, vor allem mit Szenenfotos und Aufnahmen von Dreharbeiten. Die Qualität der Schwarz-Weiß-Fotos ist nicht besonders gut, aber erträglich.

In die Filminterpretationen eingeflochten sind an verschiedenen Stellen kurze Spotlights zu Schauspielern, die mehr oder weniger oft mit Almodóvar gedreht haben, u.a. zu Julieta Serrano, Carmen Maura, Antonio Banderas, Marisa Paredes, Veronica Forqué, Chus Lampreave und Rossy de Palma. Ebenso finden sich zahlreiche, beispielhafte Ausschnitte aus Dialogen.

Meine Meinung
Haas zitiert Almodóvar am Anfang mit folgenden Worten: »Ich bin in der Mancha geboren und habe da acht Jahre gelebt. Diese ersten Jahre haben mir klargemacht, dass ich die Gegend nicht liebe und da nicht leben möchte und alles, was ich im Leben täte, das Gegenteil dessen sein würde, was ich in der Mancha gesehen habe – die Art der Leute dort, zu leben, zu denken, zu sein« (S. 11). Die Mancha – das ist für Almodóvar vor allem der Inbegriff des Machismo und des mit dem Frankismus eng verbundenen Katholizismus. Aber letzterer ist für ihn nicht nur ein Phänomen der Macht, sondern Almodóvar entdeckt Affinitäten von religiöser und erotischer Ekstase, mit denen er sich vor allem in Filmen wie »Das Kloster zum heiligen Wahnsinn« und »Das Gesetz der Begierde« später auseinander setzen sollte.

Haas schildert, wie Almodóvar nach Madrid geht, dort sich fast besessen mit Filmen, Filmgeschichte, dem phantastischen Realismus lateinamerikanischer Autoren befasst, das Kleinbürgertum der Großstadt kennen lernt, vor allem aber auch die Subkultur, die in fast allen seinen Filmen eine bedeutende Rolle spielt. Die Großstadt ist für Almodóvar nicht nur der Kontrapunkt zur Mancha, zum Land, zur Provinz, zum Frankismus, zum Katholizismus und zur Enge; er »propagiert« geradezu die Großstadt in all ihren Segmenten, ihrer Differenzierung, aber nicht durch Verherrlichung, sondern in durchaus extrem analytischer Absicht.

Ist die Großstadt die räumliche, so sind die Frauen die lebendige »Waffe« in Almodóvars Filmen – die Frauen, die im Widerspruch und Widerstand gegen den Machismo über Jahrzehnte eine enge, ausgeprägte, verbindliche, fast natürlich-liebevolle Solidarität entwickelt hatten, die im Spanien nach Franco weiter lebte, auch in den Städten. Frauen, die weinen, die interessierten den Regisseur schon immer, nicht nur, dass sie weinen, sondern vor allem warum, die Geschichte, die dazu führte.

Haas kritische Würdigung des Werks Almodóvars hier wiederzugeben, ist nicht möglich. Daher nur einige Aspekte: Er macht deutlich, dass sich bestimmte Motive, Handlungsstränge, Absichten in allen Filmen wiederfinden. Almodóvar geht es um die Familie, aber nicht die klein- oder großbürgerliche Familie. Er verknüpft die Solidarität der Frauen mit der Frage, ob Familie und wie Familie in einem weiteren Sinne als in der klassischen Familie(en-Ideologie) möglich ist. Zentral – vor allem in »Alles über meine Mutter« wird dies greifbar – sind dabei die Fragen nach Festhalten- und Loslassen-Können sowie nach Verfügbarkeit und Offenheit. In »Alles über meine Mutter« verliert Manuela (Cecilia Roth) ihren Sohn, reist in ihre Vergangenheit zurück, hilft einer ihr völlig fremden Frau, Rosa (Penelope Cruz), und als die stirbt, nimmt sie deren Baby auf und kehrt nach Madrid mit ihrem neuen Sohn zurück. Dieser Weg zwischen Verlust und Gewinn ist ein Gang durch die Hölle und den Himmel.

Die filmischen Instrumente gleichen den inhaltlichen Schwerpunkten: Die Verlagerung von Handlungen aus ihren im wirklichen Leben bestehenden Zusammenhängen in ganz andere, vor allem der der Subkultur, hat weniger transzendente Bedeutung. Das »Übertriebene« dieser Translokation dient der Verdeutlichung des Geschehens:

»›Alles über meine Mutter‹ markiert eine neue, überraschende Wendung in Almodóvars Aneignung des Religiösen. In ›Das Kloster zum heiligen Wahnsinn‹ dient der Rückgriff auf die religiöse Bildlichkeit und Symbolik der Heiligsprechung säkularer Emotionen. In ›Kika‹ ist die Heldin bereits von ungewöhnlicher Bereitschaft, auf ihre Mitmenschen einzugehen, erfüllt; dazu hat sie die Fähigkeit, einen Toten zweimal zum Leben zu erwecken. In ›Alles über meine Mutter‹ triumphiert dann eine spezifische Art von Solidarität, für die es, bei aller von Almodóvar gewohnten Drastik und Komik, nur noch ein altmodisches Wort gibt: Nächstenliebe« (S. 156) – wobei ich diese Entwicklung nicht so überraschend finde wie Haas.

Die schicksalhaften Verstrickungen der bis ins Detail konstruierten Figuren Almodóvars in die Abgründe von sozialen Netzwerken, in denen ihnen der Zugang zum Leben abgeschnitten wird, ist ein zentrales Moment seiner Filme. In »Alles über meine Mutter« erzählt der Regisseur in dieser Deutlichkeit zum ersten Mal nicht nur von diesen »schrecklichen Schnitten«, sondern auch »von der Notwendigkeit, immer von neuem mit der Arbeit des Verknüpfens zu beginnen« (S. 156).

Fazit
Haas Buch ist keine populärwissenschaftliche Darstellung, aber auch keine schwer zugängliche oder gar elitäre wissenschaftliche Analyse. Voraussetzung für ein tieferes Verständnis ist sicherlich, dass man vor Lektüre des Buches zumindest ein, zwei Filme des spanischen Regisseurs gesehen hat. Haas Interpretationen vermitteln einen phantastischen Zugang zum Werk, sie sind engagiert geschrieben, zeugen von emotionaler Verbundenheit wie philosophisch-historischem Verständnis.

Ich kann dieses Buch uneingeschränkt empfehlen und schließe mit einem Zitat von Almodóvar, das auch Haas am Ende seiner Ausführungen anführt: »Die Sprache des Kinos besteht aus Bildern, die in die Zukunft reisen, auch wenn die Geschichten, die wir erzählen, in die Vergangenheit tauchen« (S. 162). Almodóvar ist ein Meister dieses Kinos und Haas hat sich um die Vermittlung seines Werks wirklich verdient gemacht.

Christoph Haas, Almodóvar. Kino der Leidenschaften, Hamburg / Wien 2001, Europa Verlag, ISBN 3-203-84119-3, 188 Seiten, Preis: 16,90 €

© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-21 20:27:57 mit dem Titel Almodóvar: Filmen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Im Frühjahr lief im Friedrichsbau-Kino in Freiburg eine Werkschau des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar mit allen seinen bisher dreizehn Kinofilmen. Almodóvar hat gerade seinen neuesten Film »Hable con ella« (englischer Titel: »Talk To Her«) fertiggestellt, der in den spanischen Kinos bereits angelaufen war und in Deutschland gerade gezeigt wird.

Um sich einen Eindruck über Almodóvars Filme zu verschaffen, die alle in engem Zusammenhang zueinander stehen, lohnt sich ein Blick in das erstmals 1994 erschienene Buch »Filmen am Rande des Nervenzusammenbruchs«, in dem alle Filme bis auf »Alles über meine Mutter« aufgenommen sind.

Das 247 Seiten starke Buch besteht ausschließlich in Interviews, die der französische Filmkritiker und Mitarbeiter von »Cahiers du Cinéma«, Frédéric Strauss, mit dem spanischen Regisseur geführt hat. Diese Interviews sind chronologisch entlang der Filme von »Pepi, Luci, Bom und andere Mädchen aus dem Haufen« (1980) bis »Live Flesh« (1997) geführt, d.h. zu jedem Film verrät Almodóvar Interessantes über das Zustandekommen der Filme, seine Ideen, die Produktionsbedingungen, die persönlichen und gesellschaftlichen, die politischen Hintergründe für den Film, die Aufnahme der Streifen in der Öffentlichkeit, seine Interpretationen, die Schauspieler, die Dreharbeiten, die formale Einordnung der Filme, die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Ideen Almodóvars und und und. Die Gesprächsteilnehmer gehen dabei oft ins Detail, sprechen über einzelne Szenen und ihre Interpretation usw.

Ergänzt werden diese in den Jahren 1992/93, 1995 und 1997 geführten Interviews durch einen Bildteil mit Szenen aus den Filmen, eine Filmografie mit kurzen, prägnanten Inhaltsangaben sowie einem Stichwort- und Personenregister.

Meine Meinung
Das Buch (respektive die Interviews) liest sich spannend wie ein Roman. Eine komprimierte Zusammenschau der Gespräche ist in einer Besprechung unmöglich. Aber was mir nach der Lektüre des Buches und natürlich dem Genuss aller seiner Kinofilme deutlich wurde, kann ich vielleicht folgendermaßen zusammenfassen:

Kein anderer Regisseur macht Filme wie Pedro Almodóvar: Eigene Filme, eigensinnige Filme, eigenwillige Filme, eigenartige Filme. »Ich glaube, wenn alle Filmer wirklich die Filme machten, die sie machen möchten, wären sie origineller«, äußert er in dem Buch. Und genau dies trifft auf seine Arbeit zu.

Und der Zuschauer? Er kann sich diese Filme im wahrsten Sinn des Worts zu eigen machen. Almodóvars Filme haben den phantastischen Vorteil, dass sie viele Interpretationen zulassen. Almodóvar selbst äußert im Gespräch, jede Interpretation seines Werks sei legitim, auch wenn er natürlich nicht jede teile. Sein Werk regt förmlich zur Phantasie im nicht-luftleeren Raum an. Es ist witzig, spritzig, dramatisch und provokant zugleich. Es zieht an, ist Komödie und Drama in einem. Es verlagert Handlungen und Verhalten von ihrem angestammten Kontext in einen ganz anderen Zusammenhang, ohne dabei ins Absurde zu verfallen. Die Geschichten bleiben am Rande der Absurdität, überschreiten diese Grenze aber nie. Auch das machen die Gespräche mit Strauss deutlich.

Im Zentrum seiner Filme stehen zumeist Frauen, Frauen die weinen, und die Geschichte, die dazu geführt hat, dass sie weinen. Im Mittelpunkt stehen damit aber zugleich Männer, so wenig sie in diesen Filmen zumeist auch auf der Bühne erscheinen mögen. Das Leben in der La Mancha, aus der Almodóvar stammt, ist ihm ein Gräuel gewesen, das alte Spanien, das Franco-Spanien mit seiner rigiden erzkatholischen, lustfeindlichen, und nicht zuletzt eben frauenfeindlichen Mentalität.

Almodóvar zeigt in seinen Filmen die Solidarität, aber nicht die äußerliche, proklamierte, das heißt letztlich nur eine Hülle, sondern die gelebte, die aus der alten Zeit stammende, in ihr entwickelte, von Frauen entwickelte, spontane, unverblümte, kurz praktische Solidarität, die als Abwehr der Frauen gegen den Machismo entstand. Über seinen Filmen könnte auch stehen: Wie kann sie aussehen, die praktische und praktizierte Solidarität der Geschlechter in einer anderen Form der Familie als der klassischen, die dem alten System verhaftet ist. Besonders in seinem bislang letzten Film »Alles über meine Mutter« wird dies mehr als deutlich.

Almodóvars Filme machen Spaß, sind Ernst, verschaffen Lust, regen zum Denken an, sind schwierig, lassen keine Fluchtwege – kurz: sie sind phantastisch. Sie verzichten auf Verurteilung und Abwertung, sie sind bei aller Kritik eben selbst in einer zutiefst mitfühlenden Art solidarisch.

All dies ist auch Thema im Gespräch mit Strauss. Dabei ist Almodóvar keineswegs zu einem jener Regisseure geworden, die sich im Glanz ihres Erfolgs auf einen Sockel gestellt haben. Wie hieß es so schön in »Das Gesetz der Begierde«?

»Bewunderin: Ich habe alle deine Filme gesehen. Allein heute habe ich ›Das Paradigma der Muschel‹ dreimal gesehen. Um vier Uhr, um sieben und um elf.
Pablo (Filmregisseur): Hat es dir gefallen?
Bewunderin: Ja, beim zweiten Mal hat es mir gefallen, aber weniger als ›Remake‹ beim ersten Mal.
Pablo: Und ›Arschkopf‹ beim fünften Mal?
Bewunderin: Weniger als ›Remake‹ beim ersten Mal, aber mehr als ›Alitosi‹ beim dritten Mal. Und welcher von deinen Filmen ist dir selbst der liebste?
Pablo: Weißt Du, ich drehe meine Filme gern, aber hinterher kann ich sie nicht mehr ertragen«.

Fazit
Für Liebhaber der Filme Almodóvars ist das Buch fast ein Muss. Es erschließt die Gefühlswelt und die Mentalität eines Regisseurs und darüber hinaus einen Gutteil spanischer Geschichte der letzten Jahrzehnte, die in Almodóvars Filmen immer eine mehr oder wenig offene Rolle spielt.

Pedro Almodóvar: Filmen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ein Gespräch mit Frédéric Strauss, Frankfurt am Main 1998, Verlag der Autoren, ISBN 3-88661-192-2.Titel der Originalausgabe: »Pedro Almodóvar, Conservations avec Frédéric Strauss«, Editions de l’Etoile / Cahiers du Cinéma, 1994, 1995, und 1997. Aus dem Französischen von Frieda Grafe und Enno Patalas. 247 Seiten, Preis: 20 €

© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)

20 Bewertungen, 2 Kommentare

  • XXLALF

    01.12.2009, 10:43 Uhr von XXLALF
    Bewertung: besonders wertvoll

    alle achtung, wahnsinnsbericht, nicht nur in der länge, sondern auch vom inhalt. super toll und ich frage mich, wieso keiner der leser vor mir diesen bericht mit bw bewertet haben. und ganz liebe grüße

  • Sayenna

    17.12.2006, 14:37 Uhr von Sayenna
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh & Kuss :-)