Mensch Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 03/2007
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Summe aller Bewertungen
- Cover-Design:
- Klangqualität:
Erfahrungsbericht von alteSchwedin
Mensch sein, um Mensch zu werden!
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Herbert Grönemeyer ist mein Lieblingsinterpret. Ich glaube, das hier zugeben zu dürfen. Als ich vor ungefähr 5 Jahren bei meinem 20 Jahre älteren Cousin seine „Unplugged“ hörte, war es um mich und meinen Musikgeschmack geschehen. Seitdem lasse ich mir so langsam über Weihnachten und Geburtstage seine CDs zusammenschenken. Jetzt bin ich schon bei 8 angekommen.
Da war es natürlich vorprogrammiert, dass ich mir sein neues Album „Mensch“ kaufte. Am 2. September erschien es und schon am 3. konnte ich es mein Eigen nennen. Und genau über diesen Silberling möchte ich euch heute berichten.
Herbert Grönemeyer wurde 1956 in Göttingen geboren, wuchs aber in Bochum auf. Schon vor dem Abitur arbeitete er am Theater, was er nach dem Abitur fortsetzte. Darüber wurde sein Studium sehr vernachlässigt. Dieses wurde jedoch gar nicht gebraucht. Herbert wurde Schauspieler und vor allem durch „Das Boot“ bekannt. Am Theater lernte er auch seine geliebte Frau Anna kennen. Sie heirateten und wurden Eltern von zwei Kindern.
1984 kam der Durchbruch als Musiker mit seinem Erfolgsalbum „4630 Bochum“, worauf Herbert sich auf die Musik konzentrierte. Nach „Bochum“ folgten mehrere mehr oder weniger erfolgreiche Alben, bis mit „Bleibt alles anders“ 1998 ein weiterer Höhepunkt folgte. Im November desselben Jahres starben kurz hintereinander Anna und Herberts Bruder an Krebs. Herbert zog sich nach London zurück und lange wartete man auf ein Lebenszeichen von ihm. In diesem Sommer war es endlich so weit. Die Single „Mensch“ stand wochenlang auf Platz Eins der deutschen Charts und das Album erreichte allein schon durch die Vorbestellungen Platinstatus.
Auf die Hülle der CD ist ein weißer Strahlenkreis aufgedruckt, worauf wiederum ganz schlicht in Schwarz „Mensch“ mit eckigen Buchstaben geschrieben steht. Das Cover des Songbooks sieht man jedoch trotzdem noch durch. Dieses Cover ist scherenschnittartig gemacht. Die erste Seite ist ein unregelmäßig durchbrochenes Gitter, bei dem bunte Bildfetzen der zweiten Seite durchblicken. Die zweite Seite ist komplett bunt. Verschiedenste Bilder sind in verschiedensten Farben abgedruckt. Beim Weiterblättern entdeckt man die Songtexte, die wenn auch nicht ganz, so doch annähernd auf den Text der Songs passen. Ein Schwarz-Weiß- und zwei in dunklen Farben gehaltene Bilder Herberts vervollständigen das Songbook.
MENSCH
Nun schreibe ich also zum dritten Mal über diesen Song. Ich hatte ihn ja schon in den Berichten zum Musikvideo und zur Single besprochen. Das habe ich mir jedoch absichtlich nicht noch einmal durchgelesen und ich möchte euch auch bitten, die Versionen nicht zu vergleichen, denn ihre Art orientiert sich an meiner Tagesform.
Percussions, Keyboard und Gitarre eröffnen diesen Song und nach 20 Sekunden setzt Herberts Stimme ein. „Nichts ist wirklich wichtig, nach der Ebbe kommt die Flut“ drückt aus, dass es immer irgendwie weitergeht, egal wie schlimm die Situation gerade ist.
Bald folgt auch der Refrain, in dem zu den anfangs schon genannten Instrumenten Streicher hinzukommen. Hier wird die ansonsten durch den Rhythmus bestimmte Grundstimmung durch die sanfte Melodie der Streicher aufgelockert. Herbert zählt im Chorus die grundlegenden Eigenschaften des Menschen auf, ohne die der Mensch nie glücklich sein könnte: „Der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt. [...] Weil er lacht, weil er lebt.“ Am Ende kommt jedoch die Einschränkung, die für ihn immer da sein wird „Du fehlst“. Seine Frau Anna fehlt ihm einfach. Doch: „Es ist OK.“
Die zweite Strophe ist musikalisch so wie die erste, doch ist hier der Text noch etwas abstrakter. Deshalb möchte ich hier nur ausführen, was er für mich bedeutet. Herbert singt über die eigentliche Unwichtigkeit der materiellen Dinge. Heute legt jeder so viel Wert auf ein tolles Auto etc., aber für die Seele zählt nur das Zwischenmenschliche.
Es folgt wieder ein ähnlich wie der erste geartete Chorus. Einige Textzeilen sind anders und leise Klaviertöne sind im Hintergrund zu hören, die jedoch stärker als die Streicher hervorklingen. „Der Mensch heißt Mensch, weil er erinnert, weil er kämpft, weil er schwärmt und liebt, weil er mitfühlt und vergibt, weil er lacht, weil er lebt, du fehlst.“ Noch einmal werden die elementaren Eigenschaften des Menschen hervorgehoben. Eine kurze Textzeile zeigt jedoch ganz deutlich, wie weit Herbert den Tod seiner Frau verarbeitet hat: „Es tut gleichmäßig weh.“ Mit leisen Klaviertönen klingt der Song aus.
Der Song wird durch den Rhythmus und natürlich durch den Text bestimmt. Doch da beides für sich allein brillant ist und perfekt zusammenpasst, bekommt man einen grandiosen Song zu hören, bei dem übrigens Herberts Tochter Marie die Background Vocals machte.
NEULAND
Dieser Song knallt gleich zu Anfang richtig rein. Drums und Gitarren leiten diesen rockigen Song ein. Während der ersten Strophe lassen es die Instrumente ruhiger angehen. „Du steckst, Neuland, mitten in der Pubertät, deine Unterschiede sind deine Qualität.“ Nun fragt man sich doch langsam, um was es eigentlich geht. Etwas später, als das Wort „Zweiland“ fällt, wird das klar. Herbert singt von Deutschland.
Wir sollen uns endlich aufraffen und dieses Land einen, verlangt er im Chorus: „Komm in die Gänge, starte den Motor im Kopf...“ Hier dürfen dann auch die Instrumente so richtig in die Gänge kommen. Es wird lauter, schneller, rockiger und Herbert muss fast schreien. Doch das passt zum Song, denn er will uns ja aufrütteln. Wir müssen uns endlich bewegen, damit sich Deutschland endlich gemeinsam weiterentwickeln kann.
Die folgende Strophe wird wieder ruhiger. „Entspann dich Zweiland, Deine Geschichte ist nicht fusselfrei.“ Außerdem sollte Deutschland endlich gelassener mit seiner Geschichte umgehen. Die Instrumentierung ist hier ebenso gelassen. Zurückhaltende Gitarren und Drums bestimmen das Bild.
Nach dem nun folgenden Chorus, der wie oben gestaltet ist, verschwinden alle Instrumente wie abgehackt. Nur ein leises Brummen ist zu hören, während Herbert spricht: „Ich mag dieses Land, ich mag die Menschen, ich mag nicht den Staat.“ Es folgt wieder ein Refrain, in dem es wieder rockiger wird. Auch gegen den Neonazismus singt Herbert: „Wehre dich, wenn es nach 33 riecht.“ Insgesamt befasst dieser Song wieder einmal ein mit einem neuen, kaum angesprochenen Thema. Dass er so laut und rockig dargestellt wird, passt auch toll. Ich mag diesen Song, der so richtig an den „jungen Herbert“ erinnert, als er insgesamt noch lauter und fetziger war.
DER WEG
Ganz sanftes, melodisches Klavierspiel leitet den Song ein. Bald setzt Herberts traurige Stimme ein, in der immer noch eine Andeutung von Fassungslosigkeit mitschwingt. Eine unsagbare, bewegende Traurigkeit ist deutlich zu spüren. Dennoch beginnt der Song textlich mit einem leichten Hoffnungsschimmer: „Ich bin viel zu träge, um aufzugeben, Es wäre auch zu früh, weil immer was geht.“ Es geht weiter...
Immer noch hört man dieses leise Klavier, das einen leichten, aber doch festen Hintergrund bildet. In diese Töne scheint Herbert seine Traurigkeit und auch seine Verzweiflung gelegt zu haben. „Wir waren verschworen, wären füreinander gestorben [...] Es war ein Stück vom Himmel, dass es dich gibt.“ Trotz des Schmerzes, den er durch Annas Tod erlitt, war es doch ein riesiges Glück, dass er sie jemals getroffen hat.
Plötzlich wird die Instrumentierung lauter und Herberts Stimme wird kräftiger und eindringlicher: Der Chorus.
„Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet,
Hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt,
Nordisch nobel deine sanftmütige Güte, dein unbändiger Stolz,
Das Leben ist nicht fair.“
Ich liebe diese Zeilen. Sie sprechen für sich, gehen zu Herzen und verursachen gleichzeitig eine Gänsehaut.
Im folgenden Strophenteil singt Herbert, nun wieder ruhiger, von dem Traum, in den er durch Anna versank. Es war wunderschön, doch jetzt ist es vorbei und das Gefühl fehlt. Wieder folgt ein Chorus, an den sich der Abschluss anschließt. Der Song klingt mit leiser Klavier- und Streicherbegleitung aus, während Herbert singt:
„Habe dich sicher, in meiner Seele,
Ich trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt,
Ich trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt.“
Anna wird immer bei ihm sein, bis zu seinem Tod. Eine ewige Liebeserklärung.
Es ist der wahrscheinlich bewegendste Song, den Herbert Grönemeyer jemals geschrieben und gesungen hat. „Der Weg“ ist eine wunderschöne, traurige Hymne an seine verstorbene Frau Anna. Dieser Song stellt seine Verarbeitung ihres gemeinsamen Lebens und ihres Todes dar. Er ist gleichzeitig Liebeserklärung wie auch melancholischer Rückblick.
VIERTEL VOR
Diesen Song findet man im Songbook erst an sechster Stelle, obwohl es ja eigentlich der vierte ist. Da ist wohl einiges noch in letzter Minute geändert worden. Der Song scheint einer zum Abgewöhnen des vorigen zu sein, ist er doch ziemlich gegensätzlich.
Mit teilweise blechern klingenden Percussions beginnt der Song, bevor ziemlich kräftige Gitarren einsetzen. Als die Strophe jedoch beginnt, sind nur noch die Drums und ein Bass zu hören. „Es ist viertel vor. [...] Der Schluss steht vor dem Tor. [...] Um 12 ist Weltuntergang.“
Im folgenden Chorus, die jetzt wieder von rockigen Gitarren begleitet wird, singt Herbert davon, seine Zeit zu nutzen. „... Lieben wir uns gleich hier. Man hat nicht gelebt, wenn man es nicht probiert.“ Der Text ist jedoch hier nicht allzu gut verständlich, weil die Begleitung ziemlich laut ist und Herbert oft sowieso nicht so deutlich singt. Da musste sogar ich einmal kurz zum Songbook greifen.
Nach dem Chorus wird die Instrumentierung wieder auf Drums und Bass beschränkt, als Herbert singt: „Jedes Wort ist zu viel...“ Das wäre nur Zeitverschwendung. Es ist ja schon „Viertel vor“. Doch plötzlich hört man wieder rockige Gitarren, obwohl noch kein Chorus kommt. Dies ändert sich auch bis zum Ende nicht. „Wir zwei werden es schaffen, ich bin die Kugel in deinem Colt.“ Nach einem weiteren Chorus folgen noch einige „neue“ Zeilen, bevor der Song mit dem wiederholten und teilweise von kreischenden Gitarren begleiteten Chorus ausklingt.
Nicht der Spitzensong der CD, das ist „Der Weg“, aber ein rockiges Stück, das ins Ohr geht und das „Carpe diem“-Thema gekonnt aufgreift.
LACHE, WENN ES NICHT ZUM WEINEN REICHT
Elektronisch klingende Percussions leiten diesen Song, der auch schon auf der Single „Mensch“ zu finden war, ein.
„Tausend Haare in der Suppe und dein Löffel hat ein Loch,
Es fällt keine Sternschnuppe, deine Kerze hat keinen Docht...“
Eigentlich müsste ich hier den gesamten Text des Songs wiedergeben, wenn ich euch sagen wollte, wie viele Pechsituationen Herbert Grönemeyer aufzählt. Aber das würde eindeutig zu weit führen. Während des Strophenteils wird der Gesang anfangs nur durch Percussions und später zusätzlich durch leise Streicher im Hintergrund begleitet.
Während des Chorus kommen noch Gitarren und Trompeten hinzu, so das dieser Teil kräftiger wirkt. Wie schlimm es auch kommt, man sollte immer lachen, wenn es nicht zum Weinen reicht. Denn dadurch wird vieles gleich weniger tragisch. Nach jeweils zwei Strophen mit Chorus geht der Song seinem Ende entgegen, an dem die Instrumentierung immer lauter wird. Mit den Worten: „Und greife endlich nach den Sternen [...] Zum Weinen bleibt noch so viel Zeit...“ klingt dieser Song aus, wobei die Musik am Ende richtig schnell und beinahe fröhlich wird.
Schon auf der Single kam dieser Song in seiner lustig-ironischen Art bei mir einfach gut an. Er drückt wohl einfach Herbert Grönemeyers gebliebenen oder vielleicht auch wiedererwachten Optimismus aus. Es ist schön, das Herbert dieser durch die lange Pause aufgrund des Todes seiner Frau nicht verloren gegangen ist.
UNBEWOHNT
Der Drummer spielt anfangs nur auf den Becken und Keyboard und Gitarre erzeugen eine melancholische Grundstimmung. Nun erklingt Herberts hoffnungslose Stimme, bei der man eine Leere fühlen kann. „Beweg mich im aussichtslosen Raum, führ Selbstgespräche, hör mich kaum...“ Schon in diesen Zeilen kann man eine tiefe, lähmende Traurigkeit spüren.
Durch den Chorus in dem zusätzlich zu Keyboard, Drums und Gitarren getragene Streicher zu hören sind, wird das noch deutlicher. Die vielfältige Instrumentierung bedeutet aber keineswegs, das der Chorus entschlossener klingt, die schon angesprochene Hoffnungslosigkeit ist immer noch zu hören.
„Ooh, es tropft ins Herz, der Kopf unmöbliert und hohl,
Ooh, keine Blumen im Fenster, der Fernseher ohne Bild und Ton
Ich fühl mich unbewohnt.“
In den folgenden Zeilen wird die Leere in ihm immer deutlicher. Ich denke, dass er hier von der Zeit kurz nach dem Tod seiner Frau singt. Man hört hier noch ein großes Stück Vergangenheitsbewältigung. Die Musik ist sehr vielfältig und zum Ende hin wird sie kräftiger, klingt aber eindeutig auch verzweifelter.
„Unbewohnt“ ist ein wunderschöner Song, der zwar wenig spektakulär ist, aber das Gefühl beim Hören ist in seiner Tiefe einfach überwältigend. Er bewegt mich wie kaum ein anderer dieser CD.
DORT UND HIER
Das ist der kürzeste Song der gesamten CD. Er ist auf alt gemacht, denn während des gesamten Songs hört man leises Knacken im Hintergrund und Herberts Stimme klingt immer sehr gedämpft. Der gesamte, langsame Song wird nur durch Gitarren begleitet und diese Schlichtheit verstärkt nur noch den Eindruck des Alters.
Sehr langsam und ruhig sind die Gitarren den ganzen Song lang. Herberts Stimme klingt irgendwie fast unbeteiligt. „Du bist dort und ich bin hier.“ Irgendein Mensch ist weit weg von ihm und nun macht er sich natürlich Gedanken um denjenigen.
„Ist jemand da, wenn dein Flügel bricht,
Der ihn für dich schient, der dich beschützt,
Der für dich wacht, dich auf Wolken trägt,
Für dich die Sterne zählt, wenn du schläfst.“
Ich mag diesen Song, er ist wunderbar ruhig und nachdenklich. Das Knacken und die gedämpften Töne tragen eher zur Steigerung seines Charmes bei, als ihn zu mindern. Er könnte an Anna gerichtet sein, lässt sich aber problemlos auf nahezu jeden Menschen übertragen.
BLICK ZURÜCK
Einzig Percussions leiten den Song ein. Später gesellt sich noch das melodieangebende Klavier hinzu. Erst nach einem 50sekündigen Vorspiel beginnt Herbert zu singen. Sehr wehmütig klingt seine Stimme, als er von einem vergangenen Sommer erzählt. Der „Blick zurück“ ist für ihn ein „Blick ins Licht“. „Du gibst mir Sicht [...] mit dir läppert sich das Glück.“ Die gesamte CD scheint an seine Frau Anna gerichtet zu sein. Und ich glaube auch, dass diese Annahme berechtigt ist. Denn schließlich ist dies das Thema, das ihn so lange beschäftigte. Es scheint, dass der „Blick zurück“ für ihn jetzt nicht mehr schmerzhaft, sondern nur noch wehmütig und träumend ist.
Die Instrumentierung bleibt den ganzen Song über gleich. Bestimmende Percussions werden immer wieder von einem melodieangebenden Klavier durchbrochen. Herberts Stimme hört sich erinnernd und melancholisch an, aber nicht verzweifelt. Mir gefällt auch dieser ruhige Song, der zwar vom Text her nicht klar zu deuten ist, aber die Musik geht ins Ohr und zu Herzen.
KEIN POKAL
Diesmal setzt Herberts Gesang gleichzeitig mit Drums und Gitarren sofort am Anfang ein. Seine Stimme klingt abweisend und entschlossen, als er jemanden klar von sich weist. „Ich bin nicht gerne allein, aber gerne ohne dich.“ Das sagt ja wohl schon alles aus. Bis jetzt sind die Instrumente eher zurückhaltend und das nun hinzukommende Keyboard verhält sich genauso.
Doch wie so oft ändert sich das im Chorus. Der Drummer darf mal so richtig zuschlagen und auch die Gitarren melden sich mehr zu Wort, während Herbert eindringlicher singt:
„Ich weiß nicht, wo ich hingehör,
Aber ich weiß, dass du mich störst,
Der siebte Himmel ist noch weit
Vielleicht such ich auch nur Streit...“
Nach dem Refrain wird es wieder ruhiger und Herbert stellt eines klar: „Ich bin keine Beute, kein Pokal, keine Trophäe, die man jagt...“ Irgendjemand ist völlig auf ihn fixiert, doch er lässt sich nicht einwickeln und das wird zum Ende hin auch deutlich durch die Musik ausgedrückt. Sie wird lauter und kräftiger, bevor sie mit Drums und Gitarren ausklingt.
Dieser Song ist mal etwas anders. Kämpferisch und entschlossen kommt er daher. So etwas fehlte mir noch auf diesem Album. Doch das wurde ja jetzt ausgemerzt. Toller Song, der mal wieder Abwechslung bringt.
ZUM MEER
Mit ganz ruhigen Percussions beginnt dieser offiziell letzte Song der CD, bevor auch Klaviertöne zu hören sind. Als Herbert anfängt zu singen, kommen auch noch Gitarren und Keyboards hinzu. Sphärische Töne im Hintergrund und später einsetzende Streicher verstärken noch das aufkommende Gefühl der Weite.
Die Strophenteile klingen oft eher hart und unerbittlich, während der Chorus vor allem durch die Streicher sanft und liebevoll wirkt. Mit dem Text ist es diesmal nicht so einfach. Ein klares Thema, das Herbert zum Schreiben dieses Songs veranlasste, ist nicht zu erkennen. Den Sinn des Songs kann ich nur für mich ganz persönlich klären. Ich glaube, dass Herbert über Eltern und Kinder singt. In den Strophen besingt er alles, was Eltern für Kinder tun. Doch damit meint er keineswegs, die Kinder müssten ihren Eltern ein Leben lang anhängen und ihnen auf Schritt und Tritt danken. Denn im Chorus singt er:
„Dreh dich um, dreh dich um,
Dreh dein Kreuz in den Sturm,
Geh gelöst, versöhnt, bestärkt,
Selbstbefreit den Weg zum Meer.“
Ich denke, er weißt zwar darauf hin, was Eltern alles für ihre Kinder tun. Doch er fordert auch die Kinder auf, wegzugehen, in die Ferne.
Ich habe keine Ahnung, ob sich Herbert Grönemeyer wirklich das dabei gedacht hat. Doch ich schreibe euch ja meine Erfahrungen und dies empfinde ich bei dem Song. Ich mag dieses Lied, auch wenn es textlich sehr schwer zu erschließen ist. Gegen Ende wird es immer getragener. Es ist ausgeglichen und ruhig, richtig schön zum Träumen.
BONUS TRACK: DEMO (LETZTER TAG)
Es wird immer geheimnisvoller um Herbert Grönemeyers Songs.
Dieser hier beginnt A Capella mit einem leisen „Uuuuuuuuuhhhhh“ im Hintergrund. Herbert singt mehrere Fragen, die sich jeder schon einmal gestellt hat: „Weiß man, wie oft ein Herz brechen kann? [...] Lohnen sich Gefühle? [...] Leben wir noch mal?“ Hier merkt man deutlich, wie gut Herbert Grönemeyer singen kann, was ich schon Menschen habe verneinen hören.
Zum Chorus setzt dann ein Klavier ein, das eine langsame, wunderschöne Melodie spielt. „Ich bin dein siebter Sinn, dein doppelter Boden, dein zweites Gesicht. Du bist eine kluge Prognose, das Prinzip Hoffnung, ein Leuchtstreifen aus der Nacht.“ Danach folgt ein etwas engagierter gespielter und gesungener Strophenteil, bevor im Chorus zusätzlich zum Klavier Streicher den Song nach vorn treiben.
Doch jetzt legt der Song erst richtig los, zur Grundinstrumentierung kommen noch Drums und Gitarren hinzu, Herbert singt auch lauter und zählt auf, was er alles für den Angesprochenen sein kann. „Ich lieb dich mehr als mich und ich finde dich.“ Verspricht er zum Abschluss, bevor der Song mit den eben erwähnten Instrumenten ausklingt.
„Letzter Tag“ gefällt mir vor allem im Anfangsteil, nur von Klavier und Streichinstrumenten begleitet, total gut. Doch auch die Steigerung während des Songs finde ich gut. Allerdings habe ich keine Ahnung, über was für eine Erfahrung Herbert Grönemeyer hier nun singt. Aber das ist mir auch egal, es ist ein toller Song, daran ändert sich nichts.
Dieser elfte und letzte Track der CD ist lang, sehr lang, fast 21 Minuten lang. Doch nach dreieinhalb Minuten folgt nur noch Stille. Erst nach 17:30 Minuten geht es weiter. Als ich Herbert Grönemeyer bei Boulevard Bio sah, sagte er, dass auch sein Sohn Felix etwas zu „Mensch“ beigetragen hätte. Ich wusste erst nicht, was das sein sollte, doch nach 17:30 Minuten des letzten Tracks wurde es mir klar. Felix Grönemeyer steuerte einen Song seiner Band bei. Ruhig, aber ziemlich elektronisch ist dieser Song. Vom englischen Text konnte ich nicht viel verstehen. Die Musik ist von Percussions und Pianotönen dominiert. Alles in allem finde ich diesen Song nicht mal schlecht, auch wenn er mich nicht umwirft.
Abschließend möchte ich euch das Album „Mensch“ von Herbert Grönemeyer noch einmal uneingeschränkt empfehlen. Viele Songs sind zwar nachdenklicher, haben aber einen ganz neuen Reiz. Ich habe diese CD schon sehr oft gehört und werde dies auch noch viel öfter tun. Euch rate ich, wenigstens einmal in das Comebackalbum des Jahres hereinzuhören, in dem Herbert Grönemeyer den Tod seiner Frau Anna verarbeitet.
Viele der Songs gehen sofort ins Ohr, doch bei anderen bedarf es einige Zeit, um sie zu erschließen. „Mensch“ ist ein großartiges Album mit intelligenten Texten und wunderschöner Musik. Hört mal rein!
Da war es natürlich vorprogrammiert, dass ich mir sein neues Album „Mensch“ kaufte. Am 2. September erschien es und schon am 3. konnte ich es mein Eigen nennen. Und genau über diesen Silberling möchte ich euch heute berichten.
Herbert Grönemeyer wurde 1956 in Göttingen geboren, wuchs aber in Bochum auf. Schon vor dem Abitur arbeitete er am Theater, was er nach dem Abitur fortsetzte. Darüber wurde sein Studium sehr vernachlässigt. Dieses wurde jedoch gar nicht gebraucht. Herbert wurde Schauspieler und vor allem durch „Das Boot“ bekannt. Am Theater lernte er auch seine geliebte Frau Anna kennen. Sie heirateten und wurden Eltern von zwei Kindern.
1984 kam der Durchbruch als Musiker mit seinem Erfolgsalbum „4630 Bochum“, worauf Herbert sich auf die Musik konzentrierte. Nach „Bochum“ folgten mehrere mehr oder weniger erfolgreiche Alben, bis mit „Bleibt alles anders“ 1998 ein weiterer Höhepunkt folgte. Im November desselben Jahres starben kurz hintereinander Anna und Herberts Bruder an Krebs. Herbert zog sich nach London zurück und lange wartete man auf ein Lebenszeichen von ihm. In diesem Sommer war es endlich so weit. Die Single „Mensch“ stand wochenlang auf Platz Eins der deutschen Charts und das Album erreichte allein schon durch die Vorbestellungen Platinstatus.
Auf die Hülle der CD ist ein weißer Strahlenkreis aufgedruckt, worauf wiederum ganz schlicht in Schwarz „Mensch“ mit eckigen Buchstaben geschrieben steht. Das Cover des Songbooks sieht man jedoch trotzdem noch durch. Dieses Cover ist scherenschnittartig gemacht. Die erste Seite ist ein unregelmäßig durchbrochenes Gitter, bei dem bunte Bildfetzen der zweiten Seite durchblicken. Die zweite Seite ist komplett bunt. Verschiedenste Bilder sind in verschiedensten Farben abgedruckt. Beim Weiterblättern entdeckt man die Songtexte, die wenn auch nicht ganz, so doch annähernd auf den Text der Songs passen. Ein Schwarz-Weiß- und zwei in dunklen Farben gehaltene Bilder Herberts vervollständigen das Songbook.
MENSCH
Nun schreibe ich also zum dritten Mal über diesen Song. Ich hatte ihn ja schon in den Berichten zum Musikvideo und zur Single besprochen. Das habe ich mir jedoch absichtlich nicht noch einmal durchgelesen und ich möchte euch auch bitten, die Versionen nicht zu vergleichen, denn ihre Art orientiert sich an meiner Tagesform.
Percussions, Keyboard und Gitarre eröffnen diesen Song und nach 20 Sekunden setzt Herberts Stimme ein. „Nichts ist wirklich wichtig, nach der Ebbe kommt die Flut“ drückt aus, dass es immer irgendwie weitergeht, egal wie schlimm die Situation gerade ist.
Bald folgt auch der Refrain, in dem zu den anfangs schon genannten Instrumenten Streicher hinzukommen. Hier wird die ansonsten durch den Rhythmus bestimmte Grundstimmung durch die sanfte Melodie der Streicher aufgelockert. Herbert zählt im Chorus die grundlegenden Eigenschaften des Menschen auf, ohne die der Mensch nie glücklich sein könnte: „Der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt. [...] Weil er lacht, weil er lebt.“ Am Ende kommt jedoch die Einschränkung, die für ihn immer da sein wird „Du fehlst“. Seine Frau Anna fehlt ihm einfach. Doch: „Es ist OK.“
Die zweite Strophe ist musikalisch so wie die erste, doch ist hier der Text noch etwas abstrakter. Deshalb möchte ich hier nur ausführen, was er für mich bedeutet. Herbert singt über die eigentliche Unwichtigkeit der materiellen Dinge. Heute legt jeder so viel Wert auf ein tolles Auto etc., aber für die Seele zählt nur das Zwischenmenschliche.
Es folgt wieder ein ähnlich wie der erste geartete Chorus. Einige Textzeilen sind anders und leise Klaviertöne sind im Hintergrund zu hören, die jedoch stärker als die Streicher hervorklingen. „Der Mensch heißt Mensch, weil er erinnert, weil er kämpft, weil er schwärmt und liebt, weil er mitfühlt und vergibt, weil er lacht, weil er lebt, du fehlst.“ Noch einmal werden die elementaren Eigenschaften des Menschen hervorgehoben. Eine kurze Textzeile zeigt jedoch ganz deutlich, wie weit Herbert den Tod seiner Frau verarbeitet hat: „Es tut gleichmäßig weh.“ Mit leisen Klaviertönen klingt der Song aus.
Der Song wird durch den Rhythmus und natürlich durch den Text bestimmt. Doch da beides für sich allein brillant ist und perfekt zusammenpasst, bekommt man einen grandiosen Song zu hören, bei dem übrigens Herberts Tochter Marie die Background Vocals machte.
NEULAND
Dieser Song knallt gleich zu Anfang richtig rein. Drums und Gitarren leiten diesen rockigen Song ein. Während der ersten Strophe lassen es die Instrumente ruhiger angehen. „Du steckst, Neuland, mitten in der Pubertät, deine Unterschiede sind deine Qualität.“ Nun fragt man sich doch langsam, um was es eigentlich geht. Etwas später, als das Wort „Zweiland“ fällt, wird das klar. Herbert singt von Deutschland.
Wir sollen uns endlich aufraffen und dieses Land einen, verlangt er im Chorus: „Komm in die Gänge, starte den Motor im Kopf...“ Hier dürfen dann auch die Instrumente so richtig in die Gänge kommen. Es wird lauter, schneller, rockiger und Herbert muss fast schreien. Doch das passt zum Song, denn er will uns ja aufrütteln. Wir müssen uns endlich bewegen, damit sich Deutschland endlich gemeinsam weiterentwickeln kann.
Die folgende Strophe wird wieder ruhiger. „Entspann dich Zweiland, Deine Geschichte ist nicht fusselfrei.“ Außerdem sollte Deutschland endlich gelassener mit seiner Geschichte umgehen. Die Instrumentierung ist hier ebenso gelassen. Zurückhaltende Gitarren und Drums bestimmen das Bild.
Nach dem nun folgenden Chorus, der wie oben gestaltet ist, verschwinden alle Instrumente wie abgehackt. Nur ein leises Brummen ist zu hören, während Herbert spricht: „Ich mag dieses Land, ich mag die Menschen, ich mag nicht den Staat.“ Es folgt wieder ein Refrain, in dem es wieder rockiger wird. Auch gegen den Neonazismus singt Herbert: „Wehre dich, wenn es nach 33 riecht.“ Insgesamt befasst dieser Song wieder einmal ein mit einem neuen, kaum angesprochenen Thema. Dass er so laut und rockig dargestellt wird, passt auch toll. Ich mag diesen Song, der so richtig an den „jungen Herbert“ erinnert, als er insgesamt noch lauter und fetziger war.
DER WEG
Ganz sanftes, melodisches Klavierspiel leitet den Song ein. Bald setzt Herberts traurige Stimme ein, in der immer noch eine Andeutung von Fassungslosigkeit mitschwingt. Eine unsagbare, bewegende Traurigkeit ist deutlich zu spüren. Dennoch beginnt der Song textlich mit einem leichten Hoffnungsschimmer: „Ich bin viel zu träge, um aufzugeben, Es wäre auch zu früh, weil immer was geht.“ Es geht weiter...
Immer noch hört man dieses leise Klavier, das einen leichten, aber doch festen Hintergrund bildet. In diese Töne scheint Herbert seine Traurigkeit und auch seine Verzweiflung gelegt zu haben. „Wir waren verschworen, wären füreinander gestorben [...] Es war ein Stück vom Himmel, dass es dich gibt.“ Trotz des Schmerzes, den er durch Annas Tod erlitt, war es doch ein riesiges Glück, dass er sie jemals getroffen hat.
Plötzlich wird die Instrumentierung lauter und Herberts Stimme wird kräftiger und eindringlicher: Der Chorus.
„Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet,
Hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt,
Nordisch nobel deine sanftmütige Güte, dein unbändiger Stolz,
Das Leben ist nicht fair.“
Ich liebe diese Zeilen. Sie sprechen für sich, gehen zu Herzen und verursachen gleichzeitig eine Gänsehaut.
Im folgenden Strophenteil singt Herbert, nun wieder ruhiger, von dem Traum, in den er durch Anna versank. Es war wunderschön, doch jetzt ist es vorbei und das Gefühl fehlt. Wieder folgt ein Chorus, an den sich der Abschluss anschließt. Der Song klingt mit leiser Klavier- und Streicherbegleitung aus, während Herbert singt:
„Habe dich sicher, in meiner Seele,
Ich trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt,
Ich trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt.“
Anna wird immer bei ihm sein, bis zu seinem Tod. Eine ewige Liebeserklärung.
Es ist der wahrscheinlich bewegendste Song, den Herbert Grönemeyer jemals geschrieben und gesungen hat. „Der Weg“ ist eine wunderschöne, traurige Hymne an seine verstorbene Frau Anna. Dieser Song stellt seine Verarbeitung ihres gemeinsamen Lebens und ihres Todes dar. Er ist gleichzeitig Liebeserklärung wie auch melancholischer Rückblick.
VIERTEL VOR
Diesen Song findet man im Songbook erst an sechster Stelle, obwohl es ja eigentlich der vierte ist. Da ist wohl einiges noch in letzter Minute geändert worden. Der Song scheint einer zum Abgewöhnen des vorigen zu sein, ist er doch ziemlich gegensätzlich.
Mit teilweise blechern klingenden Percussions beginnt der Song, bevor ziemlich kräftige Gitarren einsetzen. Als die Strophe jedoch beginnt, sind nur noch die Drums und ein Bass zu hören. „Es ist viertel vor. [...] Der Schluss steht vor dem Tor. [...] Um 12 ist Weltuntergang.“
Im folgenden Chorus, die jetzt wieder von rockigen Gitarren begleitet wird, singt Herbert davon, seine Zeit zu nutzen. „... Lieben wir uns gleich hier. Man hat nicht gelebt, wenn man es nicht probiert.“ Der Text ist jedoch hier nicht allzu gut verständlich, weil die Begleitung ziemlich laut ist und Herbert oft sowieso nicht so deutlich singt. Da musste sogar ich einmal kurz zum Songbook greifen.
Nach dem Chorus wird die Instrumentierung wieder auf Drums und Bass beschränkt, als Herbert singt: „Jedes Wort ist zu viel...“ Das wäre nur Zeitverschwendung. Es ist ja schon „Viertel vor“. Doch plötzlich hört man wieder rockige Gitarren, obwohl noch kein Chorus kommt. Dies ändert sich auch bis zum Ende nicht. „Wir zwei werden es schaffen, ich bin die Kugel in deinem Colt.“ Nach einem weiteren Chorus folgen noch einige „neue“ Zeilen, bevor der Song mit dem wiederholten und teilweise von kreischenden Gitarren begleiteten Chorus ausklingt.
Nicht der Spitzensong der CD, das ist „Der Weg“, aber ein rockiges Stück, das ins Ohr geht und das „Carpe diem“-Thema gekonnt aufgreift.
LACHE, WENN ES NICHT ZUM WEINEN REICHT
Elektronisch klingende Percussions leiten diesen Song, der auch schon auf der Single „Mensch“ zu finden war, ein.
„Tausend Haare in der Suppe und dein Löffel hat ein Loch,
Es fällt keine Sternschnuppe, deine Kerze hat keinen Docht...“
Eigentlich müsste ich hier den gesamten Text des Songs wiedergeben, wenn ich euch sagen wollte, wie viele Pechsituationen Herbert Grönemeyer aufzählt. Aber das würde eindeutig zu weit führen. Während des Strophenteils wird der Gesang anfangs nur durch Percussions und später zusätzlich durch leise Streicher im Hintergrund begleitet.
Während des Chorus kommen noch Gitarren und Trompeten hinzu, so das dieser Teil kräftiger wirkt. Wie schlimm es auch kommt, man sollte immer lachen, wenn es nicht zum Weinen reicht. Denn dadurch wird vieles gleich weniger tragisch. Nach jeweils zwei Strophen mit Chorus geht der Song seinem Ende entgegen, an dem die Instrumentierung immer lauter wird. Mit den Worten: „Und greife endlich nach den Sternen [...] Zum Weinen bleibt noch so viel Zeit...“ klingt dieser Song aus, wobei die Musik am Ende richtig schnell und beinahe fröhlich wird.
Schon auf der Single kam dieser Song in seiner lustig-ironischen Art bei mir einfach gut an. Er drückt wohl einfach Herbert Grönemeyers gebliebenen oder vielleicht auch wiedererwachten Optimismus aus. Es ist schön, das Herbert dieser durch die lange Pause aufgrund des Todes seiner Frau nicht verloren gegangen ist.
UNBEWOHNT
Der Drummer spielt anfangs nur auf den Becken und Keyboard und Gitarre erzeugen eine melancholische Grundstimmung. Nun erklingt Herberts hoffnungslose Stimme, bei der man eine Leere fühlen kann. „Beweg mich im aussichtslosen Raum, führ Selbstgespräche, hör mich kaum...“ Schon in diesen Zeilen kann man eine tiefe, lähmende Traurigkeit spüren.
Durch den Chorus in dem zusätzlich zu Keyboard, Drums und Gitarren getragene Streicher zu hören sind, wird das noch deutlicher. Die vielfältige Instrumentierung bedeutet aber keineswegs, das der Chorus entschlossener klingt, die schon angesprochene Hoffnungslosigkeit ist immer noch zu hören.
„Ooh, es tropft ins Herz, der Kopf unmöbliert und hohl,
Ooh, keine Blumen im Fenster, der Fernseher ohne Bild und Ton
Ich fühl mich unbewohnt.“
In den folgenden Zeilen wird die Leere in ihm immer deutlicher. Ich denke, dass er hier von der Zeit kurz nach dem Tod seiner Frau singt. Man hört hier noch ein großes Stück Vergangenheitsbewältigung. Die Musik ist sehr vielfältig und zum Ende hin wird sie kräftiger, klingt aber eindeutig auch verzweifelter.
„Unbewohnt“ ist ein wunderschöner Song, der zwar wenig spektakulär ist, aber das Gefühl beim Hören ist in seiner Tiefe einfach überwältigend. Er bewegt mich wie kaum ein anderer dieser CD.
DORT UND HIER
Das ist der kürzeste Song der gesamten CD. Er ist auf alt gemacht, denn während des gesamten Songs hört man leises Knacken im Hintergrund und Herberts Stimme klingt immer sehr gedämpft. Der gesamte, langsame Song wird nur durch Gitarren begleitet und diese Schlichtheit verstärkt nur noch den Eindruck des Alters.
Sehr langsam und ruhig sind die Gitarren den ganzen Song lang. Herberts Stimme klingt irgendwie fast unbeteiligt. „Du bist dort und ich bin hier.“ Irgendein Mensch ist weit weg von ihm und nun macht er sich natürlich Gedanken um denjenigen.
„Ist jemand da, wenn dein Flügel bricht,
Der ihn für dich schient, der dich beschützt,
Der für dich wacht, dich auf Wolken trägt,
Für dich die Sterne zählt, wenn du schläfst.“
Ich mag diesen Song, er ist wunderbar ruhig und nachdenklich. Das Knacken und die gedämpften Töne tragen eher zur Steigerung seines Charmes bei, als ihn zu mindern. Er könnte an Anna gerichtet sein, lässt sich aber problemlos auf nahezu jeden Menschen übertragen.
BLICK ZURÜCK
Einzig Percussions leiten den Song ein. Später gesellt sich noch das melodieangebende Klavier hinzu. Erst nach einem 50sekündigen Vorspiel beginnt Herbert zu singen. Sehr wehmütig klingt seine Stimme, als er von einem vergangenen Sommer erzählt. Der „Blick zurück“ ist für ihn ein „Blick ins Licht“. „Du gibst mir Sicht [...] mit dir läppert sich das Glück.“ Die gesamte CD scheint an seine Frau Anna gerichtet zu sein. Und ich glaube auch, dass diese Annahme berechtigt ist. Denn schließlich ist dies das Thema, das ihn so lange beschäftigte. Es scheint, dass der „Blick zurück“ für ihn jetzt nicht mehr schmerzhaft, sondern nur noch wehmütig und träumend ist.
Die Instrumentierung bleibt den ganzen Song über gleich. Bestimmende Percussions werden immer wieder von einem melodieangebenden Klavier durchbrochen. Herberts Stimme hört sich erinnernd und melancholisch an, aber nicht verzweifelt. Mir gefällt auch dieser ruhige Song, der zwar vom Text her nicht klar zu deuten ist, aber die Musik geht ins Ohr und zu Herzen.
KEIN POKAL
Diesmal setzt Herberts Gesang gleichzeitig mit Drums und Gitarren sofort am Anfang ein. Seine Stimme klingt abweisend und entschlossen, als er jemanden klar von sich weist. „Ich bin nicht gerne allein, aber gerne ohne dich.“ Das sagt ja wohl schon alles aus. Bis jetzt sind die Instrumente eher zurückhaltend und das nun hinzukommende Keyboard verhält sich genauso.
Doch wie so oft ändert sich das im Chorus. Der Drummer darf mal so richtig zuschlagen und auch die Gitarren melden sich mehr zu Wort, während Herbert eindringlicher singt:
„Ich weiß nicht, wo ich hingehör,
Aber ich weiß, dass du mich störst,
Der siebte Himmel ist noch weit
Vielleicht such ich auch nur Streit...“
Nach dem Refrain wird es wieder ruhiger und Herbert stellt eines klar: „Ich bin keine Beute, kein Pokal, keine Trophäe, die man jagt...“ Irgendjemand ist völlig auf ihn fixiert, doch er lässt sich nicht einwickeln und das wird zum Ende hin auch deutlich durch die Musik ausgedrückt. Sie wird lauter und kräftiger, bevor sie mit Drums und Gitarren ausklingt.
Dieser Song ist mal etwas anders. Kämpferisch und entschlossen kommt er daher. So etwas fehlte mir noch auf diesem Album. Doch das wurde ja jetzt ausgemerzt. Toller Song, der mal wieder Abwechslung bringt.
ZUM MEER
Mit ganz ruhigen Percussions beginnt dieser offiziell letzte Song der CD, bevor auch Klaviertöne zu hören sind. Als Herbert anfängt zu singen, kommen auch noch Gitarren und Keyboards hinzu. Sphärische Töne im Hintergrund und später einsetzende Streicher verstärken noch das aufkommende Gefühl der Weite.
Die Strophenteile klingen oft eher hart und unerbittlich, während der Chorus vor allem durch die Streicher sanft und liebevoll wirkt. Mit dem Text ist es diesmal nicht so einfach. Ein klares Thema, das Herbert zum Schreiben dieses Songs veranlasste, ist nicht zu erkennen. Den Sinn des Songs kann ich nur für mich ganz persönlich klären. Ich glaube, dass Herbert über Eltern und Kinder singt. In den Strophen besingt er alles, was Eltern für Kinder tun. Doch damit meint er keineswegs, die Kinder müssten ihren Eltern ein Leben lang anhängen und ihnen auf Schritt und Tritt danken. Denn im Chorus singt er:
„Dreh dich um, dreh dich um,
Dreh dein Kreuz in den Sturm,
Geh gelöst, versöhnt, bestärkt,
Selbstbefreit den Weg zum Meer.“
Ich denke, er weißt zwar darauf hin, was Eltern alles für ihre Kinder tun. Doch er fordert auch die Kinder auf, wegzugehen, in die Ferne.
Ich habe keine Ahnung, ob sich Herbert Grönemeyer wirklich das dabei gedacht hat. Doch ich schreibe euch ja meine Erfahrungen und dies empfinde ich bei dem Song. Ich mag dieses Lied, auch wenn es textlich sehr schwer zu erschließen ist. Gegen Ende wird es immer getragener. Es ist ausgeglichen und ruhig, richtig schön zum Träumen.
BONUS TRACK: DEMO (LETZTER TAG)
Es wird immer geheimnisvoller um Herbert Grönemeyers Songs.
Dieser hier beginnt A Capella mit einem leisen „Uuuuuuuuuhhhhh“ im Hintergrund. Herbert singt mehrere Fragen, die sich jeder schon einmal gestellt hat: „Weiß man, wie oft ein Herz brechen kann? [...] Lohnen sich Gefühle? [...] Leben wir noch mal?“ Hier merkt man deutlich, wie gut Herbert Grönemeyer singen kann, was ich schon Menschen habe verneinen hören.
Zum Chorus setzt dann ein Klavier ein, das eine langsame, wunderschöne Melodie spielt. „Ich bin dein siebter Sinn, dein doppelter Boden, dein zweites Gesicht. Du bist eine kluge Prognose, das Prinzip Hoffnung, ein Leuchtstreifen aus der Nacht.“ Danach folgt ein etwas engagierter gespielter und gesungener Strophenteil, bevor im Chorus zusätzlich zum Klavier Streicher den Song nach vorn treiben.
Doch jetzt legt der Song erst richtig los, zur Grundinstrumentierung kommen noch Drums und Gitarren hinzu, Herbert singt auch lauter und zählt auf, was er alles für den Angesprochenen sein kann. „Ich lieb dich mehr als mich und ich finde dich.“ Verspricht er zum Abschluss, bevor der Song mit den eben erwähnten Instrumenten ausklingt.
„Letzter Tag“ gefällt mir vor allem im Anfangsteil, nur von Klavier und Streichinstrumenten begleitet, total gut. Doch auch die Steigerung während des Songs finde ich gut. Allerdings habe ich keine Ahnung, über was für eine Erfahrung Herbert Grönemeyer hier nun singt. Aber das ist mir auch egal, es ist ein toller Song, daran ändert sich nichts.
Dieser elfte und letzte Track der CD ist lang, sehr lang, fast 21 Minuten lang. Doch nach dreieinhalb Minuten folgt nur noch Stille. Erst nach 17:30 Minuten geht es weiter. Als ich Herbert Grönemeyer bei Boulevard Bio sah, sagte er, dass auch sein Sohn Felix etwas zu „Mensch“ beigetragen hätte. Ich wusste erst nicht, was das sein sollte, doch nach 17:30 Minuten des letzten Tracks wurde es mir klar. Felix Grönemeyer steuerte einen Song seiner Band bei. Ruhig, aber ziemlich elektronisch ist dieser Song. Vom englischen Text konnte ich nicht viel verstehen. Die Musik ist von Percussions und Pianotönen dominiert. Alles in allem finde ich diesen Song nicht mal schlecht, auch wenn er mich nicht umwirft.
Abschließend möchte ich euch das Album „Mensch“ von Herbert Grönemeyer noch einmal uneingeschränkt empfehlen. Viele Songs sind zwar nachdenklicher, haben aber einen ganz neuen Reiz. Ich habe diese CD schon sehr oft gehört und werde dies auch noch viel öfter tun. Euch rate ich, wenigstens einmal in das Comebackalbum des Jahres hereinzuhören, in dem Herbert Grönemeyer den Tod seiner Frau Anna verarbeitet.
Viele der Songs gehen sofort ins Ohr, doch bei anderen bedarf es einige Zeit, um sie zu erschließen. „Mensch“ ist ein großartiges Album mit intelligenten Texten und wunderschöner Musik. Hört mal rein!
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