Selbstständigkeit Testbericht

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Erfahrungsbericht von Perserkatze

Ein frustrierender und beschwerlicher Weg

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Liebe Leserinnen und Leser!

Wie vielleicht einige von euch wissen – diejenigen die keine Ahnung haben informiere ich hiermit – wurde ich aufgrund der Zusammenlegung zweier Fluglinien – Lauda Air und Austrian Airlines – quasi wegrationalisiert. Da es in beiden Firmen jede Abteilung doppelt gab war es wohl nur eine Frage der Zeit, wann für mich nach mehr als acht Jahren das Aus kommen würde und so kam es dann auch im Mai 2002. Mein Letzter Arbeitstag war zwar erst der 30. September, jedoch wurde ich schon Mitte Juni bereits freigestellt. Ich gestehe ganz ehrlich, dass ich die Sommermonate in vollen Zügen genossen habe und mehr Zeit an Wiens Badestränden verbracht habe, als sonst wo... Natürlich habe ich mich immer wieder nach neuer Arbeit umgesehen, im Internet, in Zeitungen, jedoch erstens gab es kaum Angebote und zweitens musste ich ja ohnehin bis zum 1. Oktober warten. Immer wieder las ich Dinge wie, Höchstalter 35 Jahre, Voraussetzung Matura und ähnliches, da ich weder dieses Alter noch eine Matura vorweisen konnte, stand es ganz schön schlecht für mich. Es ist mit knapp 42 Jahren kein Einfaches eine Arbeit zu finden, das kann ich euch mit Sicherheit sagen.

Die Pleite am Arbeitsmarkt beschäftigte mich oft nächtelang und langsam kam so etwas wie Existenzangst auf, Angst vor dem Enden unter der Armutsgrenze und Angst davor ein Sozialfall zu werden. Dieser ständige Gedanke ließ mich nach einem Strohhalm greifen, dieser Strohhalm war der Weg in die Selbständigkeit. Ich dachte, wenn ich es nicht versuche, werde ich nie wissen ob es mir gelungen wäre und so machte ich einfach die Probe aufs Exempel.

Wie wahrscheinlich fast jeder hier, holte ich mir natürlich einmal Infos aus dem Internet, und ich sage euch, es gibt massenweise Seiten auf denen man über das Selbständig werden Infos einholen kann – ob nun in Österreich, Deutschland oder weltweit. So habe ich unter www.wien.gv.at bereits viele Infos zur Einreichung des Gewerbescheines gefunden – sogar eine Online-Anmeldung. Da dachte ich noch, wow das ist ja alles super einfach. OK, man muss sich natürlich erkundigen welche Gewerbe nun unter das freie Gewerbe fallen bzw. ob das von mir gewünschte ein freies Gewerbe ist, aber das geschah mit einem einzigen Anruf bei der Wiener Handelskammer. Dort erhielt ich die für mich positive Antwort, dass es für meinen Weg in die Selbständigkeit keine Einschränkungen wie Konzessionen oder andere Auflagen gibt. Ich konnte also meine Idee verwirklichen, eine Idee die in einer einzigen Nacht in meinem Kopf entstanden ist und mich nicht mehr los ließ. Ich wollte eine Art Großhandel für Büro- und Schreibwaren aufziehen, wo ich die ganz kleinen Geschäfte dieser Stadt mit Bürowaren versorgen wollte, die sie sonst recht teuer oder in Massen bestellen mussten.

Ich meldete also den Gewerbeschein – online versteht sich - beim zuständigen Magistrat für denn 11. Wiener Gemeindebezirk an und schon zwei Tage darauf erhielt ich einen Anruf der dort amtierenden Dame, dass ich mit Meldezettel, Geburtsurkunde, Heiratsurkunde und einem Ausweis auf dem Amt erscheinen darf. Sehr überrascht war ich über die fast schon unbürokratische Abwicklung des Verfahrens. Ein paar Angaben wie Name, Geburtsdatum und Art der Selbständigkeit sowie die mitgebrachten Dokumente genügten, um fast schon Besitzer eines Gewerbescheines zu sein. Weiters ist positiv zu bemerken, dass ich sofort über eine Förderung der Wirtschaftskammer Wien informiert wurde, die sich NEUFÖG (Neugründungs-Förderungsgesetz) nennt, bei der bestimmte Abgaben, Beiträge und Gebühren in Zusammenhang mit der Firmenneugründung nicht eingehoben werden. Dies hab ich natürlich in Anspruch genommen.

Es wurde noch nachgeforscht ob ich einen reinen Leumund habe und dann war eigentlich alles erledigt - meine Gewerbeberechtigung sollte ab dem 1. November 2002 gelten. Noch immer dachte ich, dass alles super einfach funktionieren würde. Ich begann Briefe für Angebote zu verfassen, Firmen anzuschreiben um ebenfalls Angebote zu erhalten und war guten Mutes, das nun meine Angst vor der Arbeitslosigkeit ein Ende hatte.

Ich hatte jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Eine Bekannte sagte mir, dass man vom AMS – Arbeitsmarktservice, kurz Arbeitsamt – Unterstützung erhält, wenn man Anspruch auf Arbeitslosengeld hat. Nun, natürlich ging ich dort dann auch hin und schon wurde der erste Stein in meinen Weg gelegt. Um an eine solche Unterstützung – Unternehmens Gründungs Programm genannt - zu gelangen, darf man noch keine Gewerbeberechtigung besitzen, so machte ich mich daran diese um zwei Monate zu verschieben um in den Genuss dieser Unterstützung zu gelangen. Weiters musste ich ein Formular ausfüllen und innerhalb von drei Tagen an das b.i.t. Management, ÖSB-Unternehmensberatung Ges.m.b.H. (www.bitmanagement.cc/ugp) senden. Dieses Formular beinhaltete viele Fragen und vor allen Dingen musste ich eine Art Konzept erstellen wie man sich sein Unternehmen vorstellt. Das war zwar noch nicht wirklich ein Problem, kostete mich jedoch zwei Monate an Zeit. Nach einigen Tagen erhielt ich einen Anruf besagter Institution zur Einladung für das erste Gespräch. Nun nichts wie hin dachte ich und verlor noch lange nicht den Mut... Bei diesem Gespräch wurde von einem Unternehmensberater hunderte Fragen gestellt um die Realisierbarkeit zu ermitteln, was für mich gottlob positiv ausfiel. Intensive Gespräche über das Für und Wider wurden geführt, viele auch brauchbare Informationen erhielt ich dort, man erfährt von Förderungen ob nun Handelskammer, Stadt Wien und vielem mehr. Hört sich alles sehr interessant an dachte ich, aber da ich eigentlich kein Kapital zur Gründung benötigte, war dies für mich nur zweitrangig.

Bis zur Gründung erhält man Arbeitslosengeld – bei mir in der Höhe von schlappen € 670-- - und fällt aber dadurch nicht in die Statistik der Arbeitslosen. Wie geschickt, so kann man Statistiken frisieren... Weiters erhält man nach Firmengründung zwei Monate lang eine Gründerbeihilfe. Diese beläuft sich in der Höhe des Arbeitslosengeldes plus dem Mindestbetrag der gewerblichen Sozialversicherung. Lächerlich, aber besser als gar nichts...

Nun hieß es eigentlich nur noch warten, bzw. weiteres Anschreiben von möglichen Kunden und Lieferanten, das Erstellen eines Onlineshops mit dem Programm „Power Webshop“ von G DATA, sowie die Erstellung von Werbeprospekten und Foldern mit dem Programm „Werbung leicht gemacht“ von Data Becker. Ich ging in dieser Arbeit voll auf und freute mich auf meine Zukunft.

Einige Treffen mit eventuellen zukünftigen Lieferanten standen nun an und ich freute mich schon auf eventuelle harte Verhandlungen, welche aber relativ mühelos und ohne viel Feilschen abliefen. Bei den Gesprächen mit den diversen Vertretern geht’s natürlich nicht nur um die Produkte, sondern gerade bei Neugründungen interessiert diese Leute auch, wie man auf die Idee kam und wie genau man das alles abwickeln möchte. Im Zuge eines solchen Gespräches kam irgendwann einmal das Stickwort Geschäftslokal ins Spiel. Ich erwähnte, dass es wohl eine Art Standbein wäre, wenn ich ein kleines Papierwarengeschäft übernehmen könnte, da ich dort nicht erst um Kunden werben muss, sondern ein Kundenstock bereits vorhanden ist. Nun ja, und wie es der Zufall so will, hatte ein Vertreter zwei solche Geschäfte im „Hemdsärmel“ Er sagte mir, dass zwei seiner Kunden in Pension gehen würden, jedoch keine Nachfolger da wären – was natürlich auch in seinem Interesse ist, da er diese Kunden wohl verlieren würde, wenn die Geschäfte keiner übernimmt. Schon zwei Tage später hielt ich Namen und Telefonnummern beider Schreibwarenhandlungen in Händen und konnte dort einen Besichtigungstermin ausmachen. Nun zu meinen Erfahrungen mit Geschäftsleuten...

Das erste Geschäft war eine Spelunke, heruntergekommen, verdreckt, klein und viel zu teuer. Schon beim Gespräch mit dem Besitzer merkte ich – obwohl ich absolut noch nicht versiert bin – dass dieser nur Kohle haben wollte und ihn sonst nicht viel interessierte. Für eine Lokalität in der Größe von ca. 45 – 50 m² samt allen vorhandenen Artikeln wollte er sage und schreibe € 50.000,--. Ein utopischer Betrag wenn man sich vorstellt, dass ich dort ein Geschäftsbuch gefunden habe das noch in einer vor mehr als fünfzig Jahren verwendeten Schriftart geschrieben war... Um dieses Lokal ansehnlich zu machen hätte ich wohl noch einmal mindestens € 20.000,-- locker machen müssen. Zusätzlich war mir auch suspekt dass besagter Herr mir erläuterte, es wäre ihm egal wie ich das bezahlen möchte, ob offiziell oder inoffiziell, er will mindestens € 25.000,-- bar auf die Hand (Der Rest geht ja für das Finanzamt auf) wenn ich möchte auch „schwarz“. Nun dieser Herr hat mich nie wieder gesehen...

Das zweite Geschäft war eine äußerst sauber geführte Lokalität mit tollen Waren, relativ neu adaptiert und auf dem neuesten Stand. Als ich in diesem Lokal stand schlug mein Herz höher, aber auch die Angst vor einem sehr hohen Preis kam auf. Nach einem langen, ausführlichen Gespräch wurde mir der Kaufpreis präsentiert und ich staunte! Belief er sich auf „lächerliche“ € 37.000,-- mit allem Drum und Dran. Mein Gedanke: Dieses oder keines!

Der Weg zur Bank:

Da ich leider über keine Eigenmittel verfüge blieb mir der Weg zur Bank nicht erspart um einen Kredit zu beantragen und die von der b.i.t. angepriesenen Förderungen in Anspruch zu nehmen. Tja... Pustekuchen, hat man keine finanzstarken Bürgen oder 1/3 des Kreditbetrages als Eigenmittel schaut man sehr dumm aus der Wäsche, es gibt kein Geld. Traurig und enttäuscht rief ich den Geschäftsinhaber an und übermittelte ihm die schlechte Nachricht. Aber ich habe wohl einmal im Leben Glück, denn dieser unterbreitete mir einen Vorschlag, indem er „nur“ € 10.000,-- bar auf die Hand wollte und ich den Rest zinsfrei an ihn zurückzahlen kann. Diese Mitteilung unterbreitete ich auch meinem Bankberater und dieser war aufgrund des kleineren Geldbetrages den ich haben wollte sehr zuversichtlich. Folgende Dokumente, Schriftstücke und Angaben waren zur Abwicklung des Kreditantrages notwendig:

.) Letzter Gehaltszettel
.) Zeugnis des letzten Arbeitsplatzes
.) Lebenslauf
.) Erstellung eines genauen Finanzplanes (den ich nur mit Hilfe der Daten des Geschäftsinhabers erstellen konnte, da ich ja noch keine Erfahrungswerte hatte)
.) Absicherung durch Lebensversicherungen und Angabe meines Bausparvertrages.

All diese Dinge reichten aber noch immer nicht, da man unbedingt einen Bürgen benötigt. Zu diesem Zweck rief ich mir wieder die Förderstellen (in diesem Falle die Bürges) ins Gedächtnis – was eigentlich der Bankangestellte wissen hätte müssen – und so wird dort nun der Antrag auf Haftung gestellt welche folgender Maßen aussieht. Entschließt sich die Bürges zur Förderung meines Kredites so würde sie mit 80% für Investitionen und mit 50% für Betriebsmittel (Materialien, Waren etc.) haften. Da sich meine benötigten € 10.000,-- aus ca. 2/3 Investition und einem Drittel Betriebsmittel zusammenstellen, würde die Bürges für 80% auf € 7.000,-- und für 50% auf € 3.000,-- die Haftung übernehmen. Die Einreichung erfolgt über die Bank wenn diese zustimmt, mein Vorhaben mit einem Kredit zu unterstützen. Dieser Antrag ist bereits gestellt und die Bearbeitung kann sich angeblich bis zu sechs Monate hinausziehen.

Ich muss euch sagen, zwischenzeitlich hat mich immer wieder der Mut verlassen, ständige Rennereien, Telefonate, immer wieder kleine Rückschläge zermürben einfach, aber ich habe nicht aufgegeben und nun zum Ende der „Geschichte“.

Das Warten auf die Bürges war nun auch dem Geschäftsinhaber zu lange und zu umständlich und so hat er mir folgenden Vorschlag unterbreitet. Die Geldmittel für die Einrichtung (Investition) werde ich mit monatlich € 300,-- begleichen und die Betriebsmittel erhalte ich auf Kommission, das heißt, das bis zur Bezahlung der Gesamtsumme ein Teil der Waren – die ich auch weiterhin von ihm beziehe, da er auch einen Großhandel besitzt – nicht von mir gekauft werden sondern von mir erst nach Verkauf bezahlt werden müssen. Dies ist ja normal nicht üblich da man sonst die Ware kauft und dann erst verkauft. Aber es besteht ein gegenseitiges Vertrauen und der Glaube des derzeitigen Inhabers an mich als Person. Somit ist es geschafft! Ich bin ab 03.02.2003 Geschäftsfrau und darüber bin ich mehr als glücklich!

Der Kreditantrag bleibt natürlich aufrecht und sollte ich diesen erhalten – egal wann auch immer – so werde ich besagte € 10.000,-- natürlich dem Vorbesitzer überweisen.

Unglaublich aber wahr, es gibt auf dieser Welt wirklich noch Menschen auch wenn die Gutmütigkeit des Geschäftsmannes natürlich nicht ganz uneigennützig ist, denn so bleibe ich auf jeden Fall Kunde des Großhandels den er ja eventuell bei besseren Angeboten diverser Firmen an mich verloren hätte.

Der Weg war beschwerlich, oftmals frustrierend aber er hat sich für mich gelohnt und das macht mich unbeschreiblich glücklich!

Vielleicht wünscht mir der eine oder andere von euch ein bisschen Glück für meine Zukunft als Geschäftsfrau. In diesem Sinne bedanke ich mich für eure Aufmerksamkeit und für das Daumen drücken einiger meiner Bekannten hier bei Yopi.

Alles Liebe, Glück und Erfolg, eure ©Perserkatze


Wien, am 18. Jänner 2003

PS.: Die Entscheidung ob empfehlenswert oder nicht fällt mir sehr schwer, ich sage aber trotz allem mal ja! Aufgrund der Problemchen bewerte ich mittelmäßig.

91 Bewertungen, 12 Kommentare

  • Puenktchen3844

    27.01.2009, 22:49 Uhr von Puenktchen3844
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein schöner Bericht. LG

  • Jerry525

    23.01.2009, 10:15 Uhr von Jerry525
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schönes Wochenende, lg vom JERRY

  • paula2

    13.01.2009, 14:02 Uhr von paula2
    Bewertung: sehr hilfreich

    liebe Grüße

  • Baby1

    05.11.2008, 09:20 Uhr von Baby1
    Bewertung: sehr hilfreich

    .•:*¨ ¨*:•. Liebe Grüße Anita .•:*¨ ¨*:•.

  • blackangel63

    30.08.2008, 13:20 Uhr von blackangel63
    Bewertung: sehr hilfreich

    WuEnScHe DiR eInEn ScHoEnEn SaMsTaG..lG aNjA

  • tanja2003

    06.03.2007, 20:53 Uhr von tanja2003
    Bewertung: sehr hilfreich

    ~~~ sh ~~~

  • panico

    03.03.2007, 17:50 Uhr von panico
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg panico :-)

  • PrinceofLies

    29.12.2006, 10:21 Uhr von PrinceofLies
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr interessanter Bericht.Viel Glück in jedem Fall weiterhin

  • anonym

    06.09.2006, 11:46 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh :o)

  • anonym

    25.07.2006, 23:01 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Lieben Gruß ;-) Marianne

  • Zuckermaus29

    14.07.2006, 13:16 Uhr von Zuckermaus29
    Bewertung: sehr hilfreich

    "sh" von mir für Dich :o) Viele Grüße Jeanny

  • Estha

    29.06.2006, 12:08 Uhr von Estha
    Bewertung: sehr hilfreich

    ☼☼☼ ... lg susi ... ☼☼☼