Über Themen mit A Testbericht

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Erfahrungsbericht von nosianai

Teufelswort mit A.... (.ntisemitismus)

Pro:

gegen das Vergessen

Kontra:

...aber nicht so! Die Freie Meinung darf nicht durch eine aufgesetzte pseudosolidarität geeicht werden! Lassen wir uns nicht durch Schlagwörter polarisieren, welche DER SACHE nicht gerecht werden!

Empfehlung:

Nein

Es gibt Dinge, an die, wenn sie einem denn mal passiert sind, man sich nicht mehr erinnern will. Zum Beispiel etwas tierisch peinliches. Oder auch etwas, dass einem Angst gemacht hat. Wenn man unfair behandelt worden ist oder etwas noch viel schlimmeres. Dann verlangt es der Verstand, dass man dieses Ereignis ausblended - und zwar möglichst vollständig. Wird man dann später in einer bestimmten Situation wieder daran] erinnert, platzt die alte Wunde auf.

°°°Die Verdrängung ist vergleichbar mit einer verschmutzten Wunde.°°°

Man hat sie nicht gereinigt, sondern ein Pflaster drüber geklebt, um die Narben zu verstecken. ... es eitert und schwelt, und irgendwann hat man einen furchtbaren Entzündungsgrad erreicht. Entweder tut man etwas dagegen, oder man geht daran zu Grunde.
Wenigstens hat man die Wahl.

°°°Die Wunde des Landes im Herzen Europas°°°

Nun, was könnte das wohl sein, angesichts der laufenden Debatten?

Ich bin wahrlich nicht nationalistisch eingestellt. Ich fiebere nicht mal in der Fußball-WM mit. Sowas kümmert mich recht wenig, und auch wenn man im Allgemeinen (übrigens aus den verschiedensten Gründen, die jeder selbst für sich erörtern kann) behaupten könnte, dass ich froh sein dürfte, in Deutschland geboren worden zu sein, so denke ich doch nie darüber nach. (Außer vielleicht im Zusammenhang mit meinem Verlobten, aber das ist ein anderes Thema.)

Und troztdem gibt es etwas, worüber ich mich pausenlos aufregen könnte, und das ist die aufgesetzte Ehrfurcht, mit der wir an das Teufelswort "A...." herangehen. Man darf das Wort ja nicht einmal aussprechen, schon muss man Schimpftiraden über sich ergehen lassen. Aber was heißt A... eigentlich?

°°°Lasset den Duden sprechen...°°°

Und er sagte:
A. ist.... Abneigung od. Feindschaft gegenüber den Juden; b) [politische] Bewegung mit ausgeprägten judenfeindlichen Tendenzen.

°°°Komm, wir spielen Galgenraten!°°°

So oder so ähnlich fühlt man sich zumindest, wenn man über das Thema sprechen möchte. Meine Einleitung hat es ja schon gezeigt: Ich bin der Meinung, dass sich die breite Masse der Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt mit dem Problem des A... auseinandergesetzt hat.

Kurz nach dem zweiten Weltkrieg, als Denazifizierung ganz groß geschrieben wurde, passiert trotzdem nichts, denn wer in Geschichte aufgepasst hat, wird bemerkt haben, dass kaum ein großer Schlag der Besatzermächte gelang, und schon bald nach dem Debakel hatte man zumindest die westliche Besatzungszone wieder aufgepeppelt und gestand dem neuen Staat ein bisschen Selbstbestimmungsrecht zu.
Freilich hatten die Leute zu diesem Zeitpunkt andere Probleme, als sich mit A... zu befassen. Und so blieb es bis heute.

1994 gelang Spielberg ein sensationeller Erfolg. Da fasste er den Holocaust in Bilder. Von vielen Seiten hagelte es Kritik, dass man etwas Unfassbares nicht in eine Filmrolle pressen darf, dass man es nicht greifbar machen darf, da etwas unvorstellbares nicht in vorstellbare Szenen und Sequenzen eingebunden werden darf.
SAGT WER????
Zu diesem Problem las ich sogar einen ellenlangen, gut recherchierten, fundierten Bericht hier auf Yopi. Und ich muss sagen: im ersten Moment hat mich das überzeugt! Ich dachte wirklich: ja, stimmt irgendwie.

Aber das heißt auch, dass, wenn man nicht mal einen Film drehen kann, auch keine Verarbeitung stattfinden darf. Und schon sind wir wieder bei der vereiterten Wunde...

Es gibt zu diesem Thema auch ein herrliches Buch: "Das Mädchen im Roten Mantel" ... Ganz am Ende, als die Autorin den Bogen zum Beginn ihrer Geschichte spannt, sagt sie: Als sie den Film sah, wollte sie endlich über etwas reden, über das zu reden sie sich immer verboten hatte. Und wenn es einer direkt betroffenen Person so geht, warum sollte es der breiten Masse anders gehen?, dem Fußvolk sozusagen, das keine direkte Verbindung zu den Ereignissen hat (stimm doch, oder? Nicht jeder hatte eine jüdische Uroma oder dergleichen.... Nicht jeder muss persönliche Geschichte aufarbeiten.)

Und hier stehen wir heute, in einem Land, in einer Zeit, in der A... immer noch ein allumfassendes Wort ist, genau wie das inzwischen kommerzialisierte H wie Holocaust. Darüber wurde auch ein sehr intelligentes Buch geschrieben. "Die Holocaust-Industrie". Leider ist es - gelinde gesagt - beschissen geschrieben. Rein inhaltlich allerdings sehr lesenswert.

°°°Lasst Köpfe rollen!°°°

...so schreien sie heute, wenn sich jemand nach sechzig Jahren kollektiven Traumas getraut, Kritik zu üben. Wohlgemerkt, der Autor des im letzten Abschnitt genannten Buches ist Jude! Und dennoch musste er fadenscheinige Kritik über sich ergehen lassen. Er hat klipp und klar in seinem Buch geschrieben, dass sich seine Familie immer von den Geschehnissen distanziert hat. Man wollte die Bilder aus KZs etc. nicht an sich herankommen lassen. Auch ein Weg der Verdrängung. Was aber noch wichtiger ist: Jemand, den es wirklich etwas anging, jemand, der Anspruch darauf gehabt hätte jemand anderen zu verteufel (sprich die Deutschen) hat es nicht getan. Dafür aber viele andere. Sinnloserweise.

Und so auch heute noch. Leute, die in ihrer Freizeit die Bild nicht als Belustigung sondern als Tagespresse lesen, Leute, die Explosiv-Anhänger aus Überzeugung sind und Leute, die auf Erdbeerdiäten und dergleichen stehen, füllen mit ihrem Pseudoengagement für verbrauchte Geschichte, die SIE nicht gelebt haben, ganze Feuilletons und wollen mit ihren gesichtslosen Anschuldigung einfach nicht enden, obwohl ihr persönliches Interesse am Ganzen gerechterweise Null sein müsste.

Ist das die Definition von Solidarität??

Versteht mich nicht falsch... Ich möchte nichts herunter spielen. Ich möchte nichts verschweigen und ich halte auch nichts von Euphemie.

ABER....

Es kann nicht sein, dass ein einziges Wort, welches wie die meisten Wörter beliebig einsetzbar ist und auch ab und an mal einfach so rausrutscht, für ein kollektives Trauma sorgt.

"Ja, wir sind sehr empfindlich"
...sagte Avi Primor (ehemaliger israelischer Botschafter). Und ich sage: Oh nein, das hat mit EMPFINDLICH nichts zu tun. Man weiß nur eben, wie man Menschen instrumentalisiert. Wie man ihre Schwächen ausnutzt.

Es geht um die vieldiskutierte Kritik Karslis an der Politik Israels. Es wurde in den vergangenen Tagen schon lang und breit darüber diskutiert, ob ein Deutscher überhaupt das Recht habe, einen Juden zu kritisieren. Natürlich wurde viel polemisiert, und es geht mir hier nicht darum zu zeigen, dass auch ein Deutscher kritisieren kann, wen er will, so lange seine Kritik sachlich und berechtigt ist. (Und wer würde mir hier widersprechen wollen?) Es geht mir nicht um die Ehrfurcht, die Angst vor dem A-Wort, welche uns seit der Grundschule... ja schon im Kindergarten eingetrichtert wurde (und das wenigstens teilweise berechtigt). Nein, es geht mir nicht darum, ob nun Israel jemals in Frieden gelebt hat (nein, hat es nicht) oder ob diese Menschen dort empfindelich sind.

Ich möchte mich aber entschieden dagegen aussprechen, dass die breite Masse deutscher Bundesbürger (zumindest nach Wahlumfragen zu Folge) der FDP den Rücken gekehrt hat, und das nur auf Grund einer lächerlichen Auseinandersetzung zweier Kerls, die nie erwachsen wurden.

°°°Es ist nicht schlimm, A.... als das Negative zu sehen, dass er ist.°°°

Aber es ist schlimm, wenn man sich nicht seine eigenen Gedanken macht. Es ist schlimm, wenn eine Herde Schafe in Umfragen mit vor Stolz geschwellter Brust behauptet, mit der FDP nichts mehr am Hut haben zu wollen, weil.... und überhaupt....

Es gab auch Stimmen, die Friedman unterstellten, er würde schlecht für den Ruf der Juden sein. Es gab Leute, die haben sich über die Art und Weise mokiert, wie unser Möchtegernkanzler die Debatte in den Wahlkampfring zerrte. Und es gab auch solche, die feststellten, wie alle bemüht waren auf der FDP herumzuhacken anstatt sich eigene Gedanken zu machen. Besonders hier bei Yopi hat es zu diesem Thema viele glühende Ausbrüche gegeben. Viele konstruktiv, bemüht objektiv und vor allem ehrlich.

Aber es scheint, als seien solche Stimmen in der Minderheit. Haben wir Angst vor dem Wort mit "A"? Beflügelt es unsere Fantasie? Macht es uns zu kleinen, weißen Karnickeln im Zauberhut eines Magiers... wie hieß er doch gleich? Politik? Macht? oder etwa Propaganda?

Die Geister, die ich (niemals) rief...

Martin Walser ist den meisten wohl auch ein Begriff. Selbst wenn erst seit ein paar Tagen. Was wissen wir über ihn? Er schreibt Bücher. Er wird im Suhrkamp-Verlag verlegt. Sein neues Buch heißt "Tod eines Kritikers" - und es ist (obwohl du und ich es noch nicht einmal lesen konnten) schon berühmter als manch anderes Druckwerk, denn keiner mag es. Und wer es mag, wird nicht mehr gemocht.

Grass zum Beispiel. Er wollte in keiner Zeile einen Beweis dafür gesehen haben, warum das Buch mit A... in Verbindung gebracht werden sollte. Und weil Schröder sich in der lustigen Gesprächsrunde, als es um dieses Teufelsbuch ging, nicht eindeutig auf eine Seite stellte °°°Entweder bist du für uns, oder.... na ja... eben nicht!°°° , warf man ihm fröhlich vor, er grenze sich vom Thema aus und glänze mit Ignoranz.

Das Phänomen Reich-Ranicki hatte es als bedauerlich erachtet, dass dieses Buch, dieser Schmähroman, diese Schande jemals gedruckt werden sollte. Es sei a.... ((Ausrufezeichen))
In seiner Solo-Sendung hatte er wie ein Häufchen Elend im seinem viel zu großen Sessel gehockt und wie ein angeschossenes Tier seine Wunde geleckt. Reich-Ranicki, der Jude. Tut uns leid, aber das ist wie Denkmalschutz: Nicht angreifen!

Wollt ihr wissen, warum "Tod eines Kritikers" a.... ist? Seid ihr auf so viel Schmach und Schande gefasst?

Nun, Walser beschreibt in seinem Buch einen Juden. Und zwar als egozentrisch, als geizig, als neidisch, als Ekel.

Ja mein Freund, das war's schon. Wenn du sowas machst, bis du a.... Wenn du es wagst so zu tun, als könnte auch nur ein einziger Jude auf Gottes eiden Fluren ein Scheusal sein, dann bis du dem A... verfallen. So ist das nun mal.

°°°Entweder bist du für uns, oder du bist a....°°°

Abschließend möchte ich sagen, dass ein guter Kritiker sich dadurch auszeichnet, fair zum Objekt zu sein. Möglichst vorurteilsfrei, obwohl wir heute wissen, dass das nicht (immer) möglich ist. Er lässt sich eines besseren belehren, aber niemals verfälschen.

Demnach kann kein Deutscher nach Definition ein guter Kritiker sein, denn er ist entweder nicht im Stande, Juden oder alles, was damit zu tun hat, mit kritischen Augen zu betrachten, oder er wird seiner Kritikerehre enthoben und dem A... zugeordnet.

Es steht auf einem anderen Blatt, dass sich Israelis "beklommen" fühlen durch die Äußerungen Karslis. Es ist auch eine andere Geschichte, dass Juden es sich angewöhnt haben, ihre Meinung und Taten damit zu rechtfertigen, dass sie Juden sind. Es interessiert hier auch nicht, dass Reich-Ranicki sich persönlich angegriffen sieht und darum auf seinem Sessel schluchzt.

Wichtig ist nur eines:
Dass hierzulande augenscheinlich keiner den feinen Unterschied sieht, ob nun die Kritik eines Landes pauschal kritisiert wird, oder ob ein jüdischer Staat de facto kritisiert wird.
Dass man zwar jeden Menschen als Scheusal beschreiben kann, nicht aber einen jüdischen Menschen.

°°°Nosianai's kleiner Appell an solche, die sich nicht von der Wahlkampfschlacht und falscher Solidarität einwickeln lassen haben...°°°

Meine persönliche Meinung: Ich muss nicht für etwas grade stehen, dass ich nicht verbrochen habe. Vor sechzig Jahren waren selbst meine Großeltern noch Kinder. Ich weiß, was mit Holocaust gemeint ist. Aber ich weiß nicht, warum deshalb Jahrzehnte später jeder Jude immer noch ein Heiliger ist.

Ich KANN meinen Arbeitskollegen einen Idioten nennen, weil er mich mobbt. Wenn er zufällig Jude ist, dann ist das sein Problem - nicht meines. In meinen Augen ist er dann immer noch ein Idiot, und mir wird auch nicht die Zunge abfaulen, weil ich dies sage.

So wie keinem anderen die Zunge abfaulen wird, weil er einen MENSCHEN oder eine POLITIK verdonnert.

°°°Lösungsansätze für ein hausgemachtes Problem°°°

* Politik als solche betrachten. Die wenigsten, die sich über den FDP-°Skandal° aufregen, können Israel mit dem Nahost-Konflikt in Verbindung bringen. - Unabhängig davon betrachtet zeigt der Durchschnittsbürger der Mattscheibe nämlich gern den Vogel, wenn er sieht, wie "die da unten" sich bekriegen.

* Das Buch von Walser als einen Tabubruch sehen. Es ist ein Roman, keine Parole oder eine Hetzkampagne. Egal, was wir in diesen literarischen Erguss hineininterpretieren: Der erste Schritt ist ENDLICH gemacht worden: Auch ein Jude kann ein Scheusal sein!


Ich hoffe, ich konnt einige Medienschäfchen zum eigenständigen (!) Denken anregen. Wieder empfehle ich wärmstens die Juni-Ausgabe des Eulenspiegels, der zu diesem Thema einiges (wenn auch in kurzer Form) beizusteuern hat.

(c) 13-06-02 Nosianai

Nachtrag, 18-07-02

Wie gewohnt verfolge ich das Geschehen weiter, schaue mich um, wie die Reaktionen in der Presse oder auch nur in täglichen Gesprächen ausschauen, wenn mal wieder etwas "so großes" geschehen ist.
Normalerweise kann ich dann den Eulenspiegel empfehlen, nur diesmal nicht. Die Juliausgabe des Satiremagazins stand noch nie so weit rechts (im konservativen Sinne) wie diesmal. Beschämend für ein Heftchen, welches sogar Robert Steinhäuser zur Witzfigur gemacht hat.

Auch die Leserbriefe in unserer Tageszeitung zeugten von reinem Unverständnis des Fußvolkes, welches sich auf oben genannte Art und Weise manipulieren lässt.
Nicht missverstehen: ich erwarte nicht, dass alle meiner Meinung sind. Komisch ist nur, das "die andere Meinung" immer mit denselben gesichtslosen Phrasen begründet wird, die doch so sehr dem ähneln, was in den Meinungsmaschinen der dt. Gesellschaft propagiert wird.

Denkt mal drüber nach.

Auch das endlich erschienene Buch von Martin Walser, welches ich mir ja unbedingt zu Gemüte führen wollte, verkam mittlerweile zu einem Knallbonbon. Der Preis ist für das dünne Buch auf knapp 20 Euro datiert, was mir doch zu viel ist.

Verdächtig: Es führt die Bestsellerlisten an (in Buchgeschäften).

In diesem Sinne,
meinungsfreiheitliche Grüße,
nosianai

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