Über Themen mit A Testbericht

ab 65,53
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003

Erfahrungsbericht von tepungaatewaka

Al(catraz)tenheim from inside

Pro:

man lernt vieles von älteren Menschen

Kontra:

Arbeitsbedingungen sind nicht immer die besten, was aber sehr vom Heim abhängt!!

Empfehlung:

Nein

Nach einem überaus sonnigen Tag wollte ich mich gerade gemütlich mit meinem Cappuccino auf die Couch setzen und die Zeitung lesen. Doch aus dem „gemütlich“ wurde nach einem Artikel in der Zeitung eher „nachdenken“, aus dem Nachdenken wurde Frust, bis ich schließlich bei meiner jetzigen Ärgernis angelangt bin.
Aber erstmal von vorne...


Als ich vor ein paar Jahren mein Abi gemacht habe, zog ich es vor, vor dem Unistress etwas Sinnvolleres zu tun, als gleich wieder zu lernen. Ich zog von zu Hause aus, weg in den schönen Süden von München.
Natürlich kann ich mir keine Wohnung aus dem Nichts zaubern und Geld vermehrt sich leider auch nicht von alleine, und so war das freiwillige soziale Jahr für mich die optimalste Gelegenheit, alles, was ich mir vorstellte unter einen Hut zu bringen.
Wer nun allerdings denkt, dass dies der einzige Grund war, weswegen ich diese Arbeit machte, der liegt falsch.

Meine Wahl fiel auf ein Altenheim. Ich hätte zwar genauso gut in einem Krankenhaus, einem Kinderheim, oder in einer anderen sozialen Einrichtung arbeiten können, doch aus irgendeinem Grund bevorzugte ich eben ein Altenpflegeheim. Meine Wahl habe ich nie bereut!

Mit Sicherheit kann ich heute sagen, dass ich nicht im Geringsten eine Vorstellung von dem hatte, was auf mich zukommt. Weder war ich mir der körperlichen Arbeit, die diese Arbeit mit sich brachte bewusst, noch der Erfahrungen, die ich in diesem Jahr sammeln sollte.

In meiner neuen Wohnung fühlte ich mich sehr wohl, fand schnell sehr nette Freunde und die Arbeit machte mir nach anfänglicher Zurückhaltung von Tag zu Tag mehr Spaß. Zuerst hatte ich noch so meine Schwierigkeiten, alte Menschen rundum zu pflegen, aber dies war schon nach der ersten Woche gar kein Problem mehr. Mich wunderte allerdings, wie manche (und wirklich nur manche) meiner Kolleginnen und Kollegen über unsere Bewohner sprachen. Da ich unsere Bewohner ja nach einer Woche unmöglich gut kennen lernen konnte, dachte ich nicht selten „oh jeh, was ist denn das für eine Bewohnerin?“ Doch schon nach kürzester Zeit musste ich feststellen, dass meine Frage sich in nur einem einzigen Wort unterschied und nun wie folgt lautete :“oh jeh, was ist denn das für eine Kollegin?“

Alte Menschen sind nicht immer einfach, das mag sein, doch wer von euch schon einmal ein Altenheim von innen gesehen hat und sich mit den Bewohnern etwas beschäftigte, wird sicherlich schnell festgestellt haben, wie viele interessante Erlebnisse man erzählt bekommt und wie dankbar diese Menschen für ein kleines bischen Aufmerksamkeit sind.

Oftmals bekam ich von Mitarbeitern zu hören, wie schlimm doch Frau A ist und wie schrecklich gemein Herr B sei, wenn man ihm die Socken aus- oder anzieht. Ja herrjeh, wenn ich einem 95-jährigen Mann zuerst die rechte Socke anstatt die linke ausziehe, und er es eben schon seit 94 Jahren genau andersrum handhabt, muss ich mich da wirklich wundern, wenn er wütend wird?
Ist es denn nicht viel einfacher, einem alten Menschen, der seine Gewohnheiten hat, entgegenzukommen (zumal es für mich ja eigentlich keinen wirklich großen Unterschied macht), als seinen eigenen Willen durchzusetzen, nur, weil man selbst, leider(!), wirklich am längeren Hebel sitzt?


Oftmals liegt es an den Pflegekräften, wie einem die Menschen begegnen. Es ist eben wie im alltäglichen Leben auch: ist man nett, so begegnen einem die Menschen ebenfalls nett, ist man es nicht, so wird man die Quittung dafür bekommen.

Komischerweise hatte ich nie Probleme mit einem Bewohner. Klar, hie und da gibt es immer Meinungsverschiedenheiten, wen wundert das auch, schließlich verbringt man fast täglich viele Stunden gemeinsam.

Also, wie schon gesagt, an die Arbeit habe ich mich gewöhnt, und die alten Menschen sind mir wirklich ans Herz gewachsen. Die einen mehr, die anderen weniger. Doch mir machte es unheimlich viel Spaß, mich mit ihnen zu beschäftigen und das, was ich für sie tat, bekam ich hundertfach zurück!
Es gab einige, die vom Geiste her noch sehr fit waren. Ihnen machte es Spaß zu erzählen, mir bereitete es Freude, zuzuhören. Dabei hörte ich die schönsten Liebesgeschichten, ihre schlimmsten Kriegserlebnisse und vor allem verbarg sich hinter jeder ihrer Lebenserfahrungen eine kleine Lebensweisheit. Diese Menschen waren für mich sehr wertvoll und eröffneten mir in so mancherlei meiner Sichtweisen eine neue Tür.

Ich habe nicht nur die Erzählungen der alten Menschen erlebt, sondern auch die Geldgier derer, die erben sollten. Und nicht nur derjenigen, die erben sollten, schließlich sind Altenheime ja Dienstleistungsbetriebe...


Zurück zu dem Artikel in der Zeitung.

Im Prinzip ist es völlig gleich, was in diesem Artikel stand und weswegen ich mich Ärgere, denn was ich mit diesem Artikel eigentlich sagen möchte, ist, dass die Arbeit im Altenheim wirklich Spaß machen kann. Vielleicht hatte ich auch einfach nur das Bedürfnis einmal über meine Erfahrungen mit älteren menschen zu schreiben.

Ich habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, so lange man die Bewohner als Menschen ansieht und sie auch als solche agieren lässt, kann man so einiges Lernen.
Natürlich hat auch mir die Arbeit nicht immer Spaß gemacht.
Manchmal war es ganz schön frustrierend zu wissen, dass es wirklich der letzte Lebensabschnitt eines Menschen ist, wenn er dorthin kommt. Mit anzusehen, wie ein älterer Mensch von Tag zu Tag abbaut, bis man schließlich das Zimmer neu belegt, ist nicht immer ganz einfach.
Doch dies war sicherlich nicht der einzige Grund, weswegen ich manchmal nicht viel Spaß an meiner Arbeit hatte. Nervige Vorgesetzte gibt es in jeder Branche, doch gerade in der, wo es um Menschen geht, die ihre Interessen und Wünsche nicht selbst vertreten können, ist es leicht, mit dem Chef öfter aneinander zu geraten.

Abschließend möchte ich vielleicht noch erwähnen, dass man sich vielleicht schon Gedanken über das Alter machen sollte, so lange man noch nicht alt ist. Wer nicht weis, wieso, hier ein kleiner Tipp: Arbeite mal eine Weile in einem Altenheim:-)

Die Bewertung beziehe ich auf die Arbeit als FSJ in einem Altenheim

21 Bewertungen