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Erfahrungsbericht von Calistra

Anwälte und andere Wortfetischisten

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Es gibt Menschen, an denen kommt man einfach nicht vorbei. Bei der hier angesprochenen Sorte handelt es sich um den gemeinen Wortfetischisten, oder, wie der Lateiner sagen würde: Labacus wichticus. (Oder so ähnlich).

Einen solchen Menschen trifft man nahezu überall an: In jeder Schulklasse, wo er sich als das intellektuelle Äquivalent des Klassenclowns versteht, was jedoch nicht alle Mitschüler akzeptieren. Folge: Der Claunus intellectus ist bei seinen Mitschülern meist unbeliebt, bei den Lehrern jedoch umso beliebter, da diese in ihm die Frucht ihrer - vielleicht doch nicht vergeblichen - jahrelangen Bemühungen sehen.

Der junge Wortfetischist befindet sich in der Ausbruchsphase vorzugsweise im (prä-)pubertären Stadium und weist die folgenden Hauptmerkmale auf:

Er liebt es, Dinge bis ins kleinste Detail zu beschreiben. Was früher noch als Phantasienreichtum galt, entwickelt sich schnell zur Manie: "Mama, wo ist mein Ball-mit-den-schwarzen-Punkten-der-den-der- Kevin-beinahe-kaputtgemacht-hat-als-wir-auf-meinem- letzten-Geburtstag-damit-Fußball-gespielt-haben..."

Anzumerken ist, das dieser Ball nicht einmalig so beschreiben wird, sondern nun für immer der Ball-mit-den-schwarzen-Punkten-der-den-der- Kevin-beinahe-kaputtgemacht-hat-als-wir-auf-meinem- letzten-Geburtstag-damit-Fußball-gespielt-haben bleiben wird.

In diesem Falle spricht man von einem Wort-Surrealisten, der immer wieder die interessantesten Wortkreationen bildet.

Eine andere Spezies ist der Sprach-Dadist. Er verfällt in eine Art Babysprache, eine Sache, die sowohl bei alten Leuten, jungen Eltern und - auch - bei Jugendlichen beobachtet werden kann.

Solche Leute gehen in die Heia - oder schicken ihre Mausezähnchen (=Kinder) in dieselbige, versüßen sich den Tag hin und wieder mit, manchmal auch leicht infantiler, "Lala" ala Wadde-hadde-dudde-da und essen immer wieder gerne ein Schokolädchen, ein Bütterchen oder ein Mandarinchen. Dazu gibt's häufig Mumu-Milch oder Kaukau. Danach gibt Papi der Mutti ein Bussi und die beiden gehen dann auch in die Heia....

In meinem Beruf jedoch bin ich einer besonders interessanten Gruppe von Wortfetischisten begegnet: Den Anwälten. Ihr Markenzeichen ist es, alles so zu verkomplizieren, daß niemand es mehr wirklich auf Anhieb versteht. Also, in etwa so:

"Die von hier vertretene Mandantin befuhr die Yopi-Straße in Fahrtrichtung Norden und wechselte zwecks Abbiegung in die Calistra-Allee von der rechten auf die linke Fahrspur, nachdem sie den linken Fahrtrichtungsanzeiger entsprechend betätigt hatte. Der Beklagte zu 2., der den Pkw der Beklagten zu 1. führte, setzte jedoch in genau diesem Augenblick ohne jegliches Anzeichen und ohne jeden erkennbaren Grund zurück, so daß der vorliegende Schadensfall eindeutig auf die Fahrlässigkeit des Beklagten zu 2. zurückzuführen ist."

Klingt doch logisch, oder???

Anwälte haben die Angewohnheit, für alles einen Fachausdruck zu benutzen, und, falls für den Sachverhalt keiner existiert, einen zu erfinden. So kommt es nicht selten vor, daß ein Mandant nicht in der Lage ist, einen abgefassten und ihm zugesandten Schriftsatz eindeutig zu verstehen.

zum Beispiel:"....In der vorbezeichneten Angelegenheit erinnern wir an Vereinbarung eines Rücksprachetermins mit unserer Kanzlei, da notwendigerweise die besprochene und bereits präparierte Handelsregistereintragung aufgrund ihrer konstitutiven Rechtswirkung noch vorgenommen werden muß....."

Dazu kann ich nur sagen: Insoweit ist es mir durchaus verständlich, daß einige Mandanten das persönliche Gespräch mit dem Rechtsanwalt einer schriftlichen Korrespondenz vorziehen.

;-)


Eine weitere interessante Art der zu weitgehenden Begeisterung für Wortspielchen findet sich bei jungen Leuten, deren Sexualleben vor nicht allzu langer Zeit seinen Lauf genommen hat. Die betroffenen Menschen entwickeln dann die Angewohnheit, ihre andersgeschlechtlichen Mitmenschen mit eindeutig zweideutigen Wortspielen zu erfreuen. Mit einem solchen Gesprächspartner lässt sich nur mühsam ein ernsthaftes Gespräch aufbauen, vor allem, wenn man nicht unbedingt auf Themen wie: "Wie lange sollte man warten, bis man in einer neuen Beziehung den ersten Sex hat?" oder "Ist Baumwollunterwäsche wirklich absolut unerotisch?" zurückgreifen möchte.

Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte der Bildröhrenwortverfechter, der seinen Lieben zu jeder Gelegenheit eine kleine Kostprobe seiner beim Fernsehen erworbener Gewandtheit zukommen lässt. Solche Menschen zitieren: "Sind wir nicht alle ein bißchen Bluna?", kochen mit Maggi immer eine gute Suppe, schmecken mit Langnese den Sommer und schmelzen dahin like ice in the sunshine, wenn sie mit Melitta viel Gefühl für Kaffee entwickeln, nachdem sie selbst beim Kloschrubben fröhlich das Null-Null-Lied geträllert haben.

F A Z I T :
- - - - - -

Eigentlich möchte ich gern behaupten, in jedem von uns stecke ein kleiner Wortfetischist. Nur seine Gruppe, die muß sich jeder schon alleine suchen.

Ich für meinen Teil trage von allem ein Stückchen mit mir rum.....

15 Bewertungen, 2 Kommentare

  • DerMolf

    30.03.2002, 18:57 Uhr von DerMolf
    Bewertung: sehr hilfreich

    *lol* Ich sag da jetzt lieber nicht zu welcher Gruppe ich mich zähle... :-) Frohe Ostern wünscht der Molf

  • srschneider2

    30.03.2002, 18:28 Uhr von srschneider2
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schöner beitrag. Schöne ostern und ganz viele Ostereier wünsch ich. cu