Erfahrungsbericht von LoMei
Ghana 4: Bei den Kusasi von Garu
Pro:
Neu und interessant
Kontra:
Heiß und staubig
Empfehlung:
Nein
Nach Aufenthalten in Tamale und Bolgatanga ging es nun in den äußersten Nordostzipfel von Ghana in das Land der Kusasi im Distrikt Bawku (Upper East Region). Bärbel, Annette und ich waren Gäste der Presbyterianischen Kirche von Ghana und wollten das Land kennen lernen.
ZUM INHALT
1. Fahrt von Bolgatanga über Bawku nach Garu
2. Ankunft in Garu und Pub-Besuch in Bawku
3. Ein Weihnachtslied im März
4. Landwirtschaft im Norden von Ghana
5. Flussblindheit und Blinden-Rehabilitation
6. Gesundheitsposten Garu
7. Besuch im Krankenhaus Bawku
8. Fahrt von Garu nach Tamale
9. Fazit
1. FAHRT VON BOLGATANGA ÜBER BAWKU NACH GARU
Wir fuhren mit Schwester Gerdy auf der uns schon bekannten Straße von Bolgatanga nach Richtung Bawku. Es war gegen Mittag, als wir unterwegs einmal von der Straße abbogen, um einen Brief in ein abseits gelegenes Dorf zu bringen. Dann ging es auf die Straße zurück. Es staubte inzwischen wieder ziemlich stark. Unter einem Baum machten wir Picknick. Bärbel hatte sich von ihrer Darminfektion erholt, dafür machte Annette heute einen ziemlich schlappen Eindruck.
Die Straße nach Bawku führte durch Buschland. Wir überquerten den roten Volta. Das Flussbett war trocken. An einigen wenigen Stellen standen Wasserpfützen im Flussbett. Das holen sich die Leute zum Trinken, Kochen und Waschen. Die Landschaft wurde immer kahler. Gerdy erklärte, dass dies ein Teil der Sahelzone ist.
Sie berichtete unterwegs viel von ihrer Arbeit und ihren Erfahrungen im Gesundheitswesen.
Wir passierten mehrere Polizeikontrollposten.
Dann waren wir in Bawku. Ich dachte, wo sind wir hier nur gelandet. Hitze, Staub, alles grau in grau. Das Schnaufen fiel einem schwer. An der Straße sahen wir das Bawku-Hospital, und die Presbyterianische Kirche. Das schien die City zu sein.
Bawku hat etwa 22000 Einwohner. Die Stadt ist für Reisende nach Norden (Burkina Faso) oder Osten (Togo) die letzte wichtige Station. Der Grenzübergang nach Burkina Faso ist 8 km und der nach Togo 25 km entfernt. Es gibt keine Industrie. Die Leute leben vom Verkauf der aus Sheanüssen hergestellten Produkte Butter, Mehl und ÖL.
2. ANKUNFT IN GARU UND PUB-BESUCH IN BAWKU.
Schnell hatten wir die Stadt durchfahren und steuerten weiter nach Süden. Die Hitze drückte immer mehr. Nach kurzer Zeit tauchten im Staub die Häuser von Garu auf. Im Pfarrhaus bekamen wir von der Frau des Pastors einen kühlen Trank. Dann ging es weiter zu dem wirklich tollen Gästehaus der Agriculture Station. In den uns zugewiesenen Zimmern lag überall feiner rotbrauner Staub. Eine junge Frau machte uns das Essen. Wir richteten uns so halbwegs ein und schrieben Tagebuch. Um 18:30 Uhr wurde in einem der Nachbargebäude ein Generator gestartet, und sofort ging das Licht an.
Etwas später wurde das Essen serviert. Es gab Reis und Tomatensuppe mit Fisch und dazu sehr wohlschmeckendes Wasser. Während des Essens stellte sich Seth Ayeh vor. Er war einer der Leiter der Station. Er erzählte uns, dass er im letzten September in Obermoschel in der Pfalz gewesen war.
Bärbel und Annette deuteten scherzend an, dass sie gerne einmal in einen Pub gehen würden, um ein Bier zu trinken und fragten, ob es das in Bawku gäbe. Er sagte: „Okay“, und eine viertel Stunde später holte er uns ab und fuhr nach Bawku in den Club 69. Das ist eine Art Kasino für Fallschirmspringer. Ein wachhabender Soldat stellte Bier, Cola und Ginnes heraus, und dann unterhielten wir uns im Freien über die Pfalz, über Deutschland, über Ghana und die Gastfreundschaft hier und dort. Es war ein interessanter Abend.
Uns waren in und um Bawku mehr Straßensperren mit Militärposten als sonst wo aufgefallen. In der Stadt sahen wir einige ausgebrannte Häuser auf. Nun erfuhren wir, dass es in Bawku einen Stammeskonflikt gibt. Es stritten sich die hier seit je ansässigen Kusasi und eine Gruppe der Mamprusi darum, wer in Bawku den Chief stellt und in der Stadt bestimmt. Der Streit war zu einem blutigen Konflikt geworden. Man muss wissen, dass nur der Chief das Recht hat, Land zu vergeben. Es handelte sich also bei dem Konflikt hauptsächlich um die Überlassung von Landrechten. Dieses Recht wollten die Kusasi nicht aus der Hand geben.
Das ganze hatte eine lange Vorgeschichte. Ungefähr drei Generationen zurück half eine Gruppe Mamprusi den Kusasi in einem Konflikt gegen feindliche Nachbarn. Die Hilfe war erfolgreich. Die Helfer blieben in Bawku, das mitten im Kusasiland liegt und bildeten eine Mamprusi-Enklave. Die Nachkommen dieser „Krieger“ haben die Bindungen zu den weiter südlich wohnenden Stammesbrüdern abgebrochen und fühlen sich als die Herren von Bawku. Das lassen die Kusasi nicht zu. Zur Zeit unseres Besuches gab es keine terroristischen Aktivitäten, aber unsere Begleiter trauten der Ruhe nicht. Es gab immer wieder einmal Verwundete und auch Tote.
Nachts konnte ich wegen der Wärme nicht besonders gut schlafen. Um 23:00 Uhr ging das Licht aus, und bis dahin musste jeder im Bad gewesen sein.
3. EIN WEIHNACHTSLIED IM MÄRZ
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück erschien Rev. Ofori Larbi zur offiziellen Begrüßung. Er war am Vortage in Tamale gewesen und erst spät zurückgekommen. Er lud uns ein, mit ihm den Gottesdienst in Garu zu besuchen. Um10:00 Uhr holte er uns ab. Er war als Reverend ganz in schwarz gekleidet und trug einen steifen Kragen.
Die Kirche war gerade halb gefüllt. Das wunderte uns nicht besonders, denn sehr pünktlich war man nicht. Die Leute kamen so einer nach dem andern. Nach einer Lesung in Kusaal (Sprache der Kusasi) wurden wir vorgestellt und um ein kurzes Grußwort gebeten. Dann ging es nach draußen zur Einsegnung eines von der Christoffel-Blindenmission neu angelieferten Geländewagens. Die Zahl der Gottesdienstbesucher hatte sich inzwischen erhöht. Wir standen alle um das neue Auto herum und erhielten ein Liederbuch. Eines der Lieder, dessen Kusaal-Text wir zwar mitlesen aber nicht verstehen konnten, wurde angestimmt. Wir trauten unseren Ohren nicht. Die Melodie war uns sehr vertraut: „Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen.“ Wir sahen uns an und konnten uns eines Schmunzelns nicht erwehren. Die Temperaturen lagen bei ungefähr 42°C. Rundherum war alles braun, verdorrt und staubig. Die Klänge eines gefühlvollen deutschen Wehnachtliedes wirkten in dieser sonnigen trocknen Umgebung geradezu grotesk. Rev. Larbi sprach ein Gebet in dem er den Dank für dieses Fahrzeug ausdrückte und um den Segen Gottes für alle zukünftigen Fahrten bat.
Vor dem Mittagessen legte ich mich ein Stündchen auf mein Lager und beobachtete die Geckos an der Zimmerdecke. Zum Mittagessen bei Seth Ayeh gab es ein kühles Carlsberg. Das Essen war gut.
Am Nachmittag fuhren wir zu den „Hexen von Gambaga“. Aber das ist eine eigene Geschichte.
4. LANDWIRTSCHAFT IM NORDEN VON GHANA
Da der Norden Ghanas hauptsächlich aus einer Trockensavanne besteht, ist die Bodennutzung recht gering.
Im Unterschied zum Süden von Ghana ist die Bebauung des Ackerbodens nur einmal im Jahr möglich, in der Regenzeit von Mai bis Oktober.
Hauptsächlich angebaut werden: Yams, Mais, Casava, Hirse, Guinea-corn, Erdnüsse, Bohnen, Zwiebeln, Pepperoni, Tomaten und Trockenreis.
Die Schwerpunkte der angebauten Produkte variieren in den verschiedenen Regionen. Es wurde deutlich, dass überwiegend kohlehydratreiche Nahrung zu sich genommen werden kann. Ein Mangel bestand an eiweiß- und vitaminreicher Kost. Früchte zum Beispiel mussten alle aus dem Süden geliefert werden (Ausnahme: Mangofrüchte). Da dafür hohe Preise verlangt wurden und die Bevölkerung sehr arm war, konnte sich das kaum jemand leisten.
Der Schwerpunkt der Landwirtschaft ist der Ackerbau, jedoch gibt es auch Vieh. In den Dörfern sahen wir Rinder, Ziegen, Schafe und Hühner. Die Viehhaltung hat bei den sesshaften Bauern einen geringen Stellenwert. Das Vieh läuft frei herum, da die Haltung in Gehegen eine zusätzliche Arbeitsbelastung bedeuten würde. Das Hüten der Rinder wird, wenn überhaupt, Kindern oder den Fulani, einem wenig geachteten Nomadenstamm überlassen.
Wir hatten auf unserer Reise schon das Landwirtschaftsprojekt „mile 7“ der Presbyterian Church of Ghana in Tamale besucht und fanden hier auf der Agricultural Station Garu eine ganz ähnliche Situation vor.
Generell wird versucht eine ganzheitliche Hilfe zu leisten. Dazu gehören Landwirtschaft, Alphabetisierung und Evangelisation.
Der Schwerpunkt der Arbeit lag bei der Beratung der Bauern. Dazu wurden die Dörfer besucht, Kurse angeboten und die Mitarbeiter des Projektes waren jederzeit für Probleme ansprechbar.
Das Ziel sollte die Optimierung und Intensivierung der Bodennutzung unter Einsatz angemessener und angepasster Technologien sein. Es sollte besonders der Anbau von eiweiß-, mineralien- und vitaminreicher Nahrung gefördert werden. Dazu war es notwendig, neues und widerstandsfähiges Saatgut zu entwickeln und neue Methoden und landwirtschaftliche Produkte auszuprobieren.
Weiterhin werden Traktoren und LKWs gegen Bezahlung ausgeliehen. Da die Kosten für die Bauern sehr hoch sind, ist es nötig, dass sie zusammenarbeiten. Vorwiegend werden die Maschinen für den Transport von Dünger und landwirtschaftlichen Produkten benötigt, Traktoren werden aber auch zur Bewirtschaftung größerer Felder, z.B. Trockenreisanbau, eingesetzt.
Positiv bewerteten wir, dass die Arbeit des Projektes erst einsetzt, wenn sie von den Dörfern gewünscht wird. So kann man mit der Mitarbeit der Dorfbewohner rechnen, was den Erfolg der Projekte erhöht.
Die kirchlichen Landwirtschaftsprojekte kooperieren mit den staatlichen.
Bemerkenswert ist, dass in Garu das gesamte Projekt auf Dorfkooperation aufgebaut ist, die auch die genossenschaftliche Bank, ähnlich unserer Raiffeisenbank mit Unterstützung des Staates und des IWF aufgebaut haben.
Rev. Larbi machte mit uns einen Rundgang über die Agriculture Station, stellte uns dem Personal vor und beantwortete unsere vielen Fragen. Wir sahen die Generatorenstation, den Fuhrpark, das Ersatzteillager, Hühnerställe, Tier-Camp mit Hähnchen, Kaninchen, Ziegen und Schweinen.
5. FLUSSBLINDHEIT UND BLINDEN-REHABILITATION
Die Flussblindheit (Onchozerkose) ist eine parasitäre Wurmerkrankung, bei der besonders die Augen angegriffen werden. Sie ist vor allen Dingen im tropischen Afrika verbreitet, kommt aber auch im Nahen Osten und in Mittel- und Südamerika vor. In der Nähe von Flüssen lebt eine Kriebelmücke, die wie eine kleine Fliege aussieht und auch „schwarze Fliege“ genannt wird. Die Larven entwickeln sich in fließendem sauerstoffreichem Wasser. Mit ihrer Blutmahlzeit bei einem Infizierten nimmt die Mücke jugendliche Formen von Würmern auf, die beim nächsten Stich mit dem Speichel wieder abgegeben werden. Neben Hautentzündungen kann es durch die Einwanderung dieser mikroskopisch kleinen Würmer in die Hornhaut der Augen zu Erblindung kommen. In den Tropen leiden etwa 17 Millionen Menschen an der Krankheit. Andere Schätzungen der Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) liegen bei 40 Millionen und darüber.
Da die Flussblindheit im Norden von Ghana ein großes Problem ist und viele Menschen erblindet sind, ist dem Garu Agricultural Project ein spezielles Ausbildungszentrum der Christoffel-Blindenmission für Blinde angegliedert.
Hier werden Blinde geschult. Sie erfahren, wie sie mit ihrer Situation umgehen können, und sie erlernen Fertigkeiten, die es ihnen ermöglichen, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen und so wieder zu vollwertigen Gliedern der Gemeinschaft zu werden.
An einem Nachmittag besuchten wir die Blindenausbildungsstätte. Wir sahen dort 8-10 blinde Frauen mit ihren Kindern. Sie saßen z.T. unter einem großen Baum und drehten Seile oder halfen in der Küche bei der Zubereitung des Abendessens.
Für die Schulung der Blinden gibt es ein extra dafür errichtetes Camp. Da wohnen sie, wenn sie zu Kursen aus ihren Dörfern hierher kommen. Es ist Platz für 10-12 Leute vorhanden. Sie werden fachlich und geistlich betreut. Regelmäßig finden unter einem Baum Gesprächsrunden statt.
Wir sahen kleine Gärten mit einer Lehmmauer drum herum. Darin wuchs in sorgfältig angelegten Beeten grünes saftiges Gemüse. Innerhalb der Mauer ist die Orientierung bei der Gartenarbeit leichter. Die Erblindeten sind in der Lage sich in diesen Gärten ohne fremde Hilfe zu bewegen und die anfallende Gartenarbeit zu verrichten.
Darüber hinaus werden Blinde (vorwiegend Männer) in speziellen Kursen ausgebildet. Zum Programm gehören: Tierhaltung (Hühner, Ziegen Kaninchen, Schweine), Gartenbau und Handwerk. Zu letzterem gehören das Herstellen von Matten, Seilen, Stühlen, Seife sowie das Weben von Kleidungsstücken. Nach den Kursen kehren die Blinden in ihre Dörfer zurück und werden weiter von Mitarbeitern des Ausbildungszentrums betreut und beraten.
Einmal fuhren wir einige Zeit über Land und besuchten eine Blindenwerkstatt. Dort wurde Seife hergestellt und Korn gemahlen.
Je drei Blinde kommen zu Fuß allein etwa 10 km aus ihren Dörfern hierher und arbeiten unter Anleitung. Die Seife wird aus dem Öl der heimischen Shear-Nuss gewonnen. Caustic soda wird aus Deutschland importiert und zugesetzt. Die Herstellung kostete pro Stück 22 Cedis , der Verkaufspreis lag bei 25 Cedis/Stück. In einem Nebenhaus stand eine Kornmühle, wo wir die dort Tätigen unbedingt fotografieren sollten.
Gleich einer Safari fuhren wir im offenen Wagen zu einem anderen Platz, wo unter einem großen Baum einige blinde Männer saßen und Seile knüpften. Es wurden feine und grobe Seile hergestellt. Letztere sind für das Anbinden von Vieh gedacht. Die Arbeit unter dem Baum ist Kommunikation und Beschäftigung zugleich. Die Leute spielen dadurch in ihren Dörfern eine größere Rolle und sind finanziell unabhängiger.
An manchen Stellen sahen wir abgebrochene Hütten eines Dorfes. Die Leute waren in entfernter gelegene Gegenden gezogen, um dem Einflussbereich der schwarzen Fliege auszuweichen. Wir besuchten einen Blindengarten direkt unterhalb eines großen Dammes. Der Garten war bewässert. Es wuchs dort Porree und anderes.
Wenn wir irgendwo aus dem Auto stiegen, begleitete uns auf Schritt und Tritt immer eine Horde Kinder.
6. GESUNDHEITSPOSTEN (HEALTH POST) IN GARU
An einem Vormittag machte Rev. Larbi mit uns einen Besuch auf der Gesundheitsstation (health post). Eine Schwester führte uns durch die verschiedenen Abteilungen. An diesem Tag kamen vor allem Mütter mit kleinen Kindern. Die wurden gewogen, untersucht und erforderlichenfalls behandelt. Besonders schwierige Fälle werden nach Bawku in das dortige Krankenhaus weitergeleitet. Alle diese Dienste müssen bezahlt werden. Wer das nicht kann, wird nicht behandelt. Je nach Jahreszeit kommen mehr oder weniger Besucher. Die Unterstützung durch die Regierung ist nicht so gut, wie es erforderlich wäre. Die Einrichtung war zum Teil trostlos. Alle Schwestern waren sehr freundlich.
Auf einer Liege saß eine ganz junge zierliche Frau. Sie schaute traurig und fast abwesend vor sich hin. Neben ihr lag ihr wenige Tage altes Baby. Wir hörten, sie habe eine schwierige Geburt hinter sich, weil sie ein sehr schmales Becken hätte. In dieser Gegend glaubt man, dass komplizierte Entbindungen immer dann auftreten, wenn die Mutter ihrem Mann untreu gewesen ist. Es sei sehr schwierig, die wahren Zusammenhänge zu erklären, die einfach nur mit ihrem Körperbau zusammen hingen. Die junge Frau wusste nicht, was sie nach der Rückkehr in ihr Dorf erwarten würde.
Der Bau des Gesundheitspostens Garu wurde einst von der Regierung begonnen und nach Fertigstellung der Fundamente gestoppt. Die Christoffel-Blindenmission hat das Gebäude dann um 1975 errichtet.
7. BESUCH IM KRANKENHAUS VON BAWKU
An einem Nachmittag wurden wir von Rev. Larbi und Seth abgeholt und in das Krankenhaus nach Bawku gefahren. Die Trägerschaft liegt bei der Presbyterianischen Kirche.
Es war ein schwüler eigenartiger Tag. Die Sonne stand irgendwo im Dunst, und die Ferne war verhangen. Wir machten einen Kurzbesuch beim Pfarrer von Bawku, der gleich neben der Kirche wohnt. Dort gab es zur Begrüßung ein herrliches Glas Wasser. Der Pfarrer war im letzten Jahr für einige Zeit in Gießen gewesen. Von dort hatte er einen Landrover für die Betreuung seines weit verstreuten Zuständigkeitsbereiches erhalten. Die Freude über das Fahrzeug war ihm deutlich anzusehen. Als wir bei ihm ankamen, war er gerade im Begriff, eine Fahrt in entfernt liegende Dörfer anzutreten. Deshalb fuhr er kurz darauf davon.
Wir machten einen Rundgang durch alle Abteilungen des Krankenhauses. Das war wieder eine ganz neue Erfahrung. Auf den einzelnen Stationen war nicht viel los. Wir wurden von den Schwestern sehr freundlich über das unterrichtet, was zu ihrem Verantwortungsbereich gehörte.
Nachdem ich mich als Techniker geoutet hatte, wurden uns besonders all die technischen Einrichtungen vorgeführt. In einigen Häusern waren Solarenergie installiert, die z.T. Ventilatoren und Beleuchtung mit Strom versorgten. Hier gibt es viel zu tun. Autos standen aufgebockt herum. Die elektrischen Leitungen hingen an Betonmasten, die in sich gerissen waren. Die Dieselmotoren der Generatoren-Station waren wegen fehlender Ersatzteile nicht alle einsatzbereit. Ein außer Betrieb befindlicher Diesel stand mit geöffnetem Kurbelgehäuse da. Die Öffnungen waren nicht abgedeckt. Laub und Sand waren hereingeweht. Wir besichtigten das in Bau befindliche Haus für die Schwesternschülerinnen. Es folgte ein Besuch in der Küche. Nach einem Glas Wasser bei der Frau eines Schweizer Arztes ging es zurück nach Garu. Meine Lippen brannten und schienen aufzuspringen.
Nach dem Abendbrot schrieb ich Tagebuch und musste viel trinken. Das Wasser schmeckte abgestanden. Wir brühten uns Tee auf, den meine Frau mir von daheim mitgegeben hatte.
Ich hatte mir einen Schnupfen eingefangen. Der wurde in Laufe der Nacht schlimmer. Ich befürchtete eine ausgewachsene Erkältung. Das hätte hier gerade noch gefehlt.
8. FAHRT VON GARU NACH TAMALE
Nach einigen Tagen ging es zurück nach Tamale. Wir fuhren mit Seth Ayeh im Auto der Station über Nakpandaru, Sakogu, Nalerigu nach Gambaga. Hier hielten wir am Pastorat und gaben unsere Geschenke ab. Rev. Osei war nicht daheim. Wir trafen ihn später im Dorf.
In Langbensi machten wir an der dortigen Agricultur Station Halt und bekamen bei der Frau des Stationsleiters einen Tee. Dann ging es weiter. In Walewale kamen wir auf die Straße Bolgatanga-Tamale und folgten ihr nach Süden. An der Brücke über den Nasia-Fluss stiegen wir kurz aus und machten einige Aufnahmen. Die Nasia fließt mit ihren ganz schmalen grünen Uferstreifen durch eine gelb-braune vertrocknete Landschaft mit spärlichem Baumbstand.
9. FAZIT
Die in Garu für den Bawku-Distrikt geleistete Arbeit hat uns wirklich beeindruckt. Hier wurde ausschließlich von Ghanaern sehr praktische Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. Unsere Gesprächspartner waren sehr kompetent. Es hat uns betroffen gemacht, dass wegen Geldmangel nicht mehr getan werden kann. Wer als Tourist nach Ghana fährt, sollte sich ruhig Einrichtungen dieser Art anschauen. Was für unsere Augen immer interessant und exotisch aussieht, ist bei näherem Hinsehen im Alltag für die Menschen oft eine Bürde.
Bärbel, Annette und ich haben in Garu viel gesehen und wieder ein anders Gesicht von Afrika kennen gelernt.
ZUM INHALT
1. Fahrt von Bolgatanga über Bawku nach Garu
2. Ankunft in Garu und Pub-Besuch in Bawku
3. Ein Weihnachtslied im März
4. Landwirtschaft im Norden von Ghana
5. Flussblindheit und Blinden-Rehabilitation
6. Gesundheitsposten Garu
7. Besuch im Krankenhaus Bawku
8. Fahrt von Garu nach Tamale
9. Fazit
1. FAHRT VON BOLGATANGA ÜBER BAWKU NACH GARU
Wir fuhren mit Schwester Gerdy auf der uns schon bekannten Straße von Bolgatanga nach Richtung Bawku. Es war gegen Mittag, als wir unterwegs einmal von der Straße abbogen, um einen Brief in ein abseits gelegenes Dorf zu bringen. Dann ging es auf die Straße zurück. Es staubte inzwischen wieder ziemlich stark. Unter einem Baum machten wir Picknick. Bärbel hatte sich von ihrer Darminfektion erholt, dafür machte Annette heute einen ziemlich schlappen Eindruck.
Die Straße nach Bawku führte durch Buschland. Wir überquerten den roten Volta. Das Flussbett war trocken. An einigen wenigen Stellen standen Wasserpfützen im Flussbett. Das holen sich die Leute zum Trinken, Kochen und Waschen. Die Landschaft wurde immer kahler. Gerdy erklärte, dass dies ein Teil der Sahelzone ist.
Sie berichtete unterwegs viel von ihrer Arbeit und ihren Erfahrungen im Gesundheitswesen.
Wir passierten mehrere Polizeikontrollposten.
Dann waren wir in Bawku. Ich dachte, wo sind wir hier nur gelandet. Hitze, Staub, alles grau in grau. Das Schnaufen fiel einem schwer. An der Straße sahen wir das Bawku-Hospital, und die Presbyterianische Kirche. Das schien die City zu sein.
Bawku hat etwa 22000 Einwohner. Die Stadt ist für Reisende nach Norden (Burkina Faso) oder Osten (Togo) die letzte wichtige Station. Der Grenzübergang nach Burkina Faso ist 8 km und der nach Togo 25 km entfernt. Es gibt keine Industrie. Die Leute leben vom Verkauf der aus Sheanüssen hergestellten Produkte Butter, Mehl und ÖL.
2. ANKUNFT IN GARU UND PUB-BESUCH IN BAWKU.
Schnell hatten wir die Stadt durchfahren und steuerten weiter nach Süden. Die Hitze drückte immer mehr. Nach kurzer Zeit tauchten im Staub die Häuser von Garu auf. Im Pfarrhaus bekamen wir von der Frau des Pastors einen kühlen Trank. Dann ging es weiter zu dem wirklich tollen Gästehaus der Agriculture Station. In den uns zugewiesenen Zimmern lag überall feiner rotbrauner Staub. Eine junge Frau machte uns das Essen. Wir richteten uns so halbwegs ein und schrieben Tagebuch. Um 18:30 Uhr wurde in einem der Nachbargebäude ein Generator gestartet, und sofort ging das Licht an.
Etwas später wurde das Essen serviert. Es gab Reis und Tomatensuppe mit Fisch und dazu sehr wohlschmeckendes Wasser. Während des Essens stellte sich Seth Ayeh vor. Er war einer der Leiter der Station. Er erzählte uns, dass er im letzten September in Obermoschel in der Pfalz gewesen war.
Bärbel und Annette deuteten scherzend an, dass sie gerne einmal in einen Pub gehen würden, um ein Bier zu trinken und fragten, ob es das in Bawku gäbe. Er sagte: „Okay“, und eine viertel Stunde später holte er uns ab und fuhr nach Bawku in den Club 69. Das ist eine Art Kasino für Fallschirmspringer. Ein wachhabender Soldat stellte Bier, Cola und Ginnes heraus, und dann unterhielten wir uns im Freien über die Pfalz, über Deutschland, über Ghana und die Gastfreundschaft hier und dort. Es war ein interessanter Abend.
Uns waren in und um Bawku mehr Straßensperren mit Militärposten als sonst wo aufgefallen. In der Stadt sahen wir einige ausgebrannte Häuser auf. Nun erfuhren wir, dass es in Bawku einen Stammeskonflikt gibt. Es stritten sich die hier seit je ansässigen Kusasi und eine Gruppe der Mamprusi darum, wer in Bawku den Chief stellt und in der Stadt bestimmt. Der Streit war zu einem blutigen Konflikt geworden. Man muss wissen, dass nur der Chief das Recht hat, Land zu vergeben. Es handelte sich also bei dem Konflikt hauptsächlich um die Überlassung von Landrechten. Dieses Recht wollten die Kusasi nicht aus der Hand geben.
Das ganze hatte eine lange Vorgeschichte. Ungefähr drei Generationen zurück half eine Gruppe Mamprusi den Kusasi in einem Konflikt gegen feindliche Nachbarn. Die Hilfe war erfolgreich. Die Helfer blieben in Bawku, das mitten im Kusasiland liegt und bildeten eine Mamprusi-Enklave. Die Nachkommen dieser „Krieger“ haben die Bindungen zu den weiter südlich wohnenden Stammesbrüdern abgebrochen und fühlen sich als die Herren von Bawku. Das lassen die Kusasi nicht zu. Zur Zeit unseres Besuches gab es keine terroristischen Aktivitäten, aber unsere Begleiter trauten der Ruhe nicht. Es gab immer wieder einmal Verwundete und auch Tote.
Nachts konnte ich wegen der Wärme nicht besonders gut schlafen. Um 23:00 Uhr ging das Licht aus, und bis dahin musste jeder im Bad gewesen sein.
3. EIN WEIHNACHTSLIED IM MÄRZ
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück erschien Rev. Ofori Larbi zur offiziellen Begrüßung. Er war am Vortage in Tamale gewesen und erst spät zurückgekommen. Er lud uns ein, mit ihm den Gottesdienst in Garu zu besuchen. Um10:00 Uhr holte er uns ab. Er war als Reverend ganz in schwarz gekleidet und trug einen steifen Kragen.
Die Kirche war gerade halb gefüllt. Das wunderte uns nicht besonders, denn sehr pünktlich war man nicht. Die Leute kamen so einer nach dem andern. Nach einer Lesung in Kusaal (Sprache der Kusasi) wurden wir vorgestellt und um ein kurzes Grußwort gebeten. Dann ging es nach draußen zur Einsegnung eines von der Christoffel-Blindenmission neu angelieferten Geländewagens. Die Zahl der Gottesdienstbesucher hatte sich inzwischen erhöht. Wir standen alle um das neue Auto herum und erhielten ein Liederbuch. Eines der Lieder, dessen Kusaal-Text wir zwar mitlesen aber nicht verstehen konnten, wurde angestimmt. Wir trauten unseren Ohren nicht. Die Melodie war uns sehr vertraut: „Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen.“ Wir sahen uns an und konnten uns eines Schmunzelns nicht erwehren. Die Temperaturen lagen bei ungefähr 42°C. Rundherum war alles braun, verdorrt und staubig. Die Klänge eines gefühlvollen deutschen Wehnachtliedes wirkten in dieser sonnigen trocknen Umgebung geradezu grotesk. Rev. Larbi sprach ein Gebet in dem er den Dank für dieses Fahrzeug ausdrückte und um den Segen Gottes für alle zukünftigen Fahrten bat.
Vor dem Mittagessen legte ich mich ein Stündchen auf mein Lager und beobachtete die Geckos an der Zimmerdecke. Zum Mittagessen bei Seth Ayeh gab es ein kühles Carlsberg. Das Essen war gut.
Am Nachmittag fuhren wir zu den „Hexen von Gambaga“. Aber das ist eine eigene Geschichte.
4. LANDWIRTSCHAFT IM NORDEN VON GHANA
Da der Norden Ghanas hauptsächlich aus einer Trockensavanne besteht, ist die Bodennutzung recht gering.
Im Unterschied zum Süden von Ghana ist die Bebauung des Ackerbodens nur einmal im Jahr möglich, in der Regenzeit von Mai bis Oktober.
Hauptsächlich angebaut werden: Yams, Mais, Casava, Hirse, Guinea-corn, Erdnüsse, Bohnen, Zwiebeln, Pepperoni, Tomaten und Trockenreis.
Die Schwerpunkte der angebauten Produkte variieren in den verschiedenen Regionen. Es wurde deutlich, dass überwiegend kohlehydratreiche Nahrung zu sich genommen werden kann. Ein Mangel bestand an eiweiß- und vitaminreicher Kost. Früchte zum Beispiel mussten alle aus dem Süden geliefert werden (Ausnahme: Mangofrüchte). Da dafür hohe Preise verlangt wurden und die Bevölkerung sehr arm war, konnte sich das kaum jemand leisten.
Der Schwerpunkt der Landwirtschaft ist der Ackerbau, jedoch gibt es auch Vieh. In den Dörfern sahen wir Rinder, Ziegen, Schafe und Hühner. Die Viehhaltung hat bei den sesshaften Bauern einen geringen Stellenwert. Das Vieh läuft frei herum, da die Haltung in Gehegen eine zusätzliche Arbeitsbelastung bedeuten würde. Das Hüten der Rinder wird, wenn überhaupt, Kindern oder den Fulani, einem wenig geachteten Nomadenstamm überlassen.
Wir hatten auf unserer Reise schon das Landwirtschaftsprojekt „mile 7“ der Presbyterian Church of Ghana in Tamale besucht und fanden hier auf der Agricultural Station Garu eine ganz ähnliche Situation vor.
Generell wird versucht eine ganzheitliche Hilfe zu leisten. Dazu gehören Landwirtschaft, Alphabetisierung und Evangelisation.
Der Schwerpunkt der Arbeit lag bei der Beratung der Bauern. Dazu wurden die Dörfer besucht, Kurse angeboten und die Mitarbeiter des Projektes waren jederzeit für Probleme ansprechbar.
Das Ziel sollte die Optimierung und Intensivierung der Bodennutzung unter Einsatz angemessener und angepasster Technologien sein. Es sollte besonders der Anbau von eiweiß-, mineralien- und vitaminreicher Nahrung gefördert werden. Dazu war es notwendig, neues und widerstandsfähiges Saatgut zu entwickeln und neue Methoden und landwirtschaftliche Produkte auszuprobieren.
Weiterhin werden Traktoren und LKWs gegen Bezahlung ausgeliehen. Da die Kosten für die Bauern sehr hoch sind, ist es nötig, dass sie zusammenarbeiten. Vorwiegend werden die Maschinen für den Transport von Dünger und landwirtschaftlichen Produkten benötigt, Traktoren werden aber auch zur Bewirtschaftung größerer Felder, z.B. Trockenreisanbau, eingesetzt.
Positiv bewerteten wir, dass die Arbeit des Projektes erst einsetzt, wenn sie von den Dörfern gewünscht wird. So kann man mit der Mitarbeit der Dorfbewohner rechnen, was den Erfolg der Projekte erhöht.
Die kirchlichen Landwirtschaftsprojekte kooperieren mit den staatlichen.
Bemerkenswert ist, dass in Garu das gesamte Projekt auf Dorfkooperation aufgebaut ist, die auch die genossenschaftliche Bank, ähnlich unserer Raiffeisenbank mit Unterstützung des Staates und des IWF aufgebaut haben.
Rev. Larbi machte mit uns einen Rundgang über die Agriculture Station, stellte uns dem Personal vor und beantwortete unsere vielen Fragen. Wir sahen die Generatorenstation, den Fuhrpark, das Ersatzteillager, Hühnerställe, Tier-Camp mit Hähnchen, Kaninchen, Ziegen und Schweinen.
5. FLUSSBLINDHEIT UND BLINDEN-REHABILITATION
Die Flussblindheit (Onchozerkose) ist eine parasitäre Wurmerkrankung, bei der besonders die Augen angegriffen werden. Sie ist vor allen Dingen im tropischen Afrika verbreitet, kommt aber auch im Nahen Osten und in Mittel- und Südamerika vor. In der Nähe von Flüssen lebt eine Kriebelmücke, die wie eine kleine Fliege aussieht und auch „schwarze Fliege“ genannt wird. Die Larven entwickeln sich in fließendem sauerstoffreichem Wasser. Mit ihrer Blutmahlzeit bei einem Infizierten nimmt die Mücke jugendliche Formen von Würmern auf, die beim nächsten Stich mit dem Speichel wieder abgegeben werden. Neben Hautentzündungen kann es durch die Einwanderung dieser mikroskopisch kleinen Würmer in die Hornhaut der Augen zu Erblindung kommen. In den Tropen leiden etwa 17 Millionen Menschen an der Krankheit. Andere Schätzungen der Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) liegen bei 40 Millionen und darüber.
Da die Flussblindheit im Norden von Ghana ein großes Problem ist und viele Menschen erblindet sind, ist dem Garu Agricultural Project ein spezielles Ausbildungszentrum der Christoffel-Blindenmission für Blinde angegliedert.
Hier werden Blinde geschult. Sie erfahren, wie sie mit ihrer Situation umgehen können, und sie erlernen Fertigkeiten, die es ihnen ermöglichen, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen und so wieder zu vollwertigen Gliedern der Gemeinschaft zu werden.
An einem Nachmittag besuchten wir die Blindenausbildungsstätte. Wir sahen dort 8-10 blinde Frauen mit ihren Kindern. Sie saßen z.T. unter einem großen Baum und drehten Seile oder halfen in der Küche bei der Zubereitung des Abendessens.
Für die Schulung der Blinden gibt es ein extra dafür errichtetes Camp. Da wohnen sie, wenn sie zu Kursen aus ihren Dörfern hierher kommen. Es ist Platz für 10-12 Leute vorhanden. Sie werden fachlich und geistlich betreut. Regelmäßig finden unter einem Baum Gesprächsrunden statt.
Wir sahen kleine Gärten mit einer Lehmmauer drum herum. Darin wuchs in sorgfältig angelegten Beeten grünes saftiges Gemüse. Innerhalb der Mauer ist die Orientierung bei der Gartenarbeit leichter. Die Erblindeten sind in der Lage sich in diesen Gärten ohne fremde Hilfe zu bewegen und die anfallende Gartenarbeit zu verrichten.
Darüber hinaus werden Blinde (vorwiegend Männer) in speziellen Kursen ausgebildet. Zum Programm gehören: Tierhaltung (Hühner, Ziegen Kaninchen, Schweine), Gartenbau und Handwerk. Zu letzterem gehören das Herstellen von Matten, Seilen, Stühlen, Seife sowie das Weben von Kleidungsstücken. Nach den Kursen kehren die Blinden in ihre Dörfer zurück und werden weiter von Mitarbeitern des Ausbildungszentrums betreut und beraten.
Einmal fuhren wir einige Zeit über Land und besuchten eine Blindenwerkstatt. Dort wurde Seife hergestellt und Korn gemahlen.
Je drei Blinde kommen zu Fuß allein etwa 10 km aus ihren Dörfern hierher und arbeiten unter Anleitung. Die Seife wird aus dem Öl der heimischen Shear-Nuss gewonnen. Caustic soda wird aus Deutschland importiert und zugesetzt. Die Herstellung kostete pro Stück 22 Cedis , der Verkaufspreis lag bei 25 Cedis/Stück. In einem Nebenhaus stand eine Kornmühle, wo wir die dort Tätigen unbedingt fotografieren sollten.
Gleich einer Safari fuhren wir im offenen Wagen zu einem anderen Platz, wo unter einem großen Baum einige blinde Männer saßen und Seile knüpften. Es wurden feine und grobe Seile hergestellt. Letztere sind für das Anbinden von Vieh gedacht. Die Arbeit unter dem Baum ist Kommunikation und Beschäftigung zugleich. Die Leute spielen dadurch in ihren Dörfern eine größere Rolle und sind finanziell unabhängiger.
An manchen Stellen sahen wir abgebrochene Hütten eines Dorfes. Die Leute waren in entfernter gelegene Gegenden gezogen, um dem Einflussbereich der schwarzen Fliege auszuweichen. Wir besuchten einen Blindengarten direkt unterhalb eines großen Dammes. Der Garten war bewässert. Es wuchs dort Porree und anderes.
Wenn wir irgendwo aus dem Auto stiegen, begleitete uns auf Schritt und Tritt immer eine Horde Kinder.
6. GESUNDHEITSPOSTEN (HEALTH POST) IN GARU
An einem Vormittag machte Rev. Larbi mit uns einen Besuch auf der Gesundheitsstation (health post). Eine Schwester führte uns durch die verschiedenen Abteilungen. An diesem Tag kamen vor allem Mütter mit kleinen Kindern. Die wurden gewogen, untersucht und erforderlichenfalls behandelt. Besonders schwierige Fälle werden nach Bawku in das dortige Krankenhaus weitergeleitet. Alle diese Dienste müssen bezahlt werden. Wer das nicht kann, wird nicht behandelt. Je nach Jahreszeit kommen mehr oder weniger Besucher. Die Unterstützung durch die Regierung ist nicht so gut, wie es erforderlich wäre. Die Einrichtung war zum Teil trostlos. Alle Schwestern waren sehr freundlich.
Auf einer Liege saß eine ganz junge zierliche Frau. Sie schaute traurig und fast abwesend vor sich hin. Neben ihr lag ihr wenige Tage altes Baby. Wir hörten, sie habe eine schwierige Geburt hinter sich, weil sie ein sehr schmales Becken hätte. In dieser Gegend glaubt man, dass komplizierte Entbindungen immer dann auftreten, wenn die Mutter ihrem Mann untreu gewesen ist. Es sei sehr schwierig, die wahren Zusammenhänge zu erklären, die einfach nur mit ihrem Körperbau zusammen hingen. Die junge Frau wusste nicht, was sie nach der Rückkehr in ihr Dorf erwarten würde.
Der Bau des Gesundheitspostens Garu wurde einst von der Regierung begonnen und nach Fertigstellung der Fundamente gestoppt. Die Christoffel-Blindenmission hat das Gebäude dann um 1975 errichtet.
7. BESUCH IM KRANKENHAUS VON BAWKU
An einem Nachmittag wurden wir von Rev. Larbi und Seth abgeholt und in das Krankenhaus nach Bawku gefahren. Die Trägerschaft liegt bei der Presbyterianischen Kirche.
Es war ein schwüler eigenartiger Tag. Die Sonne stand irgendwo im Dunst, und die Ferne war verhangen. Wir machten einen Kurzbesuch beim Pfarrer von Bawku, der gleich neben der Kirche wohnt. Dort gab es zur Begrüßung ein herrliches Glas Wasser. Der Pfarrer war im letzten Jahr für einige Zeit in Gießen gewesen. Von dort hatte er einen Landrover für die Betreuung seines weit verstreuten Zuständigkeitsbereiches erhalten. Die Freude über das Fahrzeug war ihm deutlich anzusehen. Als wir bei ihm ankamen, war er gerade im Begriff, eine Fahrt in entfernt liegende Dörfer anzutreten. Deshalb fuhr er kurz darauf davon.
Wir machten einen Rundgang durch alle Abteilungen des Krankenhauses. Das war wieder eine ganz neue Erfahrung. Auf den einzelnen Stationen war nicht viel los. Wir wurden von den Schwestern sehr freundlich über das unterrichtet, was zu ihrem Verantwortungsbereich gehörte.
Nachdem ich mich als Techniker geoutet hatte, wurden uns besonders all die technischen Einrichtungen vorgeführt. In einigen Häusern waren Solarenergie installiert, die z.T. Ventilatoren und Beleuchtung mit Strom versorgten. Hier gibt es viel zu tun. Autos standen aufgebockt herum. Die elektrischen Leitungen hingen an Betonmasten, die in sich gerissen waren. Die Dieselmotoren der Generatoren-Station waren wegen fehlender Ersatzteile nicht alle einsatzbereit. Ein außer Betrieb befindlicher Diesel stand mit geöffnetem Kurbelgehäuse da. Die Öffnungen waren nicht abgedeckt. Laub und Sand waren hereingeweht. Wir besichtigten das in Bau befindliche Haus für die Schwesternschülerinnen. Es folgte ein Besuch in der Küche. Nach einem Glas Wasser bei der Frau eines Schweizer Arztes ging es zurück nach Garu. Meine Lippen brannten und schienen aufzuspringen.
Nach dem Abendbrot schrieb ich Tagebuch und musste viel trinken. Das Wasser schmeckte abgestanden. Wir brühten uns Tee auf, den meine Frau mir von daheim mitgegeben hatte.
Ich hatte mir einen Schnupfen eingefangen. Der wurde in Laufe der Nacht schlimmer. Ich befürchtete eine ausgewachsene Erkältung. Das hätte hier gerade noch gefehlt.
8. FAHRT VON GARU NACH TAMALE
Nach einigen Tagen ging es zurück nach Tamale. Wir fuhren mit Seth Ayeh im Auto der Station über Nakpandaru, Sakogu, Nalerigu nach Gambaga. Hier hielten wir am Pastorat und gaben unsere Geschenke ab. Rev. Osei war nicht daheim. Wir trafen ihn später im Dorf.
In Langbensi machten wir an der dortigen Agricultur Station Halt und bekamen bei der Frau des Stationsleiters einen Tee. Dann ging es weiter. In Walewale kamen wir auf die Straße Bolgatanga-Tamale und folgten ihr nach Süden. An der Brücke über den Nasia-Fluss stiegen wir kurz aus und machten einige Aufnahmen. Die Nasia fließt mit ihren ganz schmalen grünen Uferstreifen durch eine gelb-braune vertrocknete Landschaft mit spärlichem Baumbstand.
9. FAZIT
Die in Garu für den Bawku-Distrikt geleistete Arbeit hat uns wirklich beeindruckt. Hier wurde ausschließlich von Ghanaern sehr praktische Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. Unsere Gesprächspartner waren sehr kompetent. Es hat uns betroffen gemacht, dass wegen Geldmangel nicht mehr getan werden kann. Wer als Tourist nach Ghana fährt, sollte sich ruhig Einrichtungen dieser Art anschauen. Was für unsere Augen immer interessant und exotisch aussieht, ist bei näherem Hinsehen im Alltag für die Menschen oft eine Bürde.
Bärbel, Annette und ich haben in Garu viel gesehen und wieder ein anders Gesicht von Afrika kennen gelernt.

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