Über Themen mit G Testbericht

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Erfahrungsbericht von mystery_delusion

Glück

Pro:

Frau im Glück

Kontra:

nach anfänglicher Unsicherheit keins mehr :-)

Empfehlung:

Nein

Als ich heute morgen meinen Schatz geweckt habe und er mich ganz verschlafen und warm umarmt und geküßt hat und mir "Guten Morgen" in fast akzentfreiem Deutsch ins Ohr geflüstert hat, war ich mal wieder so richtig überwältigt davon, was für ein Glück ich doch hatte, ihn "gefunden" zu haben.

Nachdem ich mir vorgenommen habe, meine Geschichte mit ihm mal aufzuschreiben, habe ich allerdings ungefähr 5 Minuten überlegt, wo ich sie plaziere. Unter "F" wie Fernbeziehung, "C" wie Chat, "O" wie Onlinebekanntschaften oder unter "A" wie Altersunterschied oder „L“ wie Liebe? Von all dem handelt unsere Geschichte nämlich, aber da ich mich nicht entscheiden konnte, packe ich sie unter „G“ wie Glück :)

So, und jetzt geht’s eigentlich erst los :-)

Vor mittlerweile über 2 Jahren haben sich mein Ehemann und ich uns nach damals fast 13jähriger Ehe endlich getrennt. Warum, ist eine eigene Geschichte aber jedenfalls war ich damals gerade 34 geworden, hatte keine Kinder und am Anfang genoß ich es einfach, nach der Arbeit nach Hause zu kommen und einfach keinen Streß mehr zu haben. Ich habe damals sehr viel Zeit vor dem Computer verbracht und u.a. angefangen, zu chatten.

Durch einen Zufall bin ich statt in einem deutschen Chatroom in einem englischsprachigen gelandet, wo sich außer ein paar sich verirrenden wie mich fast ausschließlich Amerikaner und Australier befanden. Am Anfang war ich total verwirrt und kam kaum mit, aber da war so eine gewisse Atmosphäre, die mich immer wieder da hinzog. Durch zahlreiche Urlaube in USA hatte ich mein Englisch wohl etwas über das durchschnittliche Mittelmaß, das die meisten von uns Deutschen ja in der Schule lernen, verbessert und nach ein paar Wochen hat es richtig Spaß gemacht. Ich war die einzige Deutsche da und die Leute fanden meinen Akzent (wohlgemerkt beim Schreiben, nicht Voicechat) witzig.

Jedenfalls, der Unterschied zum Deutschen Chat ist, daß die Wahrscheinlichkeit, jemanden im wirklichen Leben zu treffen, sehr gering ist, da die Leute ja wie gesagt, meistens in USA oder Australien leben. Es verirren sich zwar öfters mal Nicht-Amerikaner/Australier in den Raum, aber die meisten kommen nicht wieder. Ich allerdings bin in diesem Raum heute noch, nach 2 Jahren, und vor so ca. 1 Jahr verirrte sich jemand genauso wie ich dahinein. Er war 24, aus England, lebte allerdings in Holland und irgendwie kamen wir ins Gespräch, da ich den Job wechselte, und meinen Resturlaub davor in Holland verbringen wollte.

Eigentlich war geplant, daß ich mit meiner Freundin hinfahre, aber das war geplatzt, und da wir sowieso nix fest gebucht hatten, wollte ich eigentlich auch nicht mehr fahren. Denn was sollte ich denn dort alleine? Und kurzfristig jemanden zu finden, war auch schlecht und somit hatte ich den Urlaub eigentlich abgehakt und hätte mich halt zuhause rumgelümmelt.

Wenn nicht....ja, wenn nicht dieser Engländer gefragt hätte, warum ich denn nicht trotzdem käme. Vielleicht wenigstens für ein Wochenende während meines Urlaubs. Er hätte dann frei und genug Zeit, mir Amsterdam zu zeigen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns mehr oder weniger regelmäßig seit ca. 2 Wochen abends ab und zu mal in diesem Chatraum "getroffen" und neben der Unterhaltung in dem Raum mit allen auch mal nur wir beide ein bißchen "geredet" und ich fand ihn ganz nett, das war's aber auch schon.

Ich kann's nicht erklären warum, aber ich sagte, ich fände das klasse und da dies wohl mein letzter längerer Urlaub für die nächste Zeit sei, wegen dem Jobwechsel, würde ich darüber nachdenken.

Meine Freundin fragte mich, ob ich noch ganz dicht sei, alleine zu fahren und jemanden zu treffen, den ich überhaupt nicht kannte und man hätte doch schon so viel gehört von Männern, die Frauen über’s Internet kennenlernen und umbringen und irgendwie brachte sie mich doch ganz schön in’s Schwanken.

Ich hatte noch ca. 4 Wochen "Luft" bis zu meinem Urlaub und mein Internetbekannter :-) drängelte auch überhaupt nicht, ob ich nun kommen würde oder nicht, aber wir fingen an, uns öfter zu unterhalten und auch mal im Voicechat und am Telefon zu reden. Er hatte eine sehr symphatische Stimme und wir haben gleich beim ersten Mal ca. 1 Stunde am Telefon über Gott und die Welt geredet.

Ich muß dazu sagen, daß ich mittlerweile eine kurzfristige Beziehung im "richtigen Leben" mit einem Mann hatte, den ich im "richtigen Leben" kennengelernt hatte und daß ich schon einiges miterlebt hatte bis dahin im Chat, auch die Art von Männern, die offensichtlich auf "etwas aus" waren, aber darauf hatte ich mich bis dahin noch nie eingelassen. Und Paul (der Name meines Freundes) :-) war anders – wir hatten weder über irgendwelche mehr als freundschaftlichen Gefühle geredet noch hatten wir jemals erwähnt, daß einer von uns beiden irgendetwas anderes als ein lustiges Wochenende erwarten würde. Ich warf also die Bedenken über Bord und buchte ein Hotelzimmer (EINZELZIMMER wohlgemerkt!) :-) in Amsterdam für Freitag bis Montag.

Oh Gott, ich glaub’ ich muß mal etwas zusammenraffen, sonst wird der Bericht ja ellenlang! Also ich hatte ja Zeit, also fuhr ich mit dem Zug über Frankfurt und Köln nach Amsterdam, das war ein bißchen billiger als Fliegen. Er wußte, wann ich ankomme und wollte mich abholen. Wir hatten uns gegenseitig schonmal ein Foto geschickt (wohlgemerkt erst einen Tag, bevor wir uns trafen!) um es etwas einfacher zu machen, uns zu erkennen :-) und somit sollte es nicht so schwierig sein, uns zu finden. Ich stieg pünktlich mit meinem Rollköfferchen in Amsterdam Centraal aus dem Zug. Und was soll ich sagen? Es war weder peinlich noch seltsam. Er stand da, wir haben uns sofort erkannt und kurz umarmt und Hallo gesagt und sind erstmal einen Kaffee trinken gegangen. Nach ca. 1 Stunde war es, als würden wir uns schon ewig kennen und wir sind dann irgendwann mit dem Taxi in mein Hotel gefahren, wo ich mich etwas für den Abend frischmachen wollte.

Er wohnte etwas außerhalb von Amsterdam und war nicht mit dem Auto gekommen, sondern auch mit dem Zug, um an diesem Freitagabend ein bißchen was trinken zu können und wir hatten geplant, nach einem Abendessen die Bars abzuklappern. Er wartete brav auf dem einzigen Stuhl im Hotelzimmer, während ich mich im Bad frischmachte und umzog.

Was dann passierte, kann man nicht richtig erklären, heute sagen wir beide, es kam einfach, wie es kommen mußte. Ich raffe das jetzt mal zusammen:

Als ich am nächsten Morgen (Mittag) aufwachte und ihn da so knuddelig liegen sah, war ich zwar total happy, aber es war mir klar, daß mir eigentlich gar nix klar war! Ich dachte "oh Mann, er ist erst 23 (ich war 35), was soll daraus jetzt werden?" – aber das Wetter und die Stadt und Paul waren einfach so klasse, daß ich dachte "einfach dieses Wochenende genießen und keine Gedanken machen" und das taten wir auch. Das Hotelzimmer haben wir storniert und ich bin mit zu ihm nach Hause gefahren.

Dann kam der Sonntagabend und Montagmorgen hätte er eigentlich zur Arbeit gemußt und ich wollte ja eigentlich nach Hause fahren. Er fragte, ob ich noch bleiben wolle, er könne sich ggf. 2 Tage freinehmen. Ich hatte ja noch fast 2 Wochen Urlaub und hatte gehofft, er würde das fragen ;-) und wir verbrachten 2 weitere wundervolle Tage zusammen. Ich war froh, daß ich keinen Flug gebucht hatte, somit war es ja egal, denn die Rückfahrkarte für den Zug konnte ich ja nutzen, wann ich wollte.

Als ich Dienstags abends meine Sachen packen wollte (ich hatte schon 2 weitere T-Shirts gekauft, da ich ja eigentlich nur übers Wochenende bleiben wollte), fragte er, ob ich nicht einfach bleiben könnte. Auch wenn er tagsüber arbeiten müsse, wir hätten ja noch die Abende und am Wochenende hätte er ja wieder frei. Da wurde mir zum ersten Mal so richtig bewußt, daß ich mir vielleicht doch mal Gedanken machen sollte, was denn mal daraus werden sollte, wenn ich wieder zuhause bin. Ich blieb, kaufte noch ein paar Klamotten und wusch die paar, die ich mithatte, und fuhr erst am Tag vor meinem neuen Jobantritt wieder zurück.

Die ganze Zeit hatten wir vermieden, über das "wie geht das weiter, was wird daraus" zu reden bis auf den Abend vor meiner Abreise. Er fragte, was ich denke und wollte, ob wir uns wiedersehen und er wüßte gar nix mehr und könnte nix versprechen, aber er wüßte, er wolle mich auf jeden Fall wiedersehen. Ich heulte und sagte ihm, er sei doch erst 24 und lebe so weit weg und außerdem und überhaupt und ich heulte, weil ich nicht wegwollte und wir schliefen fast die ganze Nacht nicht. Nein – nicht was Ihr jetzt denkt, wir haben uns im Arm gehalten und geredet und am Morgen ging er zur Arbeit und ich fuhr zum Bahnhof. Ich habe mich wie Scheiße gefühlt, weil ich nicht genau wußte, wie’s weitergeht. Alles was ich wußte, war, daß ich ihn total vermissen würde – schon auf dem Weg nach Hause. Ich saß kaum im Zug, als ich eine SMS kriegte, daß er mich vermisse.

Um es nochmal abzukürzen, bevor dies hier ein Buch wird: Wir haben uns dann in Abständen von höchstens 3 Wochen – meistens 2 Wochen – für ein Wochenende gesehen, entweder hier oder in Holland und im Oktober war ich nochmal für 2 Wochen dort. Es wurde jedesmal schlimmer, wieder zurückzufahren oder ihn gehenzulassen. Über Silvester waren wir in Liverpool/England bei seiner Familie, wo wir das erste Mal darüber geredet haben, zusammenzuleben. Dann ging alles ganz schnell. Da er in Holland nicht viel zu verlieren hatte, ich aber meine Familie und eine guten Job hier in Deutschland habe, ist er Ende Januar nach Deutschland gezogen. Erst hatte er eine eigene Wohnung gemietet, aber da wir eh ständig entweder bei ihm oder bei mir sind, werden wir seine wohl kündigen, um das Geld dafür zu sparen.

Meine Eltern sind am Anfang natürlich aus allen Wolken gefallen. Ich muß dazu sagen, ich bin ein Einzel“kind“ (ja, immer noch – auch mit mittlerweile 36) und ohne meine Eltern hätte ich ganz schön beschissen dagestanden nach der Trennung von meinem Mann (aber das wäre schon wieder eine extra Geschichte) :-)

Er ist 12 Jahre jünger, sprach kein Wort Deutsch und meine Eltern kein Englisch und hatte keinen Job. Mittlerweile wäscht meine Mutter auch mal seine Klamotten mit, mein Vater hat ihm geholfen, einen Job zu finden und sie reden "germlish" :-)

Meine super Freunde hatten ihn gleich ins Herz geschlossen und auch meine beste Freundin sagt mittlerweile, es war wohl Schicksal, daß ich nicht auf sie gehört hatte und ohne sie nach Holland gefahren bin :-)

Warum ich das schreibe? Wahrscheinlich, weil ich mein Glück nicht fassen kann und es mal schriftlich sehen mußte? Weiß nicht, ob man so einen Bericht überhaupt bewerten kann, aber jedenfalls Danke für’s Lesen :-)

Mysty

16 Bewertungen, 4 Kommentare

  • deeperspace

    05.04.2002, 12:07 Uhr von deeperspace
    Bewertung: sehr hilfreich

    Klasse Bericht ! Ich hab meinen Freund auch im Chat kennengelernt und nun sind wir schon 3 Jahre zusammen. Echt der Wahnsinn. Leider wohnen wir noch 550 km voneinander entfernt aber ich hoffe das ändert sich bald. Dir weiterhin viel Glück ! Gru&s

  • anonym

    03.04.2002, 16:59 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    guter Bericht - vielleicht liest man sich ja eins öfters - kannst mir vielleicht auch mal in mein Gästebuch schreiben ;-))

  • Malwina

    03.04.2002, 16:31 Uhr von Malwina
    Bewertung: sehr hilfreich

    ich hatte ähnliches Glück übers Internet, nur mit einem Bayern, aber das ist für mich auch schon fast ne Fremdsprache...

  • 9ulle

    03.04.2002, 16:12 Uhr von 9ulle
    Bewertung: sehr hilfreich

    mehr solche kurzgeschichten!