Über Themen mit O Testbericht

ab 86,42
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003

Erfahrungsbericht von Indigo

Obdachlosigkeit - Sprachliche Unsicherheit und Mißverständnisse

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

In unserer Alltagssprache kursieren verschiedene Begriffe wie Obdachlose, Nichtseßhafte oder Wohnungslose. In den Sozialämtern erscheinen vormittags Menschen, die sich selbst als Durchreisende bezeichnen.

In Berlin und anderen Städten sitzen Menschen am Straßenrand, die sich selbst als Berber bezeichnen und von Passanten oftmals als Penner tituliert werden.

Alle vorgenannten Begriffe lassen erahnen, was gemeint ist. Sehr häufig mißverstanden wird der Begriff „Obdachlosigkeit.“

Obdachlosigkeit läßt sich am besten definieren, indem eine Abgrenzung zu den anderen, verwandten Begriffen vorgenommen wird. Grundlage für alle Begriffe sind Rechtsbestimmungen aus dem Sozialgesetzbuch (SGB), dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) bzw. sozialwissenschaftliche Begriffsbestimmungen aus der Soziologie.

Obdachlos sind Menschen in der Regel dann, wenn sie in einer öffentlichen Unterkunft wohnen und leben, ohne einen Mietvertrag für ihre Unterkunft (Wohnung) zu besitzen. Obdachlose leben im Obdach.

In ihrem Ausweis steht die Obdachlosenunterkunft als Meldeadresse. Obdachlose gelten als Wohnungssuchende, das heißt, dass Ihnen das Motiv unterstellt wird, dass sie aus der Unterkunft in eine eigene Wohnung wollen.

Wichtig für ein differenziertes Verständnis ist weiterhin, dass sehr häufig Familien obdachlos sind und mit allen Angehörigen zusammen in einer Obdachlosenunterkunft leben. Der Lebensunterhalt wird in der Regel über die Sozialhilfe bestritten. Kosten für die Unterkunft trägt der Staat.

Sehr häufig verwechselt werden Obdachlose im Alltagssprachgebrauch mit Nichtseßhaften. Nichtseßhafte haben in ihrem Personalausweis oder sonstigem Ausweisdokument die Angabe „Ohne festen Wohnsitz“. Nichtseßhafte bewegen sich mit unterschiedlicher Verweildauer von Ort zu Ort und von Stadt zu Stadt. Die oben genannten Gesetze und Regelungen unterstellen Nichtseßhaften nicht, dass sie eine feste Wohnung suchen.

Nichtseßhafte übernachten in der Regel in Wärmestuben, bestimmten Übernachtungseinrichtungen oder auch bei entsprechenden Witterungsverhältnissen auf Parkbänken, in leerstehenden Häusern oder auf Baustellen.

Zu der Winterperiode entscheiden von Jahr zu Jahr die Behörden der Großstädte neu, inwieweit über Nacht U-Bahnhöfe geöffnet bleiben sollen, da die Unterkünfte i.d.R. zu knapp sind oder auch von den Nichtseßhaften nicht angenommen werden. Nichtseßhafte bestreiten ihren Lebensunterhalt in der Regel durch Betteln und den sogenannten Tagessatz gemäß BSHG von aktuell ca. 9,15 € pro Tag.

Die Menschen, die im Sozialamt vormittags ihren Tagessatz abholen, sind grundsätzlich Nichtseßhafte, folglich Menschen ohne festen Wohnsitz. Genau dieser Personenkreis wird im Volksmund häufig als Penner oder Berber bezeichnet. Der wertfreie Begriff, der häufig von den Betroffenen selbst gewählt wird ist Durchreisender.

„Wohnungslosigkeit“ ist demzufolge ein Oberbegriff für Obdachlosigkeit und Nichtseßhaftigkeit.

Die Ursachen für Obdachlosigkeit oder Nichtseßhaftigkeit sind sehr komplex und unterschiedlich und können in diesem Rahmen nur angerissen werden. Wichtig ist, dass so gut wie nie nur eine Ursache das Phänomen begründet. Die Soziologen sprechen hier von einem Symptomenkomplex oder von multiplen Ursachen. Sehr häufig spielen Arbeitslosigkeit, Sucht, Ehescheidung oder sonstige familiäre Tragödien eine zentrale Rolle. Materielle Armut ist nur sehr selten die zentrale Ursache. Vielmehr spielt die psychische Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen sehr häufig eine zentrale Rolle.
Über 95 % aller Nichtseßhaften sind männlich. Wesentlichster Grund ist hier, dass Frauen in der Regel durch das Eingehen einer Beziehung den sozialen Abstieg verhindern können oder durch Prostitution das Problem der Nichtseßhaftigkeit oder Obdachlosigkeit vermeiden. Bei Obdachlosen ist die Zahl der einzelnen Männer tendenziell stark steigend.

31 Bewertungen, 6 Kommentare

  • Kenbo

    17.09.2002, 23:49 Uhr von Kenbo
    Bewertung: sehr hilfreich

    Danke für die Begriffsdefinition!

  • mystery_delusion

    12.06.2002, 15:37 Uhr von mystery_delusion
    Bewertung: sehr hilfreich

    deutsche Behördensprache wahrscheinlich. Das erinnert mich an die Formulare, die mein Freund ausfüllen mußte wegen Aufenthalts"genehmigung"/"erlaubnis"/"berechtigung"......als ich fragte, was den der Unterschie

  • anonym

    06.06.2002, 14:54 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Es hat sich in der hiesigen Umgebung mal jemand bewegt, der wohl auch als obdachlos zu bezeichnen war. Er war ein sehr netter Mensch, wenn man mal nicht durch die soziale-Strukturen-Brille der heutigen Gesellschaft starrt. Er selbst gab als Grund für

  • Andreas68

    24.05.2002, 22:01 Uhr von Andreas68
    Bewertung: sehr hilfreich

    Eine interessante Klärung u. Differenzierung. Verwirrt hat mich nur die mir etwas paradox anmutende Aussage "Obdachlose leben im Obdach". Bei Nichtsesshaften musste ich oft erfahren, wie sehr Ihre Aussage über deren psychische Pers&oum

  • Babba

    24.05.2002, 09:53 Uhr von Babba
    Bewertung: sehr hilfreich

    Warum so viele nützlich?

  • LaMagra

    23.05.2002, 11:01 Uhr von LaMagra
    Bewertung: sehr hilfreich

    guter Bericht