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Erfahrungsbericht von LoMei

Vom Memelland durch das nördliche Ostpreußen (Bericht Nr. 4)

Pro:

Ein gewaltiges Erlebnis

Kontra:

Nicht ganz ohne Risiko

Empfehlung:

Nein

Da es keine Rubrik für Litauen gibt, steht der Bericht unter "O" für Ostpreußen.
Juni 1992. Die Autofähre brachte uns gegen Abend von der Kurischen Nehrung hinüber nach Memel. Wir fuhren sofort weiter nach Polangen (Palanga) in unser Hotel. Die Zimmerbelegung verlief nicht ganz reibungslos. Die Zimmer glichen denen einer Jugendherberge.
Ein Bett stand in der Nähe de Zimmertür. Um die anderen zu erreichen, musste man eine freistehende Treppe hochklettern. Oben standen zwei Betten. In die kam man nur hinein, indem man am Fußende hineinkroch. Es war alles sehr schmuddelig.
Nach dem Abendbrot saßen wir zu mehreren an der Bar und feierten den nördlichsten Punkt dieser Reise.


INHALT

1. Polangen
2. Memel
3. Kleine Geschichte Memels und des Memellandes
4. Heidekrug
5. Resümee zu Litauen
6. Die litauisch-russische Grenze
7. Tilsit
8. Gumbinnen
9. Insterburg
10. Die russisch-polnische Grenze und Resümee


1. POLANGEN

Nach dem Frühstück fuhren wir in die Stadt Polangen. Die Stadt ist ein Kurort. Sie wurde bis vor kurzem auf Kosten von Wäldern, Mooren und Wiesen erweitert. Es wurden Massenquartiere für erholungssuchende aus der ganzen Sowjetunion gebaut. Ein geplanter Palast für Leonid Breschnjew ist nicht mehr zu dessen Lebzeiten fertig geworden.
Polangen ist ein geschichtsträchtiger Ort. Das belegen Ausgrabungen, bei denen viele interessante Funde aus den verschiedensten Zeitepochen sichergestellt werden konnten. In vorchristlicher Zeit gab es hier ein bedeutendes Heiligtum. Die Stadt hat nicht zum deutschen Memelland gehört.
Unser Ziel war das berühmte Bernsteinmuseum. Es befindet sich im ehemaligen Schloss des polnischen Grafen Tiszkiewicz. Das Schloss ist ein Bau der Neorenaissance aus dem Jahre 1897.
In den Jahren 1897 bis 1907 ließ sich der Graf nach Plänen eines französischen Gartenbauers einen wunderschönen Park anlegen. Das Setzen der über 200 Arten von Bäumen und Sträuchern hat ein Belgier beaufsichtigt.
Wir hielten am Eingang dieses wunderschönen Parks. Alte heimische Bäume, vor allem Kiefern waren in Gruppen angeordnet. Daneben gab es viele andere Bäume, deren Namen ich nicht nennen kann. Es gab einen Ententeich, an dem geangelt wurde. Nach einigen Windungen des Weges sahen wir das Schloss. Davor stand eine große Christusstatue mit ausgebreiteten segnenden Händen. Mir wollte scheinen, dass ganz Europa in diesen Segen eingeschlossen ist.
Wir waren zu früh. Das Bernsteinmuseum war noch nicht geöffnet. Unsere russische Reiseleiterin Valentina aus Königsberg versuchte zu erreichen, dass wir vor der offiziellen Zeit hineinkonnten. Der Direktor wurde verständigt. Er stimmte zu. Aber die deutschsprachige litauische Expertin war noch bei einer Stadtführung im Einsatz.
Deshalb mussten wir doch warten. Zur Überbrückung liefen wir alle an den sehr nahen Ostseestrand. Er begann gleich hinter den Bäumen und war eigentlich ein Teil des Parkes.
Nach den Regentagen schien heute die Sonne. Es wehte ein steifer Wind. Die Ostseewellen zogen in schöner Gleichmäßigkeit mit weißen Kronen an den breiten hellen Strand. Es war ein wunderbares Bild.
Bei der Rückkehr zum Schloss machten wir einen Umweg durch andere Teile des Parks. Der Umweg lohnte sich. Der Park ist einzigartig
Das Bernstein-Museum ist etwas ganz besonderes. Wir waren begeistert. Wir wurden über die Entstehung des Bernsteins informiert. Wir sahen Rohbernstein mit und ohne Einschlüssen, Schmuck von einst und jetzt, geschichtliches und gegenwärtiges. Die Führerin sprach fließend deutsch und war sehr kompetent. Es machte Spaß, ihr zuzuhören.
Sie erzählte uns eine alte Legende: „Der schöne kräftige Fischerjüngling Kastitys pflegte seine Netze weit draußen auf See auszulegen. Ihn sah Jurate die Tochter des Meeresgottes und verliebte sich. Sie lockte den Jüngling in ihre Unterwasserpaläste, und die beiden feierten Hochzeit. Nun geschah dies ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Göttervaters Perkunas. Er entflammte im Zorn und zerschmetterte mit seinem Donnerkeil das Bernsteinzimmer der Schönen. Seitdem sind die Wellen dabei, das Trümmerfeld aufzuräumen und die Scherben aus dem Meer an den Strand zu fegen.“


2. MEMEL

Nach dem Museumsbesuch fuhren wir weiter nach Memel (Klaipeda). Auf dem Theaterplatz stiegen wir aus. Der Platz war an einer Seite mit Verkaufstischen gesäumt. Es wurde vor allem Bernstein angeboten. Marianne kaufte einige Stücke. Es kamen Kinder und sagten bettelnd: „Eine Mark“. Einige boten Bücher und Prospekte über Memel in deutscher Sprache an. Manche verfolgten uns auf Schritt und Tritt.
Vor dem alten Theater stand am Brunnen das „Ännchen von Tharau“ wieder an ihrem angestammten Platz. Das Denkmal war im Kriege zerstört gewesen.
Es wurde eine kleine Stadtführung gemacht. Wir gingen durch die Altstadt, an der alten kaiserlichen Post vorbei zum Alten Rathaus. Später saßen wir in einem Restaurant in kleinen Nischen und aßen zu Mittag.


3. KLEINE GESCHICHTE MEMELS UND DES MEMELLANDES

Memel wurde 1252 vom baltischen Schwertbrüderorden gegründet und war die älteste Stadt Ostpreußens. Im Jahre 1328 ging Memel an den Deutschen Orden. Die nach Osten hin fließenden Grenzen wurden 1422 endgültig festgelegt und blieben bis 1919 bestehen.
1807 war Memel nach den Siegen Napoleons über Preußen die letzte Zuflucht des preußischen Hofes und somit Preußens Hauptstadt..
Ein großer Teil der Bevölkerung sprach immer schon kurisch oder litauisch. Als nach der Reformation die Bibel in Deutschland nicht mehr in lateinischer, sondern in der Muttersprache gelesen werden konnte, wurde auf Anweisung des preußischen Königs 1547 in Königsberg ein litauischer Katechismus herausgegeben. Damit wurde Litauisch zur Schriftsprache.
Als Folge des I. Weltkrieges wurde das Memelland 1920 von Ostpreußen abgetrennt und erhielt den Status eines Freistaates unter Aufsicht des Völkerbundes.
1923 besetzte Litauen das Gebiet. Die Bevölkerung fühlte sich weiterhin deutsch. In meinem litauischen Reiseführer von 1990 konnte ich lesen, dass bei der 1925 durchgeführten Abstimmung die litauische Partei nur 2 von 29 Sitzen erhielt.
Über diese Entwicklungen ist die Geschichte längst hinweggegangen. Heute wohnen im Memelland Litauer, aber auch Russen, die das zerstörte Land wieder aufgebaut und zu ihrer Heimat gemacht haben.


4. HEIDEKRUG

Wir fuhren weiter nach Heidekrug (Silute) und hielten an der evangelischen Kirche mit ihrem 50 Meter hohen Turm. Die Kirche wurde 1926 erbaut. Der Altarraum ist ausgemalt. Man sieht an den Wänden aber keine Evangelisten oder andere biblische Gestalten, sondern die Reformatoren und alle, die die Reformation weitergetragen haben (Luther, Melanchton usw.).
Drinnen sprachen wir mit der Kirchendienerin. Sie war 1945 dort geblieben und ist mit einem Litauer verheiratet. Die Frau beeindruckte durch ihre Schlichtheit und Bescheidenheit. Wir fragten sie nach ihrem Leben aus. Sie begann zu erzählen. Wir hörten ihr länger zu. Sie hatte es nicht leicht gehabt. Es war hier recht schwer, zu überleben und ein aktives Gemeindeleben zu erhalten, nachdem der größte Teil der deutschen Bevölkerung nach Deutschland gegangen war.
Wir hatten nicht viel Zeit für Heidekrug und fuhren anschließend weiter nach Süden in Richtung Tilsit (Sowjetsk).


5. RESÜMEE ZU LITAUEN

In Litauen machte vieles einen ärmlichen, aber nie einen heruntergekommenen Eindruck. Die Menschen waren freundlich. Es gab bettelnde Kinder, aber keine aggressive Aufdringlichkeit, wie wir sie in Königsberg erlebt hatten. In dem in Memel erstandenen Reiseführer fanden wir keinerlei Geschichtsmanipulation. Das Land schien uns auf dem Weg nach Europa zu sein.


6. DIE LITAUISCH-RUSSISCHE GRENZE

An der Luisenbrücke verließen wir Litauen und kamen wieder auf russisches Territorium. Die Grenzkontrollen wurden vor der Brücke zuerst von den Litauern und anschließend von den Russen durchgeführt. Die Russen stellten fest, dass die Begleiterin unserer polnischen Reiseleiterin Margot nicht berechtigt gewesen wäre, von Russland nach Litauen einzureisen und eigentlich deshalb nun auch nicht nach Russland einreisen dürfte. Ihr Pass wurde einbehalten. Wir bekamen unsere Pässe zurück. Die Grenzer ließen sich Zeit und mussten erst einmal telefonieren. Der Bus wartete. Unser deutscher Reiseverantwortliche war verärgert. Die junge Polin war den Tränen nahe. Es wurde überlegt, ob der Bus zum Hotel weiterfahren sollte und sie nach Klärung der Angelegenheit mit einem Taxi nachkommen könne. Das erübrigte sich dann aber, weil der verantwortliche Grenzer ihr den Pass nach Beendigung seines Telefonates doch zurückgab. Die Fahrt konnte weitergehen und wir rollten über die Luisenbrücke nach Tilsit hinein.


7. TILSIT

Die Gebäude der Stadt sahen heruntergekommen aus. Aber der Glanz vergangener Tage war überall sichtbar. Auf dem Platz vor dem Hotel stand der Genosse Lenin und zeigte mit ausgestreckter Hand nach Litauen hinüber.
Bei Aussteigen umringten uns Kinder: Sie fragten: „Eine Mark?“ Es war etwas deprimierend.
Wir erhielten ein Zimmer mit Blick auf den Hof. Zum Abendbrot gab es von einem der Mitreisenden Geburtstagssekt.
Wir machten anschließend zu mehreren einen Rundgang durch die Stadt. An manchen Stellen war es uns nicht ganz geheuer. Immer wieder umringten uns bettelnde Kinder und fragten nach einer Mark. Wir beobachteten, dass sie das Geld an irgendeiner Hausecke bei Halbwüchsigen ablieferten und sofort wieder angerannt kamen. Es schien so etwas wie eine Kinder-Mafia zu existieren.
In der Nacht kam bei zweien unserer Damen ein Mann ins Zimmer. Der Raum ließ sich nicht abschließen. Sie hatten einen Stuhl mit einem Koffer darauf an die Tür gestellt. Das machte natürlich Lärm. Die Etagenfrau half, den jungen Mann abzuführen. Andere konnten nicht schlafen, weil laute Musik von draußen störte. Im Bad lief nur kaltes Wasser. Die Betten waren ziemlich hart und die Laken zerrissen.
Nach dem Frühstück war eine Rundfahrt durch Tilsit angesetzt. Eine junge sympathische Frau gab Erläuterungen. Es existiert keine Kirche mehr in der Stadt. Die letzte Kirche wurde 1983 gegen den Protest der Bevölkerung mit Hilfe von Panzern zerstört und dann abgetragen. Die russischen Tilsiter bedauern das und schämen sich deswegen.
Wo heute Tilsit liegt, baute der Deutsche Orden 1365 eine Burg. Im Schutz der Burg wuchs die Stadt. Sie erlangte 1807 „weltgeschichtliche“ Bedeutung durch das Treffen Napoleons mit Zar Alexander I. von Russland und König Friedrich Wilhelm von Preußen, das auf einem Floß im Memelstrom stattfand. Die preußische Königin Luise eilte damals aus Memel herbei, um den Kaiser der Franzosen für ihren Mann und ihr Land um Milde zu bitten.
Tilsit hatte große Bedeutung für die Entwicklung der litauischen Kultur und Literatur. Hier wurde 1609 Daniel Klein, der Verfasser der ersten litauischen Grammatik geboren, und hier war ein Verlagszentrum für litauische Bücher und Zeitungen.


8. GUMBINNEN

Wir setzten unsere Fahrt in Richtung Gumbinnen fort. Ab und zu regnete es wieder.
Unterwegs sahen wir auf den Dächern der Häuser und auf den Mauerresten der überall dominierenden Kirchenruinen viele Störche. Sie stolzierten auf der Suche nach Futter über Wiesen und Felder. Das Nahrungsangebot für sie schien sehr groß zu sein.
Im Zentrum von Gumbinnen wurde ein kurzer Stopp eingelegt. Auf einem parkähnlichen Platz sahen wir uns ein Elchdenkmal an und scherzten später mit Kindern am Fluss.
Eine ältere wolgadeutsche Frau sprach uns an. Sie war mit ihrer Familie vor einiger Zeit aus Mittelasien nach Ostpreußen gezogen. Sie sagte, jede Woche kämen 3-4 Familien aus Kasachstan oder Kirgisien hierher.
Gumbinnen wurde auf Anweisung von Herzog Albrecht 1545 gegründet. Die Stadt hat während des Krieges sehr gelitten. Es blieben nur wenige alte Gebäude, aber viele alte Bäume erhalten.
Die Stadt wurde wieder neu aufgebaut und Elektroindustrie angesiedelt. Sie hat heute 30000 Einwohner.
Unser Fahrplan ließ keinen längren Halt zu.

Es ging weiter in Richtung Insterburg. Unterwegs hielten wir an einer Kirchenruine kurz an. Das Gebäude mag einmal zur Zeit des Deutschen Ordens gebaut worden sein. Es machte nun als Ruine einen wirklich traurigen Eindruck. Aber sie war bewohnt. Auf jedem Mauervorsprung war ein Storchennest und auf jeder Zinne stand ein Storchenpaar. Für alle Fotografen war es ein Muss, hier auszusteigen.


9. INSTERBURG

Dann waren wir in Insterburg. Auf der Suche nach der Georgenburg und dem dort angesiedelten Trakehnergestüt verirrten wir uns auf enge Nebenstraßen. An einer ziemlich unordentlichen Gärtnerei mit sehr freundlichen Leuten fragte Valentina nach dem Weg. Ein junger Mann setzte sich in sein Auto und fuhr vor uns her und lotste uns zum Ziel. Die Georgenburg sahen wir als verfallendes Gemäuer am Wege liegen.
Als wir am Gestüt ankamen, schüttete es wieder einmal gewaltig. Einige stiegen trotzdem aus und wollten sich umsehen. Sie stiegen aber schnell wieder ein. Große Jungen kamen an den Bus und wollten Wodka verkaufen.
Wir kehrten um und fuhren nach Insterburg zurück. Im Zentrum hielten wir nicht weit von der neugotischen Kirche von 1911, die von hohen alten Bäumen umgeben war.
Ganz in der Nähe war in einem Restaurant unser Mittagessen bestellt. Vor dem Gebäude warteten wieder penetrant bettelnde Kinder. Kleine Jungen rauchten wie die Schlote. Die Toiletten waren eine Zumutung. Das schien nicht Europa zu sein.
Der Deutsche Orden hat hier 1275 einen Stützpunkt gegründet und ihn 1336 zu einer Burg ausgebaut. Die Stadt erhielt 1583 Stadtrechte.

Auf der Weiterfahrt in Richtung Königsberg sahen wir unterwegs Ölförderpumpen und Radaranlagen. Valentina sagte, in den Wäldern befänden sich Raketenstationen.
Es ging ohne Unterbrechung zum Grenzübergang. Dort verabschiedeten wir uns von Valentina und ihrer Begleiterin. Für die Grenz-Formalitäten benötigten wir 1½ Stunden.


10. DIE RUSSISCH-POLNISCHE GRENZE (RESÜMEE)

Bei der Weiterfahrt merkten wir sehr deutlich den Unterschied. Im polnischen Ostpreußen war alles sauber und aufgeräumt. Baustellen waren nicht tot, sondern dort arbeiteten Menschen. Wir waren wieder in Mitteleuropa und fuhren quer durch das wunderschöne Ermland nach Elbing. In den Dörfern und Städtchen am Wege standen viele alte Kirchen, aber keine einzige Kirchenruine.
Klaus Bednarz hat in einem seiner sehr guten Filme über Reisen durch Ostpreußen gesagt: „Das nördliche und das südliche Ostpreußen haben nur die Geschichte und den Himmel gemeinsam“. Dem kann ich nur zustimmen.


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-04-13 15:54:54 mit dem Titel Seefahrt 23: Mein erster Orkan

Mit einer Ladung Tropenhölzer kamen wir von Gabun. Ein Teil sollte in Rotterdam und ein Teil in Hamburg gelöscht werden. Das Holz war in den Laderäumen fest verstaut und sogar an Deck gestapelt und mit starken gespannten Ketten gesichert. Im Golf von Guinea und vor der westafrikanischen Küste war die See sehr ruhig.


INHALT

1. Orkan
2. Kolbenwache
3. Nächtliche Begegnung mit der Dreimastbark „Pamir“.
4. Ende der ersten Reise


1. ORKAN

In der Biscaya hatten wir einen Orkan mit Windstärken von 11 und 12. Zwei Tage lang fuhren wir beigedreht langsam gegen die Seen an. Nach der Wache saß ich oft am Bullauge und sah mit großem Staunen den gewaltigen Wasserbergen zu.
Lange hohe schaumbedeckte Seen zogen vor schneidendem Wind daher. Wenn die Wellenberge sich vor dem Schiff dunkel, fast schwarz, auftürmten, sah das richtig bedrohlich aus. Der Wind war so stark, dass sich die Seen gar nicht brechen konnten. Der Schaum wurde sofort davon geblasen. Einige Meter über der Wasseroberfläche war die Luft voller Gischtflocken, die wie waagerechte Fahnen dahinzogen. Möwen und andere Wasservögel hielten sich nahe der Wasseroberfläche in den Wellentälern auf. Das Schiff war ein Spielball der Wellenberge.
Die Maschine lief gedrosselt mit nur 60-70 Umdrehungen/Minute. Das Schiff arbeitete gewaltig. Es steckte seine Nase tief in die anrollenden Wellen hinein. Sie ergossen sich über das ganze Vorschiff. Dann hob das Schiff den Bug zitternd wieder hoch. Das Wasser lief über das Deck und durch schlitzartige Öffnungen (Speigatts) in die See zurück. Wenn das Heck sich hob, hatte die Schiffsschraube einen geringeren Widerstand zu überwinden und die Maschinen drehte immer schneller. Der Drehzahlregler konnte das gar nicht so schnell ausgleichen. Kurz darauf tauchte das Heck tief ins Wasser und die Drehzahl ging schlagartig zurück. Von meiner Kammer hörte sich das an, als würde die Maschine abgewürgt.
Wir wurden rauf und runter gehoben. Das hat mich sehr begeistert und direkt Spaß gemacht. Wer das nicht selber erlebt hat, kann sich so etwas von Wasserbergen gar nicht vorstellen. Es ist wirklich ganz gewaltig.
An Deck waren Spannseile gezogen, an denen sich die Matrosen festhalten konnten, wenn sie über das Holz zu ihren achtern liegenden Unterkünften gelangen wollten. Vor jedem Gang nach hinten wurden die Wellenbewegungen eine Weile beobachtet und dann in einem günstigen Moment der Weg so schnell es ging zurückgelegt.
Im Maschinenraum konnte man keinen Eimer auf die Flurplattenstellen. Man musste sie irgendwo aufhängen. Wenn man von Backbord nach Steuerbord ging, musste man sich an den Geländern festhalten, um beim Rollen des Schiffes nicht „bergab“ zu rutschen.
In der Kombüse war die Fläche über der Herdplatte mit besonderen Eisenstangen in Quadrate eingeteilt. Damit wurde ein Wegrutschen der Töpfe und ein Verlust ihres Inhaltes verhindert
Einige Stunden hinter uns hatte ein Holländer eine Kesselexplosion mit einigen Toten. Unser Funker stand mit ihm in Verbindung. Es waren aber genügend Schiffe in der Nähe des Havaristen. Wir konnten weiterfahren. Als der Wind schließlich abflaute, gingen wir wieder auf unsern alten Kurs.
Jetzt hatten wir die noch stehende lange Dünung von der Seite, und die Schaukelei fing erst richtig an.


2. KOLBENWACHE

Zu allem Übel neigte Kolben 4 am 5.2. plötzlich dazu, einen Brandenburger zu verursachen. Es wurde kurz gestoppt, die Maschine mit der Törn-Vorrichtung durchgedreht. An der Steuerbordseite hatte das Hemd eine kleine Fressstelle. Es wurde gut geölt und wieder angefahren. Ab jetzt musste immer ein Assi vor Kolben Vier Wache halten.
Näheres geht aus dem folgenden Gedicht hervor. Das als Gemeinschaftsarbeit zweier Assis im Englischen Kanal entstand. Sie dachten sich, man müsste es als Shanty nach der Melodie „Das Kettengerassel am Flaschenzug“ vom Knabenchor: „Hiev op, fier weg“ gesungen werden.

Das Kolbenzieher-Lied.

Auf „Roland Russ“ da geht’s hoch her.
Die Kolben machen viel Malheur.
Sie sitzen alle Neeslang fest.
So langsam gibt uns das den Rest.

Kaum eine Woch’ von Flender fort,
da war der erste festgeschmort.
Der Fünf war es, wo’s Hemd gerissen.
Das Kolbenziehen ist beschissen.

Dreimal noch musste Fünf heraus,
dann Kolben Zwei. O, welch ein Graus.
Doch damit ist noch lang nicht Schluß,
jetzt macht uns Kolben Vier Verdruß.

Nun steht ein Assi auf der Wacht
vor Kolben vier bei Tag und Nacht.
Er schmiert und zieht die Stirne kraus.
Denn schließlich wollen wir nach Haus.


3. NÄCHTLICHE BEGEGNUNG MIT DER DREIMASTBARK „PAMIR“

Am 6. Februar 1955 kam uns abends in der Dunkelheit die auslaufende Dreimastbark „Pamir“ entgegen. Wir sahen trotz mondheller Nacht leider nur ihre Positionslichter.
Damals konnte niemand wissen, dass sie zu einer ihrer letzten Reisen auslief. Die Pamir kam etwa 2½ Jahre später mit einer Getreideladung aus Argentinien und ist am 21.9.1957 bei den Azoren in einem Orkan gesunken. Von der 86 köpfigen Besatzung überlebten nur 6 Mann.


4. ENDE DER ERSTEN REISE

Am 7.2. waren wir um 22:00 Uhr in Rotterdam fest. Dort wurde Kolben 4 gezogen, gereinigt, die Riefen beseitigt und wieder eingebaut. Nicht nur Kolben 4, sondern auch Kolben 5 kam noch einmal heraus.
Das Essen ist nach wie vor ausgezeichnet.
Wir konnten auf der Fahrt nach Hamburg nicht ganz volle Kraft fahren. Die Kolben hätten es übel nehmen können. So kurz vor dem Heimathafen wollte der Chief keinen „Brandenburger“ riskieren.
Am 11. Februar fuhren wir die Elbe hinauf und machten wir im Waltershofer Hafen fest.
Nach dem Bunkern fuhr ich in der Hafenarbeiter-Barkasse mit zum Altonaer Fischmarkt. In der Bahn zwischen Altona und Pinneberg hab ich die Augen zugemacht und ein wenig gedöst. Als draußen irgendwo ein Klingelton zu hören war, fuhr ich wie elektrisiert hoch und dachte es sei der Maschinentelegraf.
Die nächste Reise sollte nach Kanada gehen.

27 Bewertungen, 1 Kommentar

  • Mr.Beka

    04.06.2002, 17:39 Uhr von Mr.Beka
    Bewertung: sehr hilfreich

    das liest sich ziemlich "Magenaufreibend" :-)