Alice im Wunderland (1951) (DVD) Testbericht

ab 5,58
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Erfahrungsbericht von Art_Decay

Nocturne

Pro:

liebevoll gezeichnete (Alp)Traumwelt

Kontra:

Surrealismus im Kinderfilm? /// Deutsche Sprachfassung nur im Mono-Tonformat

Empfehlung:

Ja

Die junge Alice sitzt mit ihrer großen Schwester im Freien und beginnt zu ermüden. Denn Alices Schwester liest ein langweiliges Buch – und was für einen Sinn macht ein Buch ohne Bilder? Da hoppelt auf einmal ein Kaninchen mit Anzug und Uhr des Weges und verschwindet im Kaninchenloch. Alice folgt ihm und erlebt... aber Moment, das kennen Sie doch auch, oder? Lewis Carrolls Geschichten von „Alice im Wunderland“ gehören zu einer jeden Kindheit wie der Tee zum verrückten Hutmacher, wie die Wasserpfeife zur Raupe, wie die Uhr zum Kaninchen...

Die erfolgreiche Zeichentrickadaption aus dem Hause Disney hat schon ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel, doch von ihrem eigentümlichen Charme ist auf dem langen Weg wenig verloren gegangen. Ganz im Gegenteil – ich habe beinahe das Gefühl, dass ich sie erst jetzt richtig zu würdigen weiß. Vielleicht – und hier muss ich mich einfach ganz ungeniert der Worte unseres hochgeschätzten, lesenswerten (Ciao-Mitglieds) Dahmane bedienen, wenn auch in leicht verändertem Kontext – weil nach wie vor die Logik logisch bleibt, die Prämissen jedoch (wie in den Träumen Kafkas) verrückt spielen, weil die Grammatik stimmt, die Semantik aber durchdreht. (1) Und gerade die Semantik (sofern wir bei einer Geschichte, die doch weitestgehend sinnfrei – nicht ganz ohne Sinn, aber merkwürdig losgelöst von eben diesem – zu sein scheint, von Semantik sprechen können, ohne uns selbst absurd zu finden) hat im Laufe der Jahre – Jahre in denen wir diesen Film nicht gesehen, ja vielleicht sogar ein wenig vergessen haben – einen Wandel erfahren. (2) So vertraut und doch so unendlich fremdartig, so ungewohnt, beizeiten gar bedrohlich erscheint uns die visuelle Umsetzung einer hundertundvierzig Jahre alten Kindergeschichte, dass es jedes mal aufs neue ein Erlebnis darstellt. Denn was wir früher, in Kindertagen, noch als lustig empfanden, erscheint uns jetzt bestenfalls als absurd komisch, surreal. „Alice im Wunderland“ ist der Film Noir des Zeichentrick. Eine unglaubliche zweiundsiebzigminütige Reise, die erst in den späten Nachtstunden und mit einem Glase Rotwein ihre ganze wunderliche Wirkung entfaltet (und der mitunter eine ganz eigene Art der Melancholie innewohnt) . Wir fühlen uns beinahe wie Alice selbst, die ein Stück des Pilzes gegessen hat, schrumpft, wächst, seltsam berauscht und merkwürdigerweise (was wir als Er- oder besser Entwachsene nicht mehr zu verstehen vermögen) überhaupt nicht ängstlich, nur sonderbar – kindlich – neugierig. Kein Wunder, dass dieser Film gelegentlich mit einem Drogenrausch verglichen wird.

Puristen mögen sich darüber mokieren, dass die originale Handlung nicht stringent beibehalten wurde, sondern (äußerst gelungen) mit Carrolls zweiter vom Wunderland handelnder Geschichte „Through the Looking Glass“ vermengt wurde, doch diese Freiheit hat man sich meines Erachtens nehmen dürfen – müssten wir doch sonst auf viele kleine Stimmungsvolle Details wie zum Beispiel die leicht verlängerte Szene im dunklen Wald, die wunderbar stimmungsvoll-düster daherkommt, verzichten. Nein, es ist alles gut so, wie es ist. Selbst die für Disneyfilme ach so typischen und oftmals belächelten Gesangszenen verleihen „Alice im Wunderland“ ein wunderbar antiquiertes, bezauberndes Flair. Zudem ist der Film eines der am liebevollsten gezeichneten Werke Disneys. Wer die englische Sprache beherrscht, dem sei natürlich ausdrücklich die Originalversion empfohlen, schließlich kommen hier die ganzen wunderbaren Wortspiele Carrolls zur vollen Geltung, die bei der Übersetzung naturgemäß gelitten haben (aus dem einfachen Grund, dass sie schlichtweg nicht übersetzbar waren).

„Alice im Wunderland“ gehört gesehen. Und zwar immer und immer wieder, auch jetzt noch, nach all den Jahren. Denn so wenig Sinn der Film manchmal zu machen scheint (beizeiten, und das ist äußerst seltsam, ist mir, als würde er doch ganz gewaltigen Sinn machen), so viel gibt er uns oder zumindest unserem Zitatschatz („Tässchen Tee?“). Und es ist immer wieder schön, die alten Bekannten wieder zu sehen: das Kaninchen, den verrückten Hutmacher, den Märzhasen, die Raupe, Tweedledee und Tweedledum, das Walross und den Zimmermann, die singenden Blumen, die total bekloppte Tigerkatze, die Herz-Königin...


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Ein paar zusätzliche Bemerkungen zur DVD:
Die liebevoll aufgemachte DVD aus der Reihe „Walt Disney Meisterwerke“ hat neben einer exzellenten Bildqualität eine ebenfalls sehr gute Klangqualität und wartet mit Audiospuren in insgesamt acht Sprachen auf (in der englischen Sprachfassung darf man sich zudem über Dolby Digital 5.1 freuen, die finnische bietet immerhin noch Dolby Surround und alle anderen leider nur Mono). Extras gibt es leider keine.

Bildformat : 1.33:1 (geeignet für alle Bildformate)
Sprachen : Englisch, Finnisch, Deutsch, Spanisch, Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Tschechisch
Untertitel: Englisch, Griechisch, Englisch für Hörgeschädigte


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(1) Dahmanes Bericht über „Alice im Wunderland“ – die literarische Vorlage, nicht die visuelle Umsetzung – ist einfach zu gut, um nicht gelesen zu werden. In diesem Sinne: tun Sie es!

(2) auch hier komme ich nicht umhin, jemanden zu zitieren, und zwar den ebenfalls bewunderns- und lesenswerten Alberto Manguel: „Jedes mal, wenn wir lesen, wird das Buch ein anderes. Die Alice meiner Kindheit war eine Reise, ganz wie die Odyssee oder Pinocchio [...]. Dann kam die Pubertäts-Alice und ich wusste genau, was in ihr vorging, als der Märzhase ihr Wein anbot, den es gar nicht gab, oder die Raupe genau von ihr wissen wollte, wer sie war und was sie damit meinte. [...] Später, als ich über zwanzig war [...] da wurde mir klar, dass Alice eine Schwester der Surrealisten war. [...] Und später noch, als ich in Kanada heimisch wurde, wie konnte mir da entgehen, dass der weiße Ritter [...] Arbeit gefunden hatte – als einer der Beamten, die in großer Zahl durch alle Ämter des Landes geistern?“ (aus: Alberto Manguel, „Im Spiegelreich“)


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Thomas Faust, 24./25.07.2002 (diese Rezension ist auch bei www.ciao.de erschienen. TFaust99.)

18 Bewertungen, 1 Kommentar

  • morla

    14.10.2005, 14:35 Uhr von morla
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr hilfreich