Zatoichi - Der blinde Samurai (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von CiscoGianino

Even with my eyes wide open I can’t see a thing

Pro:

Darsteller, Szenengestaltung, Musik, Choreografie, Humor

Kontra:

billige CGI-Effekte, zu viele Flashbacks

Empfehlung:

Ja

Takeshi Kitano kehrt mit seinem elften Film zurück und mit ihm ein schon längst totgeglaubtes Genre: Das jidai-geki, das japanische Historiendrama der 50er und 60er Jahre, scheint sich in Japan immer noch größter Beliebtheit zu erfreuen, denn Kitano lieferte mit „Zatoichi“ den ersten Kassenknüller seiner Karriere ab und das, obwohl er ansonsten zu den beliebtesten Entertainern Japans gehört, aber seine unbequemen Yakuza-Epen wollten dem Publikum nie wirklich schmecken.
Der Erfolg von „Zatoichi“ kommt nicht von ungefähr, schließlich adaptierte Kitano einen der bekanntesten Mythen des japanischen Kinos neu: Der erste „Zatoichi“-Film entstand 1962 und bis 1989 wurden insgesamt 26 Filme und eine TV-Serie zu diesem Thema gedreht.

Zatoichi (von Regisseur Kitano selbst verkörpert) ist ein blinder Masseur mit einer Vorliebe für Würfelspiele. Dank seines phänomenalen Gehörs räumt er regelmäßig ganz groß ab, was ihm nur selten Sympathien einbringt, aber zur Überraschung seiner Gegner ist Zatoichi auch noch ein Meister des Schwertes.
Wie im Genre des jidai-geki üblich, befindet sich Zatoichi auf zielloser Wanderschaft durchs Japan des 19. Jahrhunderts. Bald kommt er in einem kleinen Bauerndorf an, dessen Einwohner vom Ginzo-Clan terrorisiert werden. Dieser steckt allerdings ebenfalls in Schwierigkeiten, da ein anderer Clan ihnen die Vormachtstellung in der Stadt streitig machen will. Da kommt Clan-Oberhaupt Ginzo der ebenfalls neu in die Stadt gekommene Ronin Hattori (Tadanobu Asano) gerade recht, denn dieser ist ein begnadeter Schwertkäpfer und tut für Geld alles um die Behandlung seiner kranken Frau bezahlen zu können.
Die Wege der beiden Schwertakrobaten kreuzen sich als Zatoichi im Würfelsalon des Ginzo-Clans einen Falschspieler entlarvt und ein Massaker anrichtet. Daraufhin wird Hattori ausgesandt um mit dem Störenfried kurzen Prozess zu machen...

Natürlich lässt Kitano es sich nicht nehmen, das Genre etwas zu modernisieren. Das beginnt bereits bei äußerlichen Merkmalen wie Zatoichis neuerdings platinblond gefärbtem Haar. Auch neue Charakterzüge hat Kitano dem blinden Samurai verpasst: War Zatoichi, der früher meist von Shintaro Katsu dargestellt wurde, in den alten Filmen ein recht hilfsbereiter Mensch, der hauptsächlich um das Wohl seiner Umwelt besorgt war, ist Kitanos Figur deutlich egoistischer: Er tut am liebsten was ihm grade passt und hat sein Schwert immer schnell griffbereit falls jemandem sein Benehmen nicht gefallen sollte. Auch nutzt er häufig seine Blindheit aus um leichter durchs Leben zu kommen und erscheint dem Zuschauer teilweise schon als rechter Parasit. Diesen Effekt erzielt Kitano durch geschickte Manipulation des Betrachters, denn er kokettiert wirklich brillant mit Zatoichis Sehbehinderung. Mit zunehmender Lauflänge fragt man sich immer öfter ob dieser Kerl wirklich blind sein kann oder ob er nur so tut. Der finale Satz „Even with my eyes wide open I can’t see a thing.” ist auf mehrere Arten zu interpretieren und lässt keinen konkreten Schluss ziehen.

Kitano verlegte sich bisher ausschließlich auf moderne Stoffe, zumeist Yakuza-Filme, doch sein erster Historienfilm hat im wesentlichen alle Züge seiner vorangegangenen Meisterwerke beibehalten: Ähnlich wie Kitanos Yakuza-Charaktere verhält sich Zatoichi relativ rüde zu seiner Umwelt, ist wie immer bei Kitano sehr schweigsam und kommt einem immer wie ein größenwahnsinniger, fast schon selbstmörderischer Kerl vor, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Auch seinen typisch galligen Humor hat sich Kitano bewahrt, der bei „Zatoichi“ teilweise schon fast in Slapstick-artige Sequenzen wie in „Getting Any?“ mündet.
Die Kampfchoreografie hat Kitano komplett selbst ersonnen und sie ist wirklich beeindruckend, was ihren Minimalismus angeht: Keine Einstellung zuviel ist bei den kurzen, prägnanten und ziemlich blutigen Kämpfen zu sehen und vor allem der Showdown ziwschen Takeshi Kitano und Tadanobu Asano ist wirklich von unglaublicher Intensität.

Ganz anders als Kitanos letzter Film „Dolls“ ist „Zatoichi“ als reiner Unterhaltungsfilm konzipiert und der Regisseur ließ es sich nicht nehmen zum Schluss eine gigantische Takatsuki-Sequenz (eine Art Stepptanz mit japanischen Holzschuhen) einzubauen, die dem klassischen Kabukitheater entliehen ist.
Szenengestaltung und Farbdramaturgie sind wie nicht anders von Kitano gewohnt mal wieder erstklassig und auch das Ensemble macht wirklich Freude: Takeshi Kitano selbst meinte erst kürzlich, er hielte sich für einen nicht besonders guten Schauspieler, doch was er hier abliefert ist einfach großartig. Dazu kommt noch mein absoluter Lieblingsschauspieler Tadanobu Asano als herrenloser Samurai, dessen kranke Frau sehr darunter leidet, dass er nur ihrer wegen Menschen tötet. Tadanobu Asano strahlt wie immer eine unglaubliche Präsenz aus, ist aber leider viel zu selten zu sehen und hat kaum Text. Warum gibt dem Mann keiner eine Hauptrolle? Bis auf „Electric Dragon“ und „Shark Skin Man and Peach Hip Girl“ musste er sich bisher meistens mit Nebenrollen begnügen, die er allerdings immer sehr prägnant ausfüllte. Man denke nur an den masochistischen Yakuza Kakihara in Takashi Miikes „Ichi the Killer“, in dem er Hauptdarsteller Nao Omori komplett an die Wand spielt, so dass man sich danach kaum noch an ihn erinnert. Trotz dieser recht undankbaren Rolle ist es natürlich ein wahrer Hochgenuss Asano zu zusehen.

Ich weiß nicht warum, aber in letzter Zeit wird in japanischen Filmen immer öfter extrem künstlich aussehendes CGI-Blut verwendet. Merken die Macher nicht, dass dies total unecht aussieht und sehr störend wirkt? Warum kann man nicht ganz normal weiterhin mit Kunstblut arbeiten? Schon bei „Battle Royale 2“ war dies ein ziemlich nerviger Störfaktor und auch wenn es bei „Zatoichi“ nicht ganz so schlecht aussieht, ist es dennoch schade, das die großartigen Kampfszenen derartig verschandelt werden.
Ansonsten kann man „Zatoichi“ eigentlich nur noch vorwerfen, dass er zu viele Rückblenden beinhaltet. Besonders die Flashbacks der Nebenhandlung der beiden Schwestern, die ihre ermordeten Eltern rächen wollen, sind eindeutig zu lang und teilweise überflüssig.

Trotzdem ist „Zatoichi“ ein rundum gelungener Film, der leider nicht ganz das Meisterwerk geworden ist, das ich mir erhofft hatte. Für Freunde japanischer Filmkunst dennoch sehr empfehlenswert. Die momentan sonst erscheinenden Samuraifilme wie Ryuhei Kitamuras Manga-Adaption „Azumi“ oder Takashi Miikes „Izo“ (mit Takeshi Kitano in einer Nebenrolle) sind allesamt sehr vom modernen Actionkino geprägt und so ein klassischer jidai-geki ist dann schon ein Unikat.



Originaltitel: Zatoichi
Herstellungsland & -jahr: Japan 2003
Regie, Drehbuch & Schnitt: Takeshi Kitano
Produktion: Masayuki Mori, Tsunehisa Saito
Musik: Keiichi Suzuki
Kostüme: Kazuko Kurosawa
Darsteller: Takeshi Kitano, Tadanobu Asano, Yuko Daike, Guadalcanal Taka, Michiyo Ogusu

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