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Testberichte Außer Atem

 (DVD) Kriminalfilm
5.0 von 5
Platz 13 in der Kategorie "Kriminalfilme".
Bewertung: Kundenbewertung 5,00 / 5,00 5.0 von 5
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Außer Atem Test, Erfahrungen und Testberichte vom Verbraucher

Bewertung
Kundenbewertung 5,00 / 5,00 5.0 von 5
von 100% aller Autoren empfohlen (2/2).
Bewertungsverteilung:
Vorteile
  • Vorteile: Jean-Luc Godards großes Meisterwerk
Nachteile/Kritik
  • Nachteile: Keiner
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XXLALF

Alles oder Nichts

ein Testbericht von 2011-02-10 13:33:30 vom 10.02.2011
Empfehlung: ja
Vorteile: Vorteile: Jean-Luc Godards großes Meisterwerk...
Nachteile/Kritik:  Nachteile: Keiner
"Ich weiß nicht, ob ich&n bsp;unglücklich bin, weil ich nicht frei bin, oder ob i ch nicht frei bin, weil i ch unglücklich bin." (Aussage Patricias)

Unter der großen Anzahl der DVD´s die sich so im Laufe der Zeit bei uns angesammelt haben, fand ich eine, die wir uns letztes Jahr zugelegt haben, welche den vielsagenden Titel "Außer Atem" trägt, unter welchem man sich eine Menge vorstellen kann. Na ja, "Außer Atem" bringe ich zumindest mit Anstrengung, gleich welcher Art in Verbindung, wobei mein Blick zunächst dem kurzen und knappen Covertext galt, auf welchem schon mal steht, dass es sich um einen Kleinganoven handelt der einen Polizisten erschossen hat und nun auf der Flucht ist. Jedoch was wäre ein klassischer GangsterFilm, wenn nicht ein klein bisschen Liebe mit eine Rolle spielen würde? Na ja, neugierig machte mich dieser Film nun schon, wenngleich ich dem Schauspieler Jean-Paul Belmondo nichts abgewinnen kann, weil ich sein "Machogehabe" einfach widerlich finde, das er in vielen Filmen an den Tag legt. Aber nichtsdestotrotz, schaute ich mir mit meinem Mann diesen Film an, weil dieser zum einen schon einen Kultstatus erreicht hat, und zum anderen ich wissen wollte, was diesen Film zum "Kultfilm" macht.

Und weil diese DVD "Außer Atem" vor mir liegt, schreibe ich die drei Zeilen des Covertextes ab, die knapp aber bündig aussagen, um was sich dieser Film dreht.

Der Kleinganove Michel ist nach einem Polizistenmord auf der Flucht und taucht bei der attraktiven Amerikanerin Patricia unter. Michel will sich mit ihr nach Italien absetzen, während die Polizei auf ihre Mithilfe drängt.

Nun kurz zum Filminhalt

Michel Poiccard (Jean-Paul Belmondo) ist ein kleiner Gangster, ein Autodieb, der auf dem Weg von Marseille nach Paris in einem gestohlenen Wagen von einem Polizisten wegen seines riskanten Fahrstils verfolgt wird. Einfach nur so, rein zufällig, weil er im Handschuhfach des Wagens eine Pistole findet, erschießt er den Polizisten. Um das was er angerichtet hat, kümmert er sich wenig, gibt sich ganz cool, überspielt das ganze sogar, indem er noch mehr als früher seinen Kinoidolen, wie beispielsweise Humphrey Bogart, nachzueifern versucht.

In Paris will er seine Urlaubsbekanntschaft, die amerikanische Journalistin Patricia Franchini (Jean Seberg) wiedersehen, welche dort studiert. Aber zunächst einmal braucht er Geld, bevor er sie erobern kann, wobei er zu diesem Zweck alle Register die er von seinen amerikanischen Filmidolen her kennt zieht. Das heißt, dort ein Autoklau, hier ein bisschen Geld und wenn´s gelegen kommt auch noch ein K.O. Schlag, nur um an eine Brieftasche zu gelangen. Und dennoch hat Michel mit Patricia kein leichtes Spiel, die noch recht hin- und herschwangt, was ihre Zukunft betrifft, ob nicht doch der prominente Journalist, mit welchem sie durch das nächtliche Paris streift, der Richtige für sie wär. Das fordert Michel noch mehr heraus sich ins Zeug zu legen, wobei sich sein Verlangen nach Patricia geradezu euphorisch steigert, und er sie nach ihrem nächtlichen Streifzug in ihrem Hotelzimmer mit einem breiten Grinsen erwartet. Okay, sie landen nach langen Gesprächen über Gott und die Welt dann doch tatsächlich gemeinsam im Bett, obwohl sich Patricia nicht sicher ist, ob sie ihn nun lieben soll, oder nicht. Auch wenn er seine Angst, was den Polizistenmord anbelangt, zu überspielen versucht, bekommt er doch recht bald "kalte Füße", sodass er mit ihr nach Rom gehen will, was aber aus Geldmangel letztendlich für ihn unmöglich erscheint. Als starker Held prustet er sich wiederum auf, wobei er zum wiederholten Male seine Kinoidole zum Vorbild nimmt, und versucht, diese geradezu ausweglose Situation einfach zu ignorieren. Jedoch die Polizei schläft nicht, denn während sie zu Anfang noch nach einem unbekannten Täter gesucht haben, existiert jetzt ein Fahndungsfoto, sodass sich die Suche direkt auf Michel konzentriert.

Mit der Zeit findet Patricia mehr und mehr Freude und Gefallen an dem packenden, ja aufregenden wie auch leidenschaftlichen und emotionellen Leben, dass ihr Michel zu bieten scheint, sodass sie sich von ihm schließlich und endlich zu einer gemeinsamen Zukunft überreden lässt. Allerdings als es ernst wird, die Polizei Druck auf sie ausübt, und sie merkt, dass hinter der scheinbaren Romantik auch Gefahren und Unsicherheit lauern, dass sie am Ende ihre Pläne, so wie sie ihre Zukunft sieht, aufgeben muss, verrät sie ihn an die Polizei. Doch anstelle das Weite zu suchen, tritt Michel der Polizei entgegen, zumal er kein Feigling sein will und die Sache, wie er es in den amerikanischen Filmen gesehen hat, mit erhobenen Kopf und voller Stolz zu Ende zu bringen. Doch bevor er von den Polizisten geschnappt wird, nötigt er sie noch zu einem Schusswechsel, der für ihn tödlich ausgeht.

Die letzte, ja fast schon endlos erscheinende Filmszene, ist schon recht beeindruckend, wobei er sich taumelnd durch die Straße schleppt, zusammenbricht, und mit einem letzten Grinsen sich so von Patricia verabschiedet.

Und nun gleich zur eigenen Meinung und wie der Film, "Außer Atem" auf mich gewirkt hat

Nun ja, der ganze Film unterscheidet sich schon von den üblichen, die man sonst zu sehen bekommt, das fiel mir schon in den ersten Minuten auf, zumal da richtig "Bewegung" dahinter ist. Damit meine ich, dass darin mit wackeligen Bildern zu rechnen ist, deren Szenen ich kurz beschreiben möchte.

Die erste Szene die mir auffiel war die, als Michel das gestohlene Auto chauffiert, wobei das Bild keinen Fahrzeuglenker zeigt, sondern der Zuschauer sitzt quasi hinterm Steuer und bekommt den doch zum Teil recht riskanten Fahrstil, sowie jedes Schlagloch buchstäblich auf der Haut zu spüren. Also ich zumindest drückte mich bei diesem halsbrecherischen Fahrstil unweigerlich tiefer in den Sessel, wobei ich mit dem rechten Fuß vergeblich die Bremse suchte. Und was mir noch auffiel war, dass man regelrecht spürte, wenn sich im Film eine Situation zuspitzt, es anfängt brenzlig zu werden, und der Held aufgeregt erscheint, dann nämlich fing das Bild leicht zu zittern an. Na ja, wen wundert´s, wenn der Film mit einer Handkamera ohne Stativ gedreht wurde? Gerade mit diesen wackligen Bildern bringen die Filmemacher die Wirklichkeit zum einen näher, wirkt alles real, ähnlich wie in einem Dokumentarfilm, wobei zum anderen damit das zerrissene Innere, sowie damit das unorganisierte Chaos des Helden unterstrichen wird. Nichts läuft in einer Schiene, nicht mal die Kamera, sondern alles irgendwie anders, eben schonungslos, einschneidend, intensiv und chaotisch.

Außerdem, und deshalb hab ich mir diesen Film auch ein zweites Mal angeschaut, waren es doch die recht extreme Sprünge, was ich mit den Verbindungen zwischen den Szenen des Films ausdrücken möchte, die zum Teil abgebrochenen Dialoge, wobei der Film dann an einem ganz anderen Ende weiter geht. Spontanliebend sollte man auf jeden Fall sein, wenn man sich diesen Film anschaut, wobei man keine Angst haben muss, dass man diesem Film nicht folgen kann, zumal die Story im Grunde ganz einfach und überschaubar aufgebaut ist.

Na ja, der Aufbau dieser Geschichte hat eine Ähnlichkeit mit den amerikanischen Gangsterfilmen die man aus den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren her kennt. Da findet der Held eine Pistole im Handschuhfach eines gestohlenen Wagens, wobei kurze Zeit nach solch einem Fund zumeist ein Mord passiert. Und dann kommt auch noch eine kleine Liebelei mit ins Spiel was auf einer Lüge basiert, was dann im Film zu Verrat und Tod führt. Ja, und dann sind der Polizei die Verbindungen zwischen den zweien bekannt, was dann zu Beschattung und Verfolgung führt. Also im Grunde eine recht simpel aufgebaute Story, die man auch im Film "Außer Atem" findet, die dennoch das gewisse "Etwas" hat, nämlich dass sie den Zuschauer "in Atem" hält.

Na ja, wie es in Gangsterfilmen, so auch in "Außer Atem" üblich ist, geht es um "Alles oder Nichts", was auch das wesentliche Thema von Michel ist. Denn für ihn heißt es entweder der Tod oder die Frau seiner Träume und die Freiheit. Michel hat im Grunde durch die Tat, dem Mord an diesem Polizisten, sich selbst unweigerlich in die Ecke gedrängt, ins Abseits geschoben. Im Grunde kann man es wie das letzte Aufbäumen eines Menschen sehen, der durch seine Tat quasi schon verloren ist, schon tot ist. Also was kann er folglich noch verlieren "Nichts". Und obwohl man weiß was er für ein Schurke ist, hat man dennoch Mitleid mit diesem Mistkerl, weil einem sein Wesen, seine Art, seine Träume und Fantasien, sowie sein unerbittlicher Kampf um Patricia zu Herzen geht. Jedoch sieht, spürt und merkt man jetzt schon, dass diese Beziehung keine Zukunft hat, auch wenn sich die beiden Liebenden sehr, sehr nahe sind. In meinen Augen, und soweit ich den Film verstanden habe, ist "Außer Atem" ein Film über das Verstanden-werden und über das Missverstehen. Ganz klar, Patricia weiß was sie will, sie will Journalistin werden, wobei Michel von ihr auf Gedeih und Verderb Liebe fordert. Michel fragt nicht nach dem "Wenn und Aber". Allein die Tatsache, dass die beiden verschiedenartige Charaktere sich, werden sie sich gewiss nie richtig verstehen, was mit den Worten, die Michel am Ende des Films sterbend zu Patricias sagt: "Das kotzt mich an" zum Ausdruck kommt. Daraufhin Patricia fragt: "Was ist das, ankotzen?" Na ja, der Amerikanerin ist die "französische" Umgangssprache nicht bekannt, wobei dieser nahezu nichtssagende, ja schon vulgäre Dialog zusätzlich noch eine gelungene Verbildlichung für das Grundproblem von Michel und Patricia ist. Na ja, die zwei hatten doch noch nie eine wirkliche, gemeinsame Basis in ihre Beziehung, wobei ich den Grund darin sehe, weil sie ganz einfach aus gegensätzlichen Welten stammen, nicht dieselben Ziele haben und die Dinge ganz und gar verschieden sehen.

Daten zum Film und zur DVD "Außer Atem"

Originaltitel: A bout de souffle
Hauptdarsteller: Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Van Doude
Regisseur: Jean-Luc Godard
Drehbuch: Jean-Luc Godard, Francois Truffaut
Kamera: Raoul Coutard
Komponist: Martial Solal
Produktion: Georges de Beauregard
Produktionland: Frankreich, 1959
Handlungs- und Drehorte: Marseille, Route National, Paris


Format: Dolby, HiFi Sound, PAL
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 1.0), Französisch (Dolby Digital 1.0)
Untertitel: Deutsch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 4:3 - 1.33:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Kinowelt GmbH
Erscheinungstermin: 12. Oktober 2007
Produktionsjahr: 2001
Spieldauer: 86 Minuten s/w

Extras: Booklet mit exklusiven Texten zum Film, Trailler

In meinen Augen ist "Außer Atem" ein wirklich schöner und genialer Film, wenngleich die ganze Story recht simpel aufgebaut ist, so muss ich "Jean-Luc Godard" rechtgeben der folgendes zu diesem Film gesagt hat:

"Ich denke nicht, dass es mir gelungen ist, wirklich gute Filme zu machen. Aber da sind Augenblicke, Szenen, ganze Bewegungen, die siegen."

Fazit: Ein Kultfilm, eine Legende, eine Inspiration für sinnliches Kino
...
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Kommentare
topfmops
topfmops, 27.03.2011
Ein absoluter PFLICHTFILM!!
Und wiederum bereichern sich einige Leserlinge an Deiner Arbeit und Deinem Wissen, ohne Dir den Dir zustehenden Lohn, sprich Bewertungen, zu zahlen.
Luna2010
Luna2010, 28.02.2011
Ein sehr schöner Beitrag. Ich wünsche dir eine tolle Woche und freue mich über viele Gegenlesungen :9
lorderl
lorderl, 26.03.2011
Hallo, habe deine Testberichte angesehen. Vll kannst du meine ja auch durchlesen. Gute Berichte!
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wildheart

„Cinema is life ...

ein Testbericht von 2004-10-04 10:53:33 vom 04.10.2004
Empfehlung: ja
„... I see no difference
between movies and
life. They are the same.”
(Jean-Luc Godard)


Einfacher könnte eine Geschichte kaum sein: Ein junger Autodieb namens Michel (Jean-Paul Belmondo) tötet einen Polizisten, als er die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf der Fahrt von Marseille nach Paris überschritten hat und die zwei Polizisten ihn verfolgen. Obwohl er überall von der Polizei gesucht wird, versucht Michel, in Paris eine von ihm angebetete amerikanische Studentin namens Patricia (Jean Seberg) zur gemeinsamen Flucht nach Rom zu bewegen und sich das nötige Kleingeld zu verschaffen, das ihm aus einem Deal mit anderen noch zusteht. Patricia allerdings will sich nicht auf Michel festlegen und in Paris bleiben und ihr Studium abschließen. Und mit dem Geld hapert es auch.

Eine klassische, auf das Wesentliche reduzierte Film-noir-Geschichte, nicht weiter erwähnenswert, könnte man meinen. Was Jean-Luc Godard 1960 daraus machte, war für die Entwicklung des Kinos jedoch mindestens so bedeutend wie Orson Welles „Citizen Kane” von 1942 oder Akira Kurosawas „Die sieben Samurai” von 1954. Godard warf etliche klassische Regeln des Filmemachens über den Haufen.

Ohne „Außer Atem” wären die Rollen, die viele große Stars späterer Jahrzehnte gespielt haben, kaum denkbar. Man denke an Al Pacino, Robert de Niro und Jack Nicholson, um nur einige zu nennen. Warum?

Bereits 1954 hatte Godard-Kollege Truffaut in einem Aufsatz mit dem Titel „Eine gewisse Tendenz im französischen Film” die konventionelle Abhängigkeit der Regisseure vom Drehbuch und den peniblen Vorgaben der Drehbuchautoren kritisiert und mehr Freiheit in der Inszenierung für die Regisseure gefordert. Sie sollten dem Film ihren persönlichen Stil aufdrücken, nicht die Drehbuchautoren. Truffaut selbst drehte mit „Sie küssten und sie schlugen ihn” 1959 einen solchen Film nach seinen Vorstellungen. Godard, der selbst nie Film studiert hatte, sondern sich über das Ansehen unzähliger Filme und Diskussionen mit Freunden wie Truffaut oder Chabrol in die Materie eingearbeitet hatte, sprengte dann mit „Å bout de souffle” etliche Grenzen nicht nur des französischen Kinos.

Raoul Coutard drehte mit der Handkamera. Studioaufnahmen gab es in „Å bout de souffle” nicht; es wurde auf den Straßen von Paris gedreht. Coutard filmte aus den „unmöglichsten” Situationen heraus, etwa in einem Schaukelstuhl sitzend. Künstliches Licht wurde nicht verwendet. Dialoge wurden abgebrochen, Szenen ohne Übergang direkt aneinander geschnitten. Und vor allem: Godard setzte so genannte Jump Cuts (1), die bislang als Filmfehler des Cutters galten, als Stilmittel ein. Eine ganze Szenenfolge – als Michel und Patrizia in deren Hotelzimmer miteinander reden, streiten, philosophieren, miteinander schlafen – ist durchsetzt von solchen Jump Cuts, ebenso eine Szene, in der Patrizia mit einem Redakteur in einem Café sitzt. Gerade in dieser letzt genannten Szene kann man dies sehr gut beobachten. Während des Gesprächs, das ja eine (dramaturgische) Einheit bildet, achte man auf den Straßenverkehr im Hintergrund: Autos verschwinden plötzlich von der Bildfläche, obwohl man ihr Weiterfahren erwartet.

Diese Technik entwickelte Godard zum Stilmittel, das von etlichen Regisseuren in den Jahren danach übernommen wurde und heute schon fast zum Überdruss benutzt wird, z.B. auch in Videoclips. Normalerweise würde man denken, dass solche Jump Cuts den Erzählfluss unterbrechen. Wenn ein Schauspieler gerade im Bademantel auf einem Stuhl sitzt, kann er nicht einen Moment später angezogen vor dem Fenster stehen. Doch in „Å bout de souffle” wird der Erzählfluss durch den Einsatz dieses Mittels nicht unterbrochen, sondern im Gegenteil eher beschleunigt. „Å bout de souffle” war 30 Minuten zu lang. Godard bzw. seine Cutter gingen daran, alles herauszuschneiden, was sie für unnötig, langweilig hielten. Auch in der Szene in Patrizias Hotelzimmer sieht man Belmondo mal mit Hemd, mal ohne, mal mit Zigarette, mal ohne, aber nicht in einem konventionellen Stil, sondern von einem Moment auf den nächsten. Erstaunlicherweise wird dadurch jedoch die Kontinuität der Handlung eben nicht unterbrochen oder gebrochen, sondern verschafft dem Film eine zusätzliche Verve.

Entscheidend ist allerdings, dass die Schnitte so gesetzt sind, dass sie in bezug auf die Bildgeometrie stimmig sind. Das wiederum hängt von der Art der Bilder(folgen) ab. Ein Einsatz von Jump Cuts etwa in dem Sinne, dass ein Schauspieler ohne Unterbrechung erst an einem Ort sitzend zu sehen ist, dann an einem ganz anderen Ort im feinen Anzug mit jemandem sprechend, und direkt anschließend wieder am ersten Ort, wäre für den Betrachter verwirrend und dramaturgisch fehl am Platze. Das deutsche Wort Schnitt passt gerade in bezug auf den Einsatz von Jump Cuts wesentlich schlechter als etwa das französische „montage” oder das englische „editing”. Die beiden letzteren Ausdrücke beschreiben in einem eher positiven Sinn, dass ein Film montiert, editiert wird, während „Schnitt” eher „negativ” mit wegschneiden verbunden ist.

Auch Godard setzte diese Jump Cuts, sozusagen provozierend, auch in einer das Publikum und die Film-Ästheten verwirrenden und „skandalösen” Weise ein.

Durch all dies wirkt der Film übrigens halbdokumentarisch, als ob ein mal rasender, mal etwas ruhigerer Filmreporter eine Person in Paris mit der Kamera verfolgen würde.


„The fact is that, unless you are very
good, most first movies are too long,
and you lose your rhythm and your
audience over two or three hours. In
fact, the first cut of Breathless was two
and a half hours and the producer said,
‘You have to cut out one hour.’ We decided
to do it mathematically. We cut three
seconds here, three here, three here,
and later I found out I wasn't the first
director to do that. The same process was
described in the memoir of Robert Parrish,
who was an editor on Robert Rossen's All
the King's Men (1949) – he was the third
or fourth editor, actually, because his
predecessors weren't capable of making
the cuts. Parrish told Rossen: ‘Let's do
something different. We'll look at each shot
and we'll only keep what we think has more
energy. If it's the end of the shot, we'll
throw out the beginning. If it's at the
beginning, we'll throw out the end.’ They
did exactly what I did later, without knowing
what they had done. Only, I said,
‘Let's keep only what I like.’”
(Jean-Luc Godard)



Allerdings machen diese Änderungen „Å bout de souffle” allein noch nicht zu einem revolutionären Film. Godard entfernte sich auch von der klassischen Führung der Handlung. Belmondo spielt einen Gangster, der ein zeitgenössisches Lebensgefühl repräsentiert, einen jungen Mann (Belmondo war damals knapp 27 Jahre alt, wirkte in seiner Art jedoch noch jünger), der alles will, aber trotzdem nicht genau weiß, was er will, der z.B. Patricia will, sagt, er liebe sie, aber nicht so genau weiß, was das eigentlich bedeutet, der durch Paris zieht, läuft, ja rennt, sich in Cafés aufhält, nach Geld sucht, so aussieht, als er gehe er zielstrebig vor, und trotzdem kein wirkliches Ziel vor Augen hat. Warum will er ausgerechnet nach Rom? Dieser Laszlo Kovacs, wie Michel eigentlich heißt, gibt sich einen anderen Namen: Michel Poiccard, aber nicht nur als Tarnung, sondern weil er so sein will wie die Gangster aus dem film noir, vor allem wie Humphrey Bogart, den er nachahmt. Auf seinem Weg durch die französische Hauptstadt sieht man ihn vor einem Filmplakat mit Bogart stehen, das er lange ansieht, des öfteren streicht er sich wie sein Vorbild mit dem Daumen von rechts nach links über die Lippen.

„Å bout de souffle” ist somit zweierlei: ein neuartiger film noir und in gewisser Weise ein Film noir im Film noir, auch eine Reminiszenz an das Genre. Ihm gegenüber steht eine Frau, die dem allem eher verhalten, ja skeptisch gegenübersteht. Sie schläft gern mit Michel, sie spricht gerne mit ihm, aber fest möchte sie nicht mit ihm zusammen sein. Jean Seberg ist kaum eine klassische Gangsterbraut, eher das Gegenteil: unbedarft, eigenwillig und auch skrupellos. Sie durchschaut Michel kaum. Sie weiß zwar, dass er krumme Geschäfte macht, aber wie sich das alles im einzelnen verhält, weiß sie nicht, und vor allem: Sie will es auch gar nicht wissen. Diese Patrizia ist eher eine Art Sinnbild einer modernen jungen Frau, die über ihr Studium weiter kommen will, sich ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf des New York Herald Tribune verdient und nur ein begrenztes Interesse an Michel hat. Jean Seberg wirkt noch heute, über 40 Jahre nach Entstehung des Films, als „moderne” Schönheit. Im Film allerdings ist sie auch eine skrupellose Frau. Denn sie verrät Michel bei der Polizei.

Warum sie ihn verrät und warum Michael sich erschießen lässt, bleibt letztlich unklar und lässt der Spekulation Raum. Der Film lässt die Gründe offen – auch dies in gewisser Weise ein Novum.

Zu erwähnen ist noch, dass Truffaut die Story des Films lieferte, Claude Chabrol für das Szenenbild verantwortlich zeichnete und Regisseur-Kollege Jean-Pierre Melville in der Rolle eines Schriftstellers, den Patricia interviewen soll, zu sehen ist – jener Melville, der in den 50er Jahren durch seine Filme zu den Wegbereitern der nouvelle vague wurde.

„Å bout de souffle” ist auch heute noch ein überraschend erfrischender, ja moderner Film, der kaum etwas von seiner Lebendigkeit verloren hat. „Außer Atem” ist eben auch: POP.

Wertung: 10 von 10 Punkten.
Prädikat: Besonders wertvoll.

(1) Eine „lexikalische Definition”: Schnittart, „bei der aus einer langen, kontinuierlichen Einstellung, z.B. einer Fahraufnahme, Teile herausgeschnitten werden, so dass rhythmische Bild- und Zeitsprünge entstehen” (James Monaco: Film und Neue Medien. Lexikon der Fachbegriffe, Reinbek bei Hamburg 2003, 2. Auflage, S. 87)

Außer Atem
(Å bout de souffle)
Frankreich 1960, 87 Minuten
Regie: Jean-Luc Godard

Drehbuch: Jean-Luc Godard, François Truffaut
Musik: Martial Solal
Director of Photography: Raoul Coutard
Schnitt: Cécile Decugis, Lila Herman
Produktionsdesign: Claude Chabrol
Darsteller: Jean-Paul Belmondo (Michel Poiccard alias Laszlo Kovacs), Jean Seberg (Patricia Franchini), Daniel Boulanger (Polizeiinspektor), Jean-Pierre Melville (Parvulesco), Henri-Jacques Huet (Antonio Berrutti), Van Doude (Journalist), Claude Mansard (Claude Mansard), Jean-Luc Godard (Informant), Richard Balducci (Tolmatchoff)

Internet Movie Database:
http://german.imdb.com/title/tt0053472


© Ulrich Behrens 2004
...
Produktbewertung:Kundenbewertung 5,00 / 5,00 5
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Kommentare
XXLALF
XXLALF, 15.11.2010
wenn man den film erst vor kurzem gesehen hat, macht es doppelt so viel freude deinen super geschriebenen bericht dazu zu lesen. wie immer 1a, bw und ganz liebe grüße
melle7484
melle7484, 09.10.2004
Pust!
Ja guter bericht, besonders auch das Englisch mal drin ist. Sehr selten.
Cu,
melle
Seniorita_Berlin
Seniorita_Berlin, 19.03.2006
Perfekter Bericht ..toll gruss Julia
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