Nach dem Amok (Taschenbuch) / Myriam Keil Testbericht

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Erfahrungsbericht von LilithIbi

"Und ich bin irgendwo dazwischen."

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

„Habe ich jemals ernsthaft hinterfragt, warum er getan hat, was er getan hat? Ich habe es versucht, aber ich bin zu keinem Ergebnis gekommen. Erstmals kommt mir der Gedanke, dass ich Nachforschungen anstellen könnte, um seine Gründe herauszufinden. Dass ich sie nicht kenne, bedeutet nicht nur, dass ich ihm bei seinen Problemen nicht geholfen habe, sondern dass ich nicht einmal bemerkt habe, dass er welche hatte. Niemand hat es bemerkt, und deshalb müssen wir uns vielleicht alle bei ihm entschuldigen, aber ich war seine Schwester, ich war seine Vertraute, früher. Noch vor einem Jahr, glaube ich, bin ich das gewesen. Dann habe ich aufgehört, es zu sein, und es nicht einmal registriert.“
(Zitat, S. 54)

Bücher, die sich an eine eher jugendliche Zielgruppe richten, müssen nicht unbedingt weniger tiefgründig oder gar weniger verstörend sein als die Veröffentlichungen, die eher für Erwachsene geschrieben wurden. Die Autorin Myriam Keil ist selbst 33 Jahre alt; das 285 Seiten starke Buch

==“Nach dem Amok“==
ist ihr erster Jugendroman. Bereits auf den ersten Seiten ist deutlich zu spüren, dass inmitten der Schulklasse, in die auch Maike geht, etwas passiert sein muss ~ die Anspannung und innere Unruhe dringt deutlich zwischen den Zeilen hervor. Wäre die Thematik nicht bereits titelgebend, so würde der Leser dennoch erahnen, dass der Szenerie etwas furchtbares vorangegangen sein muss.

Der Versuch eines jeden Schülers wie auch zurückgekehrten Lehrers, mit der „neuen alten“ Situation fertigzuwerden, schildert Myriam Keil derartig eindringlich, dass es mir persönlich schwer fiel, äußerlich bedingte Lesepausen einzulegen. Fakt ist, dass ich auch jenen Roman erneut ~ bis auf naturbedingte Unterbrechungen ~ an einem Stück gelesen habe und regelrecht darin versunken bin.

Handlungsbedingt dröselt sich schnell auf, dass Maikes Bruder es war, der an der gemeinsam besuchten Schule Amok lief und sich schließlich selbst tötete. Weder sie noch ihre Eltern können die Tat begreifen; während Umstehende die Schuld und nicht zuletzt Verantwortung bei der übrig gebliebenen Familie suchen.
Für die Ich-Erzählerin Maike beginnt an der Schule eine Art Spießrutenlauf, worüber hinaus sie erleben muss, wie viele vermeintliche Freunde sich von ihr abwenden, um nicht selbst in die Gerüchteküche, Maike hätte die Tat mit ihrem Bruder gemeinschaftlich geplant, hineingezogen und ebenfalls ausgegrenzt zu werden.
Obschon man annehmen dürfte, dass Maikes feste Clique oder zumindest ihr fester Freund Jannik zu ihr halten würde, kommt erschwerend hinzu, dass Janniks bester Freund ebenfalls Opfer von Davids Amoklauf wurde. Jener überlebte zwar, will aber mit Maike keinerlei Kontakt mehr haben.

Allesamt Umstände, die sicheren Halt erforderlich gemacht hätten ~ doch auch Maikes Eltern finden sich in dem Nachbeben nicht zurecht, verlieren sich immer mehr in Schweigen, überspielen und manischen Tätigkeiten. Die Therapie, die Maike verordnet wurde, scheint ihr keine Hilfe zu sein; und mehr und mehr sieht Maike sich an ihrem eigenen Abgrund...

~ So sehr man das Verhalten der Eltern einerseits verstehen kann, so sehr spürt man zugleich, dass dies schlicht und ergreifend „falsch“ ist. Gleichermaßen mag der Leser empört den Kopf darüber schütteln, wie sich Mitschüler verhalten, abwenden und an den Verleumdungen beteiligen ~ doch wirklich beantworten, wie man selbst mit solch einer Situation umgehen würde, kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eben nur dann, wenn man sich in eben jener selbst wiederfinden würde.

Obzwar „Nach dem Amok“ sich wie gesagt an einer eher Jugendliche Lesegruppe wendet, konnte auch ich mich sehr in diese Geschichte hineinversetzen, so dass ich weiterhin behaupten mag, dass das Buch sich an „jedermann“ richtet. So teeniehaft manche Sorgen und Nöte vereinzelt (!) erscheinen mögen, so sehr verliert die Autorin an keiner Stelle die beklemmende Ernsthaftigkeit aus den Augen. Durchgehend feinfühlig und doch notwendig offenherzig erfährt der Leser in einer überaus authentisch geschilderten und hochgradig spannenden Art Rückblende von dem Ablauf der Tat, liest sich weiterhin durch unsagbar emotionale und bewegende Passagen, um immer tiefer in die Geschichte und deren Hintergründe einzudringen.

Man mag ansatzweise bemängeln, dass es bezüglich der Spurensuche Maike's ein wenig zu leicht gemacht wie auch spätere charakterliche Rückentwicklungen zu seicht und fast schon überstürzt abgespult wurden... doch insgesamt betrachtet darf man nicht vergessen, dass „Nach dem Amok“ durchaus versucht, ein paar Erklärungsfragmente bereitzuhalten, um den Leser nicht völlig ratlos zurückzulassen.
Besonderer Knackpunkt inmitten der Lektüre ebenfalls der Aspekt, dass beinahe alle näher Beteiligten von dem bereits genannten Therapeuten eine Art Wundermittel erwarten ~ einen ultimativen Lösungsschlüssel, einen kurzen Ratschlag, der wie durch Zauberhand alles wieder gut macht. Meines Empfindens nach ein sehr wichtiger Punkt, der das Große Ganze inmitten „Nach dem Amok“ noch einmal bravourös abrundet.

Im weiteren Kontext finden sich mitunter schmerzhafte Zeilen wie beispielsweise
„Ich fange an zu weinen. Eines der wenigen Dinge, die bei mir noch verlässlich funktionieren, ist das Weinen. Ich will es nicht und es geschieht trotzdem. Immer wieder. Wie bei meiner Mutter. Vielleicht hasste ich es deswegen so sehr an ihr. Weil es mir den Spiegel vorhält. „Das zieht nicht mehr“, sagt Jannik.“
(Zitat, S. 197)

die ebenfalls darauf hinweisen, wie sehr sich ein jeder von dem anderen Sicherheit und Halt erhofft; das ersehnte Gefühl, dass alles wieder gut wird ~ und zwar möglichst bald. „Nach dem Amok“ bringt die vehemente Hilflosig- wie auch Orientierungslosigkeit der Betroffenen rigoros auf den Punkt, wenngleich sich die Lektüre vorrangig damit beschäftigt, wie sich die Tat für die verbliebenen Familienangehörigkeiten anfühlt und mit welchen Reaktionen diese immer wieder und wieder konfrontiert wird.

Somit stimmt „Nach dem Amok“ nicht nur betroffen und nachdenklich, sondern macht stellenweise regelrecht wütend. Die steten Fragen nach Schuld respektive gegenseitige oder gar eigene Schuldzuweisungen, Sinnsuche, Ursachenforschung, mannigfaltigen interpersonellen Auswirkungen und nicht zuletzt verschiedene Facetten der Selbstaufgabe lassen die Lektüre alles andere als „leichte Kost“ erscheinen.
Beinahe sämtliche Momente, in denen ein vermeintliches Licht am Ende des Tunnels zu erkennen zu glauben ist, sind vorbelastet mit düsteren Ahnungen ~ Maike selbst belastet sich mehr und mehr mit der Tat ihres toten Bruders, begräbt sich innerlich selbst und versucht, vor ihrer eigenen Geschichte / Existenz Abstand zu nehmen.

So sehr mich „Nach dem Amok“ anspricht, so komme ich zu guter Letzt um einen kleinen Punktabzug nicht umhin: kurz nachdem ich mich noch freute, dass die Autorin einen stolzen Bogen um sämtliche Klischeebedienungen machte, erinnert die Lektüre auf den letzten Seiten eben doch allzu sehr an die zugeordnete Kategorie. Statt diverse Charaktere weiterhin am Abgrund kreisen zu lassen (was meines Erachtens nach schlicht und ergreifend realistisch gewesen wäre), trägt der literarische Ausgang in beinahe alle erdenklichen Richtungen derartig dick auf, dass das erzwungen-wirkende happy end beinahe greifbar nahe ist.

==Summa summarum==
bleibt durchaus positiv hervorzuheben, dass die Autorin doch nochmal zurück-rudert und dem Leser begreifbar zu machen versucht, dass es eben doch nicht so einfach ist, zurück zum Urzustand zu kehren.... doch ein kleiner Wehmutstropfen bleibt in mir dennoch erhalten.

Natürlich soll der Roman im Grunde genommen ebenfalls Mut machen und Hoffnung geben, dass selbst solcherlei Krisen überlebbar sind ~ doch meiner persönlicher Meinung nach schießen die letzten Seiten doch ein wenig über das gut gemeinte Ziel hinaus.

Nichtsdestotrotz ein in de heutigen Zeit – leider Mensches – überaus wichtiges Buch, welches zum Großteil phänomenal eindringlich und nachdenklich stimmend geschrieben wurde. 4 Sterne nebst definitiver Leseempfehlung.

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