Amoklauf in Erfurt Testbericht

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Erfahrungsbericht von Donline

So etwas kann doch in Deutschland nicht passieren

Pro:

Nichts

Kontra:

Alles

Empfehlung:

Nein

Ich kann mich noch gut erinnern, als am 21. April 1999 die Bilder von Littleton durch die Medien gingen. Zwei Schüler einer Oberschule erschossen damals 13 Menschen und töteten sich anschließend selbst.

Viele hier sagten "so etwas kann mit unseren scharfen Waffengesetzen nicht geschehen, das ist ja nur in Amerika so". Drei Jahre später, seit Freitag dem 26.April 2002, wissen wir das die Realität leider eine andere ist. Zwar hatte Robert S., der Mörder von Erfurt, eine völlig andere Motivation als die beiden Amerikaner (Anhänger der Naziszene, darum hatten sie sich auch bewusst den 20.04. als Tattag ausgesucht), aber im Prinzip hat er die gleichen Dinge getan wie damals Dylan Klebold und Eric Harris.

Welcher Hass muss in einem Menschen wüten der so eine Tat begeht und 16 unschuldige Menschen umbringt? Ich habe mir so einige Gedanken über die Medien, die Politik, die Eltern des Mörders und unsere Gesellschaft gemacht.
Wie gehen sie damit um?

Freitag der 26.04.2002:

Sondersendungen in jedem Fernsehkanal und im Radio. Hieß es um 12:55 Uhr noch drei Tote bei Schießerei in Erfurter Gymnasium, waren es gegen 16:00 Uhr 18 Tote (später wurde auf 17 korrigiert). Gut es ist nachzuvollziehen, dass wir einen Anspruch darauf haben informiert zu werden, aber diese Medienpräsenz finde ich ziemlich schockierend. Schüler und Lehrer die gerade das Gebäude verließen, wurden völlig verstört zu Statements gezwungen. Ich denke in so einer Situation war ihnen nicht nach einem Gespräch mit einem der ihnen ein Mikro unter die Nase hält.
Muss das sein? Wo ist die Würde des Menschen in den Stunden der Trauer?

Um 18:00 Uhr sprechen Bundeskanzler Schröder und Innenminister Schilly in Berlin, von dem schlimmsten Verbrechen, dass seit dem Krieg je in Deutschland geschehen ist. Sie sprechen den Opfern und deren Angehörigen Ihr Mitgefühl aus. Erste Konsequenzen, wie schärfere Waffengesetze, werden sogar schon angesprochen. Obwohl erst an diesem Tag ein solches Gesetz verabschiedet wurde.


Samstag 27.04.2002

Die Trauer in Erfurt wird weiter gezeigt. Fernsehkameras und Mikrofone so weit das Auge reicht. Am Nachmittag treffen Angela Merkel und Edmund Stoiber in Erfurt ein und legen Blumen am Gutenberg-Gymnasium nieder. Viele Angehörige sind gekommen um in den Stunden der Trauer nicht allein zu sein. Später erscheinen auch Joschka Fischer und Bundeskanzler Schröder am Tatort. Keiner dieser Politiker hat eine Wort für die Menschen die seit gestern so viel Leid ertragen mussten. War es nur das schlechte Wetter, dass dazu beitrug? Ich war ziemlich enttäuscht darüber und kann es nicht verstehen.


Sonntag 28.04.2002

Erste Stimmen von Edmund Stoiber und anderen Mitgliedern des Bundestages werden laut. Wir müssen Gewaltvideos und Spiele verbieten in denen man Menschen umbringen kann. Wer glaubt damit eine solche Tat verhindern zu können, ist meines Erachtens auf dem Holzweg. Sicher ist es nicht ganz ungefährlich, dass Spiele wie „Return to Castle Wolfenstein“ oder „Counter-Strike“ im freien Handel jedem zugänglich gemacht werden. Aber nicht jeder der so ein Spiel kauft oder sich ein Horrorvideo (wovon ich absolut nichts halte) anschaut, wird zum Serienmörder. Mag sein das es ein paar gibt die davon inspiriert werden, aber die breite Masse kann sicher zwischen Film bzw. Spiel und Realität unterscheiden. Zudem ist es im Zeitalter der schnellen Datenübertragung kein Kunststück mehr sich innerhalb weniger Stunden solche Produkte zu beschaffen.

Montag 29.04.2002

Einige Boulevardblättern schreiben, dass Robert S. anhand von „Counter-Strike“ geübt haben soll, Leute zu erschießen. Diese Aussagen sind ziemlich dämlich und irreführend. Jeder der so ein Spiel selbst gesteuert und eine echte Waffe geführt hat wird bestätigen können, dass sich beides nicht im geringsten miteinander vergleichen lässt. Man kann den Umgang mit einem Gewehr oder einer Pistole nur lernen, wenn man es mit richtigen Waffen macht. Ein Spiel kann höchstens die Reaktionszeit steigern, mehr aber auch nicht. Wer die Unterschiede zwischen diesen beiden Dingen nicht einschätzen kann, hat meiner Ansicht nach viele andere Probleme im bezug auf die Wirklichkeit.

Der Täter war Mitglied eines Sportschützenvereins. Das berechtigte ihn eine Waffe zu besitzen und diese mit nach Hause zu nehmen. Eine sehr bedenkliche Tatsache wie ich finde. Ich möchte jetzt nicht behaupten das alle Schützen potenzielle Mörder sind, aber wie gelangt ein Neunzehnjähriger Schüler in den Besitz einer Pumpgun? Eine Waffe für die meines Wissens eine gute Ausbildung erforderlich ist. Das Lagern solcher Waffen ist zu Hause nur unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen gestattet. Robert S. bewohnte nach Angaben der Polizei ein abgetrenntes Zimmer bei seinen Eltern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er diese Auflagen im Bezug auf Waffen richtig Handhaben konnte. Da sollte der erste Ansatz gemacht werden. Wenn es wirklich so einfach ist, gebt nicht jedem eine Waffe mit nach Hause.

Wo waren Roberts Eltern?

Ich bin in einem gut behüteten Elternhaus aufgewachsen. Obwohl meine Eltern beide berufstätig waren, hatte ich immer meine Großeltern zu denen ich gehen konnte. Haben sich seine Eltern nicht um Ihren Sohn gekümmert? Wenn der Junge schon vor Monaten von der Schule verwiesen wurde, warum waren die Eltern davon nicht in Kenntnis gesetzt worden? Ich glaube, dass ich das nicht hätte verheimlichen können, wenn ich rausgeflogen wäre.

Was ist an unseren Schulen anders geworden?

Diese Frage kann ich nicht richtig beantworten. Meine Schulzeit liegt schon ziemlich lange zurück. Wir haben Späße gemacht und ab und zu gab es Rangeleien. Manchmal waren wir auch nicht gut auf einige Lehrer zu sprechen. Aber so etwas wie ich es teilweise heute sehe gab es früher nicht. Bei uns waren Drogen oder Waffen kein Thema, es wurden auch keine Mitschüler erpresst.

Unsere Gesellschaft ist allerdings auch zu Erfolgsorientiert geworden. Auch dazu haben die Medien ihren Teil beigetragen. Zu meiner Schulzeit war es gut eine Realschule besucht zu haben, heute kann man damit kaum jemanden hinterm Ofen herlocken. Wer sich eine durchschnittliche TV-Serie anschaut, wird schnell merken was ich meine. Jeder der nicht einen ausgefallenen Beruf studiert oder wenigsten Ansatzweise was verrücktes macht, ist nicht Hip. Alle sind reich, schön und erfolgreich. Wer nicht in diese Struktur passt ist demnach ein Looser.
Robert S. sah sich wahrscheinlich auch als Verlierer. Wer, so wie er, das Abitur in Thüringen nicht bestanden hat, hat nicht mal den Realschulabschluss. Eine, wie ich meine, sehr merkwürdige Regelung. Das rechtfertigt auch in keinster Weise seine Tat, aber so kommen viele Dinge zusammen, die ein Bild entstehen lassen, welches unser Gesellschaft wiederspiegelt.


Kann die Wiederholung einer solch schlimmen Tat verhindert werden?

Leider NEIN. Unsere oberflächliche Gesellschaft müsste dazu erst einmal einen grundlegenden Wandel vollziehen.. Die Lehrer allein sind damit völlig überfordert. Wir alle müssen versuchen, dass es wieder ruhiger wird, aber wahrscheinlich ist das nicht mehr möglich. Jeden Tag rücken die Verhältnisse mehr in Richtung Amerika. Die Kluft zwischen Arm und Reich oder Verlierer und Gewinner wächst. Das Motto lautet "Höher, schneller, weiter". Wer nicht mithalten kann fliegt raus. Solange unsere Medien dieses Spiel mitmachen und das Schubladendenken nicht aufhört, weiß ich nicht ob es einen Ausweg gibt.

Ich hoffe das man aus dem furchtbaren Ereignis die richtigen Konsequenzen zieht. Aber wahrscheinlich ist es wirklich nur die Hoffnung.



Heute sprießen der Hoffnung zarte Knospen,
morgen blühen sie
und übermorgen kommt der Frost

William Shakespeare

31 Bewertungen, 4 Kommentare

  • pyragoon

    04.03.2007, 11:35 Uhr von pyragoon
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh. lg mm *dreifachgrins*

  • maus0711

    22.11.2002, 10:22 Uhr von maus0711
    Bewertung: sehr hilfreich

    ...als am 21. April 1999 ... ...sich auch bewusst den 20.04. als Tattag ausgesucht... was jetzt?? 20. oder 21.???

  • unauffaellig007

    01.05.2002, 18:00 Uhr von unauffaellig007
    Bewertung: sehr hilfreich

    Das alles liegt an der Gesellschaft.

  • brian_lion

    01.05.2002, 17:34 Uhr von brian_lion
    Bewertung: sehr hilfreich

    ach quatsch.. in d-land kommt man doch immer illegal auch an waffen ran und siehst doch legal auch..und mir war scho immer klar das das in germany auch passieren kann und wird.. den irgendwie wird usa als das schlimme land angesehen und d-land so als vorbi