Andalusien Testbericht

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Erfahrungsbericht von cxgirl

Land der Leidenschaft

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Schmerz und Sehnsucht, Leidenschaft, Raserei – „el Cante“, der Gesang, „el Baile“, der Tanz, „el Toque“, das Gitarrenspiel: Der Flamenco ist Andalusien. Hier ist er geboren, und nur hier ist er wirklich zuhause, während er wehmütig nach Afrika blickt und vom Orient, von Arabien, von Indien träumt.

Wie die Sängerin, die aufs Meer schaut, oder übers Meer oder auf die schmutzige, tabakgelbe Wand einer Tablao, einer Musik-Bar, in Sevilla oder Cordoba oder Granada. Wo’s nach Rauch riecht und nach Bier, nach Sherry und nach zu viel Rasierwasser. Wo müde Männer an kleinen Tischen sitzen und plötzlich vorsichtig „Olé“ rufen, weil die Frau neben dem hageren Gitarristen, der erstaunliche Ähnlichkeit mit dem jungen Keith Richards hat, ihren Stuhl zurück schiebt und aufsteht und langsam, ganz langsam ihre Hände über den Kopf hebt. Ihr enges T-Shirt rutscht hoch und gibt einen gepiercten Bauchnabel preis, auf den allerdings niemand zu achten scheint, weil jetzt ihre Hände, ihre Finger zu sprechen beginnen. „Olé“ rufen die Männer vereinzelt, abwartend, während die Sängerin stumm die tabakgelbe Wand betrachtet. Unbeteiligt, beinahe trotzig. Sie wird bestimmen, wann es wirklich losgeht. Noch immer ist es die Stimme, die den Flamenco ausmacht, der Text. Der Tanz kam erst später. Dann, erst sehr spät, vor 200 Jahren etwa, die Gitarre. Denn am Anfang war das Wort, die Geschichte, die zu rhythmischem Händeklatschen erzählt wurde. Dem Rhythmus der Berber, ihrer Kamele, ihrer Pferde. Zu Melodien, groß und wild, wie die arabische Wüste, und untrennbar verwoben mit den melancholischen Gesängen der spanischen Juden – und den sehnsuchtsvollen Liedern der „Gitanos“, mit Liedern, die sie aus Indien, der Türkei, aus Griechenland und vom Balkan mitgebracht hatten.

Diese unglaubliche Mischung macht den Flamenco aus. Und Andalusien. Gut 700 Jahre lebten hier in „Al Andaluz“, dem „Land der Wandalen“ – wie ganz Spanien von den arabischen Herrschern genannt wurde – Berber, also die berühmten „Mauren“, Germanen, Kelten, Iberer und was von den Römern noch so übrig war, zusammen. Und wie! Die Andalusier erwiesen sich als die wahren Erben der antiken Hochkulturen. Cordoba, Sevilla, Granada – diese Namen verzauberten schon im Mittelalter den Rest der Welt. Künstler und Wissenschaftler aus ganz Europa, Afrika und Asien bevölkerten die prachtvollen Paläste der so lebensfrohen wie gebildeten Herrscher. Mehr als 400.000 Bücher umfasste im frühen 11. Jahrhundert die Bibliothek eines einzigen Kalifen, zu einer Zeit, als man im Kloster von St. Gallen stolz auf die größte Sammlung Mitteleuropas blickte: satte 600 Exemplare. Wobei in einer ziemlich durchmischten und erstaunlich toleranten Gesellschaft der Status als „Andalusier“ am ehesten einer Eigendefinition oblag. So gab es einerseits rothaarige, blauäugige Kalifen, den berühmten Rhaman III von Cordoba etwa, halb Franke, halb Araber und einer der klügsten Köpfe seiner Zeit. Andererseits gab’s katholisch-spanische Nationalhelden, die sogar zu Hollywood-Ehren gekommen sind, ihre größten Heldentaten allerdings für die Andalusier vollbrachten. So wurde „El Cid“, also Charlton Heston, bei der Verteidigung Sevillas zwar wirklich durch einen gemeinen Pfeilschuss verletzt, er verteidigte die Stadt allerdings im Sold eines maurischen Fürsten, und zwar gegen christliche Angreifer. Er starb auch nicht wie der heldenhafte Heston im Hollywood-Schinken und musste sich deshalb nicht tot aufs Pferd binden lassen, um die bösen Feinde zu erschrecken. Der Sieg „seiner“ Mauren gelang auch so. Sein Künstlername war übrigens „Al Sajjid“, also arabisch „der Herr“. Die heute berühmte Bezeichnung „Cid“ war ursprünglich nur die spanische Verhöhnung. Charlton Heston hätte natürlich nie und nimmer so gehandelt, aber das ist Andalusien – Geschichte, Geschichten, Leidenschaft.

Was Andalusien ausmacht ist auch die „Giralda“, das knapp 100 Meter hohe Minarett in Sevilla, heute Glockenturm der Kathedrale und Wahrzeichen der Stadt. Oder die Mezquita-Moschee in Cordoba, ein Wald von mehr als 1000 verzierten Säulen. Und Granada natürlich, die fantastische Stadt am Fuß der Sierra Nevada. Gut 20 Grad Plus im Winter, mit unvergleichlichem Blick auf die verschneiten Dreitausender. Granada, mit dem geheimnsivollen „Albaicin“, dem ältesten Viertel der Stadt, dem Viertel der Muslime, mit seinen schmalen, gewundenen Gassen, romantischen Plätzen und bunten Märkten. Und die „Alhambra“ natürlich, die „rote Burg“, der Märchenpalast des unglücklichen „Boabdil“, des letzten Berber-Königs, der 1492 der „Reconquista“ weichen musste und Spanien für immer verließ. Weinend, wie es heißt. Seine Spur verliert sich irgendwo in Afrika, doch der große amerikanische Romantiker Washington Irving hat ihn mit den „Erzählungen von der Alhambra“ unsterblich gemacht, wie die gesamte sagenumwobene Stadt in der Stadt, mit ihren Höfen, versteckten Gärten, bunt gekachelten Zierbrunnen. Das ist Andalusien, das und die Costa del Sol, die deutschen Frühpensionisten-Muster-Fincas, die wie Schrebergarten-Häusl’n an den Hügeln kleben, die unsagbar hässlichen Hotelburgen in Torremolinos, zu unrecht verewigt in einem von Micheners schlechteren Romanen. Das verschandelte, völlig zubetonierte Murcia –genauso wie das beinahe unberührte Fischerdorf Carrucha. Dort, ganz plötzlich ist Andalusien paradiesisch, wie auch in manchem der „weißen Dörfer“, weiter drinnen halt, im Hinterland, wo sich immergrüne Pinienwälder mit kargen Steinwüsten abwechseln, wo ganz im Osten, im Hochland der Sierra Cazorla, in einer Höhe von gut 2000 Metern nur noch wenige Bauern und etliche Geier, krummschnabelige Desperados mit zerrupftem Gefieder und roten Hälsen, ihren Dienst versehen. Wo die Luft unglaublich klar ist, und alles ganz nah und ganz fern zugleich. Das ist Andalusien. Natürlich, so wie es das Land ist, in dem manirierte Torreros, die mit dem Fächer genauso elegant umzugehen verstehen wie mit dem Degen, einem fanatischen Publikum ihre grausame Show liefern. Und das Land, wo sich auf Stadt- und Dorfplätzen die freundlichsten, liebenswertesten Menschen treffen und bei köstlichen Tapas, „Boquerones“ etwa, marinierte Sardellen oder „Acedias“, die kleinen Seezungen, oder „Rabo de Torro“, geschmorten Ochsenschwanz, gerne und bereitwillig mit jedem Fremden ins Gespräch kommen. Das Land, in dem die älteste Stadt der Welt liegt, Cadiz an der Atlantikküste – und der südlichste Ort des Kontinents: Tarifa, benannt nach dem mystischen Berber-Helden, der vor ziemlich genau 1290 Jahren mit 500 Mann hier gelandet war. Von hier aus kann man übers Meer sehen. Nach Afrika.

Wenn die Sängerin dann beschließt, dass es Zeit ist, wird sie endlich ins Publikum blicken und anfangen zu singen. Nicht lieb, keinen Sommerhit, sondern heiser und trotzdem laut, gellend. Mit einer Stimme, die weh tut, die trifft. „Weshalb soll ich noch leben wollen“, wird sie singen, oder aber „Was passiert, wenn die Stadt nach Blüten duftet“, und „Wer versteht die Liebe – süß wie Honig und bitter wie Galle“. Und die Männer an den kleinen Tischen werden traurig werden. Und fröhlich. Sie werden nicken und klatschen. Sie werden „Ole´“ rufen. Aber richtig.

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