Ardèche Testbericht

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Erfahrungsbericht von LoMei

Seefahrt 16: Landgang in Calais

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Unser Schiff kam im Juli 1955 mit einer Holzladung aus Kanada nach Calais. Das ist lange her. Es hat sich dort inzwischen sicher viel verändert. Aber der Reisende von heute wird ähnliche Eindrücke gewinnen, wie ich sie damals im Tagebuch festgehalten habe.


INHALT

1. Hafenzeit in Calais
2. Ausflug nach Boulonge-sur-mer
3. Auslaufen
4. Fazit


HAFENZEIT IN CALAIS

Als wir uns der französischen Küste näherten, gingen wir mittags auf Reede von Calais vor Anker. Der Hafen hat eine Tidenschleuse. Deshalb mussten wir gute 2 Stunden auf Hochwasser warten. Das heißt die Flut musste so hoch aufgelaufen sein, dass die Schleusentore geöffnete werden konnten. Beim Einlaufen in den Hafen hatte ich glücklicherweise keine Manöverwache und konnte wie ein Passagier an Deck stehen.

Vor der Hafenschleuse lag die Fähre Calais-Dover abfahrbereit an der Pier. Eine andere war gerade angekommen und löschte ihr Fracht, die zum größten Teil aus englischen Ferienreisenden bestand.

Am nächsten Tag gingen mein Freund Arno und ich auf die Suche nach einem Friseur. Calais machte einen recht freundlichen und sauberen Eindruck. Die wunderbaren Blumenanlagen und der Park vor dem Rathaus waren geradezu musterhaft. Da wir kein französisch konnten, kamen wir uns ein wenig hilflos vor. Bis auf einige wenige Ausnahmen konnten wir nicht einmal die Schilder lesen oder raten. Nach einiger Zeit fanden wir einen Coiffeur.

Am Sonnabend wollten Arno und ich per Bus eine „Tour de France“ machen. Als Ziel hatten wir Dünkirchen oder Boulogne vorgesehen. Doch da kam uns ein kurzfristig angesetztes Bootsmanöver dazwischen. Mit Schwimmwesten angetan mussten alle auf dem Bootsdeck antreten. Das Backbord-Boot wurde zu Wasser gelassen, und dann pullten wir lustig im Hafenbecken umher. Das war einfacher, als ich gedacht hatte. Wieder beim Schiff angekommen, durften die Könner aussteigen, während die Nichtkönner noch eine Reise machen sollten. Ich gehörte zum ersten Schlag und enterte die Jakobsleiter hinauf an Bord zurück.

Über Mittag unternahmen Arno und ich einen Spaziergang zu den Fischern auf der Hafenmole. Zu beiden Seiten der Hafeneinfahrt gehen lange Molen weit ins Meer hinaus. Die waren mit winzigen Kränen förmlich bespickt, an denen auf Rahmen gespannte Netze hingen. Diese wurden von ihren Besitzern von Zeit zu Zeit hochgehievt, um genau so leer wieder im Wasser zu verschwinden. Nur ab und zu zappelte ein kleines Fischlein oder ein Aal in der Netzmulde und wurde mit einem Ketscher herausgeholt. Es schien das reinste Geduldspiel zu sein.

Nachmittags gingen wir in der Stadt spazieren. Im Park setzten wir uns einen Augenblick in die Sonne. Als das zu langweilig wurde, schlenderten wir durch die Straßen. Wir musterten den Wochenmarkt vor der alten Kirche, und schlenderten dann am Kanal entlang zum Schiff zurück. Es war Sonnabend, und das bedeutete für jeden von uns vier Assistenten nur 6 Stunden Wache.


AUSFLUG NACH BOULOGNE-SUR-MER

Am Sonntag zogen Arno und ich gleich nach dem Frühstück mit etwas Reiseproviant versehen zum Casino de Calais. Hier stiegen wir in einen alten wackeligen Überland-Bus, der mit uns in Richtung Boulogne davon rollte. Jedes Mal, wenn er eine scharfe Rechtskurve nahm, flog der Sitz vor uns mitsamt den darauf befindlichen Personen durch die Gegend. Ein alter Herr mit einem kleinen Hund erzählte Arno etwas über sein Tierchen. Arno verstand kein Wort, aber er nickte verständnisvoll mit dem Kopf und lachte zustimmend. Das freute den alten Herren und er erzählte weiter.

Die Straße, auf der wir fuhren, ging immer am Strand entlang. Wir sahen Bunker an Bunker. Die ganze Dünenkette ist hier im letzten Krieg von den Deutschen befestigt worden. Ein Teil der Bunker wurde offenbar als Wohnung benutzt, denn wir sahen dort Wäscheleinen hängen. Bald hatten wir Cap Gris Nez erreicht. Von hier starten die Kanalschwimmer, um nach einer Reihe von Stunden irgendwo bei Dover an Land zu steigen. Unter uns in einem Dünental lag ein mittelgroßer Ort. In Serpentinen führte die Straße abwärts. An den Hängen waren wohlbestellte Felder, die an Deutschland erinnerten. Als der Bus durch den Ort hindurch und auf der anderen Seite den Berg wieder hinaufgekeucht war, wechselte das Bild von Zeit zu Zeit. Einmal fuhren wir durch eine mit spärlichem Gras befestigte Dünenlandschaft, und kurze Zeit später befanden wir uns inmitten grüner Felder. Das hinter den Dünen liegende Binnenland war weit und flach. Nach etwa 1½-stündiger Fahrt war Boulogne erreicht.

In der Nähe des Hafens standen einige moderne Hochhäuser, die so gar nicht zum übrigen Stadtbild passen wollten. Obwohl es Sonntag war, hatten die Läden geöffnet. Wir erstanden eine Tüte Kirschen und wanderten stadteinwärts. Im Zentrum liegt eine alte Feste, von der uns außer dem in sie integrierten gewaltigen Dom und einigen anderen Gebäuden ganz besonders die mächtige und wuchtige Ringmauer beeindruckte. Weil im Dom gerade ein Gottesdienst gefeiert wurde, sahen wir von einer Besichtigung ab.

Boulogne ist eine alte Stadt aus dem 12. Jahrhundert. Die Straßen sind schmal und gehen in Kurven immer rauf und runter. Wir durchstreiften die Stadt kreuz und quer. Hier hätte man jetzt einen kundigen Führer gebraucht. Draußen am Stadtrand, unmittelbar hinter der Friedhofsmauer machten wir Mittag.

Anschließend setzten wir uns in eine kleine Weinstube und tranken ein Glas Rotwein. Es herrschte eine wohltuende Atmosphäre. Die Gaststube war sehr einfach eingerichtet. Der Fußboden war mit weißem Sand bestreut. Es war richtig behaglich. Ein alter Zimmermann mit zerfurchtem Gesicht saß bei Freunden am Nebentisch. Er sprach ein einwandfreies Deutsch und war unser Dolmetscher. Als Wanderbursche hatte er Deutschland kennen gelernt. Die dicke freundliche Wirtin erhöhte die Gemütlichkeit noch um einige Grade. Als unser Glas leer war, zahlten wir jeder 35 Francs (42 Pfennige) und nahmen unsere Wanderung wieder auf.

In einer Stadtrandsiedlung spielte eine Horde Kinder Krieg. Mit lautem Alleman, Alleman-Geschrei stürmten sie eine Stellung. Wir die echten Allemans marschierten belustigt und ungeschoren durch sie hindurch.
Der 16:00-Uhr-Bus brachte uns nach Calais zurück. Er nahm einen anderen Weg, der näher war und durch das Landesinnere führte.

Wir waren beide ziemlich müde. Immerhin hatten wir so an die 20 km zu Fuß zurückgelegt. Während der Fahrt dösten wir vor uns hin.


AUSLAUFEN

Im Hafen lag uns gegenüber an der anderen Seit des Hafenbeckens ein spanischer Dampfer. Die Spanier hatten uns in den letzten Tagen wiederholt besucht und sich dabei auch unsere Maschine angesehen. Die Matrosen von hüben und drüben hatten sich angefreundet und gemeinsam manches Gelage gefeiert.
Nach einer guten Woche ging die Hafenzeit in Calais zu Ende. Als die Leinen gelöst wurden, winkten die spanischen Caballeros drüben auf ihrem Dampfer wie verrückt zum Abschied. Vor dem Hafen war Nebel. Doch weiter draußen klarte es auf. Unser Ziel hieß wieder Kanada.


FAZIT

Das war ein Landgang besonderer Art. Außer am Wochenende ließ der Arbeitsalltag in den Häfen so etwas nicht zu. Wir haben die Zeit in Calais genutzt, um die Stadt und ihre Umgebung ein ganz klein wenig kennen zu lernen. Leider können daraus keine hochaktuellen Tipps für den Reisenden von heute abgeleitet werden. Ich kann aber jedem eine Reise dorthin sehr empfehlen.

19 Bewertungen, 1 Kommentar

  • anonym

    06.04.2002, 19:18 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    schöner bericht