Mehr zu AutorInnen mit B Testbericht

No-product-image
ab 22,51
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003

Erfahrungsbericht von der_Baer

Birnstein, Uwe - Göttliches Gift

Pro:

amüsante Phrasierungen in den Dialogen

Kontra:

aber so spricht kein Mensch

Empfehlung:

Ja

Als mir das erste Mal das Wort Kirchenkrimi unterkam, dachte ich zu allererst an die grausigen Mönchsgestalten eines Edgar Wallace oder die geschichtlichen Vergehen, die uns Umberto Eco in „Der Name der Rose“ schilderte. Mit Spannung erwartete ich also das Buch „Göttliches Gift“ von Uwe Birnstein, dass im Gütersloher Verlagshaus in der Reihe GTB Krimi demnächst erscheinen wird. (ISBN 3-579-01279-7, € 8,50, Taschenbuch, 142 Seiten)

Zum Inhalt:
Tatort Hamburg. Bei Teufelsbrück wird die Leiche einer jungen Frau angeschwemmt. Blessuren durch die mehrtägiges Treiben im Wasser und leere Augenhöhlen (angeblich lieben Fische die eiweißhältigen Substanzen der Sehorgane), aber ansonsten keinerlei Anzeichen für Fremdeinwirkung mit Todesfolge oder gar Mord. Auch die Obduktion bescheinigt ein Ableben infolge Suizid.

Aber die Mutter der jungen Frau glaubt nicht daran. Angela von Reelen war zu lebenslustig und ihrem (protestantischem) Glauben verwurzelt, als dass sie diesen Notausgang aus dem Leben gesucht hätte. Ein Zeitungsinserat führt Frau von Reelen zu einer Privatdetektivin, namens Maren Meister, die den Fall untersuchen soll.

Maren Meister, die nach einem Theologiestudium die Laufbahn als private Ermittlerin eingeschlagen hat, ist mit dem Pastor Stefan ein Liebesverhältnis hat, obwohl dieser verheiratet ist und auch nicht kinderlos, erkennt, dass hier offensichtlich von der Polizei, respektive dem Herrn Hauptkommissar Sörensen, nicht so ganz wahrheitsgetreu ermittelt wurde. Der Körper der Toten weist Spuren eines Schlangenbisses auf.

Und bald findet Maren Meister einen Hinweis auf eine kirchliche Sekte, der „Kirche Jesu Christi der nachfolgenden Zeichen.“ Ihr Oberhaupt Pastor Friedemann Lucht legt einen Psalm des Markusevangeliums auf seine Weise aus und betreibt in seinem Umkreis Schlangenverehrung. Ist Angela von Reelen zu nahe in seinem Dunstkreis gewesen und kann Frau Meister im Umgang mit der Diamantklapperschlange ihren Meister stehen und dem Sektenführer das Handwerk legen?

Zum Autor:
Uwe Birnstein weiß, wovon er schreibt. Er ist Diplom-Theologe und Journalist und hat bereits mehrfach Veröffentlichungen mit religiösem Background unter die Leserschaft gebracht. (Tödliches Abendmahl; Wenn Gottes Wort zur Waffe wird; Sagen Sie mal, Herr Jesus ...) Der 1962 in Bremen geborene und jetzt in Oberbayern lebende Publizist ist an einigen Hörfunk- und Fernsehproduktionen beteiligt. Genaueres findet sich auf seiner Homepage www.birnstein.de

Lesegefühl:
Unabhängig von der persönlichen Glaubenshaltung verwundert zu Beginn die Beschreibung körperlicher Liebesakte. Wenn man jedoch bedenkt, dass das Leben nicht nur aus Beten und Arbeiten besteht, wird deutlich, dass auch Menschen, die in ihrer Religion verwurzelt sind, in erster Linie eben Menschen sind, mit den selben Bedürfnissen und Trieben, wie jeder andere auch. Schon aus dieser Sichtweise darf es nicht verwundern, dass auch Verbrechen und Tod genau dort präsent werden, wo man eigentlich Liebe und Frieden erwarten sollte. Besonders am Anfang wirken die religiösen Elemente eher aufgesetzt. Es ist kein Zufall, dass praktisch jeder Beteiligte in irgendeiner Form der (protestantischen) Kirche zugehörig ist, und das wirkt störend, wie wohl es sich im Laufe der Handlung als dramaturgisches Muss ergibt.
Schon nach den ersten Seiten werden die Fronten bezogen. Hier herrscht das Gute und hier das Böse. Dass dem nicht unbedingt so ist, merkt der Leser früher oder später. Mit ständig wiederkehrenden Effekten, etwa dem Zischen einer Süßstofftablette, treibt Herr Birnstein seinen Leser in Richtung der Schlange, die auch im sehr spannenden und überraschenden Showdown ein wichtiges Mittel im Handlungsablauf ist.
Sprachlich zeigt das Buch keinerlei Längen und ist zügig geschrieben. Gelegentlich wäre eine etwas sparsamere Anwendung theologischer Floskeln wünschenswert gewesen, doch hindern diese keineswegs daran, Gefallen an dieser Art Lektüre zu finden.

Herr Birnstein kann mit diesem Buch sicherlich nicht in die Rubrik „Hohe Literatur“ eingeordnet werden. In der Sparte „Unterhaltungsroman“ kann er jedoch mit vielen gängigen Krimiautoren mithalten. Viel wichtiger erscheint mir der Versuch, über religiöse Themen zu sprechen und zu zeigen, wie sehr sie in unser Leben involviert sind, auch wenn man nicht als Kirchgänger gilt. Die Momente, an denen man im Lesen inne hält und ins Grübeln kommt, sind selten, aber vorhanden. Die Figuren, die dieses Buch bevölkern, haben nichts von der depressiven Gehirnakrobatik der modernen Nordlandkrimis mit ihrer psychologischen Selbstzerfleischung.

Vom Ansatz her darf man gespannt sein, wie Uwe Birnstein die Gestalt der Maren Meister weiter entwickelt. In diesem Krimi ist sie noch zu sehr Anfängerin, aber sie hätte das Zeug zu einer Kultdetektivin, wenn es gelingt, sich mehr mit der Hauptperson zu identifizieren. Ein paar Brocken mehr Humor, anstatt Theologie, und ein wenig mehr Persönlichkeit und Lokalkolorit könnten dem Nachfolger nicht schaden.


© W. Weninger
www.baerenhoehle.tv


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-04-16 20:26:30 mit dem Titel Bellini, Umberto - Arriverderci Venezia

Nirgendwo anders hätte diese Geschichte so ihren Lauf nehmen können als in Griechenland. In einer schaurigen Novembernacht 1949 wird auf der sagenumwobenen Insel Lesbos unter widrigsten Umständen ein Kind geboren. Hässlich wie die Nacht ist das Bündel Mensch, gebrandmarkt durch seine Echsenhaut und es wächst heran, beseelt von schwarzen, mörderischen Gedanken. Dimitros Kasasis tötet seinen Bruder, schwängert ein junges Mädchen und verschwindet für immer.

Jahrzehnte später. Wonnemonat Mai. Aber Commissario Benedetti ist nicht in Frühlingsstimmung. Weil sein Vorgesetzter Manzoni in den Ruhestand geht, hat er ihm ein letztes Kuckucksei ins Nest gelegt und die Versetzung von Herrn Benedetti von Venedig nach Rom arrangiert. Was diesem überhaupt nicht schmeckt. Immerhin teilt der bekennende Single sein Leben nicht nur mit der luxuriösen Lebensart seiner Mutter, einer gefeierten Ex-Operndiva, sondern auch noch mit seiner Leidenschaft zu Venedig, Lebenslust und gutem Essen. Na ja, eben typischer Venezianer. Und ein solches Vorgehen des schleimigen Manzoni muss man sich ja auch nicht gefallen lassen. Gottlob hält wenigstens seine Sekretärin Margherita zu ihm, die allerdings auch sehr geknickt ist, wenn sie an den bevorstehenden Fortgang ihres innig verehrten Chefs denkt.

Während des Studiums der Tageszeitungen fällt dem Commissario eine kleine Notiz auf, die besagt, dass aus dem berüchtigtsten Gefängnis von Santa Cruz (Bolivien) drei Gewaltverbrecher entflohen sind. Wo werden diese wohl untertauchen? Italien wäre ein optimales Pflaster und so beschließt unsere Hauptfigur, den wohlverdienten Urlaub zu nehmen und sich ein wenig in Bolivien umzusehen. Und natürlich auch dort das ein oder andere Auge auf die holde Weiblichkeit zu werfen. Als hätte alles auf die Ankunft unseres Italopolizisten gewartet, wird Benedetti eine heiße Spur serviert.

In der Zwischenzeit ist in Venedig der Teufel los. Schamloses Erpresserpack will die Stadt um 150 Millionen Euro erleichtern, ansonsten soll die Lagunensiedlung mit einem Ölteppich verseucht werden. Benedetti ist natürlich noch immer beleidigt ob der Intrigen der Obrigkeit und beginnt im Urlaub alleine zu ermitteln. Wichtigstes Bindeglied ins Büro ist natürlich seine Sekretärin, die er nach einem fulminanten Dinner mit anschließendem Betthupferl entgültig auf seine Seite ziehen kann.

Und Commissario Zufall hilft seinem Ermittlerkollegen kräftig auf die Sprünge. Niemand anderer als die Tochter des zu Beginn genannten Dimitros Kasasis läuft ihm über den Weg und somit ist sicher gestellt, dass auch kein anderer Übeltäter für diese Schandtat verantwortlich sein kann. Und Benedetti hat alle Hände voll zu tun, um dem Verbrecher samt Compagnons nach Möglichkeit das Handwerk zu legen, bevor Schlimmes passiert.

Der in Deutschland geborene Umberto Bellini, hat den vierten Band seiner Reihe um Commissario Benedetti vorgelegt. Man merkt, dass der Autor Psychologie, Germanistik und Philosophie studiert hat. Die Sprache dieses Kriminalromans wirkt künstlerisch bis künstlich, die Dialoge laufen in geschnörkeltem Singsang ab, wie in kein Mensch normalerweise sprechen würde (höchstens vielleicht Reich-Ranitzki) und die gesamte Story ist unterlegt mit Abhandlungen und Bonmots über Gott und die Welt. Dabei erlaubt sich der Autor in manchen Sequenzen genauso zynisch mit seiner Betrachtungsweise umzugehen, wie dies auch sein Commissario tut. Gelegentlich hat man das Gefühl, dieser sei zwar nicht ganz mit der (Um)Welt in Einklang, lächelt aber sehr von oben herab auf die Menschen rundum. Würde mir dieser gebildete Zeitgenosse über den Weg laufen, ich wüsste nicht, ob er mir besonders sympathisch wäre.

Die Geschichte kann genügend Spannung aufbauen, um den Leser bei der Stange zu halten. Allerdings scheint der Fall mehr von Zufällen und Intuition zu leben, als von konstruktiver Ermittlungsarbeit. Ähnlich wie der Romankollege bei Camilleri läuft die Ermittlungsgeschichte ziemlich nebenher, während das Hauptlesevergnügen eher in den mit ironischem Augenzwinkern vermittelten Ansichten und Einsichten des Autors liegt. Das bei Bastei-Lübbe erschienene Buch „Arrivederci Venezia“ ISBN 3-404-14688-3, Preis € 7,90 bringt auf seinen 270 Seiten ein angenehm entspanntes Lesevergnügen ohne allzu großen Krimianspruch. Über weite Passagen ist der Inhalt vorhersehbar und das Ende ist keineswegs überraschend. Resüme: Nette Durchschnittskrimikost für jedermann.

(c) W.Weninger
www.baerenhoehle.tv

11 Bewertungen