Erfahrungsbericht von Volker111
Horror, Phantasie und Sex
Pro:
Romantik, schöne Sprache
Kontra:
Vorurteile, zu idealisiert
Empfehlung:
Nein
CIAO-Userin pieohpah weckte mein Interesse an Clive Barker durch einen ihrer lesenswerten Berichte. Allerdings sehe ich bei Clive Barker nicht so sehr den Kampf von Gut gegen Böse, dazu wechseln auch zu oft die Fronten. Genug der Vorrede.
Clive Barker Stadt des Bösen, besser Everville
(1995 als Taschenbuch im Heyne Verlag München erschienen, bei amazon.de früher zu 16,90 DM bestellbar)
Vordergründig geht es um die besondere Geschichte einer erträumten Stadt, wobei Fiktion und Realität ständig wechseln, die Übergänge fließend, ja miteinander verwoben sind, eigentlich aber geht es um das Nutzbarmachen der "Kunst", nach deren Macht bestimmte Wesen, Menschen streben, teils gezielt, teils unbewusst.
Was ist nun die "Kunst", die unabhängig von den geschilderten Einzelschicksalen, auch als Geschichten zu bezeichnen, das Leitmotiv des Romans darstellt?
Im Vorwort, zu Beginn vom Leser nicht zu verstehen, auch später eher zu erahnen, finden wir diese Erklärung:
"Erinnerungen, Träume und Phantasiegespinste - Vergangenheit, Zukunft und der Augenblick des Traumes dazwischen - bilden ein Land, das einen einzigen, unsterblichen Tag lang existiert.
Das zu wissen, ist Weisheit.
Es sich nutzbar zu machen, ist die >Kunst<."
Diese Definition stellt ein mehrfaches Paradoxon dar. Ein Tag ist etwas endliches. Er hat einen Beginn, einen Ablauf und ein Ende mit verschiedenen Stadien. Er kann sich wiederholen. Doch das, was ein Ende hat, kann nicht unsterblich sein. Geburt, Leben, Tod bedingen einander. In der Unsterblichkeit gäbe es keine Erneuerung. Die Formen des Seins blieben ebenfalls konstant. Veränderungen haben einen Beginn und ein Ende.
Jeder Traum braucht einen Träumenden. Selbst Träume unterliegen Gesetzmäßigkeiten. Doch genug dieser Gedankengänge.
Das Typische dieses Fantasieromans ist eben gerade die Aufhebung aller Gesetzmäßigkeiten, die Aufhebung von Seinsgrenzen, die Erschaffung vieler Paradoxa, welche im Grunde genommen jede Sicherheit, jeden Abschluss in Frage stellt, da kein Ereignis je als endgültig angenommen werden kann.
Die Übersetzung oder der Druck des Romans ist zudem an einigen Stellen merkbar falsch.
Im Grunde genommen kann man nicht vom Kampf des Guten gegen das Böse sprechen.
Es werden verschiedene Wesen im Kampf miteinander geschildert, wobei diese oft selbst nicht mehr wissen, warum sie miteinander kämpfen. Häufig geht es um die Erlangung von Macht oder die Erlangung einer "höheren" Existenzform.
Es ist daher recht schwierig, den roten Leitfaden des Handlungsablaufes wiederzugeben.
Eine, vielleicht die wichtigste Kernlinie möchte ich darstellen.
Im Frühjahr 1848 zieht ein Treck von Independence, Missouri nach Westen, unter ihnen Harmon O´Connell mit seiner 12jährigen Tochter Maeve. Owen Buddenbaum hat diesem Mann den Traum der Erschaffung einer Stadt eingepflanzt, wobei er bei Gelingen der Verwirklichung dieses Traumes ein besonderes Amulettkreuz an der Hauptkreuzung vergraben lässt, welches im Laufe der nächsten Jahrzehnte Energie/Macht ansammelt, die er ca. 150 Jahre später nutzen will.
Harmon O´Connell wird zwar erschossen, doch seine Tochter, die ein Wesen aus einer anderen Welt heiratet, schafft es Everville zu verwirklichen.
Sie, ihr Mann und ihr Sohn werden in einer Art Lynchjustiz erhängt. Doch sie überlebt. Im Glauben, dass ihr Sohn tot und von Wölfen gefressen sei, wechselt sie in die Parallelwelt, wo sie durchaus erfolgreich wieder ein Bordell leitet.
Ihr Mann geistert als Toter wie andere tote Seelenwesen weiter durch Everville. Ihr Sohn Kissoon, der ebenfalls überlebte und Vater und Mutter tot wähnte, führt einen Rache- und Vernichtungszug gegen die "Sapas humana".
Während der jährlichen Gründungsfeier in Everville kommt es zu den entscheidenden "Duellen".
Mehr will ich vom doch recht komplexen Handlungsstrang nicht vorwegnehmen.
Verpackt in diesen traumatischen Machtkampf phantasievoller Wesen sind romantische Liebesgeschichten garniert mit der Beschreibung derb-sinnlichen Sexszenen.
Meine persönliche Bewertung:
Spannung kann man diesem 779 Seiten langen Fantasie- und Horrorroman nicht absprechen.
Logik darf man nicht erwarten, dafür gibt es außer der Durchbrechung bzw. Aufhebung vieler physikalischer Gesetze zum Teil fast psychedelische Beschreibungen verschiedener Empfindungen.
Von der Sprache her bleibt die Ausleuchtung der Charaktere der Helden und Opfer eher oberflächlich. Sie werden vorrangig durch ihre Reden und Handlungen halbwegs vorstellbar.
Mit Stephen Kings stufen weiser Entwicklung der Persönlichkeit seiner Haupt- und Nebenpersonen kann hier Clive Barker in keiner Weise konkurrieren.
Gegenständliche Beschreibungen, z.B. von Häusern, Einrichtungen, Naturumgebung etc. sind aus meiner Sicht leider auch nur sehr schwach ausgeprägt.
Die Stärke liegt im Action- und Ideenreichtum unerwarteter Abläufe.
Daher, so sehr ich auch die phantastische Reise von der Spannung her genossen habe, jetzt brauche ich zur sprachlichen Erholung einfach wieder etwas echt Literarisches.
Trotzdem würde ich diesen Roman von Spannung und Fantasie her durchaus noch empfehlen.
Er liest sich nämlich andererseits durch die einfachere Sprache recht schnell.
Also, viel Spaß und gute Nerven auf der Reise nach Everville, der ewigen Ortschaft, oder ist die gezählte Einwohnerschaft von 7304 Köpfen wirklich den Namen Stadt wert?
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-03-18 20:18:15 mit dem Titel Spannung von der 1. bis zur letzten Seite
Die siebte Geißel Ann Benson - GOLDMANN Verlag, Taschenbuch 18 DM, 637 Seiten, aktuell als Sonderausgabe zu 7,50 € bei amazon.de
**** Vorwort ****
Vorweg, ich hoffe, dass die Qualität der Übersetzung doch erheblich über der Qualität der Inhaltsangabe auf der Rückseite des Buches, aber auch der etwas ausführlicheren innen, liegt.
Sicher, ein zeitlich sehr weit entfernter Handlungsstrang, beginnend 1348, wartet auf und beeinflusst entscheidend den zweiten Handlungsablauf im Jahre 2005. Dies in möglichst kurzer Form, ohne zu viele Einzelheiten des Inhalts zu verraten, wiederzugeben, ist nicht einfach, doch sollten grobe Fehler einem Verlag einfach nicht passieren.
***** Inhaltsanriss mit einigen Richtigstellungen der Buchinhaltsangabe ****
Im 14. Jahrhundert in der spanischen Stadt Cervere, Aragon wird der junge jüdische Arzt Alejandro Canches beim Zurückbringen einer von ihm einer Autopsie unterzogenen Leiche eines Christen überrascht. Diesen hätte er als jüdischer Arzt nicht behandeln dürfen, doch sein jugendlicher Idealismus hatte ihn leichtsinnig handeln lassen. Er möchte durch die Leichenöffnung mehr über die Todesursache und bessere Therapiemöglichkeiten in Erfahrung bringen.
Doch Autopsien waren jeder medizinischen Fakultät nur einmal jährlich nach einem strengen Reglement gestattet und ansonsten streng verboten. Ein generelles Verbot mit der festen Verknüpfung der Todesstrafe wie es in der Inhaltsangabe des Buches steht, gab es nicht. Allerdings verfuhr man mit HEIDEN generell sehr streng.
Seinem reichen einflussreichen Vater gelingt es, durch Streichung der Schulden des Bischofs Johann von Aragon die Freilassung und Ausweisung samt sicheren Geleits seines Sohnes zu erwirken. Doch der Bischof hält sich nur zum Teil an die Abmachungen. Heimlich bereitet er die Verbannung der gesamten jüdischen Familie und die Beschlagnahmung sämtlicher ihrer Besitztümer vor. Außerdem verfügt er zwar die Freilassung, doch zusätzlich die Brandmarkung des jungen Arztes als Jude.
Die Familie erfährt rechtzeitig vom betrügerischen Vorhaben des Bischofs und kann einen Teil ihres Besitzes retten. Alejandro schafft es mit etwas Glück, 'nur' auf der Brust gebrandmarkt zu werden. Nach seiner Freilassung besucht er auf seiner Ausweisungsreise nach Avignon, Papstresidenz, zuvor den Bischof von Aragon und ermordet ihn aus Rache für den Betrug und die Misshandlungen.
Dann flieht er in Begleitung des ihm zugeteilten christlichen Spaniers Hernandez nach Avignon, in der Hoffnung, dort als Arzt zu praktizieren und seine Familie wieder zu treffen.
Er flieht also mitnichten durch ganz Europa, (von Nordostspanien nach Südfrankreich) welches auch nicht in den Händen der spanischen Inquisition ist, denn die wurde erst 1478 auf Betreiben Ferdinands II., des Katholischen und seiner Gemahlin Isabella I. und mit Unterstützung des Papstes eingerichtet. Ein glatter Anachronismus in der Inhaltsangabe des Buches!
Europa ist in den Händen der Beulenpest, die vor arm oder reich, Christ oder Heide, keinen Unterschied macht.
In Avignon (Papstresidenz von 1309 bis 1376) stirbt trotz all seiner Bemühungen auch Hernandez. Dessen Identität übernimmt er, als er die Chance erhält, vom Leibarzt des Papstes eine besondere medizinische Ausbildung zu erhalten, um zu helfen, die Ausbreitung der Pest zu bekämpfen. Von wechselnden Identitäten kann also nicht die Rede sein!
Aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten wird er als Leibarzt nach London, zum König Eward III. geschickt, um diesen und seinen Hofstaat durch Durchführung einer strengen Quarantäne zu schützen.
Dort, und nicht in Avignon, trifft er auf die Liebe seines Lebens, der Gräfin Adele. Doch das dramatische Geschehen wird mehr durch seinen Kampf gegen die Pest bestimmt, einem Kampf, in dem er mystische Unterstützung erhält. Gleichzeitig wird hier die Grundlage der zweiten Handlung geschaffen.
Diese zweite Handlung, im Roman wechselnd erzählt, fasse ich jetzt etwas kürzer.
Die Welt hat eine bakteriologische Katastrophe hinter sich. Die amerikanische Chirurgin Janie Crown verliert wie viele ihre ärztliche Zulassung, erhält aber die Chance einer Umschulung zur forensischen Archäologin.
Bei ihren Bodenproben in England stößt sie auf die Reste eines von Alejandro vor über 650 Jahren auf der Flucht vergrabenen, verseuchten Kleidungsstückes. Durch eine Verkettung verschiedener Fehlverhalten und Unfälle erwacht Gertrud P. coli, das Bakterium Yersinia pestis, zum Leben. Eine weitere Katastrophe bahnt sich an. Wird sich die Geschichte des Schwarzen Todes wiederholen?
**** Eigene Eindrücke ****
Mag die Inhaltsangabe des Verlages auch noch so schlecht sein, der Inhalt des Romans ist jedenfalls was Vergangenheit und Zukunft betrifft, hervorragend recherchiert und stimmig.
Die Illustration des Buches mit dem Aufzeichnungen des mittelalterlichen Buches Alejandros wirkt auf mich als sehr gelungen, spielt dieses handgeschriebene Buch doch in beiden Handlungssträngen eine wichtige, bedeutsame Rolle.
Der amerikanische Titel, The Plagues Tales, trifft wieder einmal wesentlich besser als der deutsche Titel, Die siebte Geißel, wobei noch zu befürchten ist, dass manche aus Geißel sinnentstellend Geisel machen, was ich des öfteren schon hier und anderswo gelesen habe.
Beide Welten, die sterile und trotzdem gefährdete Zukunftswelt, die grausame, von Machtmissbrauch, Unterdrückung, Scheinheiligkeit und Aberglauben geprägte Welt des 14. Jahrhunderts, werden anschaulich und glaubwürdig beschrieben. Beide Welten sind durch eine nicht zu große Portion mystischer, magischer Macht miteinander verbunden, die jedoch sehr entscheidend die Handlungsergebnisse beider Erzählungen beeinflusst.
Beide Erzählungen enthalten alle wesentlichen Elemente eines extrem spannenden, dramatischen Geschehens, eine Grundidee im Widerstreit der Gefühle, Tod und Trauer, romantische Liebe, Glaube, Hoffnungen, Enttäuschungen, das Gefühl, für eine Aufgabe eine Bestimmung erhalten zu haben, Gefahr und Rettung.
Mit bedingt durch die poetische Kraft der Sprache konnte ich den Roman, einmal begonnen, kaum noch aus der Hand legen. Trotz der mehr als 600 Seiten fieberte ich bereits am zweiten Tage dem Ende entgegen.
Dieses Buch kann ich auf jeden Fall wärmstens weiter empfehlen.
Zum Abschluss noch eine kleine Leseprobe, S. 6, letzter Abschnitt:
'...Er zog eine Feder, die als Lesezeichen diente, zwischen den Seiten des Buches hervor, streckte die Hand aus und hielt die Feder vor Mund und Nase der alten Frau; alle paar Augenblicke bewegten sich die zarten Federstrahlen ganz leicht vom schwachen Hauch ihres Atems. Doch nach ein paar weiteren langen, stockenden Atemzügen hörte die Bewegung schließlich auf, und die Feder in seiner Hand regte sich nicht mehr.
Er hielt sie noch eine Zeit, die ihm sehr lang vorkam, bevor er ganz überzeugt war, dass seine Mutter gegangen sei. Dann senkte er den Kopf und weinte lautlos; seine Tränen fielen wie sanfter Regen auf den modrigen Einband des Buches.'
Ist dies nicht wirklich eine schöne, ausdrucksstarke, poetische Sprache?
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-09 16:01:35 mit dem Titel Der Lehrer als idealer Ehemann
••• Schüler und Lehrer, was hat sich geändert? ••• *gg*
Passend zu den endlosen Diskussionen über PISA-Studie und Konsequenzen diesmal zu Beginn eine leicht abgeänderte Leseprobe, Klammern von mir zum besseren Verständnis eingefügt, die Punkte ... um nicht zu viel zu verraten. *gg* :
\"Es erforderte keine sonderlich genaue Beobachtung, den Charakter der Jugendlichen aus... herauszufinden, aber es bedurfte eines gewissen Feingefühls, die eigenen Maßnahmen (des Lehrers) ihren Fähigkeiten anzupassen.
Ihr (das der Schüler) intellektuelles Vermögen war im allgemeinen schwach, ihre körperlichen Bedürfnisse ausgeprägt. So lagen zur selben Zeit Unfähigkeit und eine Art von schwerfälliger Kraft in ihrer Natur; sie waren schwer von Begriff, aber sie waren auch einzigartig dickköpfig, schwer wie Blei und, genau wie Blei, höchst schwierig zu bewegen.
So wie der Fall lag, wäre es wahrscheinlich absurd gewesen, von ihnen große geistige Anstrengungen erzwingen zu wollen.
Da sie nur über ein kurzes Gedächtnis, beschränkte Intelligenz und schwaches Denkvermögen verfügten, erschreckten sie mit Schaudern vor jeder Tätigkeit zurück, die genaues Studium oder tieferes Nachdenken erforderte. Wäre die verhasste Leistung durch unüberlegte und willkürliche Maßnahmen seitens des Lehrers aus ihnen herausgepresst worden, hätten sie wie eine halsstarrige, quiekende, verzweifelte Herde von Schweinen reagiert: obschon als einzelne nicht tapfer, so doch unbarmherzig in ihrem Treiben in der Klassengruppe.
Ich erfuhr, dass vor meinem Eintreffen in... der vereinte Ungehorsam der Schüler die Entlassung von mehr als einem ...Lehrer bewirkt hatte.\"
Gut, die Formulierungen zur Beschreibung der Schüler und des Lehrers sind bei aller drastischen Deutlichkeit doch zu bildhaft und poetisch, als dass sie unmittelbar von heute sein könnten. Doch nun ratet mal, möglichst ohne vorher weiter zu lesen, wann diese scheinbar zeitlosen Zeilen aus der Sicht eines später aus eigener Sicht außerordentlich erfolgreichen Pädagogen stammen?!
Vor zehn Jahren, zwanzig, fünfzig oder hundert? Oder doch erst vor kurzem?
Wer behauptet da, auf die richtige Zahl von sage und schreibe 152 Jahren gekommen zu sein?
Setzen, weil irgendwie gemogelt! *gg* Kompliment allen, die annähernd die richtige Jahreszahl erahnten.
••• Gründe, den über 150 Jahre alten Roman zu lesen •••
Vorweg, der Roman ist nur so gespickt von Vorurteilen, Schablonen und Stereotypvorstellungen der damaligen Zeit. Allerdings auch faszinierend, wie es gleichermaßen Katholiken, Deutsche, Flamen und Franzosen trifft, natürlich auch Frauen.
Trotzdem, ein kleiner Hauch des Strebens nach Emanzipation zumindest im beruflichen Bereich wird deutlich, auch wenn im trauten Eheglück der Mann Herr und Meister, selbst aus Sicht der Frau zu bleiben hat. Eine Frau ohne Mann hat ihrem Leben keinen Sinn gegeben, mag sie noch so tugendhaft gelebt haben. Einige Beispiele der unbeirrbaren Wertvorurteile werde ich etwas später noch zitieren.
Doch was spricht nun wirklich fürs Lesen des Romans?
Zu aller erst, einfach die bildhafte, sehr schön differenzierte Sprache, angereichert mit einem kleinen Französisch Kurs der Konservation. Doch keine Angst, am Schluss des Buches sind 107 Anmerkungen, in denen man die Übersetzungen der französischen Dialoge findet.
Der Roman stellt einen idealistisch verklärten Lebenslauf mit jeder Menge Romantik des \"Professors\" (Lehrers) William Crimsworth und seiner Schülerin und späteren Ehefrau Frances dar. Seine Laufbahn beginnt als Englischlehrer an einer Schule in Brüssel.
Bevor sich jedoch findet, was zusammengehört, müssen diverse mehr oder weniger gefährliche Anfechtungen für den jungen Lehrer erfolgreich überstanden werden.
Hilfreich sind dem englischen Junglehrer dabei seine protestantische Religion und sein britisches Naturell, um den bösen katholischen Versuchungen des Kontinents zu widerstehen.
Seine spätere Braut sehnt sich als Halbengländerin, Vater Schweizer, Mutter Engländerin, dann bei der Tante in Belgien aufgewachsen, auch nach der aufrechten protestantischen Lebensweise gebildeter Briten. Nun, wer sich in Vorurteilen und in gegenseitiger Attraktivität einig ist, passt zumindest in einem Roman zusammen und kann auch durch böse Intrigen einer mächtigeren Rivalin (Direktorin der Mädchenschule) nicht getrennt werden. *g*
Auf jeden Fall erwartet alle ein wunderschönes Happy-End, wobei dann die Ehejahre mit Geburt eines Sohnes nur noch einen recht kleinen Teil des Romans ausmachen, so wie in früheren Filmen mit der Hochzeit alles Wichtige abgeschlossen und das Lebensziel erreicht wurde.
Genug des Inhalts, gehen wir zur Schriftstellerin über.
••• Über die Verfasserin des romantischen Liebes- bzw. Schicksalsromans •••
(Quelle Klappentext des ars vivendi Verlags und Internetseiten)
\"Charlotte Brontë (1816-1855) wuchs als älteste der drei schreibenden Brontë-Schwestern in der weltabgeschiedenen Pfarrei ihres Vaters in der kargen Hügellandschaft der einsamen Moore Yorkshires auf. Ohne Mutter und... sich weitgehend selbst überlassen, erhielten die Kinder nur sporadisch Unterricht. In ihrer Einsamkeit dachten sie sich umfassende Fabelwelten aus...
1842 nahm Charlotte B. ...an einem Sprachkurs in Brüssel teil. Dort unterrichtete sie am Pensionat Heger zwischen 1843 und 1844 und verliebte sich unglücklich in Monsieur Heger.\"
Ihr Roman \"Der Professor\" ist also die Verarbeitung dieser Erlebnisse (geschrieben 1846, erschienen posthum 1857), allerdings aus der Sicht des Lehrers geschrieben und mit einer erfüllten Liebe endend.
Auch in ihrem Roman Vilette versuchte sie ihre unerfüllte Liebe zu verarbeiten.
\"Berühmt wurde sie jedoch durch Jane Eyre veröffentlicht 1847 unter dem Pseudonym Currer Bell. Sie starb mit 39 Jahren an Tuberkulose, ein Jahr nach ihrer Eheschließung mit dem Pfarrer Arthur Bell Nichols.
Aus ihrem kurzen Lebenslauf erklären sich einige \"Schwächen\" des Romans. Ihr fehlten schlichtweg die eigenen Lebenserfahrungen, um hier realistischer schreiben zu können.
••• Beispiele zu angeblichen Nationaleigenschaften, Eigenschaften Frauen, Männer •••
S. 75 \" Pelets Haus und Küche wurden von seiner Mutter geführt, einer echten, alten Französin. Sie war einst hübsch gewesen...Jetzt war sie hässlich, wie es nur alte Frauen auf dem Kontinent sein können...\"
S. 78 \" Im Allgemeinen nehmen sich die älteren Frauen auf dem Kontinent, oder doch zumindest die in Belgien, eine Freiheit der Manieren, der Rede und des Aussehens, vor der unsere (englischen) ehrenwerten granddames als absolut ungehörig und dem guten Ruf abträglich zurückschrecken würden...\"
S. 245/246 \"In der Vorstellung, der vorausschauende Beschützer des Menschen zu werden, den man liebt - ihn zu ernähren und zu kleiden, wie es Gott mit den Lilien auf dem Felde tut - darin liegt etwas, was der Stärke eines Mannes schmeichelt, was seinen ehrlichen Stolz in Schwingungen versetzt.\"
S. 247 \"...keine jener auffälligen Defekte an den Augen, an den Zähnen, der Haut, der Figur, welche die Begeisterung auch des kühnsten männlichen Bewunderers von Intellektualität (weiblicher) im Zaum halten. Andererseits können Frauen (im Gegensatz zu Männern) auch einen ausgesprochen hässlichen Mann lieben, wenn er nur klug ist...\"
••• Ausblick und Bewertung •••
Für die damalige Zeit entwarf Charlotte Brontë ein schon beachtliches Bild einer annähernd gleichberechtigten Partnerschaft von Mann und Frau in der Ehe.
Erschreckend allerdings die einzig möglichen Reaktionen auf Unterdrückung in der Ehe:
S.278 \"Ich hätte versucht, das Übel eine Zeitlang zu ertragen oder es zu kurieren; und wenn ich es unerträglich und unheilbar gefunden hätte, hätte ich meinen Peiniger still und heimlich verlassen.\"
... \"Der Tod würde mich bestimmt sowohl vor den erbärmlichen Gesetzen als auch vor deren Folgen schützen.\"
Die Anmerkung 103 weist darauf hin, dass im frühen 19. Jh. der Ehemann von Rechts wegen nahezu uneingeschränkte Macht über seine Frau, die Kinder und den Besitz hatte und eine Scheidung faktisch nicht durchsetzbar war. Auch für eine misshandelte Ehefrau war es so gut wie unmöglich, ihren Verhältnissen zu entfliehen.
Diesen Hintergrund muss man beim Lesen einfach berücksichtigen. Die ersten Seiten des Romans gefielen mir nicht so, doch etwa ab der Reise nach Brüssel (Kapitel 7) bis zum 25. Kapitel war es ein Ausflug in eine romantisch verklärte, idealisierte aber schöne, gefühlvolle Welt der Vergangenheit, zudem fast fortlaufend ein sprachlicher Genuss. Der Schluss mit der Erziehungsproblematik des kleinen Sohnes Viktor wirkt jedoch arg unrealistisch und irgendwie aufgesetzt, um auch dort einen versöhnlichen Abschluss zu erreichen.
Insgesamt würde ich den Roman allen romantisch veranlagten Lesern und allen eine differenzierte Sprache schätzenden Lesern empfehlen. Für mich war es ein literarisches Kleinod aus einer anderen Epoche.
Die Originalausgabe erschien 1857 unter dem Titel The Professor in London bei Smith, Elder & Co, mein Buch (302 Seiten) gehört zur 3. Auflage (1993) des 1990 im ars vivendi Verlag erstmalig in Deutschland herausgegeben Buches.
Bei Amazon gibt es den Roman broschiert im Insel-Verlag neu für 10,90 , gebraucht ab 5,90 Euro zu kaufen. Echte Fans kaufen den \"Doppelpack\" Der Professor und Vilette zu 27 Euro.
Meine Ausgabe, gebunden, kostet bei amazon 17,50, gebraucht ab 8,99 Euro.
4 Sterne verliehen die Amazon-Kunden diesem Buch.
Viel Spaß beim Lesen.
Clive Barker Stadt des Bösen, besser Everville
(1995 als Taschenbuch im Heyne Verlag München erschienen, bei amazon.de früher zu 16,90 DM bestellbar)
Vordergründig geht es um die besondere Geschichte einer erträumten Stadt, wobei Fiktion und Realität ständig wechseln, die Übergänge fließend, ja miteinander verwoben sind, eigentlich aber geht es um das Nutzbarmachen der "Kunst", nach deren Macht bestimmte Wesen, Menschen streben, teils gezielt, teils unbewusst.
Was ist nun die "Kunst", die unabhängig von den geschilderten Einzelschicksalen, auch als Geschichten zu bezeichnen, das Leitmotiv des Romans darstellt?
Im Vorwort, zu Beginn vom Leser nicht zu verstehen, auch später eher zu erahnen, finden wir diese Erklärung:
"Erinnerungen, Träume und Phantasiegespinste - Vergangenheit, Zukunft und der Augenblick des Traumes dazwischen - bilden ein Land, das einen einzigen, unsterblichen Tag lang existiert.
Das zu wissen, ist Weisheit.
Es sich nutzbar zu machen, ist die >Kunst<."
Diese Definition stellt ein mehrfaches Paradoxon dar. Ein Tag ist etwas endliches. Er hat einen Beginn, einen Ablauf und ein Ende mit verschiedenen Stadien. Er kann sich wiederholen. Doch das, was ein Ende hat, kann nicht unsterblich sein. Geburt, Leben, Tod bedingen einander. In der Unsterblichkeit gäbe es keine Erneuerung. Die Formen des Seins blieben ebenfalls konstant. Veränderungen haben einen Beginn und ein Ende.
Jeder Traum braucht einen Träumenden. Selbst Träume unterliegen Gesetzmäßigkeiten. Doch genug dieser Gedankengänge.
Das Typische dieses Fantasieromans ist eben gerade die Aufhebung aller Gesetzmäßigkeiten, die Aufhebung von Seinsgrenzen, die Erschaffung vieler Paradoxa, welche im Grunde genommen jede Sicherheit, jeden Abschluss in Frage stellt, da kein Ereignis je als endgültig angenommen werden kann.
Die Übersetzung oder der Druck des Romans ist zudem an einigen Stellen merkbar falsch.
Im Grunde genommen kann man nicht vom Kampf des Guten gegen das Böse sprechen.
Es werden verschiedene Wesen im Kampf miteinander geschildert, wobei diese oft selbst nicht mehr wissen, warum sie miteinander kämpfen. Häufig geht es um die Erlangung von Macht oder die Erlangung einer "höheren" Existenzform.
Es ist daher recht schwierig, den roten Leitfaden des Handlungsablaufes wiederzugeben.
Eine, vielleicht die wichtigste Kernlinie möchte ich darstellen.
Im Frühjahr 1848 zieht ein Treck von Independence, Missouri nach Westen, unter ihnen Harmon O´Connell mit seiner 12jährigen Tochter Maeve. Owen Buddenbaum hat diesem Mann den Traum der Erschaffung einer Stadt eingepflanzt, wobei er bei Gelingen der Verwirklichung dieses Traumes ein besonderes Amulettkreuz an der Hauptkreuzung vergraben lässt, welches im Laufe der nächsten Jahrzehnte Energie/Macht ansammelt, die er ca. 150 Jahre später nutzen will.
Harmon O´Connell wird zwar erschossen, doch seine Tochter, die ein Wesen aus einer anderen Welt heiratet, schafft es Everville zu verwirklichen.
Sie, ihr Mann und ihr Sohn werden in einer Art Lynchjustiz erhängt. Doch sie überlebt. Im Glauben, dass ihr Sohn tot und von Wölfen gefressen sei, wechselt sie in die Parallelwelt, wo sie durchaus erfolgreich wieder ein Bordell leitet.
Ihr Mann geistert als Toter wie andere tote Seelenwesen weiter durch Everville. Ihr Sohn Kissoon, der ebenfalls überlebte und Vater und Mutter tot wähnte, führt einen Rache- und Vernichtungszug gegen die "Sapas humana".
Während der jährlichen Gründungsfeier in Everville kommt es zu den entscheidenden "Duellen".
Mehr will ich vom doch recht komplexen Handlungsstrang nicht vorwegnehmen.
Verpackt in diesen traumatischen Machtkampf phantasievoller Wesen sind romantische Liebesgeschichten garniert mit der Beschreibung derb-sinnlichen Sexszenen.
Meine persönliche Bewertung:
Spannung kann man diesem 779 Seiten langen Fantasie- und Horrorroman nicht absprechen.
Logik darf man nicht erwarten, dafür gibt es außer der Durchbrechung bzw. Aufhebung vieler physikalischer Gesetze zum Teil fast psychedelische Beschreibungen verschiedener Empfindungen.
Von der Sprache her bleibt die Ausleuchtung der Charaktere der Helden und Opfer eher oberflächlich. Sie werden vorrangig durch ihre Reden und Handlungen halbwegs vorstellbar.
Mit Stephen Kings stufen weiser Entwicklung der Persönlichkeit seiner Haupt- und Nebenpersonen kann hier Clive Barker in keiner Weise konkurrieren.
Gegenständliche Beschreibungen, z.B. von Häusern, Einrichtungen, Naturumgebung etc. sind aus meiner Sicht leider auch nur sehr schwach ausgeprägt.
Die Stärke liegt im Action- und Ideenreichtum unerwarteter Abläufe.
Daher, so sehr ich auch die phantastische Reise von der Spannung her genossen habe, jetzt brauche ich zur sprachlichen Erholung einfach wieder etwas echt Literarisches.
Trotzdem würde ich diesen Roman von Spannung und Fantasie her durchaus noch empfehlen.
Er liest sich nämlich andererseits durch die einfachere Sprache recht schnell.
Also, viel Spaß und gute Nerven auf der Reise nach Everville, der ewigen Ortschaft, oder ist die gezählte Einwohnerschaft von 7304 Köpfen wirklich den Namen Stadt wert?
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-03-18 20:18:15 mit dem Titel Spannung von der 1. bis zur letzten Seite
Die siebte Geißel Ann Benson - GOLDMANN Verlag, Taschenbuch 18 DM, 637 Seiten, aktuell als Sonderausgabe zu 7,50 € bei amazon.de
**** Vorwort ****
Vorweg, ich hoffe, dass die Qualität der Übersetzung doch erheblich über der Qualität der Inhaltsangabe auf der Rückseite des Buches, aber auch der etwas ausführlicheren innen, liegt.
Sicher, ein zeitlich sehr weit entfernter Handlungsstrang, beginnend 1348, wartet auf und beeinflusst entscheidend den zweiten Handlungsablauf im Jahre 2005. Dies in möglichst kurzer Form, ohne zu viele Einzelheiten des Inhalts zu verraten, wiederzugeben, ist nicht einfach, doch sollten grobe Fehler einem Verlag einfach nicht passieren.
***** Inhaltsanriss mit einigen Richtigstellungen der Buchinhaltsangabe ****
Im 14. Jahrhundert in der spanischen Stadt Cervere, Aragon wird der junge jüdische Arzt Alejandro Canches beim Zurückbringen einer von ihm einer Autopsie unterzogenen Leiche eines Christen überrascht. Diesen hätte er als jüdischer Arzt nicht behandeln dürfen, doch sein jugendlicher Idealismus hatte ihn leichtsinnig handeln lassen. Er möchte durch die Leichenöffnung mehr über die Todesursache und bessere Therapiemöglichkeiten in Erfahrung bringen.
Doch Autopsien waren jeder medizinischen Fakultät nur einmal jährlich nach einem strengen Reglement gestattet und ansonsten streng verboten. Ein generelles Verbot mit der festen Verknüpfung der Todesstrafe wie es in der Inhaltsangabe des Buches steht, gab es nicht. Allerdings verfuhr man mit HEIDEN generell sehr streng.
Seinem reichen einflussreichen Vater gelingt es, durch Streichung der Schulden des Bischofs Johann von Aragon die Freilassung und Ausweisung samt sicheren Geleits seines Sohnes zu erwirken. Doch der Bischof hält sich nur zum Teil an die Abmachungen. Heimlich bereitet er die Verbannung der gesamten jüdischen Familie und die Beschlagnahmung sämtlicher ihrer Besitztümer vor. Außerdem verfügt er zwar die Freilassung, doch zusätzlich die Brandmarkung des jungen Arztes als Jude.
Die Familie erfährt rechtzeitig vom betrügerischen Vorhaben des Bischofs und kann einen Teil ihres Besitzes retten. Alejandro schafft es mit etwas Glück, 'nur' auf der Brust gebrandmarkt zu werden. Nach seiner Freilassung besucht er auf seiner Ausweisungsreise nach Avignon, Papstresidenz, zuvor den Bischof von Aragon und ermordet ihn aus Rache für den Betrug und die Misshandlungen.
Dann flieht er in Begleitung des ihm zugeteilten christlichen Spaniers Hernandez nach Avignon, in der Hoffnung, dort als Arzt zu praktizieren und seine Familie wieder zu treffen.
Er flieht also mitnichten durch ganz Europa, (von Nordostspanien nach Südfrankreich) welches auch nicht in den Händen der spanischen Inquisition ist, denn die wurde erst 1478 auf Betreiben Ferdinands II., des Katholischen und seiner Gemahlin Isabella I. und mit Unterstützung des Papstes eingerichtet. Ein glatter Anachronismus in der Inhaltsangabe des Buches!
Europa ist in den Händen der Beulenpest, die vor arm oder reich, Christ oder Heide, keinen Unterschied macht.
In Avignon (Papstresidenz von 1309 bis 1376) stirbt trotz all seiner Bemühungen auch Hernandez. Dessen Identität übernimmt er, als er die Chance erhält, vom Leibarzt des Papstes eine besondere medizinische Ausbildung zu erhalten, um zu helfen, die Ausbreitung der Pest zu bekämpfen. Von wechselnden Identitäten kann also nicht die Rede sein!
Aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten wird er als Leibarzt nach London, zum König Eward III. geschickt, um diesen und seinen Hofstaat durch Durchführung einer strengen Quarantäne zu schützen.
Dort, und nicht in Avignon, trifft er auf die Liebe seines Lebens, der Gräfin Adele. Doch das dramatische Geschehen wird mehr durch seinen Kampf gegen die Pest bestimmt, einem Kampf, in dem er mystische Unterstützung erhält. Gleichzeitig wird hier die Grundlage der zweiten Handlung geschaffen.
Diese zweite Handlung, im Roman wechselnd erzählt, fasse ich jetzt etwas kürzer.
Die Welt hat eine bakteriologische Katastrophe hinter sich. Die amerikanische Chirurgin Janie Crown verliert wie viele ihre ärztliche Zulassung, erhält aber die Chance einer Umschulung zur forensischen Archäologin.
Bei ihren Bodenproben in England stößt sie auf die Reste eines von Alejandro vor über 650 Jahren auf der Flucht vergrabenen, verseuchten Kleidungsstückes. Durch eine Verkettung verschiedener Fehlverhalten und Unfälle erwacht Gertrud P. coli, das Bakterium Yersinia pestis, zum Leben. Eine weitere Katastrophe bahnt sich an. Wird sich die Geschichte des Schwarzen Todes wiederholen?
**** Eigene Eindrücke ****
Mag die Inhaltsangabe des Verlages auch noch so schlecht sein, der Inhalt des Romans ist jedenfalls was Vergangenheit und Zukunft betrifft, hervorragend recherchiert und stimmig.
Die Illustration des Buches mit dem Aufzeichnungen des mittelalterlichen Buches Alejandros wirkt auf mich als sehr gelungen, spielt dieses handgeschriebene Buch doch in beiden Handlungssträngen eine wichtige, bedeutsame Rolle.
Der amerikanische Titel, The Plagues Tales, trifft wieder einmal wesentlich besser als der deutsche Titel, Die siebte Geißel, wobei noch zu befürchten ist, dass manche aus Geißel sinnentstellend Geisel machen, was ich des öfteren schon hier und anderswo gelesen habe.
Beide Welten, die sterile und trotzdem gefährdete Zukunftswelt, die grausame, von Machtmissbrauch, Unterdrückung, Scheinheiligkeit und Aberglauben geprägte Welt des 14. Jahrhunderts, werden anschaulich und glaubwürdig beschrieben. Beide Welten sind durch eine nicht zu große Portion mystischer, magischer Macht miteinander verbunden, die jedoch sehr entscheidend die Handlungsergebnisse beider Erzählungen beeinflusst.
Beide Erzählungen enthalten alle wesentlichen Elemente eines extrem spannenden, dramatischen Geschehens, eine Grundidee im Widerstreit der Gefühle, Tod und Trauer, romantische Liebe, Glaube, Hoffnungen, Enttäuschungen, das Gefühl, für eine Aufgabe eine Bestimmung erhalten zu haben, Gefahr und Rettung.
Mit bedingt durch die poetische Kraft der Sprache konnte ich den Roman, einmal begonnen, kaum noch aus der Hand legen. Trotz der mehr als 600 Seiten fieberte ich bereits am zweiten Tage dem Ende entgegen.
Dieses Buch kann ich auf jeden Fall wärmstens weiter empfehlen.
Zum Abschluss noch eine kleine Leseprobe, S. 6, letzter Abschnitt:
'...Er zog eine Feder, die als Lesezeichen diente, zwischen den Seiten des Buches hervor, streckte die Hand aus und hielt die Feder vor Mund und Nase der alten Frau; alle paar Augenblicke bewegten sich die zarten Federstrahlen ganz leicht vom schwachen Hauch ihres Atems. Doch nach ein paar weiteren langen, stockenden Atemzügen hörte die Bewegung schließlich auf, und die Feder in seiner Hand regte sich nicht mehr.
Er hielt sie noch eine Zeit, die ihm sehr lang vorkam, bevor er ganz überzeugt war, dass seine Mutter gegangen sei. Dann senkte er den Kopf und weinte lautlos; seine Tränen fielen wie sanfter Regen auf den modrigen Einband des Buches.'
Ist dies nicht wirklich eine schöne, ausdrucksstarke, poetische Sprache?
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-09 16:01:35 mit dem Titel Der Lehrer als idealer Ehemann
••• Schüler und Lehrer, was hat sich geändert? ••• *gg*
Passend zu den endlosen Diskussionen über PISA-Studie und Konsequenzen diesmal zu Beginn eine leicht abgeänderte Leseprobe, Klammern von mir zum besseren Verständnis eingefügt, die Punkte ... um nicht zu viel zu verraten. *gg* :
\"Es erforderte keine sonderlich genaue Beobachtung, den Charakter der Jugendlichen aus... herauszufinden, aber es bedurfte eines gewissen Feingefühls, die eigenen Maßnahmen (des Lehrers) ihren Fähigkeiten anzupassen.
Ihr (das der Schüler) intellektuelles Vermögen war im allgemeinen schwach, ihre körperlichen Bedürfnisse ausgeprägt. So lagen zur selben Zeit Unfähigkeit und eine Art von schwerfälliger Kraft in ihrer Natur; sie waren schwer von Begriff, aber sie waren auch einzigartig dickköpfig, schwer wie Blei und, genau wie Blei, höchst schwierig zu bewegen.
So wie der Fall lag, wäre es wahrscheinlich absurd gewesen, von ihnen große geistige Anstrengungen erzwingen zu wollen.
Da sie nur über ein kurzes Gedächtnis, beschränkte Intelligenz und schwaches Denkvermögen verfügten, erschreckten sie mit Schaudern vor jeder Tätigkeit zurück, die genaues Studium oder tieferes Nachdenken erforderte. Wäre die verhasste Leistung durch unüberlegte und willkürliche Maßnahmen seitens des Lehrers aus ihnen herausgepresst worden, hätten sie wie eine halsstarrige, quiekende, verzweifelte Herde von Schweinen reagiert: obschon als einzelne nicht tapfer, so doch unbarmherzig in ihrem Treiben in der Klassengruppe.
Ich erfuhr, dass vor meinem Eintreffen in... der vereinte Ungehorsam der Schüler die Entlassung von mehr als einem ...Lehrer bewirkt hatte.\"
Gut, die Formulierungen zur Beschreibung der Schüler und des Lehrers sind bei aller drastischen Deutlichkeit doch zu bildhaft und poetisch, als dass sie unmittelbar von heute sein könnten. Doch nun ratet mal, möglichst ohne vorher weiter zu lesen, wann diese scheinbar zeitlosen Zeilen aus der Sicht eines später aus eigener Sicht außerordentlich erfolgreichen Pädagogen stammen?!
Vor zehn Jahren, zwanzig, fünfzig oder hundert? Oder doch erst vor kurzem?
Wer behauptet da, auf die richtige Zahl von sage und schreibe 152 Jahren gekommen zu sein?
Setzen, weil irgendwie gemogelt! *gg* Kompliment allen, die annähernd die richtige Jahreszahl erahnten.
••• Gründe, den über 150 Jahre alten Roman zu lesen •••
Vorweg, der Roman ist nur so gespickt von Vorurteilen, Schablonen und Stereotypvorstellungen der damaligen Zeit. Allerdings auch faszinierend, wie es gleichermaßen Katholiken, Deutsche, Flamen und Franzosen trifft, natürlich auch Frauen.
Trotzdem, ein kleiner Hauch des Strebens nach Emanzipation zumindest im beruflichen Bereich wird deutlich, auch wenn im trauten Eheglück der Mann Herr und Meister, selbst aus Sicht der Frau zu bleiben hat. Eine Frau ohne Mann hat ihrem Leben keinen Sinn gegeben, mag sie noch so tugendhaft gelebt haben. Einige Beispiele der unbeirrbaren Wertvorurteile werde ich etwas später noch zitieren.
Doch was spricht nun wirklich fürs Lesen des Romans?
Zu aller erst, einfach die bildhafte, sehr schön differenzierte Sprache, angereichert mit einem kleinen Französisch Kurs der Konservation. Doch keine Angst, am Schluss des Buches sind 107 Anmerkungen, in denen man die Übersetzungen der französischen Dialoge findet.
Der Roman stellt einen idealistisch verklärten Lebenslauf mit jeder Menge Romantik des \"Professors\" (Lehrers) William Crimsworth und seiner Schülerin und späteren Ehefrau Frances dar. Seine Laufbahn beginnt als Englischlehrer an einer Schule in Brüssel.
Bevor sich jedoch findet, was zusammengehört, müssen diverse mehr oder weniger gefährliche Anfechtungen für den jungen Lehrer erfolgreich überstanden werden.
Hilfreich sind dem englischen Junglehrer dabei seine protestantische Religion und sein britisches Naturell, um den bösen katholischen Versuchungen des Kontinents zu widerstehen.
Seine spätere Braut sehnt sich als Halbengländerin, Vater Schweizer, Mutter Engländerin, dann bei der Tante in Belgien aufgewachsen, auch nach der aufrechten protestantischen Lebensweise gebildeter Briten. Nun, wer sich in Vorurteilen und in gegenseitiger Attraktivität einig ist, passt zumindest in einem Roman zusammen und kann auch durch böse Intrigen einer mächtigeren Rivalin (Direktorin der Mädchenschule) nicht getrennt werden. *g*
Auf jeden Fall erwartet alle ein wunderschönes Happy-End, wobei dann die Ehejahre mit Geburt eines Sohnes nur noch einen recht kleinen Teil des Romans ausmachen, so wie in früheren Filmen mit der Hochzeit alles Wichtige abgeschlossen und das Lebensziel erreicht wurde.
Genug des Inhalts, gehen wir zur Schriftstellerin über.
••• Über die Verfasserin des romantischen Liebes- bzw. Schicksalsromans •••
(Quelle Klappentext des ars vivendi Verlags und Internetseiten)
\"Charlotte Brontë (1816-1855) wuchs als älteste der drei schreibenden Brontë-Schwestern in der weltabgeschiedenen Pfarrei ihres Vaters in der kargen Hügellandschaft der einsamen Moore Yorkshires auf. Ohne Mutter und... sich weitgehend selbst überlassen, erhielten die Kinder nur sporadisch Unterricht. In ihrer Einsamkeit dachten sie sich umfassende Fabelwelten aus...
1842 nahm Charlotte B. ...an einem Sprachkurs in Brüssel teil. Dort unterrichtete sie am Pensionat Heger zwischen 1843 und 1844 und verliebte sich unglücklich in Monsieur Heger.\"
Ihr Roman \"Der Professor\" ist also die Verarbeitung dieser Erlebnisse (geschrieben 1846, erschienen posthum 1857), allerdings aus der Sicht des Lehrers geschrieben und mit einer erfüllten Liebe endend.
Auch in ihrem Roman Vilette versuchte sie ihre unerfüllte Liebe zu verarbeiten.
\"Berühmt wurde sie jedoch durch Jane Eyre veröffentlicht 1847 unter dem Pseudonym Currer Bell. Sie starb mit 39 Jahren an Tuberkulose, ein Jahr nach ihrer Eheschließung mit dem Pfarrer Arthur Bell Nichols.
Aus ihrem kurzen Lebenslauf erklären sich einige \"Schwächen\" des Romans. Ihr fehlten schlichtweg die eigenen Lebenserfahrungen, um hier realistischer schreiben zu können.
••• Beispiele zu angeblichen Nationaleigenschaften, Eigenschaften Frauen, Männer •••
S. 75 \" Pelets Haus und Küche wurden von seiner Mutter geführt, einer echten, alten Französin. Sie war einst hübsch gewesen...Jetzt war sie hässlich, wie es nur alte Frauen auf dem Kontinent sein können...\"
S. 78 \" Im Allgemeinen nehmen sich die älteren Frauen auf dem Kontinent, oder doch zumindest die in Belgien, eine Freiheit der Manieren, der Rede und des Aussehens, vor der unsere (englischen) ehrenwerten granddames als absolut ungehörig und dem guten Ruf abträglich zurückschrecken würden...\"
S. 245/246 \"In der Vorstellung, der vorausschauende Beschützer des Menschen zu werden, den man liebt - ihn zu ernähren und zu kleiden, wie es Gott mit den Lilien auf dem Felde tut - darin liegt etwas, was der Stärke eines Mannes schmeichelt, was seinen ehrlichen Stolz in Schwingungen versetzt.\"
S. 247 \"...keine jener auffälligen Defekte an den Augen, an den Zähnen, der Haut, der Figur, welche die Begeisterung auch des kühnsten männlichen Bewunderers von Intellektualität (weiblicher) im Zaum halten. Andererseits können Frauen (im Gegensatz zu Männern) auch einen ausgesprochen hässlichen Mann lieben, wenn er nur klug ist...\"
••• Ausblick und Bewertung •••
Für die damalige Zeit entwarf Charlotte Brontë ein schon beachtliches Bild einer annähernd gleichberechtigten Partnerschaft von Mann und Frau in der Ehe.
Erschreckend allerdings die einzig möglichen Reaktionen auf Unterdrückung in der Ehe:
S.278 \"Ich hätte versucht, das Übel eine Zeitlang zu ertragen oder es zu kurieren; und wenn ich es unerträglich und unheilbar gefunden hätte, hätte ich meinen Peiniger still und heimlich verlassen.\"
... \"Der Tod würde mich bestimmt sowohl vor den erbärmlichen Gesetzen als auch vor deren Folgen schützen.\"
Die Anmerkung 103 weist darauf hin, dass im frühen 19. Jh. der Ehemann von Rechts wegen nahezu uneingeschränkte Macht über seine Frau, die Kinder und den Besitz hatte und eine Scheidung faktisch nicht durchsetzbar war. Auch für eine misshandelte Ehefrau war es so gut wie unmöglich, ihren Verhältnissen zu entfliehen.
Diesen Hintergrund muss man beim Lesen einfach berücksichtigen. Die ersten Seiten des Romans gefielen mir nicht so, doch etwa ab der Reise nach Brüssel (Kapitel 7) bis zum 25. Kapitel war es ein Ausflug in eine romantisch verklärte, idealisierte aber schöne, gefühlvolle Welt der Vergangenheit, zudem fast fortlaufend ein sprachlicher Genuss. Der Schluss mit der Erziehungsproblematik des kleinen Sohnes Viktor wirkt jedoch arg unrealistisch und irgendwie aufgesetzt, um auch dort einen versöhnlichen Abschluss zu erreichen.
Insgesamt würde ich den Roman allen romantisch veranlagten Lesern und allen eine differenzierte Sprache schätzenden Lesern empfehlen. Für mich war es ein literarisches Kleinod aus einer anderen Epoche.
Die Originalausgabe erschien 1857 unter dem Titel The Professor in London bei Smith, Elder & Co, mein Buch (302 Seiten) gehört zur 3. Auflage (1993) des 1990 im ars vivendi Verlag erstmalig in Deutschland herausgegeben Buches.
Bei Amazon gibt es den Roman broschiert im Insel-Verlag neu für 10,90 , gebraucht ab 5,90 Euro zu kaufen. Echte Fans kaufen den \"Doppelpack\" Der Professor und Vilette zu 27 Euro.
Meine Ausgabe, gebunden, kostet bei amazon 17,50, gebraucht ab 8,99 Euro.
4 Sterne verliehen die Amazon-Kunden diesem Buch.
Viel Spaß beim Lesen.
25 Bewertungen, 3 Kommentare
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22.08.2008, 12:42 Uhr von blackangel63
Bewertung: sehr hilfreichLiEbE gRuEsSe..AnJa..
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19.07.2008, 11:25 Uhr von Baby1
Bewertung: sehr hilfreich.•:*¨ ¨*:•. Liebe Grüße Anita .•:*¨ ¨*:•.
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12.05.2007, 15:40 Uhr von hjid55
Bewertung: sehr hilfreichSh & lg Sarah
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