Erfahrungsbericht von Eat_This
Der Opfergang des Valentine Michael Smith
Pro:
Universalanleitung zum erfüllten Leben
Kontra:
wenn man doch nur marsianisch könnte
Empfehlung:
Nein
Nun denn, geneigte Leser, wenn Ihr diese Zeilen lest, habe ich die größte Anstrengung hinter mir, den Versuch einer Buchbesprechung. Tomaten- und Eierwerfer bitte hintenanstellen, ich fange jetzt an:
Stellt Euch vor, Ihr seid der Erbe eines unermesslichen Vermögens. Eines Vermögens, welches die nachfolgenden Generationen, selbst wenn Sie den Versuchungen unserer wertvollen Konsumenteninformationen tägliche erliegen würden, Zeit ihres Lebens nicht unters Volk bzw. an den Fiskus bringen könnten.
Stellt Euch vor, dieses Vermögen würde nicht nur finanzieller, sondern auch (im wahrsten Sinne des Wortes) materieller und virtueller Natur sein. Materiell in dem Sinne, das Euch die Grundstücksverwaltung obliegt. Und zwar des gesamten Planeten. Na gut, vielleicht nicht der Erde, sondern des Mondes, aber dieser ist mittlerweile immobilientechnisch auch nicht zu verachten. Vor allem, weil Ihr zufällig die Aktienmehrheit genau jener Gesellschaft in der Hand haltet, die ein revolutionäres Antriebssystem für den Weltraumflug entwickelt hat (dessen Patent selbstverständlich Euch gehört) und den regelmäßigen Linienflug zum Erdtrabanten pflegt.
Stellt Euch vor, dass Ihr, weil der Mond zugegebenermaßen nicht das interplanetarische Aushängeschild eines multiplanetaren Immobilienbesitzers ist, außerdem noch Besizter, falls man das so nennen darf, des roten Riesen seid, unter Astronomen auch unter dem Fachbegriff \"Mars\" bekannt.
Stellt Euch weiterhin vor, Ihr seid trotz Eures Alters von 25 Jahren nach irdischen Maßstäben so naiv und unwissend, dass für Euch Begriffe wie \"Besitz\", \"Macht\" und \"Reichtum\" keine Bedeutung haben, weil Ihr, dank Eurer extraterrestrischen Kindermädchen, den Sinn dieser Worte respektive Wert nicht versteht.
Stellt Euch zu guter letzt vor, dass die Creme de la creme der menschlichen Politiker, Finanzjongleure und Machtgeilen und ihrer Möchtegernvarianten nach ebendiesem Erbe trachten, welches Euch eigentlich nur durch einen unglücklichen Seitensprung Eurer Eltern zuteil geworden ist...
Genau in dieser Situation befindet sich Valentine Michael Smith, erster humanoider Bürger des Mars, ohne auch nur die geringste Ahnung von ihr zu haben. Robert Heinleins Science Fiction-Roman \"Fremder in einer fremden Welt\" erzählt die Geschichte von Valentine Michael Smith (wir nennen ihn der Einfachheit halber nur noch Mike), dem einzigen Überlebenden der missglückten Envoy-Expedition zum Mars. Als Ergebnis eines geglückten Seitensprungs zweier verheirateter Besatzungsmitglieder, Captain Michael Brant und Dr. Mary Jane Lyle Smith, fällt ihm durch die unglückliche Vereinigung ebenjenes Erbe in den Schoß, als 25 Jahre später eine weitere Expedition das Schicksal der Envoy lüften soll und dabei das einzige \"Überbleibsel\", den jungen Mike, entdeckt, der bisher von den Marsianern (Ja, es gibt Leben auf dem Mars, aber das wussten wir ohnehin schon alle, oder?) großgezogen wurde. Dieses Heranwachsen in einer völlig fremden Kultur erklärt auch seine \"unirdisch\" unmaterielle Lebenseinstellung so wie seine enormen mentalen Fähigkeiten, die allein durch den Vorgang des \"Grokens\" und des Wartens und Verstehens erreicht werden. \"Groken\" meint meiner Ansicht (die ganze Tragweite und Bedeutung dieses Wortes wird im Buch nie gelüftet) das universelle Verstehen, Wissen und Glauben und ist quasi eine Konglomeration sämtlicher kognitiver Wörter.
Lasst mich das anhand eines kleinen Beispiels erklären: Ihr sitzt gemütlich auf dem Sofa und wollt Euch Eure wohlverdiente Verdauungszigarette vom Tisch holen. Nur ist die Schachtel außerhalb Eures Aktionsradius. Also greift Ihr, nachdem Ihr die Funktion und den Daseinszweck der Schachtel samt ihres Inhalts begriffen habt, geistig danach, erklärt der Zigarette, dass ihre Bestimmung Euer Genuss ist, ehrt sie und ihren Erbauer und bewegt sie dazu, in Eure Hand zu gelangen. Und nachdem das die letzte Zigarette war und Ihr keinen Abfall hinterlassen wollt, dreht Ihr die Schachtel 90 Grad zur Wirklichkeit und schwuppsdiwupps ist sie unwiderruflich verschwunden. Lässt sich übrigens auch mit unliebsamen Personen, Panzern und Kleinstädten machen.
Und diese mentale Zeitbombe namens Valentine Michael Smith wird in ihrer ganzen Unschuld und Naivität auf eine Menschheit losgelassen, die in ihrer Machtgeilheit und Korruption auf die Blüte zustrebt. Das Konzept dieser Welt muss von Mike erst in seiner Gesamtheit und seiner Fülle \"gegrokt\" werden. Hierzu tingelt er in Begleitung von Jill, einer hilfreichen Krankenschwester und Gespielin, durch die Lande und verdingt sich, je nach Lust und Laune, als Tellerwäscher, Jahrmarktsillusionist, Spieler, Croupier, usw. Und als er die Welt mit all ihrer Verderbtheit begriffen hat, beschließt er, dies mit seinem Opfergang zum Guten zu verändern.
Was Robert Heinlein als Gesellschaftskritik in Form seines Meisterwerks \"Fremder in einer fremden Welt\" 1961 auf die Menschheit loslies, wurde als so anstößig und anrüchig empfunden, dass der Autor vom Verlag gezwungen wurde, sein Originalmanuskript von 220.000 Wörtern auf 160.000 Wörter zu kürzen. Erst ein Jahr nach seinem Tod, 1989, wurde aufgrund des Betreibens von Virginia Heinlein, der Witwe, die Originalversion veröffentlicht. Ich habe dieses Werk mehr als Gesellschaftskritik mit Zukunftsmäntelchen denn als Science Fiction interpretiert, denn Robert Heinlein tut nichts anderes, als dieser Gesellschaft schonungslos, wenn auch in stark übertriebener Weise, den Spiegel vors Gesicht halten und dabei offenbaren sich nun mal nicht immer die schönsten Seiten der Menschheit. Gier und Lust (nach was auch immer) sind nun mal starke und vor allem instinktive Bedürfnisse bzw. Beweggründe. Ich will mich auch gar nicht mit einer Interpretation dieses Buches verzetteln, weil es so vielschichtig und komplex ist, dass ich dabei mehr verwirren als offenbaren würde. SF-Freunde werden dieses Werk sowieso besitzen, aber aufgrund der immer erkennbaren Parallelen zur Gegenwart ist es auch Otto Normalleser geeignet. Das 1962 mit dem Hugo Gernsback Award ausgezeichnete Werk ist einer der bedeutendsten Science Fiction-Romane aller Zeiten. Dem habe ich eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, außer, dass ich hoffe, Euch wenigstens ein bisschen neugierig auf diesen Meilenstein der Science Fiction-Literatur gemacht zu haben. Euer Eat This. Punkt.
Robert A. Heinlein
\"Fremder in einer fremden Welt\"
Bastei Lübbe
ISB N 3-404-24214-9
DM 16,90
Stellt Euch vor, Ihr seid der Erbe eines unermesslichen Vermögens. Eines Vermögens, welches die nachfolgenden Generationen, selbst wenn Sie den Versuchungen unserer wertvollen Konsumenteninformationen tägliche erliegen würden, Zeit ihres Lebens nicht unters Volk bzw. an den Fiskus bringen könnten.
Stellt Euch vor, dieses Vermögen würde nicht nur finanzieller, sondern auch (im wahrsten Sinne des Wortes) materieller und virtueller Natur sein. Materiell in dem Sinne, das Euch die Grundstücksverwaltung obliegt. Und zwar des gesamten Planeten. Na gut, vielleicht nicht der Erde, sondern des Mondes, aber dieser ist mittlerweile immobilientechnisch auch nicht zu verachten. Vor allem, weil Ihr zufällig die Aktienmehrheit genau jener Gesellschaft in der Hand haltet, die ein revolutionäres Antriebssystem für den Weltraumflug entwickelt hat (dessen Patent selbstverständlich Euch gehört) und den regelmäßigen Linienflug zum Erdtrabanten pflegt.
Stellt Euch vor, dass Ihr, weil der Mond zugegebenermaßen nicht das interplanetarische Aushängeschild eines multiplanetaren Immobilienbesitzers ist, außerdem noch Besizter, falls man das so nennen darf, des roten Riesen seid, unter Astronomen auch unter dem Fachbegriff \"Mars\" bekannt.
Stellt Euch weiterhin vor, Ihr seid trotz Eures Alters von 25 Jahren nach irdischen Maßstäben so naiv und unwissend, dass für Euch Begriffe wie \"Besitz\", \"Macht\" und \"Reichtum\" keine Bedeutung haben, weil Ihr, dank Eurer extraterrestrischen Kindermädchen, den Sinn dieser Worte respektive Wert nicht versteht.
Stellt Euch zu guter letzt vor, dass die Creme de la creme der menschlichen Politiker, Finanzjongleure und Machtgeilen und ihrer Möchtegernvarianten nach ebendiesem Erbe trachten, welches Euch eigentlich nur durch einen unglücklichen Seitensprung Eurer Eltern zuteil geworden ist...
Genau in dieser Situation befindet sich Valentine Michael Smith, erster humanoider Bürger des Mars, ohne auch nur die geringste Ahnung von ihr zu haben. Robert Heinleins Science Fiction-Roman \"Fremder in einer fremden Welt\" erzählt die Geschichte von Valentine Michael Smith (wir nennen ihn der Einfachheit halber nur noch Mike), dem einzigen Überlebenden der missglückten Envoy-Expedition zum Mars. Als Ergebnis eines geglückten Seitensprungs zweier verheirateter Besatzungsmitglieder, Captain Michael Brant und Dr. Mary Jane Lyle Smith, fällt ihm durch die unglückliche Vereinigung ebenjenes Erbe in den Schoß, als 25 Jahre später eine weitere Expedition das Schicksal der Envoy lüften soll und dabei das einzige \"Überbleibsel\", den jungen Mike, entdeckt, der bisher von den Marsianern (Ja, es gibt Leben auf dem Mars, aber das wussten wir ohnehin schon alle, oder?) großgezogen wurde. Dieses Heranwachsen in einer völlig fremden Kultur erklärt auch seine \"unirdisch\" unmaterielle Lebenseinstellung so wie seine enormen mentalen Fähigkeiten, die allein durch den Vorgang des \"Grokens\" und des Wartens und Verstehens erreicht werden. \"Groken\" meint meiner Ansicht (die ganze Tragweite und Bedeutung dieses Wortes wird im Buch nie gelüftet) das universelle Verstehen, Wissen und Glauben und ist quasi eine Konglomeration sämtlicher kognitiver Wörter.
Lasst mich das anhand eines kleinen Beispiels erklären: Ihr sitzt gemütlich auf dem Sofa und wollt Euch Eure wohlverdiente Verdauungszigarette vom Tisch holen. Nur ist die Schachtel außerhalb Eures Aktionsradius. Also greift Ihr, nachdem Ihr die Funktion und den Daseinszweck der Schachtel samt ihres Inhalts begriffen habt, geistig danach, erklärt der Zigarette, dass ihre Bestimmung Euer Genuss ist, ehrt sie und ihren Erbauer und bewegt sie dazu, in Eure Hand zu gelangen. Und nachdem das die letzte Zigarette war und Ihr keinen Abfall hinterlassen wollt, dreht Ihr die Schachtel 90 Grad zur Wirklichkeit und schwuppsdiwupps ist sie unwiderruflich verschwunden. Lässt sich übrigens auch mit unliebsamen Personen, Panzern und Kleinstädten machen.
Und diese mentale Zeitbombe namens Valentine Michael Smith wird in ihrer ganzen Unschuld und Naivität auf eine Menschheit losgelassen, die in ihrer Machtgeilheit und Korruption auf die Blüte zustrebt. Das Konzept dieser Welt muss von Mike erst in seiner Gesamtheit und seiner Fülle \"gegrokt\" werden. Hierzu tingelt er in Begleitung von Jill, einer hilfreichen Krankenschwester und Gespielin, durch die Lande und verdingt sich, je nach Lust und Laune, als Tellerwäscher, Jahrmarktsillusionist, Spieler, Croupier, usw. Und als er die Welt mit all ihrer Verderbtheit begriffen hat, beschließt er, dies mit seinem Opfergang zum Guten zu verändern.
Was Robert Heinlein als Gesellschaftskritik in Form seines Meisterwerks \"Fremder in einer fremden Welt\" 1961 auf die Menschheit loslies, wurde als so anstößig und anrüchig empfunden, dass der Autor vom Verlag gezwungen wurde, sein Originalmanuskript von 220.000 Wörtern auf 160.000 Wörter zu kürzen. Erst ein Jahr nach seinem Tod, 1989, wurde aufgrund des Betreibens von Virginia Heinlein, der Witwe, die Originalversion veröffentlicht. Ich habe dieses Werk mehr als Gesellschaftskritik mit Zukunftsmäntelchen denn als Science Fiction interpretiert, denn Robert Heinlein tut nichts anderes, als dieser Gesellschaft schonungslos, wenn auch in stark übertriebener Weise, den Spiegel vors Gesicht halten und dabei offenbaren sich nun mal nicht immer die schönsten Seiten der Menschheit. Gier und Lust (nach was auch immer) sind nun mal starke und vor allem instinktive Bedürfnisse bzw. Beweggründe. Ich will mich auch gar nicht mit einer Interpretation dieses Buches verzetteln, weil es so vielschichtig und komplex ist, dass ich dabei mehr verwirren als offenbaren würde. SF-Freunde werden dieses Werk sowieso besitzen, aber aufgrund der immer erkennbaren Parallelen zur Gegenwart ist es auch Otto Normalleser geeignet. Das 1962 mit dem Hugo Gernsback Award ausgezeichnete Werk ist einer der bedeutendsten Science Fiction-Romane aller Zeiten. Dem habe ich eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, außer, dass ich hoffe, Euch wenigstens ein bisschen neugierig auf diesen Meilenstein der Science Fiction-Literatur gemacht zu haben. Euer Eat This. Punkt.
Robert A. Heinlein
\"Fremder in einer fremden Welt\"
Bastei Lübbe
ISB N 3-404-24214-9
DM 16,90

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