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Erfahrungsbericht von Mhkize

Verdorfer, Martha; Zweierlei Faschismus - Südtirol

Pro:

Geschichtlich sehr interessant

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Zweierlei Faschismus

Beschrieben wird die Lage in Südtirol, wie sie durch den italienischen Faschismus und dem deutschen Nazi geprägt wurde.
Südtirol befand sich in jener Zeit gesellschaftspolitisch in einer Ausnahmesituation, wie sie wohl keine andere Bevölkerungsminderheit erlebt hat.
Herausgelöst aus dem österreichischen Staatsverband – 1919 nach dem Ersten Weltkrieg - und abgeschnitten von der übrigen tiroler Bevölkerung, gegen das sich die Südtiroler energisch aber fruchtlos gewehrt, steht es einer vollkommen fremden Kultur, der italienischen Kultur, gegenüber.
Alles was mit der österreichischen Kultur in Verbindung zu bringen war, wurde verboten: die deutsche Sprache, das Vereinsleben, die Wirtschaftsverbände, deutsche Namen, deutsche Orts- und Flurnamen usw. Es sollte eine vollkommene Assimilierung werden.
Alles das österreichische, was verboten wurde, wurde durch das italienische ersetzt. In den ersten Jahren war diese Assimilierungspolitik noch harmlos in vergleich zur Zeit nach 1924, als die Faschisten mit Mussolini an der Spitze die Regierung übernahmen.
In diesem Buch wird anhand von Zeitzeugen berichtet wie sich die Südtiroler Bevölkerung in dieser Zeit verhielt.
I.Die Italiener wurden als Sieger verachtet.
\"Der Kriegsausgang bedeutete für die Südtiroler vor allem aber auch einen enormen sozialen Prestige- und Statusverlust, den man mit dem Abstieg von der bisherigen Zugehörigkeit zur staatstragenden Nation auf dem Rang einer hilfsbedürftigen deutschen Minderheit umschreiben kann.\"
Dabei wurde jedoch unterschieden zwischen der Politik und den Menschen, die als Soldaten, das Land besetzten. So bestand gegenüber dem Italiener keine Feindschaft. So berichtet ein Zeitzeuge: \"Es waren meist Soldaten und die hatten eigentlich keine, fast keine politische Einstellung. Die sind von der Front gekommen.\" oder ein andere: \"Ich weiß, bei uns daneben waren Soldaten einquartiert. Mein Gott, die sind mit uns Kindern sehr nett gewesen. Die sind heraufgekommen, dann haben wir Reis bekommen, Nudeln bekommen und alle waren nett. ...\"

II.Der Faschismus als Importware
Nach dem Ersten Weltkrieg waren nur einige tausend Italiener in Südtirol. Es gab keinen Grundstock für einen Faschismus, sondern dieser wurde mit den Arbeiter aus Italien importiert. Es wird beschrieben wie die Südtiroler diese \"Importware\" empfunden und sich ihr gegenüber verhalten haben. Ein Zeitzeuge: \"... ein faschistischer Funktionär schreit da: \"Wem es unter unserer Herrschaft nicht passt, der drei Lire fünfzig nehmen und soll über den Brenner hinaus fahren. Solche Leute brauchen wir nicht.\" Das sagte er uns! Wir, wo wir seit 600 Jahren auf diesem Boden gesessen sind und der Trottel kommt acht Tage vorher aus Sizilien herauf und sagt uns wir sollen gehen. ....\"
Diese Importware konnte aber in die überwiegend bäuerliche Struktur nicht eindringen, sie besetzten hauptsächlich die regierungsnahem Positionen und wurden von der Bevölkerung als Kolonialherren betrachten und abgelehnt. Hierzu beigetragen hat auch die fast ersatzlose Enteignung großer landwirtschaftlicher Flächen, die dann zu Arbeitsplätzen für die Eindringlinge umgewandelt wurden.
Die Faschisten versuchten unter Südtiroler Bevölkerung Mitglieder zu bekommen, da sie nur an solchen Arbeit verteilten. \"In den 20er Jahren, wenn man nicht dem Faschismus beigetreten ist, dann ist man arbeitslos gewesen.\"

III.Akzeptanz des italienischen Faschismus
nachdem die wichtigsten regierungsnahen Positionen mit Italienern besetzt waren, mussten auch die Südtiroler eine bestimmte Akzeptanz dem Regime entgegenbringen um zu überleben.
Wie dies funktionierte wird beschrieben. Oft wurde nach der Methode gehandelt: die Hand wäscht die andere. Ein Gastwirt berichtet: \"Dann natürlich muss man sich erkenntlich zeigen. Dann konnten sie bei mir essen und trinken bei mir und haben nie eine Lire bezahlt. Wenn ich einmal etwas gebraucht habe, bin ich zu ihm gegangen, der hat mir immer alles erledigt. Es gibt ja bei den Italienern auch gute Menschen; man darf nicht alle verachten. Der jedenfalls war gut mit mir.\"
Es wird berichtet wie zweisprachige Ehe entstanden und welche Akzeptanz dieser auf beiden Seiten entgegengebracht wurde.
Entgegen den vertraglichen Vereinbarungen wurden die Südtiroler auch zum Militär eingezogen. Dort haben sie ihren Dienst getan und waren sehr angesehen, so dass sich viele Offiziere einen Südtiroler als Laufburschen nahm.

IV.Neue symbolische Ordnung
Die Tiroler habe immer ihre Freiheit genossen und hatten schon im Kaiserreich eine Sonderstellung. Es hat sich eine hochstehende Kultur herausgebildet und es sind umfangreiche Symbole entstanden, die große Bedeutung hatten. Nun wurden alle diese Symbole entfernt. Alte Hofnamen, die an den Hausmauern angebracht waren mussten überpinselt werden, Trachten, Schützenvereine, Musikkapellen wurden verboten. Die Reaktion der Bevölkerung hierauf wird plastisch dargestellt und mit Aussagen von Zeitzeugen untermauert.
\"In der Konfrontation mit einer fremdnationalen Minderheit, die selbst eine sehr ausgeprägte nationale Symbolik besaß, bedeutete das brachiale vorgehen des italienischen Faschismus die Zerstörung von wesentlichen Vermittlungsinstanzen zwischen politischer Macht und Bevölkerung\"
V.Der italienische Faschismus als Vorerfahrung für den Nationalsozialismus
Berichtet wird hier hauptsächlich über die Biographien der zwischen 1920 und 1930 Geborenen, die am Kriegsende junge Erwachsen waren.
Die Schule wurde als mittel der faschistischen Erziehung eingesetzt. Die deutsche Sprache war verboten. Die Kinder und Jugendlichen wurden in die faschistischen Kinder- bzw. Jugendorganisationen eingebunden. Da dies zwangsweise war, habe manche auch ihren Streich dabei geführt.
Da in den öffentlichen Schulen die deutsche Sprache verboten war, wurden Katakombenschulen errichtet, in denen aus dem Schuldienst entlassenen Lehrer in der deutschen Sprache unterrichten. Der Aufbau und die Tarnung dieses Unterrichts wird beschrieben.
Nach dem Einmarsch der deutschen Armee in Italien, wurde in Südtirol die deutsche Schule wieder aufgebaut. Auch die Nationalsozialisten haben die Schule für ihre Propagandazwecke missbraucht. Das wurde aber eher akzeptiert, weil man die Sprache verstand. Die weiterführenden Schulen konnten im \"Reich\" besucht werden und es gab bessere Aufstiegsmöglichkeiten.

VI.Die Option
Hitler und Mussolini haben vereinbart, dass Südtirol von der deutschsprachigen Bevölkerung befreit wird, damit die Italiener nachrücken konnten. So konnten die Südtiroler entscheiden, ob sie nach für Deutschland oder Italien stimmen. Die meisten haben für Deutschland gestimmt. \"Wir haben alle für Deutschland optiert, nicht für den Hitler.\"
Beschrieben wird, wie die Bevölkerung diesen Vorgang empfunden hat. Wie jene in der \"neuen Heimat\" aufgenommen wurden, die Südtirol verlassen haben, und welche Schwierigkeiten auf sie zu kamen als sie nach dem Kriege wieder nach Südtirol zurück kamen.

VII.Der Nationalsozialismus in Südtirol.
Die nationalsozialistische Bewegung setzte in Südtirol sehr früh ein; schon 1926 wurden die ersten entsprechenden Verein gebildet. Die Wege, aber auch die Irrweg hierzu, werden aufgezeigt. \"Die Irritation über diese neue Form der Machtausübung zieht sich in den Interviews als roter Faden von der Option, beginnend 1938, bis zum Kriegsende durch.\"
Die Südtiroler Bevölkerung war damals überwiegend in der Landwirtschaft tätig und waren:
einerseits die politische Freiheit, die es unter den österreichischen Kaiser hatte noch gewohnt,
anderseits aber sehr von der katholischen Kirche geprägt die eine Obrigkeitshörigkeit mit sich brachte.
Durch den italienischen Faschismus waren der Bevölkerung jede Freiheit genommen, insbesondere jene der Sprache. Durch den Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Norditalien durch die Südtiroler wieder ihre Muttersprache überall gebrauchen, was sie als eine große Erleichterung empfanden. Sie sahen jedoch auch die Greueltaten des NAZI, die sie verabscheuten, andererseits hat sie die anerzogenen Obrigkeitsgläubigkeit daran gehindert gegen diese vorzugehen. Über diesem Zwiespalt wird am ende dieses Buches berichtet.

Verdorfer, Martha
Zweierlei Faschismus
Alltagserfahrungen in Südtirol 1918 - 1945
Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik Band 47
Herausgegeben vom:Verein Kritischer Sozialwissenschaft und Politische Bildung 1990
ISBN 3-5005-122-4

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