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Erfahrungsbericht von princesse
Minette Walters - Die Bildhauerin
Pro:
unwiderstehlich, spannend bis zur letzten Seite, authentische Sprache, typischer Wolfe
Kontra:
manchmal vielleicht etwas langatmig
Empfehlung:
Ja
Die Schriftstellerin Rosalind Leigh (1) hat schon lange kein Buch mehr abgeliefert und ihr Verlag droht sie fallenzulassen. Man legt ihr nahe, ein Buch zu schreiben über Olive Martin, welche wegen Mordes an ihrer Mutter und ihrer Schwester im Gefängnis sitzt. Widerwillig macht sich Roz (wie sie im Buch allgemein genannt wird) an die Arbeit und besucht als erstes die verurteilte Mörderin im Gefängnis, wo diese nur \"die Bildhauerin\" genannt wird. Olive Martin pflegt aus Wachs, welchen sie in Form von Altarkerzen aus der Gefängniskapelle stielt, kleine Puppen anzufertigen, die sie dann mit spitzen Gegenständen sticht, derher der name \"die Bildhauerin\".
Als Roz das erste Mal Olive gegenübertritt im Besuchszimmer der Haftanstalt, muss sie gegen ihre eigene Abscheu und Angst ankämpfen, Olive martin ist alles andere als ein liebenswerter Anblick, nicht nur dass ihr ursprünglicher Körper in gewaltigen Massen von Fett versinkt, sie wirkt zudem ungepflegt und bedrohlich. Nicht nur durch ihre ausufernde Körpermasse, sondern auch dadurch, dass Roz sich bei ihrem Anblick das Verbrechen vergenewärtigte, welches Olive überführt worde war. Olive hatte ihre Mutter und Schwester getötet, die Körper zerhackt und dann auf eine bizarre Weise auf dem Küchenboden neu angeordnet.
\" \'Lizzie Borden mit dem Beile, hackt ihre Mutter in zehn Teile, schaut sich die Beschehrung an, nimmt gleich den Vater auch noch dran.\' Der Reim ging ihr unaufhörlich im Kopf herum, benebelnd in seiner ständigen Wiederholung.\" [S 12]
Roz versucht mit Olive ins Gespräch zu kommen, will von ihr wissen, wie es denn nun war und obwohl ihr Olive herzlich wenig, ja, im Grunde so gut wie gar nichts, erzählte, kommen bei Roz die ersten Zweifel, ob bei den Ermittlungen der Polizei in diesem Fall auch wirklich alles berücksichtigt wurde. Roz beginnt zu recherieren, bei Nachbarn, ehemaligen Polizeibeamten, bei dem Anwalt, welcher Olive vertreten hatte und auch bei jemen, der sich mit dem Nachlass ihres mittlerweile verstorbenen Vaters beschäftigt.
Mehr und mehr tauchen Ungereimtheiten auf, regen sich in Roz die Zweifel an Olives Schuld, obwohl diese die Tat damals gestanden hatte, und aufeinmal ist ihr Leben in Gefahr, denn es scheint, dass jemandem ihre Nachforschungen entschieden zu weit gehen. Auch Hawksley, der ehemalige Polizist, ist von Rosalind\'s Erscheinen zunächst wenig begeistert. Aber nach und nach verlieben sie sich ineinander, und wo sie sich zuerst noch angegiftet hatten, helfen sie sich gegenseitig, als zuerst er und dann auch Roz von Fremden tätlich angegriffen werden..
Minette Walters ist hier, wie nicht anders von mir erwartet, wieder ein wunderbarer, spannender Krimi gelungen, der einen von der ersten Seite an fesselt und bis zur letzten nur schwer wieder loslässt. Das erste, was ich dachte, als ich das Buch weglegte, war der Drang, baldmöglichst das nächste Buch von Minette Walters zu lesen, ein besseres Kompliment kann man einer Krimiautorin kaum machen.
Minette Walters versteht es vortrefflich, dem Leser Stück für Stück, sozusagen häppchenweise, der Auflösung des Falles näher zu bringen, auf eine raffinierte Art und Weise, die nur die wirklich grossen Krimi-AutorInnen schaffen. Immer sind wir nur so weit mit unserem Wissen, wie es die Protagonistin Roz ist, wir sehen und erfahren nicht mehr, als sie sieht und erfährt. Die Figur Roz ist gut und glaubwürdig herausgearbeitet, sie wirkt symphatisch, mit all ihren Selbstzweifeln. Auch die anderen Beteiligten wurden von der Autorin glaubhaft skizziert, keine, auch nicht die Nebendarsteller wirken überflüssig oder langweilig. Und nebenbei wird uns noch ein klein wenig der psychologische Hintergrund nähergebracht, sei es in Bezug auf Olive, Roz oder auch Hawksley, der ja nun anfangs fürchterlich zerissen und angeschlagen wirkt, was natürlich haarscharf an dem Klischee vorbeischrammt, alle Polizisten haben ein beschissenes Privatleben (sofern sie überhaupt eines haben) sind seelische Krüppel und mindestens geschieden worden. Die Liebesbeziehung, die sich zwischen Roz und dem Polizisten entwickelt, ist ebenso interessant und spannend wie der ganze Krimi selber. Der Stil Walters ist flüssig und einfach zu lesen, sie versteht es, den Leser bei der Stange zu halten und ich habe das Buch nur weggelegt, wenn mich äussere Umstände dazu zwangen.
Ein intelligenter, spannender Krimi den ich ohne Vorbehalte weiterempfehle.
Ausgezeichnet mit dem Edgar-Allan-Poe-Preis für den besten Krimi des Jahres.
(1) Auf dem Umschlag und im Klapptext der gebundenen Ausgabe vom Goldmann Verlag wird Rosalind Leigh als Journalistin bezeichnet, aus dem Buch geht aber klar hervor, dass sie Schriftstellerin ist, was auch dadurch untermauert wird, dass sie eine Agentin hat und für einen Verlag arbeitet. Das scheint mir dann etwas schludrig beschrieben worden zu sein (von wem auch immer), wobei dies die einzige Unstimmigkeit ist, die ich ausmachen konnte.
Minette Walters: Die Bildhauerin. (The Sculptress, 1993). Roman. Aus dem Englischen von Mechtild Sandberg-Ciletti
erschienen im Goldmann Verlag, gebunden, 409 Seiten, ISBN 3-442-30903-4
mein Exemplar war wohl ein Sonderangebot, den Preis habe ich vergessen.
Als Paperback bei Amazon derzeit erhältlich für 8,50 Euro.
Die Autorin:
Minette Walters gilt als die britische \"Queen of Crime\" und hat eine Fangemeinde von Millionen Leserinnen und Leser. Viele ihrer bisher erschienenen Romane wurden mit wichtigen internationalen Preisen ausgezeichnet. Minette Walters lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Hampshire, England.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-06-21 14:48:26 mit dem Titel Tom Wolfe - Ein ganzer Kerl
ein fast unwiderstehlicher Scheisskerl
Tom Wolfes zweiter Bestseller \"Ein ganzer Kerl\" ist wie sein erster \"Fegefeuer der Eitelkeiten\" ein Ereignis, ein Buch das eine unbeschreibliche Wucht hat, so wie dieser \"ganze Kerl\" Charlie Crocker, und das nicht nur wegen der 921 Seiten oder der 1,4 Kg der gebundenen Ausgabe, welche da rein physikalisch auf einen zukommen.
Die Wucht ist auch die Sprache, und wenn ich damals schrieb zu \"Fegefeuer der Eitelkeiten\" dass ich die ersten 100 Seiten des Buches brauchte um mich an die Sprache zu gewöhnen, so war es hier nicht anders, erst nach ein paar Tauchversuchen gelang es mir in die Geschichte einzudringen und fortan einen Logenplatz einzunehmen. Mehr als einen Logenplatz gabs für mich nicht, keine der ProtagonistInnen taugten zur Identifikation, nicht für mich. Aber mein Platz war kuschelig und warm, war sicher und ich habe mich wunderbar unterhalten.
Charlie Crocker, ein \"Inmobolienentwickler\", wir würden sagen Spekulant, ist ein Urtier, ein Dinosaurier, einer aus dem Süden Amerikas, Atlanta, wo schwarze Mitbürger weissen Bürgern die Häuser sauber halten, für sie kochen und ihre Gärten in Schuss halten. Wo weisse reiche Leute wie Charlie stolz darauf sind, wie gut sie ihre farbigen Angestellten behandeln, ganz so wie früher, als die Vorfahren dieser Angestellten einen anderen Status hatten als heute. Sie waren immer gut zu ihnen, hatten für sie gesorgt wie Väter für ihre Kinder.
Charlie ist ein Tycoon, einer der mächtigsten Männer Atlantas, er besitzt mehrere Häuser, Fabriken, eine riesige Farm welche er zu dem einzigen Zweck unterhält um dort 10 Mal pro Jahr Wachteln zu schiessen und ab und zu mal ein Pferd zu züchten, er besitzt Bürogebäude, er hat eine zweite Frau die halb so alt ist wie er, oder nicht einmal halb so alt, eine Exfrau und Banken denen er eine halbe Milliarde Dollar schuldet.
Die Banken hatten ihm hofiert, ihm die Kredite nur so hinten reingeschoben für aberwitzige Porjekte und nicht zuletzt für Charlies ausschweifenden Lebensstil. Aber irgendwann merkten sie, dass Charlie ein Fass ohne Boden ist und dass ein guter Teil des Geldes einfach weg war. Sie beginnen ihn zu bedrängen, ihm zu drohen, fordern ihn auf seine Flugzeuge zu verkaufen, seine Farm, das Bürogebäude welches halb leer steht, weil keiner so weit ausserhalb Bürofläche mieten will.
Charlies Leben ist das eine, welches an uns Lesern vorrüber zieht, und Charlie selber, dieser 100 Kg schwere 60jährige einst umjubelte Emporkömmling, dessen Dekadenz, dessen abstossende Primitivität, dessen Schwarz-Weiss Bild seiner Umgebung mich immer wieder in Erstaunen versetze, einerseits, - andererseits weiss ich ja aus eigener Erfahrung, solche Typen gibt es tatsächlich und sie werden erst dann so richtig primitiv, wenn sie Unmengen von Geld haben und glauben, jeden und alles kaufen zu können, diewelche der tiefen Überzeugung sind, dass sie sich genau richtig benehmen weil keiner sich getraut, sie zu kritisieren und ihnen zu sagen, wie anstossen dsi eeigentlich sind. Alles ist bestens, die Welt der Charlies ist in Ordnung. Ausser Charlie Crockers Welt, die kracht gerade zusammen wie ein Kartenhaus.
Das ist aber nicht das einzige Leben, welches Tom Wolfe an uns vorrüber ziehen lässt, da gibt es Menschen, deren Leben auf irgendeine Weise mit dem Charlies zusammenhängt, wie zum Beispiel Conrads. Conrad und Charlie kennen sich nicht, sind einander nie begegnet und doch sollte eine Entscheidung Charlies weitreichende Folgen für Conrad haben, eigentlich etwas ganz simples, wie es jeden Tag passiert irgendwo, Charlie Crocker entschliesst sich, 20% seiner Arbeiter in den Fabriken zu entlassen, um so Lohnkosten zu sparen, und Conrad verliert seinen Job als Kühlhausarbeiter bei Charlies Firma. Eine Kette von Ereignissen führte kurz darauf dazu, dass Conrad im Gefängnis zwischen Schwerverbrechern und gleichgültigen Gefängniswärtern landet, und alles was wir je über amerikanische Gefängnise gehört oder gelesen haben, trifft auf das Gefängnis Santa Rita zu, in welchem Conrad landete.
Der folgende Auszug soll nicht nur etwas den Gefängnisalltag andeuten sondern gleichzeitig eine Kostprobe von Wolfes oft nur allzu authentischer Sprache wiedergeben:
\"Sie hatten einen Sender ausfindig gemacht. auf dem gerade ein Konzert in irgendeiner riesigen Arena lief, dessen Hauptattraktion eine schwarze Sängerin namens Lorelei Washburn war. Lorelei Washburn war eine Heulboje. Wenn sie die Wahl zwischen laut und leise hatte, wählte sie stets laut und schrie, um den Ton zu erreichen ... >tearing out the heart of meeeEEEEEEEEEEEEEEeee!< ... Ihr Gegröhle hallte vom grauen Beton des Pausenraums wider. Aber Vastly und die Jungs hatten kein Interesse an Lorelei Washburn, die ein weisses Seidenkleid trug, das nicht nur eng sondern auch lang und nicht besonders offenherzig war. Nein, ihre ganze Aufmerksamkeit schien sich auf die Background-Sängerinnen zu richten, drei braunhäutige Mädchen, die plissierte Miniröcke trugen, die kaum ihren Hintern bedeckten. Wenn sie ihre Hüften schwenkten oder drehten - und die schwenkten und drehten sie in einem fort -, hoben sich die plissierten Röcke wie Windräder in die Höhe und entblössten winzige, glitzernde Binkinihöschen. Nur wenig mehr als Tangas waren diese Höschen, und der Anblick von soviel nahezu nacktem Hintern brachte Vastlys Gang um den Verstand.
>Das ist das Wahre, Baby!<
>Genau, Bro! Nicht mehr dieser Schwulen-Tunten-Fummeltrinen-B-cat-angelernter-Arschfick-Scheiss!<
>Yeah, diss is der echte Scheiss! Diss is live, Mann! Diss is kein Memorex!<
>Mir kommt der Saft bald aus\'n Ohren, Süsse!<
>Kuckt euch den Arsch von dieser Mama an!<
>Lass dein\' Hintern Tanzen!<
Conrad gefror das Blut in den Adern. ANGELERNTER ARSCHFICK. Die Botschaft, die er aus diesen Rufen heraushörte, hate nichts mit den drei sexy, jungen Sängerinnen auf dem Bildschirm zu tun. Diese Männer - die Herrscher über die Herde in Santa Rita - zogen Frauen vor, betrachteten aber Homosexuelle als absolut akzeptablen Ersatz, solange man im Gefängnis war. Und im Gefängnis gab es zusätzlich zu den Tunten und den \"B-cats\", die man überall finden konnte, auch die \"angelernten Arschficks\", junge, schlankgebaute, neue Fische wie der Mutt Simms von einst, die gezwungen wurden, homosexuelle Handlungen zu begehen oder zu erdulden.
Conrad sah den Gemeinschaftsraum jetzt mit erschreckender Klarheit. Er war ein stinkender, grauer Saal, in dem sich scheussliche Organismen in gelben Verbrecherpyjamas aufhielten, die sich zu primitiven territorial getrennten Rudeln zusammengerottet hatten.\" [S506/507]
Eine weitere Figur, deren Schicksal mit dem Charlies verbunden zu sein scheint, ist der Bankangestellte Ray Peepgass, der, als er sieht wie seine Bank Charlie Crocker unter Druck setzt, versucht aus Charlies Pleite Profit zu schlagen. Ray, eher ein unbedeutendes Licht mit einem Einkommen von 130\'000 Dollar im Jahr, eine Unterhaltsklage am Hals, geschieden, spekuliert darauf, dass seine Bank Charlies Inmobilien übernimmt und er hofft, mit Hilfe eines von ihm gegründeten Syndikats an eines dieser Gebäude für ein Apfel und ein Ei heranzukommen. Dazu kümmert er sich um die geschiedene Mrs Crocker Nummer eins, ein paar Jahre älter als er und frustriert wegen des gesellschaftlichen Abstiegs, den ihre Scheidung für sie bedeutete, welche sich dann auch dankbar zeigt und ihn schliesslich heiratet.
Parallel nebeneinander lässt der Autor die Figuren laufen und eher selten begegnen sie sich (Conrad und Charlie übrigens am Ende auch noch), und las ich gerade über Charlie brannte ich daruf zu wissen was im Moment mit Conrad passiert und umgekehrt, ein Spannungsbogen, der kaum einmal abfiel, bis zur letzten Seite.
Und auch der Schluss bietet eine Überraschung, eine Wendung, wie sie eigentlich nur - und klischeehafter gehts dann auch nicht mehr - in Amerika möglich ist. Aber in dem Moment wo wir das lesen und aufstöhnen und in Gedanken formulieren > nein, nicht das, nicht das auch noch!< wissen wir, dass dies - ohne dass wir Amerika je persönlich kennen gelernt haben - absolut typisch ist.
Wolfe hat einen ganz eigenen Stil, gerade heraus, unverblühmt, schonungslos, brachial zuweilen, wie der kleine Auszug gerade mal andeuten kann. Nein, nicht das ganze Buch ist durchzogen von solcher Sprache wie in dem Textauszug, aber ein guter Teil, oder zumindestens so ähnlich, abhängig davon, an wessen Gedanken oder Leben wir gerade als Leser teilnehmen. Nicht nur seine Figuren jagd Wolfe unaufhörlich und unerbittlich von Seite zu Seite, sondern den Leser auch. Irgendwann zwischendurch beginnt man sich Gedanken zu machen über Charlie und Conrad, gerade auch dann, wenn man im Augenblick nicht am Lesen ist. Das Buch ist einfach gewaltig.
Zitat:
\"Elf Jahre nach seinem Welterfolg \"Fegefeuer der Eitelkeiten\" hat Tom Wolfe wieder einen Roman vorgelegt, der den Leser von der ersten bis zur 921. Seite in seinen unwiderstehlichen Erzählsog zieht. Der notorische Dandy im weißen Anzug, der seit Jahren auf den reflexiv-experimentierfreudigen \"magersüchtigen Roman\" schimpft, erweist sich hier als der Prototyp des realistischen amerikanischen Erzählers.\" Karsten Herrmann
Und als Scheisskerle bezeichnet Charlie fast jeden, und fast jeder bezeichnet ihn als einen, das ganze Buch lang.
Ich habe die gebundene Ausgabe vom Kindler Verlag, erstanden bei Kaufhof für lächerliche 7 Euro, das Taschenbuch habe ich kürzlich gesehen für 12 Euro.
ISBN: 3-463-40128-2
Aus dem amerikanischen übersetzt von Benjamin Schwarz
Original \"A Man in Full\"
erschienen 1998
Als Roz das erste Mal Olive gegenübertritt im Besuchszimmer der Haftanstalt, muss sie gegen ihre eigene Abscheu und Angst ankämpfen, Olive martin ist alles andere als ein liebenswerter Anblick, nicht nur dass ihr ursprünglicher Körper in gewaltigen Massen von Fett versinkt, sie wirkt zudem ungepflegt und bedrohlich. Nicht nur durch ihre ausufernde Körpermasse, sondern auch dadurch, dass Roz sich bei ihrem Anblick das Verbrechen vergenewärtigte, welches Olive überführt worde war. Olive hatte ihre Mutter und Schwester getötet, die Körper zerhackt und dann auf eine bizarre Weise auf dem Küchenboden neu angeordnet.
\" \'Lizzie Borden mit dem Beile, hackt ihre Mutter in zehn Teile, schaut sich die Beschehrung an, nimmt gleich den Vater auch noch dran.\' Der Reim ging ihr unaufhörlich im Kopf herum, benebelnd in seiner ständigen Wiederholung.\" [S 12]
Roz versucht mit Olive ins Gespräch zu kommen, will von ihr wissen, wie es denn nun war und obwohl ihr Olive herzlich wenig, ja, im Grunde so gut wie gar nichts, erzählte, kommen bei Roz die ersten Zweifel, ob bei den Ermittlungen der Polizei in diesem Fall auch wirklich alles berücksichtigt wurde. Roz beginnt zu recherieren, bei Nachbarn, ehemaligen Polizeibeamten, bei dem Anwalt, welcher Olive vertreten hatte und auch bei jemen, der sich mit dem Nachlass ihres mittlerweile verstorbenen Vaters beschäftigt.
Mehr und mehr tauchen Ungereimtheiten auf, regen sich in Roz die Zweifel an Olives Schuld, obwohl diese die Tat damals gestanden hatte, und aufeinmal ist ihr Leben in Gefahr, denn es scheint, dass jemandem ihre Nachforschungen entschieden zu weit gehen. Auch Hawksley, der ehemalige Polizist, ist von Rosalind\'s Erscheinen zunächst wenig begeistert. Aber nach und nach verlieben sie sich ineinander, und wo sie sich zuerst noch angegiftet hatten, helfen sie sich gegenseitig, als zuerst er und dann auch Roz von Fremden tätlich angegriffen werden..
Minette Walters ist hier, wie nicht anders von mir erwartet, wieder ein wunderbarer, spannender Krimi gelungen, der einen von der ersten Seite an fesselt und bis zur letzten nur schwer wieder loslässt. Das erste, was ich dachte, als ich das Buch weglegte, war der Drang, baldmöglichst das nächste Buch von Minette Walters zu lesen, ein besseres Kompliment kann man einer Krimiautorin kaum machen.
Minette Walters versteht es vortrefflich, dem Leser Stück für Stück, sozusagen häppchenweise, der Auflösung des Falles näher zu bringen, auf eine raffinierte Art und Weise, die nur die wirklich grossen Krimi-AutorInnen schaffen. Immer sind wir nur so weit mit unserem Wissen, wie es die Protagonistin Roz ist, wir sehen und erfahren nicht mehr, als sie sieht und erfährt. Die Figur Roz ist gut und glaubwürdig herausgearbeitet, sie wirkt symphatisch, mit all ihren Selbstzweifeln. Auch die anderen Beteiligten wurden von der Autorin glaubhaft skizziert, keine, auch nicht die Nebendarsteller wirken überflüssig oder langweilig. Und nebenbei wird uns noch ein klein wenig der psychologische Hintergrund nähergebracht, sei es in Bezug auf Olive, Roz oder auch Hawksley, der ja nun anfangs fürchterlich zerissen und angeschlagen wirkt, was natürlich haarscharf an dem Klischee vorbeischrammt, alle Polizisten haben ein beschissenes Privatleben (sofern sie überhaupt eines haben) sind seelische Krüppel und mindestens geschieden worden. Die Liebesbeziehung, die sich zwischen Roz und dem Polizisten entwickelt, ist ebenso interessant und spannend wie der ganze Krimi selber. Der Stil Walters ist flüssig und einfach zu lesen, sie versteht es, den Leser bei der Stange zu halten und ich habe das Buch nur weggelegt, wenn mich äussere Umstände dazu zwangen.
Ein intelligenter, spannender Krimi den ich ohne Vorbehalte weiterempfehle.
Ausgezeichnet mit dem Edgar-Allan-Poe-Preis für den besten Krimi des Jahres.
(1) Auf dem Umschlag und im Klapptext der gebundenen Ausgabe vom Goldmann Verlag wird Rosalind Leigh als Journalistin bezeichnet, aus dem Buch geht aber klar hervor, dass sie Schriftstellerin ist, was auch dadurch untermauert wird, dass sie eine Agentin hat und für einen Verlag arbeitet. Das scheint mir dann etwas schludrig beschrieben worden zu sein (von wem auch immer), wobei dies die einzige Unstimmigkeit ist, die ich ausmachen konnte.
Minette Walters: Die Bildhauerin. (The Sculptress, 1993). Roman. Aus dem Englischen von Mechtild Sandberg-Ciletti
erschienen im Goldmann Verlag, gebunden, 409 Seiten, ISBN 3-442-30903-4
mein Exemplar war wohl ein Sonderangebot, den Preis habe ich vergessen.
Als Paperback bei Amazon derzeit erhältlich für 8,50 Euro.
Die Autorin:
Minette Walters gilt als die britische \"Queen of Crime\" und hat eine Fangemeinde von Millionen Leserinnen und Leser. Viele ihrer bisher erschienenen Romane wurden mit wichtigen internationalen Preisen ausgezeichnet. Minette Walters lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Hampshire, England.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-06-21 14:48:26 mit dem Titel Tom Wolfe - Ein ganzer Kerl
ein fast unwiderstehlicher Scheisskerl
Tom Wolfes zweiter Bestseller \"Ein ganzer Kerl\" ist wie sein erster \"Fegefeuer der Eitelkeiten\" ein Ereignis, ein Buch das eine unbeschreibliche Wucht hat, so wie dieser \"ganze Kerl\" Charlie Crocker, und das nicht nur wegen der 921 Seiten oder der 1,4 Kg der gebundenen Ausgabe, welche da rein physikalisch auf einen zukommen.
Die Wucht ist auch die Sprache, und wenn ich damals schrieb zu \"Fegefeuer der Eitelkeiten\" dass ich die ersten 100 Seiten des Buches brauchte um mich an die Sprache zu gewöhnen, so war es hier nicht anders, erst nach ein paar Tauchversuchen gelang es mir in die Geschichte einzudringen und fortan einen Logenplatz einzunehmen. Mehr als einen Logenplatz gabs für mich nicht, keine der ProtagonistInnen taugten zur Identifikation, nicht für mich. Aber mein Platz war kuschelig und warm, war sicher und ich habe mich wunderbar unterhalten.
Charlie Crocker, ein \"Inmobolienentwickler\", wir würden sagen Spekulant, ist ein Urtier, ein Dinosaurier, einer aus dem Süden Amerikas, Atlanta, wo schwarze Mitbürger weissen Bürgern die Häuser sauber halten, für sie kochen und ihre Gärten in Schuss halten. Wo weisse reiche Leute wie Charlie stolz darauf sind, wie gut sie ihre farbigen Angestellten behandeln, ganz so wie früher, als die Vorfahren dieser Angestellten einen anderen Status hatten als heute. Sie waren immer gut zu ihnen, hatten für sie gesorgt wie Väter für ihre Kinder.
Charlie ist ein Tycoon, einer der mächtigsten Männer Atlantas, er besitzt mehrere Häuser, Fabriken, eine riesige Farm welche er zu dem einzigen Zweck unterhält um dort 10 Mal pro Jahr Wachteln zu schiessen und ab und zu mal ein Pferd zu züchten, er besitzt Bürogebäude, er hat eine zweite Frau die halb so alt ist wie er, oder nicht einmal halb so alt, eine Exfrau und Banken denen er eine halbe Milliarde Dollar schuldet.
Die Banken hatten ihm hofiert, ihm die Kredite nur so hinten reingeschoben für aberwitzige Porjekte und nicht zuletzt für Charlies ausschweifenden Lebensstil. Aber irgendwann merkten sie, dass Charlie ein Fass ohne Boden ist und dass ein guter Teil des Geldes einfach weg war. Sie beginnen ihn zu bedrängen, ihm zu drohen, fordern ihn auf seine Flugzeuge zu verkaufen, seine Farm, das Bürogebäude welches halb leer steht, weil keiner so weit ausserhalb Bürofläche mieten will.
Charlies Leben ist das eine, welches an uns Lesern vorrüber zieht, und Charlie selber, dieser 100 Kg schwere 60jährige einst umjubelte Emporkömmling, dessen Dekadenz, dessen abstossende Primitivität, dessen Schwarz-Weiss Bild seiner Umgebung mich immer wieder in Erstaunen versetze, einerseits, - andererseits weiss ich ja aus eigener Erfahrung, solche Typen gibt es tatsächlich und sie werden erst dann so richtig primitiv, wenn sie Unmengen von Geld haben und glauben, jeden und alles kaufen zu können, diewelche der tiefen Überzeugung sind, dass sie sich genau richtig benehmen weil keiner sich getraut, sie zu kritisieren und ihnen zu sagen, wie anstossen dsi eeigentlich sind. Alles ist bestens, die Welt der Charlies ist in Ordnung. Ausser Charlie Crockers Welt, die kracht gerade zusammen wie ein Kartenhaus.
Das ist aber nicht das einzige Leben, welches Tom Wolfe an uns vorrüber ziehen lässt, da gibt es Menschen, deren Leben auf irgendeine Weise mit dem Charlies zusammenhängt, wie zum Beispiel Conrads. Conrad und Charlie kennen sich nicht, sind einander nie begegnet und doch sollte eine Entscheidung Charlies weitreichende Folgen für Conrad haben, eigentlich etwas ganz simples, wie es jeden Tag passiert irgendwo, Charlie Crocker entschliesst sich, 20% seiner Arbeiter in den Fabriken zu entlassen, um so Lohnkosten zu sparen, und Conrad verliert seinen Job als Kühlhausarbeiter bei Charlies Firma. Eine Kette von Ereignissen führte kurz darauf dazu, dass Conrad im Gefängnis zwischen Schwerverbrechern und gleichgültigen Gefängniswärtern landet, und alles was wir je über amerikanische Gefängnise gehört oder gelesen haben, trifft auf das Gefängnis Santa Rita zu, in welchem Conrad landete.
Der folgende Auszug soll nicht nur etwas den Gefängnisalltag andeuten sondern gleichzeitig eine Kostprobe von Wolfes oft nur allzu authentischer Sprache wiedergeben:
\"Sie hatten einen Sender ausfindig gemacht. auf dem gerade ein Konzert in irgendeiner riesigen Arena lief, dessen Hauptattraktion eine schwarze Sängerin namens Lorelei Washburn war. Lorelei Washburn war eine Heulboje. Wenn sie die Wahl zwischen laut und leise hatte, wählte sie stets laut und schrie, um den Ton zu erreichen ... >tearing out the heart of meeeEEEEEEEEEEEEEEeee!< ... Ihr Gegröhle hallte vom grauen Beton des Pausenraums wider. Aber Vastly und die Jungs hatten kein Interesse an Lorelei Washburn, die ein weisses Seidenkleid trug, das nicht nur eng sondern auch lang und nicht besonders offenherzig war. Nein, ihre ganze Aufmerksamkeit schien sich auf die Background-Sängerinnen zu richten, drei braunhäutige Mädchen, die plissierte Miniröcke trugen, die kaum ihren Hintern bedeckten. Wenn sie ihre Hüften schwenkten oder drehten - und die schwenkten und drehten sie in einem fort -, hoben sich die plissierten Röcke wie Windräder in die Höhe und entblössten winzige, glitzernde Binkinihöschen. Nur wenig mehr als Tangas waren diese Höschen, und der Anblick von soviel nahezu nacktem Hintern brachte Vastlys Gang um den Verstand.
>Das ist das Wahre, Baby!<
>Genau, Bro! Nicht mehr dieser Schwulen-Tunten-Fummeltrinen-B-cat-angelernter-Arschfick-Scheiss!<
>Yeah, diss is der echte Scheiss! Diss is live, Mann! Diss is kein Memorex!<
>Mir kommt der Saft bald aus\'n Ohren, Süsse!<
>Kuckt euch den Arsch von dieser Mama an!<
>Lass dein\' Hintern Tanzen!<
Conrad gefror das Blut in den Adern. ANGELERNTER ARSCHFICK. Die Botschaft, die er aus diesen Rufen heraushörte, hate nichts mit den drei sexy, jungen Sängerinnen auf dem Bildschirm zu tun. Diese Männer - die Herrscher über die Herde in Santa Rita - zogen Frauen vor, betrachteten aber Homosexuelle als absolut akzeptablen Ersatz, solange man im Gefängnis war. Und im Gefängnis gab es zusätzlich zu den Tunten und den \"B-cats\", die man überall finden konnte, auch die \"angelernten Arschficks\", junge, schlankgebaute, neue Fische wie der Mutt Simms von einst, die gezwungen wurden, homosexuelle Handlungen zu begehen oder zu erdulden.
Conrad sah den Gemeinschaftsraum jetzt mit erschreckender Klarheit. Er war ein stinkender, grauer Saal, in dem sich scheussliche Organismen in gelben Verbrecherpyjamas aufhielten, die sich zu primitiven territorial getrennten Rudeln zusammengerottet hatten.\" [S506/507]
Eine weitere Figur, deren Schicksal mit dem Charlies verbunden zu sein scheint, ist der Bankangestellte Ray Peepgass, der, als er sieht wie seine Bank Charlie Crocker unter Druck setzt, versucht aus Charlies Pleite Profit zu schlagen. Ray, eher ein unbedeutendes Licht mit einem Einkommen von 130\'000 Dollar im Jahr, eine Unterhaltsklage am Hals, geschieden, spekuliert darauf, dass seine Bank Charlies Inmobilien übernimmt und er hofft, mit Hilfe eines von ihm gegründeten Syndikats an eines dieser Gebäude für ein Apfel und ein Ei heranzukommen. Dazu kümmert er sich um die geschiedene Mrs Crocker Nummer eins, ein paar Jahre älter als er und frustriert wegen des gesellschaftlichen Abstiegs, den ihre Scheidung für sie bedeutete, welche sich dann auch dankbar zeigt und ihn schliesslich heiratet.
Parallel nebeneinander lässt der Autor die Figuren laufen und eher selten begegnen sie sich (Conrad und Charlie übrigens am Ende auch noch), und las ich gerade über Charlie brannte ich daruf zu wissen was im Moment mit Conrad passiert und umgekehrt, ein Spannungsbogen, der kaum einmal abfiel, bis zur letzten Seite.
Und auch der Schluss bietet eine Überraschung, eine Wendung, wie sie eigentlich nur - und klischeehafter gehts dann auch nicht mehr - in Amerika möglich ist. Aber in dem Moment wo wir das lesen und aufstöhnen und in Gedanken formulieren > nein, nicht das, nicht das auch noch!< wissen wir, dass dies - ohne dass wir Amerika je persönlich kennen gelernt haben - absolut typisch ist.
Wolfe hat einen ganz eigenen Stil, gerade heraus, unverblühmt, schonungslos, brachial zuweilen, wie der kleine Auszug gerade mal andeuten kann. Nein, nicht das ganze Buch ist durchzogen von solcher Sprache wie in dem Textauszug, aber ein guter Teil, oder zumindestens so ähnlich, abhängig davon, an wessen Gedanken oder Leben wir gerade als Leser teilnehmen. Nicht nur seine Figuren jagd Wolfe unaufhörlich und unerbittlich von Seite zu Seite, sondern den Leser auch. Irgendwann zwischendurch beginnt man sich Gedanken zu machen über Charlie und Conrad, gerade auch dann, wenn man im Augenblick nicht am Lesen ist. Das Buch ist einfach gewaltig.
Zitat:
\"Elf Jahre nach seinem Welterfolg \"Fegefeuer der Eitelkeiten\" hat Tom Wolfe wieder einen Roman vorgelegt, der den Leser von der ersten bis zur 921. Seite in seinen unwiderstehlichen Erzählsog zieht. Der notorische Dandy im weißen Anzug, der seit Jahren auf den reflexiv-experimentierfreudigen \"magersüchtigen Roman\" schimpft, erweist sich hier als der Prototyp des realistischen amerikanischen Erzählers.\" Karsten Herrmann
Und als Scheisskerle bezeichnet Charlie fast jeden, und fast jeder bezeichnet ihn als einen, das ganze Buch lang.
Ich habe die gebundene Ausgabe vom Kindler Verlag, erstanden bei Kaufhof für lächerliche 7 Euro, das Taschenbuch habe ich kürzlich gesehen für 12 Euro.
ISBN: 3-463-40128-2
Aus dem amerikanischen übersetzt von Benjamin Schwarz
Original \"A Man in Full\"
erschienen 1998
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