Mehr zum Thema Deutsche Literatur Testbericht
ab 6,48 €
Billiger bei eBay?
Bei Amazon bestellen
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
Erfahrungsbericht von Tiffipania
Hermann Hesse/Kinderseele - Eine Stunde zum Erinnern
Pro:
gut zu lesen, leicht nachvollziehbar, weckt Kindheitserinnerungen
Kontra:
kann ich nicht finden
Empfehlung:
Ja
"Manchmal handeln wir, gehen aus und ein, tun dies und das, und es ist alles leicht, unbeschwert und gleichsam unverbindlich, es könnte scheinbar alles auch anders sein. Und manchmal, zu anderen Stunden, könnte nichts anders sein, ist nichts unverbindlich und leicht und jeder Atemzug, den wir tun, ist von Gewalten bestimmt und schwer von Schicksal.\"
... so führt Hermann Hesse behutsam in seine Erzählung \"Kinderseele\" ein. Neugierig machend auf einen Tag in seiner Kindheit, der sich tief in sein Bewusstsein grub.
Um es vorwegzunehmen, er beschreibt hier einen Tag, der wie jeder andere auch hätte sein können. Es geschehen keine außergewöhnlichen, in Erwachsenenaugen dramatischen Dinge. Vielmehr geht es um die Gefühlswelt eines 11 jährigen Kindes.
Am 11. November 1889 soll sich dieser Tag zugetragen haben. Hesse, der im Jahre 1946 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, schrieb diese Erzählung fast 30 Jahre nach dessen Begebenheit und dennoch mit unglaublicher Reflektion auf seine damalige Seelenlage.
Seine damaligen Gedanken, Reaktionen und Handlungsweisen sind auch heute noch nachzuvollziehen, ja sie versetzten mich gar in die eigene Kindheit zurück. An Aktualität haben sie bis heute nichts verloren.
Wer kennt sie nicht, die Zweifel, der elterlichen Liebe würdig zu sein, wo man doch grad hinter deren Rücken etwas Verbotenes getan hat. Reue, wenn man doch nur das Geschehene rückgängig machen könnte, aber auch Trotz, das Nichteinsehenkönnen, obwohl man sich im Unrecht weiß. Gefühle, die sich wohl jeder von uns eingestehen muss.
Und genau dies beschreibt Hesse sehr einfühlsam aus der Perspektive des Jungen.
Die Erzählung beginnt mit dem Nachhausekommen des Jungen aus der Schule. Der Tag begann schon mit einem unguten Gefühl, wenngleich es auch keinen konkreten Auslöser für seine trostlose Stimmung gab. Die Schule mit ihren Zwängen und die Verzweiflung, als Kind ewig dieser \"Macht\" ausgeliefert zu sein, macht ihm an diesem Tag zu schaffen. Sein Leben kommt ihm hoffnungslos fad vor.
In seinem Unbehagen sucht er die Nähe seines Vaters, braucht Zuwendung und Trost, doch er trifft seinen Vater nicht wie gewohnt in seinem Arbeitszimmer an. Das \"Unglück\" nimmt seinen Lauf. Er kann nicht einfach wieder gehen. Sich selbst als Eindringling sehend, erforscht er das \"Reich\" seines Vaters, kramt in dessen Sachen, entdeckt einen Kranz aus Feigen, von denen er einen großen Teil stibitzt.
Von seiner Tat erschrocken, fühlt er sich schuldig, gerade am Mittagstisch, an dem seine Familie, die er für bessere und edlere Menschen hält als sich, die sich nie etwas zu Schulde kommen lassen - im Gegensatz zu ihm - sich um ihn sorgt.
Er versäumt die Turnstunde am Nachmittag, läuft durch die Gegend und traut sich nicht nach Hause. Schlimmer kann es nicht mehr kommen, so seine Gedanken.
Seine angehäufte Angst und Ratlosigkeit schlägt in Zorn über, es kommt zum Streit und sich anschließender schlimmer Rauferei mit einem Schulkameraden.
Viel zu spät, so spät wie noch nie, kam er nach Hause, erwartet endlich die Abstrafung für seine Untat (die gestohlenen Feigen), ist bereit für jede Strafe, wenn sie nur kommen möge und die Anspannung ein Ende hätte. Statt dessen erregt er Mitleid ob seiner Verletzungen, die er im Kampfesrausch hinnehmen musste und wurde liebevoll verarztet.
Erst am nächsten Tag, als die Reue verflogen ist, wird sein Diebstahl bemerkt und er zur Rechenschaft gezogen. Er reagiert trotzig und verstrickt sich in Lügen.
Sein Vater stellt ihn, wohlwissend, dass sein Sohn ihn belügt, auf die Probe. Natürlich kommt es so, wie es immer kommt, die Wahrheit lässt sich nicht verleugnen.
Das \"Verhör\" quält ihn, er leidet darunter, dass er keine Worte findet um sein Verhalten zu erklären. Er wünscht, sein Vater wäre nicht so ein ruhiger, besonnener Mann und er der Unrechte. Würde er ihn doch nur schlagen, betrunken und zornig, dann könnte er ihn verachten. Sein Vater aber möchte ihn verstehen, ist geduldig mit ihm und kann verzeihen.
Das Fazit der Geschichte ist sehr schön herausgearbeitet, berührt wohl jeden und ich möchte es euch nicht vorenthalten:
\"Vielleicht zum erstem Mal in meinem kindlichen Leben empfand ich fast bis zur Schwelle der Einsicht und des Bewusstwerdens, wie namenlos zwei verwandte, gegeneinander wohlgesinnte Menschen sich missverstehen und quälen und martern können, und wie dann alles Reden, alles Klugseinwollen, alle Vernunft bloß noch Gift hinzugießen, bloß neue Qualen, neue Stiche, neue Irrtümer schaffen. Wie war das möglich? Aber es war möglich, es geschah. Es war unsinnig, es war toll, es war zum Lachen und zum Verzweifeln - aber es war so.\"
Ich habe diese Erzählung schon so einige Male verschlungen. Ich besitze sie als kleines Suhrkamp-Taschenbuch. Dieses ist in dunkelgrün gehalten und mit einem Motiv von einem Aquarell von Hesse auf der Umschlagseite versehen. Es umfasst gerade mal 70 Seiten. Man könnte meinen, direkt was für unterwegs, aber ich denke, man hat viel mehr von dieser Erzählung, liest man sie in einer ruhigen Ecke, zurückgezogen von allem und konzentriert sich ganz auf das Geschriebene. Keine Angst, eine Stunde Leselust reicht völlig aus, dieses Büchlein ganz und gar in sich aufzunehmen.
Noch ein Tipp: lasst euch nicht vom Lesen abhalten, auch wenn ihr schon mal versucht habt, Hesses Buch \"Das Glasperlenspiel\" bis zum Ende zu lesen - ich hab´s bisher noch nicht geschafft. Die \"Kinderseele\" ist sehr verständlich und überhaupt nicht \"sticksig\" geschrieben, man braucht kein Gehirnakrobat zu sein, um seinen Gedanken folgen zu können.
Den Preis von 5.50 Euro finde ich zwar ziemlich hoch, allerdings denke ich, geben mir manche 500 Seiten-Schinken nicht annähern so viel, wie diese kleine Erzählung.
Ich kann also meine uneingeschränkte Empfehlung geben, vor allem für Menschen, die sich im \"Versuch\" befinden, Kinder zu erziehen bzw. Kinder beim Aufwachsen begleiten.
Ein ruhiges, besinnliches Stündchen zum Schmökern
wünscht Tiffipania
... so führt Hermann Hesse behutsam in seine Erzählung \"Kinderseele\" ein. Neugierig machend auf einen Tag in seiner Kindheit, der sich tief in sein Bewusstsein grub.
Um es vorwegzunehmen, er beschreibt hier einen Tag, der wie jeder andere auch hätte sein können. Es geschehen keine außergewöhnlichen, in Erwachsenenaugen dramatischen Dinge. Vielmehr geht es um die Gefühlswelt eines 11 jährigen Kindes.
Am 11. November 1889 soll sich dieser Tag zugetragen haben. Hesse, der im Jahre 1946 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, schrieb diese Erzählung fast 30 Jahre nach dessen Begebenheit und dennoch mit unglaublicher Reflektion auf seine damalige Seelenlage.
Seine damaligen Gedanken, Reaktionen und Handlungsweisen sind auch heute noch nachzuvollziehen, ja sie versetzten mich gar in die eigene Kindheit zurück. An Aktualität haben sie bis heute nichts verloren.
Wer kennt sie nicht, die Zweifel, der elterlichen Liebe würdig zu sein, wo man doch grad hinter deren Rücken etwas Verbotenes getan hat. Reue, wenn man doch nur das Geschehene rückgängig machen könnte, aber auch Trotz, das Nichteinsehenkönnen, obwohl man sich im Unrecht weiß. Gefühle, die sich wohl jeder von uns eingestehen muss.
Und genau dies beschreibt Hesse sehr einfühlsam aus der Perspektive des Jungen.
Die Erzählung beginnt mit dem Nachhausekommen des Jungen aus der Schule. Der Tag begann schon mit einem unguten Gefühl, wenngleich es auch keinen konkreten Auslöser für seine trostlose Stimmung gab. Die Schule mit ihren Zwängen und die Verzweiflung, als Kind ewig dieser \"Macht\" ausgeliefert zu sein, macht ihm an diesem Tag zu schaffen. Sein Leben kommt ihm hoffnungslos fad vor.
In seinem Unbehagen sucht er die Nähe seines Vaters, braucht Zuwendung und Trost, doch er trifft seinen Vater nicht wie gewohnt in seinem Arbeitszimmer an. Das \"Unglück\" nimmt seinen Lauf. Er kann nicht einfach wieder gehen. Sich selbst als Eindringling sehend, erforscht er das \"Reich\" seines Vaters, kramt in dessen Sachen, entdeckt einen Kranz aus Feigen, von denen er einen großen Teil stibitzt.
Von seiner Tat erschrocken, fühlt er sich schuldig, gerade am Mittagstisch, an dem seine Familie, die er für bessere und edlere Menschen hält als sich, die sich nie etwas zu Schulde kommen lassen - im Gegensatz zu ihm - sich um ihn sorgt.
Er versäumt die Turnstunde am Nachmittag, läuft durch die Gegend und traut sich nicht nach Hause. Schlimmer kann es nicht mehr kommen, so seine Gedanken.
Seine angehäufte Angst und Ratlosigkeit schlägt in Zorn über, es kommt zum Streit und sich anschließender schlimmer Rauferei mit einem Schulkameraden.
Viel zu spät, so spät wie noch nie, kam er nach Hause, erwartet endlich die Abstrafung für seine Untat (die gestohlenen Feigen), ist bereit für jede Strafe, wenn sie nur kommen möge und die Anspannung ein Ende hätte. Statt dessen erregt er Mitleid ob seiner Verletzungen, die er im Kampfesrausch hinnehmen musste und wurde liebevoll verarztet.
Erst am nächsten Tag, als die Reue verflogen ist, wird sein Diebstahl bemerkt und er zur Rechenschaft gezogen. Er reagiert trotzig und verstrickt sich in Lügen.
Sein Vater stellt ihn, wohlwissend, dass sein Sohn ihn belügt, auf die Probe. Natürlich kommt es so, wie es immer kommt, die Wahrheit lässt sich nicht verleugnen.
Das \"Verhör\" quält ihn, er leidet darunter, dass er keine Worte findet um sein Verhalten zu erklären. Er wünscht, sein Vater wäre nicht so ein ruhiger, besonnener Mann und er der Unrechte. Würde er ihn doch nur schlagen, betrunken und zornig, dann könnte er ihn verachten. Sein Vater aber möchte ihn verstehen, ist geduldig mit ihm und kann verzeihen.
Das Fazit der Geschichte ist sehr schön herausgearbeitet, berührt wohl jeden und ich möchte es euch nicht vorenthalten:
\"Vielleicht zum erstem Mal in meinem kindlichen Leben empfand ich fast bis zur Schwelle der Einsicht und des Bewusstwerdens, wie namenlos zwei verwandte, gegeneinander wohlgesinnte Menschen sich missverstehen und quälen und martern können, und wie dann alles Reden, alles Klugseinwollen, alle Vernunft bloß noch Gift hinzugießen, bloß neue Qualen, neue Stiche, neue Irrtümer schaffen. Wie war das möglich? Aber es war möglich, es geschah. Es war unsinnig, es war toll, es war zum Lachen und zum Verzweifeln - aber es war so.\"
Ich habe diese Erzählung schon so einige Male verschlungen. Ich besitze sie als kleines Suhrkamp-Taschenbuch. Dieses ist in dunkelgrün gehalten und mit einem Motiv von einem Aquarell von Hesse auf der Umschlagseite versehen. Es umfasst gerade mal 70 Seiten. Man könnte meinen, direkt was für unterwegs, aber ich denke, man hat viel mehr von dieser Erzählung, liest man sie in einer ruhigen Ecke, zurückgezogen von allem und konzentriert sich ganz auf das Geschriebene. Keine Angst, eine Stunde Leselust reicht völlig aus, dieses Büchlein ganz und gar in sich aufzunehmen.
Noch ein Tipp: lasst euch nicht vom Lesen abhalten, auch wenn ihr schon mal versucht habt, Hesses Buch \"Das Glasperlenspiel\" bis zum Ende zu lesen - ich hab´s bisher noch nicht geschafft. Die \"Kinderseele\" ist sehr verständlich und überhaupt nicht \"sticksig\" geschrieben, man braucht kein Gehirnakrobat zu sein, um seinen Gedanken folgen zu können.
Den Preis von 5.50 Euro finde ich zwar ziemlich hoch, allerdings denke ich, geben mir manche 500 Seiten-Schinken nicht annähern so viel, wie diese kleine Erzählung.
Ich kann also meine uneingeschränkte Empfehlung geben, vor allem für Menschen, die sich im \"Versuch\" befinden, Kinder zu erziehen bzw. Kinder beim Aufwachsen begleiten.
Ein ruhiges, besinnliches Stündchen zum Schmökern
wünscht Tiffipania
Bewerten / Kommentar schreiben