Mehr zum Thema Deutsche Literatur Testbericht

No-product-image
ab 6,48
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003

5 Sterne
(15)
4 Sterne
(2)
3 Sterne
(2)
2 Sterne
(0)
1 Stern
(0)
0 Sterne
(0)

Erfahrungsbericht von femail

DIE WAHRHEIT und NICHTS als die Wahrheit

Pro:

sehr nah an der Geschichte, man kann sich alles genau vorstellen, ein Apell dass sich etwas ändern muss, sehr ergreifend und schokierend zugleich

Kontra:

nicht so ganz einfach zu lesen

Empfehlung:

Nein

Für alle die, die keine langen Berichte mögen, sollten gar nicht erst diesen hier anklicken. Denn ich habe es im Gefühl. Dieser Bericht wird lang und das nicht ohne Grund...
Ich will heute über das Buch \"Im Krebsgang\" von Günter Grass schreiben. Ich wurde dazu von einem Lehrer von mir inspiriert und bin gleich am nächsten Tag in den Buchladen, um es mir zu holen. Mein Lehrer hatte es zwar nicht gelesen, aber er hatte einen Bericht darüber im Radio gelesen. Er erzählte außerdem, dass er auch fast auf dem Schiff gelandet wäre wovon in dem Buch die Rede ist. Was mich faziniert hat, ist die Verknüpfung von Vergangenheit und dem Jetzt. Ich wusste nur, dass es sich um jemand handelt, der über das Internet Nachforschungen über ein untergegangenes Schiff im 2. Weltkrieg anstellt. Damit ihr auch nicht ganz so ahnungslos an dieses Buch rangeht, werde ich euch einen ziemlich tiefen Einblick geben, der euch hoffentlich etwas die Atmosphere des Buches rüberbringen kann.


Inhalt
*******
1 Über das Buch
2 Wieso dieser Titel
3 Der Einband
4 Das Thema
5 Fazit


1 Über das Buch
****************
Paul Pokriefke ist nun fast fünzig Jahre alt. Immer wieder wird an den Tag seiner Geburt erinnert, denn seine Mutter will ihn nicht vergessen lassen. So forscht Paul unter Druck von seiner Mutter weiter nach dem Unglückstag an dem er geboren wurde, während dessen aber ca. 10000 Menschen starben. Er wurde am 30. Januar 1945 in einer eiskalten Nacht auf einem Schiff geboren. Auf welchem weiß er nicht genau, denn seiner Mutter glaubt er nicht mehr. Auch wer sein Vater ist, weiß er bis heute nicht. Tulla, seine Mutter, war damals gerade mal 17 Jahre alt und schwanger, als sie mit ihren auf die Gustloff, ein Schiff kam. Seinen Namen hat das Schiff von einem hohen Offizier Wilhelm Gustloff, der ein paar Jahre zuvor von einem Juden namens David Frankfurter ermordet worden. Das Schiff wurde in Friedenszeiten als \"Kraft durch Freude\"-Schiff genutzt. So konnte einfachen Arbeitern ein schöner Urlaub gegönnt werden. Allerdings natürlich mit dem Ziel, dass sie danach wieder besser und schneller arbeiten konnten. Allerdings war an diesem 30. Januar 1945 keine Arbeiter an Board sondern über 5000 Kinder und Jugendliche. Man kann bis heute nicht genau sagen wieviel Leute auf dem Schiff waren. Allerdings weiß man, dass überwiegend Frauen und Kinder unter den Flüchtlingen waren. In dieser schicksalhaften Nacht wird das Schiff von drei Torpedos der roten Armee getroffen. Für viele endet hier ihr Leben und Paul Pokriefkes Leben begann, als er kurz nach der Rettung geboren wurde. Immer wieder bekommen wir als Leser zu spüren wie sehr ihn sein Geburtsdatum und die Umstände seiner Geburt aufzehren und wie sehr er sich gewünscht hat lieber elternlos aufzuwachsen. Seine Mutter war von diesem Tag auf sich alleine gestellt und flüchtete immer wieder. In Schwerin, dem Geburtsort von Wilhelm Gustloff, ließ sie sich dann nieder. Ihre einzige Hoffnung war ihr Sohn. Sie wollte, dass er mal etwas wird und vielleicht später mal ein Buch über sie veröffentlichen kann, dass das Schicksal dieser Nacht wiedergeben kann, dass bis zu diesem Zeitpunkt einfach nur totgeschwiegen wurde.
Paul wird zwar Journalist, aber vermeidet jeden Kontakt zu seiner Geburt. Er heiratet und bekommt einen Sohn. Seine Ehe scheitert allerdings schon nach sieben Jahren. Seine Mutter hat nun erneut Hoffnung und zwar in Konrad, seinen Sohn.
Bei Nachforschungen im Internet stößt Paul auf weitere Informationen. In einem Chat bekommt er mehr Informationen über den Blutzeugen Gustloff angeboten:
\'\"Sollen wir Euch seine Story Stück für Stück liefern?\"
Von wegen wir! Von wegen Kameradschaft! Hätte wetten mögen, dass da jemand solo im Internet schwamm. Dieser kackbraun aufgehenden Saat diente einunddasselbe Köpfchen als Mistbeet.\'
Um so mehr Paul sich mit diesem Kerl im Internet unterhält, umso mehr Informationen bekommt er. Es reift der Verdacht, dass ihm sein Sohn gegenüber sitzt.
\'Er, der Einzelgänger, aufgehoben im schweißgesättigten Mief. Nein, er hat sich nicht angepasst, blieb ein Fremdkörper inmitten der, üblicherweise, alles Fremde abstoßenden Szene. Hass auf Türken, die Freizeitbeschäftigung Negerklatschen und die pauschale Beschimpfung von Kanaken waren ihm nicht abzufordern. So enthilet sein Vortrag keinen Aufruf von Gewalt.\'
Je tiefer er im Internet sucht, um so erfährt er auch über seinen ihm ziemlich fremden Sohn. Sein Sohn scheint in ganz andere Richtungen gedriftet zu sein und nun genau den Willen der Großmutter auszuführen.
Die Gespräche im Internet entwickeln sich und es tritt eine David-Person im Internet auf, die genau richtig für Konrads Gustloff-Person ist. Beide wissen alle Details rund um den Mord des Offiziers und auch über den Mörder. Um anderen deutlicher zu machen wie es damals von sich gegangen ist, spielen sie Szenen nach und geraten so immer tiefer in die Materie rein. Die Situation eskaliert...
Wer den Schluss wissen will, der muss dann allerdings das Buch lesen.


2 Wieso dieser Titel
*********************
Im Krebsgang wird im Laufe des Buches immer mal wieder erwähnt. Um diesen Titel zu verstehen, sollte man wissen, dass Krebse schnell seitwärts flüchten können im Vergleich zu anderen Lebewesen. Ich habe mir zu dem Titel immer einen Krebs vorgestellt, der entlang eines Zeitstrahls läuft. Paul Pokriefke, der Erzähler, erzählt nämlich von der Vergangenheit und geht dann ziemlich schnell wieder in die Zukunft. Manchmal kann man den Übergang kaum merken. Man bekommt den Eindruck, dass der Erzähler hin und wieder in die Zukunft flüchtet um alles um ihn herum zu vergessen bzw. auch andersherum.


3 Zum Einband
**************
Das Buch ist bis jetzt nur als Hardback zu erhalten. Es ist mit einem weißen Einband bestückt. Auf diesem kann man zwei Krebse erkennen, die im Sand sitzen. Der eine hat seine Augen offen, der andere hat sie zu. Mir gefällt dieser schlichte Einband sehr gut und ich finde, dass dieser sehr gut zu dem Buch passt. Was ich allerdings nicht so ganz verstehe ist, die Bezeichnung als Novelle. Dieser ist allerdings nur in einer braunen Farbe dargestellt. Mit blauer Schrift kann man Autor und Titel lesen. Ein braunes Bändchen dient als Lesezeichen.

Preis: 18€
ISBN 3-88243-800-2
Verlag: Steidl


4 Thema des Buches
*******************
Thema des Buches ist eindeutig der Untergang der Gustloff, der nie so bekannt wurde wie der Untergang der Titanic. Allerdings wird rund um dieses Thema die Gesellschaft von damals kritisiert, aber doch auch gleichzeitig verständlich dargestellt. Man bekommt sehr viel detailierte Beschreibungen z.B. von dem Schiff selbst oder etwas was auf den Torpedos geschrieben stand. Das schicksalhafte dieser Nacht kommt ganz deutlich heraus, aber doch auch gleichzeitig die Bitte, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Die älteren Generationenl, die all das noch selbst erlebt haben, werden als unveränderlich dargestellt und gleichzeitig als verbittert. Auch die jetztigen Generationen werden beleuchtet und man bekommt einen Einblick in ihre Wünsche und Sehensuchten. Dabei wird deutlich, dass sich manche einfach viel zu sehr allein gelassen fühlen. Es wird auch die Beziehung Mutter-Kind-Vater stark kritisiert. Dieses Buch ist ein Aufruf an Veränderungen. Es zeigt, dass heute genau das Gleiche wie damals noch einmal passieren kann, wenn auch aus vielleicht anderen Gründen. Dieses Buch sollte jedem zeigen wie unsere heutige Zeit ist und im so vor Augen führen, dass es an der Zeit ist etwas zu ändern. Was später im Buch passiert, erinnert stark an den Amoklauf in Erfurt. Wir müssen heute und jetzt etwas an unserer Gesellschaft ändern, sonst gehören solche Taten bald zum Alltag...


5 Fazit
********
Die ersten zwei Kapitel des Buches sind wohl nicht so ganz einfach zu lesen. Etwas Hintergrundwissen über diese Zeit wären stark von Vorteil. Sobald man sich dann allerdings eingelesen hat, kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Es ist unmöglich während des Lesens Musik zu hören oder etwas anderes zu machen, denn man braucht absolute Ruhe und eine hohe Konzentration, um alles verstehen zu können. Die Art wie Günter Grass schreibt, ist definitiv etwas gewöhnungbedürftig, aber man merkt, dass dieses Buch sehr tiefgründig ist. Dieses Buch wird mal eine Lektüre für den Deutschunterricht in der Oberstufe werden. Paul Pokriefke als Erzähler lässt ab und zu mal ziemlich harte Bemerkungen ab, die einen lächeln lassen, aber nicht weil sie wirklich lustig sind, sondern weil sie einfach total ironisch sind. Die meisten Situationen werden erschocken hart und neutral erzählt:
\'Alle tragen ihre, wie man zugeben kann, kleidsamen Matrosenmützen mit der umlaufenden Bandaufschrift Kriegsmarine schräg, zumeist mit leichter Rechtsneigung. Ich sehe gerundete, schmale, kantige wie pausbäckige Gesichter von Todesanwärtern. Die Uniform ist ihr ganzer Stolz. Ernst blicken sie mich an, als bestimme Vorahnung ihren zuletzt fotografierten Ausdruck.\'
Ich hatte immer ganz den Eindruck, als wäre ich damals selbst dabei gewesen. Als hätte ich damals die Schreie in der eiskalten Nacht hören können. Paul stellt den Untergang des Schiffes mit dem Untergang des dritten Reiches gleich. Am gleichen Tag, an dem das Schiff untergeht, ein paar Jahre früher war die Machtergreifung Hitlers. Nicht lange nach dem Untergang des Schiffes war auch das dritte Reich am Ende. Aber vielleicht wurde mit diesem Tag ein Zeichen gesetzt.
Ich bin unheimlich beeindruckt von diesem Buch. Auch wenn ich mir anfangs ein etwas anderes Buch darunter vorgestellt habe. Ich habe einen Roman erwartet und bekam eine knallharte Schilderung von heute und damals. Wie als würde ein Film vor meinen Augen ablaufen. Ich werde auf Fehler von damals und heute aufmerksam, aber auch werde ich aufmerksam auf das Sinken eines Schiffes, dass nicht in Vergessenheit geraten sollte. Ich kann das Buch nur weiterempfehlen.

Im Gedenken an alle Tote von damals.

12 Bewertungen, 2 Kommentare

  • wiesenthal

    30.09.2002, 19:46 Uhr von wiesenthal
    Bewertung: sehr hilfreich

    guter Bericht!

  • blokk

    02.06.2002, 13:06 Uhr von blokk
    Bewertung: sehr hilfreich

    Hervorragende Rezession.